Der Fremde beugte um den finstern Palast in die große Straße hinein, und

ihm tönte schon Leichengesang, ihm wehte der Schein der blaßrothen

Fackeln entgegen. Als er näher kam, sah er, nachdem das Gedränge des

Volkes ihn vorgeschoben hatte, ein Gerüst, mit schwarzem Tuche verdeckt.

Um dieses waren Sitze, ebenfalls schwarz, erhöht, auf welchem die

traurenden Eltern und Verwandten saßen, alle im finsteren Ernst, einige

Gesichter mit dem Ausdruck der Trostlosigkeit. Jetzt bewegten sich

Figuren aus der Thür des Hauses, Priester und schwarze Gestalten trugen

einen offenen Sarg, aus welchem Blumenkränze und grüne Gewinde

niederhingen. Zwischen den blühenden bunten Pflanzen lag auf Kissen die

weibliche Gestalt, blaß, im weißen Kleide, die zarten lieblichen Hände

gefaltet, die ein Crucifix hielten, die Augen geschlossen, dunkle

schwarze Ringellocken voll und schwer um das Haupt, auf welchem ein

Kranz von Rosen, Cypressen und Myrthen prangte. Man stellte den Sarg mit

seiner schönen Leiche auf das Gerüst, die Priester warfen sich zum Beten

nieder, die Eltern erhuben sich wie verzweifelnd, noch klagender

ertönten die Hymnen, und alles umher, die Fremden selbst, schluchzten

und weinten. Der Reisende glaubte noch nie ein so schönes weibliches

Wesen gesehn zu haben, als diese Leiche, die so wehmüthig an die

Vergänglichkeit und den nichtigen Reiz des Lebens erinnerte.

Jetzt ertönte das feierliche Geläute der Glocken, und die Träger wollten

eben den Sarg erheben, um die Leiche in das gewölbte Grab der großen

Kirche zu tragen, als ein lauter tobender Jubelruf, schallendes

Gelächter und das Geschrei einer ausgelassenen Freude, die Eltern,

Verwandten, Priester und Leidtragende störte und erschreckte. Alles sah

unwillig umher, und aus der andern Gasse schwärmte ein froher Zug junger

Leute heran, singend, jauchzend, ihrem ehrwürdigen Lehrer immer wieder

von neuem ein Lebehoch zurufend. Es waren die Studirenden der

Universität, die auf einem Sessel hoch auf den Schultern einen bejahrten

Mann von dem edelsten Ansehn trugen, der wie in einem Throne saß, mit

einem Purpurmantel bedeckt, das Haupt mit dem Doktorhute geschmückt,

unter welchem weiße Silberlocken hervor quollen, so wie ein weißer

langer Bart auf das schwarzsammtne Wamms majestätisch herabfloß. Ein

begleitender Narr mit Schellen und in bunter Tracht sprang umher, und

wollte schlagend und scherzend dem Zuge durch das Volk und die

Trauerleute Platz machen, doch auf einen Wink des ehrwürdigen Alten

senkten die Schüler die Trage, er stieg herab und näherte sich gerührt

und mit feierlichem Anstande den weinenden Eltern. Vergebt, sagte er

ernst und mit einer Thräne im Auge, daß dieses wilde Geschrei so eure

Leichenfeier stört, die mich innigst erschüttert und entsetzt. Ich komme

von meiner Reise endlich zurück, meine Schüler wollen meinen Einzug

durch ihre Freude verherrlichen, ich gebe ihren Bitten und Anstalten

nach, und finde nun, -- wie? eure Crescentia, das Musterbild aller

Holdseligkeit und Tugend, hier vor euch im Sarge? Umher diesen düstern

Prunk und jene Trauergestalten, um sie mit Thränen und Herzensweh zu

ihrer Ruhestelle zu geleiten? -- Er winkte seinen Begleitern und sprach

einige Worte. Alles war schon längst still und stumm geworden, und die

meisten entfernten sich jetzt, um die Leichenfeier nicht zu stören. Da

kam die Mutter zitternd näher und sank an der Gestalt des Alten nieder,

indem sie im krampfhaften Schmerze dessen Knie umschlang. Ach! warum

seid Ihr nicht zugegen gewesen? rief sie verzweifelnd; Eure Kunst, Euer

Wissen hätte sie gerettet. O Pietro! Pietro! Ihr, der Freund unsers

Hauses! habt Ihr denn so Euren Liebling, Euren Augapfel können untergehn

lassen? Kommt! Erweckt sie noch jetzt! Flößt ihr noch jetzt von den

Wunderessenzen ein, die Ihr zu bereiten wißt, und nehmt dafür zum Dank

alles, was wir besitzen, wenn sie nur wieder da ist, unter uns wandelt

und mit uns spricht!

