versteht, eine so poetische Kunst, daß ich mich in diesem Sinne gern als
gebornen Vagabunden bekenne. Mich dünkt, der merkwürdige Theophrastus
Paracelsus sagt schon, das Reisen sei das Lesen eines herrlichen Buches,
in welchem man die Blätter mit den Füßen umschlage. Die Natur und jede
ihrer Launen kennen zu lernen, sich ihr ganz zu eigen zu geben,
Heiterkeit und Genuß wie Regen und Sturm mit Dank empfangen, dies
verstehn nur wenige, und die es vermögen, sind schon Eingeweihte. Dann
die Kunst, zu lernen, wie man mit dem Volke leben kann, daß man aus
allen Gesinnungen etwas Neues hört, daß man die Spur findet, wo auch in
anscheinender Einfalt die Weisheit unbewußt spricht, wie die Wahrheit
immer hinter allen Masken der Lüge hervorblitzt, alles Dies dient,
unsern Geist zu erheben und reif zu machen. Dazu die Wunder, das
Staunenswürdige, das uns Kunst, Natur, das Firmament und die Elemente
bieten, oft auch die unscheinbare Gesellschaft und der zufällige
Spaziergang. Schon in Teplitz sah ich dergleichen, und ihr Alle, die ihr
doch gern staunen mögt, habt es ebenfalls angeschaut, doch ohne es zu
beachten. Dorthin kommen alle Sommer aus dem innersten Ungarn Menschen,
welche die deutsche Sprache nicht verstehen. Sie verkaufen Draht,
Mäusefallen und andere geringfügige Sachen, dabei bessern sie kupfernes
Geschirr aus und umflechten Töpfe und Schüsseln. Sie gehen in braunen,
langen und weiten Jacken, und nur in dem Einen Aermel steckt in der
Regel der eine Arm, sie haben keine Schuhe und Strümpfe nach unserer
Art, sondern tragen eine Art von Sandalen, und mit Tuch oder Leinwand
ist das Bein umwickelt, so wie es vor der Erfindung der Strickerei und
Weberei gebräuchlich war. Ihr Gang hat nichts von unserer Dressur,
sondern ist so frei und leicht, wie ihn kein Tanzmeister erreichen oder
nur nachahmen könnte; dabei ist in ihren Schritten aber nichts von dem
festen Springegang, den man an den Tyrolern beobachten kann. Eben so hat
ihr Auge nichts von dem kühnen Umblick jener Bergjäger, sondern es sieht
ruhig und in stiller Schwermuth geradeaus und nieder, ist aber niemals
forschend oder neugierig. Diese Armen, weil ihr Gesicht von ihrem
Geschäft in der Regel schwarz und ungewaschen und von der Sonne und dem
langen Wege gebräunt ist, werden von manchem Badegast wie Banditen und
Bösewichter angesehen. Ich bin ihnen stundenlang nachgegangen, um sie zu
beobachten, ich habe mich mit ihnen zu verständigen gesucht und ihnen
manche Gabe zukommen lassen, weil mir ihr Wesen so edel und echt
menschlich schien. Sie sammeln, was sie an kleiner Kupfermünze
einnehmen, und schütten es in einen Aermel ihrer Kutte, den sie unten
zubinden, um mit dem geringen Erwerb mühsam in ihr fernes Vaterland
zurückzukehren. Der Ausdruck ihres Gesichtes ist so schwermüthig, daß
man sich angezogen fühlt, und was das Merkwürdigste ist, ich habe
niemals einen von ihnen lachen, oder auch nur lächeln sehn, sei es ein
junger Mensch oder ältlicher Mann, selbst wenn ich ihnen eine Gabe
mittheilte, die ihre Erwartung übertraf. Ein milder, dankender Blick hat
mich gerührt, und sie waren augenblicks so ruhig, wie immer. Wer sind
diese Menschen, die mir als ein Wunder in unsrer Welt erschienen? Sind
sie eine Art Paria? Mit den Zigeunern haben sie keine Aehnlichkeit. Ich
konnte sie nicht ausfragen, weil sie mich nicht verstanden, die übrigen
Menschen gingen gleichgültig an ihnen vorüber, und ich würde einen
Otaheiten oder Chinesen nicht mehr als diese umherwandernden
Kesselflicker anstaunen.
