Der Versuch wird immer das Uebel nicht ärger machen, antwortete Anton:

auch ist es gerade in der Hinsicht ein glücklicher Zeitpunkt, weil die

Freunde Feliciano's melden, er habe jene Stadt wieder verlassen, um von

Neuem eine Reise nach Aegypten zu machen, und aus den Pyramiden viele

Mysterien hervor zu suchen.

Man traf noch eine nähere Abrede, und Anton ging, um jenen Anderson, zu

welchem er eine große Zärtlichkeit gefaßt hatte, wieder aufzusuchen.

Der Rath Seebach stand oft in seinem Zimmer, vor seinen Papieren, die

vor ihm ausgebreitet lagen, und dachte seinem Leben und den wechselnden

Empfindungen nach, die ihn in den verschiedenen Perioden seiner Bildung

bestürmt hatten. Wohin geht dieser Lauf? sagte er eines Morgens zu sich

selbst; dasjenige, was ich als einen festen Besitz errungen zu haben

glaubte, droht mir wieder wie Wasser zwischen den Fingern zu entrinnen.

Bleibt es doch wahr, daß in jener Nüchternheit, die ich vormals rühmte,

die sichre Grundlage des Lebens ruht. Meine Jugend, und alle jene

wilden, ungezügelten Bestrebungen überströmen wieder alle Dämme und

Ufer, schon beginnt mir der Anblick dessen, was ich so lange als das

Schöne und Edle erkannte, Langeweile, Widerwillen und Ekel zu erregen,

denn zu unbedeutend, unbestimmt und mittelmäßig dehnt es sich vor mir

aus. Hingehalten durch Hoffnungen, eingewiegt mit Versprechungen,

aufgeregt durch Winke, und betäubt durch Erscheinungen, die ich sehe,

aber nicht begreife, die mich erschrecken, und an die ich doch nicht

glauben kann, wird mein Dasein zum Traum. Welch sonderbares Band zieht

mich zu diesem fremden Mann, und verknüpft mich ihm: ihm, dem ich mein

ganzes Vertrauen schenken möchte, und der in diesen Momenten der

Hingebung mich am meisten zurück stößt? Ich sehe, daß er geheime

Kenntnisse besitzt, die er mir mitzutheilen verspricht, und mir dennoch

vorenthält. Heut ist er ganz Offenheit, morgen lauter zurück haltende

Förmlichkeit. In seiner Gegenwart fühle ich das Gelüste, gerade das zu

glauben, was meinem Verstande am widersinnigsten erscheint, und wieder

überschleicht mich eine Empfindung, daß ich im selben Augenblick ihn und

mich verlachen möchte.

Sangerheim traf und störte ihn in diesen Betrachtungen. Sie übersehn,

Theurer, sagte er beim Eintreten, indem er die Thür verschloß, wieder

Ihre Studien und Erfahrungen. Es ist sonderbar, wie wir Menschen schon

so oft in der Jugend das höhere Wort vernehmen, den Ton desselben

fassen, und uns späterhin Aussprache und Bedeutung wieder entfliehen

können. Doch kehren wir in reifen Jahren mit tieferem Sinn, mit

stärkerer Innigkeit zu denselben Wahrheiten zurück, wie es Ihnen

geschieht; unbewußt hat die Seele die Geheimnisse ausgearbeitet, und die

Glaubensfähigkeit steht gewappnet an derselben Stelle, wo noch gestern

Zweifel und Unglaube nackt und wehrlos zitterten.

Gestern, sagte der Rath, haben wir gerechnet und Figuren gezeichnet, die

sonderbare Erscheinung, die Sie mir vorführten, überraschte mich;

nachdem vernahm ich, indem Sie neben mir saßen, jene Stimme aus dem

Zimmer dort, die mir die geheimnißvollen Worte zurief -- Alles dieses,

Lieber, sehe und erlebe ich; aber ich kann es mir nicht aneignen, es hat

keine Bedeutung für mich, es fährt Alles wie leere Phantome, nur

erschreckend, mir vorüber. Ich habe genug erfahren, um irre zu werden,

aber dieses Räthsel meines Innern, welches sich immer mehr verschlingt,

ringt mit allen Kräften meines Herzens zur Lösung hin. Weder in diesen

wechselnden Schauern von Licht und Schatten, noch in stiller Resignation

kann ich meine Befriedigung finden, und ich fange an, meine Zweifel

wieder als die bessere Weisheit aufzusuchen.