Laßt eure Verzweiflung nicht das Wort führen, antwortete Pietro: der

Herr hatte sie euch geliehen, er hat sie euch wieder abgefordert; der

Mensch vermesse sich nie, in den Arm seines weisen Rathschlusses zu

greifen. Wer sind wir, daß wir gegen ihn murren sollten? Will der Sohn

des Staubes, der im Winde verweht, mit seinem schwachen Athem gegen die

ewigen Beschlüsse zürnen? Nein, meine Geliebten, fühlt als Eltern und

Freunde ganz euren Schmerz: er soll unserm Herzen so einheimisch wie

Lust und Freude seyn, auch er wird von dem Vater zu uns gesendet, der

jede unsrer Thränen sieht, der wohl unsre Herzen kennt und prüft, und

weiß, was der schwache Mensch ertragen kann. So traget denn dieses große

übermächtige Leid um seinetwillen, aus Liebe zu ihm, denn nur Liebe ist

es, was er euch auch auferlegen mag. Ist denn der Schmerz, das Herz in

seiner Zerknirschung, die Seele, die in Wehmuth zerrinnen will, sind sie

nicht ein heiliges göttliches Opfer, welches ihr in euren brennenden

Thränen der höchsten, der ewigen Liebe als euer Köstlichstes darbringt?

So rechnet es auch jener dort, der alle eure Seufzer und Thränen zählt.

Aber der böse Feind, der immer an unsrer Seite lauert, beneidet uns die

Heiligkeit dieser himmlischen Schmerzen, er ist es, der sie euch zur

Verzweiflung, zum Zorn gegen den Schöpfer der Liebe und des Leides

erhöhen will, damit ihr im Jammer nicht jener höchsten Liebe noch

inniger verbunden werdet, sondern in den Abgrund des Hasses untergeht.

Er, dieser Geist der Lüge, täuscht euch jetzt, und raunt euch boshaft

seine Fabeln zu, als wenn ihr sie auf ewig verloren hättet, die doch nur

in Geist und Seele und Liebe eins mit euch war, und euch nur als

Unsichtbare zugehörte. Er will, daß ihr es vergessen sollt, wie diese

schöne Hülle nur ihr Kleid war, dem Staube verwandt, zum Staube jetzt

wiederkehrend. Werft ihn zurück, diesen Lügengeist, daß er sich vor der

ewigen allmächtigen Wahrheit schämen muß, die ihr ihm entgegen haltet,

daß sie noch euer ist, noch neben, nah um euch, ja weit mehr, weit

inniger euer, als da euch diese Schranken des sterblichen Fleisches noch

trennten, und euch in der Liebe selbst einander entfremdeten. Alle euere

Erinnerung, Hoffnung, Schmerz und Lust ist sie von heute an; sie

leuchtet euch in jedem erfreulichen Lichte, sie tröstet euch in den

Blumen des Frühlings, sie küßt euch im zarten Hauch, der eure Wangen

rührt, und jedes Entzücken, das fortan in euren Herzen aufblüht, ist ihr

Herz und ihre Liebe zu euch, und dieses Entzücken, und diese ewige,

unsterbliche Liebe sind eins mit Gott. So tragt sie denn zu ihrer

Ruhestelle, und folgt ihr in stiller, gottergebner Demuth, damit durch

euch nicht ihr Geist im Aufenthalt des ewigen Friedens gestört und

geängstigt werde.

Alle schienen mehr beruhigt, der Vater reichte ihm stumm die Hand mit

dem Ausdruck der Herzlichkeit und des gefühlten Trostes. Man ordnete

sich, der Zug setzte sich in Bewegung, die Verlarvten, die

Brüderschaften, die es sich zur Pflicht machen, die Leichen zu

begleiten, reihten sich in ihren weißen Gewändern, und mit verdecktem

Antlitz, von welchem nur die Augen sichtbar waren. Stumm bewegte sich

der Zug fort, sie hatten jetzt fast schon die Kirche erreicht, als ihnen

ein Reiter auf schäumendem Rosse entgegen sprengte. Was giebt es? schrie

der Jüngling. Er warf einen Blick in den Sarg, und mit einem Ausruf der

Verzweiflung wandte er das Roß, stürzte fort, und verlor in wilder Hast

den Hut, so daß ihm die langen Locken im Abendwinde nachflatterten. Er

war der Bräutigam, der zur Hochzeit kam.