Du magst nicht Unrecht haben, sagte Wachtel, es thut mir leid, daß ich
diese Slawaken, oder Croaten und Wallachen nicht besser beachtet habe.
Kommt mir einmal wieder einer in den Wurf, so will ich ihn gewiß unter
mein Mikroskop nehmen.
Nach Tische verließ die Gesellschaft Würzburg und begab sich nach dem
Lustschlosse Werneck. Im Garten dieses ehemals fürstbischöflichen
Schlosses sind noch einige schöngeflochtene Berceaus, nach alter
französischer Art, und Ferdinand ergoß sich in Lobpreisungen dieser
jetzt verschmähten Gartenkunst, für welche er eine fast übertriebene
Vorliebe zeigte. Nichts so Entzückendes, rief er aus, als ein solches
dichtgeflochtenes hohes Gewölbe von glänzendem, jungem Buchenlaub. Die
Sonnenhitze kann nicht durchdringen, und man wandelt wie in einem
lebendigen Saale oder dem Schiff einer Kirche, dessen Wölbung das
glänzende Licht in Smaragden verwandelt. Die erfrischende Kühle spielt
durch den weiten, langen Raum; im Sturm und Regen ist der Gartenfreund
hier wie im Schlosse selbst gesichert. Um zu lesen oder ein vertrautes
Gespräch zu führen, ist ein solcher Gang vorzüglich geeignet, ja er
erzeugt durch das Offene, Heitere und zugleich Abgeschlossene Vertrauen,
und das auffallend Künstliche dieser Bogenwölbung, so innigst mit der
Baumschönheit verbunden, ist so lieblich und phantastisch, daß es wie
von selbst Poesie und zarte Wunderträume erregt. Preise man nur nicht so
unmäßig jene monotonen, melancholischen englischen Gärten, die weit eher
ein Rückschritt zur Barbarei zu nennen sind, als daß sie die echte,
höhere Gartenkunst sich rühmen, oder gar für die einzig wahre ausgeben
dürften.
Sie blieben die Nacht in Schweinfurt, einem wohlhabenden, behaglichen
Städtchen. Am folgenden Morgen verließen sie die Chaussee, um auf
schlechten Wegen nach dem Badeort Kissingen zu gehen; der Ort ist nur
klein und es waren nur wenige Trinkgäste zugegen. Eine Meile entfernt
ist das Dorf und Bad Bocklet. Hier ist eine schöne grüne Natur,
waldbewachsene Hügel, frische Thalwiesen und eine anmuthige, feierliche
Einsamkeit. Nach einem ziemlich langen Spaziergang kamen sie in den
Speisesaal zur versammelten Gesellschaft. Ferdinand traf einige Damen
und Fräulein, die er wohl sonst in Berlin gesehen hatte. Es überraschte
ihn seltsam, in diesem einsamen kleinen Orte Figuren wiederzufinden, die
er sich bis dahin nur in den großen erleuchteten Salons hatte denken
können.
Hören Sie, sagte Walther zu Wachtel, den er bei Seite nahm, mit welchem
Enthusiasmus unser Freund wiederum von seinen berlinischen Freundinnen,
vorzüglich aber von der Familie aus Madlitz spricht. Er ist übermäßig
glücklich, daß er einige Dämchen getroffen hat, die doch einigermaßen,
wenn auch ungern, in das Lob seiner Schönheiten einstimmen; denn es ist
mehr als ungalant, man kann es unartig nennen, gegen junge Damen andere
abwesende in so hohen Tonarten zu loben. Bemerken Sie nur, wie alle
diese Badeschönheiten die zierlichen Lippen aufwerfen und die Näschen
rümpfen, wie sie so leicht und schonend diesen und jenen Tadel der
gefeierten Grazien einschlüpfen lassen, um der zu schmetternden Trompete
unsers Freundes einen kleinen Dämpfer aufzusetzen. Er ist nicht zu
entschuldigen, wenn er nicht dort, wie ich zu glauben Ursach habe, schon
versprochen ist.
