Darum eben, mein lieber Vater, antwortete Anton, ist diese Entfernung

von allem Grübeln, sich aller Gedanken zu entschlagen, was Sie, um mir

einen Vorwurf zu machen, Leichtsinn nennen, hier recht an der Stelle.

Helfen wir uns doch mit nichts Besserm, als diesem Leichtsinn, der aber

auch edler Natur seyn kann, bei den allerwichtigsten, heiligsten und

höchsten Dingen, wenn wir uns nicht geradehin der Verzweiflung oder dem

Wahnsinn ergeben wollen. Wenn unsre Gedanken vor dem Bilde der Ewigkeit

scheu umkehren, oder an der Gottheit und Allmacht des Schöpfers ermatten

müssen: -- was können wir anders thun, als uns in diesen Leichtsinn

retten, der uns so kindlich, so tröstend entgegen kommt? Mag es nicht

eben so Pflicht und Weisheit seyn, zu Zeiten gewissen Gedanken

auszuweichen, wie es ein andermal unerläßlich ist, sie aufzusuchen, und

bis in das Innerste hinein zu ergründen? Nicht jeder Stunde geziemt

Alles.

Weisheit! sagte der Alte unwillig; wenn die Unerfahrenheit sie lehren

will! -- Sie waren angelangt und stiegen zum Wohnzimmer hinauf, in

welchem Clara und die Mutter sie erwarteten. Man sprach, erzählte noch,

und der Vater sorgte vorzüglich, seine Skripturen in Sicherheit zu

bringen. -- Der frühe Morgen überraschte sie noch im Gespräch, sie

legten sich nieder, um noch einige Stunden zu schlafen, aber Keinem von

Allen ward mehr als ein unruhiger Schlummer zu Theil, der sie nicht

erquickte.

* * * * *

Diese Begebenheit, obgleich sich Alle vorgenommen hatten, nur zu den

Vertrautesten von ihr zu sprechen, war bald in der Stadt bekannt, und

machte großes Aufsehn. Und, wie es zu geschehen pflegt, erzählte man

sich den seltsamen Vorfall bald mit den wunderlichsten Zusätzen, indem

Jeder glaubte, am Besten von dem Wunder unterrichtet zu seyn.

Sangerheim, der dieses gerade hatte vermeiden wollen, war hiedurch sehr

verstimmt, und wurde es noch mehr, als er erfuhr, daß der regierende

Fürst selbst sich von seinem Rathe Seebach die denkwürdige Sache hatte

vortragen lassen. So kam es denn, daß Sangerheim nicht nur zu allen

Versammlungen und Gesellschaften sehr gesucht wurde, sondern daß auch am

Hofe Nachfrage nach ihm geschah. Alles dies schien ihm sehr

gleichgültig, denn er bekannte selbst, nur einen Zweck im Auge zu haben,

nehmlich die gewöhnliche Freimaurerei verächtlich zu machen und zu

stürzen, zu welcher sich in dieser Provinz die angesehensten Männer

bekannten, und die zugleich die größte Achtung genossen. Es gelang ihm

auch, die Logen zu stören und verdächtig zu machen, und viele der

eifrigsten Brüder zu sich hinüber zu ziehn.

Indem er mit diesen arbeitete, ihnen den Irrthum deutlich machte, in

welchem sie bisher gewandelt waren, verschiedene Grade einrichtete und

geheimnißvolle Weihungen vornahm, mysteriöse Zeichen, Amulete und

Gehänge austheilte, deren Deutung er sich vorbehielt, saß der geheime

Rath Seebach in seinem Zimmer und vertiefte sich in jenen Schriften, die

ihm seine leidenschaftliche, sonderbare Jugend wieder vergegenwärtigten.

Er hatte mit Recht die zauberhafte Wirkung dieser Papiere gefürchtet,

denn er verlor sich so in Erinnerungen, daß die Gegenwart fast gar keine

Gewalt über ihn ausübte. Vieles hatte er ganz vergessen, über Manches

dachte er jetzt anders, aber doch erschien ihm Alles in einem andern

Lichte, als er erwartet hatte, denn er fand zu seinem Leidwesen, daß die

großen Fragen keinesweges so abgeschlossen waren, als er es neuerdings,

ohne wiederholte Untersuchung, zu seiner Beruhigung angenommen hatte.