Und doch waren wir übereingekommen, sagte Sangerheim mit feierlichem

Ton, Sie hatten mit mir die Nothwendigkeit eingesehn, daß es Prüfungen,

Grade geben müsse, daß die Geduld die unerläßlichste Tugend sei, um dem

Geheimniß näher zu kommen.

Nur eine einzige Frage, und die beantworten Sie mir auf Ihr Gewissen,

sagte der geheime Rath eben so feierlich: Können Sie mir bei Gott und

allem Heiligen, das Sie glauben, schwören, daß Sie mir irgend einmal,

wenn auch später, die Lösung mittheilen wollen, und daß Sie selbst von

Ihrem Beruf überzeugt sind?

Ja! rief der Fremde, und erhob die Hand. -- Gut denn, sagte der Rath,

empfangen Sie dann diese Brieftasche, und in ihr, was Sie wünschten, ich

will, ich muß Ihnen vertrauen.

Auch ich, sagte Sangerheim, will mich Ihnen verpfänden, mit dem

Theuersten, was ich besitze, mit Allem, was ich Ihnen nur geben kann. Er

zog ein Paket hervor, mit seltsamen Zeichen versiegelt und fest in

einander geschnürt. Legen Sie, sagte er, hier auch Ihr Siegel an. In

diesem kleinen Raum ist Alles, was ich weiß, enthalten; mein ganzes

Dasein, Alles, was Sie erfahren wollen, umschließt diese Sammlung. Löse

ich sie zu der festgesetzten Zeit nicht aus, sterbe ich vor diesem

Zeitpunkt, so fällt Ihnen diese Erbschaft zu und Sie mögen damit

schalten nach Ihrer Willkühr.

Der Rath nahm das Paket in die Hand, schlug es ein, überschrieb es mit

einer Nachricht, daß dies das Eigenthum Sangerheims sei, versiegelte es

und legte es in seinen Schrank. Sich besinnend nahm er es wieder und

sagte: doch kommen meine Kinder zuweilen hieher, in jenem Pult ist eine

geheime Schieblade. Er trug es hin und indem er es einzwängte, geschah

ein Knall, und die Masse selbst erzitterte. Sehn Sie, sagte Sangerheim,

Sie sind ohne Noth besorgt, es bewacht sich selbst.

Der Rath hatte sich entfärbt. Sangerheim sah ihn fest an und schien sich

an der Verlegenheit des alten Mannes zu weiden, die dieser nicht

verbergen konnte, so sehr er sich auch bemühte. Er sammelte seine

zerstreuten Skripturen wieder, warf sie in den Schrank und sagte dann:

also, Geduld, und bis dahin habe ich mich Ihnen unbedingt ergeben. Es

ist wunderbar genug, wir entziehn uns gewissermaßen der Kirche und der

Religion des Staates, wir nennen es unsre Weisheit, anders und weniger

zu glauben, als der gemeine Mann, -- und geben uns im Entfernen vom

Hergebrachten und Autorisirten andern viel unglaublichern Dingen hin,

und sind zufrieden, nur zu sehn und zu ahnden, ohne daß uns die Lösung

gegeben wird, die wir doch in der Religion suchten und forderten.

Richtig bemerkt, erwiederte Sangerheim; ist denn aber dieser Widerspruch

nicht vielleicht eine Vorbereitung zu einer ächtern Religiosität, zu

einem wahren Glauben? Immerdar, wenn wir uns widersprechen, ist es nur

Schein, wir suchen die Bindung, den unsichtbaren Mittelpunkt, der den

Widerstreit aufhebt.

Das ist aber gegen die Abrede, erwiederte der Rath, daß ich wieder durch

Gedanken und ihren wechselnden Kampf das Richtige und Wahre finden

sollte, ich sollte es ja unmittelbar schauen, und es als einen wahren

Besitz von dannen tragen.