Bei Tische war man heiter, und nur Ferdinand, der es wohl fühlte, daß
die anwesenden Schönen nicht mit ihm zufrieden waren, verließ mit einem
kleinen Mißmuth den Saal. Er ging mit Wachtel und Walther auf den
Kirchhof des Ortes, um das Grab der Auguste Böhmer, der Stieftochter
Wilhelm Schlegels, aufzusuchen. Nicht ohne Thränen konnte er ihrer
gedenken, und sagte endlich: Wie schwach sind doch die Menschen, daß sie
nur selten das Lob eines vorzüglich begabten Menschen, sei er durch
Schönheit, sei er durch Geist ausgezeichnet, mit edler, wahrer
Theilnahme anhören können. Gleich glauben sie, es würde ihnen etwas
entzogen, oder man setze sie gar herab, und so eilen sie denn, sich in
Reihe und Glied zu stellen, was im Grunde lächerlich ist, weil sie
voraussetzen, man müsse sie ebenfalls zu jenen Hochbegabten rechnen. Von
den Verstorbenen ertragen sie schon eher die rühmliche Nachrede. Wie
traurig, daß das Andenken eines so schönen Wesens, wie diese Auguste
war, so schnell erlöschen muß. Diese natürliche Heiterkeit, der Frohsinn
dieses Mädchens, ihr unschuldiger Witz und sanfte Schalkheit, gepaart
mit Verstand und Geschmack, war in ihrer schönen Jugend eine zauberhafte
Erscheinung. Schlegel hat ihrem Andenken einige vorzüglich schöne
Trauergedichte gewidmet. Diese liebliche Erscheinung gehörte ebenfalls
zu der frohen, geistreichen Gesellschaft, von der ich neulich in so
starken Ausdrücken sprach, so wie die feine, geistreiche Mutter dieser
Auguste, eine höchst gebildete Frau, die jetzt die Gattin Schellings
ist. Diese Frau hatte ein so feines, geübtes Ohr, daß Schlegel sie bei
seinen Gedichten und Uebersetzungen zu Rathe zog, und sie entschied fast
immer, wenn er zwischen drei oder vier verschiedenen Lesearten ungewiß
war, welche er als die wohllautendste oder passendste wählen sollte.
Diese Frau, so wie die Gattin Hubers und noch wenige, gehörten ohne
Zweifel zu den frühesten und entschiedensten Bewunderern unsers Göthe;
viele der künftigen Literatoren werden es vielleicht nicht glauben
wollen, wie sehr edle und geistreiche Frauen in unserer deutschen
Literatur den Ausschlag gegeben haben. Als ich vor ungefähr zehn Jahren
Berlin wiedersah, war unter den vorzüglichsten der dortigen Frauen Das
längst ausgemacht, was Recensenten, Dichter und Gelehrte nicht begreifen
wollten, daß Göthe unser größter Nationaldichter sei, ein Poet in
wahrster und höchster Bedeutung, und daß die großen Talente, die
mitunter selbst im Einzelnen etwas Größeres als er leisten möchten, sich
doch mit der Großheit und Vollendung seines Wesens nicht messen dürften.
Die Mutter Auguste's reisete vor drei Jahren hieher, um die Bäder zu
brauchen, und mußte ihre schöne, liebenswürdige Tochter hier begraben
sehen.
Am Abend gelangten sie noch bis Neustadt an der Sale. Die Formen der
Berge waren hart und rauh, Alles schien nördlich und unfreundlich. Die
Freunde waren zu verdrossen, um die Ruine, eine der ältesten, in der
Nähe der Stadt zu besteigen.
