war zugegen, auch Schmaling fehlte. Es war sichtbar, daß er nachdenkend
war und an den Gesprächen der Uebrigen nur wenigen Antheil nahm. Der
Obrist sagte endlich, als er in die Fröhlichkeit der Uebrigen nicht
einstimmte: Was ist Ihnen, Lieber? Wir fangen uns an zu ängstigen;
theilen Sie uns Ihren Kummer oder Ihre Leiden mit.
Es ist nichts dergleichen, erwiederte der Vater, ich sinne nur darüber
nach, wie man so nach und nach alt wird, und doch niemals ausgelernt
hat. Ich glaubte über Alles, was man Wunderglauben nennt, hinaus zu
seyn, und war selbst in meiner Jugend dieser Schwachheit nicht
ausgesetzt: und nun berührt mich Etwas so stark, daß ich mich vor mir
selber fürchte, wenn der Ausgang sich so ergeben sollte, wie er mir ist
versprochen worden.
Die Mutter und Tochter sahen sich mit bedeutenden Blicken an, Anton war
gespannt und der Obrist sagte: Nun, Werthester, was ist Ihnen
versprochen? Dürfen Sie es uns mittheilen?
Es ist mir nicht verboten worden, erwiederte der Vater. Gestern, als wir
uns trennten, erzählte ich dem Fremden von dem verlornen Dokument. Er
schien erst unwillig, weil er die Sache für Erfindung hielt, ihn auf die
Probe zu stellen. Wie er meinen Ernst sah, versprach er mir heut
Nachmittag Antwort zu geben. Er erschien, und seine erste Frage war, ob
ich nicht in der Stadt noch ein andres Haus besäße. Ich bejahte, wir
gingen hin und er betrachtete die Zimmer und den Saal, welche leer
stehen, da ich immer noch unentschlossen bin, ob wir hinüber ziehn. Er
ließ sich ein drittes Zimmer aufschließen, eilte hinein, und indessen
ich noch draußen verweilte, und die Gemälde betrachtete, hörte ich
drinnen Geräusch, wie von verschiedenen Menschen, auch Stimmen durch
einander. Ich eilte durch die offenstehende Thüre, und fand meinen
Fremden allein in der Mitte des Zimmers, tief sinnend. Er bemerkte mich
erst nicht, dann sagte er: Gehn wir morgen in der Mittagsstunde,
zwischen Zwölf und Eins, wieder hieher, und ich hoffe Ihnen etwas
Bestimmteres sagen zu können. Wir verließen das Haus, und ich fragte
ihn, ob er es erlaube, daß uns noch Jemand begleite. Sehr gern,
erwiederte er, nur bitte ich, dem jungen Herrn Schmaling vorerst nicht
die Sache mitzutheilen, oder ihn zum Begleiter zu wählen, er ist zu
heftig, er schwärmt und würde mich stören; vielleicht geht Ihr
zweifelnder Sohn mit uns. -- Seht, Freunde, das ist mir heut begegnet,
und Ihr müßt gestehn, daß, wenn dieser Mensch ein Betrüger ist, er einen
neuen und originellen Weg erwählt.
Aber wie ein Betrüger? sagte der Obrist: wenn er Ihnen wohl morgen schon
das Dokument schafft, oder Ihnen eine bestimmte Antwort giebt.
Das wird er eben nicht thun, antwortete der Rath, er wird morgen mit
einer neuen Zweideutigkeit mich abfertigen, mich wieder auf einen andern
Tag vertrösten, und, wenn er meine Leichtgläubigkeit, oder meinen
Charakter bei dieser Spannung beobachtet und kennen gelernt hat, mich
mit diesen oder jenen Mährchen abspeisen, von denen er glaubt, daß sie
mir zusagen. Alles das sage ich mir und wiederhole es mir, und doch kann
ich es mir nicht leugnen, daß ich ungeduldig die Stunde des Wiedersehens
erwarte, daß ich mir jenes seltsame, unbegreifliche Geräusch in der
Erinnerung wiederhole, und darüber sinne. Es war, wie von vielen
Menschen, wie Zank und Streit, ja Thätlichkeit, verschiedene Stimmen
antworteten sich heftig, so daß ich erstaunt die halb angelehnte Thür
öffne, in der sonderbaren Erwartung, viele fremde, heftige Menschen in
Gezänk in meinem verschlossenen Zimmer zu finden, und ihn doch nur
allein still in der Mitte des Raumes stehen fand. Es war Tag, nicht
Mitternacht, keine Vorbereitung war vorangegangen, ich kenne das Haus
und er nicht, -- wie soll man darüber denken?
