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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1914 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
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Wissenschaft und Bildung
Einzeldarstellungen aus allen Gebieten des Wissens
6
Der Sagenkreis
der Nibelungen
Von
Georg Holz
Professor an der Universität Leipzig
2. Auflage
[Illustration]
1914
Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig
Alle Rechte vorbehalten
Frau Susanne
zugeeignet
Vorwort der ersten Auflage.
Vorliegendes Werkchen ist erwachsen aus einer Reihe im Spätjahre 1906
gehaltener Vorträge und mag wohl gelegentlich den Stempel dieses
seines Ursprungs deutlicher tragen, als mir lieb sein kann. Gemäß
der Absicht, den alten Stoff der Nibelungensage und die Fragen, die
sich an ihren Ursprung, ihre Entwicklung und spätere Überlieferung
knüpfen, einer breitern Öffentlichkeit zugänglich und verständlich
zu machen, ist das wissenschaftliche Beiwerk auf ein geringstes
Maß beschränkt; insbesondere ist im allgemeinen unterlassen, die
anerkannten und aufgenommenen Gedanken auf ihre Urheber zurückzuführen.
Selbstverständlich ist damit keinerlei Schmälerung von irgend jemandes
Verdienst beabsichtigt; dies kann um so weniger der Fall sein, als
ich auch mancherlei Eigenes zur Lösung der verschiedenen Fragen
vorzubringen glaube, dessen Abgrenzung von Fremdem nun nicht ohne
weiteres möglich ist. Es bleibt den Fachgenossen überlassen, diese
Grenze zu ziehen und das vorgebrachte Neue anzuerkennen oder zu
verwerfen.
Leipzig, im April 1907.
G. Holz.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
I. Einleitung, Übersicht der Quellen 1
II. Form, Inhalt und Kritik der nordischen Überlieferung 13
III. Form, Inhalt und Kritik der deutschen Überlieferung 31-65
~a~) Der Nibelunge Lied 31
~b~) Zweikampfsage und Thidrikssaga 56
~c~) Hürnen Seifrid 65
IV. Die Grundlagen der Sage 66-85
~a~) Burgunden und Hunnen 66
~b~) Sage und Mythus 71
~c~) Die Merowinge 74
~d~) Einzelheiten 78
V. Die Entwicklung der Sage 86-100
~a~) Älteste und nordische Form 86
~b~) Deutsche Form 90
VI. Überlieferung und Textgeschichte des Liedes der
Nibelunge 101
VII. Wirkung des Liedes in der alten Literatur. Allmähliches
Erlöschen des Interesses 115
VIII. Erneuerung der Kenntnis des alten Stoffes seit dem
18. Jahrhundert 123
IX. Die wichtigsten modernen Bearbeitungen der Sage 130
Anhang. Literatur 137
Register 139
I.
Einleitung. Übersicht der Quellen.
Das in wirtschaftlicher wie in geistiger Beziehung so reiche Leben des
alten Deutschlands erstarb in den Greueln des Dreißigjährigen Krieges.
Was unserm Volke bis zu jener Zeit an alten Sagenschätzen lieb und wert
gewesen war, geriet damit in Vergessenheit, und ein volles Jahrhundert
verging, bis Gelehrte in alten Büchereien die ersten Spuren des alten
Reichtums neu entdeckten. Die großen Männer des 18. Jahrhunderts,
deren Geschmack anfangs in französischem und später in klassischem
Sinne gebildet und geläutert war, blieben allerdings zunächst kalt
gegenüber den Denkmälern einer Vergangenheit, deren Empfinden von dem
ihren durchaus verschieden war. Erst der völlige Zusammenbruch, den
die deutsche Politik und damalige Geisteskultur vor nunmehr (1906)
genau hundert Jahren erlebte, bewirkte im Zusammenhange mit dem
Erwachen unsers nationalen Fühlens auch eine höhere Wertschätzung der
Denkmäler aus alter großer Zeit. Es ist bezeichnend, daß die erste
volkstümliche Ausgabe des Nibelungenliedes 1815 in dem Augenblicke
erschien, da man sich rüstete, den von Elba zurückgekommenen Napoleon
abzuwehren. Der Herausgeber, August Zeune, nannte sie eine „Feld- und
Zeltausgabe“ und erwähnte ausdrücklich, daß er sie besorgt habe, „da
viele Jünglinge dies Lied als ein Palladium in den bevorstehenden
Feldzug mitzunehmen wünschten“. Von jener Zeit an ist nun das Interesse
an unserer alten Geschichte und Dichtung ständig gewachsen. Die
germanistische Wissenschaft erblühte, gestützt auf die romantische
Geschmacksrichtung, die die klassische in der Poesie abgelöst hatte,
und erschloß immer neue Quellen für die Kunde der Vorzeit; die moderne
Dichtung bemächtigte sich der alten Stoffe und goß sie in neue, der
Gegenwart angemessene Formen. Vor allen andern hat Richard Wagner das
Verdienst, durch sein gewaltiges Tonwerk, den „Ring des Nibelungen“,
die alten Sagen volkstümlich gemacht zu haben, ein Verdienst, das
dadurch nicht verringert wird, daß er mit seinem Stoffe recht
willkürlich umgesprungen ist. Denn ohne ihn würde das Interesse für
die Nibelungensage heute wohl nicht so weit verbreitet sein, wie es
tatsächlich der Fall ist.
Welches sind nun die Quellen, aus denen man geschöpft und die alten
Stoffe zu neuem Leben erweckt hat? Was bringen sie, und vor allem:
worauf beruhen sie?
Im allgemeinen darf behauptet werden, daß alle erzählende Dichtung
ihren letzten Ausgangspunkt in wirklich geschichtlichen Ereignissen
hat, auch dann, wenn die beglaubigte Geschichte nicht in der Lage ist,
solche namhaft zu machen; die ursprüngliche Tatsache ist dann von der
Dichtung mit dichtem Beiwerk umsponnen worden, das wie Schlingpflanzen
den alten Kern überwuchert und vielleicht erstickt.
Was in der Nibelungensage sicher als geschichtlich erwiesen ist,
beruht auf Ereignissen des fünften nachchristlichen Jahrhunderts, also
Ereignissen aus der Zeit der Völkerwanderung, die für die germanische
Welt des Mittelalters in ganz gleicher Weise das Heldenzeitalter
gewesen ist, wie es der trojanische Krieg für die Griechen des
Altertums war. Diese Ereignisse sind in ununterbrochener Überlieferung
im Gedächtnis bewahrt worden, bis ihr eben der Dreißigjährige Krieg
das Grab gegraben hat. Die Überlieferung aber ist in folgender Weise
zustande gekommen.
