Sangerheim: Still! meine Freunde. -- Er blieb stehn, als wenn er auf
Etwas horchte, dann nickte er, schüttelte mit dem Kopfe, murmelte einige
Worte, und machte wieder die Geberde, als wenn er gespannt einer Rede
zuhöre. Nach einer Weile sagte er: Warten Sie hier einen Augenblick.
Wovon ich eben sprach, hat leider stattgefunden. Eine Kleinigkeit habe
ich heute beim Aufstehn unterlassen, das Zeichen vor meinem Bette und an
der Thür meines Schlafzimmers ist nicht in rechter Weise aufgelöset
worden, nun jagen mir die Ungestümen nach und wagen es, zu drohen.
Warten Sie hier einen Augenblick, dort in der Einsamkeit werde ich sie
schon zu zwingen wissen, sie sollen zitternd ihren Meister erkennen, und
mir nicht zum zweiten Male drohen.
Er entfernte sich mit triumphirender Miene und in stolzer Zuversicht.
Als er hinter den Gebüschen verschwunden war, hörte man Zank und Streit
von vielen verschiedenen Stimmen, und Sangerheims donnernden Ton
abwechselnd dazwischen, dann einen Knall, wie einen Schuß. Hierauf
Stille.
Alle sahen sich erwartend an. Der Rath ging ahndungsvoll zuerst nach dem
Platz. Der Unglückliche lag todt am Boden, das Pistol neben ihm.
Die Geister haben ihn ermordet! schrie der Arzt heftig: o die Elenden,
Schändlichen! O Liebster, so bist Du denn doch das Opfer Deines
Enthusiasmus, Deines brennenden Eifers für die Wissenschaft geworden!
Der Rath sagte kein Wort; jedes schien ihm überflüssig. -- Man machte in
der Stadt eine Anzeige von diesem Vorfall, und am folgenden Tage ward
der Leichnam beerdigt.
Seltsam genug, daß manche der aufgeklärten Freimaurer, die von diesem
Sangerheim so schlimm waren verfolgt worden, jetzt auch die Meinung
aussprachen, er sei von seinen Geistern, die aber bösartige wären, zur
Strafe aller seiner Frevel vernichtet worden. --
Am andern Tage versammelte der geheime Rath die vertrautesten Freunde
des Abgeschiedenen in seiner Wohnung. Man lösete langsam und bedächtig
die Siegel des geheimnißreichen Paketes, eine Scheide nach der andern,
und wickelte einen Umschlag aus dem andern. Jener Knall, der schon
einmal den Rath erschreckt hatte, ließ sich wieder hören. Keiner von
Allen war in solcher Spannung, als der Arzt Huber. Endlich war Nichts
mehr aufzuknüpfen und kein Petschaft mehr aufzubrechen, und offen lag
vor Aller Augen der Inhalt. -- Eine alte französische Grammatik, drei
alte Kalender, viel Makulatur.
Die Erbschaft eines Wunderthäters, sagte der Rath kalt. Erst jetzt
verachtete er den Magier völlig. Nein! rief Huber in großem Eifer; die
boshaften Geister haben auch seine wichtigen Geheimnisse scheinbar
verwandelt, um unser Aller Augen auf eine Zeitlang zu blenden. Wenn wir
uns nicht thören lassen, so müssen bald die ächten Skripturen an die
Stelle dieser Makulatur zurückkehren. Und so bemächtige ich mich, im
Namen der Kunst, dieser unscheinbaren Papiere, um sie vom Untergange zu
retten. Kann auch seyn, daß im Bande, zwischen den Blättern, oder in
Punkten und unterstrichenen Buchstaben das Mysterium niedergelegt ist.
Ich werde wenigstens Tag und Nacht studiren.
Man ließ ihn gewähren und würdigte ihn keiner Antwort. --
* * * * *
Das Schicksal Sangerheims war beschlossen, und die meisten seiner
ehemaligen Bewunderer gaben ihre Bestrebungen auf, retteten Geld und
Zeit und kehrten zu besseren Beschäftigungen zurück. Nur Huber saß
unermüdet bei seinen Makulaturen, den alten Kalendern und seiner
französischen Grammatik, suchte und rechnete, und glaubte, nachdem er
lange studirt hatte, auch viel Wichtiges gefunden zu haben.
