zurückgeblieben, und schrieb indessen seiner Frau nach Guben folgenden
Brief:
Heppenheim, den 13. Julius 1803.
Liebes Weib, ich muß Dir doch auch einmal schreiben, damit Du nicht auf
die Meinung geräthst, ich sei gar verloren gegangen oder, wie der
Ausrufer in Teplitz sich ausdrückt, in den Verlust gerathen, was im
Grunde besser ist, als jener hochdeutsche Ausdruck.
Du kennst aber schon meine Art und Weise, daß ich gern praktisch,
deutlich, einfach schreibe und mich nicht mit Gefühl und Schwärmerei
befasse. Des Handelns, Schaffens ist so viel in der Welt, daß ein
rechtlicher Mann zum Schwärmen, zur Mystik oder dem übertrieben feinen
Denken keine Zeit behält.
Wie nüchtern und gefaßt ich aus Guben mit dem frühesten ausreisete, wird
Dir wohl noch erinnerlich seyn. Meinen Ferdinand traf ich nebst einem
gewissen Walther, einem halb polnischen Menschen, im unmittelbaren
Himmelreich einer Rafaelischen Entzückung. Ich war eben nicht zum Umgang
mit Engeln aufgelegt, denn ich hatte noch den Reisestaub an den Füßen.
Wenn man überhaupt gewohnt ist, in der großen Welt zu leben, wie wir in
Guben es sind, so wird einem jegliche Kleinstädterei verhaßt. Ich
versichere Dich, die ganze Bergstadt hier, von der soviel gesprochen
wird, ist im Wesentlichen in Nichts von unserm gewöhnlichen Spaziergang
bei Guben verschieden, außer daß hier die ziemlich hohen Berge sind, wo
wir dort den hölzernen Zaun haben und auf der andern Seite die
Fichtenschonung. Was ist denn nun die Dresdner Brücke so Großes? Ich
habe immer an unsre hölzerne denken müssen. Diese ist nicht so lang,
aber man sieht doch auch rechts und links recht hübsche Kiefern in der
Ferne, und Brombeerngesträuch und etwas Sand. So ein ^Badaud^ oder ^Plat
pied^ aus irgend einer großen Stadt spricht immer, wenn er unser Guben
nicht gesehn hat, vom Pariser Louvre, oder dem Straßburger Münster, wohl
gar von der London-Brücke oder dem Wasserfall von Niagara. Sollen sich
da deutsche Herzen nicht empören? Als wenn unsre romantische Tümpel, die
Haideflecke bei Lübben und Luckau, unsre Sandpartien nach der Oder zu,
der hübsche Sumpf eine Viertelmeile von uns, so gar nichts wären!
So kamen wir denn also auf den Nollendorfer Berg. Es war so dicker
Nebel, daß ich mich gleich von meinen Kameraden verlor und in eine
Wolke, wie in einen großen Wollsack gerieth. Ich trat mit meinen
Reisestiefeln auf die Flocken und ging hübsch darauf spazieren; und es
geht sich schnell, sodaß, ich weiß nicht wie weit, ich schon in die
böhmischen Dörfer hineingerieth, ohne allen Weg und ohne Straße.
Herrliche Anstalt, gleich diesen dicken Nebel, wie die Wolke der
Bundeslade, zwischen Sachsen und Böhmen oder zwischen Deutschland und
Oestreich zu stellen. Tausend, wie marschirte ich nun fort!
Statistisch-ökonomisch-politisch-historische Bemerkung für meine
hydraulisch-aphoristische künftige Reisebeschreibung der spanischen
Schlösser und böhmischen Dörfer: -- Ich fand nehmlich, daß Angestellte
(Beamte, die oft durchfallend sind, aber selbst niemals umfallen) auf
eine auffallende Weise die besten und kräftigsten Stücke des Nebels auf
Flaschen zogen, wie es wohl auch bei den Gesundbrunnen geschieht.
