Von dem schönen Heidelberg aus haben wir eine kleine Fußreise gemacht,

um Neckar-Steinach und die drei Ruinen zu sehen, die dort dicht neben

einander liegen. Das eine wüste Schloß war der Aufenthalt des

berüchtigten Lindenschmidt. Ein runder, steiler Hügel, der Dielsberg,

macht dort einen sonderbaren Anblick; hier verließ uns Keyser, der uns

begleitet hatte, um nach Heidelberg zurückzukehren. Wir hatten jetzt

einen schönen Weg nach Hirschhorn, welches am Neckar liegt. Ein altes

Schloß und Kloster sind hier, die uns durch ihre Alterthümlichkeit große

Freude machten. Wir nahmen ein Schiff, und fuhren, von einem Pferde

gezogen, den Neckar stromaufwärts. Die Gegend ist reizend, viele alte

Schlösser, die noch ganz in ihrem ehemaligen Zustande sind, werden

bewohnt. In Eberbach war viel Getümmel und ein Aufzug der Bürger. Nach

einigen Stunden jenseits dieses Städtchens verließen wir das Schiff

wieder, um zu Fuß zu wandern. Minneberg und zwei Hügel dort bilden eine

reizende Gegend. Bei Neckar-Els öffnet sich das Thal. Vor der Stadt nahm

uns ein schlechtes Wirthshaus auf und Walther miethete aus Eigensinn ein

sonderbares Fuhrwerk, um sich nur mit keinem Hauderer, der vielleicht

auch nicht vorzüglich gewesen wäre, einzulassen. In den meisten

Menschen, selbst vernünftigen, offenbart sich zuweilen eine falsche

Poesie, die sie im Leben selbst suchen oder unmittelbar in dieses

hineintragen wollen. Bei den ganz dummen Wirthsleuten hatte er auf

Erkundigung erfahren, sie hätten einen leichten Einspänner, der auf zwei

Rädern laufe. Vielleicht fielen ihm die italienischen Sedien oder ein

flüchtiges Cabriolet ein; genug, er miethet das Ding, um so mit uns am

folgenden Mittag in Heilbronn anzukommen. Ich entsetzte mich nicht

wenig, als am Morgen das elende Gespann vorfuhr. Was war es? Ein

viereckter, grob geflochtener Korb, der auf zwei hohen Rädern

unmittelbar auf der Axe lag. Man hatte Säcke und Stroh hineingelegt. Ich

schlug vor, lieber zu Fuß zu wandern, aber der boshafte Wachtel hatte

seine Freude an diesem Skandal, und Walther wollte sich kein Dementi

geben. Wir klemmten uns, so gut es gehn wollte, in den verwünschten Korb

hinein, und ein blödsinniger Knecht unternahm es, uns mit einem steifen

Gaul so in Heilbronn im Triumph aufzuführen. Zwei Stunden von dort liegt

der Hornberg, welchen Götz von Berlichingen von Conrad Schott kaufte und

wo er den größten Theil seines Lebens hauste. Der steile Berg ist auf

zwei Seiten mit Wein bebaut, von oben hat man die Aussicht über das

offene Neckarthal und über die gegenüber liegenden niedrigern Felsen.

Auf der Hinterseite des Berges ist ein enges Thal und ein herrlicher

Wald, der sich bis dicht an die Burg erstreckt. Alles ist oben, auf dem

Wege zur eigentlichen Festung, mit wüstem, verwachsnem Gestrüpp bedeckt.

Aus den Zimmern und Sälen des Schlosses genießt man einer vortrefflichen

Aussicht. Vor kurzem hätte das ganze Haus noch mit wenigen Kosten zum

Bewohnen erhalten werden können, jetzt ist es verfallen und wird nach

einigen Jahren wohl ganz zerstört seyn.

