Briefen, daß unser gütiger Onkel sich unser annehmen und Alles
schlichten wolle, nur machte er es zur Bedingung, daß wir umkehrten, um
nicht als Abentheurer in fremden Regionen den Ruf meiner Geliebten
unnöthig auf das Spiel zu setzen. In eines jungen Gelehrten, Keyser's,
Gesellschaft, welcher seine Braut besuchte, sprach ich die geliebte
Maschinka, und wir beredeten unsre Rückreise. Aber wir durften uns noch
nicht vereinigen, um uns nicht dem Ungestüm der Verwandten, welche uns
verfolgten, auszusetzen. Ich hatte in Briefen und aus dem Munde meiner
Braut von einem wüthenden und rachsüchtigen Hellbusch gehört, und konnte
mir nicht träumen lassen, daß dieser derselbe freundliche Mann sei, an
dessen Seite ich die schöne Reise durch Deutschland machte. So kehrten
wir denn um, und schrieben hie und da Merkworte ein, die der Andre fand
und die kein Fremder verstehen konnte. In der Höhle von Liebenstein
trafen wir uns an jenem schönen Sonntage, und dort, als ich mich hatte
von der Barke auf dem unterirdischen Gewässer übersetzen lassen, sprach
ich im Dunkel, und von der ganzen Welt abgesondert, meine Geliebte. Bei
Tharand bestellte sie mich und ich traf sie in der Nacht dort im schönen
Thal. Sie reisete sogleich hieher nach Guben, ihrem gütigsten Oheim
entgegen, und der großmüthige Mann hat auch mich seinen Neffen genannt
und durch seine Güte alle die Irrsale geschlichtet. --
So fuhren sie nach Guben zurück und ergötzten sich an den kleinen
Begebenheiten ihrer Reise. Von dort begaben sie sich mit dem Oheim nach
der Schweiz, und Walther, welcher seinen Reisegefährten Ferdinand
herzlich liebgewonnen hatte, bat sich die Erlaubniß aus, mit ihnen
reisen zu dürfen, um in ihrer Gesellschaft einige Zeit in dem schönen
Lande dort zu leben.
* * * * *
Es waren zehn Jahre verflossen, als dem Erzähler dieser Geschichte
Walther und Ferdinand wieder begegneten. Die seltsamen Begebenheiten des
Befreiungskrieges hatten uns in Prag im Sommer des Jahrs 1813 vereinigt.
Ferdinand war mit seiner Frau, die noch immer schön zu nennen war,
glücklich, er hatte einige allerliebste Kinder, mit denen er gern
spielte. Auch Walther war verheirathet, und wir erfreuten uns Alle des
Wiedersehns und der erneuten Vertraulichkeit. Nur war es mir merkwürdig,
daß der schwärmende Ferdinand jetzt ein eifriger, möcht' ich doch sagen,
einseitiger Verfechter der protestantischen Lehre war, und Walther im
Gegentheil war zur katholischen Kirche übergetreten und mit vollem Ernst
und ganzem Herzen ein Bekenner ihrer Glaubens-Artikel.
Wie dieses sich zugetragen hatte, läßt sich vielleicht in Zukunft
mittheilen, da es für denkende Leser, die selbst etwas erlebt haben,
nicht ohne Interesse seyn dürfte. Auch läßt sich um so unparteiischer
diese Seelengeschichte erzählen, da beide Freunde, sowie der dritte, der
humoristische Wachtel, vor Jahren nach Italien gereiset sind, und dort
froh und glücklich leben. Als heitre Beilage und Episode dürften alsdann
auch die beiden Novellen, welche die freundlichen Feinde, die sich als
solche nicht kannten, im Gasthofe zu Chemnitz ausarbeiteten, nicht
unwillkommen seyn.
Die Wundersüchtigen.
1831.
