Crescentia ermunterte sich, und ihre Verwirrung erhöhte noch ihre

Anmuth. Antonio fühlte sich dem Wahnsinne nahe, daß er diejenige wieder

vor sich sah, die er doch auf ewig verloren hatte. Alte Zauberin! rief

er heftig aus, wo bin ich? Und welche Gebilde führst Du vor die irren

Sinne? Sprich, wer ist jenes holdselige Wesen? Crescentia, bist Du

wieder da? Erkennst Du mich noch als den Deinen? Wie bist Du hieher

gerathen?

Holla! mein junger Prinz, schrie die Alte, Ihr faselt ja, als wenn Ihr

Euer bischen Verstand verloren hättet. Rumort Euch das Gewitter im Kopf

herum? Hat der Blitz etwa in Euern Witz geschlagen? Es ist meine

Tochter, und ist es von je an gewesen.

Ich kenne Euch nicht, sagte die bleiche Crescentia hold erröthend. Ich

bin nie in der Stadt gewesen.

Setzt Euch, unterbrach sie die Alte, genießt, was da ist. Die Suppe

wurde aufgetragen, einige Früchte, und aus einem kleinen Wandschrank

nahm die Alte eine Flasche köstlichen florentinischen Weins. Antonio

konnte nur wenig genießen, sein Auge war auf Crescentia hingebannt, und

seine verwirrte und erschütterte Phantasie wollte ihn immer wieder von

Neuem bereden, diese sei seine gestorbene Braut. Oft glaubte er dann

wieder, in einem schweren Traum gefesselt zu liegen, oder von einem

Wahnsinn befangen zu seyn, der alle Gegenstände um ihn verwandele, daß

er vielleicht in der Stadt, oder in seiner Heimath weile, nur seine

Einbildungen sehe, und keinen seiner Freunde erkenne und vernehme, die

wohl tröstend oder klagend um ihn stehn möchten.

Das Gewitter hatte ausgetobt, und die Sterne glänzten am beruhigten

dunkeln Himmel. Die Alte aß mit Begier und trank noch eifriger von dem

süßen Weine. Nun endlich, junger Antonio, fing sie nach einiger Zeit an,

erzählet uns doch, was Euch nach Padua, was Euch hieher getrieben hat.

Antonio fuhr wie erwachend auf. Ihr könnt wohl, erwiederte er, einige

Nachrichten von Eurem Gaste verlangen, da Ihr obenein meinen Vater, und

vielleicht auch meine Mutter gekannt habt.

Wohl habe ich sie gekannt, sagte die Alte schmunzelnd, kein Mensch so

gut als ich. Ja, ja, sie starb sechs Monat zuvor, ehe Euer Vater seine

zweite Ehe mit der Marchese Manfredi stiftete.

Also das wißt Ihr auch?

Ist mir doch, fuhr jene fort, als sähe ich das schmucke Püppchen noch

immer vor mir. Nun, lebt die schöne Stiefmutter denn noch? Als sie mich

aus dem Lande jagten, war sie noch in ihrer schönsten Blüthe.

Ich mag es Euch nicht wiederholen, sagte Antonio mit einem Seufzer, was

ich durch diese mir fremde Mutter litt; sie hatte meinen Vater wie

bezaubert, der lieber allen seinen alten Freunden, lieber seinem Sohne

Unrecht thun, als sie irgend beleidigen wollte. Endlich aber änderte

sich dieses Verhältniß, doch brach mein Herz fast beim Anblick dieses

Hasses, wenn es früher nur über erlittene Kränkungen geblutet hatte.

Also recht bitter böse, fragte die Alte mit widerwärtigem Lächeln, ging

es in der Haushaltung zu?

Antonio betrachtete sie mit scharfem Blicke und sagte verwirrt: Ich weiß

nicht, wie ich dazu komme, hier von meinem und dem Elend meiner Eltern

zu erzählen.

