Feliciano schlug in seinem Sessel ein lautes Gelächter auf, an dem er

sich nur nach geraumer Zeit ersättigte, dann sagte er: Je, Kind,

liebstes Kind, nimm doch Vernunft an. Was ich dort gesagt haben mag,

weiß ich nicht mehr, aber ich meine, es wird mit seinen Geistern und

allen den Geschichten ein klägliches Ende nehmen, weil der Gimpel selbst

an seine Geister glaubt.

Weil er an sie glaubt? fragte Schmaling im höchsten Erstaunen.

Ja, liebes Närrchen, fuhr der Magus fort, sieh, deswegen muß es ja

nothwendig und natürlich ein ganz miserables Ende mit ihm nehmen. Er

betrügt die Welt und seine Schüler, und das ist recht und billig; mit

den unter uns bekannten Kunststücken läßt er Geister und Gespenster

erscheinen, aber der erste Dummkopf in der Welt ist, der selbst durch

sich selbst getäuscht wird. Ich kam ihm in allen Richtungen entgegen und

erwartete sein Bekenntniß, das mir allein am Tisch verständlich gewesen

wäre. Aber seine Obern haben den Menschen auf eine mir unbegreifliche

Art so dumm gemacht, daß, wie er auch betrügt und Andre täuscht, er doch

glaubt, es werde sich ihm mit der Zeit das ächte wahre Wunder

mittheilen.

Schmaling wußte nicht, wie ihm geschah. Er betrachtete die Decke und

wieder den verehrten Meister, sich selbst, den Fußboden und wieder den

trunknen Wahrsager, der jetzt von Wein geschwächt und von seinem

Uebermuth begeistert so Vieles aussagte und verrieth, was er nüchtern

geworden am Morgen wahrscheinlich bereute.

Laß die Narrenpossen, sagte der Graf, und mache es möglich, daß wir uns

Beide verständigen. Du bist zu gut, um unter dem aberwitzigen Jan Hagel

so mitzulaufen, Du verdienst es, die höchsten Grade und alle mit

einander in einem Augenblicke zu erhalten. Ich höre, Du willst da in

Deiner Stadt heirathen. Zieh mit mir, die ganze Welt steht einem so

schönen, so feinen und schmiegsamen Mann, wie Du es bist, offen; alle

Weiber, die schönsten und vornehmsten, werden Dir entgegen laufen. Du

wärst mir dazu ganz anders brauchbar, als der tölpische Anton, Dein

Jugendfreund, der aus einem Freigeist und Uebervernünftigen so mit

beiden Beinen in die Dummheit hinein gesprungen ist.

Er lachte wieder, daß er vor Schmerzen inne halten mußte. Du weißt

vielleicht, fing er wieder an, wie ich schon ein Weilchen in Eurer

komischen Stadt als ein Herr Anderson lebte. Ich hatte so die beste

Gelegenheit, Alles auszuspioniren, und mein pfiffiger Bedienter noch

mehr. Ich kannte schon alle Verhältnisse, auch die Mesalliance des Herrn

Anton mit einem hübschen Bauernmädchen, die er nun in seiner kühlen

Verständigkeit so schlechthin aufzuopfern dachte. Dieser tugendhafte

Anton wollte nun Dich, mein liebes Kind, bessern und korrigiren, daß Du

den Aberglauben ließest. Das kam mir ganz erwünscht in den Weg gelaufen,

daß ich mich für den großen, berühmten Feliciano ausgeben sollte, der

ich zufällig selber war. Die Bäuerin hatte ich kennen lernen und ihre

Verzweiflung gesehn: ich hatte von ihr ein Bildchen machen lassen, das

ziemlich ähnlich war. Sollte es doch auch nur für einen Augenblick

dienen. Der Professor Ferner hat ein allerliebstes Kind, einen überaus

klugen Jungen. Man glaubt nicht, wenn man es nicht so oft, wie ich,

erfahren hat, wie schon der ganze Spitzbube in den Kindern steckt. Das

Lügen, das den meisten angeboren ist, darf nur ein wenig erfrischt und

aufgemuntert werden, so geräth es fast besser, als bei den Erwachsenen,

die immer darin fehlen, daß sie es zu klug, zu verwickelt machen wollen.

