Anton war höchst betreten, überrascht, und konnte in leidenschaftlicher

Verwirrung nicht seine Begriffe ordnen und sammeln. Dies Alles war so

sehr gegen die Abrede, Anderson erschien ihm so fremd, in einer so neuen

Gestalt, daß ihm das Wort auf der Zunge versagte, als er ihn anreden

wollte, denn der Magus sah ihn mit einem so feurigen, durchdringenden

Blicke an, daß er verlegen die Augen niederschlug. Der Gelehrte war eben

so verwirrt, denn die Scene hatte sich so völlig umgestaltet, daß er

sich im eignen Wohnzimmer als ein Fremder fühlte.

Du glaubtest, mein Anton, fing der Zauberer an, durch einen fremden Mann

diesem Jüngling einen Scherz und Trug zu bereiten, und Du,

Kurzsichtiger, bist der Getäuschte. Ja, wisse denn, ich bin wirklich und

in der That jener weit bekannte Feliciano, den die Welt früher schon mit

andern Namen nannte. Du staunst? Du zweifelst noch? Er faßte das Kind,

stellte es wieder vor den Tisch, murmelte einige Worte, blickte starr

eine geraume Zeit empor, indem er die Lippen bewegte, und legte dann

seine rechte Hand wieder auf den Kopf des Kindes. Was siehst Du für ein

Schicksal? fragte er dann mit schneidendem Ton.

Ei! ei! rief der Kleine; ach! grüne Bäume, ein Dorf: ein kleines, liebes

Haus da, auch eine Wiese, ein klares Wässerchen, und eine Mühle nicht

weit davon. Ein junger Herr spaziert da, ich kenne ihn auch, er kommt

oft zu uns, ja er ist jetzt bei uns. Schau, da tritt ein hübsches

Bauernmädchen zu ihm, und sie gehn in das kleine Haus.

Anton war blaß. Er hatte sich erhoben, konnte sich aber zitternd nicht

mehr aufrechthalten und setzte sich nieder.

Der Knabe fuhr fort, in das Glas schauend: sie streiten heftig im

Zimmer, sie nimmt ein Bild aus ihrem Busen und tritt es mit Füßen. Er

geht und droht. Sie reißt ihre Mütze vom Kopf, die Haare fliegen. Sie

rennt nach dem Tische und zieht ein großes Messer hervor. Dann sieht sie

nach dem Bach und dem Wasser. Sie schwört, sie macht schreckliche

Geberden.

Der Magus ließ die Hand vom Kopf des Kleinen und ein gelber Blitz zuckte

blendend durch das Zimmer, ein lauter Donnerschlag erschütterte das

Haus. Wie ein Rauch stand plötzlich ein blasses Frauenbild da, drohend

die Hand gegen Anton erhoben. Dieser stürzte entsetzt vom Sessel auf den

Boden. Alles verschwand und die Lichter brannten wieder hell.

Nun, wendete sich der Zauberer zum Gelehrten, soll ich Dir auch noch

beweisen, daß ich der wahre Feliciano und kein Trugbild sei? Soll ich

Dir Deine geheimsten Gedanken und Absichten oder Deine Zukunft sagen?

Ferner erwiederte bleich und geängstigt nur Weniges. Du glaubtest, fuhr

Feliciano fort, indem er den zerstörten Anton vom Boden erhob, kein

Mensch in der Stadt kenne Dein Verhältniß zu jenem unglücklichen

Mädchen, die Du Deinem Ehrgeiz aufopferst. Noch ist die letzte Zeit,

noch kannst Du sie retten.

Es war schon spät, aber Anton stürzte fort und eilte zu Pferde noch in

der Nacht zu seiner Geliebten hinaus. Der Magus hatte sich entfernt,

aber Niemand hatte ihn zur Thür hinaus gehn sehn.

* * * * *

So hatte diese Zusammenkunft ganz anders geendet, als es die Freunde und

Clara erwartet hatten. Diese sah ihren Bruder am Abend nicht und auch

nicht am folgenden Morgen. Man war im Hause um ihn besorgt. Der Vater,

der einen kurzen, leidenschaftlichen Brief von Anton erhalten hatte,

lösete mit kummervollem Antlitz das Räthsel.