Diejenigen, die den alten Logen treu geblieben waren, sprachen über

Sangerheim sehr erbittert, und behandelten ihn, ohne daß sie es beweisen

konnten, wie einen Betrüger. Schmaling, so wie der Arzt Huber, die

gleich seine eifrigsten Anhänger geworden waren, kämpften mit

aufgeregter Leidenschaft diesen Verleumdern entgegen, und die ganze

Stadt, die viele Jahre hindurch ruhig gewesen war, nahm heftig Parthei

für und gegen den Fremden. Dieser und seine Freunde bemühten sich, den

elenden Zustand der neueren Maurerei und das Unwesen der Logen in das

grellste Licht zu stellen. Man berechnete, wie viel die Lehrlinge, deren

keiner abgewiesen wurde, jährlich einbrächten, wie die älteren Brüder

nur dahin strebten, Vorsteher, Redner und Meister vom Stuhl zu werden,

um durch diese und andre Würden freien Theil am Schmause zu erhalten.

Man zeigte, wie verdächtig die Wohlthätigkeit dieser Maurer sei, und

erzählte und wiederholte ärgerliche Geschichten, die allgemeinen Anstoß

gaben. Man machte sich lustig darüber, wie sehnsüchtig sie irgend einem

Geheimniß entgegen sähen, wenn sich nur irgendwo eins wolle auftreiben

lassen; wie gern man es sich, behutsam verpackt, aus England oder

Schottland verschreiben möchte, und keine Kosten spare, damit man den

sehnsüchtigen Forschern doch nur irgend Etwas zu verheißen hätte. Jene

Logen der strikten Observanz hatten aber auch Manches mitzutheilen, was

der Wißbegierige und Schadenfrohe gerne anhörte. Man erzählte: dieser

Sangerheim sei nichts anders als ein Spion, von einer großen Macht des

südlichen Deutschlands ausgesendet, um in den nördlichen Provinzen

Zwiespalt auszusäen, und Mißtrauen zwischen Volk und Regierung zu

erregen. Der verhaßte Name der Jesuiten wurde nicht geschont, um ihn und

seine Freunde zu bezeichnen und verdächtig zu machen. Man wollte in

seiner Wohnung eine weiße Frau, oder vielmehr ein entsetzliches Gespenst

gesehn haben, und der neuerungssüchtige Pöbel fügte hinzu, daß Kobolde

und Teufel in seiner Wohnung freien Aus- und Eingang hätten. Man scheute

sich nicht, zu behaupten, er stelle dem Leben des regierenden Herrn und

seiner Familie nach, und es gab keine so abgeschmackte Lüge, die nicht

in irgend einem Kreise einen Schwachkopf fand, der sie geglaubt hätte.

So sehr diese ältern, aufgeklärten Logen den eindringenden Neuling aber

auch haßten, so sehr beneideten sie seine Kenntnisse und Geheimnisse,

und wären ihm gern freundlich entgegen gekommen, wenn er ihnen nicht so

unverhohlen den Krieg angekündigt hätte.