Schmaling und Clara waren verheirathet. Ihr Glück ward durch gute und
gesunde Kinder erhöht und man konnte die Familie des Rathes eine
glückliche nennen, wenn nicht Anton in ihr gefehlt hätte, von dem man
seit Jahren gar keine Nachricht hatte. Auch Feliciano, nachdem er lange
an verschiedenen Orten in Europa mit mehr oder minder Glück seine Rolle
gespielt hatte, war endlich, da Keiner mehr, auch der erst Verblendete
nicht, an seinem Betruge zweifelte, nach manchen Abentheuern
untergegangen.
Die Gattin des Rathes pflegte ihre Enkel, und Clara, die jetzt Nichts
mehr zu bekämpfen hatte, durfte mit Sicherheit ihren Charakter, so wie
die Anlagen ihres Geistes ausbilden. Sie fürchtete nun nicht mehr die
Bilder der Phantasie, die poetischen Mährchen, oder das Geheimnißvolle
in dieser oder jener Dichtung, weil es ihr nicht mehr feindlich
gegenüber stand, und sie über den Charakter ihres liebenswürdigen Gatten
beruhigt war. Dieser, einmal enttäuscht, fühlte niemals die Versuchung
wieder, sich in jenes Labyrinth zu begeben, dessen Irrgänge er hatte
kennen lernen, und denen er so glücklich entflohen war.
So waren im ruhigen Glücke mehr als zwölf Jahre verflossen, als sich an
einem Morgen früh beim geheimen Rathe ein Fremder anmelden ließ, der
darauf bestand, den Herrn selbst zu sprechen, und sich vom Diener nicht
wollte abweisen lassen. Die Thüre des Arbeitszimmers ward ihm endlich
geöffnet, und es trat ein Mann von mittlerem Alter hinein, verwildert,
ohne Haltung und Betragen, der, als ihn der Rath fragte, was er begehre,
nur kurz antwortete: Und Sie kennen mich wirklich nicht mehr? Eine
Ahndung ergriff den Vater: Sie sind doch nicht -- Du bist doch nicht
Anton? -- Er schwankte und der unkenntlich gewordene Sohn fing ihn in
seinen Armen auf. Sie umfingen sich zärtlich und gerührt, dann setzten
sich Beide, um sich von ihrer Erschütterung zu erholen.
Bist Du wieder da? fing der Vater nach einer Weile an; aber es ist Dir,
wie es scheint, nicht gut ergangen.
Ja, lieber Vater, sagte Anton, Ihr Kind, wenn Sie es noch dafür erkennen
wollen, tritt fast wie der verlorne Sohn in sein väterliches Haus wieder
ein. Mein Schicksal ist ein elendes, mein Leben ein verlornes. Wenn Sie
mich verstoßen, so bin ich aller Schmach wieder dahin gegeben, dem
kläglichsten Jammer, dem ich freilich gern entfliehn möchte.
Wenn ich Dich Sohn, Anton nenne, sagte der Vater, so heißt das, daß Du
mir eben das seyn wirst, was Du mir ehemals warst. Du hattest Dich
verblenden lassen, und ich wenigstens kann Dir kein strenger Richter
seyn.