So ein Kind wird wahrhaft begeistert, wenn es gebraucht werden soll, die

Großen und Vorgesetzten zu betrügen, und es lernt eine solche Lection

besser, als jede in der Schule. Mit diesem Jungen, der noch bei mir ist,

hatte ich schon unvermerkt mein Spiel verabredet. Mein Diener hatte die

Blendlaterne und das Bild bei der Hand, sammt dem nöthigen Rauch, die

Domestiken des Hauses waren entfernt worden, und um die Sache noch

schauerlicher zu machen, hatte die gute Bauernnymphe unterdessen, daß

sie im Zimmer leiblich erscheinen sollte, einen Schlaftrunk erhalten. So

wurde denn der Spuk und die Comödie glücklich so gespielt, wie Du sie

selber mit angesehn hast.

Immer noch war es dem glaubensfähigen Schmaling, als wenn er in einem

ängstlichen Traume läge. Und heute nun, fing er wieder an, als mein

Lehrer und Meister sich Eurer höheren Wissenschaft so unbedingt beugen

mußte?

Kluges Kind, antwortete Jener, siehst Du denn nicht ein, daß wer die

Menschen betrügen will, es ja nicht zu fein anfangen muß? So wie es fein

ist, wird ja auch der Scharfsinn Jener geweckt, sie werden aufmerksam,

denken, passen auf, und das Kunstwerk steht auf der Nadelspitze. Grob,

plump muß der Menschenkenner zu Werke gehn. Die sich dann nicht damit

einlassen wollen, wenden sich ganz ab, und auch das ist Gewinn; die

Andern denken: Nein, so einfältig ist doch Keiner, die Sache zu

erfinden, wenn nicht irgend Etwas daran wäre. Sagst Du ihnen, Du hast

Carl den Zwölften gekannt, so lachen sie Dir ins Gesicht, behauptest Du

aber dreist, Du habest mit Johann Huß Brüderschaft getrunken, so glauben

sie Dir. -- Also mein Herz, laß Dich überreden, mit mir, als Deinem

bekannten Obersten, durch die Welt zu ziehn, und ihre Schätze und Gunst

mit mir zu theilen. -- Oberster! Ha ha! Weil ich so viele Logen aller

Art durchkrochen bin, so wurde mir denn auch von einigen Rosenkreuzern

eine Signatur gezeigt, die den Messias bezeichnen sollte, der einmal

erscheinen würde, um ein himmlisches Reich auf Erden zu stiften. -- Du

siehst, mit welcher angenehmen Dreistigkeit ich Deinen großen Meister

mit dem Bagatell verblüfft habe. -- Nein, als ein ehrlicher, schlichter

Mann könnte ich verhungern, als ein berühmter Charlatan bin ich reich

und beherrsche Männer und Weiber und kann wie ein Sultan gebieten und

walten. Lockt Dich denn diese Aussicht nicht, liebstes Kind? Du bist so

viel schöner, als ich, Du kannst ja Deine Jugend nicht besser genießen.

Mir hat so ein Wesen noch immer zu meinen Erscheinungen gefehlt, wer

weiß, welchen Engel wir droben im Norden aus Dir machen. Wer weiß,

welche Monarchin Dir ins Netz läuft, -- wer weiß -- kurz, komm mit!

Der ägyptische Wein hatte so stark gewirkt, daß der Großmeister jetzt

einschlief. Am Morgen, als er erwachte und sich besann, konnte er sich

nur dunkel erinnern, was er gethan und gesprochen hatte. Aber das

drückte ihn schwer, daß er sich gegen Schmaling auf irgend eine Weise zu

sehr herausgelassen habe. Er sendete sogleich nach diesem, um entweder

mit Klugheit ihm Alles wieder auszureden, oder, wenn dies unmöglich sei,

ihn im halben Vertrauen stehen zu lassen und durch Drohungen zum

Schweigen zu zwingen. -- Aber Schmaling war verschwunden und nirgends zu

finden, auch Sangerheim konnte keine Nachricht von ihm geben, der mit

Schmerz und Aengstlichkeit die unbegreifliche Entfernung des Jünglings

beklagte.

