sechsunddreißig Stunden später würde abgeliefert haben. Aber zugleich
muß ich Euch melden, daß Ihr mich in Dresden nicht mehr treffen werdet,
denn sowie ich diesen Brief geendigt habe, springe ich mit gleichen
Beinen in eine schon bestellte Kalesche, und fahre nach Guben, um meinen
umirrenden Ritterzug zu endigen. Glaubt Ihr denn, Ihr von mir
leidenschaftlich Geliebteste, daß Ihr niemals langweilig seid? ^Anzi,
pur troppo^, wie wir Italianisirten zu sagen pflegen. Sapperment noch
einmal! Ihr vergeßt es ja immerdar, daß ich, wenn ich mich recht
besinne, ein zärtlicher Gatte bin. Soll ich meine Liebe denn ganz
vernachlässigen und so in der öden, weiten Welt herumrasen? Wer freilich
so ledern ist, wie Ihr Beide, so ganz ohne Liebessehnsucht, wessen Herz
niemals im Enthusiasmus überschwillt, kurz, wer so nur der Gegenwart und
dem flüchtigen Augenblick lebt, wie Ihr, Nächte am Spieltische
vergeudet, jungen hübschen Mädchen in allen Ruinen nachläuft, oder wie
ein Deserteur auf dem hölzernen Esel stundenlang in der russischen
Drehmaschine unverwandt und stieren Blicks die dürren Bretter einer
hölzernen Bude anschauen kann, -- solche Leute sind für Schwärmer, wie
ich einer bin, eine zu trockne Gesellschaft. Mein pochendes Herz treibt
mich zu meiner Gattin, die gewiß bei jedem Kloß, den sie einrührt,
dieses meines Herzens gedenkt. Und dann, -- hat das Vaterland, -- meine
Vaterstadt -- keine Rechte, keine Forderungen an mich? Man verliert in
dieser Kosmopoliterei allen Sinn für das Einheimische, selbst Heimische
und Heimelnde; und wenn Ihr auch heimlich gegen mich wart, und Jeder von
Euch seine Heimlichkeiten vor dem Andern hat, so ist mein heimelndes
Heimathgefühl, mein Heimweh, viel edlerer Natur. Wenn ich so bei den
Sägemühlen die frischgeschnittenen Kienbretter roch, -- ha, alle Reize
meines Guben standen vor mir. Wenn ich den Streusand über ein
beschriebenes Blatt spritzte, so war mir Das, was der Kuhreigen dem
biedern Schweizer ist. Kleinstädtisch, voll armseliger Rücksichten wurde
ich auch in Eurer Gesellschaft; wenn ich mich einmal aufschwingen wollte
auf den Adlersfittigen meiner Begeisterung, -- was habe ich von den
kleinartigen, niemals nach vollen Zügen durstigen Seelen aushalten
müssen! Von der Hippokrene, oder dem musenberauschenden Quell des
Parnassus soll der Mensch gar nicht, oder recht tief, voll, in den
mächtigsten Wogen trinken; so sprechen die weisen Alten. Man sei völlig
nüchtern, -- oder -- nun ja, was? Ihr würdet als Plebejer vielleicht von
knüppel- oder hageldick, oder was die guten Deutschen sonst noch
kümmeltürkenartig an den schändlichen Ausdruck »besoffen« anknüpfen,
sprechen: Sieben ist die böse, aber auch die heilige Zahl, und ein alter
Jäger hier sagt von einem so Begeisterten: er sei halb Sieben. -- Herr
Walther kann mir also das Geld, welches er mir noch schuldig ist, nach
meiner geliebten Vaterstadt senden. Vielleicht besucht mich derselbe
hohe Mann, sowie der Crucifix- und Nepomuksjäger, der zarte
katholisirende Ferdinand dort. Wenn derselbe einmal mit christlichem
Legendencostüm als ein Wegweiser ausgehauen und mit Grün und Gold
angemalt an die Landstraße gestellt würde, hätte er seine Harmodius- und
Aristogiton-Statue und Vergötterung verdient und erreicht. Seh ich Euch,
Freunde, in diesem sterbenden Leben oder in dieser lebenden
Sterblichkeit noch einmal wieder, so wird es mir immer, so viel ich auch
höher strebe, einige, wenn auch nicht die größte Freude gewähren.