Schäumt die unnütze Kraft ab, so wird ein hübsches Getränk und
magenstärkender Saft aus dem leichten Dinge, welches dann Professoren
und Schüler, Geistliche und Denker, feinfühlende Autoren, die gern
^scherzando^ schreiben, und billige Staatsmänner wie altherkömmliche
Gesetzkünstler und Fabrikanten gern genießen und sich einander
mittheilen. Trifft es nicht richtig ein, daß _Nebel_ rückwärts gelesen
_Leben_ heißt, und Leben Nebel? Eins ist die Quadratwurzel vom andern.
Darauf sollten unsre Denker mehr lossteuern. Siehe, mein Kind: -- wenn
ich zu Einem sage, der noch nicht reif ist und es gern werden möchte:
_Lese!_ so sieht das wie ein guter, verständiger Rath aus. Hat er aber
tiefern Sinn und buchstabirt rückwärts, so merkt er im stillen Gemüthe
wohl, daß ich ihn nur einen _Esel_ gescholten habe. O es ist ein
unergründlicher Tiefsinn in diesen Betrachtungen. Nicht wahr, es giebt
Mülleresel, wilde Esel, Esel zu Spazierritten u. s. w. -- aber der
völlig unvertilgbare, von vorn wie hinten sich immer gleich bleibende
ist der von mir entdeckte _Lese-Esel_. Auch wenn ich imperativisch oder
imperatorisch sage: _Esel, lese!_ bleibt er sich gleich, doch gefällt
obige Thierart in der Bezeichnung besser, denn es stempelt sich darin
jenes ewig unermüdliche Geschöpf, jene unverwüstbare Creatur, die wir
hinter Ladentischen, auf Caffeehäusern, unter den lieben Zeitungen und
allerliebsten Journalen, Tagesblättern, Broschüren, Libellen (nicht den
Insekten), Romanen und dergleichen sitzen sehn und schlingen -- mit
einem Wort, den in unserm Jahrhundert ausgebildeten _Leseesel_. Die
vergleichende Anatomie sollte sich nur seiner bemächtigen und Gall
seinen Schädel untersuchen. Wie in Afrika oder Indien jene wandernden
Ameisenheere oft unsäglichen Schaden anrichten und Verderben verbreiten,
so fürchte ich für Europa und noch mehr für unser Deutschland die
traurigsten Verheerungen von der Vermehrung und dem Ueberhandnehmen
dieses Lese-Esels. Wie er denn nun von vorn oder hinten immerdar ein
Leseesel bleibt, so sprach ich neulich schon mit einem denkenden Medicus
über den Fall, ob das Thier nicht wirklich die Qualität noch erhalten
könne und würde, auch von hinten, mit dem Sitztheile, sowie vorne mit
seinen Augen zu lesen. Der Philosoph approbirte sehr meine Hypothese und
meinte, das Monstrose sei immerdar nicht den gewöhnlichen Naturgesetzen
unterworfen. Und wirklich, wie ich wieder die sogenannte Ressource
besuchte, wo ich die beste Sorte und die qualificirtesten dieser
Leseesel zu finden gewohnt war, bemerkte ich zu meinem Erstaunen, daß
diejenigen, die in der Entwicklung am meisten vorgeschritten waren,
unruhig auf ihren gepolsterten Bänken beim aufmerksamen Lesen hin und
wieder ruschten, sich bald stärker auf das Polster drückten, bald
