Jetzt nahm Sangerheim das Wort und sagte: Hier aber ist es, wo der

Streit ein wirklicher wird, denn es läßt sich doch auch fragen: wer denn

die Wahrheit zu solcher stempeln soll? Demjenigen, der nüchtern und

einfach fort lebt, der sich niemals erhebt, dem dürfen die Wahrheiten

der Religion, wie die Ahndungen der Geisterwelt als leere Träume

erscheinen. Wer es aber erlebt und erfahren hat, wie jedes Wort und jede

Gestalt nur dadurch wahres Sein erhält, daß sie vieldeutig sind, daß das

Alltägliche und Aeußere auf ein Inneres und Geheimnißvolles deutet, der

kann unmöglich alle höhere Forschung und Erkenntniß als unzulässig

abweisen, weil sich ihm das, was in früherer Entfernung Traum und

Aberwitz schien, nun näher gerückt, deutlich in nahe Wahrheit, in die

unerläßliche Bedingung aller ächten Erkenntniß verwandelt.

Schmaling gab dem Fremden die Hand, von diesem Worte hoch erfreut. Der

Fremde fuhr fort: Ist es wahr, daß diese ächten Geheimnisse, wie alles

Große und Geistige, schlecht bewahrt und mit falschem Sinne erkannt,

verwahrloset und durch Mißbrauch bis zur Sünde herabgewürdigt werden

können, so ist es gut und nothwendig, wenn sie sich in dunkeln,

tiefsinnigen Schriften dem Verständniß der blöden Menge entziehn, wenn

eine beschlossene Gesellschaft edler Menschen sie als etwas Frommes und

Heiliges bewahrt. Es ist löblich und nothwendig, daß, da der Zutritt

nicht eigensinnig versagt werden kann, Prüfung und Läuterung voran geht,

und nur Auserwählte, die in verschiedenen untern Graden bewiesen haben,

daß sie der Erleuchtung fähig und würdig sind, zum Lichte vordringen

dürfen. So war es seit uralten Zeiten, und diese Ueberlieferung bewahrt

unser Bund, und dies ist es, was wir versprechen können. Darum werden

jene andern nüchternen Sekten der Brüderschaft, die alle nicht wissen,

was sie wollen, von selbst verschwinden und sich vernichten.

Dieser Gesang, antwortete der geheime Rath, ist nicht neu, er läßt sich

von Zeit zu Zeit immer wieder vernehmen. Die wahre ächte Maurerei, die

ich für solche erkenne, ist aber diesem Glauben und dieser Absicht

völlig entgegen gesetzt.

Und diese ächte Maurerei? fragte der Fremde. Anton trat hinzu und sagte:

Darf ich, als der einzige Ungeweihte hier, auch zugegen bleiben? -- Der

Vater erwiederte lächelnd: Ich werde nichts verrathen, was nicht Jeder

hören dürfte. -- Wie sich die Menschheit in Gesellschaft und Staat

gebildet hat, und diese nicht entbehren kann, so fühlte der

Einsichtsvollere doch auch zu allen Zeiten, daß mit diesem unendlichen

Gewinnst gegenüber ein Verlust verbunden sei, und seyn müsse, der wohl

eben so schmerzlich falle, als der Gewinn gegenüber erfreuen dürfe. Die

Gesetze ordnen und zerstören, die Religion erhebt und verfolgt, die

Moral veredelt und verdammt, und Alles in so großen Verhältnissen, so

durchgreifend und nach allen Seiten, daß es unmöglich scheint, die

Ausgleichung und Versöhnung dieser Wohlthaten und Uebel zu finden.