Lassen wir es, sagte Anton, bis morgen; die Stunde ist nicht so gar
entfernt, und erlauben Sie mir, Sie zu begleiten.
Keine Kreise gezogen? fiel der Obrist ein: kein Zauber-Apparat? keine
Citation? Sonderbar genug. Jenes habe ich auch einmal in meinem Leben
gesehn und mitgemacht, und es wies sich nachher als Betrügerei aus, aber
man hatte uns, die wir zugelassen wurden, durch Geheimniß, Rauchwerk,
Gebet, Fasten und Kasteiung so exaltirt und betäubt, daß unsere
Imagination dem Magus schon auf drei Viertheil seines Weges entgegen
ging.
Als die Mutter in der Nacht mit der Tochter bei einer häuslichen Arbeit
verweilte, sagte sie: Ich kann Dir nicht beschreiben, wie widerwärtig
mir diese Geschichte ist, die sich da anspinnt. Wir waren einige Jahre
so ruhig, und nun wird Dein Vater wieder in solche Verwicklungen und
Gedanken hinein gezogen, die ich auf immer für abgethan hielt. Er meint,
er hat Alles überwunden, und läßt sich immer wieder von Neuem anlocken.
Was ist es nur im Menschen, das der Vernunft zum Trotz, auf die sich die
Meisten doch so viel einbilden, immer Herz und Phantasie in das Seltsame
und Unbegreifliche hinüberzieht. Ich habe noch keinen Menschen gekannt,
der nicht abergläubig gewesen wäre.
Möchten sie es doch, antwortete Clara, denn ich bin es auch; und wie
kann man sich gewissen Wahrnehmungen oder Eindrücken mancher Träume, den
Vorahndungen und dergleichen entziehn; wenn sie nur nicht mit ihrer
scheinbaren Philosophie so bedeutende Schlüsse aus Kindereien zögen, und
so schwerfällige Systeme darauf erbauten. So Vieles im Leben hat nur
dadurch einen Sinn, daß es eben mit nichts Anderm zusammenhängt, daß es
Nichts bedeutet. Sie wären aber im Stande, in einem Seufzer oder Kuß das
ganze Universum zu lesen, und die Ewigkeit der Höllenstrafen daraus zu
beweisen. Nun, meinen Schmaling werden mir die Geisterseher schön
zurichten. Wären die Menschen doch nur damit zufrieden, ihren eignen
Geist kennen zu lernen. Weil es aber da eben hapert, so sind sie
freilich gezwungen, so viele fremde herbei zu zitiren, um den eignen zu
verstärken.
Am Morgen waren Alle beim Frühstück sehr einsylbig. Selbst Anton konnte
sich nicht verbergen, daß er in einer Spannung sei, die seinem Wesen
sonst ganz fremd war. Gegen zwölf Uhr erschien Sangerheim. Unterwegs
sagte er: Ich bitte Sie, von dem, was Sie vielleicht sehn werden, nicht
zu laut und gegen Jedermann zu sprechen. Was geht die Menge und das
unwissende Volk unser Wesen an?
Das große Haus des Rathes lag in der Vorstadt. Es stand leer, weil die
Familie Willens war, hieher zu ziehn. Dies hatte freilich sein
Beschwerliches, wenn Seebach sein Amt nicht aufgab. So war es geschehn,
daß man es in dieser schwankenden Unentschlossenheit seit Jahren nur
selten besucht hatte. Der Rath öffnete und verschloß hinter sich die
Thüren wieder. Im Saale angelangt, ging Sangerheim wieder in jenes
Zimmer, in welchem er gestern schon gewesen war. Er ließ die Thüre
hinter sich halb offen, Anton und der Vater blieben im Saal. Plötzlich
hörten beide ein verwirrtes Getöse, wie Schlagen an den Tapeten und
Degenklirren, dann Gespräch, Gezänk, Hin- und Widerreden verschiedener
Stimmen; auf verschiedene Fragen, die der Magus that, hörte man ein
bestimmtes: Nein! nein! Es geschieht nicht! näher und ferner ertönen.
