Wundergestalten, die sich am Boden gekrümmt, die sich in der Luft
durcheinander gewunden hatten, verschwanden wieder. Er trocknete Schweiß
und Thränen ab und holte freier Athem. Sein Diener kam zurück und sagte:
Herr! alles ist ruhig und gut, aber lichte Gebilde zogen mir vorüber und
verschwanden in den dunklen Himmel hinein: darauf, wie ich unverwandt
nach dem Dom hinschaue, ertönt ein gewaltiger Klang, wie wenn alle
Saiten einer Harfe zugleich rissen, und ein Schlag geschah, daß die
Straße und alle Häuser zitterten. So riß sich dann die große Thür der
Kirche auf, Flöten erklangen süß und lieblich, und eine sanfte lichte
Klarheit ergoß sich aus dem Innern der Kirche. Gleich darauf trat ein
weibliches Gebild in den Schein, blaß, aber glänzend, mit Blumenkronen
geschmückt, sie schwebte aus dem Thor und Lichtstrahlen bereiteten ihr
eine Straße, auf welcher sie wandeln sollte. Das Haupt gerade, die Hände
gefaltet, so schwebt sie heran, auf unsre Wohnung zu. Ist es denn diese,
auf welche Ihr gewartet habt?
Nimm den goldnen Schlüssel, antwortete Pietro, und eröffne mit ihm das
innerste kostbarste Gemach meines Hauses. Die Purpurdecke ist
ausgebreitet, die Wohlgerüche duften. Dann fort und lege Dich nieder.
Forsche nicht weiter nach, was geschieht. Sei gehorsam und verschwiegen,
wenn Du Dein Leben achtest.
Kenne ich Euch doch, antwortete der Zwerg und entfernte sich mit dem
Schlüssel, indem er noch einmal wie einen schadenfrohen Blick zurück
warf.
Indem kam ein liebliches Gesäusel näher, Pietro ging nach dem Vorsaal,
und herein schwebte die blasse Leichengestalt der Crescentia, in ihrem
Todtenschmucke, das Crucifix noch in den gefaltenen Händen haltend. Er
stand vor ihr, sie schlug die großen Augen auf und schauderte in
lebhafter Bewegung vor ihm zurück, so daß vom schüttelnden Haupte die
Blumenkränze niedersanken. Stumm bog er die festgeschlossenen Hände
auseinander, in der linken aber behielt sie das Kreuz fest eingeklemmt.
An der rechten Hand führte er sie durch seine Gemächer, und sie ging
neben ihm, starr und ohne Theilnahme, ohne sich umzusehn.
Das fernste Gemach empfing sie. Purpur und Gold, Seide und Sammet
schmückten es kostbar aus. Durch die schweren Vorhänge schimmerte am
Tage das Licht nur matt herein. Er deutete hin auf das Lager, und die
Bewußtlose, wunderbar Belebte senkte und neigte sich wie eine
Lilienblume, die der Wind bewegt, sie fiel auf die rothen Decken und
athmete schmerzlich. Aus einem goldnen Fläschchen goß der Alte eine
kostbare Essenz in eine kleine Schale von Kristall und legte ihr diese
an den Mund. Die blassen Lippen schlürften den wunderbaren Trank, sie
schlug noch einmal das Auge auf, betrachtete ihren vormaligen Freund,
wandte sich mit dem Ausdruck des Abscheues um, und fiel in einen tiefen
Schlaf.
Sorgfältig verschloß der Alte wieder das Gemach. Alles im Hause war
ruhig. Er begab sich auf sein Zimmer, um unter seinen Büchern und
Zaubergeräthen den Aufgang der Sonne und die Geschäfte des Tages zu
erwarten.
* * * * *
Als der unglückliche Jüngling Antonio geruht hatte, ritt der Podesta am
folgenden Tage mit ihm und einem großen bewaffneten Gefolge aus, um jene
Hütte, die häßliche Alte und die Räuber aufzusuchen und zu fangen. Nach
der Erzählung Antonio's war der trostlose Vater sehr begierig geworden,
jenes Mädchen zu sehn, welches seiner verstorbenen Tochter so ähnlich
seyn sollte. Kann es seyn, sagte der Alte unterwegs, daß ein Traum, dem
ich mich nur zu oft überlassen habe, wirklich werden sollte?