Wachtel.
Dresden, den 9. August 1803.
Nachdem dieser Brief gelesen war, fragte Ferdinand, ob er jetzt in
seinem Manuscripte fortfahren solle; doch Walther, der noch mit dem
Briefe beschäftigt schien, war sehr zerstreut und verstimmt, sodaß er
kurz aufbrach, ein Licht nahm und seinem Gefährten eine gute Nacht
wünschte. Als Walther allein war, las er für sich das Postscript noch
einmal aufmerksam, welches so lautete: -- Indem ich hier im Engel alles
Dies abfertige, drängt sich ein junger Herr in mein Zimmer, derselbe
Herr von Bärwald, den wir in der Kirche zu Graupen zu bewundern
Gelegenheit hatten, und zwingt mir noch diesen versiegelten Zettel für
den Herrn Walther auf. Er meint, der Inhalt sei für Sie von der
allergrößten Wichtigkeit.
»In Dresden werde ich die Ehre haben, Sie zu sehn, und Sie werden auch
Denjenigen kennen lernen, welcher Ihnen einliegendes Blatt sendet.«
Das versiegelte Blatt enthielt folgende Worte: »Den Entführer, welchen
Sie suchen, können Sie nur den vierzehnten August bei, oder in Guben
treffen, wenn Sie ihn im Hause des Herrn Wachtel erfragen wollen, wo
alsdann die sichere Nachricht, wo sich dieser Herr von Linden aufhält,
Sie erreichen soll.«
Sonderbar! sagte Walther zu sich selbst, also dort soll ich den Elenden
nun antreffen, von wo gewissermaßen mein Umstreifen in diesen deutschen
Provinzen begann? Und -- kann ich es mir verleugnen? -- jetzt, nach
Monaten erscheint mir die Ahndung seiner That und die Bestrafung dieses
Mannes nicht mehr so nothwendig, wie damals, als ich mich zu diesem
Geschäfte drängte. Scheint es doch auch, daß mein Vetter in Warschau
sich längst getröstet hat; indessen habe ich mich einmal damit
eingelassen und mich dazu verpflichtet, sodaß die kühlere Ueberlegung zu
spät kommt. Und ist die schöne Maschinka am Ende mit diesem Entführer
glücklich, so möchte ich mich jetzt fragen, was diese Leiden und Freuden
mich eigentlich angehn, da die Verwandten des Mädchens, wenn doch einmal
etwas geschehn sollte, Jenen verfolgen und zur Rechenschaft ziehn
konnten. Sie haben nicht weniger Muße dazu, als ich. Nun wird also doch
zum Beschluß meiner Reise eintreffen, was nach meiner Meinung am Anfange
geschehn sollte.
Nachdem man am andern Morgen mit dem Gastwirth die Rechnung berichtigt
hatte, fuhr man, als die Hitze schon eingetreten war, nach Freiberg ab.
Dort verweilten die Freunde nur, um einige Merkwürdigkeiten in
Augenschein zu nehmen, und kamen, nachdem es schon Nacht geworden war,
in Tharand an.
Walther freute sich darauf, am folgenden Morgen die Schönheit dieser
Thäler, des Buchenwaldes und der Aussicht von der Ruine zu genießen, als
Ferdinand ihm plötzlich ankündigte, er würde noch in dieser schönen
kühlen Nacht zu Fuß nach Dresden gehn. Die Einwendungen Walther's wurden
nicht angehört, sondern, obgleich es dunkel war, Ferdinand wanderte
sogleich wohlgemuth weiter, nachdem er nur eben aus dem Wagen gestiegen
war. Walther glaubte bemerkt zu haben, daß ein Unbekannter ihm beim
Ankommen einen Brief überreicht habe, den Ferdinand in größter Hast,
beim ungewissen Schein eines flackernden Lichtes angesehn habe und durch
ihn in diese Unruhe gerathen sei.