In einer Zeit ganz unentwickelter Verkehrsmittel und so gut wie
völlig mangelnder Schrift (die höchstens Besitztum einiger weniger
auserlesener Personen war) bildete sich ein Stand fahrender, d. h.
herumziehender Leute, die ein Gewerbe daraus machten, das jederzeit
lebhaft entwickelte Neuigkeitsbedürfnis ihrer Mitmenschen zu
befriedigen. Sie zogen von Ort zu Ort, sammelten und verbreiteten
Neuigkeiten jeder Art und fanden auf diese Weise ihren Unterhalt.
Solange die Schriftkunde beschränkt war, blieben sie ersehnt und
hochangesehen. Mit der fortschreitenden Volksbildung und den
gebesserten Verkehrsverhältnissen sank natürlich ihre Bedeutung und
damit auch die Achtung.
Naturgemäß sind es in erster Linie die großen politischen, also
historischen Ereignisse, die sie wiedererzählen und betrachten. Um
diese möglichst treu im Gedächtnis behalten zu können, gießen sie
dieselben in eine feste Form, indem sie sie in Verse bringen. Die
poetische Form ist also zunächst etwas Äußerliches; sie macht aber
durch ihre Geschlossenheit sogleich ihren Einfluß auf den innern Stoff
geltend, indem sie den Erzähler zwingt, zu ergänzen, was er nicht weiß,
also die Beweggründe der handelnden Personen zu erraten. Damit ist aber
der Erfindung Tür und Tor geöffnet. Je weiter man sich nun von dem
Zeitpunkt der Geschehnisse entfernt, um so schwerer wird natürlich eine
richtige Ergänzung, aber auch um so unwichtiger, da schließlich niemand
mehr existiert, der den Erzähler Lügen strafen kann. So ist zweierlei
möglich geworden: 1. daß der Bericht von den historischen Ereignissen
bis zur Unkenntlichkeit entstellt, also zur reinen Sage wird, und 2.
daß die Überlieferung jahrhundertelang von der eigentlichen Literatur
so gut wie unbemerkt sich hat fortpflanzen können, um dann plötzlich
als Stoff größerer Werke in ihr aufzutauchen.
Es sind nun die am Niederrhein wohnenden Franken, die die vorhin
angedeuteten Ereignisse des 5. Jahrhunderts fürs erste bewahrt haben.
Von ihnen aus, die geographisch etwa den Mittelpunkt der damaligen
germanischen Welt darstellen, hat sich dann die Kunde über diese
ausgebreitet, am wenigsten nach England, dessen älteste Literatur nur
spärliche Zeugnisse für die Nibelungensage aufweist, desto ausgiebiger
nach Skandinavien und nach Süddeutschland. Der Gang der Ausbreitung war
etwa folgender:
Im 9. Jahrhundert zogen von Skandinavien, insbesondere von Norwegen
aus, zahlreiche Scharen von Seeräubern, die sog. Wikinger, gen Süden
und plünderten die Küsten Englands und des fränkischen Reiches. An den
Küsten der heutigen Niederlande, in der Gegend der Rheinmündungen,
wohnten die Franken, die die Überlieferung von den Ereignissen des
5. Jahrhunderts bewahrten. Dort haben sich die nordischen Räuber
zeitweise sogar fest angesiedelt und ungefähr zwei Menschenalter
hindurch die Küstenländer beherrscht, bis sie im Jahre 891 in der
Schlacht an der Dyle von König Arnulf vertrieben wurden. In dieser
Zeit müssen die Nordgermanen die Kunde von der deutschen Überlieferung
sich angeeignet und nach dem Norden verpflanzt haben. Sie zeigen
dabei einen ganz eigenartigen Charakterzug: sie vereinigen nämlich
in sich zwei scheinbar entgegengesetzte Züge des germanischen
Charakters, auf der einen Seite kriegerisches Wesen in höchster Potenz,
blutdürstige Wildheit und Grausamkeit, auf der andern Seite ein
Streben nach Gelehrsamkeit, wie es bei diesen wilden Seeräuberhorden
kaum verständlich scheint. Es ist das aber vollauf begründet in den
Eigentümlichkeiten der alten verkehrslosen Zeit. Die Leute sitzen den
Winter über in abgelegenen Tälern und hören und sehen von der Welt
nichts. Bei ihrem regen Geistesleben haben sie nun ein ganz besonders
starkes Bedürfnis nach Neuigkeiten. Die norwegischen Wikinger haben
keine Gelegenheit vorübergehen lassen, südländische Kunde nach dem
Norden zu bringen. So haben sie auch die fränkische Nibelungensage nach
dem Norden gebracht, wahrscheinlich in der Form einer einheitlichen
Dichtung, denn das, was im Norden uns von der Nibelungensage erzählt
wird, weicht in vielen Punkten von der deutschen Sage ab, und zwar so,
daß die Abweichungen nicht die ursprüngliche Gestalt, sondern eine
Änderung darstellen, die auf einen Akt der Willkür zurückgeht. Es weist
das darauf hin, daß irgendein nordischer Dichter den am Niederrhein
erkundeten Stoff in feste Form gegossen und so nach dem Norden gebracht
hat, wo er dann in dieser Gestalt aufgenommen worden ist.
Im Norden ist er nun in zahlreichen Liedern von zahlreichen uns
gänzlich unbekannten Dichtern behandelt worden. Zunächst geht die
Tradition dieser Lieder in der vorhin geschilderten Weise vor sich,
d. h. sie werden mündlich übertragen und nicht aufgezeichnet. Erst in
einer wesentlich spätern Zeit, im 13. Jahrhundert, entschloß man sich
im Norden auf einem eigenartigen Umwege zur Aufzeichnung dieser Lieder.
Bis zum 13. Jahrhundert hatte sich die nordische poetische und
prosaische Literatur hoch entwickelt, so hoch, daß man das Bedürfnis
empfand, ein Lehrbuch gewisser Eigentümlichkeiten des nordischen Stils
anzufertigen. Dies Lehrbuch schrieb um das Jahr 1220 der isländische
Skalde Snorri Sturluson; es führt den Titel „Edda“. Dies Wort wird
heute gedeutet als Bezeichnung der Herkunft des Buches: aus Oddi,
einem Gehöfte im südwestlichen Island, wo Snorri erzogen worden war;
andere fassen es als Ausdruck für „Poetik“. Eine Poetik war allerdings
nötig, um dem angehenden Skalden eine besondere Eigentümlichkeit der
nordischen Dichtweise zu erklären. Man bezeichnete einen einfachen
konkreten Alltagsgegenstand nicht gern mit seinem schlichten Namen,
sondern bediente sich statt dessen eines Bildes, das aus der Sage
entnommen und nicht verständlich war, wenn man nicht die zugehörige
Sage kannte. So heißt z. B. das Gold „Otterbuße“, und zwar in
Zusammenhängen, in denen weder von „Buße“ noch von „Otter“ irgendwelche
Rede ist. Um Ausdrücke dieser Art (die sog. „Kenningar“) zu erklären,
ist ein Hauptteil der Edda geschrieben; die Erklärung besteht in der
Erzählung der zugehörigen Geschichte.