Die Finsterniß umgab das Trauergefolge und die stille Feier, indem die

schöne Leiche in das Gewölbe ihrer Familie hinabgesenkt wurde.

* * * * *

Als sich alle zerstreut hatten, wendete sich der junge Fremdling, der in

staunendem Schmerze dem Zuge gefolgt war, an einen alten Priester, der

allein am Grabe betend verweilte. Er brannte zu erfahren, wer jener

majestätische Greis sei, der ihm wie mit göttlichen Kräften und

überirdischer Weisheit begabt erschien. Als der Jüngling dem Geistlichen

die bescheidene Frage vortrug, stand dieser still, und sah ihm beim

Scheine eines Lichtes, das aus einem Fenster auf sie schien, scharf ins

Auge. Der Alte war eine kleine magere Gestalt, ein blasses schmales

Antlitz erhob das Feuer der Augen um so mehr, und die eingekniffenen

Lippen zitterten, als er ihm in heiserem Tone antwortete: Wie? Ihr kennt

ihn nicht? Unsern weltberühmten Petrus von Apone, oder Abano, von dem

man in Paris, London, dem deutschen Reiche und ganz Italien spricht?

Kennt nicht den größten Weltweisen und Arzt, den Astronomen und

Astrologen, von dem zu lernen und ihn zu schauen die wilde Jugend aus

dem fernen Polenlande hieher schwärmt?

Der junge Spanier, Alfons, war im entzückten Erstaunen einen Schritt

zurück getreten, denn der Ruhm dieses großen Lehrers hatte auch ihn von

Barcelona über die See getrieben. Also er war es, er war es selbst? rief

er begeistert aus: darum war auch mein Herz so tief bewegt. Mein Geist

erkannte den seinigen. O edler, frommer Mann, wie lieb' ich Euch darum,

daß Ihr ihn nicht minder verehrt, wie alle Edlen und Guten der

christlichen Welt.

Wollt wohl auch unter ihm studiren? fragte der Priester im grimmigen

Ton.

Gewiß, antwortete jener, wenn er mich würdiget, sich meiner anzunehmen.

Der Alte stand still, legte seine Hand auf die Schulter des Jünglings

und sagte dann milder: Lieber junger Freund, noch ist es Zeit, hört noch

meine väterliche Warnung, bevor es zu spät ist. Täuscht Euch nicht

selbst, wie es so Viele, Unzählige schon gethan haben, seid auf Eurer

Hut und wahret Eurer Seele. Seid Ihr denn Eurer Ruhe und künftigen

Seligkeit schon im voraus überdrüssig, wollt Ihr dem Heiland seine Liebe

damit vergelten, daß Ihr ihm abtrünnig werdet, ihn leugnet, und als ein

Rebell die Waffen gegen ihn schwingt?

Ich verstehe Euch nicht, alter Mann, erwiederte Alfonso: habt Ihr nicht

selbst gesehn und gehört, wie fromm, wie christlich, mit welcher

eindringlichen Majestät der Herrliche sprach, und den verirrten Schmerz

der Liebe durch himmlischen Trost wieder in seine rechte Bahn lenkte?

Was vermag, was kann der nicht alles! dieser Künstler und Zauberer! rief

der alte Priester bewegt aus.

Zauberer? fragte Alfonso. Ihr wollt also auch den Wahn des Pöbels

theilen, der die Wissenschaft hoher Geister nicht zu würdigen weiß und

lieber das Abgeschmackte glauben, als die eigne Seele an der Erhabenheit

des Mitbruders stärken will?

Fahrt nur so fort, sagte der Priester erzürnt, so habt Ihr kaum nöthig,

in seine weltberühmte Schule zu treten. Es ist augenscheinlich, sein

Zauber hat Euch schon umstrickt, so wie er jedes Herz bezwingt, das nur

in seiner Nähe schlägt. Ja wohl, der Heide, hat er heut wie ein Priester

gesprochen und geweissagt, und seiner Lüge auch einmal diese Farbe

angestrichen. So regiert er auch das Haus des Podesta's. Die arme

Crescentia konnte kaum in ihren letzten Stunden den Rückweg zur heiligen

Kirche wieder finden, so war ihre Seele in den Irrlehren befangen, die

der böse Heuchler wie giftige Netze um den jungen Geist geworfen hatte.