Wenn Sie denn, fing Sangerheim zögernd an, sich nicht fügen können und

wollen, so gäbe es in Ihrem frommen und erweckten Sinn allerdings ein

Mittel, das rasch die Hemmung wegnehmen, und Sie ohne Umwege zum Ziele

führen könnte.

Und dieses Mittel? fragte der Rath eifrig.

Auch ohne dieses können Sie zu einem glänzenden Ziele gelangen,

antwortete Jener, aber langsamer, und niemals erreichten Sie die Würde,

so viel Sie auch schauen werden, eines höchsten Obern.

Und dieses Mittel, fragte der Rath wieder, könnte mir diese Würde und

die schnellere Einsicht in alle Geheimnisse verschaffen?

Ohne Zweifel. -- Sehnen Sie sich heftig?

Unbeschreiblich! fing der Rath wieder an, und, da Sie so weit gegangen

sind, so nennen Sie es auch, sonst sind Sie nicht mein Freund.

Was Sie immerdar hemmen wird, antwortete Sangerheim mit einer Thräne im

Auge, ist, daß Sie nicht ein Mitglied meiner Kirche sind. --

Der Rath trat einen Schritt zurück und suchte noch mehr wie vorher die

Bewegung seines Innern zu verbergen. Sangerheim sah ihn mit einem festen

prüfenden Blicke an, als wenn er seine Augen durchbohren wollte, aber

der Rath erwiederte diesen festen Blick, und nach einigen Augenblicken

entfernte sich der Fremde.

Tief erschüttert ging der Alte im Saale auf und ab. -- Das ist es also?

sagte er endlich zu sich selber; also dorthin liegt das eigentliche und

wahre Geheimniß? -- Habe ich doch den Einreden so mancher vernünftigen

und kaltblütigen Freunde nicht glauben wollen. Ich hielt es nur für

Fabel, weil es einem Mährchen so ähnlich sieht; und ist also nun doch

Wahrheit. -- Sie bemächtigen sich einer Einrichtung, die im Beginn gut

und edel war, die sich dann selbst vergaß, und in deren unbedeutenden

Nüchternheit nun leicht die Sehnsucht zu Wundern und Seltsamkeiten Raum

finden kann. -- Wie verbreitet die Logen sind, so mögen sich diese, oder

ähnliche Schwindler leicht jetzt oder in Zukunft der Menge bemeistern,

um ihre Pläne, die sich noch nicht an das Licht wagen, durchzusetzen. --

Diese Emissäre gehören also einer Propaganda an, und es läßt sich nun

wohl begreifen, wer und was diese geheimen Obern sind, -- Alles, was man

von diesem Nachbarstaate erzählt, wo man auf verschiedene Art den

Erbprinzen bearbeitet, hier und anderswo die Störung der Logen, das

Eindringen und Vorschieben alter Meinungen. -- Die Herren haben also

doch ihre Herrschsucht und die alten Plane noch nicht aufgegeben! -- Ja,

ich bin durch dieses einzige Wort zum Licht hindurch gedrungen, aber

sehr gegen deinen Willen, mein guter Magus. -- Seine Kunststücke

begreife ich freilich nicht; aber was gehen sie mich denn eigentlich an?

Vor meinem guten verständigen Sohne muß ich mich jetzt schämen, der doch

in seiner Art, wie er jenes Wunder betrachtete, sehr Recht hatte. -- Zu

schnell, zu plötzlich mag ich aber freilich auch nicht zurücktreten; ich

will ihn noch beobachten: ich kann es jetzt wie ein Spiel treiben und

genießen. --

Mit Beschämung dachte er nun der Summen, die er dem Magier ausgeliefert,

noch der letzten großen, die er ihm heut gegeben hatte. Sangerheim hatte

zwar Anfangs jeden Dank und Lohn ausgeschlagen, aber bald hatte er bei

dem großmüthigen Freunde Hülfe gesucht, der nun um so lieber und

reichlicher mittheilte, da der Wunderthäter sich erst uneigennützig

gezeigt hatte. Zu den Beschwörungen und zum Geister-Apparat, so wie zu

Einrichtung der Oefen und Herbeischaffung alles Geräthes, um den Stein

der Weisen hervorzubringen, war wieder ein Kapital nöthig gewesen.