Wohl war ich verblendet, erwiederte Anton, und wie sehr! so, daß ich
noch jetzt immer vor diesem Zustande meiner Seele zurück schaudre. Das
gemeinste Kunststück, die elendeste Kundschafterei hatte damals den
Charlatan in den Besitz meines Geheimnisses gesetzt, das ich vor Ihnen
und vor allen meinen Freunden sorgsam verborgen hielt. Ich gestand mir
meine eigne Schlechtigkeit nicht, und hoffte, thöricht genug, Alles
solle sich wieder zurecht finden und ohne Spur vorüber gehn. Denn der
Gedanke war mir fürchterlich, Ihnen oder gar meiner Mutter eine solche
Schwiegertochter vorzuführen, in der Stadt alle meine Verbindungen zu
zerstören, und durch diese auffallende That mir selbst jeden Vorschritt
im bürgerlichen Leben unmöglich zu machen. Wie jener Feliciano nun mein
Gemüth so durch eine plötzliche Erschütterung, durch ein scheinbares
Wunder in seine Gewalt bekommen hatte, war ich ihm unbedingt und
leibeigen angehörig. Er war mir kein Sterblicher mehr, und dieselben
Künste und Studien, die ich noch kürzlich verlacht hatte, schienen mir
jetzt die einzigen würdigen. Ich wollte mein Leben an ihre Erforschung
setzen. Auch bildete ich mir ein, der Lieblingsschüler meines großen
Meisters zu seyn, der mich verachtete, weil mein hartes einfaches Wesen
für seine Absichten unbrauchbar erschien. -- Welche Gaukeleien er hier
trieb, wie sich selbst meine verständige Mutter eine Zeitlang von ihm
bethören ließ, von allen diesen Dingen sind Sie selbst Zeuge gewesen.
Aber wie wundersam vielgestaltig ist die menschliche Natur. So
unbegreiflich, und doch wieder so verständlich. Meine Gattin, dieses
schlichte Bauernmädchen, dieses ehrliche Wesen, dem früher meine Liebe
das Höchste, ja das einzige Gut des Lebens gewesen war, ward bald ein
Liebling meines großen Lehrers. Er behauptete, sie sei von der Natur
ganz eigen begabt, um der wichtigsten Geheimnisse theilhaftig zu werden,
sie würde in den weiblichen Logen bald die höchsten Grade ersteigen, und
dann ebenso wie seine eigne Gattin, das Mysterium finden, Jahrhunderte
zu überleben, und mit Geistern und Abgeschiedenen Gemeinschaft zu haben.
Ich glaubte Alles und erwartete von jeder Woche, dann von jedem Monat,
ebenfalls ein Eingeweihter zu werden. Mein Lehrer spielte indessen dort
im Norden eine wichtige Rolle und ein großes Spiel. Gold und Juwelen,
die größten Summen, schienen ihm, wie er damit umging, nur Tand. Was
verhieß er mir, welche Aussichten eröffnete er meinen trunkenen
Hoffnungen. Aber auch Opfer begehrte er von mir. Um mich zur Weihe
vorzubereiten, mußte ich die Gesellschaft meiner Gattin vermeiden,
fasten, jede weltliche Lust und Zerstreuung fliehen. Meine Frau, die mir
schon im Wissen vorgeschritten war, drang jetzt darauf, damit sie kein
Hinderniß mehr fände, sich mit den Geistern in Verbindung zu setzen und
selbst eine Unsterbliche zu werden, ich sollte einwilligen, daß wir
durch die Gerichte förmlich wieder getrennt und geschieden würden. Man
hatte meine Phantasie so erhitzt, ich erwartete selbst so wundersame
Dinge zu erfahren, sie strebte so eifrig nach dem höchsten Grade, daß
ich mich endlich überreden ließ, ja daß ich endlich die Nothwendigkeit
dieser Scheidung selber einsahe. Bald darauf war sie verschwunden. Der
Meister erklärte sich nicht, sondern sprach nur in geheimnißvollen
Winken, und gab zu verstehen, daß sie in diesen Augenblicken eines
großen Glückes genösse. Meine Einweihung zu den höheren Graden lehrte
mich aber nichts Neues, und ohnerachtet meiner blinden Ergebenheit und
meines Aberglaubens fing ich doch an, ungeduldig zu werden. Man
beschwichtigte mich wieder. Eine Thorheit löste die andere ab und so
verging die Zeit.