Jetzt ist sie ihm entronnen, der Herr hat sie zu sich gerufen, und

sandte diese Krankheit, um ihre Seele mit dem Verluste des Leibes zu

retten.

Die Sprechenden waren auf den großen Platz gekommen. Der Jüngling war

empört und sagte jetzt, um seinem Gefühle Luft zu machen: wozu nur,

geistlicher Herr, diesen grimmigen Neid? Seht ihr denn, erkennt ihr es

denn nicht, wie die Welt nur um so mehr von euch abfällt, um so mehr ihr

mit Bann und Fluch und Verfolgung den neuen Geist ersticken wollt? den

Geist der ewigen Wahrheit, der jetzt alle Landschaften erregt? Der nicht

wieder, trotz eurer Künste, untertauchen wird, um gläubig euren Legenden

zu horchen.

Wohl, sagte der Alte im hohen Zorne; haben wir doch jetzt Averroes statt

Christus, und Aristoteles statt des Allmächtigen, und diesen Euren

Pietro, diesen Ischarioth, statt des Geistes! Nicht wahr, der Erdgeist

hat ihn groß und schlank auferbaut, und ihm ein feuriges Auge, edle

Stirn, schönen Mund der Ueberredung, und majestätische Geberden

geliehen, um zu gaukeln und zu täuschen: indeß ich, der unwürdige Diener

des Herrn, hier krank, schwach und unansehnlich wandle, und nur mein

Bekenntniß, meinen Glauben habe, um darzuthun, daß ich ein Christ sei.

Ich kann nicht so in die Tiefen glänzender Weisheit hinabsteigen, nicht

den Lauf der Sterne berechnen, Glück und Unglück vorhersagen, ich werde

von den Ueberklugen geschmäht und verachtet, aber ich trage es demüthig,

ihm zu Liebe, der mir alles auferlegt hat. Doch erwartet das Ende, und

seht, ob ihn seine sieben Geister, die er im Zauberbanne hält, erretten

können, ob ihm sein Famulus, das Höllengebild, dann zur Hülfe seyn wird.

War sein Famulus zugegen? fragte Alfonso neugierig.

Habt Ihr das Gespenst nicht bemerkt, antwortete der Mönch, das sich als

Narr ausstaffirt hatte? die Mißgeburt mit dem Höcker, den verdrehten

Händen und Armen, den krummen Beinen, den schielenden Augen und der

ungeheuren Nase in dem Fratzengesicht?

Ich hielt alles dies für Maske.

Nein, dieser, erwiederte der Alte, braucht sich nicht zu verlarven. So

wie er da ist, ist er Larve und Gespenst, ein Geist der Hölle, dieser

Beresynth, wie sie ihn nennen. -- Wollt Ihr die Nacht in meinem Kloster

zubringen, junger Mensch, bis Ihr eine Wohnung gefunden habt?

Nein, antwortete dieser sehr entschlossen, ich mag die Gastfreundschaft

dem Manne nicht schuldig seyn, der so den Herrlichen durch Verläumdung

schmäht, dessen Name mich schon im Vaterlande entzückt hat, der mir hier

als Vorbild wandeln und leuchten soll. Schlimm genug, daß ich

dergleichen von Euch habe anhören müssen, von einem Manne, dessen Stand

und Alter mir verbeut, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehn. Soll der nur

fromm heißen, der die Wissenschaft verachtet, nur der ein Christ, der im

wachen Schlummer die Tage seines Lebens und die Kräfte seiner Seele

hinwegträumt, so trete ich aus dieser dumpfen Gemeinschaft. Aber dem ist

nicht so, und nicht der Mensch, der Christ oder Priester haben aus Euch

gesprochen, sondern nur die Zunft. Lebt wohl, wenn Ihr es mit diesen

Gesinnungen könnt.

Sie trennten sich, beide verstimmt.