Endlich erfolgte ein Knall, wie von einer Pistole; Beide stürzten in das
Zimmer und der Magus stand in der Mitte, in heftiger Bewegung und
erhitzt. Er faßte die Hand der Eintretenden und sagte: Nur bis heut
Abend lassen Sie mir Zeit und ich sage Ihnen Gewißheit. Noch
widerspricht man mir, man will nicht nachgeben, aber es wird sich
ändern, wenn ich in meiner Wohnung noch eine Operation vorgenommen habe.
Sie trennten sich und Anton wie der Rath kamen nachdenklich zu ihrer
Familie zurück, die sie mit Aengstlichkeit erwartete.
Anton sagte: Der Mann ist ein recht künstlicher Taschenspieler, der
einige neue Stücke gelernt hat, die die Uebrigen noch nicht wissen. Man
schwört darauf, daß man verschiedene Menschen oder Geister vernimmt, man
hört ein Rauschen und Schwirren, Rasseln und Prasseln, wie ein
Handgemenge, endlich sogar einen bestimmten Pistolenschuß, aber es ist
kein Dampf oder Geruch vom Pulver zu spüren. Das Unkluge bei dieser
Geschicklichkeit scheint mir nur darin zu bestehn, daß er sich immer so
kurze Termine setzt, so daß sich seine Vertröstungen schnell wiederholen
und bald ermüden müssen. Mit den beiden Kunststücken von heut und
gestern hätte er uns wenigstens einige Wochen hinhalten können.
Es kann nicht so seyn, wie Du es Dir denkst, sagte der Vater. Er muß auf
Etwas fußen, das ihn so sicher macht. Wäre die Sache, wie Du sie
schilderst, so müßte er übermorgen oder in einigen Tagen beschämt
abziehn, denn ich habe mich wohl gehütet, irgend großes Erstaunen oder
entgegenkommende Leichtgläubigkeit merken zu lassen. Gab er sich doch
auch nicht einmal die Mühe, uns auszufragen, so beschäftigt war er mit
sich selber. Ihm selbst ist es Ernst, und seine Aufmerksamkeit ist ganz
auf die Sache, nicht auf uns hingerichtet.
Du bist schon bekehrt und gläubig, sagte die Mutter.
Unmöglich, Liebe, antwortete der Rath, denn ich glaube noch gar Nichts,
auch giebt es noch Nichts zu glauben, sondern ich bin nur erstaunt, und
kann in dieser verwirrenden Verwunderung meine Seelenkräfte noch gar
nicht wiederfinden.
Das ist vielleicht, bemerkte Clara, die beste Stimmung, um Wunder zu
glauben.
Kinder, sagte der Vater mit einiger Empfindlichkeit, tragt ihr nicht
auch dazu bei, meine Unruhe zu vermehren. Mein ganzes Leben hindurch
habe ich gegen den Aberglauben gekämpft, und es soll der Thorheit
wenigstens mich zu besiegen nicht so leicht werden, als ihr es für
möglich zu halten scheint. Gelingt es dem vorgeblichen Magus, uns diese
große Summe zu retten, so sind wir ihm ohne Zweifel Dank schuldig: kann
er es nicht möglich machen, was er, fast mit sicherm Versprechen,
unternahm, so will ich denn auch nicht weiter grübeln, wie er die
sonderbaren Stimmen und das seltsame Geräusch hervorbrachte.