Wir fuhren dann durch ein Städtchen Gudelsheim, das den deutschen Herrn

gehört, und ließen uns nach Wimpfen übersetzen. Vor Heilbronn verließen

wir doch, trotz unsrer Aufklärung, unsern Karrn und zogen zu Fuß in die

Stadt ein. Alles wurde hier zur Huldigung des neuen Herrn eingerichtet,

der Altar in der protestantischen Kirche war abgetragen, recht gut

scheinende Gemälde waren, ihm zu Ehren, neu übermalt und verdorben.

Kirche und Thurm gehören zu den merkwürdigen Gebäuden. Der berühmte

wasserreiche Brunnen der Stadt hat durch eine neue schlechte Balustrade,

um die man die alte Einfassung, die besser war, wegreißen mußte, viel an

seinem Wasser verloren. Am Rathhause wurde eben ein schönes steinernes

Geländer weggebrochen, um Latten besser anbringen zu können, an welchen

die Lampen zur Illumination befestigt werden. Wir besuchten die Orte,

die uns von früher Jugend auf durch den Berlichingen und Göthe's Werk so

merkwürdig sind. Auch den gewundenen Thurm kletterten wir hinauf und

standen oben, neben dem Ritter, wie mich dünkt, dem heiligen Kilian.

Hätten wir es unterlassen können, nach Weinsberg hinauszufahren? Durch

Bürger's Romanze ist dieser Ort und die That der Weinsberger Frauen im

Munde alles deutschen Volkes. So manches die Kritik gegen Bürger's

Balladen und Romanzen mit Recht ausstellen kann, so vorsätzlich er so

oft den alten einfachen Ton, jenes Geheimniß, im Wenigen und im

Verschweigen viel zu sagen, worin Göthe der größte Meister ist, vermied

und nicht finden konnte, so bin ich doch überzeugt, Bürger's Balladen

werden bei uns länger, als die von Schiller leben, der (in wenigen

ausgenommen) noch mehr jene stille Einfachheit verletzt hat.

Um Heilbronn ist eine schöne grüne Natur und wir waren alle mit unserm

Tagewerk zufrieden. Wie schön ist es, in einem Lande zu leben, wo

Städte, Bildwerke, Felsen und Berge auf alte Geschichte, auf große

Kaiser und merkwürdige Begebenheiten hinweisen. Wie herrlich ist in

dieser Hinsicht Deutschland ausgestattet! Mir kommt es fürchterlich vor,

in Amerika leben zu müssen. Und die verschiedenen Epochen der

Kaiserherrschaft, des Aufblühens der Familien, des stets wechselnden

Verhältnisses, der großen wie kleinen Fehden und die mannigfaltigen

Gestaltungen und Umwandlungen des Ritterthums, von der höchsten Bildung

und der schwärmenden, poetisch-fanatischen Verehrung der Frauen bis zum

niedrigen, rohen Räuberhandwerk hinab, alles Dies, glaube ich, hat sich

nirgends so wundersam, vielseitig, grell abstechend gewiesen, als in

unserm Deutschland. Unsere unwissenden Autoren, die diese Gegenstände

behandeln, haben sich aber eine gewisse rohe Manier gebildet, die immer

in Zank, Großsprecherei und leeren Worten wiedertönt, ohne uns auch nur

im mindesten ein Bild und anschauliches Gemälde jener Zeiten zu geben.

Andre sehen nur Greuel, Verwilderung und Mord in jenen Tagen der

merkwürdigsten Entwicklung, und bedenken nicht, daß, wenn die Welt so

beschaffen gewesen wäre, wie sie sie verlästern, in kurzem weder Gute

noch Böse, Freie und Knechte würden übrig geblieben seyn.