Nachher zu geheimen Plänen, die Sangerheim noch nicht nennen durfte, auf

Geheiß jener unbekannten Obern, war wieder eine bedeutende Summe in

Anspruch genommen worden. Für die letzteren großen Auslagen hatte der

Magier seinem gläubigen Schüler eben jene versiegelten und zauberhaft

verschlossenen Schriften verpfändet, die er bald wieder, durch

Erstattung jener Summe, auszulösen versprach.

Sangerheim machte einen großen Aufwand und lebte in der Stadt ganz als

ein vornehmer Mann. Der feinen und neugierigen Welt war es ein

Geheimniß, daß sie nicht ergründen konnte, wovon er seine Ausgaben

bestritt. Der geheime Rath Seebach hätte darüber Bescheid ertheilen

können, denn beschämt gestand er es sich nicht gern, daß ein großer

Theil jener so wunderbar geretteten Summe schon wieder geschwunden sei,

wenn der Zauberer nicht seine Schuld bezahle, woran der Gläubiger zu

zweifeln anfing. -- Mit Schmerz dachte er an den jungen Schmaling,

seinen künftigen Schwiegersohn, so wie an seinen Hausfreund, den Arzt,

denn er wußte, daß Beide eifrig mit Sangerheim laborirten.

Die Familie war erfreut, als der Vater nach langer Zeit wieder bei

Tische heiter war. Clara besonders wollte daraus für ihr Schicksal etwas

Glückliches lesen. Als sie mit dem Bruder über die Veränderung des

Vaters sprach, sagte Anton: Dergleichen Verblendung, liebes Kind, kann

niemals lange dauern. Hätte ich nicht andre Sorgen, so wollte ich mich

anheischig machen, diesen Kummer mit etwas Geduld zu überwinden, oder

mit Verstand und Zeit die Getäuschten zu heilen. Heut Abend wird nun

unser Schmaling gründlich in die Lehre genommen werden, und ich möchte

Vieles verwetten, daß ich ihn Dir schon morgen als einen andern Menschen

vorführen kann. --

Sangerheim war, jenes Wortes wegen, das er hatte fallen lassen, mit sich

selber sehr unzufrieden. Er hatte bemerkt, wie der Rath dadurch war

überrascht worden. -- Mag seyn, sprach er zu sich, daß es unbesonnen und

zu früh ausgesprochen wurde, ich kann mit mir und dem Erfolg zufrieden

seyn. Sie müssen meine Bemühungen erkennen, jene großen, jene mächtigen

Männer. Und welches Glück, ihnen beigezählt zu werden! Welche Aussicht,

daß Natur, Geisterreich und Welt mir dient, daß vor mir jedes Geheimniß

die entstellende Hülle abwirft. -- Und bin ich denn noch so weit von

diesem glänzenden Ziele entfernt? Habe ich denn nicht die Zusage der

Edelsten, daß mir bald, in weniger Frist Alles soll gewährt seyn? Wie

sie mich durch Wissen, Kunst und Gold unterstützen, so werden sie mir

auch die herrlichsten Güter nicht lange mehr verweigern.

So träumte Sangerheim, und verlor sich in sonderbare und weitaussehende

Plane.

* * * * *

Der Professor Ferner hatte dem jungen Schmaling unter dem Siegel der

Verschwiegenheit vertraut, daß, wenn er es wünsche, er am Abend den

weltberühmten Grafen Feliciano in seinem Hause sehn könne, welcher

incognito angekommen sei, um schnell weiter zu reisen. Er machte es ihm

aber zur Pflicht, seiner Schwester, wie seinen Eltern Nichts davon zu

sagen, weil sie Beide sonst sich den Zorn des Grafen zuziehen würden.

Schmaling war über diese Nachricht entzückt, und versprach, nicht

auszubleiben, indem er zugleich versichern mußte, daß sein Herr und

Meister, Sangerheim, auch Nichts davon erfahren solle.