Der Geheimerath von Seebach lebte in seinem großen, wohleingerichteten
Hause glücklich in der Residenz. Da er reich war und eine angesehene
Stelle bekleidete, viele Verbindungen hatte, und eine große
Correspondenz führte, so war bei ihm oft der Sammelplatz angesehener und
merkwürdiger Fremden und Reisenden. Häufig aber waren unter diesen
Besuchenden auch solche Gestalten, die von seiner Familie weniger gern,
oder nur mit Mißtrauen gesehen wurden, weil der Rath früher ein Mitglied
mancher Gesellschaften gewesen war, die sich höherer Kenntnisse oder
wunderbarer Geheimnisse rühmten, und obgleich der thätige Geschäftsmann
schon seit Jahren alle diese Verhältnisse aufgelöset, und sich von
diesen Verbindungen zurückgezogen hatte, so sorgte die Tochter, die den
Vater genau kannte, doch immer, daß irgendwo ein Faden wieder
aufgenommen werden möchte, der nicht zerrissen war, um Verwicklung,
Zeitverlust, oder auch wohl Kummer zu veranlassen. Der lebhafte, heitre
Sohn war gegen viele Wanderer mehr deswegen eingenommen, weil ihr
Einsprechen dem Rathe manches Geldstück kostete, denn so wie er die
Geheimnisse und Wunder verlachte, war er doch neugierig genug, immer
wieder auf die Erzählung von seltsamen Entdeckungen oder unbegreiflichen
Begebenheiten mit Eifer hinzuhören.
In alten Papieren kramend, saß der Rath an seinem Schreibepulte, und
neben ihm Anton, sein Sohn, ihm gegenüber sein Schwiegervater, der
Obrist von Dorneck, der schon seit lange seinen Abschied genommen hatte.
Ich kann das Dokument nicht finden, sagte der Rath endlich unwillig, und
begreife nicht, wie, oder wohin es kann verloren seyn. In diesem fatalen
Prozeß, der mich nun schon seit zwei Jahren beunruhigt, gilt es mir die
volle Summe von zwanzigtausend Thalern, wenn ich diesen wichtigsten
Beweis nicht herbei schaffen kann.
Der Obrist erwiederte: Lieber Sohn, ich bin überzeugt, daß Sie es
irgendwo recht sorgsam hingelegt haben, weil es Ihnen eben so wichtig
war, und daß Ihre Geschäfte Sie nur den Ort haben vergessen machen.
Geben Sie sich Ruhe, und es fällt Ihnen wohl am ersten bei, indem Sie
gar nicht darüber denken, wie es mit Namen von Menschen so oft geht, die
wir durchaus nicht wieder finden, indem wir es von uns erzwingen wollen,
und die uns dann plötzlich, ungesucht, indem wir zerstreut, oder
unterhalten sind, wieder beifallen.
Sie mögen Recht haben, antwortete der Rath; soll sich aber ein
Geschäftsmann solcher Vergeßlichkeit nicht schämen? Ich habe niemals die
zerstreuten Menschen leiden mögen, und nun muß mir selbst dergleichen
begegnen.
Anton warf ein: wenn wir jetzt nur den berühmten Grafen Feliciano hier
hätten, von dem so viele Wunderdinge erzählt werden, so könnte er mit
einer einzigen Geisterbeschwörung die Sache aufhellen und in Ordnung
bringen.
Gewiß, sagte der Obrist, wenn er sich zu uns herablassen wollte, denn
Bücher, Zeitungen und Briefe seiner Freunde erzählen ja Dinge von ihm,
die noch viel wundervoller sind, als dies kleine Mirakel, das er auf
unser inständiges Bitten vielleicht verrichten möchte.
Der Rath schwieg, indem er wieder eifrig suchte. Was sind das für
Figuren da? fragte der Sohn, indem er nach einem Blatte langte.
Du bist zwar kein Eingeweihter, erwiederte der Vater, indessen ist das
Papier auch nicht von denen, durch welche ich eine Indiscretion begehe,
wenn Du es betrachtest. Vor vielen Jahren hat ein Freund, ich weiß nicht
aus welchem astrologisch-magischen Zauber-Manuscript, mir diesen Unsinn
als denkwürdig abgeschrieben.
Bin ich auch kein Geweihter, erwiederte der Sohn, so habe ich doch, wie
Sie wissen, so Manches über diese Verbrüderung gelesen, so manche
kabbalistischen Manuscripte durchblättert, daß mir gerade der Unsinn
mancher Leute nicht ganz fremd ist, wenn er mir auch immer
unverständlich bleibt.