lüfteten, bald sich rechts, bald links hin bewegten, als wenn sie ein
besseres Licht erstrebten. Ich sah aber deutlich, daß ihnen oben nichts
fehlte, ihr Fundament aber einen Mangel verspürte. Der Vorsteher dieser
Ressourcen-Anstalt oder dieses Casino-Wesens ist ein denkender Mann; ich
nahm ihn beiseit in ein Nebenzimmer, von wo man durch Glasthüren Alles
im Saal beobachten kann, und machte ihn auf jenes bedenkliche Hin- und
Herrutschen aufmerksam. »Wollen Sie denn nicht, suchte ich ihn zu
persuadiren, vielleicht morgen den Versuch machen und einige gute
lesbare Journale, oder einige scharfe Schriften gegen die Regierung über
jene Polster spannen lassen, um zu sehn, ob meine Vermuthung sich
bestätigt?« »Wie, Herr, fuhr mich der Mann an, indem er mich mit seinen
großen Augen betrachtete: was fabeln Sie mir da von einer neuentdeckten
Thierart? Es sind lauter würdige Herren und ausgezeichnete Männer, die
das Beste des Landes und der Welt im Auge behalten. Sie rutschen heute
übermäßig, das ist wahr, das kann aber auch vom Denken oder vom bewegten
Gemüthe herrühren. Auf keinen Fall aber dürfte ich es gestatten, wenn
Sie auch wirklich Recht hätten, daß alle diese Mitglieder in Naturalibus
da säßen, um zwei Zeitungen zu gleicher Zeit lesen zu können.« »O Sie
kurzsichtiger Mann! rief ich aus; brauchen Sie denn nicht selbst
Brillengläser? Sieht man nicht durch einen Flor und Sieb? Und so würden
sich die Beingewande gestalten; Fabrikherren würden mit scharfem Blick
die Zeuge entdecken und verfertigen, durch welche sich am besten lesen
ließe; neuer Flor des Gewerbes, frische Aufmunterung zur Arbeit und
Speculation.«
So stand die Sache vor meiner Abreise, ehe ich in das Nebelleben oder
den Leben-Nebel gerieth. Wie ich zu meinen Reisengefährten wieder zurück
kam, weiß ich selbst nicht, wie aber in der Nacht der Camin so gar
gewaltig rauchte, war ich wieder bei ihnen und bei mir. Aus dem soliden
Nebel gerieth ich aber in eine noch wolligere und flockenreichere
Väterlichkeit und Mutterempfindung mit Zwillingen und Drillingen u. s.
w. Was aber merkwürdiger ist, als solche Lappalien, ist, daß man unter
feierlichem Schießen Carlsbad noch höher als Teplitz gestellt hat, es
noch drüber hinauf gesetzt; so kommt die Meeresfläche immer tiefer, und
da das Meer außerdem schon abnimmt, so wird es kein Wunder seyn, wenn
wir ganz auf das Trockne gerathen. Bei den Heiling-Felsen sind Braut und
Bräutigam, Priester und Brautjungfern in Stein verwandelt, ich habe sie
selber stehn sehn. Daß die Leute nach der Hochzeit recht ledern und
hölzern werden, erleben wir alle Tage, es ist kein großes Wunder, daß
diese damals, in einem noch unaufgeklärten Jahrhundert, das Prävenire
gespielt haben, um in jenem beliebten Stein der Hölzernheit zu entgehen.