Der Sohn war in der Nacht angekommen. Er vernahm, daß um die Zeit, als

das unglückliche verführte Mädchen ihm im Zimmer seines Freundes

erschienen war, sie in einem Todtenschlafe, so daß sie nicht zu erwecken

war, gelegen hatte. Als sie sich wieder besonnen und mit den tief

bekümmerten Eltern gesprochen hatte, legten sich diese, nach einem

kurzen Abendessen, zur Ruhe. Als im Hause Alles still war, hatte sie

noch einen Brief an ihren Ungetreuen geschrieben, der sich ihrer

schämte, und ihre Dürftigkeit und ihren Stand verachtete. Als sie mühsam

und unter vielen Thränen den Brief geendigt hatte, ging sie noch lange

auf und ab, um ihr Elend ganz zu fühlen und ihren schrecklichen

Entschluß in sich reif werden zu lassen. Sie hatte nicht den Muth, sich

ihren Eltern zu vertrauen, weil sie den Zorn des heftigen Vaters

fürchtete. Sie fühlte, wie nahe sie ihrer Niederkunft sei, und hatte

keinen Vertrauten, wußte keine Hülfe zu ersinnen. Anton hatte sie in der

Stadt als eine Unbekannte unterbringen, und für sie sorgen wollen, sie

aber hatte mit Abscheu alle seine Vorschläge abgewiesen, da er nicht

mehr für sie zu thun gesonnen war, so dringend sie ihn auch an seine

früheren Versprechungen und Eide erinnerte. Er wollte aufschieben und

Zeit gewinnen: er fürchtete ebenfalls seinen Vater, seine Vorgesetzten,

auch war die frühere Liebe wohl erkaltet. Sie sah keinen Ausweg und ging

jetzt in der finstern Nacht den Bach entlang, um in den brausenden

Mühlsturz sich und ihr ungebornes Kind und alle ihre Sorgen zu begraben.

Indem sie nach der Mühle zulenkte, hörte sie auf der Landstraße ein

brausendes, jagendes Pferd. Es war Anton. Seine Todesangst erkannte

schon aus der Ferne ihren Schatten.

Der geheime Rath Seebach meldete seiner Familie, daß sich sein Sohn am

frühen Morgen mit einem Bauermädchen verheirathet habe. Was der kurze,

heftige Brief nicht sagte, ergänzte seine Ahndung. Die Mutter, aus einer

alten adeligen Familie, einem angesehenen Edelmanne vermählt, war außer

sich, weil dieser Sohn ihr Stolz und ihre größte Hoffnung gewesen war.

Clara war mehr verwundert als betrübt, und zürnte dem Bruder, daß er ihr

und den Eltern aus diesem Verhältniß ein Geheimniß gemacht hatte.

Traurig ist es, sagte der Vater, denn er hat sich durch den raschen

Schritt, durch diese Unbesonnenheit die Thüre zu allen höheren Stellen

verschlossen. Es ist aber so, mag es auch kommen, wie es will, besser,

als wenn er ein Verbrechen begangen hätte. Wir werden uns an die Tochter

gewöhnen, und wenn mein Sohn Ehrenstellen einbüßt, so hält er doch sein

Wort und bleibt ein Mann von Ehre. Wo das Schicksal so ernst in die

Verhältnisse des Lebens tritt, da soll man nicht mehr klügeln, sondern

in Demuth den hohen Willen anerkennen. Ich weiß, daß die Liebe seiner

Eltern nicht dadurch wird vermindert werden.

Die Mutter weinte heftig, so sehr sie auch der Vater und Clara zu

beruhigen suchten. Der Vater schrieb dem Sohne mit dem rückgehenden

Boten einen herzlichen Brief, in welchem er ihm Alles vergab und ihn

ermunterte, sein Leben nun tüchtig und stark anzufassen. Die Stadt war

bald von dieser sonderbaren Begebenheit angefüllt, über welche Jeder

nach seinem Standpunkt und seinen Vorurtheilen sprach.