Wir mußten uns endlich schnell entfernen, und unsere Abreise glich fast
einer Flucht. Der Magier sagte mir zwar, daß große Begebenheiten und
Operationen, die sich nicht länger aufschieben ließen, ihn nach einem
fernen Lande riefen, indessen sah ich doch die Angst des Meisters, ich
bemerkte, wie seine wichtigsten Anhänger sich von ihm entfernten, und
die Binde fiel allgemach von meinen Augen nieder. Da ich aufmerksam
geworden war und ihn nicht mehr so, wie bisher fürchtete, konnte ich ihn
auch beobachten. Auf unsrer übereilten Reise gab er mir Bücher und
Papiere, auch viele offene Briefe, die, wie er mir sagte, keinen Werth
hätten, und die ich gelegentlich verbrennen könne. Für mich waren diese
aber sehr bedeutend, denn da ich, indem ich vorangeschickt wurde, um
sein Quartier zu machen, nur einen flüchtigen Blick in einige Blätter
gethan, sah ich wohl, daß der Weiseste der Menschen in Angst und
Uebereilung einen dummen Streich gemacht hatte. Er dachte nicht daran,
die Sachen zu vernichten, und Zeit mangelte ihm, sie anzusehn. Viele
Briefe enthielten die Geschichte meiner Frau. Sie war einem reichen
Fürsten geradezu verkauft worden. Sie hatte um die ganze Verhandlung
gewußt und sich mit der größten Feinheit und List betragen, und zwar so
sehr, daß sie den bethörten Fürsten vermocht hatte, sie zu seiner
Gemahlin zu erheben. Dieser aber, so wie sie, hatten dem Magier dafür,
daß er mich zur Scheidung bewogen und daß er den Fürsten ebenfalls
verblendet hatte, große Summen zahlen müssen. So war sie denn, was die
Welt so nennt, glücklich geworden. Gegen mich hatte sie sich schlecht
betragen, indessen verzieh ich ihr, da ich früher gegen sie nicht besser
gewesen war, und ich empfand einen tiefen Schmerz und Reue, indem ich
die Veranlassung gewesen, daß ein schlichtes einfaches Wesen so die
Talente zu List und Betrug zur Verderbniß ihrer Seele entwickelt hatte.
Denn aus den Briefen ging hervor, daß sie und der Graf sich völlig
verstanden, daß sie mit ihm über die Einfalt der Menschen, vorzüglich
über die meinige, lachte.
Als ich mit meinem großen Beschützer an Ort und Stelle gelangt war,
blieb ich noch eine Zeitlang in seiner Nähe, um seine Künste zu
beobachten, zu denen er mich oft gebrauchte. Ich lebte im Ueberfluß,
aber ich kam mir vor, als sei ich der Croupier eines falschen Spielers.
Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich schrieb ihm Alles, was ich von
ihm wußte und dachte, und verließ ihn. Und gut, daß ich es gethan, denn
sonst wäre ich mit in jene Prozesse verwickelt worden, die sich bald
gegen ihn erhoben. Ich war nun frei, aber auch Nichts als frei, das
heißt, der armseligste Sclave, der Tyrannei eines jeden Augenblicks
Preis gegeben, vom Mangel und den Bedürfnissen der Natur gemißhandelt.
Mich Ihnen zu nähern, zurückzukehren, verbot mir eine mächtige Scham,
wohl eine falsche, denn Nichts wird so sehr mißverstanden, als das Wort
und der Begriff Ehre. Bald war ich Schreiber, bald Aufseher in einem
Hause, einigemal Comödiant, auch versuchte ich mich als Schriftsteller.
Ich konnte mich nie ganz fallen lassen und zu jener naiven
Niederträchtigkeit hinunter steigen, die ich an andern meines Gelichters
wahrnahm. Endlich nun, an mir und allen Menschen verzweifelnd, thu' ich
den Schritt, den ich vor manchem Jahre hätte wagen sollen.
Der Vater tröstete, beruhigte den Sohn. Er ließ ihm Kleider und Wäsche
holen, damit die Mutter nicht zu sehr erschreckt würde, wenn sie ihn in
dieser Gestalt wieder sehn sollte. Freude und Trauer war über seine
Rückkehr zugleich in der Familie, indessen fand man sich nach und nach
wieder zurecht und in einander und Anton zog auf das väterliche Gut
hinaus. Hier arbeitete er redlich mit dem Verwalter, lernte die
Landwirthschaft kennen und konnte nach einigen Jahren selber die
Bewirthschaftung desselben übernehmen. Er gewann die Liebe eines reichen
Fräuleins, mit der er als nützlicher Landmann glücklich lebte.
