Nein, wahrlich nicht! rief Clara im höchsten Unwillen aus, nun und

nimmermehr! Welchen Gimpel haben sie schon jetzt aus dem allerliebsten

Menschen gemacht, und was muß nicht erst aus ihm werden, wenn sie ihm

noch mehr Grade und Geheimnisse aufhalsen! O wahrlich, er wird ihnen in

den Strängen geduldiger als ein Maulthier ziehn, und allen frommen

Gläubigen zum Exempel und Vorbild dienen. Mich mit ihm verbinden?

Vielleicht haben sie noch einen andern geheimen Grad irgendwo im Winkel

liegen, und um den zu ergattern, muß er wohl auch noch sein Vermögen

dran geben, und dann, um die letzte und beste Niete zu ziehn, Capuziner

werden. Nein, ehe er seinen Verstand nicht aus dem Monde wieder herunter

geholt hat, mag ich Nichts von ihm wissen. Wie er der jüngern Kirche

entsagt hat, um die ältere lieben zu können, so giebt es auch vielleicht

hinter dem Vorhang eine ältere mütterliche Braut, die zu ehlichen seine

unsterbliche Pflicht ist, denn ich merke, diese Wunderthäter können

Alles möglich machen. Ich hörte sonst wohl, die katholische Kirche habe

die Freimaurerei in schweren Bann gethan, ich sehe aber wohl, es gibt

Ausnahmen für Alles. Sonst wurden viele junge Menschen Maurer, um auf

Reisen eine gute Aufnahme und gastfreie Brüder zu finden, eine

unschuldige Ursache, sich einweihen zu lassen. Jetzt aber, -- wie

Kunstreiter auf ihre Geschicklichkeit, Taschenspieler auf ihre schnellen

Hände, so reiset dieser Sangerheim auf die Kunst herum, allenthalben die

bestehenden Logen zu stürzen. Wenn er denn Geister zitiren kann, so mag

er dem armen Schmaling den seinigen wiederschaffen. Vielleicht ist der

aber schon in der Loge verbaut, oder als Winkelmaß eingerichtet. Also

nach Rom hin sieht denn dieser Orient? Schmaling wird gewiß einmal diese

Herren segnen, die ihn jetzt so reich und groß machen, wenn er erst sein

ganzes Elend kennt, und ihm sein verarmtes Herz zerbricht.

Sie überließ sich der Trostlosigkeit und weinte heftig. Der Vater wußte

ihr Nichts zu sagen, er beschwor sie, nur nicht in der ersten Entrüstung

den Brief zu beantworten. Er selbst schrieb an Schmaling, um ihn mit

allen Gründen, die er aufführen konnte, von dem Schritte abzuhalten, den

er zu thun im Begriff war.

* * * * *

Endlich bestimmte sich auch der Graf Feliciano, seine große Reise

fortzusetzen. So sehr der Rath seinem Sohn Anton Alles vorhielt, was

Vernunft und Gefühl ihm nur eingeben konnte, so ließ sich Anton dennoch

durch Nichts abhalten, mit seiner jungen Frau, deren Kind bald nach der

Geburt gestorben war, dem Grafen zu folgen. Auch der Professor gab

seinen Knaben, wenigstens für einige Zeit, dem berühmten Feliciano mit

auf die Reise, weil der Magier gefunden hatte, daß dieses Kind

vorzüglich begabt sei, die Visionen zu sehn. Die Mutter hatte sich

indessen von der Loge wieder zurückgezogen, denn es war ihr zu

empfindlich gewesen, daß das Bauermädchen eines größeren Ansehns, als

sie selber, genoß; man hatte sogar in Vorschlag gebracht, daß die

Unerzogene nach der Abreise des Grafen und seiner Gemahlin Vorsteherin

derselben werden sollte; da sie aber die Wunderthäter begleitete, um

noch höhere Grade zu empfangen, und der höchsten Geheimnisse theilhaftig

zu werden, so war der Räthin die Würde angetragen worden, die sie nach

diesen Vorfällen mit Verachtung ausgeschlagen hatte.