Anton stellte sich früher bei Ferner ein, um mit Anderson einige

Vorkehrungen zu treffen. Wenn es Effekt machen soll, sagte der heitre

Anderson, so muß ich Euer Haus und die Einrichtung desselben etwas

genauer kennen lernen. Aber sagt mir doch, von welcher Art ist denn

jener Kunstjünger selbst, den wir heut unserm Genius und dessen Launen

aufopfern wollen?

Anton nahm das Wort und sagte: Der junge Mann wird jetzt acht und

zwanzig Jahre alt seyn und kann im Bau des Körpers, im Angesicht, Blick

und Wesen fast für einen vollkommen schönen Jüngling gelten. Sein Wesen

ist sanft und einschmeichelnd, sein Charakter ist weich und nachgiebig,

und so fügte es sich, daß er meiner Schwester, die er schon seit lange

verehrt hatte, gefiel. Er hat außerdem Viel gelernt, ist ein tüchtiger

Geschäftsmann, und von seinen Vorgesetzten so geachtet, daß sie ihn, so

jung er auch ist, schon zum Rath ernannt haben. Meine Schwester würde

einer glücklichen Ehe entgegen sehn, wenn diese Geheimnißkrämerei, diese

Sucht, sich die Weisheit der Rosenkreuzer und andrer Schwärmer

anzueignen, nicht das schöne Verhältniß jetzt für eine Zeitlang völlig

zerstört hätte. Ihr kennt ja, theurer Mann, die Begebenheit, die sich in

unserm Hause zugetragen hat. Seitdem ist er diesem Sangerheim, aus dem

wir Alle nicht klug werden können, wie mit Leib und Seele verschrieben.

Könnt Ihr nun, indem Ihr den Leichtgläubigen in einer Maske täuscht, ihn

dahin bringen, daß er von seiner Wundersucht nachläßt, so sind wir Euch

den größten Dank schuldig.

Wir werden ja sehn, was wir ausrichten können, erwiederte Anderson. Er

ging, um sich die Zimmer zu betrachten, indessen Ferner bemerkte: Wie

seltsam ist es doch, daß wir uns zu einer solchen Maskerade vorsätzlich

einrichten, indessen jener Sangerheim, der so Viele täuscht, doch auch

kein wirklicher Charakter, sondern nur ein angenommener seyn kann. Man

kann aber die Bemerkung machen, daß man auf jeder Redoute, sobald man

die erste Betäubung überstanden hat, an alle die seltsamen Masken, die

man sieht, glaubt, sich diese Wesen in ihren seltsamen Bedeutungen

vergegenwärtigt, und selbst den vertrautesten Freund, wenn er sich nicht

ganz hölzern beträgt, sich nicht in seinem wahren Charakter deutlich

vorstellen kann. Diese sonderbare Eigenschaft unsrer Seele, die so gern

freiwillig der Täuschung entgegen geht, erklärt es einigermaßen, warum

die Betrüger in der wirklichen Welt in der Regel so leichtes Spiel

haben.

Anderson trat wieder zu ihnen und sagte: Um meiner Sache gewisser zu

werden, fange ich nun schon an, den Feliciano zu spielen, den Grafen,

den Menschenfreund, den Heilkünstler und Geisterseher. Mein Bedienter

ist auch draußen, und wird mit bei Tische aufwarten, um der Gesellschaft

mehr Ansehn zu geben.

Schmaling trat schon, früher als man vermuthet hatte, vor Freude

zitternd herein. Man begrüßte sich und der nachgeahmte Feliciano

behandelte ihn, so wie den Professor und Anton kalt, und mit ruhigem,

herablassendem Stolz. Man sprach nur wenig und setzte sich bald an den

Tisch zu einem leckern Abendessen nieder. Die feinen Weine waren nicht

gespart.