Als nicht zu helfen war, schickte Feliciano einen drohenden Befehl an

Sangerheim, den jungen Schmaling niemals wieder als Bruder in seine Loge

zuzulassen, dieses Verbot auch andern Logen mitzutheilen, die mit ihm in

Verbindung ständen, das Gleiche würde er allen Brüdergemeinden zusenden,

die von ihm abhängig wären, weil er entdeckt habe, daß dieser Schmaling

ein Bösewicht, Verleumder und ganz unwürdiger Bruder sei, der nur damit

umgehe, alle Geheimnisse des Ordens auf eine schändliche Weise zu

verrathen, und die Meister selbst durch die abscheulichsten Lügen

öffentlich zu beschimpfen.

Sangerheim zitterte, und Feliciano eilte, mit seinem Zuge seine Reise

nach dem fernen Norden fortzusetzen. --

Schmaling war mit den schnellsten Postpferden zur Residenz

zurückgekehrt. Er wußte nicht, wie er sich benehmen sollte, er hatte

nicht den Muth, in das Haus seines Schwiegervaters zu gehen, er konnte

es sich nicht als möglich denken, nur den Bedienten gegenüber zu treten,

um sich melden zu lassen.

In dieser unbehaglichen Lage sagte er zu sich selber: Ist es denn etwas

Anderes, wenn ein Freund, der im hitzigen, oder Faulfieber liegt, von

allen Aerzten schon aufgegeben, von allen Freunden schon als todt

beklagt, wieder geneset? Sonderbar, daß wir immer so großen Unterschied

zwischen den Krankheiten unsrer Seele und unsers Körpers machen wollen.

Eins ist selten ohne das andre. Dem Elenden, der im Fieber phantasirt,

vergiebt man es gern, man tröstet ihn sogar freundlich, wenn er Gott und

Menschen, seine Liebsten und Nächsten gelästert hat, man nennt es nur

Abwesenheit, Vergessen seiner selbst: und der Arme, dessen Seele

zerrissen wurde, der, peinlich hinauf getrieben, zwischen den Extremen

schwankte, der sich selbst verlor: ihm vergiebt man nicht, ihm rechnet

man die Aeußerungen seiner Krankheit als Verbrechen an, und er muß es

mit Dankbarkeit erkennen, wenn man es ihm nur nach Jahren vergißt, daß

er diese und jene auffallende Meinung äußerte. Und so bin ich genesen,

ich kehre von einer Brunnenkur zurück, da alle meine Freunde mich schon

aufgegeben hatten. Wollen sie mich nicht, die mir die Liebsten und

Nächsten sind, als einen Wiederhergestellten anerkennen, nun so ist es

an ihnen, krank zu seyn, sie mögen dann irgend ein Bad besuchen, und es

kömmt nachher auf mich an, ob ich sie als Gesunde begrüßen oder als

Unheilbare von mir weisen will.

Mit diesen Gesinnungen und Entschlüssen ging er nach dem Hause des

Geheimenrathes Seebach. Die Bedienten, die ihn schon von ehemals

kannten, ließen ihn ungehindert eintreten. Er fragte nach Fräulein

Clara; man sagte ihm, daß sie ungestört seyn wolle, weil sie sich unwohl

fühle, sie habe daher erklärt, keine Besuche annehmen zu wollen. Er

sagte dem Kammerdiener, daß er der Familie kein Fremder sei, und daß er

alle Verantwortung auf sich nehmen wolle.