Wenn also der Rath um seinen Sohn und dessen Schicksal bekümmert seyn

mußte, so hatte er wenigstens die Beruhigung, daß seine Gattin mit ihm

und der Tochter wieder einverstanden war. Die Frau, die nicht ohne

Charakter und Verstand war, bereute jetzt ihre kurze Verblendung um so

mehr, als sie jetzt, kühler geworden, einzusehn glaubte, wohin das

Gaukelspiel ziele. Durch die Loge hatten sich mehrere Liebschaften und

Verbindungen, und zwar nicht von den anständigsten, angeknüpft; auch

Scheidungen fielen vor, und man hielt es bald für verdächtig, dieser

Gesellschaft anzugehören, so daß die Frauen selbst nach kurzer Zeit

dieses Logenspiel wieder aufgaben, und um so leichter, da man nur

Wenigen Geheimnisse mitgetheilt hatte. Diese Wenigen waren nachher von

Allen vermieden, die ein strengeres Leben führen wollten.

In jener großen Stadt hatte sich Sangerheim indessen eingerichtet und

einen viel größern Anhang, als in der Residenz gefunden. Die dortigen

Freimaurer waren durch ihn gewissermaßen aufgelöst worden, viele

derselben in seine Loge getreten, und man sprach fast nur von dieser

neugebildeten Brüderschaft, die sich großer Geheimnisse rühme. Es fehlte

nicht an seltsamen Berichten. Man wollte Geister gesehn, die größten

Dinge prophezeit haben, man war auf dem Wege, den Stein der Weisen zu

entdecken, oder der Meister war vielmehr im Besitz desselben, und die

liebsten Jünger durften hoffen, desselben bald auch theilhaftig zu

werden.

Auf seinem Zuge berührte der Graf Feliciano auch diese Stadt, und

beschloß, mindestens einige Tage hier zu verweilen. In dieser Zeit

gewann er den enthusiastischen Schmaling sehr lieb, und hatte ihn fast

immer um sich, mit ihm über seine Bestimmung, das Geheimniß und das

Licht zu sprechen. Dieser junge Mann und Anton, die sich früher in allen

Dingen widersprochen hatten, waren jetzt in allen Ueberzeugungen

miteinander einverstanden. Der Arzt Huber, welcher auch schon, um

Sangerheims Umgang zu genießen, nach dieser Stadt gekommen war, vereinte

sich mit ihnen. Sie erfreuten sich jetzt an Antons Weisheit, der fast

der Heftigste von ihnen war, und lernten dankbar und demüthig von dem,

der ihnen vor weniger Zeit noch als ein unbedeutender Freigeist

erschienen war.

Eine Versammlung der vertrautesten Brüder war zu einer Abendmahlzeit bei

Sangerheim vereinigt. Huber und Schmaling fanden sich ein, und der Graf

beehrte mit Anton durch seine Gegenwart die Gesellschaft, die zahlreich

war, weil noch Manche in der Stadt, die Sangerheims Vertrauen genossen

und die begierig waren, den fremden Wunderthäter kennen zu lernen, sich

mit Bitten hinzugedrängt hatten.

Der Graf wußte seine Person geltend zu machen und wurde von allen

Anwesenden wie ein überirdisches Wesen verehrt. Er war im Anfange

zurückhaltend und karg mit seinen Worten, nach und nach aber ward er

gesprächig, heiter und mittheilend. Er suchte, so schien es, die

Gesinnung und das Wesen Sangerheims ausforschen zu wollen, ohne ihm

selbst näher zu treten.

Sangerheim, der sich vor seinen Schülern und Anhängern keine

Verlegenheit wollte zu Schulden kommen lassen, erörterte viele Punkte,

die er sonst lieber vermieden hätte, zu denen ihn aber der forschende

Graf in künstlichen Wendungen hindrängte. Dadurch gewann der Klügere so

sehr die Oberhand, daß Sangerheim dem Grafen gegenüber selbst als

Schüler und Lehrling erschien. Am meisten fiel dies dem wißbegierigen

Schmaling auf, der bis dahin seinen Meister für den ersten Menschen der

Welt gehalten hatte. Wie sonderbar, sagte er zu sich selbst, daß mein

Meister, die große, edle Gestalt mit dem Feuerauge und der hohen Stirn,

mit diesem kräftigen und vollen Ton, diesem untersetzten Manne, mit den

hohen Schultern, dem matten Auge und der schwachen krähenden Stimme

gegenüber klein erscheinen kann. Erkennt er denn vielleicht in ihm ein

höheres Wesen? Ist dieser Fremde wohl einer der unbekannten Obern, von

denen ich immer so viel sprechen höre?