So war die freundliche Stadt, die sich bis dahin einer schönen

Geselligkeit erfreut hatte, von Zwiespalt zerrissen, der sogar viele

Familien ergriffen, und die nächsten Freunde und Verwandte einander

entfremdet hatte. Wie man stritt und verleumdete, bewies und zankte, die

Meinungen hin und her schob, so merkte von Allem Derjenige, der

eigentlich die Veranlassung dazu gegeben hatte, der geheime Rath

Seebach, am wenigsten von dieser Verwirrung, weil er bei Tage wie in der

Nacht fast immer über jenen Papieren sann und brütete, die er aus seinem

Schranke gleichsam von Neuem erbeutet hatte. Alle Träume und Wünsche

seiner Jugend wurden nun lebendig in ihm, er konnte nicht begreifen, wie

er bis dahin alle diese Gedanken und Erfahrungen als Kindereien so

unbedingt hatte abweisen können. Er war seitdem gegen seine Familie weit

zurückhaltender, und ihn gereute selbst das Wenige, was er seinem Sohne

vertraut hatte. Die Mutter klagte, die Tochter trauerte, und der Obrist

war verdrüßlich, aber ohne Erfolg. Nur Anton blieb in seiner heitern

Laune und sagte: Was wollt Ihr? Mein Vater verjüngt sich wieder; ist

denn das nicht ein Glück, welches wir gern unsern Geliebten gönnen, und

es ihnen immerdar wünschen? Warum sollen wir denn unsre Erfahrungen auch

nicht einmal von rückwärts erneuern? Zum Kindischwerden hat es mit

meinem lieben Alten noch Zeit, aber die Kindlichkeit ist ja fromme

Tugend und ein Glück der Erde.

Er ging dem verdächtigen Sangerheim aus dem Wege, so oft er diesem

begegnete. Und dazu fand er oft Gelegenheit, denn so wenig der Magier

auch zur Familie gehörte, so besuchte er sie doch täglich, und oft kam

er zweimal am Tage, um den Herrn des Hauses zu sehn, und sich mit diesem

einzuschließen. Sie arbeiteten dann, lasen, schrieben, und man wollte in

der Familie sagen, daß sie gemeinschaftlich magische Operationen

vorgenommen hätten.

Als unmittelbar nach jener Nacht der geheime Rath sich dem Unbekannten

hatte dankbar erzeigen wollen, sagte dieser: Demüthigen Sie mich nicht,

verehrter Bruder, durch ein solches Anerbieten. Ich habe, was ich

brauche, und es wird mir nicht leicht fehlen. Sollten sich irgend einmal

die Verhältnisse anders gestalten, so werde ich mich mit Vertrauen

zuerst an Sie wenden, und Sie werden mir dann meine Bitte nicht

abschlagen.

Als der Rath ihm von Neuem seine Dankbarkeit ausdrückte und zugleich den

Wunsch aussprach, ihn näher kennen zu lernen, erwiederte der Fremde: Was

ich von mir weiß, oder Ihnen sagen darf, will ich Ihnen, geliebter

Bruder, gern mittheilen, denn wir verstehn den Freund um so besser, wenn

wir seine äußere Geschichte, die Umrisse seines Lebens ebenfalls vor uns

sehn. So wissen Sie also, daß ich im Jahr 1745 geboren bin, und zwar in

Paris. Mein Vater war nichts Geringeres, als ein Prinz von königlichem

Geblüt, aber meine Mutter war eine Bürgerliche, die sich durch schöne

Worte, Versprechungen, vorzüglich aber durch die einnehmende Gestalt

meines Vaters hatte täuschen lassen. Ich wurde gut erzogen, und der

theuerste Lehrmeister für jede Kunst und Wissenschaft mir gehalten. Mein

Vater hatte große Freude an mir, und verzog und verzärtelte mich. Das

ist das größte Unglück, das einem Kinde meiner Art widerfahren kann,

denn in spätern Jahren wird es doch wieder in die Bahn zurückgewiesen,

in die es nach den Einrichtungen der Welt gehört. An einem sittenlosen

Hofe war meine Abstammung eines jener öffentlichen Geheimnisse, das alle

Welt kennt und belacht, und eben so Jeder, wenn es ein ernstes Wort

gilt, verleugnet. Ich hatte oft das Glück, den König zu sehn, der

zuweilen so mit mir spielte, als wenn er selbst ein Kind gewesen wäre.

So lange man als Kind hübsch und artig ist, wird man über die Gebühr von

Weibern und Mädchen bewundert; treten die Jahre ein, in denen sich der

Knabe streckt und auswächst, so wird er von verwöhnten Menschen um so

mehr übersehn, wohl gar verfolgt, und das Beste im Kinde wird verhöhnt,

wie früherhin das Gleichgültigste vergöttert ward. Auch diese Erfahrung

mußte ich machen, so wie späterhin die noch schlimmere, daß mein Vater,

der sich mit einer jungen tugendhaften Dame vermählte, nachdem er einige

Jahre als Wittwer gelebt hatte, mich aus Engherzigkeit und

mißverstandener Moral verleugnete. Damals bemächtigte sich eine tödtende

Bitterkeit meines jungen Herzens. Nachher ging mein Haß in Verachtung

über, und ich vermied, wie ich nur irgend konnte, den Anblick des

Prinzen. Ich erhielt eine Stelle beim Regiment, ward Lieutenant,

Hauptmann, Obrist, und man ersparte mir sogar den Dank für diese

Wohlthaten und Auszeichnungen.