* * * * *

So war nun in allen Verhältnissen der Familie eine große Veränderung

eingetreten. Der Sohn kam vor der Niederkunft seiner Frau nicht zur

Stadt. Nachher zeigte er sich den Eltern, getröstet, aber nicht froh,

und späterhin führte er Agnes, die Bäuerin, bei ihnen ein, mit der er

ein eignes kleines Haus in der Vorstadt bezog. Nichts wollte sich fügen

und in einander schicken, und Jeder gestand sich, daß, wenn die Sache

unabänderlich war, diese Frau, durch welche die Laufbahn des Sohnes

gehemmt war, in den Kreis der Familie doch nicht passe. Es war schon die

Rede davon, daß er das Gut des Vaters bewirthschaften solle; indessen

schien auch dieses bedenklich, da Anton sich niemals um die

Landwirthschaft gekümmert hatte. Was den Vater aber mehr, als diese

Stellung seines Sohnes kümmerte, war, daß er ein schwärmerischer

Anhänger dieses Feliciano geworden, von dessen Seite er kaum mehr wich,

und so erlebte er nun, daß Sohn und Schwiegersohn sich diesem Schwindel

ergaben, von dem er selbst wieder geheilt schien. Er erstaunte, daß auch

sein ruhiger Freund, der Gelehrte, der ihm immer ein Muster in der

ruhigen Haltung erschienen war, ebenfalls nach jener Begebenheit sich

als einen fanatischen Anhänger des Feliciano erklärte. Auch der alte

Obrist neigte zu dieser Schwärmerei hinüber, und nicht bloß im Hause des

geheimen Rathes, sondern in den meisten Häusern der Stadt, wurde

Feliciano der erste und wunderbarste aller Menschen genannt.

Ein Taumel bemächtigte sich, als es erst bekannt worden war, daß der

berühmte Feliciano zugegen sei, der ganzen Stadt. Jedermann wollte ihn

kennen lernen, jede Gesellschaft wollte ihn in ihrer Mitte sehn. Er

gewann in kurzer Zeit viele Anhänger und Freunde, und die angesehensten

Männer, die höchsten vom Adel bewarben sich um seine Gunst. Er erklärte,

daß er nur kurze Zeit verweilen könne, weil er in großen und wichtigen

Geschäften nach dem Norden gehn müsse, auch erlaubten ihm seine

geheimnißvollen Arbeiten nicht, sich zu sehr in der Welt zu verbreiten.

Die wichtigsten Männer versammelte er um sich in seiner Loge. Man sprach

von den seltsamsten Wundern, die hier in geheimen Zusammenkünften

vorgefallen waren. Der Professor, so schien es, hatte seinen jüngsten

Knaben ganz dem Wunderthäter überlassen, denn das Kind weissagte oft aus

dem Kristall, den Feliciano künstlicher, als es an jenem Abend geschehen

war, in seinen Gesellschaften aufstellte. Der Arzt Huber arbeitete

indessen mit Sangerheim und Schmaling, Jeder bestrebte sich, von allen

diesen geheimen Künsten Zeuge zu seyn, oder durch Freunde wenigstens

Etwas von ihnen zu vernehmen, und selbst die Frauen und Mädchen

wünschten an diesen Wunderwerken Theil zu nehmen, oder auch in irgend

eine mysteriöse Verbindung zu treten. Feliciano hatte sie eigentlich

selbst zuerst auf diesen Wunsch geführt, und er stiftete auch bald

darauf eine Loge für Damen, die nun auch mit mystischen Abzeichen

prangten, sich gegenseitig an Gruß und Handdruck erkannten, und von

Fortschritten in Weisheit und Wissenschaft träumten. Auch die Mutter

Clara's hatte sich in diesen Orden aufnehmen lassen.