Alle waren scheinbar beruhigt, als der Rath, indem sich eben jeder in
sein Schlafzimmer begeben wollte, folgenden Brief noch in dieser
nächtlichen Stunde erhielt, der der ganzen Familie Ermüdung und Ruhe
nahm:
Da es nicht bloß eine Aufgabe fürwitziger Neugier war, was meine Kräfte
und Kenntnisse in Anspruch genommen hat, da die Wohlfahrt einer
hochachtungswürdigen Familie gewissermaßen an die Erfüllung meines etwas
voreiligen Versprechens geknüpft ist, so hat der Widerspruch und
Starrsinn Derer nachgelassen, von denen Sie heut, wenn Jene auch nicht
sichtbar wurden, einige Kunde empfingen. Nicht unmittelbar, aber nach
einigen kleineren Zimmern, die verschlossen blieben, muß sich in jenem
Hause, zu dem Sie mich heut führten, noch ein Kabinet befinden, dessen
Fenster auf den Garten gehn. In diesem Kabinete ist ein Wandschrank, dem
Auge nicht sichtbar, der sich durch den Druck einer Feder öffnet. Nimmt
man hier einen gewöhnlichen Kasten heraus, so zeigt sich unten ein
Schieber, unter welchem sich dieses Papier, nebst einigen andern
Schriften, wohl finden wird.
Bei den letzten Worten, indem der Rath den Brief laut vorlas, schlug er
sich mit der flachen Hand heftig vor den Kopf, ward glühend roth und
plötzlich wieder todtenbleich, und rief mit lauter Stimme: O ich
Dummkopf! Und daß ich es vergessen konnte! Und daß mir ein ganz fremder
Mensch, von dem ich niemals in meinem Leben Etwas gehört habe, mir so
auf meine Erinnerungen helfen muß.
Die Frauen, so wie Anton und der Obrist, waren um so mehr erstaunt und
erschrocken, da sie niemals, obgleich sie das Kabinet kannten, von
diesem heimlichen Wandschrank Etwas erfahren hatten. Vergebt mir dies
Verschweigen, sagte der Vater, es ist mir eigen und eine Gewohnheit, die
ich von Jugend auf hatte, auch vor meinen Nächsten und Vertrautesten
noch Etwas geheim zu halten. So habe ich mir in jenem Hause diesen
Versteck, um den kein Mensch wußte, angelegt. Er ist so künstlich
gemacht, daß, wenn man die Sache nicht weiß, ich auch das schärfste Auge
auffordern will, die Feder nur zu entdecken, die die Wand eröffnet und
verschließt. Vor vier Jahren, wißt ihr, wohnten wir Alle drüben, weil
dies Haus hier ausgebaut und anders eingerichtet wurde. Indem wir wieder
herüber zogen, fiel jene Reise vor, die ich eiligst in Angelegenheit
meines Fürsten machen mußte. Ich arbeitete die ganze Nacht, ohne fast
Nahrung zu mir zu nehmen. Auch meine eigenen Sachen ordnete ich, und
jenes Dokument war mir wichtig genug. Ich nahm es, so war ich fest
überzeugt, mit mir hier herüber, verschloß es in das geheime Schubfach
meines Schreibepultes, reisete ab, und kam erst nach drei verdrüßlichen,
arbeitsreichen Monaten zurück. Ich fand, so glaubte ich, alle meine
wichtigen Papiere in Ordnung, und, sei es die Reise, mag es von den
Kränkungen herrühren, die ich erlitten hatte, ihr wißt, daß ich in ein
tödtliches Nervenfieber verfiel, von dem ich nur schwer und langsam
wieder genas. In dieser schlimmen Zeit hatte ich mein Gedächtniß ganz
verloren. Als ich wieder zum Leben erwachte, war es mir die bestimmteste
Ueberzeugung, daß ich das Dokument hier aufgehoben, und seit meiner
Rückkehr schon mehr wie einmal gesehn hatte. Darum wurde ich eben ganz
verwirrt, als es nun, nach Jahren, die wichtige Sache entscheiden
sollte, und sich nirgend antreffen ließ. -- Doch laßt schnell anspannen,
so spät es ist, ich will noch in der Nacht jenen Wandschrank
untersuchen.
Es wurde dem Kutscher eiligst der Befehl gegeben. -- Wie kam es nur,
fragte der Obrist, daß Sie, auch nur aus müßiger Neugier, jene Stelle
drüben im Hause nicht untersuchten, und so zufällig das Papier fanden?