Es wollte lange kein lebhaftes Gespräch in den Gang kommen, denn

Schmaling war zu sehr von Ehrfurcht durchdrungen, und der Professor so

wie Anton wußten nicht recht, wie sie sich nehmen sollten, um nicht zu

Viel zu thun, und Anderson selbst schien es darauf angelegt zu haben,

diese beiden Freunde etwas zu quälen, denn es war nicht zu verkennen,

daß ihre Verlegenheit ihn unterhielt. Endlich, um diese drückende

Schwüle aufzulösen, fing er an, von seinen Reisen zu erzählen, und der

Professor erstaunte, mit welcher Sicherheit er alle Gegenden

bezeichnete, wie richtig er über Werke der Malerei und Baukunst

urtheilte. Als Feliciano nun von Aegypten sprach, von den Wüsten

Arabiens, von Palästina, Syrien und Persien, und alle Gegenstände mit

der ruhigen Kunde eines Augenzeugen beschrieb, dachte Ferner leise

erröthend an seine vorige Bemerkung, denn er hatte wirklich während der

Rede vergessen, daß dieser Feliciano eigentlich Anderson sei.

Jetzt war auch der glückliche Schmaling dreister geworden, und er wagte

es, auf den Gegenstand seiner Forschungen und Wißbegier einzulenken. Er

war sehr freudig überrascht, daß der Wunderthäter auch hierüber frei und

offen sprach, daß er jene seltsamen Kuren nicht leugnete, und selbst

andeutete, wie der Stein der Weisen kein Mährchen sei, wie ihn Viele

schon besessen hätten, und Mancher lebe, der Kenntniß von ihm habe.

So halten Sie, fragte Schmaling wieder schüchtern, die wunderbare

Erzählung vom Flamel für keine Fabel?

Wie sollte ich es, antwortete Feliciano, da ich den guten Mann selbst

noch hundert Jahre früher, als Paul Lucas Kunde von ihm bekam, in Indien

gesprochen habe?

Anton fuhr zurück, denn diese Aeußerung schien ihm zu stark und den

Fremden bloß zu geben, doch Schmaling war von seinem Glück schon so

berauscht, daß dieser gewagte Ausspruch seinen Taumel nur vermehrte.

Es ist sonderbar, fuhr Feliciano fort, wenigstens erscheint es uns

Kundigen so, deren Leben nicht wie Spreu verweht, wenn die Menschen

Dinge wunderbar, seltsam und unbegreiflich nennen, die eigentlich die

einfachsten und natürlichsten sind. Ist denn der Mensch ursprünglich

dazu geschaffen, um den Thau aus der Blume, wie der Schmetterling, zu

saugen, und wie dieser Augenblicks wieder zu vergehn? Sagt nicht die

Schrift das Gegentheil? Wenn nun Weisheit und Kenntniß der Patriarchen

und andrer Heiligen, sorgsam aufbewahrt von Geschlecht zu Geschlecht,

dem Auserwählten, der sich dessen würdig macht, mitgetheilt wird, -- wo

ist das Unbegreifliche, oder nur Seltsame? Die Erzväter lebten

Jahrhunderte, und wer ihrer nicht unwürdig ist, mag auch noch jetzt

ihnen darin ähnlich werden. Wir haben vielleicht noch den Vorzug vor

ihnen, daß wir Wissenschaft und Kunst späterer Zeit mit jenen uralten

der früheren Tage, die für die meisten Menschen schon längst verloren

gegangen sind, vereinigen können.

Anton winkte dem Gelehrten, als freue er sich, daß Anderson so geschickt

seine vorige Uebertreibung verbessert habe. Feliciano fuhr fort: Und so

mag ich Ihnen sagen, und Sie werden sich hoffentlich nicht mehr darüber

verwundern, daß ich noch frühere Personen gesehn und gekannt habe. Es

war mir vergönnt, ein Freund des großen und heiligen Dante zu seyn.

Viele Verwirrungen der Welt, viele große Entwicklungen der Geschichte

habe ich gesehn, und immer wieder, wenn mein Gemüth durch dieses

weltliche Treiben zu sehr gestört wurde, zog ich mich in die Wüsten

Aegyptens oder Arabiens zurück, oder begab mich in meine

Lieblingslandschaften an dem Ganges, wo ich denn wieder mit Flamel und

manchem andern Adepten lebte. Ich habe bemerkt, daß seit drei

Jahrhunderten die Kunst sehr gesunken ist, denn so lange wird es jetzt

seyn, daß ich keinen neuen Ankömmling in unserm Kreise gesehn habe.