Die Figur war eigentlich eine vieleckige, in Gestalt eines Sternes. Die
meisten Linien waren Zeilen, theils Sprüche der Bibel, theils Gebete,
manche auch wundersame Namen, die, wie man sah, Geister bezeichnen
sollten, nach allen Richtungen begegnete sich das Wort Abracadabra, bald
in einzelnen Sylben und Buchstaben, bald vor-, bald rückwärts
geschrieben, bald von Sternzeichen, Hieroglyphen und andern seltsamen
Figuren unterbrochen. In der Mitte las man Adonai, gegenüber Jehovah,
mit lateinischen und auch mit hebräischen Lettern geschrieben. Auf der
Rückseite war bemerkt, daß dieses heilige Amulet von vielfältigem
Gebrauche sei, im Kriege wie gegen Krankheit, vor Einwirkung der bösen
Geister schütze, und Demjenigen, der die Kunst inne habe, Geister
herbeizurufen, unentbehrlich sei.
Der Rath und der Obrist lachten, als der junge, stets heitre Anton das
aberwitzige Blatt mit so ernsthafter, tiefsinniger Miene betrachtete.
Ich will ein andermal auch über diesen Unsinn spotten, unterbrach sie
Anton, aber gestehen Sie mir nur ein, daß das Ding auch eine ernsthafte
Seite habe, die man wohl in Betrachtung ziehen dürfe. Nicht wahr,
derselbe Menschengeist, der fähig ist, Philosophie und Kunst zu
umfassen, der die Bahn der Sterne berechnet und die Unermeßlichkeit des
Himmels mißt, der in Liebe und Andacht sich dem Ewigen nähert, --
derselbe hat auch dieses Blatt so umrissen, bekritzelt und durchfurcht
mit einer thörichten Lüge, die doch irgendwo im Anfang mit der Wahrheit
zusammen hängt, in dieser nur wurzelt, und aus dem Guten als
stachlichtes Unkraut empor gewachsen ist.
Das mag seyn, nahm der Obrist das Wort, denn alles Schlechte und
Nichtige keimt wohl aus dem Guten; nur möchte es schwer zu entdecken
seyn, wo und wie es Lüge und Thorheit wird.
Der Rath war ebenfalls plötzlich ernsthaft geworden, und fügte hinzu:
das ist eben die große Frage, ob das Böse ein zeitliches, oder ewig sei.
Ein Nichts ist es, und wird, vom Menschengeist erweckt, ein Ungeheures,
nimmt von diesem Kraft und Thätigkeit, und wandelt als Schicksal und
Unglück umher, das Länder verwüstet und Tausende opfert. Wahrlich, hier
möchte das Auge das Herbeirufen von Geistern aus dem Abgrunde, das
Beleben eines Todtenreiches wahrnehmen können, viel größer und
wundersamer als Alles, was man von alten oder neuen Thaumaturgen
erzählt.
Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, antwortete Anton, daß durch die
Leidenschaften der Menschen, die sich in das Unwahre oder dem Nichts
ergeben, die Weltgeschichte großentheils durch Gespenster regiert und
fortgetrieben wird, die, wenn sie nicht im wilden Kampf der Verwirrung
aufgeweckt werden, unsichtbar bleiben, oder höchstens nur Erscheinungen
sind, über welche der Spekulant oder Witzige gutmüthig lächeln möchte.
Wenn mir dies auch wahr scheint, so ist es mit diesem Blatte hier denn
doch etwas anders.
Eigentlich nicht, sagte der Vater: denn dasselbe, was hier nur Spiel
ist, hat auch schon zum Feldgeschrei und Panier der Schlachten gedient.
Es wäre zu wünschen, daß der böse Geist mit allen seinen Wirkungen sich
immerdar in solchen Galimathias hinein zaubern ließe. Aber er wird auch
von dergleichen Kinderei irgend einmal wieder erweckt, und so fluthet
und ebbet die Masse der Erscheinungen hin und her, und das eigentliche
Fortschreiten, das wahre Besserwerden der Welt ist nur aus einer weiten
Ferne wahrzunehmen.
Ich werde mir dieses künstlich verzauberte Blatt in geweihter Stunde an
meinen Hals hängen, sagte Anton, so durch alle Gemächer des Hauses um
Mitternacht schreiten, und so hoffe ich jenes Dokument zu entdecken, das
uns Allen so wichtig seyn muß.