Auch Huber und manche der Gegenwärtigen mochten etwas Aehnliches denken.

Da bei dem leckern Mahle die feinen Weine nicht gespart waren, so

belebte sich das Gespräch immer mehr. Jeder der Anwesenden wollte sich

vor dem großen Fremden mit seinen Gedanken und Kenntnissen zeigen, oder

Etwas von ihm lernen, und wenn auf viele Fragen die Antworten des Grafen

auch nicht klar und glänzend ausfielen, so gab die Dunkelheit oder das

Zweideutige derselben doch immer Vieles zu denken.

Schmaling lenkte endlich das Gespräch auf die Religion, und Sangerheim

sah sich genöthigt, den Wink, den er Manchen im Geheim gegeben hatte,

jetzt als eine Lehre laut auszusprechen, daß nur Derjenige, der zur

katholischen Kirche gehöre oder überträte, der höchsten Grade und der

wichtigsten Geheimnisse theilhaftig werden könne.

Feliciano sah ihn lange mit einem großen fragenden Blicke an und sagte

nach einer Pause, die alle Anwesenden in der größten Spannung erhielt:

Ist das Euer Ernst, großer Meister?

Wie anders? fuhr Sangerheim fort, da die übrigen Partheien, die sich

ebenfalls Christen nennen, immerdar ein geistiges Geheimniß verletzen

und sich der Wundergabe, der Inspiration, der Anschauung der Mysterien

entziehn? Sie können Vieles sehn und erforschen, aber der Anblick des

Allerheiligsten ist ihnen nicht vergönnt; sie können nur von den sieben

höheren Graden fünfe erringen. Ihre Sekte an sich selbst schließt sie

nicht aus, wohl aber ihre Glaubensunfähigkeit: überwinden sie aber diese

in der Rührung ihres Herzens, so treibt sie der eigne Geist von selbst,

sich der älteren Kirche wieder anzuschließen.

Der älteren? nahm Feliciano mit großem Ernste das Wort auf; welche ist

diese? Kennt Ihr sie? War vor dieser ältern nicht wohl eine noch ältere

und ächtere? Wozu Eure vielen Grade, wenn Euch dieses wichtigste

Mysterium mangelt?

Hindert Euch Nichts, großer Mann, fiel Schmaling ein, dieses etwas

deutlicher auszusagen?

Wir sind nur von Brüdern umringt, antwortete der Graf, die früher oder

später von selbst das finden werden, was ich ihnen andeuten kann, und

darum brauche ich in dieser edlen Gesellschaft, die keine weltliche ist,

meine Worte nicht ängstlich abzumessen. -- Was die Christenheit spaltet,

ist neu und zeitlich, Priesterwort und willkührliche Satzung ist schwer

vom ächten Fundament desselben zu unterscheiden, und so kommt es, daß in

den protestantischen Kirchen vieles ächter und wahrer ist, als was die

Katholiken in ihrer Lehre vortragen, die Alles, was Luther predigte, nur

Neuerung nennen. Aus beiden Kirchen ist zu lernen, aber nur dem ist es

möglich, dem der Sinn frei geblieben ist. Gab es denn nicht, längst vor

Entstehung des Christenthums, die ächte, völlig ausgebildete Maurerei?

Diese war denn doch wohl noch älter, als die alte Kirche. Und was bedarf

sie denn also dieser, um der Wunder, des Wissens, der Geheimnisse

theilhaftig zu werden? Sie genügt sich selbst, und sie wäre nicht das

Höchste und Beste, was der Mensch erringen kann, wenn sie in irgend

einer Religion eine Stütze oder Bestätigung finden könnte.

