welchen die lange Mittagstafel schon bereitet war. Ich konnte es in der
Höhle, sagte er, nicht aushalten, so beängstigte mich der Schimmer und
der Dunst der Lampen. Jetzt kamen die Gebrüder Hardenberg und nach und
nach versammelte sich die Tischgesellschaft. Der Herzog von Meiningen
speisete auch an der Table d'hote, und der Anblick der Landleute, die
sich versammelt hatten, und neugierig oben vom Hügel zwischen den grünen
Bäumen auf ihren Fürsten und die Fremden herniederschauten, alle diese
fröhlichen Gesichter von Alt und Jung machten einen sehr erfreulichen
Anblick.
Nach Tische ließ sich der Fürst durch Hardenberg, den er schon längst
persönlich kannte, dessen Freunde vorstellen. Er sprach lange und
freundlich mit ihnen, indem er ungesucht vielfache Kenntnisse und eine
echte Bildung zeigte. Er war schlank, hatte blondes, fast graues Haar,
ein gealtertes Gesicht, in welchem der Ausdruck des Ernstes und der
Melancholie vorherrschte, das sich aber schnell in Freundlichkeit und
schalkhaften Ausdruck verwandeln konnte.
Es war eine mittelmäßige Schauspielertruppe, die zuweilen in einem
kleinen Saale ihre Vorstellungen gab. Heut aber wurde in einem andern
Local ein Puppenspiel mit großen Marionetten aufgeführt; die übrigen
Freunde interessirten sich für diese Kinderei nicht, aber Ferdinand, der
dergleichen Seltsamkeit leidenschaftlich liebte, freute sich auf den
Genuß dieses Abends.
Walther ging mit Hardenberg spazieren, Wachtel blieb im Badehause und
Ferdinand eilte dem Marionettentheater zu. Er zahlte für den ersten
Platz und drängte sich in den übervollen Saal. Bauern, Bauermädchen,
Bürger, Soldaten, Offiziere, Alles war so fest ineinandergeschoben, daß
sich weder Hand noch Fuß regen konnte. Ferdinand wollte seinen ersten
Platz gewinnen und bat, ihm Raum dahin zu gönnen, weil er meinte, er
befände sich noch auf der letzten und wohlfeilsten Stelle. Was ihm am
empfindlichsten auffiel, war, daß Tabaksdampf, der ihm verhaßt war, den
ganzen Saal anfüllte, denn Alles, bis auf die Bauernknechte, rauchte aus
größeren oder kleineren Pfeifenköpfen. Er hoffte, da hier Alles noch
stand, vorn zum Sitzen zu gelangen und sich aus den stinkenden Wolken zu
entfernen; vor ihm war ein Mann im grünen Ueberrock, welchen er anstieß
und höflich sagte: Machen Sie mir gefälligst etwas Raum, denn ich habe
für den Ersten Platz bezahlt. -- Ja, erwiederte der Mann, der aus einem
ungeheuern Meerschaumkopfe rauchte, das, mein guter Freund, haben wir
Alle, hier sind wir Alle gleich, wie im Paradiese. Indem Ferdinand etwas
näher gekommen war, erkannte er in diesem Sprechenden den Fürsten. Gewiß
war er also auf dem ersten und vornehmsten Platze und genoß der Ehre,
den Fürsten zu drängen und von ihm geklemmt zu werden. Von der früheren
Vorstellung und dem feinen Hof- und wissenschaftlichen Gespräch war in
dieser Atmosphäre nicht mehr die Rede, ja es wäre lächerlich gewesen,
sich darauf zu beziehen, denn der Herr erschien hier ganz verwandelt.
Ihn störten nicht die plumpsten und ungezogensten Späße seiner Umgebung,
manche Militairs trieben die Ausgelassenheit und den Scherz mit einigen
Bauerdirnen über jede Grenze, und diese Armen hatten Mühe, aus dem
Gedränge zu entkommen und das freie Feld wieder zu gewinnen. Als schon
manche von den Honoratioren sich entfernt, der Fürst selbst nach einiger
Zeit die Bude verließ, so zögerte auch Ferdinand nicht länger, im Wald
und auf dem Berge wieder eine reinere Luft zu athmen.