Er ging über den wohlbekannten Gang nach dem Gemache seiner

Jugendfreundin. Lange stand er vor der Thür. Er lauschte mit

hochklopfendem Herzen. Ihm war, als wenn er drinnen Gesang und die Töne

einer Laute vernähme. Und so war es auch. Clara, um ihren Gram

einigermaßen zu beschwichtigen, hatte alle ihre alten Musikstücke hervor

gesucht, um sich an diesen zu trösten. Sie spielte und sang, und wiegte

so, als sei er ein ungezogenes, schreiendes Kind, ihren immer wachen

Kummer ein. Einige Blätter hatte sie bis jetzt überschlagen. Sie faßte

den Muth, sie vor sich hinzulegen, um sie zu singen. Es waren einige

Compositionen, die in bessern Zeiten Schmaling selbst zu ihren

Lieblingsliedern gesetzt hatte, es waren sogar einige Lieder darunter,

die von ihm gedichtet waren, und zu denen er ebenfalls die Melodie

gesungen. Lange hatte sie den Trost der Musik entbehrt und darum ergab

sie sich heute diesem Genusse wie eine Berauschte. Schmaling horchte

entzückt an der Thür; alle Jugenderinnerungen, alle jene süßen Stunden

der Unschuld kehrten in sein bewegtes Gemüth zurück. Ihm war, als hätte

er den ganzen Zwischenraum, zwischen jenen Tagen und dem heutigen, nur

in einem schweren Traum gelegen.

Clara hörte in ihrem lauten Gesange nicht, wie er klopfte. Als er das

Zeichen wiederholt gegeben hatte, öffnete er die Thür und trat in das

Zimmer. Sie saß mit dem Rücken gegen die Wand und hatte seinen Eintritt

nicht vernommen. Sie sang so laut und heftig, als wenn sie an dem Liede

sterben wolle. Er hatte es ihr vor drei Jahren zu ihrem Geburtstage

komponirt, nicht lange nachher, als sie mit einander bekannt geworden.

Er konnte sich nicht zurückhalten, er weinte laut und stürzte zu ihren

Füßen nieder. --

Die Laute entfiel ihrer Hand. -- Wie? rief sie aus; was sehen meine

Augen? Täuscht mich kein Blendwerk? Die alte Zeit kommt wieder, der

Calender lügt und mein Ferdinand ist wieder da.

Ja! rief der tiefbewegte Jüngling: da, um nie wieder von Dir zu

scheiden. Zurückgekehrt, wie der verlorne Sohn, von den Trebern des

Aberwitzes und der Lüge, um bei seinem Vater Schutz und Nahrung zu

suchen.

So? sagte Clara, indem sie ihn aufhob; stehe auf, lieber Freund, wenn

ich Dich noch so nennen darf. Also, meinst Du, soll ich nun wie das Kalb

geschlachtet und verspeiset werden?

Ich bin leider das Kalb gewesen, antwortete der Beschämte, aber nun,

meine süße Geliebte, nachdem ich genesen, nachdem ich die Dummheit

meiner erhabenen Meister eingesehn habe, werde ich mich niemals wieder

verführen lassen. Nein, auf immer bin ich zu Dir, zu jenem schlichten,

einfachen Leben zurückgekehrt, das ich vor Kurzem noch mit Verachtung

ansah. Fühle ich doch in allen Fasern meines Herzens und in jedem

Tropfen meines Blutes, daß das Einfache, scheinbar Arme, das

Nächstliegende eben das Reiche, Wohlthätige, Himmlische ist! Vergiebst

Du mir meinen Wahnsinn, so bin ich der Glückseligste aller Menschen, und

ich erwarte, daß Fürsten von mir Almosen begehren sollen.

Nun, nun, sagte Clara, nicht eben so eifrig, mein Freund, in der

Bekehrung und Reue wie erst in der Sünde. Also jetzt willst Du kein

Kapuziner, nicht katholisch werden?