Sie wissen ja, antwortete der Rath, wie der Mensch ist. Hier diesen
Schrank, die Zimmer des Hauses hier kehrte ich mehr als einmal um, ich
suchte mit Heftigkeit an allen unmöglichen Orten, war aber so fest und
unwidersprechlich überzeugt, daß ich das Heft von dort nach der Stadt
genommen hatte, daß ich mich selbst über die Frage als wahnsinnig
verlacht haben würde, ob der Schrank es noch bewahren könne. Und
außerdem -- -- der Rath zögerte, und als der Obrist in ihn drang, fuhr
er fort: Lieber Vater, jene Wand enthält außerdem alle Beweise und
Erinnerungen meiner jugendlichen Schwärmereien und Thorheiten, viele
Arbeiten, die ich als Schüler dieses und jenes geheimen Ordens entwarf,
Abschriften aus seltenen Büchern, kabbalistische Rechnungen, Recepte zur
Tinktur, und was weiß ich Alles. Eins jener tollen Blätter hatte sich
zufällig hieher verirrt, das ich jetzt an eine andre Behörde geschickt
habe, wo man es vielleicht mehr achten wird, als hier geschah. Diesen
Wust habe ich seit Jahren nicht angesehn, weil mir davor graut. Denn,
gestehe ich's doch, ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, daß ich
nicht hie und da lesen und wieder lesen sollte, wenn ich mich einmal der
Truhe nähere. Und bezwingt mich auch das Material des verwirrenden
Inhalts nicht, so ängstige ich mich doch mit Recht, mich wieder in alle
jene Stimmungen und Zustände zu versetzen, in welchen ich jenes Zeug
zusammengeschrieben habe.
Der Wagen fuhr vor, und der Rath, Anton und der Obrist stiegen ein. Als
sie allein waren, warf sich Clara der Mutter, heftig weinend, an die
Brust. Wie ist Dir, mein Kind? fragte die Mutter. Ach, Liebste!
erwiederte Clara, Sie werden mich vielleicht schelten, daß ich bei
diesen Sonderbarkeiten, bei diesen Dingen, die uns Alle so gewaltsam
aufregen, etwas recht Albernes sage. Ich kann Alles das nicht leiden.
Sie sehn, wie gemein es klingt, aber ich kann keinen andern Ausdruck
finden, mag ich auch suchen, wie ich will. Wenn das Alles ist (und es
ist ja vor unsern Augen da, wir können es nicht mehr ableugnen), so ist
mir das Leben selbst widerwärtig. Mir entgeht alle Sicherheit, alle Lust
zu denken und zu handeln, denn meine Freude war es eben, daß Alles so
unbewußt sich bewegt und genießt, daß jedes Gefühl, jeder Gedanke um
sein selbst willen da ist. Nun soll Alles Zusammenhang haben, sich
geistig auf einander beziehn. Es ist mir unerträglich, so mit
Gespenstern in innige Verbindung zu treten. Gespenst! Ist denn so was
nicht der ächte Gegensatz, der völligste Widerspruch mit Geist? Sehn
Sie, Liebste, das Alles handthiert nun so gewaltsam in meinem Innern,
daß ich lieber gleich im Fieber selbst phantasiren möchte, als von
diesen Sachen hören: und nun gar sie erleben müssen!
Tröste Dich, beruhige Dich, mein Kind, sagte die sorgende Mutter, Du
sprichst schon, wie im Fieber. Ich glaube Dich zu verstehn, und doch
scheinen mir Deine Ausdrücke zu herbe. Alles, was Du so schmähst, macht
ja für viele verständige Männer den Reiz des Lebens aus. Wie Vieles
würde mancher der Besten darum geben, wenn er sich durch dergleichen
Wunder überzeugen könnte, die uns geboten worden, und die wir so wenig
suchten, daß man sie uns aufdrängen muß.
Das ist es eben, sagte Clara: ich kann mir keine Vorstellung davon
machen, wie steppendürre, wie öde es im Geist und Herzen solcher
Menschen aussehen muß, die sich dergleichen wünschen, die ihm nachjagen
können. Ein heitrer Blick aus dem lieben, unschuldigen Auge des Kindes,
seine Kartenhäuserchen, die es mühsam erbaut und lachend wieder umwirft,
jedes Geschäft des Hauses, Backen und Nähen und Stricken, der
Handlanger, der mit dem Schweiß seiner Arbeit seine Familie ernährt, o
nennen Sie, was Sie wollen, auch das Allergeringste, es ist ja
ehrwürdiger und edler, als es diese Raritäten sind, die sich so vornehm
anstellen. Möchten doch lieber diese zwanzigtausend Thaler verloren
gegangen seyn, als daß sie wiederkommen, und uns dieses Irrsal mit in
das Haus schleppen.