Wie aber Gefühle absterben, wie der Sinn für das Schönste sich verlieren

kann, muß ich täglich mehr erfahren. Rührt uns schon in Stadt und Feld

die Hinweisung auf Geschichte und belebt und weiht den todten Stein und

den Wald, wie viel mehr jenes Mahnen an die Wunder und die Süßigkeit

unserer Religion. Und diese forttönende Poesie, dieses Erklingen der

feierlichen Harfensaiten, diesen still lebenden und stumm beredten

Gottesdienst in der Einsamkeit der Natur, im Gewühl des Marktes, in

Felsgrotten und Wäldern, im Verherrlichen der Brücken und Ströme finde

ich nur noch in den katholischen Provinzen. An Zoll und Polizei, an

Argwohn und Paß, an Aufsicht und Visitation werden wir im

Protestantischen genug erinnert, an die Bedeutung des Christenthums fast

niemals. Ja, jene Wundersagen, jene Bildwerke, Hymnen, Klöster, Mönche,

heilige Jungfrauen, Vorbitten und Schutzheilige sind Gegenstände des

Spottes und Hasses. Und die besten Menschen können sich oft von diesem

Aberglauben gegen den Aberglauben, von dieser Gespensterfurcht, daß der

Glaube an Gespenster wieder kommen könnte, nicht frei erhalten. So

konnte es mein neu erworbener Freund, Keyser, nicht begreifen, wenn ich

behauptete, die Reformation sei zwar eine nothwendige gewesen, sie habe

der Welt und namentlich Deutschland unendliches Heil gebracht; aber viel

Schönes, Großes und Heiliges sei mit Zerstörung des Schlechten zugleich

vernichtet worden, und dies sei es, was der eifrige Protestant nie

anerkennen wolle und was die Katholiken selbst nicht zu würdigen wissen.

Auch ein schlechtes Bild an der Landstraße rührt mich, weil es auf jene

Geheimnisse hindeutet, die wir nie vergessen sollen, wenn wir sie gleich

auf dem gewöhnlichen Wege niemals begreifen können. Die Fratzen in

manchen Kirchen stören mich so wenig wie die oft ungelenken Priester;

denn auch im unansehnlichen Dornbusch blüht der Frühling heraus und

bewegt mich, als ein Zeichen der allgemeinen Auferstehung des

Lebendigen.

Dies Gefühl des Mitleidens in der höchsten Liebe, daß wir durch

Selbstaufopferung das Opfer der Liebe vergüten möchten, diese schönsten

Gefühle sind es gerade, die die meisten Menschen von sich abweisen oder

die Härteren als unrecht verdammen. So heben sie sich für den Sonntag,

für Orgel und Predigt die feierlichen Empfindungen auf, oder sie

schließen einen verständigen Contrakt mit dem unbegreiflichen Wesen,

welches sie Gott nennen, um gegenseitige Pflichten und Verbindlichkeiten

klar im Auge zu behalten. Der Vers eines Liedes aber, Abends unter einem

Crucifix still und andächtig gesungen, der Blick des betenden Greises

auf einsamem Waldplatz zum leidenden Heiland hinauf, der Kuß, den das

Kind auf seinen Rosenkranz drückt, die Thräne der Mutter, welche auch

den Sohn verlor, vor der Mater dolorosa, sagen mehr, als alle jene kalte

Weisheit verkündigen und lehren kann.

Sie kennen ja aber, theure Freundin, meine Gesinnungen über diese

Gegenstände und stimmen mir bei. Ich hoffe Sie bald zu sehn; im Herbst

gewiß.