Bei der Fortsetzung der Reise schalten sie am folgenden kalten Morgen
über die finstern, widerwärtigen Gestalten der Berge. Kurz vor Meiningen
liegt die Ruine Henneberg zwischen schönen Tannen. In Meiningen fragten
sie nach Jean Paul, der aber schon nach Franken gezogen. Durch schöne
Gegenden und Thäler fuhren sie nach Bad Liebenstein, dessen romantische
Lage sie wieder erfreute, und fanden hier ihren Freund Carl von
Hardenberg wieder, den ein jüngerer Bruder, Anton, begleitet hatte.
Die schöne Gegend wurde am folgenden Tage durchstreift, die alte Burg,
die kräftigen Wälder, die grottenartigen Felsen besucht. Man speisete im
Freien unter schönen großen Bäumen, durch den Berg gegen Winde
geschützt. Am Nachmittage fuhr ein prächtiger Postzug mit vier schönen
Rappen vor, und die Freunde glaubten irgend einen Prinzen ankommen zu
sehen, als zu Walther's Erstaunen jener Freysing, den er vor zehn Jahren
in Erlangen gekannt hatte, aus dem Wagen springt, von seinen Bedienten
unterstützt. Sind Sie's wirklich? fragte Walther, und der Fremde eilte,
den lange nicht Gesehenen zu umarmen.
Nachdem man sich begrüßt hatte, gingen Walther und Freysing zu einer
einsamen Stelle, ziemlich weit vom Bade entfernt. Es freut mich, fing
Walther an, Sie so wohlhabend und reich wiederzufinden; Sie müssen in
glücklichen Umständen leben.
Glücklich? rief Freysing aus: Sie sehen den unglücklichsten Kerl auf
Erden vor sich! Reich? o ja, insofern ein Spieler sich so nennen kann.
Sie wissen um den sonderbaren Zufall, daß ich damals in Nürnberg jene
große Summe gewann, durch welche ich alle meine Gläubiger befriedigen
konnte. Statt nach meiner Heimath zurückzukehren und eine Bestimmung zu
suchen, ging ich mit den dreihundert Goldstücken, die mir noch übrig
waren, nach einem großen Badeorte, Wo hoch gespielt wurde, und gewann
wieder auf seltsame, unerhörte Weise. Ich war in dem Zaubernetz
gefangen, daß ich nur Karten dachte und träumte. War die Nacht schon
weit vorgerückt und ich übermüdet und demnach fieberhaft aufgereizt, so
war es, als wenn ein Dämon meine Finger in meiner Betäubung regiere, und
ich, so stumpf ich war, bestimmt wisse, welche Karte gewinnen müsse. Wer
es nicht selbst erlebt und diese quälende Lust an sich erfahren hat, hat
keinen Begriff davon, wie teuflisch wild, wie gräßlich heiter das Leben
eines Spielers ist. Ich war bald reich genug, selbst Bank zu halten. So
ist der grüne Tisch, Gold und Karten meine Heimath, mein Ein und Alles,
mir Frau und Kind und Religion und Natur. Ich habe keinen Sinn für
irgend was. Wenn meine Gehülfen schon in der Nacht kaum noch die Augen
aufzwingen können, fluche ich über mein verdammtes Geschäft, lege mich
betäubt und krank nieder, wandle umher, esse, und kann die Zeit nicht
erwarten, bis das Geklirr und Rauschen des Goldes auf dem grünen Tische
wieder anhebt. Ich stehe auf, um fünf- oder sechstausend reicher, und es
macht mir keine Freude; ich verliere ebensoviel, und es ist mir ganz
gleichgültig, und doch ist der verfluchte Gewinn der Sporn, welcher mich
stachelt. Wenn ich reise, so kommt oft, wie ferne Erinnerung aus Wald
und Fels, ein edles Gefühl auf mich zu, eine Wehmuth ergreift mich über
mein zerstörtes Leben, und ich entlaufe dem Gefühl im Pharo; oft schon
dachte ich, ein schönes, liebes Mädchen könne an meiner Seite mit mir
meines Reichthums genießen; aber plötzlich fallen mir die Fratzenbilder
der Kartendamen ein, und welche mir schon große Summen gewonnen, und
Leben und Schönheit erblaßt vor diesen Gespenstern. Meine Eltern sind
gestorben und ich habe sie nicht wiedergesehen. Wenn ich einmal Alles
verlieren sollte, so werde ich mir mit der größten Kaltblütigkeit eine
Kugel durch mein zerrüttetes Hirn jagen.