Der Vater war so eilig, daß er dem Jüngling nicht weiter Rede stand. Sie
kamen in den benachbarten Wald, und hier glaubte sich Antonio noch zu
erkennen, und die Spuren wieder zu finden. Aber jene Nacht hatte ihn so
verwirrt, und seine Lebensgeister so heftig erschüttert, daß er nachher
seinen Weg nicht entdecken konnte, den er während des Sturmes und dem
Krachen des Donners, betäubt, zu Fuß, und über Acker und Feld irrend,
fortgesetzt hatte. Sie kreuzten das weite Gefilde nach allen Richtungen;
wo nur Bäume oder Gebüsche sich entdecken ließen, dahin spornte Antonio,
um die Räuberhütte und in ihr jene wundersame Erscheinung wieder
anzutreffen, oder wenigstens, wenn die Einwohner auch verschwunden seyn
sollten, wie er wohl glauben mußte, irgend eine Nachweisung zu erhalten.
Der Podesta glaubte endlich, als man schon einen großen Theil des Tages
so umgeirrt war, die erhitzte Einbildung des Jünglings habe nur in der
Verwilderung seines Schmerzes diese Erscheinungen gesehn. Das Glück,
rief er aus, wäre zu groß, und ich bin nur zum Unglück geboren.
In einem Dorfe mußte man die Pferde und die Diener verschnaufen lassen.
Die Bewohner wollten nichts von so verdächtigen Nachbarn wissen, auch
hatte man in der Umgegend die Leichname der Erschlagenen nicht gefunden.
Nach kurzer Frist machte sich Antonio wieder auf den Weg, obgleich der
Podesta ihm mit größerem Mißtrauen folgte. Bei jedem Bauer, der ihnen
aufstieß, wurden Erkundigungen eingezogen, doch keiner wußte irgend eine
bestimmte Nachricht zu geben. Gegen Abend traf man auf einen scheinbar
zerstörten Platz, Asche und Schutt lag umher, einige verkohlte Balken
zeigten sich zwischen den Steinen: Bäume, die nahe standen, waren
verbrannt. Jetzt schien sich der Jüngling wieder zu erkennen. Hier, so
meinte er mit Bestimmtheit, sei der Aufenthalt der Mörder und jener
wunderbaren Crescentia gewesen. Man machte Halt. Weit und breit war in
der wüsten Gegend kein Haus zu sehn, kein Mensch war zu errufen. Ein
Diener ritt zum nächsten Ort und brachte nach einer Stunde einen Alten
zu Pferde mit sich. Dieser wollte wissen, daß schon seit einem Jahre
eine Hütte hier abgebrannt sei, von Soldaten angezündet, der Eigenthümer
des Feldes sei schon seit zehn Jahren in Rom, wo er ein versprochenes
geistliches Amt erwarte, der Verwalter desselben aber nach Ravenna
gereist, um eine alte Schuld einzukassiren.
Verdrossen und ermüdet begaben sich die Reisenden zur Stadt zurück. Der
Podesta Ambrosio ging damit um, seine Stelle aufzugeben, sich von allen
Geschäften zurück zu ziehn, und selbst Padua zu verlassen, wo ihn alles
nur an sein Unglück erinnerte. Antonio wollte in der Schule des
berühmten Apone sein Elend ertragen und vielleicht vergessen lernen. Er
zog in das Haus dieses großen Mannes, welcher ihm schon seit lange
gewogen war.
* * * * *
Also auch Ihr, sagte nach einiger Zeit der kleine Priester zum
tiefsinnigen Antonio, habt Euch diesem unglücklichen Studio und jenem
verderblichen Manne ergeben, der Eure Seele verführen wird?
Warum zürnt Ihr, antwortete Antonio freundlich, Ihr frommer Mann? Soll
Religion und Wissenschaft sich nicht freundlich die Hand bieten dürfen,
wie es in diesem trefflichen Lehrer geschieht? Er, den die ganze Welt
verehrt, den die Fürsten schätzen und lieben, den der heilige Vater
selber bald zu einer geistlichen Würde erheben will? Warum haßt Ihr den,
der Euch und jedermann mit Liebe entgegen kommt? Wüßtet Ihr, wie seine
Lehre mich tröstet, wie er meinen Geist erhebt und zum Himmel richtet,
wie in seinem Munde Frömmigkeit und Religion die begeisterten Worte und
Bilder finden, die seine Schüler, wie mit Schwingen des Geistes, in die
überirdischen Regionen führen, Ihr würdet nicht so unbillig von ihm
denken und sprechen. Lernt ihn näher kennen, sucht seinen Umgang, kommt
dem, der keinen zurück weiset, freundlich entgegen, und Ihr werdet mit
Reue und in Liebe Euren Haß, Euer voreiliges Urtheil über ihn
widerrufen.