Sie lachte so anmuthig, daß Schmaling den Muth faßte, sie in die Arme zu

nehmen und herzlich zu küssen. Noch niemals hatte sie ihm den Kuß mit

diesem Feuer erwiedert. Hierauf zog sie beide Glocken in ihrem Zimmer

mit der größten Heftigkeit, tanzte im Gemach auf und ab, und als mehrere

Diener ängstlich erschienen, rief sie diesen mit lauter Stimme zu: meine

Eltern sollen kommen! Aber gleich! Mit der größten Schnelligkeit! Es

verlohnt sich schon der Mühe, zu eilen.

Man verwunderte sich im ganzen Hause über das ungewöhnliche Geräusch.

Der alte Kammerdiener lief in Angst hin und her, weil er meinte, daß

irgendwo Feuer ausgebrochen sei. Endlich traten Mutter und Vater zu

Clara in das Zimmer. Was giebt es denn? fragten Beide; warum lässest Du

uns so gewaltsam rufen?

Sie sagte: wenn es nicht unbillig ist, daß bei der Geburt eines Prinzen

alle Glocken geläutet und Kanonen abgeschossen werden, so darf man schon

einigen Spektakel in einer honetten Familie machen, wenn ein junger Mann

seinen gesunden Menschenverstand wieder gefunden hat. Ja, liebste

Eltern, hier steht der bescheidene Jüngling, dessen Edelmuth es nicht

wagt, dergleichen Ungeheures von sich auszusagen, weil er seit so vielen

Wochen auf den entgegengesetzten Bahnen irrte.

Der Vater schloß entzückt den jungen Mann in seine Arme, die Mutter war

verlegen und gerührt. Und Sie entsagen, fragte der Rath, Ihrem Meister

Sangerheim?

Mit vollem Ja, kann ich antworten, rief Schmaling, und eben so dem

Großmeister Feliciano, der vielleicht Judas Maccabäus seyn mag, oder

Ischariot, und dem Teufel und seiner Großmutter, und allen ihren Spuk-

und Zauberwerken, die keine Stecknadel werth sind, und für die wir ihnen

unsre Seele verkaufen müssen.

Ja wohl, sagte der Vater, müssen wir ihnen, den Unterirdischen, den

Reichen des Wahnwitzes, das Theuerste verschreiben, um das Verächtliche

dafür zurück zu erhalten.

Ich bin genesen, rief Schmaling aus, und begreife jetzt nicht, wie ich

den Himmelsblick meiner Geliebten, ihr Herz, alles Glück einer

entzückenden Häuslichkeit und des nächsten Besitzes, gegen jene

Kartenkünste aufopfern konnte.

Als man sich mehr beruhigt hatte, erzählte er dem Vater auf dessen

stillem Zimmer Alles, was ihm begegnet war. Man erfuhr auch bald, daß

der junge Schmaling, wegen schwerer Vergehungen, von vielen Logen

ausgeschlossen sei. Dies störte nicht das Glück des Hauses, denn seine

Verlobung mit Clara wurde bekannt gemacht, und bald darauf die Hochzeit

gefeiert.

Könnte ich doch, klagte der Vater an diesem fröhlichen Abend, meinen

Sohn Anton eben so in meine Arme schließen, und mich überzeugen, daß er

mir zurückgegeben sei.

* * * * *

Die Scene, die sich mit dem größeren Magus ereignet hatte, war für

Sangerheim von Folgen gewesen. Seine Schüler hatten es gesehn, daß er

verlegen und irre an sich selber wurde; sie hatten Andern diese

Bemerkung mitgetheilt, und Viele wendeten sich von ihm ab. Die ältere

Loge beobachtete ihn genauer, und faßte mehr Muth, sich ihm öffentlich

zu widersetzen. Unter Denen aber, die ihm unwandelbar treu blieben, und

auf seine Worte schwuren, stand der Arzt Huber oben an; diese Anhänger

beredeten sich, daß die Wirkungen, welche Feliciano hervorbrachte, durch

die Hülfe böser Geister geschähen, und er selbst durchaus verwerflich

und gottlos, seine Lehre verdammlich zu nennen sei.

