Zuweilen erscheint mir das Leben grauenvoll, wenn es mir jene kalte,

gleichgültige Seite aufdeckt, die die Herzlosen für das wahre Antlitz,

und Jugend, Empfindung und Liebe nur für eine schöne Larve erklären. Als

wir in Würzburg waren, erinnerte ich mich einer Begebenheit, die mich

schon vor Jahren manche Thräne gekostet hat. Ein junger Edelmann lebte

hier, reich, gesund und schön, und mit dem schönsten Mädchen in der

Stadt versprochen. Die Vermählung war nahe, das Glück der Liebenden

beneidenswerth, als der Geliebte mit einem andern Offizier um eine

unbedeutende Kleinigkeit in Streit geräth und von dem rohen jungen Mann

so beschimpft und beleidigt wird, daß sich die Ehre des Gekränkten, nach

unsern Begriffen, nur durch ein Duell wiederherstellen läßt.

Sie treffen sich im Walde und der Liebende hat das Unglück, seinen

Gegner zu erstechen. Die Flucht ist unvermeidlich, und die Anverwandten

des Erschlagenen, angesehene Familien, treiben es dahin, daß er mit

gerichtlicher Strenge verfolgt wird und in sein Vaterland nicht

zurückkommen darf. Er wagt es selbst nicht, unter seinem wahren Namen im

Auslande zu leben, er kann nur selten und auf Umwegen schreiben und noch

seltener kann er von seiner Familie oder seiner Braut etwas erfahren. So

vergehn einige Jahre. Seine schlimmsten Feinde sterben indeß, die andern

lassen sich versöhnen, und mit vieler Mühe wird ihm die Gnade des

Fürstbischofs ausgewirkt, nachdem dieser überzeugt ist, daß er zu jenem

unseligen Duell ist gezwungen worden. Er wirft sich, von frischer Jugend

beseelt, in den Wagen, einige Meilen vor Würzburg besteigt er ein

rasches Pferd, um noch früher in den Armen seiner Braut zu liegen. Schon

sieht er die altbekannte Stadt und begrüßt jubelnd ihre Tempel und

Paläste; sein Weg führt vor dem Kirchhofe vorbei, ein großer Zug, Alt

und Jung, bewegt sich aus der Stadt dahin. Er fragt einen

Vorübergehenden, wer die Leiche sei, und erfährt, seine Braut wird

beerdigt. Der lange Gram, dann die Freude habe sie so geschwächt, daß

ihr ermüdeter Körper dem Anfall eines Fiebers keine Lebenskraft mehr

entgegenstellen konnte. Betäubt, entsetzt, lebensüberdrüssig kehrt er

um, ohne seine Familie wiederzusehn. Er verläßt die Landstraße, irrt in

Wäldern umher und begiebt sich endlich nach Erfurt, um hier im Orden der

schweigsamen Karthäuser das Ordenskleid zu nehmen. Nun arbeitet er im

Garten und an seinem Grabe, spricht mit Niemand und antwortet seinen

Brüdern wie den Fremden nur mit dem trübseligen: ^Memento mori!^ -- Wie

oft war ich in Erfurt in diesem einsam liegenden Kloster, sah die

wandernden Brüder an, oder in der Kirche bei ihrem stillen

Gottesdienste, und gedachte dieser Geschichte. Jetzt komme ich mit

meinen Reisegefährten wieder nach Erfurt. Die Klöster sind alle

aufgehoben und Mönche und Nonnen von ihren Gelübden befreit. Ich finde

den jungen Prinzen W. wieder, der hier als preußischer Major in Garnison

steht, und er bittet uns bei sich zu Tische. Er spricht mir von diesem

Mönch, den er kennt, und sagt uns, er würde unser Tischgenosse seyn. Als

wir uns versammelt haben, tritt ein ältlicher Mann in bürgerlicher

Kleidung herein, der stattlich aussieht, dessen Embonpoint aber schon an

das Komische grenzt. Sein Gesicht ist nicht unedel, aber ganz

gewöhnlich, selbst unbedeutend, und der Ausdruck seiner Physiognomie ist

mehr jovial, als ernst, oder tiefsinnig. Ich konnte mich bei diesem

Anblick einer gewissen Verstimmung nicht erwehren. Er erzählte viel und

mit großer Redseligkeit; es schien, als wollte er für sein vieljähriges

Schweigen sich nun endlich wieder an mannichfaltigen und selbst

überflüssigen Worten eine Güte thun. Von seiner melancholischen

Jugendgeschichte redete er nicht, das wäre auch zu unangenehm gewesen;