Ihm? rief der Priester, nein nimmermehr! Wahrt Euch selbst, Jüngling,
vor ihm und seinem höllenbezeichneten Diener, der keinen so arglistig,
wie sein Meister, belügen kann.
Es ist wahr, erwiederte Antonio, der kleine Beresynth ist eine
lächerliche und auch häßliche Figur, mich wundert selbst, daß ihn der
edle Pietro so beständig in allen seinen Zimmern und Geschäften um sich
dulden mag: aber sollen Höcker und andre häßliche Abzeichen uns gegen
einen Armen, den die Natur vernachlässigt hat, grausam machen?
Schöne Worte, herrliche Redensarten! rief der Priester ungeduldig aus:
bei diesen Gesinnungen gedeihen freilich Zauberer und Betrüger. Seht! da
kommt das Scheusal, das ich nicht anschauen, viel weniger mit ihm etwas
verhandeln mag. Wen der Herr auf diese Weise gezeichnet hat, der ist
kenntlich genug, und jedermann, in dem noch nicht alles Gefühl erloschen
ist, gehe ihm aus dem Wege.
Beresynth, der die letzten Worte gehört hatte, machte sich in einigen
seltsamen Sprüngen herbei. Hochwürdiger Herr, rief er aus, seid Ihr denn
etwa selbst von so ausbündiger Schönheit, daß Ihr so unbillig urtheilen
dürft? Mein Herr ist von Jugend auf ein majestätischer herrlicher Mann
gewesen, und der denkt doch von mir und meines gleichen ganz anders.
Was? Ihr kleiner, untersetzter, verstumpfter, kollriger Mann, dem die
Nase vor Zorne fast immer roth anläuft? Ihr mit Euren krummen
Mundwinkeln, mit den verzwickten Falten in der kleinen Stirn, Ihr wollt
von meiner Häßlichkeit rumoren? Kuckt das Zwerglein doch kaum über die
Kanzel hinaus, wenn es dorten handthiert, und ist so schmalbeinig und
schmächtig, daß er nicht über den großen Platz gehn darf, wenn der Wind
einmal stark weht; den die Gemeine kaum erkennt, wenn er vor dem Altar
gestikulirt, wobei ihr der christliche Glaube nachhelfen muß, in der
Hoffnung, er sei wirklich zugegen: -- wie, ein solcher Knirps und
geistlicher Nirgendgesehn will hier wie Goliath Rede führen? Laßt Euch
dienen, unansehnlich Gottseliger, daß man aus meiner Nase allein einen
solchen Glaubenshelden, wie Ihr seid, formiren könnte, wobei ich meinen
doppelten Höcker vorn und hinten noch gar nicht einmal in die Rechnung
bringe.
Der erzürnte Priester Theodor hatte sich schon vor dem Schluß dieser
Rede entfernt, und der melancholische Antonio verwies dem kleinen
Gesellen seinen Muthwillen; doch dieser rief aus: fangt Ihr nur nicht
auch an zu moralisiren! das leide ich einmal von keinem andern als
meinem Herrn, denn der ist dazu in der Welt, die Moral, die Philosophie
und dergleichen zu doziren. Aber diese Windfahne von Mönch da, die nur
von Neid und Bosheit so knarrend herum gedreht wird, weil er meint, ihm
geschieht durch meinen herrlichen Meister ein Abbruch an Autorität, Geld
und Gut, der soll nicht den zahnlosen Mund aufthun, wo ich mein
ungewaschnes Maul nur irgend brauchen kann; und von einem jungen
Studenten leide ich auch keine Widerrede, denn ich habe mir schon den
Bart verschneiden lassen, als Euer Vater noch im Westerhemdchen lief;
Prügel in der Schule und den Esel bekam ich schon umgehängt, als sie
Eurem erlauchten Großvater die ersten Hosen anthaten, darum erzeigt den
Respect da, wo er hingehört und vergeßt niemals, wen Ihr vor Euch habt.