Im Saale war Ball, in welchem Alle, die Theil nehmen wollten, ohne Gene
tanzten: Edelleute, Damen und Handlungsdiener; auch die Herzogin von
Hildburghausen war unter den Tanzenden und gütig und herablassend mit
Jedermann. In einem andern Saale wurde gespielt, und hier traf Walther
seinen Freund Freysing in seinem glänzenden Beruf. Die Bank, die dieser
aufgelegt hatte, war sehr ansehnlich. Walther sah nur zu, ohne
mitzuspielen. Er fand wieder, was ihn so oft entsetzt hatte, wenn er in
den Spielsälen stand, diese verzerrten Gesichter, die Habgier oder Wuth
und Verzweiflung ausdrückten, einige, die kalt und gleichgültig scheinen
wollten, waren todtenblaß, sie zwängten den Zorn und die Angst in sich
zurück. Freysing betrug sich wie ein König, nur etwas zu stolz, weil bei
seinen aufgethürmten Goldhaufen ihm der Satz der Pointirenden wohl zu
unbedeutend scheinen mochte.
Walther hatte seit lange einen Mann beobachtet, welcher schon viele
Goldstücke verloren hatte und dem der kalte Todesschweiß über das
bleiche Antlitz in großen Tropfen rann. Er verließ oft ingrimmig und wie
verzweifelnd den Saal, ging draußen mit sich ringend auf und ab und kam
dann nach einiger Zeit zurück, nachdem er von Neuem Geld von seinem
Zimmer geholt hatte, welches er dann eben so schnell, wie die vorigen
Friedrichsd'or verlor. Er spielte so leidenschaftlich und wild, daß er
durchaus nicht die gehörige Aufmerksamkeit auf sein Spiel haben konnte.
Freysing beobachtete ihn sehr aufmerksam von seinem Sitze und schien nur
ungern die Goldstücke des Armen einzuziehen. Im Nebenzimmer erkundigte
sich Walther bei einem freundlichen Manne, wer dieser tollkühne Spieler
sei, und erfuhr, er sei ein Geschäftsmann aus Meiningen, der mit Frau
und einigen Kindern von einem mäßigen Gehalt leben müsse. Er habe sich
wohl verleiten lassen, seine Umstände verbessern zu wollen, der Verlust
setze ihn in Angst, und er suche, was er verloren wie mit Gewalt
wiederzugewinnen. Diese Leidenschaft, sagte der Erzählende, in welche
die Pointeurs immerdar gerathen, ist eigentlich das sicherste Capital
der Bank. Der arme Mann, der ansehnlich verloren hat, wird nun Schulden
machen müssen, er verliert seinen Namen, seine Familie darbt und er
endet vielleicht in Verzweiflung.
Als Walther in den Spielsaal zurückging, kam ihm dieser Herr Anders mit
verzerrten Mienen der Todesverzweiflung entgegen. Er lief eilig aus dem
Hause und schien keinen der Anwesenden zu bemerken, die ihm mitleidig
oder auch wohl mit Hohn und Schadenfreude nachsahen.
Er kam nicht wieder, und Walther war überzeugt, er habe Alles verloren.
So verging eine geraume Zeit, neue Spieler kamen, geplünderte entfernten
sich, doch vermehrte sich die Anzahl um den Spieltisch. Da trat jener
Anders wieder taumelnd herein, er schwankte umher und sein bleiches
Angesicht schaute den Spielenden mit gläsernen Augen über die Schultern.