Sangerheim schien erstaunt, aber Feliciano fuhr fort: gedenkt nur an den

großen, weisen Salomo und seinen Tempelbau, an Hiram, und an alle

Legenden und Symbole, die auf unsern großen und alten Meister, den

weisesten des Orientes, hindeuten. Ihr wißt es Alle, wie den Lehrlingen

mit diesen Symbolen und ihren Deutungen der Kopf verwirrt, wie sie

zerstreut werden, damit sie nur die Wahrheit nicht finden sollen, die

ein Eigenthum der höhern Geister bleibt. Salomo empfing, als ein

Würdiger, das Geheimniß der Maurer von großen unsterblichen Obern, er

baute den Tempel und stiftete die Loge des Geheimnisses, indessen der

gemeine Mann im Prachtgebäude auf herkömmliche Weise den Gott anbetete,

den er nur für einen Gott seiner Nation ansehn konnte, der mächtiger

sei, als die Götter der andern Völker. Wo steht in unsern Büchern und

Sagen, in Allem, was uns von Salomo überliefert ist, daß er von Gott

abfiel, daß er ein Götzendiener wurde? Er hätte, wenn dies gegründet

war, nicht mehr Meister des heiligsten Stuhles, nicht mehr Oberer und

Bewahrer des Geheimnisses bleiben können. Diese falsche Legende ließen

die Priester nur in die Schrift hinein schreiben, weil er sich ihnen

entzog, und ihrer Zunft nicht die Gabe zu weissagen, Wunder zu thun,

Todte zu erwecken, Geister zu rufen und zu bannen, Gold zu machen,

mittheilen wollte. Diese Kräfte, diese Herrschaft über die Geister,

diese Geheimnisse der Loge, die nur Wenigen mitgetheilt wurden, welche

die höchsten Weihen schon empfangen hatten, diese sind die hohen

Gewalten, die von der Unwissenheit der Priester Götzen genannt wurden.

Freilich waren es ihnen ausländische, fremde Götter, weil ihnen die

Kenntniß derselben entzogen wurde.