aber wohl setzte er auseinander, wie die Diät des Klosters, selbst die

strenge, bei dem Mangel an Bewegung, den Körper anschwelle. Das Reiten,

besonders das schnelle, wollte ihm noch nicht recht zusagen, aber

dennoch sprach er mit wahrem Entzücken von den Exercitien der

preußischen Cavallerie, die er zu Pferde angesehn und gewissermaßen

mitgemacht habe; der Soldat, so fügte er hinzu, sei wieder mit allen

Kräften in ihm aufgewacht, und wenn er nicht zu alt geworden sei, würde

er sich mit Enthusiasmus diesem Stande widmen. Jetzt sei er

entschlossen, die wenigen Jahre seines Lebens hier in Erfurt, mit seinen

militärischen Freunden, deren er manche habe, zu verbringen und von

seiner kleinen Pension zu leben. Seine Familie sei ausgestorben,

Verwandte habe oder kenne er nicht, und die etwanigen Erben seines

kleinen väterlichen Vermögens wolle er nicht in Verlegenheit setzen, daß

sie den Argwohn faßten, er könne auf irgend etwas Ansprüche machen. --

Es ist verdrüßlich, wenn die mächtigsten Leidenschaften und wahrhaft

tragische Begebenheiten nicht mehr Spur im Menschen zurücklassen. Und

doch erscheine ich mir wieder in diesen Gefühlen unbillig und lieblos,

weil ich nicht wissen kann, was der Arme gelitten hat, und mit welcher

Scheu und Vorsicht er wohl immerdar vor dem Grabe seiner Jugend

vorübergeht. Sollte er seinen Schmerz und seine Erfahrung einer

gewöhnlichen frohen Tischgesellschaft mittheilen und das Edelste seines

Lebens entweihen?

In Weimar war mir der Park, Göthe's Haus, alle Umgebung, wie heilig. Im

Garten, der allenthalben so lieblich und edel die dort dürftige Natur

verschönert und verdeckt, muß man bei jedem Schritte unsers Dichters

gedenken. Er war nicht zugegen, aber den Herzog trafen wir, als wir das

Schloß besichtigten. Der edle, geistreiche Fürst sprach lange mit uns

über verschiedenartige Gegenstände. Das Schloß ist von dem Baumeister

Genz, dem Bruder des politischen Schriftstellers, vortrefflich

eingerichtet; Alles hier ist mit Sinn angeordnet, und der große Saal,

für Feierlichkeiten bestimmt, erfreut besonders. Es war nicht leicht,

aus Dem, was der große Brand von dem Gebäude hatte stehn lassen, diese

zierliche und großartige Einrichtung herauszubringen. Von Friedrich

Tieck sieht man schöne Basreliefs und Figuren, zwar nur in Gips, aber so

gut ersonnen und ausgeführt, daß sie dem edeln Hause zum Schmuck

gereichen.

Von Weimar begleitete uns ein junger Dichter, Thorbeck, dessen sich

Göthe und Schiller freundlichst angenommen hatten. Er rezitirte uns im

Wagen einige seiner Gedichte, in welchen ich nur zu sehr die Manier

unsers Schiller wiederfand. Die Verse schienen mir für einen Anfänger

fast zu gut.