Die Alte leerte ein Glas rothen Wein, der wie Blut im Glase stand. Mit

lautem Lachen sagte sie dann: weiß ich mir doch kein herrlicheres

Vergnügen, versteht, was man so recht Wonne und Seligkeit nennen kann,

als wenn so zwei Ehehälften, die früher einmal zwei Liebesleute waren,

sich wie Katze und Hund, oder wie zwei Tigerthiere herumbeißen,

schelten, einander verfluchen, und Herz und Seele dem Satan opfern

möchten, um eins das andere zu kränken, oder seiner los zu werden. Das,

junger Fant, ist die wahre Herrlichkeit des sterblichen Lebens.

Besonders aber, wenn die beiden Verbündeten vorher aus Liebe recht

geraset haben, alles, auch das Ungewöhnliche für einander gethan, wohl

gar manches begangen, was andre fromme Leutchen Verbrechen nennen, um

nur zu einander zu kommen, um nur endlich und endlich das nun so

verhaßte Band zu schlingen. Glaubt mir, das ist alsdann für den Satan

und die ganze Hölle ein hohes Fest, ein Jubeln und Cymbelnklang der

Unterirdischen. Und hier nun gar, -- doch, ich schweige, ich könnte

leicht zu viel sagen.

Crescentia sah den Erstaunten wehmüthig an. Verzeiht ihr, sagte sie

lispelnd, Ihr seht, sie ist trunken, die Unglückliche.

In Antonio's Seele aber erwachte die Vorzeit und alle ihre trüben Scenen

mit frischer Kraft. Der trübe Tag kam ihm zurück, als er seine

Stiefmutter auf ihrem Sterbebette sah, als sein Vater verzweifelte und

sich und die Stunde seiner Geburt verfluchte, als er den Geist seiner

ersten Gattin anrief und um Vergebung flehte.

Habt Ihr nichts mehr zu erzählen? fragte die Alte, und weckte ihn

dadurch aus seiner staunenden Träumerei.

Was soll's? sagte Antonio im tiefsten Schmerz, scheint Ihr doch alles zu

wissen, oder durch Weissagung erfahren zu haben. Brauche ich es Euch zu

sagen, daß ein alter Diener, Roberto, sie vergiftet hatte, von ihrem Haß

verfolgt und zur Rache angespornt? Daß dieser boshaft und verrucht

meinem Vater das Verbrechen zuwälzen wollte? Er entsprang aus dem

Gefängnisse, übersteigt die Gartenmauer und stößt in der Grotte meinem

Vater den Dolch in die Brust!

Der alte Roberto? Roberto? rief die Alte, fast wie im frohen Jubel; ei,

sieh doch! was man an den Leuten nicht erlebt! Ja, ja, der Schleicher

war in jüngern Jahren so ein rechter Tuckmäuser, ein scheinheiliger

Hund, ist aber nachher ein resoluter Bursche geworden, wie ich höre. In

der Grotte also? Wie sich alles so wunderbar fügen muß. Da saß Euer

Vater in frühern Jahren so oft mit der ersten Gattin, dort hat er ihr

zuerst, als ihr Bräutigam, ewige Liebe geschworen. Dazumal trug Roberto

gewiß schon jenen Dolch, wußte aber nicht, daß er ihn erst nach zwanzig

Jahren so sonderbar brauchen sollte. Dort hat auch die zweite Gemahlin

oft bei dem kühlen Brunnen geschlummert, da lag der Mann wieder zu ihren

Füßen. Nicht wahr, Antonio, Kind, das Leben ist ein recht buntes, recht

dummes, recht abgeschmacktes und recht grauliches Fabelgemisch? Kein

Mensch kann sagen: dahin will ich nicht! Die Schmerzen und Gefühle, die

Stacheln und das Rasen, die die schwarzen Gesellen in der Hölle

schmieden, das alles kommt und kommt langsam, wunderlich, näher und

immer näher, mit einemmale ist das Entsetzliche im Hause, und der

Verzweifelte sitzt dann damit im Winkel und nagt daran, so wie der Hund

am Knochen. Trink, trink, mein Söhnchen, durch diesen Saft wird alles

besser, wenn seine Geister in die Seele steigen. -- Nun, und Du? Erzähle

doch weiter.

Ich schwur dem Vater Rache, sagte Antonio.

