dann mit erlöschenden Tönen, daß ich auf diese Weise in Deinen
weltlichen Absichten Dir habe helfen müssen, ist vielleicht die größte
Sünde, die Dir der Himmel nicht anrechnen, und mir meine Schwäche und
Nachgiebigkeit verzeihen möge. Die Liebe zu Dir hat mich weit geführt.
Dieser künstliche Schlaf, dieser unnatürliche, den Du mir Anfangs
erregtest, und der sich jetzt immer mehr von selbst einstellt, hat mir
Gesundheit und alle Kräfte aufgezehrt. Oft weiß ich nicht mehr, ob ich
noch bin, und kann mich auf meinen eignen Namen, oder auf Deine Gestalt
nicht besinnen. Ja wohl ist dies eine Zauberei zu nennen, die den
Menschen aus seinem eignen Innersten entrückt; aber eine verderbliche.
So Vieles habe ich Dir entdecken müssen, hier und in jener Stadt. Mir
ist, ich habe nicht allein die Kräfte meines Körpers, sondern auch
Theile meiner Seele dabei zugesetzt. Wenn Du mich so auf eine Frage
gewaltsam hinheftest, wenn ich im Schlafe sehen und finden muß, was Du
verlangst, so dehnt es sich in meiner Brust, in meinem Kopf. Diese
fließenden leichten Gewölke werden immer dünner und feiner, und mein
Selbst, mein Sein weicht wie in eine schwindelnde Ferne hinweg, daß ich
in einer entsetzlichen Angst nach ihm zurückblicke. Jenes fließende,
fliehende Wesen, das ich selbst nicht mehr bin, faßt und sieht dann in
meinen Körper, in Dich, in alle Wesen mit einem kalten Schauder hinein.
Ich frage, ohne den Sinn zu wissen, und höre von Geistern die Antwort,
und sage sie Dir im Schlaf, und Alles ist nur ein Echo. Oft, wenn ich
dann wieder erwachen soll, greift das blasse, fließende und entflohene
Wesen nach dem eigentlichen Ich mit Entsetzen zurück, und kann es nicht
wieder finden. Nein, mein Ich ist manchmal fort; ich kann mich auf mich
selbst nicht besinnen. Der Geist fürchtet, er könne vergehn, sich selbst
vernichten. Nein, Liebster, wenn Du noch einiges Erbarmen mit mir hast,
nicht mehr diese Experimente, versprich es mir.
Sangerheim gab ihr geängstigt stumm die Hand. Er wußte wohl, wie viel er
ihren künstlich erregten Visionen zu danken hatte. Durch dieses Mittel
hatte er damals für den Rath Seebach jenes Dokument gefunden. Er stand
jetzt an einem furchtbaren Scheidewege seines Lebens. Denn ohne daß
seine Gattin ihn so schmerzlich zu erinnern brauchte, war er selbst
schon mehr wie einmal an sich und seinem Beginnen irre geworden. Er fing
in manchen Stunden an zu zweifeln, ob denn der Zweck die Mittel heiligen
könne. Eine Lehre, die ihm bis dahin als unerschütterlich erschienen
war. Mit Angst wartete er auf Briefe und Aufschlüsse, die man ihm
verheißen hatte, damit er den Trug könne fallen lassen, seinen
Eingeweihten ein eigentliches Geheimniß sagen und erklären, und im
Besitz wirklicher Wunderkraft, des Steines der Weisen und der Tinktur
glücklich seyn. Er hatte nach seiner Ueberzeugung erfüllt, was er
versprochen hatte, ja mehr ausgerichtet, als man erwarten konnte, aber
die letzten Briefe, die er erhalten und die er sehnend erwartet,
sprachen so zweideutig, erfüllten so wenig, was er forderte, und
umgingen die Frage so behutsam, daß er sich mit allen Kräften der
Hoffnung und des Vertrauens nur einigermaßen beruhigen und auf die
nächsten Nachrichten vertrösten konnte.
In dieser Verstimmung seines Gemüthes faßte er die Hand der Kranken, und
machte, ohne daß sie es bemerkte, die Striche, die den Schlaf herbei
riefen. Sie entschlummerte mit einer Zuckung Augenblicks, indem sie nur
noch wimmernd: nicht Wort gehalten! im halben Wachen ausstieß. --
Er fragte sie jetzt um die Zukunft. Der Busen der Kranken arbeitete
schwer. Ach! Nichts! Nichts sehe ich, sagte sie, wie schluchzend in
sonderbaren Tönen: da liege ich, weit, weit weg; nicht ich, -- die
Hülle. -- Glanz, Licht, -- aber ohne Schein. Es saugt mich hinauf. Meine
Mutter nimmt mich, nicht meine Mutter, ihre Liebe, das ist mehr als sie.