Walther würde vielleicht von dem Wahnsinn und Elend seines ehemaligen
Freundes noch tiefer erschüttert worden seyn, wenn er nicht stets nach
der großen, wunderbaren Höhle geblickt hätte, in deren Nähe sie
wandelten, die jetzt verschlossen war, und die morgen, am Sonntage,
magisch erleuchtet werden sollte, zu welcher Festlichkeit sich viele
Menschen aus der Umgegend, sowie aus Meiningen versammelten. In dieser
Menschenmasse hoffte er denn morgen auch seinen Feind, den er so lange
schon vergeblich verfolgt hatte, sowie die schöne Maschinka,
anzutreffen.
* * * * *
Der Sonntag, der 24. Julius, war erschienen. Ferdinand begriff nicht,
weshalb Walther so feierlich sei; dieser, indem er jede Art von
Unterhaltung vermied, schien auf etwas gespannt, das sich im nächsten
Augenblicke erklären müsse.
Ferdinand schien ebenso bewegt, und Wachtel beobachtete die beiden
Freunde, indem er zu sich selber sagte: Narren sind beide, das ist
gewiß, aber jeder nimmt einen aparten Anlauf, um vollständig thöricht zu
seyn. Der Ferdinand bereitet sich auf die Höhlenerleuchtung vor, wie auf
das Einweihungsfest eines Rosenkreuzers, und der Walther, der weit mehr
Baron ist, wird, so bärbeißig er auch jetzt thut, die Sache nachher als
Lappalie behandeln. Kürzlich soll der Pfarrer einmal in der Höhle
gepredigt haben, kann seyn, daß man nächstens ein Melodram, ein
Banditenstück, oder ein allegorisches, mit Erdgeistern drin spielt.
Beim heitern Sonnenlicht ging man eine Stunde vor Mittag in die große
und von vielfachen Gängen durchschnittene Höhle, welche man erst seit
einigen Jahren entdeckt hatte. Schwebende Lampen erhellten von oben das
Gewölbe, versteckte Lichter, die unten und ungesehen brannten,
erleuchteten seltsam die Gänge, die bald höher, bald niedriger, bald
breiter oder enger sich durch die Räume zogen. Ferdinand war bezaubert,
Walther erstaunt und Wachtel geblendet. Unglaublich viele Menschen waren
in diesen unterirdischen Räumen versammelt und wogten hin und her,
redend, flüsternd, lachend, allerhand Dinge erzählend, und andere wieder
lallend bewundernd, oder bei jeder Beugung des Ganges staunende
Ausrufungen ausstoßend. Wahrlich, sagte Wachtel, wer sich hier ein
Liebchen herbestellen könnte, Oheim, oder Vater, oder Vormund zum Trotz,
der hätte ein Rendezvous, um nicht das dumme Stelldichein zu brauchen,
allhier, wie sonst in Europa kein zweites. Läuft nicht Alles wie Feen
und Geister so zwitschernd und flüsternd durcheinander? Und bei der
Geistercompagnie hört man nichts Bestimmtes, man vernimmt nur wie
unterirdische Chöre. Man sieht nicht deutlich, sondern ist nur
geblendet, bald ist es finster, bald zu hell, und der Widerschein von
den dunkeln Felsengruppen mischt sich wie ein Traum in jedes
Verständniß. Meine alte Muhme, sowie meine häusliche liebe Gattin
könnten mir hier zur Helena oder einem thessalischen Zauberbilde werden.
Stoßen Sie mich nicht so sehr mit dem Ellenbogen, mein Herr von Spuk;
zwar in der Unterwelt vergessen sich alle Höflichkeiten.