So ist es recht, erwiederte die Alte; sieh, mein Kind, wann so ein Brand

erst in ein Haus geschleudert ist, so muß er niemals, niemals wieder

erlöschen. Von Geschlecht zu Geschlecht, zum Enkel und zum Vetter erbt

das Gift, die Kinder rasen schon, die Wunde blutet immer wieder, ein

neuer Aderlaß muß wieder das Unglück retten und auf die Beine bringen,

das sonst vielleicht gar verscheiden könnte. O Rache, Rache ist ein

köstliches Wort.

Aber Roberto, sagte Antonio, war entflohen und nirgends zu finden.

Schade, Schade, rief die Alte aus. Nun trieb Dich Deine Rache wohl in

die Welt?

Ja wohl, ich erwuchs, ich sah Italien, forschte in allen Städten, konnte

aber keine Spur des Mörders entdecken. Der Ruf Pietro's von Abano hielt

mich endlich in Padua fest. Ich wollte von ihm Weisheit lernen, aber als

ich in das Haus des Podesta kam --

Nun? sprich heraus, Kind!

Was soll ich sagen? Ich weiß nicht, ob ich rase oder träume. Dort sah

ich die Tochter, die holde, die liebreizende Crescentia. Und ich sehe

sie jetzt wieder vor mir, ja sie ist es selbst, jener Leichenzug war ein

böser, ungeziemender Scherz, und diese Verkleidung, diese Flucht in die

Wüste hieher ist wieder eine unziemliche Verlarvung. Gieb Dich endlich,

endlich zu erkennen, theure, holdselige Crescentia. Weißt Du es ja doch,

daß mein Herz nur in Deinem Busen lebt. Wozu diese grausamen Proben?

Sind Deine Eltern vielleicht dort in der Kammer, und hören alles, was

wir sprechen? Laß sie nun endlich, endlich herein treten, es sei nun der

grausamen Prüfung, die mich wahnsinnig machen kann, genug geschehn.

Die bleiche Crescentia sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke an,

eine solche Wehmuth im Angesicht, daß ihm die Thränen aus den Augen

stürzten. Er ist wahrlich schon betrunken! heulte die Alte. Sprecht,

sagt, ist denn die Tochter des Podesta todt? Gestorben wäre sie? und

wann?

Heut Abend, sagte der Weinende, bin ich ihrer Leiche begegnet.

Also auch die? fuhr die Alte lustig fort, indem sie wieder einschenkte.

Nun, da wird sich ja die Familie Markone in Venedig freuen.

Warum?

Weil sie nun die einzigen Erben des reichen Mannes sind. Das haben die

Klugen immer gewünscht, es aber niemals hoffen können.

Weib! rief Antonio mit neuem Entsetzen aus, Du weißt ja Alles.

Nicht Alles, erwiederte Jene, aber Etwas. Und manches läßt sich dann

auch wohl errathen. Und freilich, etwas Hexerei ist auch im Spiele.

Erschreckt nur nicht gar zu sehr. Es war auch nicht so ganz um gar

nichts, daß mich die Herren Florentiner auf den Holzstoß setzen wollten,

einige kleine unbedeutende Ursächelchen konnten sie immer für diesen

Wunsch anführen. -- Schau mir ins Gesicht, Knabe, streiche die Locken

aus der Stirn: gut! Nun gieb die linke Hand: die rechte; ei! ei!

sonderbar und wunderlich! Ja, ja, Dir steht ein nahes Unglück bevor,

aber wenn Du es überlebst, wirst Du Deine Geliebte noch wiedersehn.

Jenseit! seufzte Antonio.

Jenseit? was ist Jenseit? rief die Alte im Taumel; nein, diesseit, was

wir hier auf Erden nennen. Was die Narren für Worte brauchen. Es giebt

kein Jenseit, alberner Kindskopf, wer hier nicht schon das Fett von der

Brühe abschöpft, der ist übel betrogen. Aber damit kirren sie die

Gelbschnäbel, daß sie hübsch im Geleise bleiben, wohin man sie lenken

will, wer aber ihren Fabeln nicht glaubt, der ist auch dafür frei, und

kann thun, was ihn gelüstet.