So erzählt denn Snorri in der Edda eine große Anzahl der
verschiedensten Sagen, von denen die überwältigende Mehrzahl uns ohne
ihn gar nicht bekannt wäre, u. a. auch die Nibelungensage in nordischer
Form. Vielfach werden dabei Dichtungen zitiert, Verse aus Liedern,
bruchstückweise natürlich nur, und zwar als Belege. Das hat dazu
geführt, daß man diese Lieder im Anschluß an die Snorrische Poetik
gesammelt hat. Wer das getan hat, bleibt unbekannt. Die Sammlung ist
jedenfalls entstanden um die Mitte des 13. Jahrhunderts und uns im
wesentlichen erhalten in einer einzigen, aus Island stammenden, jetzt
in Kopenhagen befindlichen Handschrift, die nach dem Aufbewahrungsort
in der Königlichen Bibliothek der ~Codex regius~ genannt wird. Diese
Handschrift stellt sich dar als eine Sammlung von Einzelgedichten in
lyrisch-epischer Form, gewissermaßen Balladen, aus der Götter- und
der Heldensage. Der größere, zweite Teil der ganzen Sammlung umfaßt
nur Lieder aus unserer Nibelungensage. Leider ist uns der Kodex nicht
vollständig erhalten, sondern es fehlt gerade aus dem wichtigsten
Teile der Nibelungensage eine vollständige Lage, d. h. ein Heft von
acht Blättern, das frühzeitig verloren gegangen und nicht ersetzbar
ist. Diesen ~Codex regius~ bezeichnet man vielfach, aber fälschlich
mit dem Namen Edda; ja wenn kurzweg von „Edda“ geredet wird, meint man
gewöhnlich diese Liedersammlung. Derjenige, der sie im 17. Jahrhundert
entdeckte, der isländische Bischof Brynjolf Sveinsson, nahm an, daß er
die Quelle von Snorris Edda vor sich habe, und da er den Namen „Edda“
für Snorris Werk nicht verstand, übertrug er ihn auch auf die Quelle
und bezeichnete die Liedersammlung als die ältere Edda. Er wußte auch
gleich einen Sammler oder Verfasser anzugeben, den weisen Sämund,
von dem uns allerdings nicht viel mehr bekannt ist, als daß er etwa
hundert Jahre vor Snorri gelebt und in der Tat mit der Liedersammlung
nicht die Spur zu tun hat. Immerhin hat sich der Titel „Edda“ für
die Liedersammlung festgesetzt; man unterscheidet sie am besten als
„poetische“ von Snorris „prosaischer“ Edda, muß sich aber stets
gegenwärtig halten, daß der Name „Edda“ für die Liedersammlung nicht
authentisch ist.
In der Sammlung stehen nun zunächst Götterlieder, dann Lieder aus
verschiedenen Heldensagen, zuletzt, wie gesagt, eine Sammlung von
Liedern aus der Nibelungensage, die so angeordnet sind, daß sie
wenigstens äußerlich eine geschlossene Darstellung der Sage geben. An
der Spitze der Sammlung, soweit sie die Nibelungensage angeht, steht
ein Gedicht, das sich betitelt: Die Weissagung des Gripir. Sigurd
(derselbe Held, der in Deutschland den Namen Siegfried führt) kommt
hier als junger Mann zu einem Oheim, namens Gripir, der eigens zu
diesem Zwecke von dem Sammler erfunden scheint, und erkundigt sich nach
seinem künftigen Schicksal; Gripir ist ein Seher und vermag ihn ohne
weiteres über alles, was ihm bevorsteht bis über seinen Tod hinaus, zu
orientieren. Es ist das eine Entgleisung der nordischen Dichtweise,
wie sie ziemlich häufig vorkommt, daß lebenden Leuten ihr künftiges
Schicksal bis in alle Einzelheiten prophezeit wird, ohne daß sie dann
auch nur den geringsten Versuch machen, dem Schicksal, das ihnen droht,
die Stirn zu bieten; in Wirklichkeit ist denn die Weissagung Gripirs
weiter nichts als eine Übersicht über das, was nun in der Sammlung
kommt.
Es folgt zunächst eine ganze Reihe von Fragmenten, zu der der
Sammler eine Rahmenerzählung geliefert hat; die Strophen sind lose
in die Erzählung eingestreut. Man teilt in unsern Eddaausgaben diese
Fragmentsammlung in drei Abschnitte ein: die Sprüche von Regin
(Reginsmál), die Sprüche von Fafnir (Fáfnismál) und die Sprüche von
Sigrdrifa (Sigrdrifumál). Mitten in diesem letzten Teile bricht die
Sammlung für uns vorläufig ab, weil die Lücke einsetzt. Nach der Lücke
stoßen wir auf den Schlußteil eines einst vollständigen Liedes, also
nicht eines von dem Sammler als Bruchstück aufgenommenen Stückes, das
nur durch die Ungunst der Verhältnisse für uns ein Bruchstück geworden
ist. Hier wird nun, während in dem vorausgehenden Stücke die Erzählung
bis dahin geführt war, wo Sigurd die Brynhild kennen lernt, gleich
erzählt von den Umständen, die sich um Sigurds Ermordung gruppieren; es
fehlt uns also der ganze eigentliche Kern der Sage. Es folgt ein sehr
langes Gedicht, das augenscheinlich vollständig erhalten ist, und das
den Titel führt: das +kurze+ Sigurdslied. Er erklärt sich daraus, daß
jedenfalls das Lied, von dem wir nach der Lücke noch den Ausgang haben,
noch länger gewesen ist. Das kurze Sigurdslied erzählt zusammenhängend,
aber nicht immer sagenecht, was Sigurd im Reiche der Niflunge[1] erlebt
hat, von dem Augenblicke an, wo er es betreten, bis an seinen Tod, und
über ihn hinaus, wie Brynhild ihm im Tode folgt.
Den Fortgang der Erzählung bringt ein umfangreiches und ziemlich altes
Gedicht, gewöhnlich das zweite Lied von Gudrun genannt (Gudrun ist im
Norden der Name derselben Figur, die in Deutschland Kriemhilt heißt,
also Sigurds Witwe). Gudrun erzählt selbst ihre Schicksale: wie sie
Sigurds Weib und Witwe geworden, wie sie den Atli (den deutschen Etzel)
geheiratet, und wie dieser ihre Brüder gemordet hat; für diese Tat
plant sie die Rache; die Begründung dieser Rachegefühle gibt uns hier
ein zweifellos hochbegabter Dichter. Die Darstellung der Ermordung
der Niflunge fehlt in diesem Liede leider; wahrscheinlich hat sie der
Sammler gestrichen, weil er in den beiden Atliliedern (vgl. nachher)
noch zweimal dieselbe Sache vorgetragen fand.