Jetzt ward es den Vertrauteren, und späterhin den Uebrigen bekannt, daß

Sangerheim verheirathet sei, und seine Frau bei ihm wohne. Da sie krank

und leidend war, hatte er ihr Dasein Allen verschwiegen. Die Wenigen,

die sie zuweilen auf einen Augenblick sahen, bemitleideten sie, oder

entsetzten sich vor ihr, wie vor einer Geistererscheinung. Sie war noch

jung, aber todtenbleich, schwach und matt. In dem weißen und

abgemagerten Gesicht glänzten die Augen mit einem sonderbaren Feuer. Sie

hatte kaum Stärke genug, aus einem Zimmer in das andre zu gehn, und es

geschah wohl, daß sie mitten in ihrer Rede abbrach und einschlief. Dann

sprach sie sonderbar, oft unzusammenhängend, oft, als wenn sie

Erscheinungen sähe. Sie hatte keinen Arzt, sondern der Mann, der sich

die größten Kenntnisse zutraute, behandelte sie selbst auf eine

geheimnißvolle Weise: er suchte sie durch Gebet, Händeauflegen und

Beschwören zu stärken. Wegen dieses sonderbaren Zustandes der Leidenden

war es selbst den Vertrautesten nur durch Zufall möglich gewesen, sie

auf Augenblicke zu sehn und zu beobachten.

Nach einer schlimmen Nacht, in welcher sie von Schmerzen sehr gequält

war, sagte sie am Morgen zu ihrem Gatten: Ach, Alexander! das war nicht

die Aussicht, die wir hatten, als Du mich heimlich, fast mit Gewalt aus

dem Hause meiner guten Eltern nahmst. Welche Pläne machten wir damals,

was hofften wir Alles von unsrer Liebe. Nun ist Alles dem Tode

verfallen! Ach! und welch gespenstisch Leben, welch sterbendes Dasein

ward mir in Deiner Nähe. Nun, ich fühl' es, es ist zu Ende.

Nein, geliebte Theodora, tröstete sie der Mann: nein, meine Geliebteste,

ohne die das Leben mir selbst nur eine Last seyn würde. Glaube mir,

Alles nähert sich einer glücklichen Entwicklung. Ich sehe, Du wirst mit

jedem Tage besser, in wenigen Monaten ist Deine Gesundheit und die

Blüthe Deines Leibes wiedergekehrt. Du bist wieder heiter und froh, Du

hast wieder Muth und Kraft, wie in den ersten Tagen unsrer Liebe.

Liebst Du mich denn noch? fragte die Kranke, mit einem sterbenden Blick.

Theodora, rief Sangerheim, außer sich vor Schmerz; diese Frage und

dieser Blick könnten mich tödten. Es wühlt mein Herz um, und zernichtet

meine Kräfte, daß diese Zweifel Dir immer wiederkehren.

Ich darf nicht sprechen, antwortete sie matt, denn Deine Heftigkeit geht

dann wie ein schneidend Messer durch meinen Leib und meine Seele.

Ich will sanft seyn, milde, Geliebte, antwortete er demüthig, sprich

Deinen Kummer aus, nur zweifle an meiner Liebe nicht.

Was nennst Du so? fuhr sie fort; Deine Liebe ist Dir doch nicht heilig,

Du opferst sie auf, sie ist Dir nur Mittel zu andern Zwecken. O, mein

Engel, wenn Du Dich von jener Verbindung losmachen könntest, o zerbrich

sie, mein süßes Herz, entzieh Dich jener Gesellschaft, die mir immer

schrecklicher erscheint, die Dich verderben wird.

Nein, meine Liebste, antwortete Sangerheim gerührt, ich erkenne Deine

Liebe in jedem Deiner Worte, aber diese Männer, von denen ich Dir einmal

in einer schwachen Stunde erzählt habe, kennst und würdigst Du nicht.

Denke nur zurück, wie arm, wie dürftig unser Leben war. Als

österreichischer Offizier, in einer kleinen Garnison, von rohen,

unwissenden Menschen umgeben, mit schmalem, unbedeutendem Gehalt, ohne

Hoffnung, es weiter zu bringen, -- was war da unser Loos? Wie armselig,

dürftig und verächtlich war diese Existenz! Und betrachte jetzt den

Ueberfluß, die Ehre, den Schwarm der Freunde und Bewunderer.