Antonio sah sie zürnend an, und wollte ihr heftig erwiedern, aber die

blasse Crescentia legte einen so demüthig flehenden Blick für ihre

Mutter ein, daß sein Zorn entwaffnet wurde. Die Alte gähnte und rieb

sich die Augen, und es währte nicht lange, so war sie, vom häufigen

Genuß des starken Weins betäubt, fest eingeschlafen. Das Feuer auf dem

Heerde war erloschen, und die Lampe warf nur noch matte Schimmer.

Antonio fiel in ein tiefes Nachsinnen, und Crescentia saß am Fenster auf

einem niedrigen Schemel. Kann ich wo schlafen? sagte der erschöpfte

Jüngling endlich.

Oben ist noch eine Kammer, sagte Crescentia schluchzend, und er bemerkte

nun erst, daß sie die ganze Zeit über heftig geweint hatte. Sie putzte

die Lampe, daß sie heller brenne, und ging schweigend voran. Er folgte

eine schmale Treppe hinauf, und als sie oben in dem engen finstern

Behältnisse waren, setzte das Mädchen die Leuchte auf einen kleinen

Tisch und war im Begriff sich zu entfernen. Doch schon an der Thür

kehrte sie noch einmal um, betrachtete den jungen Mann wie mit einem

Todtenblicke, stand bebend vor ihm, und fiel dann laut schluchzend und

in unverständlichen heftigen Klagen wie in Krämpfen zu seinen Füßen

nieder. Was ist Dir, mein holdes Kind? rief er aus, und wollte sie

aufheben; beruhige Dich: sage mir Dein Leid.

Nein, laßt mich hier liegen, rief die Klagende, ach! wenn ich doch hier

zu Euren Füßen, wenn ich doch jetzt sterben könnte! Nein, es ist zu

entsetzlich! Und daß ich nichts thun, nichts hindern kann, daß ich den

Gräuel nur stumm und ohnmächtig anschauen muß. Aber Ihr müßt es

erfahren.

So sammle Dich nur, sagte tröstend Antonio, daß Du nur Deine Stimme, daß

Du nur die Worte wieder findest.

Ich sehe, sprach jene vom Weinen unterbrochen heftig fort, Eurer

gestorbenen Geliebten ähnlich, und ich bin es, die Euch an der Hand in

die Mördergrube führen muß. Meine Mutter kann leicht prophezeien, daß

Euch ein nahes Unglück bevorsteht: kennt sie doch die Gesellen, die

allnächtlich hier einkehren. Dieser Höhle ist noch Keiner lebendig

entronnen. Jede Minute führt ihn näher und näher, den greulichen

Ildefons, oder den verruchten Andrea, mit ihren Knechten und Gehülfen.

Ach! und ich kann nur der Herold Eures Todes seyn, Euch keine Hülfe,

Euch keine Rettung bieten.

Antonio entsetzte sich. Bleich und zitternd faßte er nach seinem

Schwert, versuchte seinen Dolch, und sammelte Muth und Entschlossenheit

wieder. So sehr er den Tod erst gewünscht hatte, so war es ihm doch zu

furchtbar, in einer Räuberhöhle endigen zu müssen. Du aber, fing er an,

Du mit diesem Angesichte, mit dieser Gestalt, kannst es über Dich

gewinnen, eine Gesellin, eine Gehülfin der Verruchten zu seyn?

Ich kann nicht entfliehen, seufzte die Trostlose, wie gern entwiche ich

diesem Hause. Ach! und diese Nacht, morgen soll ich von hier und über

das Meer geschleppt werden, die Gattin des Andrea oder Ildefons soll ich

seyn. Ist es nicht besser, jetzt zu sterben?

Komm, rief Antonio, die Thür ist offen, entflieh mit mir, die Nacht, der

Wald werden uns ihren Schutz verleihen.

Seht Euch nur um, sagte das Mädchen, seht nur, wie hier und im untern

Gemache die Fenster mit starken Eisenstäben verwahrt sind, die Thür des

Hauses ist mit einem großen Schlüssel versperrt, den die Mutter nicht

von sich giebt. Saht Ihr nicht, wie sie die Thür ins Schloß warf, als

Ihr hereingetreten wart?