So war die arme Clara von Jedermann verlassen, denn beim Vater, der über

alle diese Sachen verstimmt war, konnte sie nur wenig Trost finden. Der

Graf Feliciano hatte alle Künste der Ueberredung angewendet, das schöne

Mädchen auch zu dem Uebertritt in seinen neugestifteten Orden zu

überreden, in welchem seine Gemahlin, die seitdem auch aus dem Inkognito

hervor getreten war, den Vorsitz führte. Es gelang ihm aber so wenig,

daß im Gegentheil der Widerwille Clara's gegen alle diese Dinge immer

mehr gesteigert wurde. Wie kann der Mensch, sagte sie einmal in einer

aufgeregten Stimmung zu ihrem Vater, nur so verkehrt seyn, in der

Umkehrung des Natürlichen sein Heil zu suchen? Man fühlt sich ja als

Mensch nur wohl, wenn Alles in der gewöhnlichen Bahn fortschreitet, wenn

das, was sich als nothwendig ankündigt, ganz einfach und schlicht

geschieht. Entwickelt sich in diesem Lebensgange eine große That, eine

schöne Aufopferung, so freut es uns um so mehr, daß uns das Göttliche

aus den Elementen gewebt ist, die uns zunächst umgeben, daß wir fühlen,

auch uns könnte in einer geweihten Stunde dasselbe begegnen, oder unsre

Seele könnte auch dieselbe Höhe erstreben. Ziehn wir uns doch mit

Widerwillen von der Nahrung zurück, die uns zu fremdartig dünkt, deren

Zurichtung unserm Gaumen widersteht: aber schlimmer als überreifes Wild,

oder der verpestete ^haut goût^ der Assa fötida, und der Vogelnester und

ähnlicher abscheulicher Dinge ist es, diese Knoblauch-Tinktur von

Wunderglauben, tollen Fabeln und aberwitzigen Bestrebungen in seine

Seele aufzunehmen.

Der Vater erwiederte: Du bist zu zornig, liebes Kind. Laß die Menschen

gewähren, der Krankheitsstoff muß austoben. Alles Sprechen dagegen nutzt

nicht, unfruchtbar ist das Moralisiren; der Dämon, der die Menschen

besitzt und treibt, wird endlich seines Spieles selbst müde. Deine kühne

Vergleichung paßt auch nicht ganz; man könnte eben so gut die

entgegengesetzten Bilder brauchen. Wen versucht nicht der reife,

köstliche Pfirsich? die duftende Ananas? die lockende, rothe Kirsche,

vorzüglich in der Jugend? Und was wäre unser Leben, wenn Alles so plan

verständlich wäre? Alle Tage unausgesetzt die nahrhafte Hausmannskost

des redlichen Treibens, der guten Gedanken? Aus Natur und Kunst, aus

Liebe und Scherz, aus Religion und Gemüth winkt uns ein Geheimniß an,

dem wir näher kommen möchten: es zieht uns nach durch Gefild und Wald.

Jetzt glauben wir es zu erblicken, dann ist es wieder entschwunden. Von

dieser Sehnsucht, die ohne Gegenstand scheint, werden die besten Kräfte

unsrer Seele getränkt, und wenn sie erlöschen könnte, würden wir in uns

selbst verschmachten. Alle schönen Triebe der Freundschaft, des

Wohlwollens, der Menschenliebe, aller Enthusiasmus für das Gute und

Schöne quillt ebenfalls aus dieser geheimnißvollen Gegend unsrer Seele.

Mag es seyn, antwortete die Tochter, aber ich sehe und erlebe es doch,

daß, wenn diese Sucht, oder der Trieb auch innigst mit dem Schönen eins

ist, sie doch auf ihrem fortgesetzten Wege sich in das gespenstig

Aberwitzige verwandeln können. Der Mensch muß ja doch mit festem

Charakter und unbezwinglichem Willen in der Mitte stehen bleiben, daß

Glauben sich nicht in Aberglauben, Sinn in Thorheit, Tugend nicht in

Laster verwandle. Ist jene Sehnsucht überirdischer Natur, so ist dieser

einfache starke Wille wohl auch göttlicher Abkunft, der wie ein

unüberwindlicher Riese den Schatz der Vernunft und des Guten bewachen

soll, welcher dem Menschen von Gott ist anvertraut worden. Mir dünkt,

gegen tausend wunderliche Dinge, die auf uns eindringen, gegen unzählige

Gelüste, die uns überreden möchten, giebt es keine andre Waffe, als daß

ich sage und immer wieder sage: es soll nicht seyn! Lasse ich dieses

Schwert im Schlummer einmal fallen, so kann ich gar nicht mehr wissen,

wohin mich alle jene Sophistereien führen könnten.

Diese starre Vernunft, sagte der Vater, reicht aber auch nicht aus: sie

kann Tugend seyn, widersteht aber eben so oft der Liebe als dem Unrecht,

läßt auch die Wahrheit, indem sich die Liebe abkämpft, nicht auf sich

eindringen.