* * * * *

Walther war aus andrer Ursache nachdenklich von Weinsberg

zurückgekommen. Er hatte an der Wand der Kapelle, auf welcher die

Geschichte der treuen Weinsberger Weiber gemalt ist, mit Bleifeder

frisch angeschrieben deutlich die Worte gelesen: »Romeo, in der Höhle zu

Liebenstein findest Du den 24. Juli M -- Julia.« -- Seine Gefährten

hatten die Schrift nicht bemerkt, ihm aber flüsterte sein Genius zu,

diese Hinweisung rühre von jener vielgesuchten Maschinka her, die den

Mann, welchen er verfolgte, in Liebenstein erwarte. Sein Entschluß war

daher gefaßt, nach Liebenstein zu gehn und gewiß am 24. Julius in dieser

Höhle zu seyn, in welcher er diesen Romeo zu entdecken hoffte. Er konnte

sich selber keine Rechenschaft davon geben, warum er sich die wenigen

Worte so erklärte, warum er der Meinung war, sie müßten von jener

entflohenen Maschinka herrühren, deren Handschrift er niemals gesehn

hatte. Aber dieser blinde Trieb, dieser Instinkt schien ihm gerade ein

Beweis dafür, daß er auf der richtigen Spur seyn müsse.

Am folgenden Morgen trug er, ohne seine Gründe anzugeben, darauf an, daß

man noch einiges Merkwürdige in der Nähe betrachten, dann aber nach

Liebenstein reisen möge. Mein theurer Freund, sagte Ferdinand, mit

einiger Heftigkeit: wie kommen Sie auf diesen Entschluß? Warum nach

Liebenstein? Ich hoffte, wir würden von hier aus uns mehr südlich und

nach dem Schwarzwald, vielleicht sogar nach der Schweiz wenden, um einen

Theil des Herbstes in den schönen Alpengegenden und an den erfrischenden

Seen zuzubringen. Und nun schon, noch so zeitig im Jahre, uns wieder

nach Norden wenden? das sieht schon wie Rückkehr aus, die ich in diesem

wahrhaft schönen Sommer, der uns vielleicht noch lange begünstigt, weit

hinausschieben möchte.

Schon umkehren? rief Wachtel aus: wie? Ich habe auf den Rhein und die

schönen Weinplätze Bacharach, Rüdesheim, Nierenstein gehofft -- und nun

wieder in das kalte Bierland hineinreisen? Ei, welch ein böser Geist hat

Ihnen, verehrter Freund, den bösen Gedanken zugeraunt?

Sie wissen, fuhr Ferdinand fort, mir ist nur in den Gegenden, wenn ich

in der Fremde bin, recht wohl, wo ich die alten Münster, den

katholischen Cultus, die Bilder und Feierlichkeiten, so wie Alles, was

damit zusammenhängt, sehe und mein Gemüth erhebe. Haben wir doch oft

genug darüber gestritten. Es ist fast, als wenn ich eine Geliebte

verlassen, indem ich diesen schönen Provinzen wieder den Rücken wenden

soll.

Geliebte! sehr wahr! rief Wachtel, fast schluchzend. Ich kenne das

schon, um wie viel theurer und schlechter der Wein in den Gegenden dort

oben ist. Nun habe ich mein Herz hier so weit hinweg spazieren geführt

und es so recht gemüthlich im Sonnenschein der Andacht ausgelabt und

eingesommert. Ich kann schwören, mit jeder Meile, die mich von meiner

Frau um eine mehr entfernt, fühle ich meine Liebe zu der vortrefflichen

Person inniger und brünstiger. Welchen schönen Liebesträumen hing ich

nun nach, daß noch wenigstens hundert Meilen sich zwischen uns legen

sollten, um mich so recht und voll in die erste Jugendliebe hinein

reisen und rasen zu lassen. Das hätte vielleicht eine so ausbündige

Verliebtheit zu Stande gebracht, wie nur jemals zwischen Abälard und

Heloisa stattgefunden hat, -- und nun soll ich plötzlich ernüchtert

werden, denn das weiß ich im voraus, mit jeder Meile, die ich jetzt

schon, um so vieles zu früh, der Theuern näher komme, wird mein Herz

kälter, und Sie haben es zu verantworten, Baron, wenn ich als ein

rechter Gimpel, als kalter Frosch, als miserabler Philister meiner Alten

ganz herzlos und krüppelmatt an den Hals falle.