In Jena führte uns Wachtel zur Fromann'schen Familie, die ich früher

schon gekannt hatte. Den geistreichen Naturforscher Ritter fand ich

hier, so wie Clemens Brentano. Von Beiden, die ohne Zweifel große

Talente entwickeln können, muß man wünschen, daß sie sich nicht von

einer falschen Genialität blenden lassen. Eine bewußtvolle Originalität

ist keine; auch kann man dem jungen Dichter wohl allenthalben in seinen

Versuchen, wo er recht neu und seltsam zu seyn glaubt, die Stellen

nachweisen, die er nur nachgeahmt hat. --

Wann werde ich Sie wiedersehn? Unter welchen Umständen? Wo?

* * * * *

Von Altenburg begaben sich die Freunde nach Chemnitz. Walther schien

völlig verstimmt, und als sie im Gasthofe abgestiegen waren, verschloß

er sich in seinem Zimmer und ließ sich mit einer Unpäßlichkeit

entschuldigen, die ihn verhindere, zum Abendessen zu kommen. Wachtel,

der wohlgemuth war, ließ ihn gewähren und sagte nur zu Ferdinand: unser

Moralist fängt an, etwas langweilig zu werden, und weil es ihm nicht so

recht gelingen will, so wirft er sich in das verdrüßliche Fach; denn

glaube mir, Freund, wer was Rechtes in der Langeweile leisten will, der

muß schon früh, in der Jugend dazu thun, die Erziehung kann eigentlich

nur den besten Grund dazu legen, und wenn das Genie freilich angeboren

ist, so thun doch Ausbildung, Kunst, Uebung und tüchtige Vorbilder auch

das Ihrige. Auf dem halben Wege stehen bleiben, wie es unserm lieben

Walther begegnen kann, ist das Kläglichste. Ich habe Männer in dem Fache

gekannt, die eigentlich von der Natur die herrlichste Anlage hatten,

unausstehlich langweilig zu seyn; aber sie hatten das Unglück gehabt,

eine Zeitlang unter die Geistreichen zu gerathen, und der Zunftgeist

dieser Menschen hatte sich ihnen einigermaßen mitgetheilt, um sie zu

ruiniren. Sie hatten die Gabe, Anekdoten ohne Salz und ohne Spitze

breit, mit Parenthesen, sich wiederholend und sich widersprechend mit

der größten Verwirrung vorzutragen, und zwar solche Geschichten, die

jedes Kind schon weiß; aber demungeachtet waren ihnen, wie Fliegen in

alten Spinnweben, einige gute Einfälle und Gedanken hängen geblieben,

die demnach, wenn auch schlecht vorgetragen, das Kunstwerk ihres

miserablen Vortrages hinderten, ein Vollendetes zu werden. Der rechte

Virtuose müßte es dahin bringen können, einen heftigen, ungeduldigen und

dabei verständigen Menschen geradezu umzubringen. Kann das durch Schreck

geschehn, sind Menschen am Lachen oder an der Freude verschieden, so

wäre es wohl der Mühe werth, einmal einen Künstler heranzubilden, den

ein eifersüchtiger Fürst oder Minister nur auf diesen und jenen

Verdächtigen oder Verhaßten loszulassen brauchte, um dem guten Kopf,

welcher sich dem Wohl des Vaterlandes nicht fügen will, den Garaus zu

machen. Was unsre löblichen Kanzelredner leisten, was Theater- oder

religiöse und moralische Dichter thun, die Familiengemälde, viele

Romanciers, das ist alles nur Bagatell. Bis zum Uebelwerden, selbst

Erbrechen können es Gutmeinende bringen; was ist das aber gegen die

Wirkung der Leidenschaften, der Elemente oder des Krieges? Wie oft hat

man Gefangene, denen man übel wollte, molestirt und torquirt,

Grausamkeiten mit spitzfindigem Grübeln ersonnen, -- bildeten Staaten

und Schulen aber mehr jene wahrhaften Langweiligen aus, von denen das

Ideal meiner regen Phantasie vorschwebt, so könnte das Unerhörte

geleistet werden.

Hüte Dich nur, sagte Ferdinand lächelnd, nicht selbst ein Pfuscher in

diesem Handwerke zu werden. Es steht keinem an der Stirne geschrieben,

wie er einst im Alter endigen werde.