Religiöse, wie dichterische Sagen setzen diesen unerläßlichen Zwiespalt

schon vor alle Schöpfung hinaus; Mystiker suchen aus ihm die Entstehung

der Welt zu erklären. Der Inhalt unsrer Religion ist die Lehre der

Versöhnung, um durch ein neues Räthsel das ältere zu lösen. Schon die

alte Mythologie und Dichtung der Griechen wollte ebenfalls manche

Schuld, grause Verbrechen, die jedes Gesetz verdammt, zur Tugend, zur

Aufgabe eines Gottes machen, und Orest ist eine wundersame Frage an den

innern Geist, wie Timoleon in spätern Zeiten. Durch alle Adern des

Daseins dringt der Tod des nothwendigen Buchstaben, und jeder Edle, sei

er Fürst, Staatsmann, Krieger oder Handwerker und Bauer, findet in

seinem Leben tausendfältige Gelegenheit, hülfreich zu seyn, wo Staat,

Religion, Gesetz und Lehre nicht ausreichen, um zu vermitteln, wenn er

seinen Sinn frei genug erhalten hat, und so das Geistigste, das, was

unantastbar seyn sollte, und was doch immerdar verletzt werden muß,

still und behutsam zu schützen. Nur in den allerneuesten Zeiten war es

möglich, daß verschiedene Freigesinnte, edle Menschen darauf fielen, in

einen geheim öffentlichen Bund zusammenzutreten, um dieses Unsichtbare,

Unaussprechliche zu wirken, dieses ächte, große Geheimniß zu bewahren,

welches sich freilich niemals verrathen läßt, weil es ganz geistiger

Natur ist, das schon verschwindet, indem man es nur in bestimmte Worte

fassen will.

Anton sagte lebhaft: Ja freilich, so angesehn, ist eine solche

Vereinigung verständiger Männer das Edelste, was man sich denken kann:

die ächte Aufklärung, um ein so oft gemißbrauchtes Wort einmal in seinem

wahren Sinne zu brauchen.

Der Vater winkte ihm freundlich, und fuhr fort: Wenn Menschen, so

gestimmt, sich zusammenfanden, so durften sie hoffen, daß die

Vereinigung ihre Gesinnungen stärken, ihnen das Gute, was sie ausrichten

wollten, erleichtern würde. Der Unterschied der Sekten, der

Glaubensmeinungen und Stände hörte in dieser geistigen Gemeinschaft auf.

Sie konnten nicht darauf fallen, Etwas gegen den Staat zu unternehmen,

so sehr sie dessen Gebrechen fühlten, denn sie hätten sich ja dadurch

dem todten Buchstaben wieder hingegeben, dem sie entfliehen wollten. Es

genügte, klar zu sehn, fein zu fühlen, den Leidenschaften und

Vorurtheilen nicht zu huldigen. Um so mehr Patrioten, um so weniger

legten sie Hand an, Räder auszuheben, oder die Maschine anders

einzurichten. Es genügte, daß sie ohne That und Kampf das Gute wieder

vorbereiteten; der Fromme mußte frei genug seyn, um in und durch die

Gesellschaft seine Sekte nicht verbreiten zu wollen; noch weniger aber

konnte es dem Aufgeklärten beikommen, die Religion des Landes

untergraben zu wollen, nüchterne Freigeisterei zu befördern, oder

feindselige Gesinnungen zu verbreiten, er fühlte, daß Liebe, Milde,

Sanftmuth und Duldung genügten. Je frommer der Fromme war, so weniger

konnte er aber auch, als Mitglied solcher Gesellschaft, den Satzungen

eigensinniger Priester huldigen, oder eine geschichtliche Form der

Religion für etwas Anders als Form und Buchstaben halten. In dieser

ächten Loge meines Sinnes, wie konnte es in ihr mehr als einen Grad

geben? Was hätten die Eingeweihten denn noch finden und entdecken

sollen? Genügte irgend einem dieses hohe, unsichtbare und

unaussprechliche Geheimniß nicht, so stand er ja in dieser

Ungenügsamkeit wieder außen, und hatte Weihe und Erkenntniß verloren.

Und wo, wo, rief Anton lebhaft aus, wo sind diese ächten, wahren Maurer

zu finden, daß auch ich mich ihnen mit allen meinen Kräften anschließe?