Wie rein ist ihr Herz. Das reinigt auch meinen Geist, mich. Mir wird so
leicht, so wohl. Das, was ist, ist nicht eigentlich. Wir verstehn es
unten nicht. Alles nur Schein, Hülse, der Tod. Das Sein ist anders: kann
unten nicht gefaßt werden.
Sangerheim richtete durch Fragen ihre Gedanken anders. O weh! rief sie
in einem scharfen Ton: -- da ist Dunkel, Verwirrung, das Elend. O du
Lügner, warum verkehrst du mit der Lüge so holdselig? Dein Herz bricht,
dein Kopf zerspringt. -- Nach jenem Dunkeln soll ich forschen, sehn?
Mein Auge reicht nicht hin, mein Zittern verdämmert mir den Blick. Alles
schwarz. Aber näher kommt's. Grauen, Angst, kein Licht. Sie brüten
selbst, sie suchen. Keine Liebe in ihnen. -- Ja wohl ist es aus, aus für
dieses Leben. Brief geschrieben, gesiegelt. Kann nicht -- kann nicht
lesen. Wär' es gut, könnt' ich's; die Liebe könnte lesen, so bleibt's
finster. -- Ach! -- du, -- du -- auch fort, weggetragen, -- willst mich
nicht kennen, nicht hier kennen, wo Friede ist? Sehe dich gehen, höre
deine Stimme, kann dein Gesicht nicht finden; wo die lieben Augen? --
Alles weg!
Ach! so, so ist es gemeint? fing sie nach einer Pause wieder an; ja, ja,
es wird ihm schwer gemacht. Er hieß Alexander. Gut war ich ihm, er war
so lieb. Wird wieder, aber spät, spät, -- ach! kann er glauben? Gott, du
bist gnädig. -- Laß ihn nicht zu sehr verfinstern. Jesus, vergieb ihm.
-- Nun ist es weg. Nun ist mir wohl. Nie werde ich mehr in die Tiefe des
Irdischen schauen. Alle Tiefe vergeht; es wird Alles Ein Augenblick,
Eine Gegenwart, Ein Lichtpunkt, und ich unsichtbar, mir selbst
unfühlbar, in der Mitte des himmlischen Punktes. Nichts war, Alles ist
und bleibt. Es zieht, es flieht nicht mehr, festes Bild wird es. -- Nun
reicht der Strahl aus mir nicht mehr zurück, er ist zu kurz, das Leben
ist fern, weit und fern: besser so, -- denn -- nein -- besser so -- ach!
kein Sehnen mehr, kein Schmerz mehr, -- die Freude war schon lange todt.
Sie verstummte: er horchte, er wiederholte die Striche und verstärkte
seine innere Aufmerksamkeit, aber die Entschlafene sprach nicht. Da sein
Bemühen heut, was noch nie gewesen, vergeblich war, so strich er mit den
Händen in entgegengesetzter Richtung, um sie wieder zu erwecken, aber
eben so fruchtlos, sie erwachte nicht wieder, denn sie war gestorben.
Als er sich nach manchen vergeblichen Bemühungen, sie wieder ins Leben
zu rufen, von der Wirklichkeit ihres Todes überzeugen mußte, warf er
sich verzweifelnd zu ihren Füßen nieder, und wüthete gegen sich selber.