Zum Argwohn aufgereizt, konnte es Walther nicht unterlassen, dem
Gefährten, nachdem dieser in der Dunkelheit manchen Schritt voraushatte,
eilig und ohne Geräusch nachzugehn. Als er das Städtchen verlassen
hatte, glaubte er in der stillen Einsamkeit Stimmen, ganz nahe vor sich,
zu vernehmen. Als er weiter schritt, mußte er vermuthen, daß es nur das
Rauschen des Gebirgstromes sei, welches ihn so getäuscht habe. An der
waldbewachsnen Bergwand hinwandelnd, glaubte er im Dunkeln eine weiße
weibliche Gestalt neben einer dunkeln männlichen zu unterscheiden; bald
überzeugte er sich auch von der Wahrheit, aber es waren Menschen, die
ihm entgegenkamen und wohl zur Mühle des Ortes zurückwandern mochten.
Noch mehr wie einmal glaubte er in der Entfernung Klagen, Zank oder
Gelächter zu vernehmen, und immer wieder mußte er sich überzeugen, daß
es das Geräusch des kleinen Stromes sei, das ihn in der stillen Nacht so
getäuscht habe. Beschämt ging er endlich zurück, verdrüßlich über sich
selbst, daß er sich, ohne etwas erfahren zu haben, zum Horchen und
Belauschen herabgewürdigt habe.
Am klaren frischen Morgen durchstreifte er die reizenden Gegenden bei
Tharand, die dem Naturfreunde immer neu und anmuthig bleiben, wenn er
auch aus der Schweiz oder Tyrol eben zurückkehrt. Diese Thäler, die so
einsam von der lärmenden Straße entfernt sind, vom köstlichen Waldstrom
durchrauscht, von schönen Hügeln und Buchen und Tannen bekränzt, sind so
lieblich, daß man hier gern die weiten Blicke über den schönen Elbfluß
vergißt. Von der Natur geläutert, Alles, was er in Guben wollte, oder
gestern Abend ihn bewegt hatte, vergessend, fuhr er dann bei schönem
Wetter nach Dresden und stieg bald nach der Tischzeit vor dem goldnen
Engel von seinem Wagen.
Als er sein Geschäft mit seinem Bankier berichtigt hatte, fiel es ihm
erst auf, daß er seinen Reisegefährten Ferdinand noch nicht war
ansichtig geworden. Er forschte im Gasthofe nach ihm, aber er hatte sich
hier nicht, wie die Freunde doch abgeredet hatten, gemeldet. Sonderbar!
sagte Walther zu sich selbst, ich bin ihm noch eine bedeutende Summe
schuldig, er hatte, so viel ich weiß, gar kein Geld bei sich, und so
entschwindet er nun plötzlich, ohne Abschied, ohne Nachweisung, ob und
wo wir uns treffen können.
Jetzt suchte ihn der junge Baron von Bärwald in seinem Zimmer auf. Was
mir das leid gethan hat, rief der junge Mensch, daß wir uns vor einigen
Wochen in Graupen und Teplitz verfehlt haben; ich hätte wahrscheinlich
die ganze Reise mit Ihnen machen können, und mein Freund, der mit mir
war, ebenfalls.
Doch wie, fragte Walther, sind Sie auf die sichre Spur jenes Linden
gekommen?
Eben jener junge Freund, der auch mit mir in Graupen und Teplitz war,
antwortete der Baron, hat mir umständlich die ganze Geschichte erzählt.
Er ist mit beiderseitigen Familien, sowohl der des Herrn von Linden, als
der schönen Maschinka, befreundet. Er steht mit jenen Bekannten in
Warschau in ununterbrochenem Briefwechsel, und von dort, ich weiß nicht,
wie, hat er erfahren, daß an jenem Tage, den ich Ihnen meldete, die
schöne Maschinka sowie der Herr von Linden in Guben seyn werden. Was sie
dort, oder wohin sie von dort wollen, ist mir freilich unbekannt.
Der bestimmte Tag war ganz nahe. Walther, um nicht mit dem jungen
ungestümen Baron zu reisen, der sich ihm schon angeboten hatte, schützte
Geschäfte vor, die er auf einigen Gütern abzumachen hatte, und begab
sich auf die Straße nach Guben. Die öde Gegend, durch welche er reisete,
vermehrte seinen Mißmuth.