Nein, sagte der Obrist, gieb es mir, lieber Enkel: von alten Zeiten bin
ich noch mit den Leuten in Verbindung, die jetzt in der Residenz des
Nachbar-Landes wieder anfangen, sich auszubreiten. Ich meine jene, die
sich für die rechtgläubigen Brüder halten, und die vernünftigen
verlästern und verfolgen. Immer erhalte ich noch Briefe und Anmahnungen,
mich ihnen wieder anzuschließen. Diesen kann ich vielleicht mit dieser
sinnverwirrten Schrift ein angenehmes Geschenk machen.
Nehmen Sie es, sagte der Rath, so ist in meinem Hause eine Thorheit
weniger. Man erzählt, daß sich diese abergläubischen Menschen aus leicht
zu errathenden Absichten an den Erbprinzen dort drängen, um sich ihm
angenehm und unentbehrlich zu machen. Wer weiß, was uns die Zukunft noch
für Erscheinungen zeigt, welcher Aberglaube sich von Neuem entwickelt,
so sicher wir jetzt zu seyn glauben, und, wenn ich meiner Aengstlichkeit
folgte, so möchte ich darum das Papier nicht aus meiner Hand geben. Es
kann auch Schaden stiften, so kindisch es ist.
Lassen Sie, lieber Sohn, sagte der Alte, beunruhigen Sie Ihren Geist
nicht, wenn dergleichen auch geschehn könnte, so ist es doch nur wie ein
Steinwurf ins Wasser. Der Kreis wird immer größer, aber verliert sich,
wenn er sich am weitesten ausgebreitet hat. So lange noch solche Geister
in Deutschland regieren, wie hier uns nahe Friedrich der Zweite, und
dort Joseph der Zweite, so lange noch ein Mann wie Lessing schreibt und
wirkt, haben wir Nichts zu fürchten. Und warum sollen denn unsre
Nachkommen eben wieder ausarten?
Er schlug lächelnd das Papier zusammen, und freute sich schon im Voraus,
welche Erquickung Viele in jener Brüderschaft aus ihm ziehen würden, die
sich für Rosenkreuzer und Adepten hielten, und so ernsthaft nach dem
Stein der Weisen forschten, wenn, wie der Obrist zu verstehen gab, auch
wohl Einige unter ihnen seyn mochten, die das Spiel nur mitmachten, um
andere, irdischere Zwecke durchzusetzen.
Friedrich der Zweite, fing der Rath wieder an, ist alt, vielleicht auf
der Neige, und es ist möglich, daß er bald abgerufen wird. Wissen wir
denn auch, wie jene Gesellschaften, über die wir jetzt nur lächeln,
verbreitet sind, wie sie in Zukunft ihre Netze weit hinausspinnen mögen?
Daß andre Brüderschaften gegen sie kämpfen, mag an der Zeit und
nothwendig seyn. Wie glücklich, daß ich alle diese Dinge, die mich
früherhin interessirten, und mein Leben in Bewegung setzten, hinter mir
habe, und auf alle diese Strömungen mit klarem gleichgültigen Auge hinab
sehn kann.
Der Bediente gab einen Brief ab, der eben von der Post gekommen war. Das
Siegel war wunderlich, und als der Geheimerath den Brief durchgesehn
hatte, sagte er: nun wahrlich, sonderbar genug! Nicht gerade der
berühmte Wunderthäter Graf Feliciano wird zu uns kommen, aber doch ein
andrer seltsamer Mann, von dem auch schon oft die Rede gewesen ist:
jener Sangerheim, der sich ebenfalls berühmt, große Geheimnisse zu
besitzen, der auch Geister erscheinen läßt, Todte und Abwesende befragt,
und einen neuen Orden gründet.