Wahrheit! das große Wort! rief sie aus, das eben so wohl Alles wie

Nichts bedeutet. Wer hat es nicht schon gemißbraucht? Je demüthiger wir

uns dem unterwerfen, was das Leben von uns verlangt, je sanfter und

stiller wir dem folgen, was uns zu unserm Heil offenbart ist, je weniger

wir grübeln und klügeln, und die Anmaßung von uns fern halten, über dem

Begreifen zu stehen, es zu meistern und nach Gutdünken zu handhaben, um

so mehr wir dem Vorwitz Einhalt thun, da nicht hinschauen zu wollen, wo

sich in der Leere unserm irdischen Blick nur Gespenster erschaffen, um

so mehr, glaube ich, bleiben wir der Wahrheit getreu.

Wohl mein Kind, sagte der Rath: denn wie ich schon sonst behauptete,

wenn das Böse auch ein Nichts ist, so erwecken wir es doch wohl und

theilen ihm unsre Kräfte mit, indem wir es glauben und uns dem Nichtigen

ergeben. Hat es erst von uns diese Stärke empfangen, so wird es wohl oft

so gewaltig, daß es uns und jeden Widerstand besiegt, der nicht die

göttliche Wahrheit selbst zu Hülfe ruft. In diesem Bilde kann man sich

die Erscheinung der bösen Geister denken, die der Magier aufruft. -- Und

so möchte man freilich glauben, Wahrheit sei in allen Dingen zu finden,

sie liege auch dem Irrthum zum Grunde, nur hüte sich der Mensch, einer

Regung, einer Aufwallung, oder einem Gedanken unbedingt und zu dreist zu

folgen, denn rechts und links liegt die Unwahrheit und Täuschung, und er

wandelt nur recht auf einer schmalen Linie.

Wenn es so ist, erwiederte Clara, so ist es eben das Sicherste, dem

Alltäglichen getreu zu bleiben, was vielen beflügelten Geistern als das

Gemeine erscheint. Will sich der Mensch erheben, wird er, wie der

fliegende Schmetterling, von Schwalben und Sperlingen weggehascht, und

bleibt er unten am Boden, so wohnt er beim Gewürm, aber nährt sich auch

vom Thau, der in den Rosen und Lilien glänzt. --

Nicht nur die Familie des Rathes war in Verwirrung gerathen, sondern man

konnte dies von der ganzen Stadt behaupten. Dem alten Seebach war es

aber verdrüßlich, daß von den Vernünftigen, die sich nicht hinreißen

ließen, Alles was geschah, mit ihm und seinem Sohn, so wie mit jener

Entdeckung Sangerheims in Verbindung gebracht wurde. Es ließ sich nicht

leugnen, daß jener Vorfall, der viel Aufsehn erregt hatte, zu allen

spätern Wunderlichkeiten gleichsam das Signal gegeben hatte. Die

sonderbare Verheirathung des Sohnes, die Schwärmerei Schmalings, die

Operationen des Grafen so wie Sangerheims, die weibliche Loge, in die

sich seine Gattin sehr gegen seinen Willen hatte aufnehmen lassen, die

Seltsamkeiten, die sowohl der Arzt Huber, wie der Professor Ferner,

vernehmen ließen, die Ausschweifungen mancher Reichen, die sich ganz der

Hoffnung ergaben, die Kunst des Goldmachens zu entdecken, und in dieser

Aussicht ihr Vermögen verschwendeten, Geister-Erscheinungen, durch

welche man in mächtigen Familien dieses und jenes hatte durchsetzen

wollen, alles Dies, vergrößert, mit Erfindungen ausgeschmückt, Alles

wurde hauptsächlich auf Rechnung des alten erfahrnen Seebach

geschrieben, um so mehr, weil man wußte, daß er auf eine Zeitlang sich

diesen seltsamen Künsten ergeben hatte. Es half ihm Nichts, daß er sich

wieder zurückgezogen hatte, daß er den Umgang Sangerheims und noch mehr

des Grafen vermied, die meisten Menschen, auch seine Collegen und selbst

seine Freunde hielten ihn für den Stifter aller dieser Irrungen. So

bedrängte ihn, außer den häuslichen Kränkungen, noch das Gefühl, daß er

so vielen wackern und einflußreichen Leuten für einen zweideutigen und

gefährlichen Mann galt. Vieles von diesem geheimnißvollen Umtreiben kam

auch vor das Ohr des Fürsten, der, da die Sache laut und weltkundig

wurde, ein großes Mißfallen bezeigte, und dem Rathe, der sich gar nicht

mehr mit diesen Dingen befassen mochte, andeuten ließ, sich zu mäßigen.