Mehrere Einzellieder, wirkliche Balladen, die lediglich einen einzelnen
Moment, ein Stimmungsbild aus der Sage herausgreifen und poetisch
behandeln, sind ebenfalls in der Sammlung erhalten: das erste Lied von
Gudrun (es schildert die Haltung von Sigurds Witwe an dessen Bahre),
dann das Lied von Brynhilds Fahrt zur Unterwelt, ferner ein drittes
Gudrunlied und das „Oddruns Klage“ betitelte Einzelgedicht; sie
behandeln sämtlich Nebendinge.
Das Hauptereignis, der Untergang der Niflunge durch Atli samt Gudruns
Rache, wird erzählt in den beiden Liedern von Atli, die parallel
nebeneinander herlaufen, einem ältern (Atlakvida) und einem jüngern
(Atlamál); sie geben beide dieselbe Darstellung, denselben Inhalt,
dieselbe Szenerie wieder.
Damit ist die Sage, soweit sie der deutschen Überlieferung im Norden
parallel geht, zu Ende. Seltsamerweise ist im Norden die Erzählung
noch um eine Stufe weiter geführt: Gudrun verheiratet sich (was
uns sehr seltsam anmutet) zum drittenmal, und um ihre Schicksale
in dieser dritten Ehe drehen sich die beiden letzten Gedichte der
Sammlung: Gudruns Aufreizung (Gudrunarhvot) und die Sprüche von Hamdir
(Hamdismál); Hamdir ist einer ihrer Söhne aus dritter Ehe.
Es fehlt nun noch eine Brücke über die Lücke; diese bietet uns eine
Prosaerzählung, die auch noch im 13. Jahrhundert entstanden ist, und
die unsere Liedersammlung (nicht in der uns erhaltenen Handschrift)
in vollständiger Gestalt benutzt hat. Die Erzählung führt den Titel:
Volsungasaga, die Erzählung von den Wolsungen[2]. Sie ist kein
selbständiges Buch, sondern nur der erste Teil und die Einleitung zu
einem weiter folgenden Hauptteil, der Ragnars Saga Lodbrokar (Erzählung
von Ragnar Lodbrok, einem Wikingerkönig des 9. Jahrhunderts). Die
Absicht des ganzen Werkes ist, den im 13. Jahrhundert regierenden
norwegischen Königen, die sich als Nachkommen des Ragnar Lodbrok
ansahen, dadurch, daß dieser zu einem Schwiegersohne Sigurds
gemacht[3], Sigurd seinerseits aber bis auf die alten Heidengötter
zurückgeführt wird, göttlichen Ursprung beizulegen. So setzt die
Volsungasaga damit ein, daß sie erzählt, wie ein Sohn des Gottes Odin,
namens Sigi, eine Herrschaft auf Erden gewinnt. Von ihm springt die
Erzählung auf seinen Sohn Rerir und von Rerir auf dessen Sohn Volsung,
denjenigen, der den Geschlechtsnamen zuerst führt und damit bekundet,
daß mit ihm die alte Sage überhaupt erst anhebt. Was vorausgeht, ist
erst, um die Verbindung mit dem Gotte herzustellen, hinzugedichtet. Von
Volsung und seinen Söhnen, deren bedeutendster Sigmund heißt, erzählt
nun die Volsungasaga eine höchst altertümliche und grausige Geschichte,
die, obgleich sie mit der von Sigurd nur äußerlich in Beziehung steht,
von Wagner für seine Darstellung der Nibelungensage stark ausgenutzt
ist. An sie schließt sich die Erzählung von Sigurd, dem Sohne Sigmunds,
und es folgt die gesamte Sage im Anschluß an die vorhin besprochene
Liedersammlung, so zwar, daß die Lücke, die in jener vorliegt, hier
vollständig für uns ausgefüllt ist. Der Sagaschreiber verfährt so naiv,
daß er die Lieder einfach in Prosa umschreibt. Er denkt nicht daran,
die notwendigerweise existierenden Widersprüche zwischen den einzelnen
Liedern auszugleichen. Wenn zwei Lieder hintereinander stehen, die
dieselbe Geschichte behandeln, die einander also in der Prosaerzählung
eigentlich ausschließen, erzählt er dieselbe Sache ruhig zweimal. --
Das ist die eigentliche nordische Überlieferung, die im wesentlichen
schriftlich niedergelegt worden ist im 13. Jahrhundert, obgleich sie
natürlich auf wesentlich ältern Quellen beruht. Außerdem ist in die
nordische Olafs Saga Tryggvasonar (die Erzählung von Olaf, Sohn des
Tryggvi, einem norwegischen Könige, der im Jahre 1000 fiel) auch ein
Stück unserer Liedersammlung aufgenommen und kann uns infolgedessen als
Kontrolle dienen.
In Deutschland haben eigentümlicherweise diejenigen, die sicherlich die
Kunde von den Ereignissen der Nachwelt übermittelt haben, die Franken,
nichts Direktes für die poetische oder schriftliche Darstellung der
Sage getan. Wir finden im 10. Jahrhundert, also etwa hundert Jahre
nach der Wikingerzeit, eine Spur, daß die Sage vom Niederrhein nach
Bayern gelangt ist, nicht auf dem Wege der volkstümlichen Erzählung,
sondern, wie es scheint, einheitlich, indem ein fahrender Mann, der
die Kenntnis der Geschichte besaß, sie dahin gebracht und dem Bischof
Pilgrim von Passau, der damals in Bayern eine große Rolle spielte
(er war Bischof von Passau 971-991), vorgetragen hat; der Bischof
soll sie dann in lateinischer Sprache durch seinen Schreiber Konrad
haben aufzeichnen lassen. Diese Nachricht ist uns überliefert durch
eine spätere hochdeutsche Dichtung, die Klage, die zwar nicht ohne
weiteres glaubwürdig ist, von der man aber nicht einsieht, wie sie zur
Erfindung der Notiz hätte kommen können. So ist denn die Nibelungensage
spätestens im 10. Jahrhundert vom Niederrhein nach Oberdeutschland
verpflanzt worden und hier in ein Gebiet geraten, in dem eine andere
Sage bereits die Alleinherrschaft hat und den Volksgeist und die
Volksphantasie vollständig beherrscht und erfüllt; es ist dies die
gotische Dietrichsage, die in Bayern zu Hause ist, und die auch durch
die Nibelungensage dort nicht hat verdunkelt werden können. Zwischen
der gotischen Dietrichsage und der Nibelungensage, wie sie von den
Franken herüberkommt, besteht nun ein eigenartiges äußeres Band. In
beiden spielt von Haus aus auf Grund der Geschichte der Hunnenkönig
Attila eine wesentliche Rolle. Damit ist natürlich für die Menschen des
10.-12. Jahrhunderts erwiesen, daß die beiden Erzählungen gleichzeitig
sind und in einem gewissen Zusammenhange stehen; so tritt denn in
Oberdeutschland die Nibelungensage als Episode in die Dietrichsage
ein. Das hat nicht verhindert, daß gerade die Nibelungensage im
12. Jahrhundert als Stoff eines großen Gedichtes, des einzigen, das
wenigstens den Versuch macht, die ganze Erzählung abschließend zu
behandeln, verwendet worden ist; das ist unser Nibelungenlied oder, wie
sein ursprünglicher Titel heißt, „der Nibelunge Not“. Sein Verfasser
ist ein ritterlicher Sänger, ein Angehöriger der obern Stände; nachdem
im 12. Jahrhundert die Kulturverhältnisse sich soweit gehoben haben,
daß der Ritterstand selbst literarisch tätig ist, arbeiten im Westen
und besonders im Nordwesten Deutschlands die ritterlichen Dichter
auf Grund modischer, fremder, gewöhnlich französischer Vorlagen; den
Angehörigen des Südostens waren solche weniger zugänglich; so griff
der Dichter der Nibelunge Not in die Tiefe der Volksüberlieferung und
nahm aus ihr einen einheimischen Stoff heraus und herauf. Das ist die
Stellung des Nibelungenliedes in der Geschichte der deutschen Literatur.