Erzürne Dich nicht, kleiner Mann, sagte Antonio, ich meine es gut mit
Dir.
Meint's, wie Ihr wollt, rief jener. Mein Herr wird Prälat, wißt Ihr das
schon? Und Rektor der Universität! Und eine neue goldne Gnadenkette hat
er von Paris erhalten! Und Ihr sollt zu ihm kommen, weil er verreisen
und Euch vorher noch einmal sprechen will. Schleppt Euch nicht mit
Pfaffen so herum, wenn Ihr ein Philosoph seyn wollt.
In krummen, wunderlichen Sätzen sprang er wieder die Straße hinüber, und
Antonio sagte zu Alfonso, der jetzt hinzutrat, und seit einiger Zeit
sich oft freundlich zu ihm gesellte: ich weiß niemals, wenn ich mit der
kleinen Mißgeburt rede, ob sie ihre Worte ernsthaft, oder nur im Scherze
meint. Scheint er doch über sich selbst und alle Creatur zu spotten.
Das ist ihm, antwortete Alfonso, ein nothwendiger Ersatz, um sich über
seine Ungestalt zu trösten, denn durch seinen Hohn macht er in seiner
Einbildung alle übrigen Geschöpfe sich gleich. Aber wißt Ihr schon von
den neuen Ehren, die unserm herrlichen Lehrer und Meister zugetheilt
sind?
Die Welt, erwiederte Antonio, erkennt sein hohes Verdienst, und daß auch
der Papst, unser heiliger Vater, ihn jetzt zum Prälaten macht, das wird
den neidischen Priestern und Mönchen, die den tugendhaften und frommen
Mann immerdar verketzern wollen, endlich Schweigen gebieten.
Sie trennten sich, und Antonio eilte, von seinem Lehrer auf einige Tage
Abschied zu nehmen. Der kleine Zwerg Beresynth erwartete ihn schon in
der Thür mit grinsender Freundlichkeit.
* * * * *
In den Zimmern war es schon trübe, und da Beresynth den Jüngling
verließ, so ging dieser, der seinen Lehrer im Saale, auch in seiner
Bücherstube nicht traf, durch die vielen Gemächer, und gelangte so bis
in das innerste, welches er noch niemals betreten hatte. Bei einer
dämmernden Lampe saß hier Pietro und verwunderte sich nicht wenig, den
Florentiner eintreten zu sehn, der über die Gerippe, seltsamen
Instrumente und den wunderlichen Hausrath des Greises erstaunt war.
Nicht ohne Verlegenheit näherte sich der Alte. Ich hatte Euch hier nicht
erwartet, sagte er, sondern dachte Euch draußen zu treffen, oder Euch
oben in Eurem eigenen Zimmer aufzusuchen. Ich soll dem Abgesandten des
Papstes, unsers heiligen Vaters, entgegen reisen, um sein Schreiben und
die neue Würde, die seine Gnade und väterliche Güte mir mittheilt,
demüthig und dankbar vom Prälaten dort anzunehmen.
Antonio war befangen, und schien die Instrumente und den unbekannten
Apparat genau zu betrachten. Ihr verwundert Euch, sagte der Alte
endlich, über alle diese Dinge, die mir zu meinen Studien nöthig sind;
wenn Ihr einmal meine Vorlesungen über die Natur besucht habt, werde ich
Euch in Zukunft alles erklären können, was Euch jetzt vielleicht
unbegreiflich erscheint.