Ferner hatte indessen von seinem verlorenen Sohne nie wieder Etwas
erfahren, so sehr er sich auch bemüht und nach allen Gegenden
geschrieben hatte. Er war verschollen und der Vater glaubte, er sei
gestorben. Der Gelehrte mußte in Familienangelegenheiten eine Reise nach
dem südlichen Deutschland unternehmen. In einer mäßigen Stadt zeigte ein
Italiener, ein Taschenspieler, seine Künste. Der Professor war sonst
kein Freund dieser Gaukeleien, indessen ist auch der strenge Mann in der
Fremde leichteren Sinnes, als zu Hause, und da man von dem jungen Mann
als einem wahren Wunderthäter sprach, der Dinge zeige, die selbst andre
Spieler nicht begreifen könnten, so ging Ferner mit einer Gesellschaft,
neugierig gemacht, nach dem Saale. Was der junge Künstler ausführte, war
in der That bewunderungswürdig, besonders durch die leichte Sicherheit,
mit der er das Schwierigste scherzend zu Stande brachte. Indem der
Professor die schönen leichtfertigen Hände des Spielers betrachtete,
fiel ihm ein kleines braunes Mal am rechten Zeigefinger auf, er ward
aufmerksamer, betrachtete das Gesicht und forschte in den Augen, und
glaubte endlich überzeugt seyn zu können, dieser Taschenspieler sei sein
verlorener Sohn. Sein Herz war bewegt, und er konnte an den vielen
wunderbaren Erscheinungen keinen Antheil mehr nehmen.
Als das Schauspiel vorüber war, und sich die Zuschauer vergnügt und
befriedigt entfernten, blieb er, unbeobachtet, allein im Saale zurück.
Als dieser ganz leer war, redete er den fremden Künstler italienisch an,
um seine Frage vorzubereiten, dieser aber antwortete gleich deutsch, und
warf sich dem Vater in die Arme.
Nach einigen Reden, in welchen der Vater die Verlornen Jahre des Sohnes
beklagte, sagte dieser: Liebster Vater, ich erkannte Sie sogleich, als
Sie in den Saal traten, und alsbald nahm ich mir auch vor, mich Ihnen zu
erkennen zu geben, ob ich gleich bis jetzt gezögert habe, an Sie zu
schreiben, und mich Ihnen wieder zu nähern. Schelten Sie mein Handwerk
nicht, denn es nährt seinen Mann. Sie sehn auch, daß ich mich Professor
schreibe. Zwar habe ich Ihren geehrten Namen nicht beibehalten wollen,
sondern spiegle dem Volke vor, ich sei ein Italiener. Glauben Sie nur,
was ich jetzt treibe, ist ehrsam und achtenswürdig gegen das, was ich
bei jenem berühmten Grafen spielen mußte. Es ist Gnade des Himmels, daß
ich kein Bösewicht geworden, und noch so mit einem blauen Auge davon
gekommen bin. In der Hinsicht habe ich bei meinem Wunderthäter meine
Zeit nicht ganz verloren, indem ich ihm sehr scharf auf die Hände gesehn
habe. Ich habe Vieles von ihm gelernt, und so zeige ich unschuldig für
Geld so Manches, was er zu schlimmen Absichten und Betrug gebrauchte.
Ich unterhalte die Menschen, er plünderte sie, indem er sie zugleich
wahnsinnig machte. -- Ich verspreche Ihnen, nie nach Ihrer Stadt zu
kommen, aber besuchen Sie mich, wenn ich einmal in Ihrer Nähe bin.
Schreiben wir uns, Liebster, damit wir in Verbindung bleiben.