Wie er etwas mehr zur Besinnung gekommen war, rief er aus: ja, du, du
Unglückseligster, hast die Aermste ermordet! Was ist mir alles Leben nun
ohne sie? Ohne sie, für die ich mir Glanz und Wohlstand wünschte? Wie
schaal und abgenutzt liegt jetzt mein ganzes Dasein vor mir, wie arm,
was ich etwa noch erstreben kann. Und wie liebte sie, die Aermste, mich
Unwürdigen! Als sie damals, wie ihre Krankheit zuerst sich verkündigte,
von der langen Ohnmacht erwachte, war ihr erstes Lebenszeichen, daß ihr
redlicher Blick mich gleich suchte. Sie hatte alles Andre vergessen,
aber nicht, daß ich um sie bekümmert war. Sie hätte mir ja auf unsern
Spaziergängen gern jeden rauhen Stein aus dem Wege geräumt. Und mein
Dank für alle diese Hingebung? -- Daß ich ihre Gesundheit durch diese
magnetischen Künste vernichtete, daß ich ihren Geist verwirrte, daß ich
muthwillig ihr liebendes Herz zerbrach. Nein es giebt keine größere
Sünde, es giebt gar keine andre, als die der Mensch gegen die Liebe
begeht. -- Ach! Du Süßeste! wo ist jetzt Deine blühende Jugend? Wo sind
die Rosenwangen, und das Grübchen des freundlichen Lächelns, mit dem ich
Dich neckte, wenn wir im kleinen Garten Deiner Eltern zwischen den
Rosenbüschen saßen? Wo sind nun alle die Träume der Liebe? Wo die Pläne,
die wir für das Leben entwarfen? Diese blasse Hülle, die hagre Gestalt
ist von all der Lust und Freude übrig geblieben, um mir zu sagen, wie
armselig und kläglich das menschliche Leben sei, um mir zuzurufen, daß
ich ein Bösewicht, ein Verworfner bin, der trotzig durch das Leben geht,
und Dich, süße Blume, roh zertreten hat.
Er setzte sich wieder zum Leichnam nieder, faßte die dürre Hand,
bedeckte sie mit Küssen, und weinte bitterlich.
Wort müssen, Wort werden sie mir halten, sagte er nach einer Weile zu
sich selber; mein Elend wäre zu unermeßlich, wenn sich auch diese
Hoffnung in Tod und Leiche verwandelte. Was bliebe mir? Die nackte,
kahle Lüge, der verächtliche Betrug. Dem könnte, dem möchte ich nicht
ferner leben. Ist denn sterben so schwer? Sie ist erloschen, wie die
Kerze, wie der letzte still verborgne Funke in der Asche. Wenn ich
verloren bin, so will ich kein Dasein erbetteln, und in Lumpen und dem
Auskehricht des Lebens Kleinodien suchen, die ich wirklich besaß und
wegschleuderte, als ich noch wie ein König glücklich war. Jenseit will
ich sie dann wieder aufsuchen und das keck verachten, was Verachtung
verdient. -- --
Bei ihrem Begräbniß folgten die vertrautesten der Brüder. Er schien
seine Fassung wieder errungen zu haben. In fester Stellung, mit edlem
Schmerz stand er am Grabe der Geliebten und sah die theuern Ueberreste
versenken. Freilich war es ihm oft, als wenn alles Leben nur ein Traum
sei, oder ein Schauspiel, in welchem er mit Anstand seine Rolle zu Ende
führen müsse.
Als er nach Hause kam, fand er folgenden Brief, den er hastig erbrach:
Die -- -- sind mit Euch, mein Freund, nichts weniger, als zufrieden,
denn Ihr setzt ihr Geheimniß, ihren Ruf und ihre Ehre auf ein zu
leichtsinniges Spiel. Das ist es nicht, was Ihr verheißen habt, und was
man von Euch erwartete. Es hat sich erwiesen, daß der Rath -- --, dessen
Ihr so sicher zu seyn glaubtet, sich kalt zurückgezogen hat, daß Ihr
jene Stadt meiden mußtet. Und wie lange werdet Ihr in der jetzigen Euer
Spiel noch forttreiben können? Man verwundert sich, man forscht nach,
und, was das schlimmste ist, man lacht. Wie schlecht seid Ihr dem
Charlatan, dem Feliciano, gegenüber bestanden! Wer solche plumpe
Angriffe nicht einmal zurück zu schlagen versteht, der ist zum Missionar
verdorben. Auf die Anfragen, auf Eure Forderungen, kann ich nichts
Bestimmtes erwiedern. Es heißt, die Loge wird verlegt werden: wenn es
geschieht, so ist noch nicht entschieden, wohin. -- --
Sangerheim knirschte. Mit Todesschweiß schrieb er schnell einige
drängende, fordernde, beschwörende und beredte Briefe, um das Aeußerste
und Letzte zu versuchen, denn seine Hoffnung, ein wahrer Magier zu
werden, war nun fast schon verschwunden.