Doch in diesem Augenblicke ereignete sich etwas, das Antonio's
Aufmerksamkeit von allen diesen Gegenständen abzog. Eine Thür, die
verschlossen schien, war nur angelehnt, sie that sich auf, und der
Jüngling sah in ein Gemach, das mit purpurrothem Lichte erfüllt war,
aber in dieser Rosengluth stand an der Thür ein bleiches Gespenst,
welches winkte und lächelte. Mit Blitzesschnelle wendete der Alte sich
um, warf donnernd die Thür in das Schloß, und verriegelte sie mit einem
goldenen Schlüssel. Zitternd und leichenblaß warf er sich dann in einen
Sessel, indem ihm große Schweißtropfen von der Stirne rannen. Als er
sich etwas erholt hatte, winkte er, noch immer zitternd, Antonio herbei
und sagte mit bebender Stimme: auch dieses Geheimniß, mein junger
Freund, wird Euch einmal deutlich werden; denke, mein geliebter Sohn,
das Beste von mir. Dich vor allen, Du Leidender, Du Vielgeliebter, will
ich in mein tiefstes Wissen dringen lassen, Du sollst mein wahrer
Schüler, mein Erbe werden. Aber laß mich jetzt, geh nun hinauf zu Deinem
einsamen Zimmer und rufe im brünstigen Gebete den Himmel und seine
heiligen Kräfte zu Deinem Beistande auf.
Antonio konnte nicht antworten, so war er von der Erscheinung überrascht
und entsetzt, so hatte ihn die Rede seines verehrten Lehrers verwirrt,
denn ihm schien, als müsse dieser einen Zorn unterdrücken, als leuchte
ein verhaltener Grimm aus seinen feurigen Augen, die nach dem
plötzlichen Erlöschen schnell einen stärkern Glanz ausstrahlten.
Er ging und im Vorzimmer fand er Beresynth, der mit grinsendem Gesicht
Fliegen haschte, die er dann einem Affen zuwarf. Beide schienen im
Wettstreit begriffen, wer die ärgsten Fratzen hervorbringen könnte. Der
Meister rief jetzt laut den Diener, und die Mißgestalt hüpfte hinein.
Antonio vernahm einen lauten Wortwechsel, und Pietro schien sehr zornig.
Weinend und heulend kam Beresynth aus dem Zimmer, ein Blutstrom floß
über die ungeheure Nase hinab. Kann er nicht selbst seine Thüren
verschließen, krächzte die Mißgeburt, der Allerweltsweise und
Allmächtige? Ist der Herr dumm, so muß der Diener die Schuld tragen.
Scheert Ihr Euch, Allverehrtester, auf Eure Dachkammer hinauf, und laßt
mich mit meinem guten Freund, dem lieben Pavian da, in Ruhe. Der hat
noch ein menschliches Herz, der liebe, getreue. Ein lustiger Bruder, wie
er ist, und doch in der Zartheit ein recht ausbündiger Kerl. Marsch da!
Der Pylades will wieder Fliegen speisen, die ihm sein Orest
zusammenfangen muß.
Antonio verließ wie betäubt den Saal.
* * * * *
Der florentinische Jüngling war in das Haus seines Lehrers gezogen, um
ganz ungestört seinen Leiden und Studien leben zu können. Oben im
entferntesten und höchsten Gemache des Hauses hatte er sich
eingerichtet, um recht einsam und von Menschen unbesucht zu leben. Wenn
er von hier die schönen und fruchtbaren Gefilde des Landes übersah und
dem Laufe des Stromes mit den Blicken folgte, so dachte er um so inniger
seiner entschwundenen Geliebten. Er hatte ihr Bild von den Eltern
bekommen, und einiges Geräth, mit welchem sie als Kind gespielt hatte;
vorzüglich lieb war ihm eine Nachtigall, die ihm in ihren rührenden
Klagegesängen nur sein eigenes Leid auszutönen schien. Dieser Vogel war
von Crescentien mit Sorgfalt und Liebe gepflegt worden, und der
schwärmende Jüngling bewahrte ihn als ein Heiligthum, als den letzten
Ueberrest seines irdischen Glückes.
Andre Jünglinge seines Alters sahe er nicht, außer dem Spanier Alfonso,
mit welchem ihn der gleiche Enthusiasmus für die Größe des Pietro Abano
vereinigte. Der Podesta Ambrosio hatte seine Stelle niedergelegt und die
Stadt verlassen, er wollte in Rom seine letzten Tage verleben, um sich
seinen Verwandten in Venedig zu entziehn. Er hatte es aufgegeben, die
frühgeraubte Zwillingstochter wieder zu finden, und es schmerzte ihn um
so inniger, daß Antonio ihm diese Hoffnung so erschütternd wieder in
seine Seele gerufen hatte. Er war überzeugt, der Jüngling habe ihn und
sich selbst mit den Fieber-Phantasien jener Nacht getäuscht.