So wie das Lied uns überliefert ist, ist es nicht ohne weiteres als
Werk jenes Mannes zu betrachten. Die Beurteilung dieser Überlieferung
ist ganz besonders schwierig; das Originalgedicht besitzen wir ganz
bestimmt nicht mehr. Doch war das Lied, wie es uns noch vorliegt, zu
Anfang des 13. Jahrhunderts vorhanden, denn Wolfram von Eschenbach
zitiert es in seinem Parzival.
„Der Nibelunge Not“ ist ein literarischer Erfolg allerersten Ranges
gewesen. Denn von dem Augenblick an, wo das Gedicht existiert, schießen
Gedichte der gleichen Stoffklasse in gleicher Form wie Pilze aus dem
Boden; bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts beherrschte die deutsche
Heldensage (wie man dieses Stoffgebiet als Ganzes nennt) einen großen
Teil des literarischen Interesses Süddeutschlands. Im Laufe dieser
Zeit tritt allerdings dieser Stoff allmählich mehr und mehr in die
zweite Linie zurück, eine natürliche Folge der ständigen Schwankungen
und Wellen des literarischen Geschmacks. Andere, weniger urwüchsige
Stoffe wurden jetzt bevorzugt; das Lied war für die vornehmen Stände
nicht vornehm genug, für die untern Stände wiederum aber noch zu fein.
So geriet es allmählich in Vergessenheit und wurde ungefähr ums Jahr
1500 abgelöst durch eine eigenartige, wenig künstlerische Dichtung, das
„Lied vom Hürnen Seifrid“. Es geht nicht einfach auf das Nibelungenlied
zurück, sondern hat manche Besonderheiten, und darin besteht seine
Bedeutung für die Sagenforschung. Aber sein dichterischer Wert ist
gleich Null. Daß Seifrid hier „hürnen“ heißt, will besagen: er hat
eine durch Drachenblut wie Horn gehärtete Haut. Der Hürnen Seifrid
ist uns nun schon gar nicht mehr handschriftlich erhalten. Er tritt
erst in die Literaturgeschichte ein, nachdem der Buchdruck schon
vorhanden ist: um 1500 tritt er auf, etwa ein Jahrhundert lang (bis
1611) wird er wiederholt aufgelegt; schließlich liefert das Gedicht
den Stoff zu dem in eigenartiger Weise modernisierten und eigentlich
verballhornten Volksbuche vom „gehörnten Siegfried“, das mit modischen,
halb lateinischen, halb französischen Floskeln verbrämt ist[4]. Aus dem
„Hürnen Seifried“ ist ein „gehörnter“ Siegfried geworden. Es ist in
der Tat gemeint, daß er Hörner auf dem Kopfe trägt; ein vollständiges
Mißverstehen des alten Beinamens. Das Volksbuch ist im wesentlichen
während des 18. Jahrhunderts lebendig, doch nur in den untersten
Kreisen des Volkes. Es ist in bezug auf seinen Sagengehalt nichts
weiter als eine Ausgestaltung des Hürnen Seifried, also für eine
Untersuchung der älteren Sagenform ohne Belang.
Der deutsche Zweig der Entwicklung unserer Sage ist im 13. Jahrhundert
auf literarischem Wege in Skandinavien eingeführt worden, und zwar
durch einen Norweger, der zum nördlichen Deutschland innige Beziehungen
hatte. Er nennt als seine Gewährsmänner Leute aus Bremen, Münster und
Soest, also aus Städten, in denen damals der Handel besonders mit
Skandinavien blühte. Sein Werk umfaßt das ganze Gebiet der deutschen
Heldensage, in erster Linie also die Dietrichsage, von den Ahnen
Dietrichs beginnend bis auf seine Entführung durch ein schwarzes
Höllenroß. Innerhalb dieses Rahmens ist auch die Nibelungensage
erzählt, und zwar in deutscher Form, in einer Form, die zu unserm
Nibelungenliede in nächster Beziehung steht, so zwar, daß wir nicht
etwa nur anzunehmen brauchen, sie beruhe auf denselben Erzählungen,
sondern es muß, wenigstens stellenweise, ein und dieselbe Dichtung
beiden zugrunde liegen. Ob etwa das Nibelungenlied selbst vom Verfasser
dieses Buches benutzt worden ist, mag vorläufig dahingestellt
bleiben. Der Titel des Werkes ist „Thidrikssaga Konungs af Bern“, die
Erzählung von König Dietrich von Bern. Dieser, der ja der Hauptheld
der süddeutschen Sage ist, ist hier der Mittelpunkt des deutschen
Heldenzeitalters. Um ihn gruppiert sich alles, an ihn schließt sich
auch die Nibelungensage an; denn er ist in dem großen Nibelungenkampfe
derjenige, der den Ausschlag gibt, der allein in der Lage ist, die
Nibelunge zu überwinden. Wie uns die Thidrikssaga erhalten ist, ist
sie nicht einheitlich, sondern es haben mehrere Hände ihre jetzige
Gestalt bewirkt. Immerhin ist sie eine wundervolle Quelle, die
vollständigste Quelle unserer deutschen Heldensage überhaupt. Sie
hat begreiflicherweise manche Nachdichtung auf nordischem Boden
hervorgerufen; solche sind für die Erkenntnis der ältern Sagenform
ebenso belanglos wie das deutsche Volksbuch.
II.