Aber in den herrlichen Gegenden habe ich etwas sehr Wichtiges, und wovon
ich noch keine Erfahrung hatte, kennen gelernt. Immer habe ich es
geglaubt und Dir gepredigt, daß Adam und Eva vor ihrem Falle nicht so
körperliche grobe Speisen genossen, wie wir jetzt mit den thierischen
Zähnen sie zerbeißen und zermalmen, sondern daß sie die geistigen
Essenzen, die unsichtbare Kraft der schönsten Gewächse und der
himmlischen Kräfte einsogen. Wie einem denkenden Forscher nun wohl wird,
wenn sich ihm eine solche mystische Ueberzeugung durch unumstößlichen
Beweis vergegenwärtigt, ist mit Worten nicht auszusprechen. Sie nennen's
in ihrer sterblichen Unbeholfenheit einen rothen Ungarwein, und mit
anmaßendem Kunstausdruck die Mennische Essenz. Wer aber die wahre
Sprache kennt und den Urtext versteht, sieht durch den grob ersonnenen
philologischen Kniff, und erkennt aus der echten Etymologie, daß Adam es
damals auf seinem höhern kritischen Standpunkt die _Menschen-Essenz_
nannte; und das ist sie denn auch, und mein Forschen und Ergründen
dieser Materie gereut mich so wenig, daß binnen kurzem mehrere Flaschen
von diesem Liquor, dieser Essenz, bei Dir in Guben eintreffen werden,
die ich wohl aufzubewahren Dich bitte. Wie sehr es Sünde war, vom Baum
der Erkenntniß zu naschen, darin, wie in allen meinen religiösen
Ueberzeugungen, hat mich diese Wunder-Essenz von neuem gekräftigt. Denn
wie man sie nur ein Weilchen genossen hat, und sie wieder schmeckt, und
von neuem versucht, führt sie uns bald in jenes selige Land, wo alle
Kenntniß aufhört und verschwindet, wo das trockne, kümmerliche
Bewußtsein immer mehr verdämmert und verdunstet, um, wenigstens auf
einige Zeit, den sündhaften Zustand der Erkenntniß des Guten und Bösen
abzuschütteln. Nein, dieser Gegensatz hört dann auf, und man lebt einzig
und allein im Guten, in dieser Menschen-Essenz. O wie neidisch meine
Freunde waren, daß ich diese Entdeckung gemacht hatte, die unsrer ganzen
Weltgeschichte eine andre Richtung geben kann. Uebrigens liegen im
Hochheimer und Johannisberger auch ganz respektable Richtungen
verborgen, und eben jetzt steht eine Flasche vom letzteren neben mir,
aus welcher ich Deine Gesundheit trinke.
Unser Weg muß sonderbarer Weise vor Prag vorbeigegangen seyn, denn die
Straße führt nicht durch, und doch soll Prag die Hauptstadt von ganz
Böhmen seyn. Wir sind wenigstens durch Franken gekommen. Endlich aber
ist doch unser Kotzebue anerkannt, und es hat sich erwiesen, daß er alle
Alten und Neuen übertrifft; man sollte ihn aber zum Patentdichter
machen, daß kein andrer, so lange er lebte, Theaterstücke schreiben
dürfte.
In Würzburg in der würzhaften Landschaft haben wir im Wirthshause mit
vieler Anmuth gewohnt, denn in Bamberg hatten sie einen ambulanten
Gottesdienst und cassirten mit vielem Spektakel die silbernen Sachen von
Werth ein, weshalb es uns dort nicht gefiel, so alt auch der Dom seyn
mag. Wir haben auch auf der Stelle gestanden, wo Otto von Wittelsbach
den Kaiser Philipp ermordet hat. Die Ruine gehört einem berühmten
jüdischen Arzt, welcher mit aller Gewalt unsern Freund Walther
trepaniren wollte. Er ist aber bis dato noch nicht rasend, und erhielt
eine Ehrenerklärung. Nur kaufen will dieser neugierige Mann vielerlei,
und er kann es, weil er reich genug zu seyn scheint. Bei der Treppe im
fürstlichen Schloß zu Würzburg ist ein kurioses vielfaches Echo, das hat
er richtig erstanden, um es bei sich zu Hause, in seinem Garten