Was der Freund hier im Gebiet der Phantasterei schwadronirt, sagte
Walther, doch horch -- still -- was ist das? --
Wundersame Musik von Waldhörnern klang herüber. Ein Chor von blasenden
Musikanten war oberhalb, ohne daß man sie sehen konnte, in einer
Felsennische aufgestellt. Immer wunderbarer! rief Walther aus. Mich
schwindelt! Und es war nicht unbegreiflich, da surrend, brummend,
flüsternd und halb leise sprechend so viele Gestalten vorübergingen,
sich begegnend, grüßend, andere geblendet und sich nicht kennend. --
Jetzt standen sie vor einem kleinen See. Ein Nachen fuhr von jenseit
herüber, und Ferdinand stieg hinein. Ein anderer Fremder drängte sich
hinzu, und Walther vernahm von einer weiblichen Stimme den leisen
Ausruf: Romeo!
Walther machte die Bewegung, in den Kahn nachzusteigen, als dieser schon
abfuhr und sich in der Dämmerung entfernte. Bei dem ungewissen Licht
konnte er die Gestalten nicht mehr unterscheiden; ja, er war selber
ungewiß, ob sich Ferdinand auch unter jenen Gestalten befunden, die im
Dunkel schon ganz verschwunden waren. Er wendete sich rückwärts, um
Wachtel wieder aufzusuchen, der sich ihm im Getümmel verloren hatte,
aber er konnte, so sehr er sich bestrebte, Niemand genau erkennen, so
blendeten die vielfach zerstreuten und sich kreuzenden Lichter.
Sinnverwirrend war das Geflüster, und die hin und wieder fliehenden
Worte und Reden der Wandernden, die sich begegneten, kreuzten, suchten
und sich wieder verloren. Endlich sah er Wachteln und bat diesen, bei
ihm zu bleiben. Wachtel stellte sich neben ihn, und da die Musik der
Hörner jetzt wieder begann, so kehrten sie um, um die wunderbare
Harmonie näher zu hören. Können Sie es begreifen, sagte Wachtel, daß
unser Ferdinand die Höhle und dieses magische Schauspiel, welches doch
recht eigentlich für ihn eingerichtet zu seyn scheint, schon wieder
verlassen hat?
Wie? rief Walther, ich hätte schwören wollen, ich habe ihn da hinten den
finstern Kahn besteigen sehn, um die stygische Flut zu überschiffen.
Nein, sagte Wachtel, er ist unlängst mir vorbeigelaufen, um, wie er
sagte, zur alten Burg hinaufzusteigen, weil ihn dies Getümmel hier zu
sehr betäube.
Man wird thöricht und verwirrt, erwiederte Walther, so wunderlich und
romantisch das Ganze auch angeordnet ist.
Jetzt ließen sich einige polnische Reden in der Nähe vernehmen, und da
Walther der Sprache kundig war, so verstand er, daß zwei Männer ein
Frauenzimmer suchten, die mit einem Hauptmann in der Höhle spazieren
wandle. Jetzt war Walther überzeugt, diese wären Mitwissende und könnten
nur von der verlorenen Maschinka reden. Er hielt sich in der Nähe dieser
Fremden und verlor darüber seinen Freund Wachtel wieder aus dem
Gesichte.
Die Polen wurden immer eifriger im Suchen, endlich sagte der eine in
seiner Sprache: ich fürchte nur, bei ihrer großen Reizbarkeit und
Nervenschwäche wird sie nach diesem sonderbaren Tage wieder auf lange
krank seyn.
Doch, antwortete der Andere, übersteht sie oft Alles besser, als man es
fürchten muß, wenn sie ihre Imagination nur beschäftigen kann, und diese
findet doch hier des Spieles genug. Nur ruhen muß sie nachher.