Walther sagte lachend: liebe Freunde, es kann nicht meine Absicht seyn,

Sie irgend in Ihrer Reiselust hemmen oder auf falsche Wege verlocken zu

wollen. Unsre Trennung, wenn sie jetzt so viel früher eintritt, wird

mich schmerzen; aber wir finden uns wohl später wieder. Was mich jetzt

nach Liebenstein zieht, ist ein kleines Geschäft. Sie wissen, wir Alle

hatten bei unsrer Abreise von Dresden keinen festen Plan, wir wollten

uns leichtsinnig dem Zufall und unsrer Laune ganz überlassen. Vergessen

haben Sie aber ganz, daß wir beim Abschiede in Karlsbad unserm Freunde

Carl Hardenberg fest versprachen, ihn in Liebenstein wiederzusehn. Diese

Zeit ist jetzt, und versäumen wir sie, so treffen wir ihn dort nicht

mehr an und er hat uns vergeblich erwartet.

Es ist wahr, sagte Ferdinand, wie aus tiefem Nachsinnen erwachend;

dieses Versprechen, welches fast ein feierliches war, ist mir seitdem

ganz entschwunden. Und so begleite ich Sie denn, lieber Walther, theils

um meiner Pflicht gegen jenen Freund zu genügen, andrerseits aber, um

länger in Ihrer Gesellschaft zu seyn und mit Ihnen die Schönheiten

unsrer Reise zu genießen.

Sei's drauf gewagt, rief Wachtel, sollte ich auch mit ganz eiskaltem und

erfrornem Herzen zu meiner vielgeliebten Gattin zurückkommen. Ich weiß

nicht, ob es Heilige giebt, denen sich ein kalt werdender Liebhaber und

Gatte empfehlen kann, oder ob Protektoren der zärtlichen Ehe angestellt

sind, die die Flammen so anfachen, wie der heilige Kilian sie auslöscht;

wenn Du mir, Ferdinand, keinen zu nennen weißt, so ist das eine große

Lücke in Deinem vielgepriesenen, bilderreichen und wundervollen

katholischen Cultus. Der Abälard, der dazu passen könnte, war außerdem

schon ein Ketzer; und seine Heloisa gilt auch für eine fromme Sünderin;

und so hat die Kirche die beste Gelegenheit versäumt, durch zeitgemäßes

Canonisiren diesem Bedürfniß abzuhelfen.

* * * * *

Die Freunde reiseten nach diesem Entschlusse queer durch das Kocherthal

und besuchten Neustadt an der Linde. Von einer außerordentlich großen

Linde hat dieses Städtchen seinen Beinamen. Nach dieser anmuthigen

Gegend kamen sie durch den Harthäuser Wald. Das Thal der Jaxt ist

zerrissen, die Weinberge schroff, kahl und weiß, und das Land ist hier

weniger fruchtbar, als das Thal der Kocher. Eine sehr große und

schöngebaute Brücke führt über den Jaxtfluß, der jetzt so klein war, daß

er fast gar kein Wasser enthielt.

Aus Verehrung für Göthe betraten sie das alte Haus, die Burg Jaxthausen,

in einer feierlichen Stimmung. Der berühmte Gottfried, oder Götz, hat

hier nur in seiner Kindheit und frühen Jugend gelebt. Ein älterer

Bruder, Philipp, erbte diesen Stammsitz der Familie, und lebte, wie es

scheint, ruhig und glücklich auf diesem seinem Schlosse.

Alles ist hier alterthümlich, fest und mannhaft, wenn auch nicht

großartig. Das Archiv ist in einem großen, runden Thurm. Die

Wandschränke, viele Sessel und Stühle schienen noch aus der Ritterzeit.

Die Wendeltreppe ist vortrefflich gebaut. Fest kann, ungeachtet der

Gräben, das Haus doch nicht gewesen seyn; es liegt niedrig, auf ebenem

Boden und hat das Ansehn eines reichen Adelhofes.