anzubringen. Man war dabei, es sehr vorsichtig einzupacken. Das
Auspacken an Ort und Stelle aber muß mit noch größerer Circumspection
geschehen. Denn die Sache ist fast, nur im Großen, wie mit einer
Champagnerflasche. Das Ding darf nicht in alle Lüfte verflattern, wo es
keinem Menschen zum Gewinn ist. Im Garten muß es an der rechten Wand
sehr künstlich eingefugt und eingeleimt werden, damit es richtig
antwortet und nicht auf Schwarz Weiß, auf Ja ein Nein spricht. Herr
Walther will sich dann einen tüchtigen Mann vom Amt kommen lassen, der
mit Echos umzugehen weiß, und selbst nur ein Widerhall seines gnädigen
Herrn ist, der soll ihm das Ding pfropfen oder inokuliren, damit es noch
öfter und lauter jede Anrede nachspricht. Ein in Ruhestand versetzter
Geheimer Rath braucht sein Echo nicht mehr in der Sitzung abzugeben, und
dieser, hofft Walther, wird ihm dieses für ein Billiges ablassen. Denn
das ist auch zu observiren, daß das Echo, wenn es nun wieder gelüftet
wird, nicht dem Freunde Walther oder einem andern würdigen Manne in den
Hals fährt. Davon hat man schon merkwürdige und traurige Beispiele. Der
Minister in -- (ja da um die Ecke, rechts oder links von uns, Du
brauchst es eben nicht so genau zu wissen) war der beste Kopf im Lande,
nur widersprach er dem regierenden Herrn immerdar. Plötzlich (und die
gewöhnlichen Menschen meinen, es sei durch eine Gehaltsverdopplung
bewirkt, was aber die Erscheinung weder psychologisch noch physiologisch
erklären würde) spricht er wörtlich und buchstäblich Alles so, wie sein
Landesvater. Zur Erheiterung war dieser große Kopf in ein Bad gereiset,
in dessen Nähe sich ein ganz vorzügliches Echo aufhielt. Der Minister
spielt mit dem Dinge, wie mit einem jungen Kätzchen, frägt, läßt
antworten, schreit und singt, um das Wesen recht von allen Seiten kennen
zu lernen; darüber wird er müde, er gähnt, ohne die Hand vor den Mund zu
halten, und die boshafte Creatur benutzt den Moment und springt ihm in
den Hals hinein. Nun kann er es nicht loswerden, so sehr er Medicin
braucht. Im Bade ist das Echo seitdem fort. Die Dummen behaupten, weil
die Bergleute eine vorlaufende Felsenwand weggesprengt haben. Nein, auf
eben beschriebene Art sind sehr viele dieser Echoisten entstanden, die
der gemeine Mann zu oft mit den Egoisten verwechselt, die freilich auch
manchmal nahe an einander grenzen, wie die Buchstaben g und h.
Unser Walther hat neulich etwas gethan, wovon alle Philosophen und
Denker immerdar ausgesagt haben, es sei unmöglich. Er schwang sich
nehmlich auf dem Rade der Fortuna um, und es gelang ihm, oben auf dem
Gipfel wenigstens eine halbe Stunde lang ungestört zu verharren. Er
hätte also den Nagel oben einschlagen können, wenn er nicht selbst
vernagelt gewesen wäre, denn er fluchte und wetterte, um nur wieder
hinabzugelangen. Ein wunderliches Frauenzimmer, vielleicht die Fortuna
selbst, sah ihn dort oben thronen und lachte, wie es mir schien. Ich
konnte sie aber nicht erhaschen. Man schrie ihr Maschinka nach. Hieß
nicht die geheimnißvolle Unbekannte so, die bei uns logirte? Mir schien
auch, aber ungewisser Schein nur, als sähe sie jener Flüchtigen ähnlich.
Aber mein Studium und der Genuß der himmlischen Essenzen macht, daß ich
mich solcher irdischen Dinge nur sehr dunkel erinnere und keine
Rechenschaft davon geben kann. Wenn sie es war, ist sie mir und den
Uebrigen wieder entlaufen, ob wir gleich alle hinter ihr drein waren.
Walther, der Herabgestiegene, auch. Fortuna aber oder Maschinka war
verschwunden.