Am folgenden Morgen trat Walther mit einer gewissen Feierlichkeit bei

den Freunden zum Frühstück ein. Ich habe eine schlechte Nacht gehabt,

begann er dann, weil ich mich schäme, Euch etwas vorzutragen, das ich

Euch doch mittheilen muß. Wir sind hier in einer kleinen Stadt, die

nicht ohne Anmuth ist, aber wir würden doch nicht eben Ursach haben,

lange hier zu verweilen, da wir so mancher viel merkwürdigern nur einige

Stunden geschenkt haben, -- und doch begreife ich noch nicht, wie wir

sobald von hier wegkommen wollen.

Wie käme denn das? rief Wachtel aus. Welcher Zauber sollte uns denn hier

bannen können?

Der die ganze Welt bannt und fesselt, antwortete Walther. Ich habe die

Reisekasse geführt und mich mit Euch berechnet, in Meiningen gabt Ihr

mir, was Ihr noch bei Euch trugt, und es war mehr als reichlich, um nach

Dresden, Berlin, Hamburg oder wohin wir noch streben mochten, zu

gelangen. In Liebenstein spielte ich und gewann für einen Unglücklichen,

der ohne meine Dazwischenkunft verloren war --

Sie haben sich herrlich gegen ihn benommen, rief Wachtel aus, und ich

hörte auch noch die vortrefflichen Ermahnungen, die Sie dem Spieler

gaben.

Ich hätte sie selber nur zu gut brauchen können, antwortete Walther.

Seit vielen Jahren hatte ich nicht gespielt, nun ging es mir wie dem

gezähmten Löwen, wenn er wieder einmal Blut kostet. Unmittelbar nach

jenen moralischen Reden begab ich mich wieder an den Spieltisch und

verlor, bis auf eine Kleinigkeit, Alles, was mir gehörte, und auch Euer

Eigenthum. Ihr werdet bemerkt haben, wie knapp und ängstlich ich seitdem

auf der Reise war, weil ich hoffte, mindestens bis Dresden auszureichen;

gestern Abend gab ich unserm Fuhrmann als Trinkgeld das Letzte. Wir Alle

führen keine Creditbriefe mit uns, weil die baare Summe übergenug war;

so stehe ich denn hier, beschämt wie ein Schulknabe, vor Euch, und

begreife jetzt selbst nicht, wie der Aberwitz mich ergriff, unser

Vermögen zu verschleudern. In Dresden, so hoffe ich, können wir uns

wieder helfen; aber wie die wenigen Meilen dahin zurücklegen? Sollten

wir uns so beschimpfen, Uhren oder Ringe hier zu versetzen? Freysing hat

mich in Liebenstein tüchtig ausgelacht, daß ich ihm solche Summe noch

zugewendet habe.

Am klügsten und kürzesten ist es, rief Wachtel aus, daß ich mich so

schnell als möglich nach Dresden hinstümpere, dort habe ich

Bekanntschaft und Credit, ich schicke alsbald das Nöthige her, Ihr

unterhaltet Euch indessen hier, so gut Ihr könnt, und wir treffen uns in

Dresden wieder, wo Sie dann, Freund Walther, sich wieder in Baarschaft

setzen können, um mir und Ferdinand Das wieder zu geben, was Sie uns

schuldig geworden sind.