* * * * *

Der junge Florentiner, welcher in der Stadt dem Leichenzuge begegnet

war, sprengte wie rasend durch das Thor und rannte dann in ungemessener

Eil durch Feld und Wald. Als er sich im Freien sah, stieß er

Verwünschungen gegen Welt und Schicksal aus, raufte sein Haar, fluchte

seinen Sternen und seiner Jugend und eilte dann wie bewußtlos weiter. Er

spornte dem Winde entgegen, der sich nächtlicherweise aufmachte, als

wenn er die Glut seiner Wangen abkühlen wollte. Als es später ward, sank

das Roß, das schon oft gestolpert war und das er knirschend immer wieder

aufriß, ermattet nieder, und er war gezwungen, seinen Weg zu Fuß

fortzusetzen. Er wußte nicht, wo er war, noch weniger, wohin er wollte;

nur sein Elend stand mit unauslöschlichen Zügen vor ihm, die Nichtigkeit

der Welt, die Unbeständigkeit alles Glücks. Verruchter Wahnsinn des

Lebens! rief er verzweifelnd durch die Nacht; so, so grausam erweckst du

mich aus meinem Schlummer? Tödtlich muß ich dich hassen um deine

Gaukeleien, deinen Aberwitz, um alle jene unsinnigen Hoffnungen, die

unsre Jugend anlachen, so freundlich auf unserm Wege mit uns gehn, und

wenn sie uns in die Wüste geführt, grinsend und höhnend davon fliegen.

Leben! Was ist dieses thörichte Gespinnst, dieser alberne Traum eines

Fieberkranken? Ein matter Schauer folgt auf den andern, ein verrücktes

Gebild verjagt das andre, unsre Wünsche springen in der kahlen Einöde

umher, und erkennen sich selber nicht. O Tod, o Ruhe, o Nichtsein, komm

zu mir, laß dich umarmen, und löse dieses stürmende Herz. Könnt' ich nur

gleich meine letzten Minuten in Krämpfen verknirschen, daß die

Morgensonne meine Stätte nicht mehr fände, daß kein Gedanke in mir ihrem

neuen Strahl entgegen grüßte. Bin ich denn nicht das elendeste Geschöpf,

das athmet? Um so ärmer, wie ich nur vor wenigen Stunden mich das

glücklichste dünkte. Wehe der Jugend, wehe der Liebe, wehe dem Gefühl

des Herzens, die sich so leicht, so gröblich täuschen lassen.

Ein Regen stöberte jetzt durch die kalte Luft, und bald wurden die

Tropfen größer und dichter. Der Jüngling wußte nicht, wohin er gerathen

war, der Wald lag schon fern hinter ihm, kein Obdach war in der Nähe. Er

fing an, seine Erinnerungen wieder zu sammeln, sein Schmerz ward milder,

Thränen flossen aus seinen Augen. Er haßte das Leben schon weniger, ihm

war, als wenn die Nacht selbst ihn trösten und seinen Kummer lindern

wollte. Ungewiß, ob er das gestürzte Roß wieder aufsuchen, ob er sich in

einem Graben vor dem Unwetter bergen sollte, sah er noch einmal um sich,

und entdeckte endlich, weit, weit hinab, hinter Thal und Busch ein

hüpfend Lichtlein, welches ihn wie ein freundliches Auge durch die dicke

Finsterniß zu sich winkte. Er eilte dem ungewissen Scheine nach, der

bald verschwand, bald wieder erglänzte. Alle seine Kräfte, seine Gefühle

waren wie in einem Schlummer gebunden, sein ganzes Dasein war wie in

einen Traum zergangen.

Ein Sturm machte sich auf, und schwere, tiefhangende Gewitterwolken

wälzten sich langsam herbei. Schon kam er Bäumen näher, wie es ihm

dünkte, aber die Finsterniß machte es ihm unmöglich, irgend etwas zu

unterscheiden. Er stürzte in eine Grube, als ein Blitz ihn blendete und

ein lauter Donnerschlag betäubte; wie er sich wieder aufraffte, war das

Licht, welches ihn gelockt hatte, schon nahe. Er klopfte an das kleine

Fenster, welches sich hinter einigen Bäumen zeigte, und bat um Einlaß

gegen Sturm und Ungewitter. Eine laute heisere Stimme antwortete von

innen, doch vernahm der Jüngling kein Wort, denn Sturm und Gewitter und

Regen, das Rauschen der Bäume, alles tobte jetzt so heftig

durcheinander, daß jeder andre Laut erstarb.

