hier ausrufen. -- Da war eine sehr weise Cantoneinrichtung, wo die
Punktirten, Nichtigen, die Eindringlinge so von Lieutenants, Fähndrichen
und Unteroffizieren tribulirt, gehänselt, geplagt und ganz simpel
geprügelt wurden, daß wirklich viele von diesen Scheinlebenden die
Geduld verloren und sich wieder aus dem Staube machten. Ob ein Knopf so
oder so saß, die Binde um den Hals um das Sechzigtheil eines Zolles zu
niedrig oder zu hoch war, war ein Capitalverbrechen. Was man nur an dem
Volke zwicken und kneifen konnte, geschah redlich, und ich mußte nur mit
innigem Bedauern sehen, daß auch wirkliche lebendige Menschen von der
übrigens weisen Anstalt molestirt wurden. Liefen die Kerle etwa davon
und wurden wiedererhascht, so war ihnen eigentlich das Leben
abgesprochen; die Gnade erhielten, wurden so mit Ruthen gestrichen, daß
sie auch oft die Verstellung aufgaben, die Maske fallen ließen und
wirklich starben. O wie trefflich fand ich die Schulen und Universitäten
versorgt! Eine so fürchterliche Langeweile wurde mit Kunst da
vertrieben, daß eine eiserne Geduld dazu gehörte, um sich nicht in
diesen sogenannten Wissenschaften sterben zu lassen. Half Alles nichts,
so wurden die Scheinseelen nachher noch examinirt, und von neuem ins
Examen genommen, und wieder geprüft, daß Viele wirklich sich während
dieses Examinirens davon machten. War aber Alles umsonst, so hatte man
eine wundersame Art von Bündel erfunden, die man Akten nannte und die
sich unsterblich immer vermehrten und vermehrten, diese wurden den
Gequälten ins Haus geschickt, um wieder neue Akten daraus zu machen, so
daß sehr viele zu sterben sich entschlossen. Nun gab es außerdem noch
Trinkstuben, wo man mit Verstand schlechten Wein und noch schlechteres
Bier fabricirte, um das elende Volk zu vergiften. Von dem Branntwein,
der noch schneller wirkte, brauche ich gar nicht einmal zu sprechen.
Hübsch war es auch, daß das Spazierengehen und die Freude an der Natur
war erfunden worden, um das unnütze Volk aus dem Wege zu räumen: denn
schon in den Schulen wurde es den Kindern beigebracht, daß sie sich ja
regelmäßig erkälten müßten, weil es so möglich war, daß sie doch irgend
einmal am Naturgenuß erstarben. Oft blitzte es in den punktirten
Nichtseienden: es kam wie ein Bewußtsein über sie, daß sie leere Särge
wären, es schien, als wollten sie sich zu Tausenden ermannen, um wie die
Fliegen hinzufallen, damit das nüchterne Spiel nur aus sei. Es wäre auch
wohl geschehen, und die Staatstabellen würden über die ungeheure
plötzliche Sterblichkeit gewinselt haben, -- aber da gab es eine
höllische Erfindung, die ihnen trotz Prügel, Akten, Examen, Naturgenuß,
Bier und Branntwein dennoch dies lumpige nicht lebendige Leben wieder
annehmlich machte -- sie rauchten nehmlich Tabak, um sich von dem
entsetzlichen Gedanken, der sie befallen hatte, daß es ein wirkliches
Leben gebe, wieder zu erholen und zu zerstreuen. -- Ich sah nun ein, daß
diese Tödtungsanstalten in jeder Hinsicht als Wohlthat für die wirklich
Lebenden zu betrachten seien, und daß viele Menschenfeinde und der
Verfasser »des menschlichen Elendes« wohl anders würden geschrieben
haben, wenn ihnen, wie mir, das Auge wäre eröffnet worden. Freilich
möchte sich bei Untersuchung finden, daß die meisten dieser Autoren auch
nur Scheinmenschen sind. --
Die Gesellschaft begab sich am andern Tage nach Nürnberg, um die
Merkwürdigkeiten dieser guten alten Stadt in Augenschein zu nehmen und
den lebenden Panzer und Dürers Grab auf dem Johanniskirchhof zu
besuchen. Die schönen Kirchen und das Rathhaus wurden mit Aufmerksamkeit
betrachtet, und im rothen Rosse, dem besten Gasthofe, erzählte Walther,
wie vor zehn Jahren in diesem Hause sich etwas Seltenes zugetragen habe.