Am schlimmsten aber waren dem gekränkten Seebach die Maurer von der

alten Ordnung aufsässig, die in Allem nur die Absicht sahen, daß sie

gestürzt werden sollten, -- welches die mystischen Logen auch laut genug

aussprachen, -- und nun empört den Rath als einen abtrünnigen Bruder

behandelten, der aus weit ausgreifenden Absichten sich diesen Rebellen

verbunden habe, um als das Haupt dieser geheimnißvollen Gesellschaft

Verderbliches zu wirken.

Meine Tochter hat Recht, sagte der Rath zu sich selber, wie hart werde

ich für meine Neugier oder Wißbegier gestraft, die Anfangs so löblich

oder unschuldig aussah. Hielt ich mich doch für so kühl und weise, um

allen Versuchungen Widerstand leisten zu können. Aber ein Glied reiht

sich an das andre, und unvermerkt ist die Kette fertig.

Es schien aber, als wenn zwei Wunderthäter für Eine Stadt, wenn sie auch

groß war, zu viel seien. Der Graf hatte sogleich abreisen wollen,

verlängerte aber seinen Aufenthalt von einem Tag zum andern. Sein

Wirkungskreis schien sich auszubreiten, so wie der Sangerheims abnahm,

da viele von dessen Jüngern zum größern Meister abfielen. Darum führte

Sangerheim den Vorsatz aus, zu welchem er schon seit einiger Zeit Alles

vorbereitet hatte, sich nach einer andern reichen und angesehenen Stadt

zu begeben, wo er, da sein Ruf ihm schon vorangegangen war, gleich mit

dem größten Glanze auftrat, die ältern Maurer beschimpfte, ihnen ihre

Lehrlinge entzog, und Zeichen und Wunder aller Art verrichtete. Der

Geheimrath erlebte die neue Kränkung, daß Schmaling, unter dem Vorwande

einer Krankheit, von seinem Minister einen unbestimmten Urlaub nahm, und

dem Abentheurer nach jener Stadt hin folgte, um in seiner Nähe und nach

seiner Anweisung seine geheimnißvollen Arbeiten fortzusetzen. Schmalings

Abschied von Clara war kalt, und sie war so erzürnt, daß nur Wenig

fehlte, so hätten Beide ihre Trennung für immer ausgesprochen. Aber da

Beide sich noch mäßigten, so blieb es bei unbestimmten Ausdrücken, die

Jeder nach Gefallen deuten konnte.

Seinen Sohn sah der Rath nur selten, weil er ganz dem Grafen und dessen

Befehlen und Operationen lebte. Die Gattin war in der weiblichen Loge

sehr thätig, und jetzt mit der niedrig gebornen Frau ihres Sohnes ganz

ausgesöhnt, weil auch diese, die allen Glanz ihrer Jugend wieder

erhalten hatte, vom Grafen zur Bundesschwester war geweiht worden. Huber

war ebenfalls dem Adepten Sangerheim nachgereiset, um in seiner Kunst

vollkommener zu werden.

Clara war im Schmerz außer sich, als der Vater nach einiger Zeit von

Schmaling einen sonderbaren Brief erhielt, den er der Tochter mittheilen

mußte. Der künftige Schwiegersohn schrieb nehmlich Folgendes:

Im Begriff, einen sehr wichtigen und entscheidenden Schritt in meinem

Leben zu thun, halte ich es für meine Pflicht, Sie, Verehrter, und meine

geliebte Clara in Kenntniß zu setzen, was ich zu thun gesonnen bin, was

ich nicht unterlassen kann und darf. Daß mein Gemüth sich seit lange dem

Reiche der Geheimnisse zugewendet hat, wissen Sie schon, daß mein Herz

nur Ruhe finden kann, wenn diese Sehnsucht gestillt wird, werden Sie

begreifen. Aber wie kann, wie soll es geschehn? Ich habe manche Grade

erhalten, ich bin Zeuge von vielen Wundern gewesen, seltne Kenntnisse

sind mir geworden, große, heilige Schauungen haben meine Seele erst

erschüttert, und sind mir dann einheimisch geblieben. Daß ich niemals zu

jenen Verächtern unserer Religion gehört habe, die in unsern Tagen den

Ton angeben, wissen Sie ebenfalls. Ich habe geforscht, die heiligen

Schriften sind mir vertraut und ehrwürdig, aber was die Kirche und ihre

Priester mir gaben, konnte meinem brünstigen Geiste nicht genügen. Auch

hier hat mir der begeisterte Sangerheim neue Wege gewiesen. Die

Tradition, die Wunder der ältern katholischen Kirche, ihre heilige

Messe, die himmlischen Legenden, die Gegenwart, die unmittelbare,

Christi in der Hostie, die Liebe der Mutter Gottes, die Bilder und die

Musik, -- warum sollen wir unser reiches Herz allen diesen Gaben

verschließen? Warum nicht nehmen, was uns so liebreich geboten wird? Um

ganz der Einweihung in die Mysterien würdig zu werden, um die Grade

empfangen zu können, und die Strahlen des Lichtes, nach denen ich mich

sehne, ist es nothwendig, wie mir mein Lehrer sagt, daß ich meinen

jetzigen Standpunkt in der Kirche aufgebe, die Ueberzeugung, die mir ja

niemals eine war, weil sie mein brennendes Herz so leer ließ, daß ich

zur ältern, eigentlichen christlichen Kirche zurückkehre, die mütterlich

jedem Verirrten die Arme entgegenbreitet. Ist dieser nothwendige Schritt

geschehn, so sind mir alle Geheimnisse des Ordens zugänglich und offen,

die Vereinigung mit jenen ehrwürdigen Männern, den unbekannten Obern,

ist mir dann möglich, mit jenen erhabnen Geistern, denen die Verwahrung

aller Geheimnisse anvertraut ist. Diese nahe Weihe, diese Nothwendigkeit

der Veränderung hat der Meister mir nur allein, als seinem Lieblinge,

entdeckt, die andern Schüler sind dieser Erklärung noch nicht fähig und

würdig. -- Von Ihnen, verehrter Mann, bin ich nun keiner Einreden und

keiner Mißbilligung gewärtig, da ich weiß, wie billig Sie sind, wie

aufgeklärt Sie denken. Es kann bei Ihnen unmöglich in Anschlag kommen,

daß ich meine jetzige Stelle und jeden künftigen Staatsdienst aufgeben

muß, denn den höheren Pflichten müssen die niedrigern weichen. Es ist ja

nichts Weltliches, Ehre oder Reichthum, was ich durch diese Rückkehr in

die Mutterkirche erstrebe: sondern das Unsterbliche, die Erleuchtung,

das Verständniß selbst. Wie aber wird Clara es aufnehmen, wenn sie

meinen Entschluß erfährt? Sie klebt, fürchte ich, allzusehr am

Irdischen, um sich in die freiere Region des Geistes erheben zu können.

Ich hatte immer gehofft, ihr Sinn würde sich in der Liebe poetischer

bilden, daß sie es wenigstens fühlte, wenn auch nicht einsähe, wie arm

jenes Leben ist, dem sie sich ergeben hat. Suchen Sie sie zu stimmen,

verehrter Vater, daß sie mich nicht mißversteht, Sie, der Sie ja auch

der Wissenschaft manches Opfer brachten. Und was ist es denn auch mit

dem Weltlichen und Irdischen? Besitze ich nicht eignes Vermögen? Auch

Clara ist nicht arm, und braucht sich also niemals von mir ganz abhängig

zu empfinden. Und soll einmal dergleichen in Anspruch kommen, so darf

ich wohl die Aussicht, daß mir in Zukunft, vielleicht bald, Alles zu

Gebote steht, was ich nur wünsche, keine Fata Morgana nennen. Welche

Kraft und Gewalt mir anvertraut mag werden, um da zu herrschen, wo

unsere Ahndung sonst nur hinstrebt, mag ich nicht weiter andeuten und

aussprechen. Ist sie aber mit mir einverstanden, so bin ich der

Glücklichste der Menschen. --

Schriften 23: Novellen 7 · 第 16 / 26 段