Wenn sie mich so um mein Leben betrogen hätten! rief er aus, büßen
sollten sie es! -- Doch nein, ich zittre vor mir selber: weiß ich ja
doch, daß sie jeden Laut in der Ferne vernehmen, und daß sie jeden
meiner Gedanken kennen. Drum muß ich, will ich alle meine Gefühle
unterdrücken, und nur das Beste, Edelste von ihnen erwarten.
* * * * *
Im Hause des Geheimenrathes war Alles so ziemlich wieder zur Ordnung
zurückgekehrt. Die Hochzeit der Tochter näherte sich, und Schmaling war
im Bewußtsein seines Glückes in solcher Stimmung, daß er selbst die
Namen Feliciano oder Sangerheim nur ungern nennen hörte. Er verdammte
den Trieb, sich vom Wunderbaren und Geheimnißvollen anlocken zu lassen,
so unbedingt, daß selbst Clara ihn tadelte, wenn er auf
Geistergeschichten oder Erzählungen schalt, die durch ein gewisses
Grauen die Aufmerksamkeit spannen, und die Phantasie in Thätigkeit
setzen. Er wollte kein unschuldiges Spiel hierin mehr erkennen, sondern
meinte, diese Anlage und Stimmung unseres Geistes sei durchaus
verderblicher Natur, und könne nur zum Unheil führen, es sei daher die
Pflicht eines jeden Verständigen, diesen Trieb in sich völlig
auszurotten.
Der Vater hatte unterdessen an seinen Sohn Anton geschrieben, um ihn zu
bewegen, zu seiner Familie zurückzukehren. Nur Einiges hatte er ihm von
jenen Geständnissen gemeldet, die der trunkene Magier gegen Schmaling
halb unbewußt gethan hatte; er hatte ihn auf die Gefährlichkeit dieser
Verbindung, auf seine bedenkliche Stellung zur Welt aufmerksam gemacht,
er hatte ganz den Vater und die väterliche Autorität, so milde der Brief
war, sprechen lassen, aber vergeblich. Der Sohn antwortete in einem
scharfen, höhnenden Tone: wie sonderbar es sei, daß der Vater jetzt
gegen Geheimnisse spreche und große Charaktere verfolge, da doch er, der
Sohn, von Jugend auf so viel von diesen Geschichten in seiner Familie
habe vernehmen müssen. Es sei ja bekannt genug, wie er selbst früher
gegen alle leere Schwärmerei, Geistersucht und dergleichen gesprochen
habe, er habe sich nie blenden lassen, und wenn er jetzt einer andern
Ueberzeugung folge, so könne man ihm wohl zutrauen, daß er geprüft und
untersucht habe, und nicht leichtsinnig einem unreifen Gelüste folge.
Wenn Verleumder seinen großen Meister lästerten, so geschehe nur, was
sich seit den ältesten Zeiten ereignet habe, daß der Pöbel die
Wohlthäter der Menschen und die leuchtenden Genien verfolge. Was seinen
Schwager Schmaling betreffe, so verachte er einen solchen Elenden zu
tief, um irgend noch Worte über ihn zu verlieren. Sein Meister habe ihm
diesen Lügner und dessen Verächtlichkeit hinlänglich geschildert. Er
hoffe übrigens, in der Lage zu seyn und zu bleiben, daß er weder auf
einen Theil des väterlichen Vermögens, noch auf irgend eine
Unterstützung Ansprüche zu machen brauche, wünsche aber dagegen, daß man
ihn nicht hofmeistere, als ein Kind behandle, das der Zurechtweisung
noch bedürfe. Er werde in Zukunft, wenn er der Familie selbst zu Glanz
und Ehre verhelfe, übrigens gern vergessen, daß er früher einmal von
seinen allernächsten Verwandten so sei verkannt worden.
Der Vater, der Obrist und Alle erstaunten über die ungeheure Verblendung
des Sohnes, vorzüglich, wenn sie seiner früheren Art gedachten.
Die Zeit war indessen herangekommen, in welcher Sangerheim versprochen
hatte, durch Rückzahlung des letzten Capitals seine geheimnißvollen
Papiere auszulösen. Geschah es nicht, so gehörten dem Rathe diese
Mysterien, die von der höchsten Wichtigkeit seyn sollten, und von denen
selbst das Leben Sangerheims, wie er geäußert hatte, abhinge. Der
geheime Rath machte sich also mit jenen wichtigen, fest verschlossenen
und vielfach seltsam versiegelten Dokumenten auf den Weg nach jener
Stadt, in welcher der Magier seitdem seinen Sitz aufgeschlagen hatte.