Ein neues, anmuthiges Schloß von mäßigem Umfang, welches eine Familie

Gemmingen bewohnt, liegt nahe bei Jaxthausen, und nicht weit davon, an

der Jaxt die Ruine der alten Burg Berlichingen, die alle Leute in der

Gegend dort Berlinchen nennen.

Eine Meile von Jaxthausen findet man in anmuthiger Waldgegend das

Kloster Schönthal. Hier ist das Erbbegräbniß der Berlichingen; Götz ist

als der letzte hier begraben worden, weil nachher die Familie

protestantisch war. Die Kirche ist schön, und Ferdinand hörte die

Erzählung mit Ingrimm, daß man nicht nur alle goldne und silberne

Gefäße, sondern selbst zwei heilige Leiber bei der Aufhebung des

Klosters den Juden verkauft habe.

Ein Mönch verzeichnete die Bücher der Bibliothek, weil diese abgeliefert

werden sollte. Der Mann schien unwissend und sich mit den alten Drucken

oder Handschriften, bei denen er die Titel nicht finden konnte, sehr zu

quälen. Ferdinand machte sich an ihn und half ihm bei einigen. Im

Verlauf des Gespräches jammerte der Mönch über die Aufhebung des

Klosters. Ferdinand stimmte mit ein und sprach von den Vortheilen und

Reizen der Einsamkeit, und wie schön die Einrichtung gewesen, daß vielen

Geistern, die den Beruf gefühlt, Freistätten seien gestiftet worden, in

welchen sie sich ganz und völlig von der Welt unabhängig, den

Betrachtungen der höchsten Gegenstände hätte widmen können. Seit lange

aber, fuhr er fort, ist die Einsamkeit verrufen, Alle, so hört man

immerdar, sollen und müssen in die vielfachen Wirbel und in die

Verwirrung der Welt hineingetrieben werden; praktisch, so ruft man schon

dem Kinde zu, mußt Du werden, um die Geschäfte, die Aufgaben des Lebens

verwalten und lösen zu können. Die Namen eines Stubengelehrten, einsamen

Denkers, stillen Forschers sind wie die Benennungen Einsiedler,

Klostermönch, abergläubischer Priester, zu Schimpfnamen geworden. Und

dennoch -- wenn man diese Weltmenschen kennt und beobachtet, die in den

Rädern der großen Weltmaschine hanthiren und immerdar mit dem Gewühle

der verwirrten Masse umtreiben -- wie ist ihr Gemüth abgestumpft und

keiner großen Eindrücke und Entschließungen fähig. Ungewohnt, einen

wahren, echten Gedanken zu fassen, eine belebende Idee zu ergreifen und

sie dann anwendbar zu machen, ist ihr ganzes praktisches Treiben nur wie

das des Maulthieres in der Drehmühle, thätig ohne Geschäft, im

Mechanismus als Maschine arbeitend. Lehrt uns denn nicht die Geschichte,

daß so oft jene stillen Menschen, die sich der Einsamkeit ergaben, in

Zeiten der Noth hervortraten, um Das zu ordnen und zu beschwichtigen,

was allen Weltregierenden und in der Welt Erzogenen zu mächtig geworden

war? Einige der edelsten Päpste nicht nur waren in der Stille des

Klosters gebildet und herrschten im großen Sinne, als sie berufen

wurden, auch außer so manchen Bischöfen und Aebten waren es oft einfache

Mönche, die in Zeiten der Drangsal auftraten, um mit dem Seherblick, den

gerade die Einsamkeit geschärft hatte, Kräfte zu entdecken, die die

verderblichste Verwirrung in lichte Ordnung umwandelten.

Darum, sagte der Mönch, der von Zeit zu Zeit von seinem Cataloge aufsah,

ist es Unrecht, wie man jetzt mit uns umgeht. Nicht anders, als wenn wir

Mordbrenner und Landesverräther wären. Und grausam ist es obenein. Denn

unser eins hat nun von Jugend auf nichts anders gelernt, wir können uns

auf keine andre Weise ernähren, und doch stößt man uns in die Welt ohne

alle Versorgung, denn die armselige Pension, die man uns auswirft, kann

kaum gerechnet werden.