So falle die Alte zuerst, rief Antonio, wir entreißen ihr den Schlüssel

--

Meine Mutter sterben! schrie die blasse Mädchengestalt, und klammerte

sich mit Heftigkeit an ihn, um ihn fest zu halten.

Antonio beruhigte sie. Er schlug ihr vor, der Alten, da sie berauscht

sei, und fest schlafe, den großen Schlüssel der Thüre leise von ihrer

Seite zu nehmen, dann zu öffnen und zu entfliehen. Von diesem Plane

schien Crescentia einige Hoffnung zu fassen, sie gingen still wieder in

das untere Gemach und fanden die Alte noch fest schlafend. Crescentia

machte sich zitternd an sie, suchte und fand den Schlüssel, und es

gelang ihr nach einiger Zeit, ihn vom Bande des Gürtels abzulösen. Sie

winkte dem Jüngling, behutsam näherten sie sich der Thür, mit Vorsicht

brachten sie den eisernen Schlüssel in das Schloß, mit fester Hand

wollte Antonio jetzt ohne Geräusch den Riegel zurückschieben, als er

fühlte, daß draußen eben so geräuschlos ein andrer am Schlosse arbeite.

Die Thür öffnete sich sacht und herein trat, Antlitz an Antlitz dem

Antonio, ein großer wilder Mann. Ildefonso! schrie das Mädchen auf, und

der Jüngling erkannte in ihm auf den ersten Blick den Mörder Roberto.

Was ist das? sagte dieser mit dumpfer Stimme; woher habt Ihr den

Schlüssel? Wohin?

Roberto! schrie Antonio und faßte den ungeheuren Mann wüthend an der

Kehle. Sie rangen heftig mit einander, doch gelang es der Kraft des

Jünglings, den Bösewicht auf den Boden zu werfen, dann kniete er ihm auf

die Brust und senkte seinen Dolch ihm in das Herz. Mit lautem Geschrei

war indessen die Alte erwacht, sie sprang auf, als sie den Kampf sah und

riß unter Geheul und Verwünschungen die Tochter hinweg, sie schleppte

sie zur Kammer hinauf, und verriegelte von innen die Thür. Jetzt wollte

Antonio hinauf, um sich die Kammer mit Gewalt zu öffnen, als mehrere

dunkle Gestalten herein traten, und nicht wenig erstaunten, ihren

Anführer todt am Boden zu finden. Jetzt bin ich Euer Hauptmann! rief

eine breite, bärtige Figur, indem dieser das Schwert zog. Wenn

Crescentia mein ist! antwortete trotzig ein jüngerer Räuber. Beide, auf

ihrem Sinne bestehend, fielen sich mörderisch an. Die Lampe ward

umgestürzt, und unter Geheul und Fluchen wälzte sich der Kampf in der

Finsterniß von einer Ecke zur andern. Seid ihr unsinnig? schrie eine

andre Stimme dazwischen; ihr laßt den Fremden entfliehn, schlagt ihn

zuerst darnieder und fechtet dann eure Händel aus! Doch jene, vor Wuth

blind, vernahmen ihn nicht. Schon dämmerte der erste graue ungewisse

Strahl des frühen Morgens. Da fühlte Antonio die Mörderfaust an seiner

Brust, aber schnell und rüstig stieß er den Angreifenden nieder. Ich bin

erschlagen, rief dieser, auf den Boden fallend: Wahnsinnige, besetzt die

Thür, laßt ihn nicht entrinnen. Antonio hatte indessen diese gefunden,

er sprang durch den kleinen Garten und über den Zaun, die Räuber,

welchen unterdeß die Besinnung gekommen war, eilten ihm nach. Er war nur

um wenige Schritte voraus, und sie suchten ihm die Bahn abzugewinnen.

Einer warf mit Feldsteinen nach ihm, die aber ihres Ziels verfehlten.