Form, Inhalt und Kritik der nordischen Überlieferung.
Die nordische Gestalt der Nibelungensage hat viel Altertümliches
bewahrt; in vielen Dingen ist sie sicher wesentlich altertümlicher
als die deutsche. Eine einheitliche Darstellung im strengen Sinne
ist im Norden nicht zustande gekommen. Wir besitzen nur Lieder und
Bruchstücke, notdürftige Zusammenstoppelungen der letztern und die
scheinbare Gesamterzählung der Volsungasaga, die sich aber Schritt für
Schritt an die Liedersammlung anklammert.
Die Dichtungen selbst sind, soweit sie uns erhalten sind, noch in
der Weise altgermanischer Poesie abgefaßt, d. h. sie weisen den
stabreimenden Vers auf. Dieser tritt in den nordischen Liedern in
der Hauptsache in drei Formen auf. Die gewöhnlichste Art ist die
„~fornyrdislag~“ (Gesetz der alten Rede) genannte. Sie besteht darin,
daß die gewöhnlichen alten, vier Haupthebungen aufweisenden Langverse
zu in der Regel vierversigen Strophen verbunden werden; oft sind die
Strophen verschieden lang, so daß die Verse durch die betreffende
Dichtung im Grunde genommen glatt durchlaufen. Der Vers selbst besteht
immer aus zwei Teilen, die durch einen Einschnitt getrennt sind.
Innerhalb jedes Teiles stehen zwei haupttonige Silben (Hebungen).
Die erste Hebung des zweiten Teiles ist die wichtigste; sie gibt den
Stabreim an. Mit ihr muß eine oder dürfen beide des ersten Teiles durch
Stabreim gebunden sein, z. B. Kurzes Sigurdslied, Strophe 1:
Einstmals kam =S=igurd zum =S=ale Gjukis,
der =W=olsungensproß nach =w=ildem Kampfe;
er schloß den =B=und mit der =B=rüder zweien,
die =H=elden schwuren sich =h=eilige Eide[5].
Die zweite verhältnismäßig selten vorkommende Form ist der sogenannte
Málaháttr (Spruchweise); ihre Besonderheit besteht darin, daß die
einzelnen Halbverse etwas länger sind als beim Fornyrdislag, im
allgemeinen um eine Silbe. In der deutschen Übersetzung hat Gering dies
dadurch wiedergegeben, daß er die Halbzeilen dreihebig macht, z. B.
Atlakvida, Strophe 28:
Der =r=eißende =R=hein nun hüte, was =R=ecken zum Streit entflammte,
das =e=inst die =A=sen besessen, das =a=lte Niflungenerbe!
Im =r=innenden Wasser besser sind die =R=inge des Unheils verborgen,
als wenn an =h=unnischen =H=änden das =h=elle Gold erglänzte.
Das dritte Metrum, Ljódaháttr (Liedweise) genannt, ist ein lyrisches,
offenbar zum Gesang bestimmtes. Es besteht darin, daß auf einen
Langvers, der dem im Fornyrdislag üblichen im wesentlichen gleich ist,
ein einschnittloser Vers von drei Hebungen folgt und mit ihm ein Ganzes
bildet; in der Regel sind zwei solcher Verspaare zu einer Strophe
vereinigt, z. B. Reginsmál, Strophe 1:
Was ist’s für ein =F=isch, der im =F=lusse schwimmt
und sich unklug vor =Sch=aden nicht =sch=ützt?
Aus =H=els =H=änden dein =H=aupt nun löse,
schaffe mir =F=euer der =F=lut.
Der Stabreim besteht darin, daß der Anlaut der höchstbetonten Silben
gleich ist; es ist nur nötig, daß der erste Laut alliteriert, mit
folgenden Ausnahmen: 1. alle vokalisch anlautenden Silben können
miteinander reimen, weil der Germane keinen Vokal anders als mit einem
festen Ansatz ausspricht, den wir auch in der heutigen deutschen
Sprache noch hören können: also Worte wie „alt“ und „ewig“ klingen
reimend an für den Stabreim; 2. die mit folgenden p, t und ch eng
verbundenen s können nur mit ebenso verbundenen gereimt werden, z. B.
„sprechen“ mit „Sper“, aber nicht mit „schießen“, dies mit „schreien“,
aber nicht mit „sitzen“ usw. Im übrigen ist jeder einzelne Laut allein
ausreichend.
Soviel über die poetische Form; die Mehrzahl der nordischen Denkmäler
ist allerdings in Prosa abgefaßt, Verse bilden immerhin die Ausnahme.
Den Inhalt der nordischen Sagenform kennen wir am vollständigsten aus
der Volsungasaga. Sie hat die Erzählung bis auf den alten Hauptgott
der Germanen selbst zurückgeführt; Odin steht an der Spitze des
Geschlechtes der Wolsunge[6]. Im Norden ist, da das Heidentum sehr
viel länger lebendig blieb als in Deutschland, die Götterlehre sehr
viel weiter ausgebildet, und sind die Götter sehr viel persönlicher
geworden; in Deutschland wissen wir von ihnen so gut wie nichts; sie
sind hier wesenlose Schemen. Odin ist der Vater des Sigi, der als ein
König auf Erden herrscht, von seinem Vater eingesetzt. Sein Enkel
Wolsung ist der eigentliche Ahnherr des Geschlechtes der Wolsunge; daß
er selbst den Geschlechtsnamen führt, ist im Grunde ein Versehen der
nordischen Überlieferung, das uns ein altenglisches Zeugnis beseitigen
hilft: im Gedichte Beowulf, dem ältesten Epos in germanischer Sprache,
heißt derselbe Mann nicht Wolsung, sondern bloß Wæls. Diese Form ist
zweifellos die richtige; sie gibt den eigentlichen Personennamen.
Wolsung, mit der Endung -ung abgeleitet, ist der Geschlechtsname,
zu vergleichen mit Amelungen, Merowingern, Karolingern, Nibelungen
usw.; ein Wolsung ist ein Nachkomme des Wals; diese Bildungsweise der
Geschlechtsnamen ist gut germanisch.
Wolsung hat zehn Söhne und eine Tochter, namens Signy. Um diese wirbt
ein König Siggeir (er herrscht über die Gauten, die in Südschweden
sitzen) und erhält sie auch zur Frau. Auf der Hochzeit der beiden
erscheint ein Mann in blauem Mantel, den Hut ins Gesicht hereingezogen,
so daß man nur ein Auge sieht, stößt in den Baumstamm, der mitten in
der Königshalle steht, ein Schwert und bestimmt es demjenigen, der
imstande ist, es wieder herauszuziehen. Der Mann ist seiner Schilderung
nach natürlich Odin, der höchste Gott, der in dieser Gestalt auf der
Erde wandernd gedacht wurde. Die Hochzeitsgäste, vor allen Siggeir,
der junge Gemahl, versuchen das Schwert herauszuziehen. Keinem gelingt
es; erst als Sigmund, der älteste Sohn Wolsungs, zugreift, liegt das
Schwert vor ihm, als ob es gar nicht festgesteckt hätte. Siggeir bietet
ihm Gold für das Schwert, er aber behält es für sich.