* * * * *
Die Beiden kamen spät von der Starkenburg zurück, und indem sie in das
Zimmer traten, hörten sie, wie Wachtel sich selber den letzten Theil und
Beschluß seines Briefes vorlas. Walther fuhr auf ihn zu und fragte: was
war das für eine Dame, die jener in Würzburg ähnlich war? Auch Ferdinand
setzte ihm leidenschaftlich mit Reden zu; doch Wachtel, der jetzt seine
Flasche Johannisberger völlig geleert hatte, sagte: Meine Herren und
Freunde, ich habe da einen häuslichen vertraulichen Brief an meine
Gattin geschrieben, welcher nichts, als Familienverhältnisse und
Versicherungen meiner Liebe enthält, diesen kann ich Euch also unmöglich
mittheilen; die letzte Anspielung, die Ihr zufällig vernommen habt, ist
nichts weiter als die Beziehung auf eine Sache, die ich selber nicht
verstehe und das Wenige, was ich davon wußte, seitdem völlig vergessen
habe. Ich war, als jenes Frauenzimmer schnell in unser Zimmer dort in
Guben trat, eben in Gedanken und Studien versenkt; kurzum, sie hatte
einen Brief an meine Frau, den ich damals nicht lesen konnte oder
wollte, und ein alter Mann begleitete sie, von dem es unentwickelt vor
mir liegt, ob er ein Herr oder ein Bedienter war. Kurz, mit einem Wort,
sie bewohnte ein Zimmer, als ich schon schlief. Sie kam mir hübsch vor,
und nachher, als ich sie wiedersah, konnte ich mich nicht bestimmt
erinnern, ob es noch dieselbe oder eine andre war. Diese zweite war aber
noch schöner. Vielleicht hatte sie aber die Frische des Morgens so
gefärbt. Nun fragte ich wieder nach ihr, und sie war schon abgereist,
und da es mich nichts anging, schlug ich es mir aus dem Sinn, und so
vergaß ich es, und so reiste ich nach Dresden ab, und so sind wir nun
hieher gerathen, und das Briefschreiben hat mich angegriffen, und der
Johannisberger hat mich gestärkt, und das ist Alles, was ich von der
Sache weiß.
Daß mich die Sache interessirt, sagte Walther, darüber könnte ich meine
Gründe angeben; aber warum Sie, Ferdinand, so neugierig sind, begreife
ich nicht.
Ich weiß selbst nicht, antwortete dieser, weshalb ich mich darnach
erkundige; man macht seinen Freunden in der Regel Alles nach, weil sie
nach einiger Zeit ein gemeinsames Interesse verknüpft. Und, gestehe ich
es nur, in jener Nacht, als wir in Guben waren, hörte ich durch die
offenstehenden Fenster der untern Zimmer meinen Freund Wachtel schon mit
seiner Frau von dieser Dame reden, ich war schon damals neugierig, aber
mein Freund Wachtel war in einem so bedenklichen Zustande, daß ich mich
ihm nicht zu erkennen geben mochte; auch rückte schon der erste Morgen
herauf und unsre Abreise drängte.
Sieh! sieh! sagte Wachtel gähnend, meine confuse Frau hat mir damals
eine noch confusere Geschichte vorgetragen, von einem sehr hübschen
Menschen, den sie hundertmal einen Engel nannte. Sie schien zu meinen,
ohne des Engels Beihülfe, der sich so edel betragen, hätte ich die ganze
Nacht draußen im Grase liegen müssen. Sie machte ein Mährchen draus, wie
das von der Martinswand ist. Und nun entwickelt es sich also, daß Du
dieser Engel warst. So verschwinden bei nur mäßiger Forschung alle
Wunder aus der Geschichte.
Nach einer kurzen Ruhe fuhren die Freunde am schönen Morgen weiter, aber
nur langsam, um die Gegend zu genießen. Sie kamen schon früh in
Heidelberg an.
Der Pfarrer Le Pique hatte dem jungen Ferdinand einige Briefe an Freunde
mitgegeben, und so lernte dieser einen rüstigen, geistreichen Mann,
Keyser, welcher Lehrer an der Schule war, kennen. Sie besuchten
gemeinschaftlich den biedern Daub, sowie den herrlichen Creuzer, und in
der schönen Umgebung, unter wissenschaftlichen und heitern Mittheilungen
verflossen ihnen die Stunden und Tage im lieblichsten Wohlbehagen. Auch
den trefflichen Pfarrer Abegg lernten sie in Lohmen kennen, und die
muntern Freunde, die Alle noch jugendlich kräftig waren, durchstreiften
das Gebirge und die blühenden Kastanienwälder, die vielen Bergen hier
einen ganz südlichen Charakter geben, und erkletterten alle irgend
zugänglichen Theile des großen Heidelberger Schlosses.