Ich kann Dir nicht ganz Recht geben, Tochter, sagte die Mutter: mir
graut auch vor der Sache, aber dankbar müssen wir dem Manne doch seyn,
wenn wir durch ihn um so viel reicher werden.
Nein! rief Clara, wenn ich es nur hindern könnte. Ich habe immer über
unsern Consistorialrath gelacht, zu dessen Christenthum der Teufel
eigentlich die nothwendigste und unentbehrlichste Person ist, aber jetzt
bin ich der Meinung des heftigen frommen Priesters. Nur der Satan bringt
diese Künste hervor, und Jeder, der sich damit einläßt, ergiebt sich
ihm. Die Langeweile plagt natürlich den alten verdammten bösen Geist,
und da weiß er sich nun keinen bessern Zeitvertreib, als die Menschen
durch allerhand Blendwerk dumm und konfus zu machen. Es wird schon so
seyn. Diese fatalen Beschwörer glauben ihn zu beherrschen, er spielt mit
ihnen, wie die Katze mit der Maus, und nachher sehen sie denn mit
Entsetzen, daß sie immerdar in seinen Stricken und seine leibeignen
Knechte waren. -- Ach! und mein Schmaling! der ist nun auch so ein
kleiner goldner Fisch, den sich die Unbarmherzigen mit ihren eisernen
Haken herauf angeln und über sein Bluten nur lachen. Welch hartes,
sonderbares Schicksal, daß mich eine Leidenschaft zu einem Manne
ergriffen hat, den ich eigentlich nicht ganz achten kann. Ich liebe ihn
und gebe ihm mein ganzes Herz, ich fühle es, ich kann ohne ihn nicht
seyn und leben, -- und doch widerstrebt mir so Vieles in seinem Wesen:
Sie werden sehn, dieser Blutsauger, der Sangerheim, macht mir mein
Liebchen, meinen Auserwählten noch ganz verrückt. -- Ich muß wider
Willen lachen. Vergeben Sie mir, Mutter.
Sie lachte laut, um nachher um so heftiger zu weinen. Die Mutter, die
zwar die sonderbare Gemüthsart ihrer Tochter kannte, wurde doch besorgt,
daß sie krank werden möchte, und wollte sie bereden, sich nieder zu
legen: Clara wollte aber durchaus die Rückkunft des Vaters erwarten, und
erfahren, wie das seltsame Abentheuer geendigt habe. --
Man war in der Vorstadt abgestiegen, um mit einer Laterne in das finstre
Haus zu gehn. Die Stimmung der drei Männer war feierlich und der
Geheimerath Seebach zitterte, indem er die breiten und widerhallenden
Stufen hinauf stieg. Im Saale standen sie still, ruhten und zündeten
einige Kerzen an. Sie eröffneten die übrigen Zimmer, gingen hindurch und
gelangten endlich vor jenes Kabinet. Ehe der Rath aufschloß, sagte er zu
seinen Begleitern: Ich muß Euch bitten, Theure, wenn ich den Wandschrank
eröffnet habe, und nach jenen Blättern suche, daß Ihr mich ganz allein
gewähren lasset, weil ich nicht wünsche, daß Sie, lieber Vater, und noch
weniger mein Sohn, Etwas in jenen Skripturen lesen mögen, die so Vieles
enthalten, das ich jetzt selbst ganz vergessen habe. Der Rath schloß
auf. In dem kleinen Zimmer, das, wie alle übrigen, lange nicht geöffnet
war, war ein seltsamer Dunst. Der beklemmte Rath öffnete das Fenster,
ein frischer Luftstrom zog herein, und man vernahm das Flüstern der
Linde und das Rauschen des Holunderbaumes, die dicht vor dem Fenster
standen. Ist es Euch so seltsam, wie mir, zu Muthe? fing der Rath wieder
an. Mir dünkt, es kommt mir jetzt schon viel weniger darauf an, diesen
bedeutenden Theil meines Vermögens zu retten, als nur die Wahrhaftigkeit
jenes wunderbaren Mannes bestätigt zu finden: ob ich gleich von ihr
schon überzeugt bin.