Wo? antwortete der Vater; nirgend in aller weiten Welt sind sie zu

finden, nirgend und allenthalben; denn jeder wahre Mensch ist dieses

Salz der Erde, und ist ohne Gesellschaft, Eid und Verbindniß dieser

ächte Freimaurer. -- Als nun Christoph Wren in London die neue Loge

stiftete, oder nur neu belebte, ging von hier aus wohl eine Gesinnung,

oder eine ihr ähnliche aus, wie ich eben geschildert habe. Unter jenen

Freimaurern ist Ashmole der erste, der davon spricht, und wenn er die

Gesellschaft und Verbrüderung eine sehr alte nennt, so mögen

meinethalben die Baukorporationen schon längst ihre Constitutionen und

Symbole gehabt haben, doch war dieser erlaubte und edle Kosmopolitismus

in dieser Gestaltung den früheren Jahrhunderten unbekannt und unmöglich.

Und wie selten, wie wenig mag er auch in England, wie in Deutschland,

zum Bewußtsein gekommen seyn, fiel der Obrist Dorneck ein. In meiner

Jugend schloß ich mich, aus einem unbestimmten Wissenstriebe, Menschen

an, die sich für erleuchtet ausgaben. Die Gesellschaft war aber damals

nicht so ausgebreitet, wie jetzt, noch war sie in so viele Sekten und

Constitutionen getheilt. Schon die Menge der Lehrlinge, die Kassen, die

der Aufzunehmenden bedürfen, die weltlichen Absichten, die sich mehr

oder minder eingeschlichen haben, machen jene Vereinigung, von der Sie,

theurer Sohn, sprechen, völlig unmöglich. Und es ist zu fürchten, wie es

denn auch schon begonnen hat, daß sich kluge Köpfe dieser Verbindungen

bemeistern werden, um völlig das Gegentheil aus ihnen zu machen, wozu

sie bestimmt waren. Bemächtigt sich erst ein solcher Schwindel der Zeit,

so steht wohl zu besorgen, daß ein viel schlimmerer Buchstabe mit

tödtender Kraft herrschen wird, als vormals in der äußern Welt, und

ihren Gesetzen, Gewöhnungen und Rechten.

Wie gesagt, erwiederte der Rath, die Zeit erklärt und erzeugt Alles.

Manche Völker, vorzüglich Deutschland, waren nach dem Frieden von 1648

in sich selbst matt zurück gesunken, bei uns war alles öffentliche Leben

dahin, das Interesse für den Staat völlig abgeschwächt. Hier in

Deutschland konnte sich allgemach der Gedanke erzeugen, statt des

öffentlichen Geistes einen unsichtbaren still wohlthätig walten zu

lassen. Vielleicht, daß hie und da, auf kurze Zeit, die ächte Maurerei,

nach meinem Sinne, ausgeübt wurde. Entstellungen zeigten sich früh,

Mißbräuche schlichen ein, und Alle ängstigten sich, geheim oder

eingestehend, daß sie kein sprechendes, faßliches Mysterium den

wißbegierigen Lehrlingen zu verrathen hatten, worin doch eben, daß sie

dessen ermangelten, ihr Wesen und ihr Stolz hätte bestehen müssen.

Dieses Geheimniß, fiel der Obrist ein, hat mich schon in meiner Jugend

herumgejagt. Ich ließ mich früh aufnehmen, und unser Meister vom Stuhl

war denn auch ein Wunderthäter. Bald war die Stadt, es war im Anfange

des Krieges, nicht sicher genug. Ein Schloß im Gebirge, das einsam lag,

ward zu den Versammlungen der Geweihten auserlesen. Der geheimnißvolle

Meister setzte uns junge Leute immerdar in ängstliche Thätigkeit. Jetzt

kam diese geheime Botschaft, und nun jene, dieser große Monarch, dann

jener benachbarte Fürst waren dem Magus auf die Spur. Nachtwachen,

gerüstete Freunde, Waffen und Schwur sollten den seiner Weisheit wegen

Verfolgten beschützen. Eine berittene Garde umgab bei Tag und Nacht das

Castell, und streifte in der Gegend umher, um Kundschaft einzusammeln.