Der Professor Ferner begleitete ihn. Sie reiseten in der Nacht, und
wechselten vielfältige Gespräche, indem sie sich alter Zeiten und vieler
Erfahrungen erinnerten. Der Professor sagte endlich: Sei der Mensch auch
so ruhig und fest, wie er immer wolle, er hat eine Stimmung, einen
Moment der Schwäche, wo ihn doch Dasjenige wiederum ergreifen und
beherrschen kann, was er längst abgeschüttelt zu haben glaubt. Und so
ist es mit Zeiten und Völkern auch. Wer kann unterscheiden oder bestimmt
verneinen, ob es nicht physische Krankheit sey? Ob es oft nicht in der
Luft liege, und wie jede Seuche anstecke? Es scheint zu Zeiten
unmöglich, sich gegen den Einfluß der Thorheit zu schützen, so wie wenn
der Körper erst durch Mangel an Diät oder Zufälligkeiten so gestimmt
ist, man der Erkältung durchaus nicht ausweichen kann, verwahre man sich
auch, wie man will. Jetzt ist es mir völlig unbegreiflich, wie ich mein
geliebtes Kind jenem Wunderthäter hingeben konnte, es erscheint mir
jetzt als ein völliger Wahnsinn, als gottlose Sünde; und doch pries ich
mein Geschick (und seitdem sind nicht viele Monde verflossen), daß jener
große Mann den Knaben würdigen wollte, ihn in die Schule und sich seiner
anzunehmen. Ist aber unsre Schwäche so groß, oder ist es zuweilen ein
Fatum, das uns ergreift, eine unausweichliche Nothwendigkeit, so sollten
wir wohl im Leben gegen unsre Nächsten, oder in der Geschichte gegen
merkwürdige Verirrungen billiger und nachsichtiger seyn, als wir uns
bewußt sind, diese Nachsicht auszuüben.
Es muß sich austoben, erwiederte der Rath; das ist ein Ausdruck, den ich
mir seit einiger Zeit angewöhnt habe. Das ist der einzige trostlose
Trost, den ich mir in Ansehung meines Sohnes geben kann, den ich für
verloren achten muß. -- --
Sangerheim war indessen in einer Stimmung und Gemüthsverfassung, die
sich schwerlich darstellen läßt. Auf seine vielen und dringenden
Schreiben hatte er noch einmal eine kurze Antwort von einem Manne
erhalten, der sich früher seinen Freund nannte, und der ihm jetzt
meldete, dies sei der letzte Brief, den er ihm senden könne, indem er
eben in den Wagen steige, um nach Italien, und von dort nach
Griechenland und Constantinopel zu reisen. Von Geldsendungen war keine
Rede, und doch hatte Sangerheim auf diese, und zwar auf sehr bedeutende,
gerechnet. Er meinte, er dürfe es, nach allen früheren Betheuerungen und
Versprechungen. Er war von Schulden bedrängt; um glänzend aufzutreten,
hatte er Alles wieder ausgegeben, was ihm von Freunden und Schülern
zugeflossen war. Um sein Ansehn zu vergrößern, und sich mehr Zutrauen zu
erwerben, war er in der Wohlthätigkeit ein Verschwender gewesen. Er
schrieb noch einmal, und zwar unmittelbar an einen Mann, den er für
einen jener Obern halten mußte, aber indem er in Angst die Sekunden auf
seiner Uhr zählte, und der Antwort Flügel wünschte, kam sein eigner
Brief ihm zurück, mit der Anweisung vom Postamt, kein Mann von dem Namen
sei in der Stadt zu finden.
Nun sah er, daß man ihn völlig verlassen, daß man ihn ausgestoßen hatte.