Anton freute sich, da er vernahm, daß dieser Wundermann ihr Haus zuerst
besuchen würde, aber der alte Obrist Dorneck wünschte, daß man sich mit
dem Abentheurer nicht einlassen möge. Sie wissen, lieber Sohn, beschloß
er, wie ängstlich Ihre Frau und Ihre Tochter bei solchen Gelegenheiten
sind, und es ist wahr, man kann niemals wissen, welches Unheil uns mit
solchen wirren Geistern über die Schwelle schreitet. Sie haben ihre
Bestimmung darin gesetzt, die Menschen zu täuschen, und es ist nicht zu
berechnen, auf welche Art sie hintergehn, welche Schwächen, die wir
selbst nicht kennen, sie benutzen und erwecken, und wie weit wir in
ihren Wandel verflochten werden.
Seien Sie ganz ruhig, lieber Vater, sagte der Rath heiter; dieser Brief
macht es mir unmöglich, den wunderlichen Mann ganz abzuweisen, um so
weniger, da ich so vielen Andern mein Haus schon eröffnet habe; diese
Bekannten, die ich achten und schonen muß, und die mir diesen Mann so
dringend empfehlen, würden mein Betragen unbegreiflich und sich
beleidigt finden.
Und, gestehn Sie nur, lieber Vater, rief Anton im frohen Muthe aus, daß
Sie eben so neugierig sind, wie ich. Nein, er komme nur, der große
Wundermann, er prophezeie uns, er zeige uns Geister, er grabe Schätze,
was und so viel er will, wir wollen Alles dankbar von ihm annehmen. Ist
doch außerdem schon lange nichts Neues vorgefallen, ist doch im ganzen
Europa Friede. Wollen sich die Lebendigen nicht rühren, so müssen die
Todten in Bewegung gesetzt werden.
Als die Mutter und Tochter bei Tische diese Neuigkeit erfuhren, nahmen
diese die Sache weniger heiter und leicht auf, als die Männer. In ihrem
stillen Rath war vorzüglich Clara verdrüßlich und verstimmt. Wohin,
sagte sie fast weinend zur Mutter, soll es nur führen, daß wir unser
Leben so gar nicht für uns selbst einrichten und ableben sollen? Der
Vater hat nun, wie er sagt, alle diese Verbindungen aufgegeben, und ist
doch seitdem neugieriger und gespannter auf Alles, was in dieser Art
vorgeht, als ehemals, -- und mein Verlobter, dieser gute Schmaling, die
Leichtgläubigkeit selbst. Ist es wohl recht, den Wunderglauben dieses
Jünglings immer von Neuem aufzuregen? Wissen wir denn, wie weit diese
Sucht gehn kann, oder vermögen wir es, ihr Schranken zu setzen? Wenn ich
nachher unglücklich bin, Schmaling verwirrt, und leidenschaftlich
aufgeregt, mit den geheimnißvollen Menschen verflochten: wird mir denn
ein Trost meines Vaters, oder ein Spaß meines leichtsinnigen Bruders
ersetzen können, was ich verloren habe?
Der Obrist trat zu ihrer kummervollen Berathung und sagte, nachdem er
die Klagen gehört hatte: Uebertreibt nicht die Sache, Kinder, hier meine
verständige Tochter, Deine Mutter, kennt ja Deinen Vater, liebe Clara.
Und Schmaling wird Vernunft und guten Rath annehmen, er ist kein Kind.
Glaube mir, meine liebe Tochter, es ist nicht gut, wenn man immerdar dem
Menschen alle Steine, an die er sich stoßen könnte, aus dem Wege zu
räumen sucht. Jede Leidenschaft in uns, die es wirklich ist, muß
wachsen, reifen, und sich selber erkennen lernen. Der Mensch muß sie
dann aus eigner Kraft, nicht bloß durch fremde Hülfe zu überwinden
vermögen. Dann wird das, was wohl als Thorheit erscheinen mochte, oft
Kraft und Charakter, und der Mann gewinnt in dieser Schule gerade seinen
edelsten Besitz. Wird er aber in der Jugend gehindert, ganz sich in
seinen Gelüsten kennen zu lernen, erfährt er gar nicht, wohin sie ihn
führen können, so bleibt er Zeitlebens ein Näscher, der immer wieder von
Neuem der Verführung ausgesetzt ist.