Je mehr wir uns ängstigten, je größer und erhabener erschien uns unser

Meister. Freilich waren auch einige prosaische Zweifler unter uns, und

diese folgten eben so unermüdet der Spur des Betruges, wie wir der der

Verfolgung, und ermittelten endlich mehr als wir. Unser hohe Magus war

am Ende nichts, als der gemeinste Betrüger, vom niedrigsten Stande, der

sich schon früh vieler verächtlichen Schelmereien schuldig gemacht

hatte, und nicht einmal Maurer war. Ein strenger, rechtlicher Mann nahm

sich nun unsrer an, und eine Zeitlang wollten und fühlten wir Alle etwas

Aehnliches, als Sie, Herr Sohn, uns vorher geschildert haben.

Die Sage, fing der Rath wieder an, ward nun beliebt, daß die

Freimaurerei eine Fortsetzung und neue Belebung des alten Ordens der

Tempelherren sei, der so willkührlich und mit so vieler Grausamkeit

aufgehoben wurde. Wie ich schon aussprach, ich will über Dergleichen

nicht streiten. Mögen die Einsichtigen des Templerordens die Freimaurer

ihrer Zeit gewesen seyn, möglich, daß ihr Bund sich der fast

allmächtigen Hierarchie und dem weltlichen Despotismus widersetzte; daß

aber die neue Brüderschaft eine Fortsetzung des vertilgten Ordens,

unmittelbar von entflohenen Brüdern gestiftet, sei, wird man niemals

befriedigend nachweisen können. Andre können mit demselben Recht die

Wiklefiten zu Maurern machen. Wohin wir sehen, giebt es Verbindungen in

der Geschichte, die sich der herrschenden Kraft mit Glück oder Unglück,

mit Gewalt oder heimlich widersetzen. Oft ist die Weisheit und das

Bessere beim Widerspruch; oft aber wird dies auch früh vom Schlechten,

Frevelhaften vertilgt. Warum sollen, so verstanden, die ersten

Albigenser nicht ebenfalls Freimaurer gewesen seyn? Daß sie Rebellen

wurden, dazu zwang sie vielleicht die zu rasche Maßregel der Kirche und

die Grausamkeit der Priester. Ich kann Nichts dagegen haben, will man

den Orden in den uralten Culdeern auf den schottischen Inseln

wiedererkennen, die sich schon in den frühesten Jahrhunderten dem

anwachsenden Papstthum widersetzten, und eine reinere Lehre, ein

ursprünglich ächtes Christenthum zu besitzen glaubten. Warum will man

die Gnostiker ausschließen? Ja die jüdische Sekte der Essäer? Auch

hindert uns Nichts, die Pythagoräer dafür zu nehmen. Oder die besseren

der ägyptischen Priester: eben so Diejenigen, die die ächte Lehre der

Perser bewahrten. Man kann sich das früheste Judenthum, oder selbst das

religiöse Geheimniß der Patriarchen so denken. Wie aber Abrahams

Judenthum (wenn man es so nennen will) ein ganz andres war, als das der

Pharisäer zu Josephus Zeiten, oder als jene jüdischen Sekten, die die

Kabbala und alle wunderlichen sinnreichen Träume der Rabbinen annehmen

und aus diesen erst rückwärts die Propheten und Moses verstehn, so ist

auch jene willkührlich so genannte Freimaurerei von der neuesten noch

weit mehr unterschieden, und ihr völlig unähnlich. Denn so können wir

die Bundeslade, das verlorne Feuer, die wiedergefundenen Bücher, und was

wir nur wollen, willkührlich deuten, und es geschieht der Sache nicht zu

viel, wenn wir Noahs Arche zu einer Loge machen, und den Gründer der

Brüderschaft in Seth, oder selbst Abel suchen. Ist man mit Typen und

Vorbildern zufrieden, so ist es keine so gar schwere Kunst, aus Allem

Alles zu machen, und es sollte mich nicht großes Studium kosten, die

Brüderschaft, ihre Geschichte und Symbole aus der Comödie des Dante,

oder aus der wilden Prosa des Rabelais heraus zu deuteln.

Scherzen Sie nicht, sagte der Gelehrte, es ist noch nicht aller Tage

Abend, und wir können nicht wissen, welche Aufgaben sich der Scharfsinn

und die Combinations-Gabe unserer Tage noch setzen werden. Es ist

sonderbar genug, daß die Säule Boaz noch niemals auf den

vielbesprochenen Baffomet ist gedeutet worden.