Freysing, ein Student von Kopf, aber leichten Sitten, hatte in Erlangen
weit mehr verbraucht, als ihm sein wohlhabender Vater bewilligt hatte.
Eine große Schuldenlast drückte ihn, der letzte Wechsel, der ihm, um
abzugehen, gesendet wurde, reichte bei weitem nicht aus. Er bezahlte
daher nur die ärmsten seiner Gläubiger und verjubelte mit seinen
Trinkbrüdern auf Spazierritten und in frohen Gelagen die ganze Summe. Am
letzten Tage besaß er nur noch sechs Louisd'or, die kaum hinreichten, um
auf dem gewöhnlichen Postwagen und mit Entbehrungen aller Art in seine
Heimath zu gelangen. Ob mein Alter, rief er im Uebermuthe aus, jetzt
mehr oder weniger schilt, kommt auf eins hinaus, denn mit dieser
Lumperei reise ich auf keinen Fall zurück. Er ging nach Nürnberg und
wagte die wenigen Goldstücke im Pharo. Das launische Glück war ihm so
wunderbar günstig, daß er in einer Nacht so viel gewann, daß er allen
seinen Gläubigern bis auf den letzten Heller zahlen konnte, welches mit
Wucherzins eine sehr ansehnliche Summe ausmachte, und noch tausend und
mehr Thaler von seinem Gewinne übrig behielt.
Beim Kunsthändler Frauenholz sahen die Freunde ein wundersames Bild von
einem unbekannten Meister. Es ist die Mutter mit dem Kinde, ein
gewöhnlicher Gegenstand, aber hier mit einer Innigkeit behandelt, die
die Beschauenden entzückte. Sie küßt das Kind, und der Ausdruck in Mund
und Augen ist so herzlich und ergreifend, daß man, obgleich die
Gestalten nicht eigentlich durchaus schön sind, nichts Süßeres und
Lieblicheres finden kann. Das Antlitz der Mutter ist so zart und fein
gemalt, daß es wie aus aufknospenden Rosen gebildet ist. Die
Nebensachen, Blumen und Verzierungen sind mit einem liebevollen Fleiß
behandelt. Der Besitzer schrieb es unverständig dem Lucas von Leyden zu.
Der Preis von zweitausend Gulden, den er forderte, war für einen Reichen
nur eine mäßige Summe, um mit dieser Wunderblume sein Gemach
auszuschmücken.
Als sie nach Erlangen zurückgekommen waren, reiseten sie am folgenden
Morgen nach Pommersfelden. Man war verdrüßlich über den schlechten Weg,
und Wachtel suchte sie mit Scherzen zu erheitern. Unter anderm sagte er,
als sie von der Gemäldegallerie in Pommersfelden sprachen: Es ist sehr
verdrüßlich, daß sich die Kunstgeschichte immerdar erweitert.
Unzufrieden mit dem Besitz, entdeckt man neue Zeiten, Manieren,
Unterschiede und Künstlernamen, von denen unsre guten Vorfahren nichts
wußten. Wer sonst ein steifes Bild sah, nannte es zu seiner und Aller
Befriedigung einen Albrecht Dürer, wie sie es in Italien noch machen.