Als Walther das beschämende Geständniß überstanden hatte, lachte er mit

den Uebrigen recht herzlich über seine Unbesonnenheit. Man ließ sogleich

einen Fuhrmann der Stadt kommen, und Wachtel bat sich aus, das Geschäft

mit diesem allein abzumachen. Der Mann kam und Wachtel fragte ihn: ob er

im Stande sei, ihn noch an diesem Tage nach Dresden zu schaffen, ihn

allein mit einem kleinen Gepäck. Der Fuhrmann sah dem Fragenden ins

Gesicht, schaute dann an die Decke, hierauf zum Boden nieder, als wenn

die Beantwortung dieser Frage viel Nachdenken und Grübeln erforderte. Es

ginge zur Noth wohl, sagte er mit langer Verzögerung, wir haben noch

lange Tage, meine Pferde sind gut, die Last nicht schwer. -- Und wie

viel verlangt Ihr, Mann? -- Ja, sagte jener, wenn nur die Ernte nicht

wäre, und das Vieh ist jetzt auch nicht so, wie späterhin, und das

Futter ist jetzt theuer; unter sechs Speciesthalern kann ich es nicht

thun. -- Aber ich kann sogleich abfahren? -- Gefressen haben die Pferde,

erwiederte der Kutscher, also hat es keinen Anstand. -- So macht Euch

fertig, Freund, ich setze mich gleich ein, Eure Forderung ist nicht

unbillig, auch verlange ich Euern Schaden nicht, und verspreche Euch,

wenn Ihr mich zeitig nach Dresden hinschafft, sieben Species, außer

Euerm Trinkgelde. So kann ich Ihre Geschäfte, Herr Baron und Herr Graf

(indem er sich mit der höflichsten Verbeugung an seine Reisegefährten

wendete), gleich morgen früh besorgen, und wenn Sie mir in einem oder

zweien Tagen nachfolgen, so treffen Sie Ihren ergebensten Diener im

goldenen Engel. Nur eins noch, mein guter Fuhrmann, bedinge ich mir aus,

daß Ihr Chaussee und dergleichen Alles, auch was ich im Gasthofe

bedürfen möchte, auslegt, weil es mir unerträglich ist, mich mit Zoll

und Geleit und Kellnern und Wirthschaft einzulassen, und daß Ihr mir

morgen in Dresden Alles genau und gewissenhaft berechnet. Und so geht

denn, Freund, und spannt an.

Der Fuhrmann entfernte sich in Demuth und zufrieden, und Wachtel sagte

lachend: ich habe Dich, lieber Ferdinand, zum Grafen erhöht, um seine

Auslagen leichter zu erlangen. Zum Glück geht die Reise nicht weit, es

bedarf keiner großen Summe, und ich bin in Dresden meiner Bekanntschaft

gewiß.

So reisete Wachtel ab, indem er sich noch einmal, beim Einsteigen, der

Gewogenheit des Herrn Grafen und Barons empfahl. Wir können nun rechnen,

sagte Walther, wenigstens noch zwei Tage in dieser kleinen Stadt bleiben

zu müssen; heut Abend kommt unser Wachtel in Dresden an, ein Tag geht

wenigstens hin, bis das Geld hieher kommt und vielleicht, wenn er es

nicht durch den Fuhrmann senden will, währt es noch länger. Wir müssen

also sehn, wie wir uns hier ergötzen.

Sie gingen aus, um die Stadt und Gegend näher kennen zu lernen. Nach

ihrem Spaziergange trafen sie auf ein Haus, in welchem Bücher verliehen

wurden, und Ferdinand nahm einige, deren Titel ihn anlockten, mit nach

dem Gasthof. Sie blätterten in den Erzählungen, lasen abwechselnd

einiges laut, und warfen sie dann verdrüßlich hin. Ist es nicht

sonderbar, daß die Deutschen, welche so viel schreiben, immer noch nicht

lernen (wenige Autoren abgerechnet), wie man eine Erzählung vortragen

kann und soll? Gelingt es auch hie und da Diesem und Jenem, uns ein

Interesse abzugewinnen, so trägt er uns gleich darauf Dinge vor, die

nicht zur Sache gehören, die uns nichts angehn, und verschweigt im

Gegentheil, worauf wir neugierig sind. So lernen es die wenigsten, sich

der Form, selbst der leichtesten, zu bemächtigen, und schwanken ungewiß

und unsicher hin und her, nirgend festen Fuß fassend, weitschweifig zur

Ermüdung, und doch, wie Cervantes sagt, das Beste im Dintenfasse

lassend.