Am zweiten Tage, als es schon spät am Abend war, erreichte er Guben. Im
Dunkeln fragte er sich nach Wachtel's Hause hin, aber dieser sowohl, als
seine Gattin war nicht zugegen, und man wußte, so sagte der Dienstbote,
nicht, wann sie zurückkommen würden. -- So wollte Walther nach dem
Innern der Stadt zurückkehren, verfehlte aber, weil er die
entgegengesetzte Richtung nahm, den Weg und gerieth in die freie
Landschaft. Es kam ihm nicht darauf an, sich nicht noch etwas zu ergehn
und abzukühlen. Er gerieth auf eine Wiese und glaubte hinter einigen
Gebüschen Klagelaute zu vernehmen. Er suchte sich mit Behutsamkeit, um
im Finstern nicht zu fallen, der Stelle zu nähern, und als er die Worte
unterscheiden konnte, hörte er deutlich folgendes Gespräch: So raffe
Dich nur auf. -- Was, raffen! das ist ein dummes Wort! Was kann man an
sich selber raffen? Hier liegt sich's gut, und ich will wenigstens bis
zur Regenzeit hier wohnen bleiben. -- Was für ein Kreuz mit solchem
Mann! Kannst Du denn wirklich gar nicht stehn? -- Als wenn das eine
nothwendige Sache wäre, wenn man so angenehm liegt, wie ich hier. --
Wenn nur ein Mensch zur Hülfe in der Nähe wäre! -- Ja, keiner, weil sie
Alle in meiner Position, wenn auch nicht derselben Situation, in ihren
Betten liegen.
Walther hatte gleich im Anfang Wachtel's Stimme erkannt, und halb
gerührt über die Wehklage der Frau, halb lachend über den so ganz
unverbesserlichen Reisegefährten, ging er näher, um seine Hülfe
anzubieten, damit der Trunkene so nach Hause geschafft werden könne.
Ach Gott! seufzte die Frau, immer muß so ein fremder Herr als ein Engel
vom Himmel mir zur Hülfe herbeikommen. -- Mit gemeinsamer Anstrengung
richteten sie den Taumelnden endlich auf, der in seinem Rausch den
Reisegefährten nicht wiedererkannte. Walther und die Frau faßten ihn
unter die Arme und richteten ihre künstliche Wanderung nach der Stadt,
die aber, so sehr sie den Zögernden auch schoben oder zogen, dennoch nur
sehr langsam vor sich gehen konnte. Ja, gnädigster Herr, klagte die
Gattin, er hat sich da, so wunderlich er nun ist, einen höllischen Trank
verschrieben und kommen lassen, den er die Menschenessenz nennt, und
behauptet, Abraham und Isaak hätten den Soff schon im Paradiese gehabt.
So rennt er nun heut so heraus, wie er es treibt, um die Nachtwelt
aufzusuchen und ihr vorzupredigen, und da denkt er, die dumme Nachtwelt
antwortet ihm, wenn es die Frösche sind, die im Sumpfe quaken.
Frösche, Sumpf, quaken! rief Wachtel im Zorn: schlechte Worte! Quaken,
was das ein Mißlaut ist! Und dann, wie einfältig, die ordinäre
Nachtwelt, zu welcher freilich Frösche, Eulen und Fledermäuse gehören,
mit meiner Nachtwelt, die ich heut aufgesucht und gefunden habe, zu
verwechseln! -- Er hielt an, stemmte sich mit aller Kraft an Walther und
bestrebte sich, ihm in das Gesicht zu sehn. -- Erlauben Sie mir,
unbekannter Herr Menschen-, aber nicht Wortführer, Ihnen eine
authentische Nachricht von jener Begebenheit zu geben, welche diese
Person, die eine Frau und zugleich meine Frau ist, ziemlich confuse
vorzutragen sich bemüht, als ob sie keine Frau, sondern ein Narr wäre.