Am Morgen reiste Pietro mit seinem getreuen Diener ab. Antonio war ganz
allein im großen Hause, dessen Zimmer alle verschlossen waren. Die Nacht
war ihm schlaflos hingegangen. Immer stand ihm das entsetzliche Gebild
vor Augen, das ihm, wie es ihn erschüttert hatte, doch die schönsten
Empfindungen zurück rief. Ihm war, als wenn jede Kraft zu denken in ihm
erstorben sei, Gebilde, die er nicht festhalten konnte, bewegten sich in
ewig umschwingenden Kreisen vor seiner Phantasie. Die Empfindung war ihm
fürchterlich, daß er an seinem verehrten Lehrer irre wurde, daß er
unerlaubte Geheimnisse und ein Entsetzen ahndete, das seit jenem Blick
ins Gemach hinein auf ihn zu warten schien, um ihm allen Lebensmuth zu
rauben, oder ihn einem verzweifelnden Wahnsinn zu überliefern.
Die Nachtigall sang eben vor seinem Fenster, und er sah, daß es stürmte
und regnete. Vorsorglich nahm er sie herein und stellte sie hoch auf
einen alten Wandschrank hinauf. Indem er sich überbog, um den Käfig
sicher zu stellen, riß die Kette, an welcher er das Bildniß seiner
Geliebten trug, und das Gemälde rollte nach der Wand zu, und hinter den
eichenen alten Brettern hinab. Der Unglückliche wird auch von
Kleinigkeiten erschreckt. Eilig stieg er hinunter, um sein geliebtes
Kleinod wieder zu suchen. Er bückte sich, aber so sehr er auch forschte,
war es unter dem großen schweren Schranke nicht anzutreffen. Alles, das
Große wie das Kleine in seinem Leben, schien ihn wie eine Bezauberung zu
verfolgen. Er schüttelte an dem alten Gerüste, und wollte es aus der
Stelle schieben, aber es war in der Mauer verfestigt. Sein Ungestüm
wurde mit jedem Hinderniß heftiger. Er faßte eine alte Eisenstange, die
er im Vorzimmer fand, und arbeitete mit aller Anstrengung seiner Kräfte,
den Schrein zu rücken, und endlich, nach vielem Heben, Stemmen und
hundert vergeblichen Bemühungen geschah ein Riß mit lautem Krachen, als
wenn eine eiserne Klammer oder Kette gesprungen wäre. Jetzt wich
allmählig das Gebäude und Antonio vermochte es endlich, sich zwischen
dieses und die Wand einzudrängen. Er sah sogleich sein geliebtes
Bildniß. Es lag auf dem breiten Knauf einer Thür, die in der Mauer war.
Er küßte es, und drehte den Griff, welcher nachgab. Die Thür öffnete
sich, und er fiel darauf, den großen Schrank noch etwas mehr zurück zu
schieben, um diese Seltsamkeit näher zu untersuchen, denn er glaubte,
daß der Besitzer des Hauses diese geheime Oeffnung, die mit so vieler
Sorgfalt, und wie es schien, seit so langer Zeit verdeckt war, selber
nicht kenne. Als er sich mehr Raum verschafft hatte, sah er, daß hinter
der Thür eine enge gewundene Stiege sich hinabsenkte. Er stieg einige
Stufen hinunter, die dichteste Finsterniß umgab ihn. Er schritt weiter
und immer weiter, die Treppe schien bis in die untern Gemächer
hinabzuführen. Schon wollte er umkehren, als er auf eine Hemmung stieß,
denn die Wendelstiege war nun zu Ende. Indem er in der Dunkelheit auf
und nieder tastete, traf seine Hand auf einen erznen Ring, den er anzog,
und sogleich öffnete sich die Mauer und ein rother Glanz quoll ihm
entgegen. Noch ehe er in die Oeffnung hineintrat, untersuchte er die
Thür und fand, daß eine Feder, die der Ring in Bewegung gesetzt, sie ihm
aufgethan hatte. Er lehnte sie an und schritt behutsam in das Gemach.