Unter Geschrei und Drohworten waren sie in den Wald gekommen. Hier

zeigten sich verschiedene Richtungen, und Antonio war ungewiß, welche er

wählen sollte. Da sah er zurück und die Räuber getrennt, er stellte sich

dem nächsten und verwundete ihn im Kampf, daß jener das Schwert mußte

sinken lassen. Doch zugleich vernahm er Geschrei und sah von einem

Seitenwege neue Gestalten daher eilen, die ihm den Weg bald verrennen

mußten. In dieser höchsten Noth traf er auf einer kleinen Waldwiese sein

Roß wieder an. Es schien sich von der gestrigen Uebermüdung erholt zu

haben. Er schwang sich hinauf, nachdem er schnell den Zaum ergriffen und

geordnet hatte, und mit der größten Schnelle, als wenn das Thier seine

Gefahr gefühlt hätte, trug es ihn auf einem gebahnten Pfade aus dem

Walde. Nach und nach ertönte das Geschrei seiner Verfolger immer ferner

und ferner, der Wald lichtete sich, und als er schon glauben mußte,

nichts mehr befürchten zu dürfen, sah er die Stadt im Sonnenglanze vor

sich liegen.

Menschen begegneten ihm, Landleute gingen dieselbe Straße zur Stadt,

Reisende gesellten sich zu ihm, und so kam er nach Padua zurück, indem

er nur weniges auf die vielfachen Fragen und Erkundigungen antwortete,

warum sein Anzug so verwildert, warum er ohne Hut sei. Die Bürger sahen

ihn mit Verwunderung an, als er vor dem großen Hause des Podesta

abstieg.

* * * * *

In der Stadt hatte sich in derselben Nacht etwas Wunderbares zugetragen,

was bis jetzt noch allen Menschen ein Geheimniß war. Kaum hatte sich die

Finsterniß dicht und dichter verbreitet, als Pietro, den man

gemeiniglich nur von seiner Geburtsstadt Apone, oder Abano nannte, im

innersten Zimmer seines Hauses alle Geräthe, alle seine künstlichen

Instrumente zu einer geheimen und seltsamen Operation in Ordnung

richtete. Er selbst war in lange Gewänder gekleidet, die mit

wunderlichen Hieroglyphen bezeichnet waren, in seinem Saal hatte er die

magischen Kreise beschrieben, und alles kunstreich geordnet, um seiner

Wirkung gewiß zu seyn. Er hatte den Stand der Gestirne genau erforscht,

und erwartete jetzt den günstigsten Augenblick.

Sein Gefährte, der häßliche Beresynth, war auch mit magischen Kleidern

angethan. Er holte und stellte auf den Befehl seines Gebieters alles so,

wie dieser es nöthig erachtete. Bemalte Decken waren an den Wänden

verbreitet, der Boden des Zimmers verkleidet, der große Zauberspiegel

aufgerichtet, und näher rückte und näher der Moment, den der Magier für

den glücklichsten erachtete.

Hast Du die Kristalle in die Kreise gestellt? rief jetzt Pietro. Ja,

antwortete der geschäftige Gesell, dessen Fratze sich zwischen den

Phiolen, Spiegeln, menschlichen Gerippen und allen dem seltsamen

Hausrath munter und unermüdlich tummelte. Jetzt wurde das Räuchwerk

gebracht, eine Flamme entzündete sich auf dem Altar, und der Magier nahm

vorsichtig, fast bebend, aus seinem geheimsten Schranke das große Buch.

Geht's los? rief Beresynth. -- Schweig, erwiederte der Alte feierlich,

und störe die heilige Handlung durch keine frevelnden, durch keine

unnützen Worte. Er las, erst leise, dann lauter und eifriger, indem er

mit gemessenen Schritten auf und nieder, dann im Kreise wandelte. Nach

einer Weile hielt er inne und befahl: schau hinaus, wie sich der Himmel

gestaltet.

Dichte Finsterniß, sagte der rückkehrende Diener, hat den Himmel

umzogen, Wolken jagen sich, ein Regen fängt an zu träufeln. -- Sie sind

mir günstig, rief der Alte, es muß gelingen! Jetzt kniete er nieder, und

berührte oft, die Beschwörung murmelnd, mit der Stirn den Boden. Sein

Gesicht war erhitzt, seine Augen funkelten. Man hörte ihn die heiligen

Namen nennen, die verboten sind auszusprechen, und er sandte nach langer

Zeit seinen Diener wieder hinaus, um nach dem Firmament zu schauen.