Er drückte an die ganz glatte Wand und sie eröffnete sich. Oben in der
Mauer standen einige Geräthe und Gefäße, die auch eine magische
Bedeutung haben mochten. Seebach bückte sich und holte einen schweren
Kasten aus dem Behältniß, der Briefe, Bücher, Maurer-Symbole und
dergleichen enthielt. Er ließ, indem er in den Verschlag trat, den Sohn
hinein leuchten. Man sah Nichts, und nur der Vater konnte den
künstlichen Schieber finden, der zurückgedrängt wieder eine andere
geräumige Oeffnung entdeckte. Gleich oben lag das vermißte Dokument und
ein großer Zettel daneben, auf welchem mit großen Buchstaben stand: Das
Dokument über die zwanzigtausend Thaler findet sich in meinem geheimen
Wandschrank, unten, im Hause der Vorstadt. -- Es war auch hinzugefügt:
Sollte ich auf der Reise sterben, so suche man -- und hier war genau für
den Fremden beschrieben, wo man die Feder und den Schieber entdecken
könne.
Seht, Freunde, rief der Rath, dieses Blatt wollte ich aus Vorsorge in
mein Schreibpult legen, um das Dokument ja nicht zu vergessen. Aber die
eilige Arbeit, die Wichtigkeit der Geschäfte, die nahe Abreise machten,
daß das Vergessen den Sieg, wie es so oft geschieht, über die Vorsicht
davon trug. Für meine Familie, im Fall ich von der Reise nicht
zurückkommen sollte, war noch diese genaue Bezeichnung hinzugefügt.
Er übergab das Dokument seinem Sohne, der es sorgfältig in die
Brieftasche legte. Hierauf bückte sich der Vater wieder und nahm alle
übrigen Papiere aus jenem tiefen Raume, die in mehreren verschlossenen
Mappen und sorgfältig zugeschnürten großen Heften enthalten waren. --
Was machen Sie da? fragte der Obrist. -- Da das Geheimniß des Schrankes,
sagte der Rath, jetzt ein öffentliches ist, so will ich alle diese
Papiere mit mir nehmen, um sie in meinem Stadthause sicher zu verwahren.
-- Er trug sie selbst mit Anstrengung die Treppen hinunter und in den
Wagen, und wollte sich weder vom Obristen, noch seinem Sohne helfen
lassen.
Als sie wieder im Wagen saßen, fing der Rath an: Was soll man nun, meine
Lieben, von dieser ganzen Sache denken? -- Denken? erwiederte der Sohn,
fürs Erste wohl gar Nichts, denn wir haben noch lange an unserm
Erstaunen zu genießen. Dann wollen wir uns des Geldes und des gewonnenen
Prozesses freuen, und Clara vorzüglich mag dem Magus danken, weil ohne
ihn ihre Aussteuer wäre verkürzt worden. Mit dem Zauberer müssen wir
auch Freundschaft halten, der unserm Hause geholfen hat. Mit allen
diesen Dingen können wir uns eine Weile die Zeit so leidlich vertreiben,
denn es scheint mir gefährlich und bedenklich, zu früh über diese Sache
denken zu wollen. Haben wir doch genug daran zu thun, sie zu glauben.
Und ableugnen läßt sie sich nun einmal nicht.
Ich begreife Deinen Leichtsinn nicht, erwiederte der Vater. Kannte
dieser Sangerheim mich und meine Familie? und wenn dies war, konnte er
von diesem Papiere wissen? und wenn er davon erfahren hätte, konnte er
diesen geheimen Schrank entdecken? Setzen wir auch den noch
wunderbarsten und seltensten Zufall, er habe nach mehr als zwanzig
Jahren den Tischler gefunden, der ihm diesen Schlupfwinkel verrathen
hätte: wie viel Unerklärliches bleibt noch zu erklären? Und wie viel
Unnatürliches, Unmögliches muß man schon gewaltthätig zusammen raffen,
um nur das Leugnen des Wunderbaren und Unbegreiflichen bis zu dieser
Spitze zu treiben?