O Alexander, seufzte sie, führe mich in jene enge Dürftigkeit zurück,

gieb mir unser damaliges Leben wieder, und ich will Dir auf den Knieen

danken. Wir waren gesund, wir hatten uns keine Vorwürfe zu machen, denn

die Eltern waren mir wieder ausgesöhnt. War unser Einkommen klein, unsre

Habe unbedeutend, so genossen wir Alles mit kindlichem dankbaren Sinn

und mit einem reinen Gewissen. Als Du in jene Verbindung getreten warst,

nahmst Du Deinen Abschied, mußtest ihn nehmen. Seitdem ist Alles so

unklar und unheimlich. Und unser Wohlstand: mir ist, Du stehst auf einer

dünnen, dünnen Eisrinde, und unter Dir liegt der tiefe Abgrund.

Geliebteste, Freundin, Gattin, erwiederte er liebkosend, beruhige doch

endlich Deine Seele über diesen Punkt. Wie wird sich Alles anders, und

zu Deiner schönsten Zufriedenheit entwickeln. Jenen edlen Männern darf

ich vertrauen, denn ich war ja Zeuge, daß sie Uebermenschliches vermögen

und wissen. Wie viel haben sie mir schon anvertraut, wie Vieles vermag

ich durch sie. Mit jeder Post kann es ankommen, das Größte, das Beste,

was noch zurück ist, in jedem Reisenden kann der Ersehnte vom Wagen

steigen, der mir Alles enthüllt, so daß keine Frage und kein Wunsch mehr

übrig bleibt. Alle ihre Briefe deuten auch dahin.

Brauche ich Dir zu sagen, antwortete die Kranke, daß Alles, was Du bis

jetzt errungen hast, Kunststücke sind, die nur darum den Menschen

unbegreiflich und wundervoll erscheinen, weil die Wissenschaft sie noch

nicht gefunden hat? Jeder Gelehrte kann sie zufällig entdecken, und

diese donnernden Explosionen, die sich durch einen Wurf, ohne Spur

entladen, werden dann vielleicht ein Spielwerk, mit dem sich die Kinder

erschrecken. Und Deine Operationen, diese Blendwerke der Erscheinungen,

diese Bilder, die Du zeigst, Deine künstliche, innerliche Sprache, die,

wie aus der Ferne, wie die eines Fremden klingt, und womit Du so Viele

entsetzest, und sie zu Deinen Zwecken führst; daß ich selbst auch als

Geist auftreten muß, -- o Alexander, wohin sind wir gekommen? Wie muß

die Welt uns ansehn, wenn Alles einmal bekannt wird.

Liebste Frau, sagte Sangerheim beängstigt, Du hättest Recht, wenn wir

nicht mit den Edelsten aller Menschen, mit den Uneigennützigsten, mit

den Weisesten in Verbindung ständen. Daß sie das Beste wollen, daß ihre

Pläne gut sind und zum Heil aller Menschen hinstreben, davon dürfen wir

uns überzeugt halten, so seltsam auch ihre Wege, so krumm sie auch

laufen mögen. Ihnen liegt es ob, dies zu verantworten, wenn sie im

Unrecht seyn sollten. Ich muß erfüllen, was ich ihnen gelobt habe. Ich

kenne die Täuschung, die ich mir erlaube, aber ich bin vom guten Zweck

überzeugt. Und jenseit aller Täuschung sind wir ja im Besitz so manches

wahren Wunders. Dein Gebet wirkt kräftig, das meinige stimmt Deinen

Geist. Du siehst, Du sprichst mit abgeschiedenen Freunden, sie entdecken

Dir Geheimnisse; Du siehst in weite Ferne und durch verschlossene

Thüren. Dir ist, wenn Du fest willst, Nichts verborgen.

Schriften 23: Novellen 7 · 第 18 / 26 段