Ein lauter Ausruf entstand, indem man sich vorwärts bewegte, denn ein
Kind war gefallen, welches einige Damen liebkosend und tröstend
aufhoben. Indem glaubte Walther in der gedrängten Gruppe die Gestalt
Ferdinands wieder wahrzunehmen. Als er sich aus dem Gedränge freigemacht
hatte, waren, indem er umherblickte, die Polen seinem Auge wieder
entschwunden. Er eilte verwirrt nach einer andern Richtung und jetzt
glaubte er deutlich wahrzunehmen, daß Ferdinand in einiger Entfernung
vor ihm hergehe und ein schön gewachsenes, reich gekleidetes
Frauenzimmer am Arme führe. Er suchte in ihre Nähe zu kommen, und indem
er schon seinen Arm ausstreckte, um seinen Freund zu berühren, rief die
Stimme des Polen dicht hinter ihm: Maschinka! Jetzt sah er, daß
Derjenige, welcher die Dame führte, nicht Ferdinand sei, aber seine
Ahndung, hier Maschinka und ihren Entführer endlich zu treffen, war doch
in Erfüllung gegangen. Er packte also den Fremden ziemlich unsanft am
Arm und rief: Hier habe ich Sie also doch, nach vielen Mühungen, mit
Ihrer Maschinka entdeckt! Indem war der Pole mit einem Ausruf der
Verwunderung ebenfalls näher gekommen, und wie erstaunt und beschämt war
Walther, als er in dem Festgehaltenen seinen Reisegefährten Wachtel
erkannte und sich jetzt die Dame, eine hochbejahrte Frau, herumwendete.
Wie? mein Herr! fragte der Pole: Sie wagen es, meine Schwester zu
beleidigen?
Keine Beleidigung, mein Herr, rief Walther, ich hielt die Dame und
diesen meinen Freund für ganz andere Wesen, und bitte, mir meinen
Irrthum und die Uebereilung zu verzeihen.
Die alte Dame faßte jetzt den Arm des Bruders, indem sie sagte: Als ich
Dich verloren hatte und ziemlich ängstlich umherirrte, war dieser Herr
so gütig, sich meiner anzunehmen. Der Pole dankte Wachteln mit artigen
Worten und dieser erwiederte lachend: Es ist Nichts natürlicher, als daß
man in diesem unterirdischen Reiche der Phantasterei etwas confuse wird.
Das Gedränge von Menschen, welches sich in dem engen Raume aus Neugier
versammelt hatte, lösete sich wieder auf, und Walther eilte jetzt
verdrossen und verstimmt aus der Höhle und Wachtel folgte ihm, um ihm im
Freien seine Klagen vorzutragen.
Mein Theuerster, fing er, als sie im Felde standen, an, Sie haben
mitunter sonderbare Launen, die man nicht begreift. Was haben Sie mit
dem Namen Maschinka, daß er Sie immer so außer sich versetzt? Sie haben
mich so stark in meinen Arm gezwickt, als wenn Sie ihn mir zerbrechen
wollten, und in Ihrem Tone, mit dem Sie sprachen, lag etwas so Drohendes
und Beleidigendes, daß ich vorher recht böse auf Sie hätte werden mögen.
Sie haben ja gehört, rief Walther unmuthig aus, daß ich mich geirrt, daß
ich Sie für wen ganz Andern nahm. Eine gewisse Maschinka ist eine
Bekannte von mir, eine junge Dame, ein Frauenzimmer, das ich kenne, eine
weitläufige Anverwandte, die ich gerne wiedersehen möchte, und die sich
wahrscheinlich im Auslande befindet, ein wohlgebildetes Fräulein, die
wohl vielleicht schon verheirathet ist, -- mit einem Worte, eine Dame,
die ich gerne wiedersehen möchte.
Wachtel lachte laut auf und sagte dann: Ich danke für dieses herzliche
Vertrauen und diese offene Mittheilung. Er lachte wieder, und Walther,
dessen Verlegenheit sichtbar war, bat ihn, wieder ernsthaft zu seyn und
ihm zu vergeben, daß er ihm nicht mehr sagen könne. Haben Sie die
Gefälligkeit für mich, fügte er dann hinzu, unserm Ferdinand von dieser
lächerlichen Scene nichts zu erzählen. Genug, daß ich vor Ihnen und
jenen Fremden beschämt und verlegen gestanden habe, und daß Sie mich so
von Herzen auslachten, scheint mir Strafe genug. Versprechen Sie mir
das, denn ich bin in diesem Punkt vielleicht etwas zu empfindlich.