Indessen vernahm man den heranbrausenden Sturm, Blitz und Donner jagten

sich, und das Haus schien in seinen Grundfesten zu erbeben. Hört das

Wetter, rief Beresynth, eilig zurückkehrend. Die Hölle hat sich von

unten herauf gemacht, und wüthet mit Feuer und wilden krachenden

Donnerschlägen, ein Sturm braust dazwischen, und die Erde zittert.

Haltet inne mit Beschwören, daß nicht die Speichen brechen, und die

Fugen, die die Welt zusammen halten, zerspringen.

Thörichter! Blödsinniger! rief der Magier; genug der unnützen Worte!

Alle Thüren reiß auf, eröffne auch das Thor des Hauses.

Der Zwerg entfernte sich, um die Gebote seines Herrn auszurichten.

Dieser entzündete indeß die geweihten Kerzen, mit Schaudern nahte er

sich der großen Fackel, die auf dem hohen Leuchter stand, auch sie

brannte endlich, dann wand er sich auf dem Boden und beschwor lauter und

lauter. Seine Augen funkelten, seine Glieder bebten alle, zuckten wie in

Krämpfen, und ein kalter Schweiß der Angst floß von seinem Haupte. Mit

wilder Geberde sprang der Zwerg wie entsetzt wieder herein und rettete

sich in die Kreise. Die Welt geht unter, schrie er bleich und mit den

Zähnen klappernd, die Gewitter ziehn fort, aber alles ist in der stillen

Nacht Entsetzen und Graus, jedes Geschöpf hat sich in das innerste

Gemach und die Kissen des Bettes geflüchtet, um der Angst zu entweichen.

Der Alte erhob vom Boden ein todtenbleiches Antlitz, und verzerrt und

unkenntlich schrie er mit fremdem Laute: Schweig, Unglückseliger, und

störe das Werk nicht. Gieb Acht, und behalte Deine Sinne. Das Größte ist

noch zurück.

Mit einer Stimme, als wollte er seine Brust zersprengen, las und

beschwor er wieder, der Athem schien ihm oft zu fehlen, es war, als

müsse die ungeheure Anstrengung ihn tödten. Da hörte man plötzlich

Stimmen durcheinander, wie im Streit, dann wie Gespräch, sie flüsterten,

sie tobten und lachten, Gesang ertönte, und verworrener Klang von

wundersamen Instrumenten. Alle Geräthe wurden lebendig und schritten vor

und gingen wieder zurück, und aus den Wänden in allen Gemächern quollen

Wesen aller Art, Gethier und Ungeheuer und abentheuerliche Fratzen im

buntesten Gewirre.

Herr! schrie Beresynth, das Haus wird zu enge! Wohin mit allen diesen

Geistern? Einer muß den andern fressen. O weh! o weh! Immer greulicher,

immer toller wickelt sich einer aus dem andern: ich verliere den

Verstand! Und diese Musik dazu, dies Gellen und Pfeifen, Gelächter

dazwischen, und rührende Klagegesänge. Seht, Herr! seht! die Wände, die

Zimmer dehnen sich aus: alles wird zu unermeßlichen Sälen, zu hohen

Gewölben, und noch schießen die Creaturen hervor, und vermehren sich mit

dem wachsenden Raume. Könnt Ihr nicht rathen, könnt Ihr nicht helfen?

Ganz ermattet erhob sich jetzt Pietro, er war verwandelt und wie

sterbend. Schau noch einmal hinaus, sprach er leise, wende Dein Auge

nach dem Dom, und berichte mir, was Du siehst.

Ich trete dem Gesindel hier auf den Kopf, schrie der verwirrte

Beresynth, sie winden sich spielend wie die Schlangen um mich her, und

lachen höhnisch über mich. Sind es Geister? sind es Kobolde oder leere

Phantome? Ei was! wenn ihr nicht aus dem Wege gehn wollt, so trete ich

euch in die grünlichen und blauen Schnauzen hinein! Jeder ist sich

selbst der Nächste. Er polterte murrend hinaus.

Schriften 23: Novellen 7 · 第 22 / 26 段