-- Jetzt ging er wieder weiter, mit seiner ganzen Schwere auf Walther
gestützt, der schon, von der Anstrengung erhitzt, häufigen Schweiß
vergoß. -- Sie werden es oft empfunden haben, fuhr Wachtel, etwas
lallend fort, daß der denkende Mann mit seiner Gegenwart und der ganzen
Zeit unzufrieden ist. Alles, was wir denken, wissen, wollen, die
edelsten Bestrebungen unsers bessern Menschen, auch wenn wir nicht
soeben die echte Menschenessenz genossen haben, legen wir sauber hin auf
den großen Ladentisch dieser alten Krämermadam, der Zeit. Sie sitzt nun
immer da, mit der Brille auf der spitzen Nase und die blöde gewordenen
Augen aufreißend und zukneifend, und sucht aus und wählt, hebt auf und
registrirt, schreibt ein und streicht aus, und weiß vor vielem Thun und
Wissen nicht, was sie thut, und vergißt immer wieder, was sie sich
merkt. Die Kunden stehn vor dem Tisch übelgelaunt da und fordern und
fragen, und erhalten nichts oder nur schlechtes Zeug. Der will vom
feinsten Battist und kriegt alten, abgelegenen Cattun in die Hände, der
will eine schöne politische Blondengarnitur, und die dumme Alte schiebt
ihm ein verwittertes, längst aus der Mode gekommenes legitimes
Haubenmuster hin, mit erstickter Stickerei und ausgewaschenen Knötchen.
Treffliches Westenzeug möchte der recht blank und glänzend sich
aneignen, und alten Hosencamelot aus Osten steckt sie ihm zu. Die beste
reformirte Religionskräuselei und Krause fordert der, und sie will ihn
mit schlechtem steifgestärkten moralischen Pietismus abspeisen. Schreit
der nach der einfachen Kunst ohne Form und Gesetz, ein Bildwerk für des
Herzlichsten Herz, so fährt sie ihm mit einer alten Mosaik entgegen,
lauter zusammengesetzte schroffe Einzelheit; der will das Platonische,
sie giebt ihm das Platte oder höchstens Plattirte: Lucretius und
Lucretiensaft, Archangel und Erzengel, Peter Madsen und Matthison,
Shakspeare und Käsebier, Racine und Ratzen, Alles verwechselt die dumme
Creatur. Die Käufer laufen fort, die besten Arbeiter wollen ihr nichts
mehr liefern, denn sie verzettelt die schönsten und edelsten Zeuge, daß
sie unter den großen Ladentisch fallen, wo nachher sich Hunde und Katzen
ihre Nester drin bauen. Und die Nachwelt -- nun, die steht in der Ferne,
sperrt das Maul auf, und wünscht doch etwas aus unsrer Zeit zu
überkommen. Den Unfug hatte ich nun lange geduldig mitangesehn, und
hatte mich überzeugen müssen, daß die gute Nachwelt nur Schund und
Schofel, Spreu und Asche, Sägespäne (die auch vielleicht für Shakspeare
ausgeschrien werden) und Kohlenstaub in Magen, Herz und Gehirn kriegen
wird. So, gestärkt durch einen starken Zug aus dem Quell der
Begeisterung, machte ich mich heut an diesem heißen Tage, an welchem das
Thermometer hoch auf Zukunft steht, auf, um mit der Nachwelt selbst zu
sprechen und ihr im voraus die Lehren, Gedanken und Winke zu
überliefern, die ich für die besten unsrer Tage halte. Dort in der
Einsamkeit des Waldes fand ich sie denn auch, sie hatte sich's bei der
großen Hitze bequem gemacht, und war fast ohne Hülle, sie war so
aufgelöst und auseinander gequollen, daß sie in der That in unsre
Gegenwart, die sich auch hatte gehn lassen, hineinreichte. Sie nahm
alles von mir gütig auf und sagte freundlich zu Allem Ja; sodaß unsrer
Enkel Enkel durch meine redliche Bemühung doch etwas von den guten
Fabrikationen unsrer Zeit ungefälscht erhalten haben. Und dies, mein
geehrter Herr Lieutenant, der Sie im Gehn gewissermaßen meine Stelle
vertreten und mein Treten wieder übergehn müssen, ist Das, was der
vorige einfältige Berichterstatter als Nachtwelt, als Sumpf, als Frosch
und Quaken charakterisiren wollte. Sie aber, erleuchteter Mann, sehn
jetzt genau ein, wie Alles zusammenhängt. -- Sollten wir nicht aber
schon in der Stadt und vor meinem derzeitigen Hause seyn?
Und so war es in der That. Der Trunkene dankte für die Ehre der
Begleitung, die ihm ein fremder Mann in so später Nacht erwiesen hatte,
und ging mit der Frau in seine Thür, wo ihn ein Diener und die Magd
schon erwarteten.