Schmaling sagte verlegen: und möglich wäre es, sich diesen hohen

Sterblichen, die man fast Unsterbliche nennen möchte, anzuschließen? Ist

es zu hoffen, daß diese großen Geister den Schüler, der ihnen gegenüber

immerdar unwürdig erscheinen muß, nicht zurückweisen werden?

Alles hängt davon ab, antwortete Feliciano, welche Bahn dieser Lehrling

wandelt, ob er sich zu der rechten gesellt, und ob seine Lehrer ihn

nicht vielleicht der Weihe unfähig machen.

Und woran soll man das Wahre oder Falsche erkennen? fragte Schmaling.

Auf vielfache Weise, erwiederte der Magus: ich dürfte nur geradezu

sagen, ich selbst kann Euch aus meinem Munde den besten und sichersten

Bescheid ertheilen. Indessen -- ist ein Kind hier im Hause? fragte er,

gegen den Professor gewendet.

Ich habe zwei Knaben, antwortete dieser in der höchsten Verlegenheit,

denn dies war gegen die Abrede, und Ferner begriff nicht, wohin dies

führen sollte.

Wie alt? fragte Feliciano.

Der Eine zwölf, der Jüngere neun Jahr.

So laßt mir den Jüngeren kommen, Freund, war die Antwort, und daß uns

dann die Dienerschaft nicht störe.

Ferner ging, verwirrt und in sich selber ungewiß. Er kam mit dem

heitern, blondlockigen Knaben zurück, der hell und klar aus seinen

großen freundlichen Augen schaute.

Der Zauberer ließ das Kind zu sich kommen, beschaute es ernst, hieß die

Hände zeigen, betastete den Kopf des Kindes, und indem er mit

feierlichem Anstande die rechte Hand auf dem Haupte des Knaben ruhen

ließ, fragte er ihn: Wie ist Dir jetzt? Empfindest Du Etwas?

Ach! rief das Kind: mir wird so wohl, so hell, mir ist, als könnt' ich

singen, so leicht als möcht' ich fliegen, das Auge so licht, als könnt'

ich durch die Wände sehn.

Bleibe so stehn, mein Sohn, sagte Feliciano sehr ernst, und, da nichts

Anders zugegen ist, das uns dienen könnte, so hefte Deine Augen auf den

klaren Kristall dieser Wasserflasche, und sage mir, was Du siehst.

Anton wie Ferner waren im höchsten Erstaunen, was sich aus dieser

Anstalt, von der sie nicht die kleinste Ahndung gehabt hatten, ergeben

solle. Schmaling war in Bewunderung aufgelöst. Die größte Stille

herrschte.

Ich sehe, fing das Kind an, einen jungen Herrn, einen schönen jungen

Herrn, hübsch in Kleidern, schlank gewachsen: mir ist, ich kenne den

Herrn. Ich glaube, es ist der Mann hier in der Stube. Er steht aber in

einem fremden Zimmer: ganz fremd. Da kommt ein andrer Herr: auch der ist

noch nicht alt; etwas größer. Sie sprechen. Dreiecke, Vierecke sind

aufgestellt: Sonnen, Monde. Sie sprechen. Ach! -- mit lautem Ruf sagte

der Kleine -- da schwebt so klar, ganz hell, glänzend, ein schönes

Frauenbild zwischen ihnen herab. Es küßt den hübschen Herrn auf die

Stirn.

Genug, sagte der Magus, und zog die Hand zurück. -- Siehst Du noch

Etwas?

Unsre Wasserflasche, sagte der Kleine, und ich bin ganz müde.

Jüngling, sagte der Magus hierauf zu Schmaling, Du bist dermalen auf dem

richtigen Wege, verfolge ihn mit Muth und Standhaftigkeit, und das Ziel

wird Dir nicht entgehn. Dein Führer, dem Du Dich anvertraut hast, ist

der wahre, sonst wäre die göttliche Sophia nicht niedergeschwebt, und

hätte, dem Kinde sichtbar, Deine Stirn mit einem Himmelskusse berührt.

-- Er reichte dem Jüngling die Hand, und dieser küßte sie mit

inbrünstiger Ehrfurcht.

Schriften 23: Novellen 7 · 第 15 / 26 段