Er biß sich auf die Lippen, als er einige Pointeurs bedeutende Summen
gewinnen sah. Plötzlich machte er sich Platz und schob den einen
Zuschauer mit Ungestüm zurück, indem er sich neben den erschreckten
Walther eilig hinstellte. Er griff hastig nach einer Karte und, ohne sie
fast zu betrachten, besetzte er sie mit einigen Goldstücken. Die
bleichen Lippen zitterten ihm, und sowie die Karte verlor, zuckte es wie
ein Blitz über sein Antlitz hin. Er schob mit krampfhaftem Zittern die
Goldstücke dem Bankier hin, und dieser, ihm einen scharfen Blick
zuwerfend, schleuderte sie wieder nach des Spielers Platz, indem er kalt
sagte: Führen Sie so die Nymphen auf der Gasse mit solchem Golde ab. Es
war eine Todtenstille im Saale, Walther fühlte sich einer Ohnmacht nahe.
Der Hausvater, der Geschäftsmann, die unauslöschliche Beschimpfung des
Aermsten, seine wahrscheinliche Verzweiflung, Alles dies ergriff ihn mit
ungeheurer Gewalt. Ein Moment, in welchem er vernichtet war, aber
schnell ermannte er sich und rief mit festem Tone dem Bankier zu: Herr
Bankier, Sie thun meinem Freunde, dem Herrn neben mir, sehr Unrecht; ich
habe ihm aus Versehen die Spielmarken statt der Goldstücke eingehändigt,
weil ich sie bei mir trug, ich bin mit ihm Moitié, und so zahle ich den
Verlust. Sie werden nicht glauben, daß ein solcher Irrthum ein
vorsätzlicher war, da Sie mich persönlich kennen.
Freysing erhob sich von seinem Sitze, bückte sich sehr tief und sagte,
da er die Absicht seines Bekannten sogleich durchschaute: Mein Herr
Baron, ich bitte Sie und den Herrn, mit welchem Sie gemeinschaftlich
spielen, hiemit um Vergebung. Ich war im Unrecht, die geehrten Herren
mögen von der Güte seyn, meine Uebereilung, die ungeziemlich war, zu
vergessen.
Walther hatte mit einem stummen Druck den beängstigten Anders neben sich
auf einen Stuhl niedergezogen. Er spielte jetzt und gewann binnen Kurzem
eine ansehnliche Summe, der Haufen Goldes, welcher vor ihm lag, wuchs
mit jeder Minute. Als dreihundert oder mehr Goldstücke gewonnen waren,
stand er auf und sagte höflich: Jetzt, Herr Anders, haben Sie die Güte,
mir zu folgen, daß wir uns berechnen können.
Er führte den Zitternden und Erstaunten auf sein Zimmer und händigte ihm
hier die ganze Summe ein, indem er sagte: Hier, Sie Armer, Bethörter,
empfangen Sie, was ich in Ihrem Namen gewann, es ist, so viel ich habe
beobachten können, um ein Beträchtliches mehr, als Ihr Verlust. Richten
Sie sich ein, spielen Sie nicht wieder, Sie sehen, wie unglücklich man
werden kann.
Mein Wohlthäter, sagte der Zerknirschte stammelnd, was Sie mir geben,
ist mehr als das Vierfache meines Verlustes. Es giebt Thaten, für die
jeder Dank zu klein ist. Sie retten meine Familie, meine Ehre, mein
Leben, denn ich mußte mich nach dieser Beschimpfung ermorden, wie ich
auch beschlossen hatte, wenn ich verlor.
Mit Thränen entfernte sich der Beglückte und Walther begleitete ihn vor
das Haus. Wachtel, der im Alkoven Alles angehört hatte, sagte für sich:
Das ist bei alle dem ein kreuzbraver Kerl, dieser Walther!
Walther ging in den Spielsaal und sagte in einer Pause heimlich zu
Freysing: Ich hätte Sie für großmüthiger gehalten, warum einen solchen
Elenden vernichten?
Ich sollte es wohl seyn, erwiederte Jener, der Aerger übereilte mich.
Sie haben mir aber eine hübsche Lection gegeben, an welche ich bei einem
ähnlichen Falle denken werde.