Wir können bemerken, erwiederte Ferdinand, daß das Beste, was bei uns

erscheint, indem es Mode wird, alsbald zur Nachahmung dient und sich

tausendfältig schwächer und immer schwächer wiederholt; aber diese

Scribenten, die ihr Vorbild verwässern, studiren nicht dessen Tugenden,

oder machen sich klar, wodurch es vortrefflich ist, sondern sie

bemächtigen sich nur obenhin der Manier und hängen an den

Zufälligkeiten. Andre Modeschriftsteller ergreifen den rohen Stoff,

sprechen Gesinnungen aus, die gerade an der Tagesordnung sind, heute

Frivolität, morgen Pietismus, bald Patriotismus, bald Rebellion, Haß

gegen die Obrigkeit oder süß frömmelnde Liebe, dann wieder Rohheit

gemeiner Wachstuben, die sie uns für Rittersinn verkaufen, oder

Gespenstergrauen, wenn nicht Familien der Landprediger sammt Liebe und

Sehnsucht, die sich schon in den Kindern entwickeln. Es haftet und

dauert von allen diesen schlechten Manieren keine, aber eine jede läßt

ihre schlimmen Folgen zurück. So ist die Masse des Volkes, welches sich

jetzt gern das gebildetste in Europa nennen hört, in Ansehung seiner

Modelectüre ohne Zweifel das roheste von allen.

Wie entzückt Denjenigen, welcher zu lesen versteht, fuhr Walther fort,

jede, auch die kleinste Novelle des Boccaz, des feinen Cervantes gar

nicht einmal zu erwähnen. Aber auch die ruhige Klarheit eines Sacchetti

erfreut, und fast jeder Italiener der früheren Zeit weiß die Sache, die

er mittheilen will, geschickt vorzutragen. Und so können uns leicht und

heiter aufgefaßte Geschichten ergötzen, die sonst gar keinen Inhalt

haben, und manches in dieser Art haben die Franzosen auch sehr glücklich

geleistet.

Man sollte vielleicht aus unsrer komischen Geldnoth, sagte Ferdinand,

die uns hier zu bleiben zwingt, eine heitere Novelle bilden können. Zwei

Reisende treffen zum Beispiel in einem Gasthofe von verschiedenen

Gegenden her zusammen, sie beleidigen sich, und doch zwingt sie die

Noth, daß einer sich dem andern eröffnet, um Hülfe von ihm zu begehren;

nun erfährt jeder vom andern, warum sie sich nicht beistehn können, und

wie jeder von ihnen in diese lächerliche Verlegenheit gerathen ist.

Recht, rief Walther aus, der eine kann, zum Beispiel, ein Mädchen

entführt haben, sie wartet auf ihn in einer gewissen Entfernung, wohin

sie ihn bestellt hat, und er kann nun durchaus nicht zu ihr, weil es ihm

am Gelde mangelt.

Nicht übel, sagte Ferdinand, doch geriethen wir da vielleicht zu sehr in

das Sentimentale. Könnten die beiden Fremden nicht Verwandte seyn, aus

verschiedenen Ländern, die sich gegenseitig aufgesucht haben, und die

jetzt ein läppischer Zwist daran hindert, sich einander zu erkennen, da

sie unter erborgten Namen reisen? Es könnte so weit kommen, daß sie sich

forderten, daß man alle Mühe anwenden müßte, um Diejenigen, die sich

liebend seit lange suchen, vom mörderischen Kampfe abzuhalten.

Das würde mir darum nicht gefallen, sagte Walther mit verdrüßlicher

Miene, weil es an die Komödie der Irrungen und an andre Geschichten, die

auf ähnliche Art verwickelt sind, erinnert. Aber, fuhr er heitrer fort,

bearbeiten wir jeder auf unserm Zimmer heute und morgen, da wir doch

nichts anders zu thun haben, diesen Gegenstand und lesen wir uns morgen

Abend unsre Productionen vor.

Es sei! rief Ferdinand mit Lebhaftigkeit aus, nur Schade, daß wir keinen

Schiedsrichter haben, der einem von uns den Preis ertheilen möchte.