Oder beide Säulen J und B, Jachin und Boaz, auf Jacob Böhme, der doch

gewiß bei den Parazelsisten und Adepten der Brüderschaft eine große

Rolle gespielt hat.

Vielleicht, sagte Schmaling, da ich noch nicht durch viele Grade

gedrungen bin, erfahre ich künftig dies und noch mehr. Könnte aber ein

wissender Meister nicht neue Deutungen in die Symbole legen?

Dergleichen, erwiederte der Rath, ist vielfach geschehen; und so sind

durch Erklärungen Geheimnisse, und aus diesen wieder neue Erklärungen

entstanden, um eine Sache zu verwirren, die nur in schlichter Einfalt

wohlthätig und segensreich seyn konnte.

Wie kommt es nur, sagte Ferner, der Gelehrte, daß man noch niemals die

Schulen der Magie und Zauberei, oder Nekromantik, Nekromancie, wie die

Dichter des Mittelalters sie nennen, für Logen gehalten hat? Nach Toledo

in Spanien, als dem Centrum und der wahren Universität oder großen

Mutterloge, weisen alte Gedichte hin. Kunststücke, Zauberei,

Verwandlung, Beherrschung der bösen und guten Geister wurde dort

gelehrt. Auf dem Vatikan liegt ein Gedicht von den Heymonskindern und

dem Zauberer Malegys. Dieser lernt aus den Büchern eines andern Magus,

Balderus, die hohe Kunst, er besiegt nachher diesen und einen andern

berühmten Künstler Iwert; und so hätten wir denn vielleicht hier wieder

das I und B, was in der Maurerei eine so bedeutende Rolle spielt.

Halten Sie ein, Professor! rief Anton aus, sonst machen Sie noch alle

unsre reisenden Taschenspieler zu Meistern vom Stuhl, oder unbekannten

Obern.

Doch ohne allen Scherz gesprochen, erwiederte Ferner, ich wundre mich,

daß unter den vielen Maurern und Freunden der Maurerei, von denen doch

so viele Bücher gelesen und für die Sache geschrieben sind, noch keiner

sich die Mühe gegeben hat, ein höchst merkwürdiges Gedicht aus dem

Mittel-Alter zu studiren, das, wenn irgend eins, eine Geheimlehre

enthält, ein Christenthum, Mythe und Symbolik, die gewiß nicht mit den

herkömmlichen und angenommenen der katholischen Kirche übereinstimmen.

Dieses Gedicht heißt »die Pfleger des Graal,« und besteht aus zwei

Theilen, wovon der erste Parzifal, und der zweite Titurell genannt wird.