* * * * *
In Gesellschaft Hardenberg's und dessen Bruders, sowie der Verwandten,
die sich in Liebenstein zusammengefunden hatten, oder die in der Nähe
wohnten, ging die Zeit gar anmuthig hin. Man erzählte viel
charakteristische Züge von den sonderbaren Launen des trefflichen
Fürsten; dabei aber verkannte man nicht, was er für die gute Einrichtung
dieses Bades, vorzüglich aber für die Wohlfahrt seines Ländchens gethan
hatte.
An der heitern Mittagstafel, als die Freunde unter sich und keine Damen
zugegen waren, sagte Wachtel: Ich bin Euch noch schuldig, meine Freunde,
wie ich gestern Nachmittag meine Zeit hingebracht habe, zu berichten.
Ich mochte das Puppentheater so wenig wie den glänzenden Ball besuchen,
aber ich hatte erfahren, daß der berühmte Oberforstmeister Cramer von
Meiningen hieher in das Bad, aber nur für diesen Sonntag gekommen sei.
Wie Ferrara seinen Ariost und Tasso, Florenz seinen Dante, Leipzig
seinen Gottsched, Anspach seinen Utz und Weimar seinen Göthe hat, so
besitzt seit lange schon Meiningen seinen Cramer. Ich sah den Mann, er
ist groß, ziemlich corpulent, und sein Gesicht eins von denen, die das
Glück und die Auszeichnung haben, gar keinen Ausdruck zu besitzen. Diese
sogenannte Gutmüthigkeit oder Bonhommie, wie man dergleichen nennt,
welche nur die trivialste Alltäglichkeit ist, lockt jeden noch so
simpeln Dummkopf herbei, um sich ohne Aengstlichkeit in der Gegenwart
eines solchen harmlosen Autors ganz seiner Einfalt zu überlassen und den
berüchtigten Vetter Michel für den Vorsteher der Grazien zu halten.
Glücklicher Weise habe ich in früheren Jahren, weil ich ein unnützer
Bengel war, die meisten Romane dieses Cramer, vom Erasmus Schleicher bis
zum Paul Ysop, gelesen. Ich sah neben ihm einen Halbbekannten und
benutzte dies, um mich dem genialen Deutschen vorstellen zu lassen. Wir
setzten uns dann dorthin, vor dem Badehause, dem Geländer nahe, den
Blick auf die Landstraße gerichtet. Der große Mann hatte kein Arg
daraus, ob ich ihn auch für den Autor erkannte, für den ihn die
Abonnenten der Leihbibliotheken eine Zeitlang hielten. Ein schmaler,
schwindsüchtiger Medicus sagte: O Bruder Cramer, erinnerst Du Dich noch
unseres verewigten Freundes auf der Universität, des seligen Lange, mit
dem wir so manchen seligen Abend durchschwärmt haben?
Wohl, sagte Cramer, indem er sein Glas erhob und der große Mund lächelnd
durch die Nähte der Pockennarben brach: das war ein großer Mensch!
Himmel, wie idealisch konnte er beim Sonnenaufgang oder in den
Frühlingsmonaten gestimmt seyn! Es war eine Wonne, mit der kräftigen
Menschheit des Kerls zu harmoniren. Viele von Klopstocks Oden wußte er
ganz auswendig; wenn er sie deklamirte, zitterte er vor Entzücken, wie
ein eingefangenes Rothkehlchen. Wir nannten ihn nur Selmar, -- und das
arme Vieh hat nachher so miserabel crepiren müssen!
Wie so? fragten die Freunde, indem sie die Weingläser niedersetzten.
Weil der Schwernothshund, sagte der Autor mit edelm Ingrimm, es nicht
lassen konnte, sich trotz seines Aufschwungs mit liederlichen Menschern
einzulassen. Das war nun einmal seine schwache Seite. Petrarch und
Laukhard, oder ein Anderer der Zunft, Bahrdt, oder wer es sei, war er in
demselben Augenblick. O seine zarte, himmlische Jenny! was das hohe
Wesen über diese zu weit getriebene Vielseitigkeit des hochgestimmten
Schwärmers gelitten hat! Die Creatur war doch wirklich so, als wenn ein
himmlischer Engel in dieses Erdenleben herabgestiegen wäre, um uns eine
Darstellung der hohen Flüge eines Plato im sterblichen Abbild zu geben.