Am andern Morgen war Wachtel ganz ernüchtert, als Walther zu ihm
eintrat; er konnte ihm über Alles Rede und Antwort geben, was dieser nur
zu wissen begehrte. Es ist wirklich wahr, erzählte er, das junge, schöne
Frauenzimmer, welches schon einmal bei uns gewohnt hat, ist wieder hier
durchgekommen und hat wieder eine Nacht oben geschlafen; ein alter
Diener und eine Magd, welche mit ihr waren, nannten sie Maschinka. Sie
war wieder ebenso eilig, wie damals, sodaß ich sie fast gar nicht gesehn
habe, und ist dann über die Oder gegangen. Aber ein junger Mann hat sich
auch gemeldet und nach Ihnen gefragt, Sie möchten nur an Herrn von
Linden ein Billet schreiben, so würde dieser sich gewiß in den nächsten
Stunden stellen, im Fall Sie ihn nur an der Oder erwarten möchten.
Wachtel schrieb also einige Zeilen, welche binnen kurzem auch wirklich
abgeholt wurden. Der Herr von Bärwald stellte sich ebenfalls ein und bot
sich zum Sekundanten Walther's an, und Wachtel, der ängstlich um seinen
Reisegefährten war, ließ es sich nicht ausreden, diesen ebenfalls zu
begleiten.
Sie hatten sich einen Platz an der Oder zur Ruhestätte erwählt, nachdem
sie den Wagen verlassen hatten, von wo sie einen großen Theil des
Flusses übersehn konnten und gegenüber die sogenannte Kretschem vor sich
hatten. Als es etwas kühler wurde, sahen sie, wie die Fähre
herüberruderte. Sie bemerkten, daß eine elegante herrschaftliche Kutsche
darauf stand, und wie das Fahrzeug näher kam, unterschieden sie, wie
zwei Männer, Arm in Arm, da standen und nach dem Ufer hinüberschauten.
Der ältere und größere glänzte in einer reichen Uniform.
Man war nicht wenig verwundert, als Walther und Wachtel beim Anlanden
der Fähre in dem jüngeren Manne ihren Freund Ferdinand erkannten. Man
umarmte sich und Ferdinand sagte eilig: ich kann hier bei Ihnen nicht
verweilen, denn mich erwartet ein dringendes Geschäft, welches ich erst
abthun muß, dann wollen wir uns sprechen.
Mit mir ist es eben so beschaffen, erwiederte Walther; aber wir sehn uns
hoffentlich bald wieder und verbringen in der Stadt den Abend fröhlich
mit einander.
Der General, denn dies war der angesehene Fremde, mischte sich in das
Gespräch und der junge Herr von Bärwald, der nicht Zeit und Umstände
gern berücksichtigte, brach mit der Nachricht heraus, daß Walther auf
einen Herr von Linden wartete, um mit diesem ein Duell auszufechten.
Ferdinand trat mit Erstaunen von Walther zurück, und der General rief
aus: Wie? Sie sind jener Herr von Hellbusch, der meinen Neffen gefordert
hat?
So ist es, erwiederte Walther, dieses ist auch mein wahrer Name, ich
reisete unter einem erborgten, um, wie ich mir einbildete, besser
beobachten und, selbst weniger bemerkt, Nachrichten einziehn zu können.
Sonderbar! höchst sonderbar! rief jetzt Ferdinand aus: ich nahm drüben
und in Warschau den Namen Linden an, um mich nachher in Deutschland
leichter den Nachforschungen meiner Gegner und den Verwandten meiner
Frau entziehn zu können.
Frau? fragte Walther jetzt mit der größten Lebhaftigkeit. Allerdings,
sagte der General lächelnd, vor drei Tagen ist meine Nichte Maschinka
meinem guten Neffen Ferdinand drüben im Preußischen in meiner Gegenwart
und auf mein Wort und meine Bürgschaft, als seine rechtmäßige Gemahlin
angetraut worden. Und Sie, Herr von Hellbusch (indem er sich an Walther
wendete), können mit dem besten Gewissen Kampf und Krieg aufgeben, denn
Brüder und Verwandte sind durch meine Vermittlung mit dem neuen Gatten
ausgesöhnt, und Ihr Vetter, welcher Ansprüche auf Maschinka zu haben
glaubte, hat sich ebenfalls verheirathet.