Die Maurerei war in Frankreich etwas so Gewöhnliches, daß jeder junge

Mann von Welt und Erziehung zur Brüderschaft gehören mußte. Es war fast

nicht mehr, als wie man eine Loge im Theater nimmt. Der Krieg brachte

mich nach Deutschland und ich lernte hier einige ernstere Brüder und ein

tieferes Forschen kennen. Als aber mein Wissenstrieb erwachte, konnte

mir Keiner eigentlichen Bescheid geben. Jeder hoffte vom Andern das zu

erfahren, was er so schmerzlich entbehrte, und was Jeder nur ungern, und

endlich mit Scham gestand, nicht zu besitzen. Ich ging durch alle Grade,

durch alle Sekten, hatte viele hochklingende Namen, vielerlei Kreuze und

Kleidungen erworben und als aufmunternde Amulete erhalten, aber

eigentlich Nichts erfahren. Das Sonderbarste war, wenn ich mich

erforschte, daß ich eigentlich selbst nicht wußte, was ich denn nun

wissen wollte. Jenes leere Ideal, jener nüchterne Cosmopolitismus, den

Sie uns neulich schilderten, war mir freilich auch von Einigen gepredigt

worden, aber er konnte meiner brennenden Wißbegier am wenigsten genügen.

Wenn wir sehn, wie uns durch mechanische Kunst die Thiere gehorchen, wie

der Wind das Segel schwellt und dem Schiffer dient, wie das Feuer uns

die Berge und ihre Metalle zu leibeignen Vasallen macht, und eine arme

Mischung von Kohlenstaub, Salpeter und Schwefel uns Mauern und Thürme

niederwirft, so meinte ich, der so vorgeschrittne Mensch dürfe auch in

das Geisterreich seine gebietende Hand hineinstrecken, und auch die

Kräfte müßten ihm gehorchen, die man nur gemeinhin die unsichtbaren und

unbekannten nennt, weil Keiner das Auge dreist erhebt.

Aber nirgend fand ich Rath und Hülfe. Auch in England nicht;

gewissermaßen hier am wenigsten. Ich kam auf die Vermuthung, die sich

mir späterhin als Wahrheit bestätigt hat, daß alle diese Menschen von

Klügeren mit Spielwerk und nüchternen Reflexionen, oder Symbolen der

ehemaligen Tempelherrn nur hingehalten werden, damit sie ja nicht

erwachen und das wahre Licht erkennen. Nach dem Frieden verließ ich den

Dienst und Soldatenstand, und nur meine Sehnsucht, so wie die Verehrung

der Kunst trieb mich nach Italien.

Hier nun war es, vorzüglich in Florenz und Rom, wo mein Leben in eine so

andre, bis dahin nie geahndete Bahn gerieth, daß ich Ihnen, geliebter

Bruder, wenigstens für jetzt, von den Erfahrungen, die ich machte, von

den Erkenntnissen, die mir mitgetheilt wurden, Nichts offenbaren darf.

Aber die Zeit wird kommen, ich sehe sie schon vor mir dämmern, wo ich

Ihnen Nichts mehr zu verschweigen brauche. Als ich nach Frankreich

zurück kam, bemerkte ich, wie Saint Martin und seine Schüler Manches in

der Ferne gesehn haben, wie Fludd und die deutschen Rosenkreuzer nicht

zu verwerfen sind, und wie vorzüglich ihr großer Jacob Böhme oft fast

unmittelbar an das Centrum des heiligen Geheimnisses geräth, von dem

auch Paracelsus und der tiefsinnige van Helmont schon einen Anblick, wie

durch einen fliehenden Nebel hatten. Diesen großen Männern fehlte

Nichts, als Bekanntschaften in Italien, wie sie mir ein günstiger Zufall

verschaffte, um schon in der Kunst die höchste Stufe zu ersteigen. Ich

bin auch überzeugt, daß hie und da ein Deutscher, weil diese Nation

vielleicht das größte Talent zum Tiefsinn besitzt, wohl das Mysterium

gefunden hat. Es Unwürdigen mittheilen, ist die größte Sünde, und

deshalb sind Prüfungen verschiedener Art und mancherlei Grade

nothwendig.