Konnte man bei einer etwas abweichenden Manier den Namen Lucas von
Leyden einsetzen, so galt man schon für einen Gelehrten. Dergleichen
Abkürzungen und Anhäufungen vieler auf Einen Namen ist immerdar in
Geschichte wie Mythologie sehr ersprießlich gewesen; man kann mit Einem
Herkules, Sesostris und Pharao zufrieden seyn, diese behalten sich, und
man muß es der Abbreviatur der Vorzeit danken, daß sie uns das Studium
bequemer eingerichtet hat. Die Aufstöberer von Unterschieden und neuen
Personen sind als Aufrührer zu betrachten, die die legitimen,
wohlerworbenen Rechte jener Gesammtmenschen umstoßen wollen. So war vor
zehn Jahren eine vortreffliche ältliche Castellanin in Pommersfelden,
welche den Fremden die Zimmer des Schlosses und die Gemälde zeigte und
erklärte. Es giebt einen berühmten Correggio, von welchem jede Gallerie
wenigstens ein Stück besitzen will, drei Caracci, Ludwig, Augustin und
Hannibal, zwei Caravaggio, den frühern und spätern, dazu glaube ich noch
einen Cagnacci, zwei Carpaccio ungerechnet, diese Herren sämmtlich,
nebst allen, die nur irgend mit ihrem Namen sich dem _acci_ näherten,
hatte die unvergleichliche Frau mit weiser Umsicht in den einzigen
berühmten Maler _Karbatsch_ zusammengearbeitet. Auf diesen großen
Meister wälzte sie zugleich alle jene Bilder, auf deren Urheber sie sich
nicht besinnen konnte.
In der Gallerie befindet sich ein schönes Bild, welches dort Rafael
genannt wird: eine Mutter mit dem Kinde. Es hat einen wundersamen
Ausdruck und den Anschein wie aus der ältern lombardischen Schule. In
dem großartigen Styl ist zugleich wie etwas moderne Sentimentalität. Das
Bild hat an einigen Stellen gelitten und es scheint fast, als ob es
durch die hinzugefügte Urne irgend eine persönliche Beziehung habe.
Mit großer Freude sahen die Reisenden das alte Bamberg wieder. Von
Würzburg schrieb Walther an seinen Freund nach Warschau:
Würzburg, den 10. Julius 1803.
Ich verzweifle jetzt fast, eine Spur zu finden, da meine Hinweisung auf
Bamberg nur eine trügende war. Ein Doctor Marx, der aus dem Polnischen
hieher gezogen ist und seit wenigen Monaten hier lebt, sollte mir
Nachrichten geben, wo sie, Maschinka, sich verborgen habe, oder wo
derjenige hier in der Gegend sei, dem sie zu folgen sich hat bereden
lassen. Wir lernten einen Narren in Erlangen kennen, der den Kotzebue
höher als alle Autoren stellt, und meine neuen Freunde spannen über
diese Erscheinung, die mir nicht so wichtig schien, vielfältige
Betrachtungen aus. Wachtel behauptete, in jedem Menschen stecke irgendwo
etwas, das, gepflegt oder durch Leidenschaft aus seinem Winkel zu sehr
hervorgezogen, zur bestimmten Narrheit werden könne. Auch erscheine wohl
ein jeder Mensch andern aberwitzig und verrückt, wenn diese ihn mit der
Ueberzeugung, er sei unklug, anhörten und betrachteten. Ich bekämpfte
diese Meinung. Nachdem wir den alten Dom in Bamberg besehen hatten, über
welchen Ferdinand in übertriebene, thränenweiche Entzückung gerieth,
machten wir dem berühmten Doctor Marcus einen Besuch. Er zeigte uns die
unvergleichlichen Krankenanstalten und erzählte uns von der Art der
Behandlung, so wie von manchen sehr merkwürdigen Leidenden. Ich konnte
nicht begreifen, warum er mich so besonders ins Auge faßte. Als wir in
der Abtheilung waren, in welcher die Geistesverwirrten verpflegt wurden,
waren, indem ich mich umsah, meine Gefährten verschwunden. Es kam mir
vor, als hätte früher Wachtel mich noch einigemal mit einem seltsamen
Blick von der Seite betrachtet. Verstimmt wie ich war, gefielen mir des
Doctors Mienen, den ich jetzt beobachtete, ebenfalls nicht. Mit
einemmale überraschte es mich, daß dieser Mann jener Doctor sei, der mir
Nachricht von der Entflohenen geben könne. Ich erkundigte mich mit
leidenschaftlicher Heftigkeit, erzählte, fragte, beschrieb und wurde
immer ungeduldiger, je weniger er auf meine Reden eingehen oder mich
verstehen wollte. Als ich Abschied nahm, sagte der Mann mit der größten
Freundlichkeit: Sie bleiben fürs Erste bei uns, und es wird Ihnen schon
bei uns gefallen. Ich habe schon seit acht Tagen die Nachricht
empfangen, daß Sie eintreffen würden, und so wie Sie nur mein Haus
betraten, erkannte ich sogleich in den ersten Reden Ihr Uebel. Ihr
Zustand ist noch nicht der schlimmste; nur müssen Sie fürs Erste jene
Geschichte, die Sie mir da erzählt haben, sich ganz aus dem Sinne
schlagen, und ich werde schon für Unterhaltung und Zerstreuung sorgen.