Rothe kostbare Teppiche schmückten es, mit Purpurdecken von schwerer
Seide waren die Fenster verhängt, ein Bett, von glänzendem Scharlach mit
Gold verziert, stand im Zimmer. Alles war still, man hörte das Getöse
der Straße nicht, die Fenster gingen nach dem kleinen Garten. Mit
beklemmter Brust stand der Jüngling im Gemach, er horchte aufmerksam und
endlich dünkte ihm, er vernähme das Säuseln des Athems, wie von einem
Schlafenden. Mit klopfendem Herzen wandte er sich um, und ging vor, um
zu spähn, ob auf dem Bette jemand ruhe, er schlug die seidenen Vorhänge
zurück -- und glaubte nur zu träumen, denn vor ihm lag, leichenblaß,
aber süß schlummernd, das Bildniß seiner geliebtesten Crescentia. Der
Busen hob sich sichtlich, wie eine leichte Röthe war den blassen Lippen
angeflogen, die, zart geschlossen, von einem sanften Lächeln unmerklich
bewegt wurden. Das Haar war aufgelöst und lag in seinen schweren dunkeln
Locken auf den Schultern. Das Kleid war weiß, der Gürtel eine goldne
Spange. Lange stand Antonio im Anschauen versenkt, endlich, wie von
einer übernatürlichen Gewalt getrieben, faßte er die weiße, schöne Hand,
und wollte die Schläferin gewaltsam emporziehen. Diese stieß einen
klagenden Schrei aus, und erschreckt ließ er den Arm wieder fahren, der
ermüdet in die Kissen sank. Doch war der Traum, so schien es, entflogen,
das Netz des Schlummers, welches das wundersame Bildniß umschlossen
hielt, war zerrissen, und wie Wolken und Nebel sich im leisen
Morgenwinde in wallenden Gestaltungen an den Bergen hinbewegen und
wechselnd auf und nieder sinken, so rührte sich die Schläferin, dehnte
sich wie ohnmächtig, und strebte in langsamen anmuthigen Bewegungen dem
Erwachen entgegen. Die Arme streckten sich empor, so daß die weiten
Aermel zurück fielen und die volle schöne Rundung zeigten, die Hände
falteten sich und sanken dann wieder nieder; das Haupt erhob sich und
der glänzende Nacken richtete sich frei auf, doch waren die Augen immer
noch geschlossen, die Locken fielen schwarz in das Gesicht hinein, doch
strichen die feinen langen Finger sie zurück; ganz aufrecht sitzend
kreuzte die Schöne nun die Arme über die Brust, stieß einen schweren
Seufzer aus und plötzlich standen die großen Augen weit offen und
glänzend.
Sie betrachtete den Jüngling, als sähe sie ihn nicht, sie schüttelte das
Haupt und ergriff jetzt die goldne Quaste, die über ihr am Bette
befestigt war, richtete sich kräftig auf, und auf den Füßen stand jetzt
in der purpurnen Umhüllung hoch aufgerichtet die große schlanke Gestalt,
sie schritt dann sicher und fest vom Lager herunter, ging auf Antonio,
der zurück gewichen war, einige Schritte zu, und mit einem kindischen
Ausruf der Ueberraschung, wie wenn Kinder sich plötzlich über ein neues
Spielzeug erfreuen, legte sie ihm die Hand auf die Schulter, lächelte
ihn holdselig an und rief mit sanfter Stimme: Antonio!
Dieser von Furcht, Entsetzen, Freude, Ueberraschung und dem tiefsten
Mitleiden durchdrungen, wußte nicht, ob er fliehen, sie umarmen, zu
ihren Füßen stürzen, oder in Thränen aufgelöst sterben sollte. Das war
derselbe Ton, den er sonst so oft und so gern vernommen hatte, bei dem
sich sein ganzes Herz umwendete. Du lebst? rief er mit einer Stimme, die
sein überschwellendes Gefühl erstickte.
Das süße Lächeln, das von den blassen Lippen aus über die Wangen bis in
die strahlenden Augen aufgegangen war, zerbrach plötzlich und ging in
einen starren Ausdruck des tiefsten, des unsäglichsten Schmerzes unter.
Antonio konnte den Blick dieser Augen nicht aushalten, er bedeckte mit
den Händen sein Gesicht und schrie: bist Du ein Gespenst?
Die Erscheinung trat noch näher, drückte mit ihren Händen seine Arme
nieder, so daß sein Antlitz frei wurde, und sagte mit sanft bebender
Stimme: Nein, sieh mich an, ich bin nicht todt, und lebe doch nicht.
Reich' mir die Schaale dort.