Der Rath Seebach schien im Wesentlichen mit diesen Ansichten

übereinzustimmen. Er theilte dem neugewonnenen Freunde viele jener

jugendlichen Schriften, Auszüge und Bemerkungen mit, und Sangerheim

sagte nach einigen Tagen: es ist, verehrter Bruder, wie ein Wunder, daß

Sie in Ihrer Jugend schon so sicher auf dem richtigen Wege gingen, sich

aber doch zu bald durch Schwierigkeiten und einige Blendwerke, die ihnen

die Meister wohl absichtlich entgegen schickten, zurück schrecken

ließen. Wer so früh so vorgearbeitet hat, dem muß es im reifen Alter ein

Leichtes seyn, auch das Allerhöchste zu erringen.

Der Obrist, der sich zurückgesetzt fand, war mürrisch und verdrüßlich,

und es gelang dem wunderbaren Gaste nur schwer, ihn wieder zu gewinnen.

Als dies geschehn war, arbeitete der Greis, um auch Vorschritte zu

machen, um so eifriger. Schmaling, der dem Magier ganz ergeben war,

fühlte sich in Gegenwart seiner Geliebten nicht mehr so heiter und froh,

als ehemals, und der Arzt Huber war glücklich, daß er endlich einen

Bruder gefunden hatte, der Talent und Einsicht genug besaß, sein System,

dessen Anhänger er schon lange war, dem Geheimenrathe gegenüber so

geltend zu machen, daß dieser selbst sich dazu schon halb bekannte.

Der weibliche Theil der Familie war in tiefer Trauer, denn Clara's

scharfes Auge bemerkte sehr gut die Veränderung, die mit ihrem Geliebten

vorgegangen war. Er sah sie selten, und wenn er in ihre Nähe kam, war er

tiefsinnig oder zerstreut. Ihn ergötzte kein Spaziergang mehr, kein

Gespräch konnte ihn aufheitern, so sehr war er seinen seltsamen

Forschungen hingegeben. Die Gesellschaft Antons vermied er mit

auffallender Aengstlichkeit, weil dessen Scherz ihn einigemal verwundet

hatte. Welche reizbaren Geister, sagte dieser zur Schwester, müssen es

seyn, die durchaus gar keinen Spaß verstehn? Könnte man sich dergleichen

Unsterbliche wohl zu seinem Umgange wünschen? Ich wenigstens gewiß

nicht. Aber unser Schmaling muß, ich weiß nicht welchem trübsinnigen

Elfenkönig, den feierlichen Eid abgelegt haben, niemals wieder zu

lachen. Und wenn der junge Mann doch nur einsehn wollte, wie schlecht

ihm diese Feierlichkeit zu Gesichte steht. Er ist, wenn er lacht und

heiter blickt, zehnmal so liebenswürdig. Fährt er aber so fort, so

bekommt er Runzeln und Falten, wie ein Rhinozeros. Solche Stirnrunzel

sieht aus, als wenn ein ganzer Acker fruchtbarer Erde aus dem Kopfe

genommen wäre. Es sind die wahren Lückenbüßer, die andeuten, wie alle

Gedanken entflogen sind. Die Stirn hat immer, so wie sie es merkte,

nachgeschnappt, um festzuhalten; so sind diese Gruben geworden.

Mir ist Dein Scherz zuwider, sagte Clara, denn ich sehe das Glück meines

Lebens gestört. Dieser unglückliche Besuch hat Alles geändert und der

aufgereizte Schmaling bedurfte nur einer solchen Veranlassung, um sein

ganzes Wesen umzuwandeln.