Es ergab sich nun, daß er mich für einen Geisteszerrütteten hielt,
welchen er erwartete, und ebenfalls, daß er nicht jener Marx sei, mit
welchem ich ihn in leidenschaftlicher Uebereilung verwechselt hatte.
Indessen mußte ich bis in die späte Nacht dort bleiben, weil er sich von
meinem richtig eingefügten Verstande durchaus nicht überzeugen konnte.
Endlich waren meine Reisegefährten in unserm Gasthofe wieder angelangt,
sie kamen und brachten meine Brieftasche und meinen Paß mit, nach dessen
Besichtigung und ihrem Zeugniß wurde ich dann als ein Kluger entlassen,
nachdem der ironische Medicus mir noch viele Entschuldigungen machte,
und ebenfalls behauptete, daß man jeden Menschen, auch seinen besten
Reden nach, für einen Irren halten würde, wenn man das Vorurtheil einmal
gegen ihn gefaßt habe. Am folgenden Morgen suchte ich den einfältigen
Doctor Marx auf, der von gar nichts wußte und von mir zuerst die
Begebenheit erfuhr.
Wir besuchten Bambergs schöne Umgebungen und begaben uns vorgestern nach
dem Schlosse Glich, einer merkwürdigen, gut erhaltenen Ruine. Noch viele
Zimmer sind im Stande und zeigen uns die Wohnung der Vorfahren deutlich.
Eine herrliche Aussicht ist von oben auf Bamberg hinab. Ein alter
Förster wohnt oben, der nicht zugegen war, und seine Tochter, ein
wunderschönes Mädchen, der die einfache bürgerliche Kleidung sehr gut
stand, führte uns herum. Unser Ferdinand, der schon seit einigen Tagen
noch schwärmerischer ist, als sonst, war über Alles entzückt. Er
schwatzte so viel und war dann wieder so verlegen, daß ich glauben
mußte, er habe sich urplötzlich in das Mädchen verliebt. Als wir Alles
betrachtet und unsern Dank zugleich mit einem Geschenke ausgesprochen
hatten, und sie sich entfernt hatte, rannte der Schwärmer noch einmal
zurück und dem Mädchen nach, unter dem Vorwande, daß er seine
Brieftasche in einem der Säle habe liegen lassen. Wir wandelten indessen
draußen umher und mußten ziemlich lange auf ihn warten. Sehr erhitzt und
verlegen, wie es schien, kam er endlich zu uns zurück. Er ward aber
zornig, wie ich ihn noch nie gesehen habe, als sich Wachtel einige
unfeine Scherze und Anspielungen erlauben wollte. Oben liegt auf einem
steilen Felsen eine Kapelle, sie war offen, von hier zeigt sich Alles
umher reizend und lieblich. Ein uralter Greis schlich mit langsamen
Schritten an seinem Stabe aus der Kapelle die Stufen der Treppe hinab:
ein rührender Anblick. Ferdinand ging in die Kapelle, und als er sich
nicht mehr von uns beobachtet glaubte, nahm er vom Weihbrunnen und
bekreuzte sich mit andächtiger Miene, dann kniete er vor dem Altare
nieder. So sind die Menschen. Er trat wieder zu uns, und Keiner mochte
von Dem sprechen, was wir gesehen hatten, weder im Scherz noch Ernst.