Mehr als Sophronia und Clorinde des Tasso, höher als Werthers Lotte,
oder die Sophie des Fielding war sie so einzig, daß die Brutalität
selbst in ihrer Nähe zur Tugend wurde. Tausendschwernoth noch einmal!
Wenn sie so mit ihrem Inamorato dahinwalzte! Als den nun, wie Ihr wißt,
Freunde, an der schlechten Krankheit der Teufel so rein weggeholt hatte,
so gab sie endlich den Bitten des dünnbeinigen Assessors Gehör und
verheirathete sich mit der verfluchten Massette. Sie hatte aber schon
von ihrer ersten Liebe ein Kind gehabt, das sie heimlich erziehen ließ.
Der Junge bekam nachher das böse Wesen und verreckte im Hospital. Die
himmlische Laura ergab sich dem Branntwein und es war, wegen des Athems,
in den letzten Jahren nicht mehr bei ihr auszuhalten. So verwelken die
edelsten Blüten des Lebens.
Und Alfonso, fragte der Schmächtige, jener aufgeklärte Theologe, er hieß
eigentlich Wackelbein, -- was ist aus dem geworden?
Im Narrenhause, sagte Cramer, hat er an der Kette verendet. Er war zu
genialisch, und wollte immer Werther und Guelfo in den Zwillingen von
Klinger zugleich seyn. Als er in der Stadt lebte und der Superintendent
ihn zum Adjunctus in sein Haus nahm, hatte er seine höchste genialische
Zeit. Was er damals schrieb oder sagte, war classisch. Er selbst aber
immer besoffen. Das Schwärmen hätte ihn aber doch nicht so sehr daran
gehindert, daß der große Geist wäre in eine gute Stelle gesetzt worden;
-- aber, wie nun sein schönstes Buch sollte gedruckt werden (eine
Nachahmung meines Erasmus, wo er zugleich den Bambino Klingers
hineingebracht hatte), kam es heraus, daß die Köchin im Hause von ihm
schwanger und die Kirchenkasse bestohlen, ja eigentlich ganz weggeraubt
sei. Von beiden war er der Thäter, und er konnte es nicht leugnen; schon
täglich besoffen, wurde er vom Kummer verrückt und fuhr so dahin. -- So
habe ich so manche echte Genies, die die Zierde unseres Vaterlandes
werden konnten, zum Teufel fahren sehen. Ich habe mich gehalten, so viel
ich auch erlebt, so viel ich auch erduldet habe. Der Dienst der Musen
ist kein leichter. Mit dem Teufel ist nicht zu spaßen.
Ferdinand erzählte, wie schlimm es ihm in dem Marionettenspiel gegangen
sei, worauf Walther sagte: Sie haben also, meine Freunde, einmal recht
die deutscheste Deutschheit verkostet. Sonderbar, daß es noch immer
viele Gegenden und Gesellschaften giebt, wo ein solcher Ton für das
Herzliche und Biedere gilt. Bei diesen steht dann Grazie und Urbanität
als Heuchelei und Affektation im schlimmsten Verruf. Aus den Büchern, in
welchen der hiesige Ariost die Sitten edler und treuherziger Männer
geschildert hat, bildeten sich früherhin manche Studenten auf der
Universität, und aus diesen Reminiscenzen schrieben Manche wieder in
späteren Jahren Bücher in demselben Ton. Diese rohe Manier verliert sich
jetzt mehr und mehr bei unsern Landsleuten.