Diese Abrede wurde genommen und man führte sie aus. Der Vater war über
seinen Sohn beruhigt, und dieser gewann durch die Leichtigkeit seiner
Hand ein ziemliches Vermögen. --
In Seebachs Hause wäre Alles glücklich und heiter gewesen, wenn der
neunzigjährige Obrist nicht Clara, die Mutter und Schmaling neuerdings
geängstigt hätte. Gegen ihn, der schwach wurde, ließ sich der Rath am
meisten gehn, und so war der Greis der Vertraute von so manchem kleinen
Geheimniß, das den Uebrigen verschwiegen wurde. Diesen erzählte der
Obrist in vertrauten Stunden, daß sein Schwiegersohn sich wiederum in
eine Correspondenz eingelassen habe, die ihm gar nicht gefallen wolle.
Der Ton dieser Briefe sei sehr fromm und mysteriös: Anfangs habe der
Rath Alles von sich gewiesen, dann habe er nach und nach Interesse
gefaßt, sei gläubiger geworden, und hoffe nun doch noch von ehrbaren
Männern, die sich ihm in jedem Briefe näherten und bestimmter
bezeichneten, etwas Großes zu erfahren. Und so ist es merkwürdig, schloß
der Alte seinen Bericht, daß eine bestimmte Leidenschaft zwar schlafen,
aber bei den meisten Menschen nie ganz vertilgt werden kann.
Diese Briefe kamen aus dem südlichen Deutschland und sprachen von
Geheimnissen, die nicht entweiht werden dürften, die sich aber doch wohl
allgemach geprüften Männern mittheilen ließen. Der Rath war unvermerkt
in eine gläubige Stimmung gekommen, und war in seinen Antworten auf
Manches näher eingegangen, was jene Unbekannten erwähnten. So hatte er
sein Abentheuer mit Sangerheim und seine Beobachtungen und Erfahrungen
über ihn mitgetheilt, auch alle seine Zweifel und was ihm dunkel
geblieben. Auf diese Punkte antwortete der neueste Brief.
Geliebter Bruder in dem Herrn!
Was Sie uns von jenem verlorenen Bruder Sangerheim melden, war uns nicht
neu. Allerdings stand der Unglückliche mit uns in Verbindung, ihm wurde,
als einem hoffnungsvollen Lehrlinge, Einiges mitgetheilt. Als er von uns
schied, bemächtigten sich andre Menschen seiner, die in weltlichen
Planen handthieren und das himmlische Kleinod entweihen. Er verrieth uns
diesen, so viel er es vermochte, und hat sich so selbst sein tragisches
Schicksal bereitet, da er der Lüge und dem Betruge anheim gefallen war.
Auch jene Weltlichen sahen seinen Sturz gern und entzogen sich ihm, weil
sie fürchten mußten, daß er sie ebenfalls verrathen könne. Kommen wir
uns näher, so wird Ihnen, Geehrter, Nichts dunkel bleiben und größere
Dinge werden sich Ihnen erschließen. Zwar sind Sie nicht für unsre
Kirche, aber doch nicht unbedingt gegen sie, und wir gehn Ihnen mit dem
größten Vertrauen entgegen. Kommt Jemand zu Ihnen, der Ihnen das Wort
Emanuel sendet, so nehmen Sie ihn auf, als von uns. Er wird das erste
Kleinod Ihren treuen Händen übergeben. --
Der Rath war in großer Spannung. Nach zehn Tagen etwa trat der Diener
ein und meldete, ein sonderbarer Fremder stehe draußen und sage, er möge
nur Emanuel sprechen. Der Rath ließ den alten Mann ein, der feierlich
die Thür verschloß und dann ein seltsames Gespräch begann. Der Rath
fühlte sich erbaut und gestärkt, in diesen Gesichtspunkt waren ihm
manche Gedanken von Wunderfähigkeit, Glauben und einer einzigen
herrschenden Kirche noch niemals gerückt worden. Beim Abschied nahm der
Fremde ein Paket aus dem Busen, küßte es mit Salbung und überreichte es
demüthig und feierlich dem Rathe, indem er sagte: Geliebter Bruder,
dieses ist das erste Pfand der hohen, den gewöhnlichen Menschen
unsichtbaren Gesellschaft. Achten Sie noch die Siegel und erbrechen Sie
sie nur in geweihter Stunde nach Mitternacht. Doch thun Sie gut, sich
durch Gebet vorzubereiten. Zwar wird Ihnen das Geheimniß des Kleinodes
noch unverständlich seyn, aber schon die bloße Gegenwart desselben
schützt Sie. Die Erklärung selbst wird in vier Wochen folgen. Aber:
Finger auf den Mund. Wir zeigen mindestens, wie wir Sie ehren, wie groß
wir von Ihnen denken.