Dieser heilige Graal ist ein Geheimniß, das nur Eingeweihten zugänglich

und verständlich ist, eine Erfüllung aller Wünsche, eine Heiligung alles

Menschlichen und Irdischen, er giebt Gesundheit, Leben, Freude und

Glück. Durch Forschen, Fragen, wenn der Ritter zufällig in den Saal

tritt und aufgenommen wird, macht er sich des Mysteriums würdig, und der

junge Parzifal, weil er zu bescheiden ist, verscherzt in früher Jugend

auf lange durch sein Stillschweigen diesen Besitz. Die Heidenschaft und

der Calif der Muselmänner erscheinen nicht so feindlich und gehässig,

wie in den übrigen Gedichten des Zeitalters. Eine kirchliche christliche

Gemeinschaft der Frommen und Edlen, eine mystische Lehre wird

vorgetragen, die selten mit dem allgemein Gültigen jener herrschenden

Kirche überein zu stimmen scheint. Auch der Tempel und die Baukunst sind

mystisch behandelt und sind dem Werke höchst wichtig, wenn gleich die

heilige Masseney, die Tempelherren oder Tempeleise ganz in Art und Weise

der Ritterwelt dargestellt sind. Auch der Priester Johannes spielt eine

große Rolle, und Alles bezieht sich in verschiedenen Richtungen auf

Johannes den Evangelisten. Wie sehr der Täufer bei den Maurern gilt und

geehrt wird, ist bekannt, und, wenn sie wirklich älteren Ursprunges seyn

sollten, so ist wohl noch zu untersuchen, ob nicht ursprünglich der

Evangelist gemeint sei. Die Forschungen über dieses tiefsinnige Gedicht

des Mittelalters sind auch in anderer Hinsicht noch lange nicht

abgeschlossen, und der Maurer, der die Geschichte der Poesie kennt,

dürfte hier auf manche Entdeckung gerathen, die seinem gläubigen

Vorurtheil mehr und stärkere Waffen gäbe, als jener Sanct Albanus, der

die Bauleute in England zuerst beschützte, oder der Prinz Edwin, oder

die Culdeer, Wiklefiten, oder was man nur sonst in die Untersuchung

gezogen hat.

Mir fällt eine Frage ein, sagte Anton: hat man noch nie den sinnigen

Shakspeare zum Maurer gemacht? Viele seiner Sprüche, z. B. »es giebt

viele Dinge im Himmel und auf Erden, von denen sich eure Schulweisheit

nichts träumen läßt« hat man oft genug gebraucht und gemißbraucht. Es

ist aber bekannt, daß der edle Philipp Sidney ein Freund und Beschützer

des berühmten und berüchtigten Jordanus Bruno war, den man nachher als

Ketzer in Italien verbrannte. Wie, wenn diese beiden Männer ächte Maurer

gewesen wären, und in jener merkwürdigen Zeit eine Loge gestiftet

hätten, in welcher unser Shakspeare später wäre aufgenommen worden? In

dem kleinen London und in einem kurzen Zeitraum von dreißig Jahren waren

so viele große und herrliche Männer, wie sich nur selten auf Erden so

enge zusammen drängen.

Jetzt stand Huber, der Arzt, auf und sagte: ich habe bis jetzt

geschwiegen, weil ich nicht andern Meinungen voreilen wollte. Dieses

Geheimniß eines Nicht-Geheimnisses, wie es unser Freund Seebach

ausgeführt hat, will mir keinesweges gefallen. Es sei, daß die Maurerei

Nichts gegen Staat und Religion unternehmen soll, und daß wir deshalb

jene frühen englischen Logen tadeln mögen, von denen die Sage berichtet,

daß sie unter Cromwell bedeutend zur Wiedereinsetzung der Stuarts

mitgewirkt haben. Aber eben dadurch, daß der Maçon von Politik und

Kirche sich zurückhält, um nicht zu stören, ist ihm ein so größerer und

schönerer Wirkungskreis in der Natur eröffnet. Weisen wir die früheren

Sagen von Adepten ab, so ist eben jener Elias Ashmole, der einer der

frühesten authentischen Maurer der neuen Zeit ist, zugleich als ein

Freund der Astrologie und der Verwandlungskunst bekannt genug.

Beschäftigen sich also die Universitäten, um die Jugend nicht irre zu

führen, mit der Naturwissenschaft in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes,