Ich zweifle, fuhr Ferdinand fort, daß der Gebildete in irgend einem
andern Lande an dieser vorgeblichen Herzlichkeit, Biedertreue und
Ungeschlachtheit zu leiden hat. Dies Marionettenspiel selbst war eben so
schlecht, daß, wer nach diesem meine Vorliebe für diese groteske
Unterhaltung beurtheilen wollte, mir sehr Unrecht thäte. Es werden jetzt
ungefähr zehn Jahre seyn, als ich auf einer Reise durch den Harz in
Quedlinburg dieses wunderliche Drama zuerst entdeckte. Ich kann es wohl
eine Entdeckung nennen, denn es wich völlig von jenem Zeitvertreib der
gebräuchlichen Puppenspiele ab, und dieses, wie jene gewöhnlichen
dienten nur dem Volke zur Aufheiterung, und der Gebildete wendete sich
mit Verhöhnung ab. Diese Figuren, die ich jetzt kennen lernte, waren
ziemlich groß und wurden sehr geschickt durch eine künstliche Wage und
Gewichte regiert, die die Glieder in Bewegung setzten, indem die Fäden
an den Fingern der Dirigirenden hingen. Am künstlichsten aber war die
Figur des Lustigmachers oder des Casperle, wie er hier genannt wurde.
Nach einiger Zeit glaubte man ein wirkliches lebendes Wesen zu sehn; man
zweifelte nicht mehr an dem Mienenspiel und er machte mich so lachen,
wie ich es nur selten im Leben vermocht habe. Ich erkannte hieraus, wie
die Maske, wenn ein gutes Gedicht nur übrigens gut gespielt würde, gewiß
nicht die Täuschung stören oder aufheben könne. Am meisten aber
überraschten und interessirten mich die wunderbaren Stücke, die gespielt
wurden. Sie waren so originell, so großartig erfunden und so kühn
durchgeführt, daß ich sie mit keinen andern bekannten vergleichen
konnte. Der Don Juan z. B., den sie darstellten, wich sehr von jenem ab,
der nach dem Moliere und den Italienern gearbeitet ist. Nach einigen
Jahren sah ich mit Erstaunen, daß er nach dem eigentlichen Original des
Spaniers Tirso de Molina umgewandelt war. Von einem andern
Stücke entdeckte ich später, daß es ganz, aber so, wie dieses
Marionettentheater es brauchen konnte, nach einem höchst wunderbaren und
religiösen Schauspiel des Mira de Mescua gearbeitet sei. Eine »heilige
Dorothea« folgte ziemlich genau der Tragödie, welche die Engländer
Massinger und Decker über diesen Gegenstand gedichtet haben. Ich wollte
die Directoren der hölzernen Truppe schon damals bereden, in Berlin ihre
Künste zu zeigen, was sie aber jetzt noch nicht wagten, sondern erst
sieben oder acht Jahre nachher den Versuch machten und großen Beifall
fanden, vorzüglich bei den Freunden der ältern Poesie. Die Herren Dreher
und Schütz (diese waren die Dirigenten) erzählten mir, daß alle ihre
Manuscripte alt seien, daß sie noch viele besäßen, die sie aber niemals
darstellten, unter andern einen König Lear, der aber mit dem
weltbekannten Gedichte kaum eine Aehnlichkeit habe. Ich wollte sie
überreden, mir diese Gedichte zur Ansicht zu vertrauen, was sie aber
standhaft verweigerten, so wie sie auch von dem Rath nichts wissen
wollten, diese Sachen durch den Druck bekannt zu machen. Sie glaubten,
daß sie sich ihre Aufführungen dadurch verderben möchten. Ich wußte, daß
zu Shakspeare's Zeiten von einsichtigen Mechanikern eine neue Art war
erfunden worden, ziemlich große Marionetten künstlich in Bewegung zu
setzen. Die Spiele dieser Puppen machten Aufsehen und fanden großen
Beifall. Ben Jonson spottet selbst einmal darüber, daß dieses hölzerne
Theaterspiel Mode sei und von Manchem dem der Komödien vorgezogen werde.