So muß, sagte die Mutter, dies die Geschichte meines Mannes seyn. Denn
glauben Sie mir nur, Vater, stelle er sich, wie er will, hätte er nicht
die vielen Geschäfte, die ihm sein Amt auferlegt, und die ihm oft die
Nächte rauben, so würde er mit Heftigkeit Alles, was sich ihm aus dieser
sonderbaren Gegend des Geheimnisses anbietet, ergreifen. Er meint,
diesen Wunderglauben, die Geheimnißkrämerei, ganz überwunden zu haben,
aber ich habe ihn seit so vielen Jahren beobachtet, und kenne ihn
besser, als er sich selbst: Alles reizt, Alles beschäftigt ihn. Er
spräche vielleicht nicht so oft, und mit solcher Bestimmtheit über diese
Gegenstände, wenn er seiner selbst ganz sicher wäre. Sie haben sich oft
verwundert, warum ich mit Ihnen und andern Freunden nicht in den Wunsch
einstimme, daß er seine Stelle niederlegen und auf dem Gute leben
möchte: ich kann es nicht, aus Furcht, er könne sich in andre Geschäfte
und Arbeiten dann leidenschaftlich verwickeln, die weder so nützlich
seyn dürften, noch seinem Geist die Kraft und den Adel zuführen würden,
mit denen wir ihn jetzt so freudig seinen Beruf erfüllen sehn.
Am folgenden Tage schon erschien Sangerheim, der sonderbare Freund, als
Gast im Hause des Geheimenrathes. Er war ein schöner, großer und
schlanker Mann, der eben nicht viel älter als dreißig Jahr seyn konnte:
sein Auge war feurig, der Ton seiner Stimme wohllautend, und der Accent
des Ausländers, eine Fremdheit in seinen Manieren stand ihm gut. Sein
Wesen und seine heitre Gesprächigkeit gewannen ihm auch bald das
Wohlwollen, selbst das Vertrauen des Rathes, indessen ihn der alte
Obrist schärfer und mißtrauisch beobachtete. Am meisten aber war ihm
Clara aufsässig, denn der junge Rath Schmaling war völlig in Rede und
Gespräch des merkwürdigen Fremden verloren. Ein Gelehrter, Ferner, nahm
Antheil an der Gesellschaft, so wie der Arzt des Hauses, Huber, und
Jeder beobachtete von seinem Standpunkt aus den Reisenden, der sich
Jedem mit ungezwungener Offenheit mittheilte. Darum war auch Anton
heiter und gesprächig und die Mutter ließ bald ihren Widerwillen fahren,
mit dem sie zuerst sich am Tische an der Seite des verdächtigen Mannes
niedergelassen hatte.
Als die Mahlzeit geendigt war, begaben sich die Männer in ein andres
Zimmer, und die Frauen verließen die Gesellschaft. Nach einigen
unbedeutenden Reden kam man auf den Gegenstand, der Alle interessirte,
da Jeder wünschte, daß der Fremde von sich und seinem Treiben etwas
Bestimmteres aussagen möge. Schmaling machte sich vorzüglich an den
vorgeblichen Wunderthäter und nahm jedes Wort, was dieser sprach,
begierig auf; doch der Obrist, der mit Clara Mitleid hatte, und ihre
Aengstlichkeit gewissermaßen theilte, suchte diese Gespräche zu stören.
Ob es denn niemals, fing er an, um die Unterredung zu lenken, irgend mit
Sicherheit wird ausgemacht werden, wie alt diese weltbekannte
Gesellschaft der Freimaurer eigentlich sei.
Vielleicht, antwortete der Rath, ist der ganze Streit mehr um Worte und
Buchstaben, als um die Sache geführt worden. Mögen wir annehmen, daß
dieses geheim öffentliche Institut, wie es in unsern Tagen besteht,
schon uralt sei, daß es in frühern Jahrhunderten, unter ganz andern
Bedingungen, als andre Bedürfnisse waren und man die jetzigen nicht
kannte, habe daseyn können: behaupten wir dies alles, und geben nur zu,
wie wir es müssen, daß diese Vereinigung, im Fall sie alt ist, sich
völlig verwandelt und nach den verschiedenen Zeiten auch verschiedene
Zwecke beabsichtigt habe, so ist mit dieser Einräumung auch der Streit,
wenn nicht völlig geschlichtet, doch beseitigt.