Diese herrliche, glänzende Zeit der Maurerei verfiel nach dem Abscheiden

des großen Königs und Meisters. Die Obern zogen sich zurück, die meisten

nach Indien. Späterhin finden wir Elias und Elisa als Eingeweihte

wieder, die von der tauben Menge und von den verstockten Königen nicht

verstanden wurden. Ganz verbarg sich nachher die hehre Kunst, und

wandelte aus dem Tempel und Jerusalem in die Wüste. Da treffen wir sie

unter den Essäern oder Essenern wieder an. Das heißt, die Gelehrten, die

Geschichtforscher der Welt wissen nun wieder Etwas von ihr, denn für den

wahren Maurer giebt es in der Geschichte seiner Kunst keine Lücke. Ich

führe nun auf das, was Allen bekannter ist. Diese Männer hatten schon

seit lange im Stillen gearbeitet: seit vielen Jahrhunderten war es ein

Grundgesetz der Maurerei, welches Salomo und Andre beobachtet oder noch

fester gegründet hatten, daß die ächte Erkenntniß ein Geheimniß seyn und

bleiben müsse, da die blöde, rohe Welt, die unwissende Menge das

Heilige, wenn es sich ihr mittheilen wolle, nur mißverstehn und

entweihen könne. Hier stehn wir nun an der großen und merkwürdigen

Geschichts-Epoche. Die heilige Gesellschaft der Essäer zertrennte sich

um jene Zeit in zwei sich widersprechende Gesellschaften. Ein Theil

beharrte auf dem Grundsatz, Alles müsse geheim bleiben, weil nur so die

Verbindung aus der Ferne wohlthätig auf die Menschen und ihr vielfaches

Unglück wirken könne. Aber viele erleuchtete Männer waren vom Gegentheil

überzeugt. Zwei große Geweihte wurden ausgesendet, der zweite noch

mächtiger und größer, als der erste, Johannes der Täufer, und der

göttliche Stifter der christlichen Religion, der erhabene

Menschenfreund, der aus Erbarmen gegen seine unglücklichen, im Elend

schmachtenden Brüder ihnen das Wort des Lebens mittheilen wollte. Lange

kämpften die beiden Partheien der Erleuchteten gegen einander. Das

Mysterium war auf eine Zeit lang offenbar worden, aber, neben der

Wohlthat brachte es im Mißverständniß unermeßliches Elend über die

Länder und Völker. Der große Eingeweihte selbst und seine Freunde sahen

es ein, und er starb den Versöhnungstod. Nach und nach ward das

Mysterium dem Volke wieder entzogen, das spätere Christenthum und die

Hierarchie bildeten sich aus, und verdeckten mit Satzungen, Gebräuchen,

Ceremonien, Putz und Kunst das geistige Geheimniß, das wir nur hie und

da im Lauf der Zeiten aufleuchten, und wie einen Blitz vorüber fahren

sehn. Dem Kundigen genug, um das Licht zu erkennen; dem Unwissenden nur

eine Blendung oder Veranlassung, sich wieder einer leidenschaftlichen

Sektirerei zu ergeben. -- Wozu also, großer Meister Sangerheim, wenn Ihr

diese Wahrheiten erkennt, ist Euch zur Weihe die katholische Kirche noch

nöthig, da diese selbst nur eine abgeleitete aus unserm ältern, ächten

Orden ist? da sie Nichts darstellt, als das Mißverständniß eines

Geheimnisses, das ihr freilich Anfangs lauter übergeben ward? Und darum

sagte ich, daß in gewissen Punkten der Protestant eine ältere Kirche

besitze, und Ihr werdet nun, mein Freund, wahrscheinlich verstehn, wie

dieser kurze Ausspruch gemeint war.

Der Graf mußte es bemerken, welchen sonderbaren Eindruck dieser Vortrag

auf die meisten seiner Zuhörer machte. Bei Einigen war das Erstaunen mit

Unwillen gemischt, Einige gaben Beifall, den man einen schadenfrohen

hätte nennen mögen, denn sie sahen mit bedeutsamem Lächeln nach

Sangerheim hinüber, der, so sehr er sich zwang, seine Verlegenheit jetzt

nicht mehr verbergen konnte, und sich, Hülfe suchend, an Diejenigen

wendete, die mit der Rede des Grafen unzufrieden schienen. Er sagte

endlich, nach einigen Erörterungen: So sehr wir verbunden seyn mögen, so

sind wir also doch wieder getrennt; es mag seyn, daß sich die Wahrheit

unterschiedliche Bahnen sucht. Nach Ihrer Ueberzeugung ist die Maurerei

das Einzige und Höchste; ich stütze mich noch auf die Heiligkeit der

Kirche und offenbarten Religion.

So gebt die Maurerei auf, rief der Graf, der erhitzt schien: wozu soll

sie Euch helfen, wenn Euer Herz und Glaube sich in der Religion

befriedigt und sättigt? Und woher kommt denn diese Religion? Ist sie

denn nicht, wie ich schon sagte, ein ungeschickter Versuch, einige der

verschwiegenen Mysterien zu offenkundigen Wahrheiten zu machen? Und

damit diese wenigen Wahrheiten sich erhalten können, meistentheils nur

scheinbar, weil sie doch unverstanden sind, muß das Gerüst des

Kirchendienstes dazu erbaut, muß der große Teppich gewirkt werden, der

bedeckend herumgehangen wird, und diese wenigen Wahrheiten wieder in

Geheimnisse verwandelt, die keiner sieht und findet, indessen sich das

Volk an den bunten Bildwerken ergötzt, und die Priester sich zanken, und

die Verständigsten unter den Layen von der ganzen Sache eigentlich gar

keine Notiz nehmen. Seht, Meister, so steht es wahrhaft, wenn ich denn

doch einmal reden soll, ohne, wie man sprichtwörtlich sagt, ein Blatt

vor den Mund zu nehmen.

Großer Meister, erwiederte Sangerheim, Euer Geist ist gewaltig und groß,

Ihr fahrt wie ein Sturmwind daher, und predigt wie die Begeisterung. Was

Ihr weissagt, habe ich wohl verstanden, aber die Obern, die ich verehren

muß, würden auch Euch, so stark Ihr seid, so viele Zeitalter Ihr gesehn

haben mögt, Hochachtung abzwingen, und wohl eine andre Ueberzeugung Euch

geben.