Es wurde ihm hell in allen Sinnen, daß er gebraucht sei, eine Büberei
auszuführen, und daß man jetzt diese nothgedrungen aufgegeben habe, oder
ihn wenigstens für unpassend halte, sie zu vollbringen. Er war bis dahin
überzeugt gewesen, wenn er auch die Pläne seiner Obern nicht ganz
durchschaute, daß er etwas Gutes und Edles wirke, wenn auch durch
Mittel, die sich nicht vor der strengen Moral rechtfertigen ließen. Ihm
war ein brennender Haß gegen die sogenannte Aufklärung, gegen jenen
Indifferentismus, der seine Zeit charakterisirte, beigebracht worden. Er
hielt es für nothwendig, daß jene Freimaurer, die sich der
Rosenkreuzerei, dem Goldmachen und Geisterrufen widersetzten, als
Schädliche und Verderbliche ausgerottet werden müßten, weil sie
hauptsächlich durch ihren Einfluß und ihre Logen jene lebentödtende
Aufklärung verbreiteten. Er glaubte wohl, daß ein Werben für die
katholische Kirche auch eine Aufgabe seiner Sendung sei, unterzog sich
aber auch diesem gern, weil er in dieser Lehre auferzogen war, und sie,
ohne sie zu prüfen, oder die protestantische zu kennen, für die bessere
hielt. Mit seinem Wunderglauben und seiner Schwärmerei hatte er sich
eine eigne Lehre ausgebildet, die der orthodoxe Katholik gewiß nicht
gebilligt hätte. So hin und her geworfen von Leidenschaften und
chimärischen Hoffnungen, wähnend, ganz nahe an die Erfüllungen seiner
höchsten Wünsche zu reichen, durch sophistische Ausreden über sein
trügendes Thun beruhigt, sich als Lügner kennend, und sich dennoch für
einen wahren Wunderthäter haltend, seine Gattin liebend, und sie doch
seinen verdächtigen Zwecken aufopfernd, war er in allen diesen tollen
Widersprüchen fast in ein gespenstisches Wesen verwandelt worden, das
ohne innern Halt jeden Tag nur so hingaukelte, von Neuem täuschte und
getäuscht wurde, und nie zur Besinnung kam. Jetzt fielen alle diese
Larven von ihm ab, er lernte sich selbst erst kennen, und entsetzte sich
vor dem Auge der Wahrheit und seiner eignen Nacktheit.
So bin ich denn, sagte er zu sich selbst, zugleich der Unglückseligste
und Verworfenste aller Menschen. Der Inhalt meines Lebens ist ein
Possenspiel, über das man lachen möchte, und zugleich so tragisch und
entsetzlich, daß sich mir die Haare aufrichten. Wie können jene
Menschen, die sich gut und weise nennen, es irgend mit ihrem Herzen
ausgleichen, daß sie mich geschlachtet, und mir Geist und Leib zu Grunde
gerichtet haben. So einsam, so ganz zernichtet war noch nie ein Mensch.
Die Freunde, Beschützer, Mächtigen, auf die ich mich so sicher mit
meinem ganzen Glücke lehnte, sind gar nicht da in aller weiten Welt,
nirgend zu erfragen, wie Traumgestalten, wie Wolken verschwunden. Jeder
Mensch, dem ich meine Noth klagen wollte, müßte es für wahnwitzige Lüge
halten. -- Ach Theodora! wie Recht hattest du. Warum vernahm ich denn
deine Bitten und Warnungen nicht? Auch sie ist zertreten worden, so wie
ich. O wenn sie noch da wäre, wie gern würde ich mit ihr als Tagelöhner,
als Bettler leben. Und Nichts bleibt mir; nicht die elendeste Hülfe,
nicht der kümmerlichste Trost.
Er sann hin und her, was er beginnen könne, aber jede Aussicht war
verschlossen. Sein Trug mußte entdeckt werden, dem Manche schon auf die
Spur gekommen waren. Die prophetische Gabe seiner unglücklichen Gattin
konnte ihm auch Nichts mehr fruchten, um seine künstlichen Lügen mit
halber Wahrheit oder seltsamen Entdeckungen zu unterstützen. Er dachte
wohl daran, ob er nicht einige von Denen um Hülfe ansprechen sollte,
denen er, als ihm große Summen zu Gebote standen, reichlich geholfen
hatte, aber er verwarf diesen Gedanken sogleich als unstatthaft, weil er
einsah, daß Dieselben, die ihn in der Noth als ein göttliches Wesen
behandelt hatten, ihm jetzt kalt den Rücken kehren würden. Und so,
dachte er, habe ich von meinem verlornen Leben nicht einmal den Nutzen,
den jeder Dieb genießt, bevor er zum Galgen geführt wird, daß er Geld
und Gut besitzt, oder mit seinen Spießgesellen schwelgt, und Wein und
Wollust ihn übersättigen.