Eine feierliche Umarmung beschloß das seltsame Gespräch. Geheimnißvoll
entfernte sich der Unbekannte, und der Rath mußte sich gestehn, daß noch
niemals ein Mensch einen solchen Eindruck auf ihn gemacht habe. Seine
Umgebung bemerkte seine wunderbare Stimmung, aber er schwieg gegen Alle,
auch gegen den Obristen. Clara fürchtete eine Krankheit, aber der
rauhere Soldat, der seither so Manches mit dem Schwiegersohn
durchgesprochen hatte, sagte: Dieser Mann ist einer der verständigsten,
und Ihr werdet sehn, sie übertölpeln ihn doch, den Einen fangen sie auf
die, den Zweiten auf eine andre Weise.
Am Abend schloß sich der Rath ein und entfernte alle Diener. Seine
Stimmung war erhoben. Er betete und las in Andachtsbüchern. Er nahm das
Evangelium und erschien sich so verjüngt, so jugendlich glaubend, so
fromm und lauter, daß er die Thränen der Rührung nicht unterdrücken
konnte und wollte. Endlich schlug es Mitternacht, und er eröffnete
behutsam und zitternd die Siegel, ohne die geheimnißvollen Zeichen zu
zerbrechen. Als er den innern Umschlag geöffnet hatte, fiel ihm in die
Augen -- -- jene abgeschmackte Figur mit dem vielfältigen ^Abracadabra^,
die er damals an abergläubische Brüder nach der nahen Residenz gesendet
hatte. Er lachte laut auf, und wurde plötzlich ernst, denn er bedachte,
wie in jenem Lande dort der als Monarch herrsche, der damals nur
nächster Erbe gewesen war, und welche Thorheiten dort in der Nähe des
Thrones getrieben wurden.
Er rief seine Familie zusammen, die noch, um ihn besorgt, wachte. Er
erzählte Alles, las einige Briefe, auch den letzten, und zeigte dann das
magische, von damals dem Schwiegervater noch wohlbekannte Blatt.
Nun endlich, schloß er, habe ich Alles, was mich immer stört, von mir
abgeschüttelt. O wie leicht ist mir, ihr Geliebten, daß ich nun noch
einmal mit euch den fröhlichen Entschluß fassen, das vielsinnige Wort
mit euch ausrufen kann: laßt uns, da es uns vergönnt ist, vernünftig
seyn! --
Auf Emanuel durften nun die Bedienten nicht wieder achten, und jetzt
erst hatten alle Mitglieder der Familie diese Krankheit der Wundersucht
überwunden.
Pietro von Abano
oder
Petrus Apone.
Eine Zaubergeschichte.
1838.
Die untergehende Sonne warf schon ihre rothen Strahlen an die Thürme,
und über die Häuser von Padua, als ein junger Fremder, der eben
angekommen war, durch ein Volksgewühl, ein Eilen, ein Rennen aufmerksam
gemacht, und auf seinem Wege von der Menge mit fortgerissen wurde. Er
fragte ein junges Mädchen, welches ihm ebenfalls schnell vorüber ging,
was denn alle diese Menschen in so ungewohnte Bewegung setze. Wißt Ihr
es denn nicht? antwortete diese, die schöne Crescentia, das junge Kind,
wird jetzt beerdigt; alle wollen sie noch einmal sehn, da sie immer für
die anmuthigste Jungfrau in der ganzen Stadt gegolten hat. Die Eltern
sind trostlos. Die letzten Worte rief sie schon aus der Entfernung
zurück.