Mir? sagte der fremde Meister: wißt Ihr denn, ob ich sie nicht längst

kenne? Es ist aber noch die Frage, ob sie mich auch kennen, auch wenn

ich vor ihnen stände.

Wie meint Ihr das, Großmeister? fragte Sangerheim.

Ihr fragt, und fragt immer wieder, antwortete der Magus erhitzt und mit

funkelnden Augen, und wollt doch auch Großmeister seyn. Obere nennt Ihr

sie? Gut. Aber es kann doch auch wohl einen Obersten dieser Obern geben,

die diesem dienen und gehorchen müssen, denen er nur so viel Weisheit

zukommen läßt, als ihm dienlich scheint, die deshalb verschiedene

Systeme ausbreiten, die er alle von seiner Höhe lenkt. So sind diese

katholisch, jene protestantisch; einige nennen sich Rosenkreuzer, andre

Tempelritter; der will Vernunft und Freiheit des Volks, jener Mystik und

die Würde des Königs begründen und verbreiten; diese Ritter des Grabes,

des Todes und Lebens, Illuminaten, und wie sie vielfältig sich betiteln,

-- können sie nicht vielleicht alle von einem unbekannten obersten Obern

abhängen? Und ist Euch diese alte Sage, da Ihr doch so Vieles wißt und

erfahren, in Euerm Orden noch nicht vorgekommen?

Wer seid Ihr? rief Sangerheim wie entsetzt aus.

_Ich bin, der ich bin!_ antwortete der Fremde. Erkennt Ihr mich daran

noch nicht? -- Ob ich auch Feliciano, oder einen ältern Namen nenne,

gilt dem Nichtwissenden gleichviel. Seid Ihr aber ein Wissender, so will

ich in einer Chiffer, einem kleinen Symbol aussprechen, wer ich bin.

Reicht mir das Blatt und den Stift.

Er zeichnete und gab dann mit Lächeln das Papier dem Meister hinüber,

indem er scharf sagte: Wenn Ihr der seid, für den Ihr Euch ausgebt, so

müßt Ihr mich nun erkennen. Doch zeigt es Niemand.

Sangerheim nahm das Blatt, sah und erblaßte. Er wickelte die Zeichnung

zusammen und ließ sie schnell am Licht verbrennen. Ich sehe nun, daß Ihr

jener wahre Oberste seid, dessen Zeichenschrift man nur denen der

höchsten Weihe vorzeigt. Ich beuge meine Knie und meinen Geist vor Euch.