Er fiel darauf, sich dem geheimen Rath ganz zu entdecken. Dachte er aber
an das Auge des ernsten Mannes, und wie viel er von ihm gezogen hatte,
so verwarf er auch diesen Gedanken. Nein, rief er, die Ehre verbietet
mir diese schmähliche Auskunft, die mich zu sehr erniedrigen würde.
Sonderbar, daß in der Verzweiflung und tiefsten Selbstverachtung die
Menschen noch von diesem Phantom regiert werden können, das nur
Wesenheit erhält, wenn der Edle, Tugendhafte sich von Rücksichten lenken
läßt, um die gute Meinung seiner Zeitgenossen, sei es auch im
Vorurtheil, zu erhalten. Der Lügner will aber oft mit den
abscheulichsten Lügen die Erde lieber verlassen, als durch eine Handlung
der Tugend, seine erste vielleicht, indem er die Wahrheit bekennt, vor
der Menge beschämt werden. Diese Ehre hielt ihn von dem edlen,
mitleidigen Manne zurück, und stellte sich zwischen ihn und diesen wie
eine Mauer.
Denn mit den besten Gesinnungen für den Unglücklichen langte der alte
Seebach an. Er kannte zwar Sangerheims Verbindungen nicht, und wußte
eben so wenig, wie diese jetzt so ganz von ihm abgefallen waren, aber er
war der Ueberzeugung, daß Sangerheim sein Versprechen nicht halten
könne, und er war darauf gefaßt, die große Summe schwinden zu lassen,
ohne ihm seine Schriften zurückzuhalten, oder ihn öffentlich zu
beschimpfen, wozu der Magier ihm ein Recht gegeben hatte, wenn er seinem
Worte untreu würde. Wie erstaunte daher der Rath, als ihm Sangerheim mit
großem Vertrauen und fester Sicherheit entgegentrat, und auf übermorgen
mit leichtem Sinn die Auslösung der Schriften verhieß. Er war selbst
heiter, obgleich er mit Schmerz von dem Tode seiner geliebten Gattin
sprach. Dies Betragen war so, daß der Rath selbst wieder unsicher wurde,
und dem schönen großen Manne gegenüber sich im Stillen Vorwürfe machte,
daß er ihm so sehr Unrecht gethan habe.
Der Tag ging hin unter Besuchen und Zerstreuungen. Der Arzt Huber,
dieser fanatische Anhänger Sangerheims, erzählte viel von seinen
Hoffnungen, deren Erfüllung er in kurzer Zeit zu erleben gedachte.
Am andern Morgen machte der Rath mit dem Arzte, Sangerheim, Ferner und
noch einigen Vertrauten einen Spaziergang. Als sie die Stadt im Rücken
hatten, entspann sich in der Kühlung des schönen Morgens ein sonderbares
Gespräch. Sangerheim sprach von der Flüchtigkeit des Lebens, das, gegen
die unerschöpflichen Tiefen der Kunst und Wissenschaft gehalten, viel zu
kurz sei.
Sie gingen einem Bach vorüber. Alle diese Wellen, sagte Sangerheim,
gelangen in den Ocean, der dadurch nicht voller wird. Ist es nicht eben
so mit unsern Seelen? Der Tod entführt sie -- wohin? Zu Gott, der keinen
Mangel kennt, und durch sie nicht größer wird.
In der Einsamkeit sagte er endlich: Nur zu sehr hatte jener Feliciano
Recht, daß ich schwere Kämpfe mit den Geistern, die nur ungern
gehorchen, würde zu bestehn haben. Sie wollen es nicht dulden, daß ein
Sterblicher so große Gewalt über sie erringe. In jeder Minute muß ich
wachsam seyn. Verabsäume ich gewisse Gebete, könnte ich diese oder jene
unerläßlichen Vorkehrungen vergessen, so wäre mein Leben Augenblicks in
Gefahr. Von wie vielen ausgezeichneten Männern, die das Reich der
Geister sich unterwürfig gemacht, wissen wir es nicht, daß sie eines
unnatürlichen oder gewaltsamen Todes gestorben sind. Oft war es auch die
Veranstaltung dieser rebellischen Geister, daß die weltliche Macht sich
eines dieser Männer als eines solchen bemächtigte, der mit der Hölle im
Bunde stehe, und ihn nach dieser falschen Beschuldigung auf den
Scheiterhaufen setzte.