Ferdinand wendete sich mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung von dem

Manne ab. Als sie draußen waren, fragte ihn Wachtel: was ist Dir nur,

daß Du plötzlich so sehr verstimmt bist? -- Wenn mir, rief Ferdinand

aus, der ich ein Laie, ein Protestant bin, das Herz brechen möchte, weil

ich in einem Zeitalter geboren bin, in welchem eine ganze Welt von

Herrlichkeit, Poesie und Kunst in ein großes Grab höhnend geschüttet

wird, eine Welt, in welcher so Großes erwuchs und geschaffen wurde, die

für Bildung, Gelehrsamkeit und echte Freiheit so viel that, die durch so

viele geistliche Helden und Märtyrer verherrlicht ist, -- und ich sehe

einen Mönch, der diesem zerstörten Tempel angehört, um nichts als sein

tägliches Brot seufzen, den nur die Küche dauert, die zugleich mit dem

Wunderdom zerfällt, so möchte ich verzweifeln. Er fühlt sich nicht

gekränkt und im tiefsten und heiligsten Ehrgefühl seines hohen Standes

verletzt, nein, er wäre zufrieden, wenn er nur in irgend einem Pallast

seiner Verfolger wieder Küchenjunge werden könnte. Giebt es freilich

viele dieser Art, haben manche Regierende wohl selber so gedacht, so ist

diese große Kirchenanstalt in sich selbst, auch ohne äußern Anstoß und

ohne die weltliche Habsucht, zusammengebrochen.

Sei nicht unbillig, rief Wachtel aus, wie soll ein gewöhnlicher Mönch,

von frühster Jugend zum unbedingten Gehorsam gewöhnt, dessen größte

Tugend es seyn mußte, den eignen Willen zu brechen, Deinen Enthusiasmus

theilen oder verstehn? der bei Dir auch nur um so feuriger ist, weil Du,

in einer ganz anders gestalteten Fremde erzogen, als Fremdling in diese

zerstörte Welt hineinschaust. Du bist noch ziemlich jung, wohlhabend,

hast niemals Mangel empfunden, kannst es also in Deinem übermüthigen

Blute nicht wissen, wie bitter die Nahrungssorgen sind. Außerdem bist Du

so erzogen und unterrichtet, daß Du im äußersten Fall zu hundert

Geschäften greifen könntest, um Dich zu ernähren; hast auch, durch den

Weltumgang, Dreistigkeit gewonnen, mit Menschen umzugehn und Dir

Beschützer zu suchen. So ein Armer aber, wie dieser, von frühester

Kindheit verschüchtert, erniedrigt und eingezwängt, wenn dem die

Maschine zerbrochen wird, an der er arbeitet, und er gar nichts gelernt

hat, als an dieser einen Stift einzufugen, der ist unendlich zu

bedauern.

An diesem Tage kamen die Reisenden noch bis Mergentheim und setzten am

folgenden Morgen ihren Weg fort, längs der Tauber. Die Gegend bis

Bischofsheim ist nicht schön, das Thal der Tauber ziemlich kahl. Von

Bischofsheim bis Würzburg war die Gegend auch nicht interessant und

Ferdinand sagte: ich glaube fast, daß wir gestern den letzten eigentlich

poetischen Tag unserer Reise genossen haben.

Sie sind nur, antwortete Walther, gegen das Zurückkehren und scheinen

mir eine zu große Vorliebe für das unbestimmte Herumschwärmen zu

verrathen.

So ist es, rief Wachtel aus, das war von früher Jugend an seine Passion.

Er ist ein schlechter Staatsbürger und Patriot.

Schriften 23: Novellen 7 · 第 6 / 26 段