Man gab die Schauspiele, die die populärsten waren, und gute Köpfe, die
gerade nichts Besseres zu thun hatten, arbeiteten für diese Bühne und
nahmen die besten Komödien berühmter Dichter, um sie für die Marionetten
abzukürzen und mit mehr Spaß und Tollheit auszustatten. Die Marionetten
zogen hierauf nach den Niederlanden, und in Brüssel und Antwerpen, wo
damals viele spanische Komödien gespielt wurden, nahmen sie von diesen
die beliebtesten und wunderbarsten in ihr Repertoir auf. Manchen, die
ich damals und später in Berlin sah, habe ich noch nicht auf die Spur
kommen können; sehr merkwürdig war die Geschichte eines Königssohnes,
der sich wahnsinnig stellte, aber nichts mit Hamlet gemein hatte. Der
verlorne Sohn ist nach einem alten englischen Schauspiel, und jener
landkundige Faust, der unserm großen Dichter in seiner Jugend wohl
zuerst den Anstoß zum wunderbarsten seiner Werke gab, ist im
Wesentlichen dem Faust des Marlow nachgebildet. Man kann dem Barocken
und toll Poetischen nur mit einer gewissen Leidenschaft sich hingeben,
eine ruhige kritische Billigung ist unpassend und dem Gegenstande nicht
angemessen; und so gestehe ich gern, daß ich damals diese mir noch neuen
Spiele vielleicht überschätzte, aber auch jene Menschen, die sich ganz
davon abwendeten, nicht tadeln konnte. -- Hier aber war von jenem
Poetischen, was mich damals so sehr erfreute, auch keine Spur mehr. Die
Marionetten waren schlecht und spielten ungeschickt, der Text war ganz
modern, aus Kotzebue und einigen beliebten Opern zusammengestoppelt, so
daß mich weder Publikum noch Theater auf lange fesseln konnte. Große,
wunderbare Verhältnisse, das Tolle, Phantastische und ganz Tragische
paßt nur für diese Volksbühne.
Die Freunde genossen noch die schöne Gegend um Liebenstein, alle diese
reizenden Naturscenen, und nahmen dann von Wald und Berg und den
freundlichen Menschen, die sie hatten kennen lernen, Abschied. Carl von
Hardenberg begleitete sie noch bis Eisenach. Der Weg geht queer durch
den Thüringer Wald, und reizend liegt das Jagdschloß Wilhelmsthal mitten
in einem schönen Walde. Die Buchen hier und in der Umgegend sind von
herrlichem Wuchs.
In Eisenach besuchte man die Wartburg und erinnerte sich des Gedichtes
von Friedrich Schlegel. Der Deutsche, bemerkte Ferdinand, hat immer noch
seine eigenthümliche Freude an der Herrlichkeit der Wälder; vor diesen
Ausblicken, die uns entzücken, graut dem Italiäner und die übrigen
Nationen empfinden doch schwerlich jenes heilige Grauen oder jene
feierlich andächtige Stimmung, die uns in Waldgebirgen oder im einsamen
dunkeln Forst ergreift.
Hardenberg kehrte nach Liebenstein zurück, und von Altenburg schrieb
Ferdinand an seine Freundin Charlotte nach Berlin:
Altenburg, den 1. August 1803.
Kann man sich so ungewiß im Kreise drehen, wie ich es nun seit mehreren
Wochen gethan habe? Menschen betrachte ich und lerne sie kennen, Frauen
und Mädchen, Naturscenen gehn an mir vorüber, und nichts ergreift und
durchdringt mich so, wie es sollte, weil eine Leidenschaft, eine Unruhe,
eine unselige Melancholie mich allenthalben verfolgt. Ich habe die feste
Hoffnung, möchte ich doch fast sagen die sichere Aussicht, daß sich in
wenigen Tagen dieser Zustand ändern wird. Sie kennen mein Schicksal
nicht, und können es also auch nicht fassen, in welchem seltsamen
Räthsel ich mich umtreibe.
Ich müßte mich sehr irren, oder mein Reisegefährte Walther wird von
einer ähnlichen Leidenschaft gequält, die er mir verheimlicht,
geflissentlich Alles umgeht, was auf eine Spur führen oder eine
vertrauliche Herzensergießung veranlassen könnte. Dieser Mann, der
anfangs so kalt und ruhig schien, verliert immer mehr jene sichere
Haltung, die den Gleichgültigen nur sich anzueignen möglich ist.