Sei über ihn beruhigt, antwortete der Bruder, ich habe schon dafür

gesorgt, daß er wieder curirt werden soll. Mir ist ein Mittel

beigefallen, das ich für untrüglich halte.

Wenn es nur, erwiederte die Schwester, durch diese Cur nicht noch

schlimmer wird, wie es wohl zuweilen der Fall ist. Wer kann überhaupt

wissen, was noch aus Arzt und Kranken wird.

Um mich darfst Du unbesorgt seyn, sagte Anton, laut lachend, denn mein

Wesen ist zu prosaisch, um sich umstimmen zu lassen.

Wir erleben, antwortete die Schwester, so Manches, was wir nicht

erwarteten. Bist Du Deiner so gewiß?

* * * * *

Die Gegenwart Sangerheims hatte in allen Gemüthern Empfindungen,

Ansichten und Neugier aufgeweckt, alte Erzählungen wieder neu in Umlauf

gebracht, die man schon vergessen hatte, und es war kein Haus, in

welchem nicht Meinungen behauptet und bestritten wurden. Die Maurer der

vorigen Tage waren in das größte Gedränge gekommen und viele, und zum

Theil die angesehensten, hatten den Fremden für ihren Meister anerkannt.

Als der Gelehrte sah, mit welchem Eifer man für und wider kämpfte,

vorzüglich aber als er bemerkte, wie die Familie seines alten Freundes

in Verwirrung gerathe, nahm er sich vor, Etwas zu thun, um die vorige

Ruhe und Behaglichkeit wieder her zu stellen. Man hatte ihm erzählt, wie

sehr der Rath sich an den verdächtigen Fremden schließe, und wie dies

nicht allein Frau und Tochter betrübe, sondern ihm vom Minister und dem

Fürsten selber nicht gut ausgelegt werde. Ferner sagte eines Tages zu

Anton: dieser Trieb in uns, ohne welchen wir kein Interesse an

Wissenschaft und Geschichte nehmen könnten, muß sorgsam bewacht und

gehütet werden, wenn er den Geist nicht in Gegenden verlocken soll, in

denen aller ächte Trieb zum Wissen erlischt. Alle Kräfte in uns sollen

im Gleichgewichte stehn und nur dann ist der Mensch gebildet und

verständig; darum kann ihn, wie es so oft geschieht, ein überwiegendes

Talent unglücklich machen. Die Lust am Geheimniß und Wunder darf auch

nur verstärkt werden, wenn Witz und Scharfsinn, Vernunft und Verstand

ebenfalls sich beleben. Diese Harmonie des Menschen fällt aber nicht ins

Auge, und darum dünkt sie auch oft den Aufgeregten etwas Geringes und

selbst Verächtliches.

Anton hatte dem Professor einen Plan mitgetheilt, um Schmaling, der sich

am unbedingtesten der Schwärmerei ergab, auf gelinde Weise durch

Beschämung wieder zur Vernunft zurück zu führen. Er hatte die

Bekanntschaft eines Mannes gemacht, und ihn auch in das Haus seines

Freundes, des Professors, geführt, der sich in kurzer Zeit das ganze

Vertrauen des Jünglings erworben hatte. Es schien in der That, als wenn

dieser Freund, der sich Anderson nannte, Jeden gewinnen müsse, dem er

sich nähere; so konnte er durch Scherz und Ernst, Witz und Tiefsinn,

Laune und Munterkeit in das Wesen der verschiedensten Charaktere

eingehn, indem er bald in jedem Menschen eine Seite auffand, für die er

sich interessirte, und so im geistreichen Gespräch den Mitsprechenden

klüger und einsichtsvoller machte, als dieser sich sonst erschienen war.