Um so mehr, sagte Ferner, der Gelehrte, da wir es selbst erlebt haben,
wie in kurzen Zeiträumen sich viele Zwecke der Brüder verändern, sie mit
einander streiten, jede Sekte die richtige und älteste Constitution zu
haben vorgiebt, eine Verfassung die andre verdammt, und immerdar neue
Einrichtungen die vorigen ablösen.
Freilich, sagte der Rath, und so ist es nur Geheimnißkrämerei und Sucht
zum Wunderbaren, die Entstehung der Gesellschaft hoch hinauf zu setzen,
sie in andern Verbindungen wieder erkennen zu wollen, und anzunehmen,
daß Tradition aus den ältesten Zeiten uns in dieser Einrichtung, die oft
sich so geheimnißvoll stellt, mit dunkeln Geschichten und Sagen in
unmittelbare Verknüpfung setzen könne.
Und doch, sagte Schmaling, handelt es sich hierum einzig und allein,
oder die ganze Sache verliert ihr Interesse.
Das Wunderbare, fuhr der Geheimerath fort, aber das Interesse wohl
nicht. Oder wir können es auch so ausdrücken: daß unsre Bildung eben
dahin sich ausarbeiten soll, um zu erfahren, was wir mit Recht wunderbar
nennen. Es fragt sich, ob dann nicht ein ganz umgekehrtes Verhältniß
erscheinen wird, daß alles jenes Wunder, welches unsre unerfahrne Jugend
reizte, uns gleichgültig oder lächerlich wird, und wir das ächte Wunder
da wahrnehmen, wo das blöde Auge gar Nichts, oder das Gleichgültige
erschaut.
Sehr wahr, fuhr der Gelehrte fort, die Natur, das Erkennen derselben,
Kunst und Wissenschaft, das einfache, edle Leben unschuldiger Menschen,
die Gegenwart unverdorbner Kinder, der Liebreiz des Frühlings, das
Verständniß der Poesie und die Fähigkeit, ihn, den Ewigen allenthalben
wahrzunehmen, hier findet der ächte Schüler das Wunder und dessen
Verständniß. Verwandelt der Schwärmer dagegen Wissenschaft, Natur, ja
seinen Glauben an den Höchsten in ein Gespenst, sieht er mit seltsamen
Grauen in die Natur und den Geist des Menschen hinein, kitzelt er sich
mit dem Gefühl, durch Zahlen, Zeichen, willkührliche Worte und Geberden
Annäherung zu fremdartigen Geistern, ja Herrschaft über sie zu erlangen,
so ist er schon für das Verständniß der Dinge und jene Freiheit des
Geistes verloren, die den gesunden klaren Menschen so liebenswerth und
so ehrwürdig macht.
Gut gesagt, erwiederte Schmaling; aber er wird auch hier an Worten und
Zeichen sich zerstoßen, sein Geist wird dürsten und verschmachten, und
wenn er recht in das Innre dieser scheinbaren Erkenntnisse eindringen
will, so wird er sich verirren, und wenn er erwacht, sich in einer
tauben, leeren Wüste wieder finden. Ist denn nicht eben jene
Glaubensfähigkeit, die sie Wunderglauben oder Wundersucht taufen und
schelten, die innerste Federkraft unsrer Seele? In ihr schlummert der
Funke, der zu Licht und Flamme sich ausbreitet und erhellt. --
Mag es seyn, erwiederte der Rath, daß wir ohne diese Fähigkeit des
Glaubens, ohne dies Gefühl der Liebe und eines unbedingten Vertrauens
weder glücklich seyn könnten, noch die Stufe der Menschheit erreichen,
zu der wir bestimmt sind. Diese einfache Liebe und Hingebung aber, die
zur Glaubenskraft erstarken soll, ist völlig von jenem Vorwitz
unterschieden, der ergründen, fassen und beherrschen will, was dem
Menschen versagt ist, und der sich, weil er Nichts erobern kann, nun in
das Gebiet der Nichtigkeit stürzt, sich mit dem Schein und der Lüge
verbindet, und so den Geist des Menschen, seine Seele bis an die
Selbstvernichtung führt. Denn so kann man doch wohl das nennen, wenn der
Mensch für die nächste und unentbehrlichste Wahrheit Träume und
Hirngespinnste eintauscht.