Da Alles sich so gefügt hat, sagte Walther, so bin ich der glücklichste
aller Menschen; denn ich darf den Mann als Freund umarmen, den zu lieben
und hochzuschätzen mir schon längst auf meiner Reise zum Bedürfniß
geworden war.
Indem öffnete ein Jäger den Schlag der Kutsche und eine schöne Dame
stieg aus derselben, um Walther höflich zu begrüßen. Wachtel, der sie
mit Verwundrung angesehn hatte, rief aus: Ei, wie kann man denn so
reizend seyn! das heißt mit dem Schönsein kein Maß halten! Das versteht
meine Frau viel besser, die sich wohl hütet, die häßlichste auf der Welt
zu seyn. Aber eigen ist es zugegangen, daß zwei Menschen, die sich als
Todfeinde verfolgen, ein paar hundert Meilen in ein und demselben Wagen
so gelassen und schläfrig neben einander sitzen.
Jetzt nahm Ferdinand das Wort und erzählte, wie Maschinka seinetwegen
ihre Familie verlassen und in Angst nach Deutschland herübergekommen
sei. Sie fürchtete, zu einer Verbindung gezwungen zu werden, und da der
Oheim abwesend war, so wußte sie keinen andern Rath, als sich den
Ihrigen, welche sie tyrannisirten, zu entziehen. Ferdinand war
vorangegangen, um einen sichern Aufenthalt zu suchen. So kam sie über
die Oder, und von einem Briefe einer Freundin gelenkt, suchte sie sich,
wenn auch nur auf kurze Zeit, bei der Gattin Wachtel's zu verbergen, der
die Freundin sie empfohlen hatte, ohne von ihren Schicksalen etwas
Näheres zu melden. Hier erfuhr sie, daß man ihr nachstelle, daß ein
Vetter des Mannes, dem sie hatte vermählt werden sollen, von Warschau
ihr nachgereiset sei, und daß die Brüder dieses aufdringlichen
Bräutigams sie ebenfalls suchten. Sie war also, nachdem sie ihrem
Geliebten eine kurze Nachricht nach Madlitz gesendet hatte, schon wieder
entschwunden, als dieser nach Guben kam.
Ich habe die gnädige Erscheinung damals, wie jetzt, sagte Wachtel, nach
meinen besten Kräften beherbergt.
Meine Braut und jetzige Gattin, erzählte Ferdinand, wußte von meiner
Irrfahrt, sie war mir immer um einige Stationen voraus, und so trafen
wir uns, um Abrede zu nehmen, in dem alten Schlosse Glich, oberhalb
Bamberg, wo sie in der Maske eines Förstermädchens erschien. Hier hatte
ich Gelegenheit, das Nähere mit ihr zu besprechen, und wir nahmen die
Abrede, in Würzburg oder Heidelberg uns zu verbinden.
Sieh! sieh! rief Wachtel aus, drum! drum! Ei ja freilich, es ist auch
dasselbe hübsche Gesichtchen. -- Er sah hiebei Walther mit einem
bedeutenden Blicke an, und dieser lächelte halb verlegen.
In Würzburg aber, erzählte Ferdinand, kam ein junger Pole, der Begleiter
eines Herrn von Bärwald, meiner Geliebten auf die Spur. Er machte
Anstalt, sich ihrer zu bemächtigen, und sie, benachrichtigt davon, rief
mich auf zur Hülfe, da sie mich in jene Bude hatte eingehn sehn, wo wir
uns, kindisch genug, mit einer russischen Schaukel ergötzten. In der
Bude aber stand, ohne daß ich es wissen konnte, neben dem Herrn des
Kunststückes, eben dieser junge Pole, der meine Braut persönlich kannte,
und ihren Namen laut ausrief, als sie in die Bude hineinblickte. Alles
stürzte ihr nach, ich aber, als der Schnellste, fand Mittel, sie im
Getümmel des Jahrmarktes zu verbergen und vor den Nachstellungen zu
retten.
Ei! rief Wachtel aus, unser Freund Walther, welcher den Jungfrauenraub
zu bestrafen ausgereiset war, saß indessen mit eingelegter Lanze hoch
oben wie ein rächender Gott in der einsamen Bude.