Siggeir scheidet in Ärger von der Familie seiner Frau und denkt
auf Rache. Nach einiger Zeit ladet er den Schwiegervater und seine
Söhne zu sich ein. Sie kommen trotz der Warnung der Signy und werden
unmittelbar, nachdem sie im Gautenlande angekommen sind, überfallen,
der alte König Wolsung getötet, seine Söhne gefangen; in der
Gefangenschaft kommen sie nach und nach alle um, mit Ausnahme Sigmunds,
der durch eine List der Signy am Leben erhalten wird und entflieht. Er
lebt in der Wildnis und sinnt auf Rache, vermag sie aber noch nicht
durchzuführen.
Signy ist in einer eigenartigen Lage: sie ist die Schwester des Rächers
und die Gattin desjenigen, gegen den die Rache geplant ist, gerät also
in einen Konflikt der Pflichten. Als die Signy-Sigmund-Geschichte
gedichtet wurde, galt durchaus noch die alte Anschauung, daß
Blutsverwandtschaft dem Gattenverhältnis unbedingt vorgeht, daß also
Signy ebenso zur Rache für Wolsung und ihre Brüder verpflichtet ist,
wie Sigmund. Signy versucht sogar ihre eigenen, dem Siggeir gebotenen
Söhne, die doch auch Wolsungs Enkel sind, zur Rache zu verwenden und
schickt sie zu Sigmund in den Wald hinaus, damit dieser sie auf ihre
Heldenhaftigkeit prüfe. Sie erweisen sich aber als Memmen, weil sie
zur Hälfte vom Stamme Siggeirs sind und keine vollbürtigen Wolsunge.
Sigmund tötet sie im Einverständnis mit Signy ohne weiteres, diese
aber entschließt sich zu einem ganz eigenartigen Schritt: sie tauscht
mit einem andern Weibe die Gestalt (ein in der nordischen Dichtung
gar nicht selten auftretender Zug) und lebt dann eine Zeitlang
unerkannt bei ihrem Bruder, um nach eingetretener Empfängnis wieder
zurückzukehren[7]. Der Sohn, den sie gebiert, der den Namen Sinfjotli
trägt, ist infolgedessen ein Wolsung von Vater- und von Mutterseite
und vollwertig zur Rache. Auch er wird hinaus zu Sigmund geschickt,
von ihm geprüft und sofort als Held erfunden. Darauf schleichen sich
Sigmund und Sinfjotli in die Halle Siggeirs ein, werden jedoch entdeckt
und festgesetzt. In der Gefangenschaft aber reicht ihnen Signy das
Wunderschwert zu, um das der Streit entbrannt war. Mit dem Schwerte
sägen sich Sigmund und Sinfjotli aus den Mauern ihres Kerkers, töten
den Siggeir und brennen die Halle nieder. Die Rache ist vollendet.
Signy verbrennt sich in den Flammen des brennenden Hauses zur Sühne für
ihre Teilnahme an derselben.
Sigmund aber kehrt in seine Heimat zurück, vermählt sich mit einer
dänischen Fürstin, namens Borghild, und wird dadurch dänischer König.
Diese Borghild hat in der Sage recht wenig Bedeutung; sie bedeutet für
die Komposition unserer Erzählung nur, daß Sinfjotli, der in ihren
späteren Teilen keine Stelle mehr hat, herausgebracht wird. Sie haßt
den Stiefsohn und vergiftet ihn schließlich. Sinfjotli ist damit aus
der Erzählung ausgeschieden, und Borghild entbehrlich: Sigmund verstößt
sie.
An die Sigmund-Borghild-Episode anknüpfend hat ein nordischer
Dichter eine in Deutschland ganz unbekannte Sage dänischen Ursprungs
angeschlossen: die Geschichte von Helgi dem Hundingstöter. Dieser gilt
für einen Sohn des Sigmund und der Borghild. Seine Taten und Schicksale
stehen nur in ganz loser Beziehung zu unserer Sage. Der von Helgi
getötete Hunding[8] gilt als Vater des Königs Lyngvi, gegen den Sigmund
gefallen ist -- eine chronologisch fast unmögliche Auffassung.
Sigmund geht an eine zweite Ehe. Obgleich nunmehr schon bejahrt, wirbt
er doch um eine junge Fürstin, die den Namen Hjordis führt (ein Name,
der in Deutschland nicht vorkommt; er bedeutet etwa „Schwertmädchen“).
Gleichzeitig wirbt um diese Hjordis ein König Lyngvi. Obgleich
er jünger ist wie Sigmund, wählt sie doch den Alten, weil er der
berühmtere ist, und folgt ihm als Gattin. Lyngvi zieht zur Rache gegen
ihn zu Felde. Es kommt zu einer Schlacht, in der Sigmund wie immer
das unüberwindliche Gottesschwert schwingt; im entscheidenden Moment
aber tritt ihm Odin selbst entgegen und hält seinen Speer gegen das
Schwert: es zerspringt, und Lyngvi kann Sigmund tödlich verwunden.
Er kommt aber nicht zu seinem Ziele, denn er findet die versteckte
Hjordis nicht und zieht ohne sie ab. Hjordis sucht ihrerseits auf dem
Schlachtfelde den todwunden Gatten auf und erhält von ihm, bevor er
stirbt, die Bruchstücke des Schwertes, um sie dem zu erwartenden Sohne
aufzubewahren.
Irgendwie motiviert ist in der Erzählung das Auftreten des Gottes Odin
nicht: er schenkt das Schwert, ebenso wie er es später zum Springen
bringt, ohne Grund. Irgendwelche tiefern religiösen Ideen darf man
nicht darin suchen, auch nicht das, was man gemeinhin einen Mythus
nennt. Es ist nichts weiter darin zu finden als ein Bild: Odin ist
der Gott des Sieges; Sigmund ist im wichtigsten Teile seines Lebens
als unüberwindlicher, siegreicher Held gedacht, er genießt also die
Gunst des Sieggottes, er hat ein von diesem ihm geschenktes Schwert.
Schließlich fällt er doch in der Schlacht; also muß ihm der Gott selbst
den Sieg entzogen haben; warum er dies getan hat, danach hat man bei
einem Gotte nicht zu fragen.