Mit Keyser ging Ferdinand in einer Nacht nach Zweibrücken hinüber, und
Walther verwunderte sich, daß der Freund ihm aus dieser Wanderschaft ein
Geheimniß gemacht hatte.
Walther, der noch wenig mit Gelehrten und mehr mit dem Adel gelebt
hatte, war höchlich erfreut, in dem Professor Daub die schöne Biederkeit
echter deutscher Natur, und in Creuzer diese Gewandtheit des Geistes,
sowie diese edle Urbanität kennen zu lernen; Abegg's Milde wirkte
wohlthätig und fein auf den witzigen Streit, der sich manchmal zur
Heftigkeit erhob und den besonders der lebhafte Keyser gern veranlaßte.
Wenn wahre Gelehrte, die zugleich als echte und edle Menschen den Ton
des Umganges haben, in freundlicher Hingebung scherzend und ernst durch
alle Gänge des Wissens und Forschens wandeln, so findet sich in dieser
Umgebung eine Unterhaltung, die der Menschenkenner und Weltmann
vergebens in den andern Zirkeln der Gesellschaft suchen wird.
Ein schöner Friede schien alle Gelehrte in Heidelberg zu vereinigen und
Ferdinand erzählte viel von einer schönen Zeit, in welcher er vor
wenigen Jahren in Jena in dem Kreise lebte, den Wilhelm und Friedrich
Schlegel, Novalis und Schelling bildeten. Er schilderte diese Wochen als
das reichste und üppigste Geistesbankett, das er jemals schwelgend
genossen habe.
Nach einigen Tagen schrieb Ferdinand an eine Freundin, Charlotte von
Birken, nach Berlin.
Heilbronn, den 18. Julius 1803.
Meine theilnehmende Freundin, ich benutze die Nacht, indem meine
Reisegefährten schlafen, um endlich mein Versprechen zu erfüllen und
Ihnen einige Nachrichten von mir mitzutheilen.
Die Spannung, in welcher mich diese unfreiwillige Reise erhält, muß oft
der Entzückung und der Begeisterung weichen, in welche mich die
abwechselnden großen und lieblichen Naturscenen versetzen, an welchen
unser schönes Deutschland so reich ist und die unsre Landsleute immer
noch nicht gehörig zu würdigen wissen.
Von meinen Aussichten, Plänen, meinem künftigen Glück weiß ich Ihnen
noch nichts zu sagen. Alles zieht sich in die Länge, Alles wird fast
ungewisser, als es war. Ein junger Mann in Heidelberg, Keyser, der mein
ganzes Herz gewonnen hat, führte mich nach Zweibrücken zu seiner
reizenden und liebenswürdigen Braut, und hier fand ich denn endlich
einen Brief vom Onkel, der etwas Bestimmteres aussagte, und der,
sonderbar genug, mich wahrscheinlich bald wieder in Ihre Nähe führen
wird, da ich bis jetzt glauben mußte, Basel sei die Richtung, die ich
nur nehmen könne, und die Schweiz sei mein künftiger Aufenthalt.
Indessen ist schon viel gewonnen, daß der einflußreiche angesehene Mann
sich zum Vermittler anbietet. Ich mag Ihnen von manchen Dingen, die mir
zugestoßen sind, nichts Näheres mittheilen, weil ich Alles einem
mündlichen Gespräche vorbehalte, man auch nicht wissen kann, wie ein
Brief verunglückt, oder, bei der größten Vorsicht, in die unrechten
Hände geräth.