so ist es um so erfreulicher, wenn ein Kreis erfahrner Männer, zum

Geheimniß durch Wort und That verbunden, jenen Geist aufsucht und

herbeiziehn will, jene Kraft, Wunder zu wirken, die wohl schon sonst

auserwählten Sterblichen beigewohnt hat, kurz, sich in dem zu üben und

zu vervollkommnen, was gemeinhin Magie genannt wird. Diese Wissenschaft,

die Natur aufzuschließen und sie zu verwandeln, ist des Strebens der

Edelsten nicht unwürdig. Es ist leichter, sie zu verlachen, als die

Meister dieser Kunst und die Anschauungen, die uns entgegen kommen,

abzuweisen und zu widerlegen; und namentlich die Kunst des Adepten, Gold

zu machen, den Stein der Weisen hervor zu bringen. Die nüchterne Welt

kennt nur einen Weg, indem sie die Erzählung von Flamel als Lüge

verschreit, was Paracelsus erzählt und ein Mann wie Helmont betheuert,

Mährchen nennt, den tiefsinnigsten der Philosophen, Jacob Böhme, nicht

anhört und versteht, und Alles, was in unsern Tagen ein erleuchteter

Saint Martin begeistert predigt, nur mit mitleidigem Achselzucken

beantwortet. Aber ist es denn nun schon unwidersprechlich dargethan, daß

uns Saint Germain belog und betrog? Die Kunst, Gold aus andern Metallen

zu machen, scheint so nahe zu liegen, da wir so viele Verwandlungen

hervor bringen können. Sie soll ja nur den Meister beurkunden, ihm

seinen Meisterbrief schreiben, als einen Beweis, daß er die Natur

bezwungen hat, und sie beherrscht. Die moralische Besserung und

Vergeistigung des Menschen ist die höhere Kunst des Adepten. Aber Wunder

zu glauben, in der Vorzeit, um Religionen und Heilige zu bekräftigen und

ihrem Wirken Glauben zu verschaffen, und anzunehmen, daß diese Kraft

erlöschen müsse, und in unsern Tagen und niemals wieder erweckt werden

könne und dürfe, heißt, um mich gelinde auszudrücken, auf das Mindeste

sehr inkonsequent glauben und lehren. Mein Freund Seebach kennt meine

Ueberzeugung, die ich hiemit wiederhole. --

Jetzt nahm Sangerheim, der Reisende, wieder das Wort: Wie die Kunst der

Verwandlung das eine Unterpfand des Maurers und Meisters ist, so ist die

Macht über die Geister die zweite Beglaubigung, daß er Bahn gewonnen,

und den Sieg im Laufe errungen hat. Diese Hoheit ist dem ächten Schüler

der Weisheit seit uralten Zeiten überkommen, von alten Meistern und

Obern, und jeder Lehrling, der sich in der Prüfung würdig erweiset, kann

dies Siegel der Vollendung erringen. Wenn die Rosenkreuzer diesem hohen

Berufe nachstreben, so ist es löblich, erringen sie ihn, dann ist ihre

Kunst und ihr Weg der wahre. Er ist aber nicht der meinige. Doch werde

ich den würdigsten Brüdern, die schon erfahren sind, gern, wenn sie

Glauben und Vertrauen haben, die Weihe nach Graden der Prüfung zukommen

lassen. Doch bin ich hierin ganz der entgegengesetzten Ueberzeugung des

Herrn von Seebach. Ein einziger Grad ist keiner; was diese Freimaurerei

will und soll, kann Jeder am besten isolirt und ohne alle Verbindung

erlangen.

Schmaling sah begeistert aus und drängte sich an den Fremden, auch der

Arzt Huber gab ihm die Hand. Auf der Seite des Rathes blieben der

Obrist, der Gelehrte und Anton. So war in dieser kleinen Gesellschaft

ein Gegensatz von Meinungen, die sich auf keine Weise vermitteln ließen.

Man trennte sich, und beim Abschiednehmen bat der geheime Rath den

Fremden, der so große Dinge ankündigte, noch etwas zu verweilen. Er trug

ihm seine Verlegenheit vor in Ansehung des verlornen Dokumentes und

schloß dann: Getrauen Sie sich wohl, durch Ihre übernatürliche

Wissenschaft, deren Sie sich rühmen, mir diesen Bogen, an dem mir so

viel gelegen ist, wieder zu verschaffen?

Sangerheim, der bisher in der Gesellschaft bescheiden in Wort und

Haltung gewesen war, richtete sich jetzt stolz auf und sah den Rath mit

einem kühnen Blick von oben herab mit seinen feurigen Augen an und

sagte: Ist dies nur eine leere Erfindung, um mich zu prüfen, so dürfte

es schlimm für Sie ausgehn, wenn ich jene Kräfte für diese Unwahrheit in

Thätigkeit setzte; ist es Wahrheit, was Sie mir sagten, so verspreche

ich Ihnen meine Hülfe.

Seebach erzählte ihm umständlicher die Sache, den Inhalt des Dokumentes,

wie lange er es besessen, und daß es jetzt zur günstigen Entscheidung

des Prozesses unentbehrlich sei. Ich glaube Ihnen, sagte Sangerheim, und

spreche Sie morgen Nachmittag in der vierten Stunde.

* * * * *

Schriften 23: Novellen 7 · 第 12 / 26 段