Hjordis wurde mit ihrer Begleitung kurz nach dem Tode ihres Gatten
von Seeräubern entführt. An ihrer Spitze stand Alf, der Sohn des
Königs Hjalprik von Dänemark. Alf fand Gefallen an der Witwe und
vermählte sich mit ihr, nachdem sie den Sigurd, den Sohn Sigmunds,
geboren hatte; so wurde Sigurd (unser deutscher Siegfried) erzogen
am Hofe des Königs von Dänemark -- nach der Auffassung einer spätern
nordischen Dichtung. Damit aber hören die Beziehungen Sigurds zum
dänischen Königshofe so gut wie ganz auf. Außer seinem Stiefvater hat
Sigurd noch einen Pflegevater, den Regin, einen Mann verhältnismäßig
niederer Herkunft. Die Doppelheit des Stiefvaters und Pflegevaters
zu gleicher Zeit und scheinbar auch am gleichen Orte wäre zur Not zu
verstehen. Nicht zu verstehen aber ist, daß der Stiefvater in Dänemark
lebt, der Pflegevater dagegen, wie sich gleich aus dem folgenden
ergibt, in Deutschland am Rheine lebend gedacht wird. Wir sehen hier,
daß die Darstellung Sprünge hat, daß ältere und jüngere Schichten
übereinander liegen; der ältern gehört hier der Pflegevater Regin am
Rheine an. Der Umstand, daß Sigurd, der später ein großer Held wird,
unter ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen sein soll, hat die spätern,
verfeinerten Geschlechter gestört; man hat ihm deshalb einen Stiefvater
aus königlichem Blute gegeben, so daß eine dementsprechende königliche
Erziehung möglich war.
Regin ist, wie gesagt, ein Mann vergleichsweise niederer Herkunft.
Er versucht den Sigurd, nachdem er herangewachsen ist, in seinem
eigenen Interesse auszunutzen; zu diesem Zwecke erzählt er ihm seine
Schicksale und damit verbunden die Herkunft des großen Schatzes, den er
beansprucht, den aber ein Drache hütet.
Nach dieser Erzählung war der Vater des Regin und noch zweier Brüder,
die die Namen Fafnir und Otr führen, ein Bauer namens Hreidmar. Die
Söhne hatten die Fähigkeit, beliebig Tiergestalt anzunehmen. Es ist das
eine Erscheinung ähnlich dem Gestaltentausch der Signy.
Eines Tages ziehen nun drei Götter, Odin, Hönir und Loki (eine
Dreiheit, die oft zusammen genannt wird) auf Erden umher in
menschlicher Gestalt. An einem Wasserfall sehen sie einen Fischotter
einen Fisch schmausen. Loki tötet durch einen Steinwurf den Fischotter
und zieht ihm den Balg ab. Mit dieser Beute kehren sie dann bei dem
Bauern Hreidmar ein; dieser erkennt an dem Otterfell, daß sein Sohn Otr
hat das Leben lassen müssen. Er setzt infolgedessen die drei Götter
gefangen und legt ihnen die Mordbuße für den Sohn auf: der Otterbalg
soll mit Gold ausgefüllt werden, bis er auf seinen vier Beinen
wieder stehen kann, und dann auch mit Gold überzogen werden, bis das
letzte Härchen verschwunden ist. Darauf wird einer der Götter, Loki,
beurlaubt, um das nötige Lösegeld herbeizuschaffen. Er kommt wieder
an den Wasserfall, wo, wie er weiß, ein Zwerg, namens Andvari, lebt,
der große Schätze hat und sich oft in Hechtgestalt im Wasser aufhält.
Loki fängt diesen Hecht, und nun muß sich Andvari durch Herausgabe
seines Reichtums lösen. Er gibt verhältnismäßig rasch alles heraus
bis auf einen Ring, der in der Folge unter dem Namen Andvaranaut
(Andvari’s Kleinod) eine wichtige Rolle spielt; da Loki auch diesen
nimmt, das letzte, was Andvari hat, belegt der Zwerg den Ring mit
einem furchtbaren Fluche, der darauf hinzielt, daß alle die, die ihn
später besitzen werden, vom Fluche betroffen zugrunde gehen. Mit der
gewonnenen Beute wandert Loki zu Hreidmar und übergibt das Gold Odin.
Dieser füllt den Balg aus und überkleidet seine Außenseite, behält
aber den Ring vorläufig zurück. Hreidmar sieht sich die Mordbuße an
und erklärt schließlich, daß noch ein Schnurrbarthaar des Otters
durchscheine; das müsse noch bedeckt werden, dann sei die Sache in
Ordnung. Darauf erst gibt Odin den unheilbringenden Ring noch hinzu,
und die Götter sind gelöst. Sofort aber beginnt der Fluch zu wirken:
die beiden andern Söhne Hreidmars fordern Anteil an der Buße; da er das
verweigert, erschlagen ihn seine Söhne und geraten nun untereinander
in Zwist. Fafnir verjagt Regin, behält den ganzen Schatz für sich und
hütet ihn nun in einer Höhle auf der Gnitaheide[9]. Hier liegt er von
nun an in Drachengestalt auf dem Schatze.
Regins Bestreben ist nun, Fafnir zu töten und damit den Schatz zu
gewinnen; zu diesem Zwecke will er sich Sigurds bedienen. Sigurd
verlangt dazu zunächst ein Schwert. Die Schwerter, die Regin selbst
schmiedet, sind ihm alle nicht gut genug; sie versagen bei der Probe.
Daraufhin begibt sich Sigurd zu seiner Mutter und erhält von ihr
die Stücke des Gottesschwertes, das der Vater geführt hat. Regin
schweißt sie wieder zusammen[10]. Dies Schwert besteht jede Probe. Es
wird im Rhein erprobt, indem im langsam fließenden Wasser gegen die
Schärfe des Schwertes eine Wollflocke entgegentreibt; sie wird glatt
durchschnitten. Das Schwert wird für gut erklärt, und nun verlangt
Regin die Tötung des Drachens. Sigurd aber denkt zunächst an etwas
anderes, was in der nordischen Sagengestalt unvermeidlich ist, aber
zweifellos nicht ursprünglich zu unserer Darstellung gehört: er denkt
an Vaterrache. Er muß seinen gefallenen Vater Sigmund an Lyngvi rächen.
So zieht er denn zunächst mit Heeresmacht, die er natürlich von seinem
Stiefvater Alf erhalten hat, gegen Lyngvi und fängt und tötet ihn.
Dann erst, nachdem die Vaterrache gelungen ist, macht sich Sigurd an
die Tötung Fafnirs. Er kundschaftet seine Höhle aus, gräbt eine Grube,
setzt sich hinein und ersticht ihn von unten, während jener über ihn
hinwegschreitet. Die nordische Dichtung bringt nunmehr ein langes
Zwiegespräch zwischen dem sterbenden Drachen und Sigurd; gerade in
solche Momente lange, meist auf die Zukunft hinausdeutende Erzählungen
einzulegen, ist im Norden nicht unbeliebt, erscheint uns freilich
ungeschickt und unbegreiflich.