Wer dieses Talent besitzt, gewinnt die Menschen am sichersten. In den

meisten ist irgend eine Gegend des Geistes fruchtbar, und bringt

eigenthümliche Gewächse hervor. Die Natur hatte wohl die Absicht, daß

von hieraus die Originalität des Wesens hervorgehn, und das Individuelle

desselben sich geistreich ausbilden sollte. Aber unsre Erziehung,

einförmige und conventionelle Cultur, Geschäfte und Vielwisserei

ersticken bei den Meisten schon früh diesen Keim. Die meisten Gespräche

werden nur geführt, damit Jeder sich selbst hört, und den Andern so

wenig äußerlich wie innerlich zu Worte kommen läßt. Geräth aber ein

Menschenkünstler, ein ächter Virtuos, über diese verwahrlosten

Instrumente, so weiß er auch den baufälligsten wundersame Töne zu

entlocken.

So war Jedermann in der Gesellschaft dieses Anderson klüger und

witziger, als für sich selbst, oder im Umgang mit Andern. Er war daher

in allen Gesellschaften gern gesehn, die er auch nicht vermied und

allenthalben Unterhaltung fand. Sein Aeußeres war eben nicht sehr

empfehlend, er war klein und stark, von breiten Schultern, und sein Kopf

stand zwischen diesen etwas eingepreßt auf einem dicken Halse.

Durch Sangerheim waren alle früheren Nachrichten von dem großen

Wunderthäter, dem Grafen Feliciano, neu belebt worden. Briefe

bestätigten von Neuem seine unbegreiflichen und schnellen Heilungen der

schwierigsten und tödtlichsten Krankheiten, die die größten Aerzte schon

verzweifelnd aufgegeben hatten. Man erzählte sich, wie er in einer

großen Stadt des Auslandes in einem Palaste ganz wie ein Fürst lebe, von

glänzender Dienerschaft umringt. Kein Armer verlasse seine Schwelle, der

nicht reichlich beschenkt würde. Geld achte er wie Spreu, er bedürfe der

Gnade keines Königs, denn er habe jüngst einem Staate eine ungeheure

Summe geschenkt, um den Fürsten aus einer Verlegenheit zu ziehn. Daß das

Auflegen seiner Hand tödtliche Wunden schließe und die hartnäckigsten

Krämpfe löse, war nur etwas Unbedeutendes: denn Todte sollte er schon

geweckt haben, Abwesende aus fernen Ländern zitiren können, so daß sie

den Freunden oder der Familie in sichtbarer Bildung erschienen, so wie

er seinem eignen Geiste zuweilen gestatte, aus dem Körper zu wandern, um

plötzlich in Asien oder Amerika einem Freunde, der ihn magisch gerufen

habe, beizustehn. Daß alle Geister ihm zu Gebote ständen, die guten wie

die bösen, bezweifelte Keiner, der mit Vertrauen und Glauben von ihm

sprach. -- Schmaling, der wenig in Gesellschaft kam, sondern ganz seinen

sonderbaren Studien und seinem Meister lebte, war dem merkwürdigen

Anderson niemals begegnet, und darum hatte diesem heitern und gefälligen

Manne der übermüthige Anton den sonderbaren Vorschlag gemacht, daß er

die Rolle des berühmten Feliciano spielen solle, um so Schmaling zu

täuschen, und ihn so, indem er einsähe, wie leicht er hintergangen

werden könne, in seiner Verehrung Sangerheims irre zu machen. Der muntre

Anderson war auf diesen Plan eingegangen, und um so lieber, weil er oft

tadelnd von diesem Sangerheim und dessen Arbeiten sprach. Im Hause des

Professor Ferner wollte man eine geheimnißvolle Zusammenkunft

veranstalten, von der aber der Magus Sangerheim nichts erfahren dürfe.

Ferner war lange diesem Projekt entgegen gewesen. Er sagte auch jetzt:

ich bin kein Freund von dergleichen Mystificationen. Sie sind nach

meinem Gefühl ganz und gar dem Wesen und dem Anstand einer gebildeten

Gesellschaft entgegen. Der Hintergangene hat Ursach, es nachzutragen,

und es ist ihm nicht zu verargen, wenn er niemals wieder Vertrauen faßt.

Indessen mag eine gute Absicht diesmal die Sache entschuldigen; nur

fürchte ich, daß Sie sich mit unserm Schmaling völlig verrechnet haben.

Schriften 23: Novellen 7 · 第 14 / 26 段