Die letzte, entscheidende Erklärung hatte alle Gegenwärtigen in

Verehrung und Demuth zum Grafen hinüber gezogen. Feliciano stand auf,

machte ein Zeichen, das alle verstanden, und sagte: Kraft meines Amtes

schließe ich hiemit diese Loge. Alle erhoben sich. Der Graf faßte

hierauf die Hand Sangerheims und sagte: Junger Mann, Du wandelst einen

gefahrvollen Weg, aber Du bist so weit vorgeschritten, daß ich nur

warnen, Dich nicht mehr lenken kann und darf. Du kennst die Geister, Du

bezwingst sie und sie gehorchen Dir, -- aber, sie kennen Dich besser,

als Du sie kennst. Dir sind sie geheimnißvolle, wunderbare,

unbegreifliche Wesen, und Du bist ihnen so verständlich und klar, daß

sie Alles wissen, was in Deinem Gemüthe ist. Das Verhältniß des ächten

Magiers muß aber das ganz umgekehrte seyn, Du mußt Deinen Geistern ein

ganz wundervoll, geheimnißreiches Wesen bleiben, mit Furcht und

Schaudern müssen sie Dir dienen. Kannst Du sie nicht noch zu Sklaven

machen, daß sie vor Dir erbeben, wird ihnen Deine Natur immer klarer

näher gebracht, wähnst Du gar, Freundschaft mit ihnen stiften zu können,

dann -- wehe Dir! Furchtbar werden sie Dich einst, vielleicht bald,

wegen ihrer aufgezwungenen Dienste zur Rechenschaft ziehn. --

Er ging mit feierlichem Schritte fort, und Schmaling folgte ihm

zitternd. Die Zurückgebliebenen sahen sich forschend an, und wußten

nicht, was sie aus diesen letzten Worten machen sollten. Nur Sangerheim

schien sie zu verstehn und sank bleich und von Anstrengung erschöpft, in

einen Sessel zurück. Meine Freunde, sagte er nach einiger Zeit, ihr seid

Alle Zeugen der wunderbaren Begebenheit, die sich zugetragen hat. Ihr

wißt nun Alle, welche Kämpfe, welche Gefahren ich noch zu bestehn haben

werde: welche Angriffe mir aus dem Geisterreiche her drohen. Erliege ich

in meinen großen Bemühungen, so war es doch nicht Unkunde, die mich auf

diesen gefahrvollen Weg trieb, sondern die Liebe zum Heiligsten der

Wissenschaft.

Alle verließen den Meister, dankend, hoffend, ihn ermunternd, und Jeder

ging tiefdenkend nach seinem Hause.

* * * * *

Schmaling trat mit dem Großmeister, dem unbekannten Obersten, zu welchem

ihn eine ungemessene Ehrfurcht, eine Art von Anbetung hinzog, zugleich

in sein elegantes Schlafgemach, indem er an allen Gliedern zitterte. Ich

wage es, Ihnen zu folgen, Größter aller Sterblichen, -- doch, was sage

ich? vielleicht einem Unsterblichen.

Feliciano sah ihn mit einem hochrothen Gesicht und glänzenden Augen an.

Dem Jüngling erschien der Meister in einem wunderbaren Lichte, denn er

sah, daß Dieser wankte, und sich lachend niedersetzte. Ei! mein Kind,

fing er darauf an, da bist Du ja auch! Das ist schön, daß Du kommst, so

können wir noch in stiller Nacht ein wenig mit einander schwatzen.

Er stand wieder auf, und wankte nach einem Schranke hin. Ich habe mich

verleiten lassen, fing er wieder an, heute, meiner Gewohnheit entgegen,

viel zu sprechen, und noch mehr von den starken Weinen zu trinken.

Unpolitisch. Ich will mich nun an diesem Trank, den ich nur meinen

ägyptischen Wein zu nennen pflege, wieder nüchtern zechen, weil dieser

noch viel stärker ist, als dort das beste Getränk. -- Er leerte einen

großen Becher, den er aus einer sonderbaren Flasche gefüllt hatte, die

in allen Farben glänzte und mit vielfachen Hieroglyphen bemalt war. --

Trink, mein Söhnchen, sagte er dann, und reichte dem jungen Manne den

Becher, koste wenigstens diesen Wundertrank.

Schmaling setzte bald ab, denn diese Essenz, aus Gewürzen abgezogen, war

ihm zu stark. Feliciano sah ihn freundlich lächelnd an und sagte: Liebes

Bürschchen, kein Mensch in der Welt hat mir noch so sehr als Du

gefallen, begleite mich, sei mein Freund und wahrer Schüler, und ich

will Dir alle meine Weisheit mittheilen. Das andre Menschenvolk ist so

plump und unliebenswürdig, Keiner ist mir noch aufgestoßen, dem ich mich

ganz ergeben möchte. Du allein hast mein Herz gewonnen, und zu Dir

möchte ich wahr und offen seyn können, weil mich das Zusammenschnüren,

wie ich es der Uebrigen wegen mit mir treiben muß, genirt und langweilt.

-- Aber was wolltest Du noch von mir erfahren oder erfragen?

Die Stimme des Mannes lallte, und es schien, als wenn dieser ägyptische

Wein eher das Gegentheil, als die beabsichtigte Wirkung hervor gebracht

hätte. Schmaling war verlegen und mochte sich selber nicht gestehn, was

er zu bemerken glaubte; er sagte: Großer Meister, wenn es mir erlaubt

ist, zu fragen, und noch einen Augenblick bei Ihnen zu verweilen, so

möchte ich wohl erfahren, wie Sie es gemeint haben, was meinem Freunde

die Geister, und auf welche Art sie ihm schaden könnten: was Sie sagten,

schien zwar ein gewisses Licht zu geben, war mir aber doch noch

unverständlich.

Schriften 23: Novellen 7 · 第 17 / 26 段