Die Thür des kleinen Hauses ging nach dem Garten, er mußte durch diesen

eilen, dann faßte ihn eine weibliche Hand, leitete ihn durch einen

finstern Gang, und eröffnete eine kleine Stube, aus welcher ihm der

Schein einer Lampe und das Feuer auf dem Heerde entgegen schimmerte. In

der Ecke saß bei der Lampe eine häßliche Alte und spann, das junge

Mädchen, das ihn hereingeführt hatte, machte sich am Heerde zu thun, und

lange konnte er vor dem ungewissen wankenden Schein die Gestalten nicht

näher prüfen, lange konnte kein Gespräch gangbar werden, weil das Getöse

des Donners alles übertäubte.

Das ist ein grausames Unwetter, sagte in einer Pause die Alte mit

krächzender Stimme. Woher seid Ihr denn, junger Mensch?

Ich komme von Padua, seit heut Abend.

Weither, rief die Alte, liegt ja sechs Stunden von hier. Wo wollt Ihr

denn hin, da hier keine Landstraße geht?

Weiß es nicht, mag es auch nicht wissen. Der Unglückliche ist nicht

fähig, einen Plan zu entwerfen, oder für die Zukunft zu sorgen. Wie wohl

würde mir seyn, wenn es für mich gar keine Zukunft gäbe.

Sprecht irre, junger Mensch, und das muß nicht seyn. -- Ei! rief sie

aus, indem sie die Lampe erhob und ihn näher betrachtete, ja gar ein

Florentiner! Das Wamms und den Kragen habe ich lange nicht gesehn. Je

nun, das hat mir wohl auch was Gutes zu bedeuten. Hat mir das garstige

Gewitter also einen lieben Gast bescheert; denn wißt nur, mein junger

Herr, ich bin auch aus dem gesegneten Lande. Ja, Florenz! Ach, wer doch

einmal wieder auf deinen Boden treten und die theuren Berge und Gärten

wieder sehn könnte! Und Euer Name, lieber, junger Herr?

Antonio Cavalcanti, sagte der Jüngling, der wegen der Landsmannschaft zu

der häßlichen Alten mehr Vertrauen faßte.

O welcher Ton, rief sie wie begeistert aus: ja Cavalcanti, so einen habe

ich vor Jahren wohl auch gekannt, einen Guido.

Der war mein Vater, rief Antonio.

Und lebt nicht mehr?

Nein, sagte der junge Mann, auch meine Mutter ist mir schon seit lange

entrissen.

Weiß es, weiß es, liebes, schönes, junges Kind. Ja, ja, es werden jetzt

schon fünfzehn Jahre seyn, daß sie gestorben ist. Ach ja, sie mußte wohl

dazumal in der bösen Zeit den Geist aufgeben. Und Euer lieber, guter

Vater, dem habe ich es einzig zu verdanken, daß die Richter mich nicht

einige Jahre nachher auf den Scheiterhaufen setzten, sie hatten sich's

einmal in den Kopf genommen, ich sei eine Hexe, und da half kein

Widersprechen. Aber der Herr Guido kämpfte mich durch, mit Vernunft und

Drohung, mit Bitten und Zorn, und sie haben mich denn bloß aus dem

lieben Lande verbannt. Und nun bringt mir das Donnerwetter den Sohn

meines Wohlthäters in meine kleine, arme Hütte. Gebt mir doch auch die

Hand darauf, junges Blut.

Antonio gab sie der Alten schaudernd, die er jetzt erst näher betrachten

konnte. Sie grinste ihn freundlich an, und zeigte zwei schwarze, lange

Zähne, die einen widerwärtigen Mund noch häßlicher machten, die Augen

waren klein und scharf, die Stirn gefurcht, das Kinn lang, sie streckte

zwei dürre Arme nach ihm aus, und als er sie wider Willen umfassen

mußte, fühlte er den Höcker, der die Häßlichkeit noch abscheulicher

machte. Nicht wahr? sagte sie mit erzwungenem Lachen, ich bin nicht

sonderlich hübsch, war es auch in meiner Jugend nicht. Es ist mit der

Schönheit etwas Besonderes, man kann eigentlich niemals sagen und

beschreiben, worin sie besteht, es ist immer nur eine Abwesenheit von

gewissen Dingen, die, wenn sie in ihrer Bestimmtheit da sind, das

ausmachen, was die Leute die Häßlichkeit nennen. Sagt mir einmal, was

findet Ihr denn nun so an mir wohl am widerwärtigsten?