Ich gebe Ihnen mein Wort, ihm kein Wort davon mitzutheilen, antwortete
Wachtel; aber auch gegen meinen Ferdinand sind Sie seit einiger Zeit
nicht mehr so herzlich, als Sie es im Anfange unserer Pilgerschaft
schienen. Wenn Sie auch in den meisten Dingen anderer Meinung sind, so
sollten Sie doch sein Gutes und seine Freundschaft für Sie anerkennen.
Daß wir die meisten Dinge der Welt aus einem verschiedenen Standpunkte
ansehen, erwiederte Walther, macht mir ihn nur lieber, seine Schwärmerei
und sein Hang zum Aberglauben ist mir an ihm interessant; aber -- um
ganz aufrichtig zu seyn -- seit wir da oben auf dem Schlosse bei Bamberg
waren, in Glich, bin ich mißtrauisch gegen seinen Charakter geworden.
Wenn ich seine frommen Reden bedenke, wenn ich höre, wie sentimental er
von der Liebe spricht, wie verschämt er in Gesellschaft roher Menschen
thut, für einen Mann fast tadelnswürdig jungfrauenhaft, und denke dann
daran, wie er uns entlief und wieder zu dem schönen Mädchen nach dem
einsamen Saale hinaufeilte, so halte ich ihn für einen Lüstling, der
zugleich heuchelt und den Tugendhaften spielt. Mich wundert nur, daß
jenes schöne Kind, die Tochter des Försters, ihn sogleich erhören
konnte, wie es doch schien. Er erhält Briefe, die er verheimlicht, er
weicht uns oft aus und entfernt sich unter den nichtigsten Vorwänden;
hat er etwas Wichtiges zu verschweigen, so sollte er mir dies wenigstens
eingestehn; sind aber seine Heimlichkeiten immer kleine unerlaubte
Liebeshändel, so ist sein Charakter nicht so beschaffen, daß ich ihn zum
Freunde behalten möchte.
Mein Herr, sagte Wachtel mit einiger Feierlichkeit, sind Sie etwa damals
in Glich auf unsern Freund gar nicht eifersüchtig gewesen? denn das
schöne Mädchen schien Ihnen auch zu gefallen. Was er liebt, wie er
liebt, wie orthodox oder heterodox, sentimental oder liberal er die
Sache betreibt, ob sein Herz nur Raum für einen Gegenstand hat, ob es
vielen zugleich Quartier geben kann, ob die eine seine Göttin ist und
andere nur Dienerinnen, oder Zerstreuerinnen seiner Melancholie, über
alles Dieses erlaube ich mir kein Urtheil und keinen Richterspruch, wenn
er mich nicht selbst in seine Geheimnisse einweiht. Aber er ist gut und
edel, darauf kenne ich ihn von Jugend auf. Geheimnißkrämerei ist immer
seine Liebhaberei gewesen. Und Sie sind ebenfalls geheimnißvoll gegen
ihn. Mir scheint, keiner weiß vom Andern etwas Bedeutendes, Zufall und
Laune haben Sie vereinigt, aber das Leben, die Verhältnisse eines Jeden
sind dem Andern verborgen. Ich kenne Ferdinand seit lange und bin
vertraut mit seinem früheren Leben, aber was seit zehn Jahren mit ihm
geworden ist, liegt für mich auch ganz im Dunkel.
Walther reichte ihm die Hand und sagte: Sie haben nicht Unrecht; ich
hoffe, im Verlauf der Reise wird sich noch die Gelegenheit finden, daß
wir unsere Verhältnisse näher kennen, dann sollen Sie erfahren, warum
ich jetzt Ihnen so wenig als Ferdinand von meinen Verbindungen und
Absichten etwas vertrauen kann.