Jeder begab sich auf sein Zimmer, und Ferdinand, um sich zu zerstreuen,

schrieb mit Laune und Heiterkeit, obgleich er nicht unterlassen konnte,

einige Umstände aus seiner eigenen Geschichte einzuflechten. Die Aufgabe

interessirte ihn dadurch so sehr, daß er unvermerkt dieses und jenes der

Erzählung hinzufügte, was er um keinen Preis seinem Freunde erzählt

haben würde. Er meinte aber, so vermischt mit der Erdichtung würde sich

die Wahrheit als eine solche nicht verkündigen. Walther gab seiner

Erzählung einen ernsteren Inhalt; aber sowie er fortfuhr, kam ungesucht

die Aufgabe in die Geschichte, die ihn selbst auf die Reise getrieben

hatte, nehmlich der Wunsch, einen Gegner, der, nach seiner Meinung,

Strafe verdiene, aufzufinden; nur machte er aus diesem Gegner einen

Nebenbuhler, damit sich die Fabel mehr runden möchte.

So waren die Freunde zwei Tage beschäftiget und kamen sehr heiter und

mit sich selbst zufrieden zum Abendessen zusammen. Nachdem sie gesättigt

waren, holten sie ihre Manuscripte und Walther sagte: Sie, von welchem

der Gedanke unsrer Schriftstellerei ausging, müssen Ihre Novelle auch

zuerst vortragen, damit die meinige alsdann beschließen könne, und

morgen, nachdem wir geschlafen haben, soll jeder des andern Versuch

kritisch prüfen und scharf untersuchen.

Ferdinand zog den Tisch, nachdem Alles entfernt war, an sich und fing

an: _Der Taube von Benevent, Novelle_. -- Wie? rief Walther; ich muß

mich sogleich als Rezensent melden und Einspruch thun, denn dieser Titel

schon scheint mir gegen unsre Abrede zu seyn. Ich bildete mir ein, die

Scene müsse nach Deutschland verlegt werden, und darum habe ich meine

Erzählung genannt: _Der Weltentdecker in Verlegenheit_.

Auch sonderbar genug, sagte Ferdinand, hinter dem Titel sollte kein

Mensch die verabredete Aufgabe suchen.

Doch, sagte Walther, ein Reisender, der schon die halbe Welt

durchstrichen ist, der immer etwas Neues sieht und sucht, und sich nicht

wenig damit weiß, für Alles Rath zu schaffen und die Menschen zu kennen,

muß, wie Sie sehn werden, in dem elenden Wirthshause eines kleinen

Städtchens lange kleben bleiben, und verliert so die wichtigsten

Vortheile seiner Reise, ja gewissermaßen das Glück seines Lebens. Doch

ich störe Sie und halte Sie auf.

Ferdinand begann: Es war nicht lange nach jenem berühmten Erdbeben in

Calabrien, welches so viele Orte zerstört hatte, daß -- --

Hier entstand ein lautes Sprechen draußen, und ein Klopfen an der Thür,

und der Genius des Verfassers, oder der Zufall wollte nicht, daß

Ferdinand jetzt seine Erzählung weiter vortragen sollte. Der Fuhrmann

kam nehmlich zurück und händigte den Freunden ein großes Paket ein. Der

Herr, sagte er, der gestern mit mir fortreisete, hat mir gleich heut

Morgen dieses vielfach versiegelte Schreiben eingehändigt und mir auf

meine Seele befohlen, gleich, gleich zurückzueilen, und es ja noch heut

Abend, wenn ich auch spät ankommen sollte, in Ihre Hände zu überliefern.

Und da mich der wackre Herr sehr gut und über meine Erwartung belohnt

hat, so schien es mir eine Gewissenssache, seine Befehle prompt und

schnell auszurichten. Ich habe daher auch auf keine Retourgesellschaft

gewartet, sondern mich eilig aufgemacht, um nicht zu spät anzukommen.

Walther beschied ihn auf morgen, wenn auch nicht sehr zeitig, damit die

Pferde ausruhen könnten, überzählte, als sie allein waren, die Summe,

welche Wachtel in Gold überschickt hatte, und las alsdann den Brief des

Freundes vor:

Schriften 23: Novellen 7 · 第 9 / 26 段