Liebe Alte, sagte der Jüngling verlegen --

Nein, rief sie, rund mit der Wahrheit heraus, ohne alle Schmeichelei!

Jeder Mensch hat doch nun einmal die oder jene Gabe, und so bilde ich

mir nicht wenig darauf ein, daß mir alles das abgeht, was sie in der

Welt schön nennen. Nun, zeigt einmal Euren Geschmack. Sprecht!

Wenn ich muß, stotterte Antonio, dem trotz seiner Trauer ein Lächeln

jetzt auf die Lippen trat, die beiden Zähne wollen mir --

Ha, ha! rief die Alte laut lachend, die beiden guten lieben alten

schwarzen Zähne wollen Euch am wenigsten gefallen. Ich glaub' es wohl,

sie stehen wie zwei verbrannte Palisaden an einer zerstörten Vestung da

in dem weiten leeren Raum. Aber Ihr hättet mich vor zehn Jahren sehn

sollen, da war das Ding noch viel schlimmer. Dazumal hatt' ich den

ganzen Mund voll solcher entsetzlichen Hauer, und die mich lieb hatten,

wollten mir sagen, es sähe gräßlich aus. So fielen sie denn nach und

nach aus, und die beiden Stammhalter sind nur noch übrig geblieben. Wenn

sie einmal abgehn, so klappt das Maul völlig zu, die Oberlippe wird

dreimal so lang, und man kann wieder nicht wissen, was für ein Bildniß

dadurch zu Stande kommt. Die Zeit, mein lieber junger Freund, ist, wie

schon vor vielen Jahren einer gesagt hat, eine thörichte Künstlerin, sie

macht ein Bild leidlich hübsch, dann künstelt, schnitzelt, reckt und

stümpert sie am Menschen herum, zieht Nase und Kinn in die Länge, drückt

die Backen ein, pinselt die Stirn voller Falten, bis sie ein

Fratzengesicht zu Stande gebracht hat; dann schämt sie sich am Ende,

schmeißt den ganzen Bettel hin und deckt ihn mit Erde zu, damit nicht

alle Welt ihre Schande sehe. So glatt bleibt Ihr auch nicht, wie Ihr

jetzt in Eurer Politur glänzt. Ah! zeigt! freilich, Ihr habt Zähnchen

wie die reinsten Perlen. Schade, daß die müssen gebraucht werden, um

Brod und Rinderbraten zu kauen. Ei, ei, -- zeigt -- weiter auf den Mund

-- die stehn aber so sonderbar, -- hm! und der Augenzahn! Nun, das ist

zu bedenken.

Antonio wußte nicht, ob er schelten oder lachen sollte; doch zwang er

sich heiter zu seyn, und dem Geschwätz der Alten nachzugeben, die

gleichsam wegen früher Bekanntschaft mit der Familie eine sonderbare

Gewalt an ihm ausübte. Wie fuhr er aber entsetzt zusammen, als sie

plötzlich: Crescentia! ausrief.

Ums Himmels willen! sprach er erschüttert, kennt Ihr sie? Saht Ihr sie?

wißt Ihr von ihr?

Was ist Euch? heulte die Alte, muß ich sie doch wohl kennen, da sie

meine eigne Tochter ist. Seht nur selbst, wie die träge Dirne da

eingeschlafen sitzt, das Feuer ausgehn und die Suppe verkühlen läßt.

Sie nahm die Lampe und näherte sich dem Heerde; aber wie ward dem

Jünglinge, als er seine Geliebte heute zum zweitenmale wiedersah, fast

eben so, wie am Abend. Das blasse Haupt lag gesenkt, die Augen

geschlossen, alle Lineamente, auch die dunkeln Locken seiner Braut, eben

so hatte sie die kleinen Händchen gefaltet, zwischen welchen sie

ebenfalls ein Christusbild hielt. Das weiße Gewand half die Täuschung

erhöhen, nur fehlten die Blumen, doch webte die Dämmerung wie Kränze

schweren dunkeln Laubes um ihre Locken. Sie ist todt, seufzte Antonio,

sie starr betrachtend. -- Faul ist sie, die träge Dirne, sagte die Alte,

und schüttelte die schöne Schläferin wach; nichts als beten und

schlummern kann das unnütze Geschöpf.

Schriften 23: Novellen 7 · 第 21 / 26 段