Schon in Bamberg hatte er im Dom vor einem wunderlichen alten
Marienbilde mit der tiefsten Rührung gestanden. Die Madonna ist hier in
einem Charakter dargestellt, der völlig von dem gewöhnlichen und
hergebrachten abweicht. Das Bild ist auf Goldgrund, goldne Strahlen
umgeben es wie Flammen von allen Seiten. Es ist eine Copie nach einem
alten florentinischen, welches schon seit lange mit Tüchern verhängt und
dem Anblick unzugänglich gemacht ist, weil es dort in Italien auf die
gläubigen Beschauer die ungeheuersten Wirkungen soll ausgeübt haben.
Ferdinand scheint mir gar nicht ungeneigt, alle dergleichen Wunder zu
glauben und für wahr zu nehmen. Wohin verirrt sich der Mensch, wenn
Leidenschaft und Phantasie seine einzigen Führer sind!
Wir aßen wieder in Bamberg, gingen dann Nachmittags nach dem reizend
gelegenen Buch und fuhren in lieblicher Abendkühle auf dem Wasser nach
der Stadt zurück.
In der Stadt hat Ferdinand allerhand alte katholische Sagen und Legenden
zusammengekauft. In Glich war er entzückt, dem dortigen Küster ein
bambergisches Gesangbuch, wonach er in der Stadt vergebens gesucht
hatte, abschwatzen und abkaufen zu können. Dieses hält er für einen
großen Schatz und er las uns sogleich viele der Gedichte vor, die
allerdings einen lieblichen frommen Sinn athmen, wenn man sich einmal
diesen träumerischen Gefühlen, diesem Anklang wiederkehrender Wunder,
diesem vertraulichen, kosenden und zärtlich glühenden Verhältniß zu
Gott, dem Heiland und dessen Mutter hingeben kann. Dann erscheinen die
Heiligen, die Schutzgeister, Christus, wie oft, in Kindergestalt, so
auch die Abgestorbenheit so vieler Mönche und Einsiedler. Auch mit der
Natur tritt ein geheimnißvolles Liebesverhältniß ein, wie es in den zart
duftenden Liedern des Spee uns so innig rührt, die der Schwärmer hier
auch aufgetrieben und uns Abends aus dem Büchelchen mit großer Bewegung
vorgelesen hat. Und dann muß ich wieder an die Begebenheit mit der
Försterstochter denken. Vielleicht ist es die Pflicht des Freundes,
einmal ernsthaft mit ihm darüber zu sprechen.
Seine Stimmung ist übrigens im schreiendsten Contrast mit dem, was die
neue bairische Regierung hier thut und wie manche ihrer Beamten sich
hier betragen. Du weißt, daß die Stifter Bamberg und Würzburg, diese
alten geistlichen Fürstenthümer, unlängst dem Churfürsten von Baiern
zugesprochen worden sind. Eiligst hat man, um mit Rom und dessen
Hierarchie ganz und auf immer zu brechen, alle Klöster aufgehoben, die
Mönche zum Theil vertrieben, theils auf sehr schmale Pension gesetzt.
Alles hat den Charakter angenommen, daß der gemeine Mann es wie eine
Sache nimmt, die den ehemaligen Christenverfolgungen ähnlich sieht. Es
ist unklug und unschicklich, wie im Dom, während am Nebenaltar eine
stille Messe gefeiert wurde, die silbernen Kirchengefäße und sauber
gearbeiteten Crucifixe in Kisten mit dem größten Geräusch und Lärmen
gepackt und geworfen wurden. Die Käufer der Sachen waren zugegen und man
zerbrach einige Kreuze mit großem Geräusch, die sich dem Kasten nicht
fügen wollten. Den frommen abgesetzten Fürstbischof, so erzählt man, hat
man in den Gemächern der Residenz gestört und gequält, indem man von
allen Seiten Bauanstalten traf, einriß und verbesserte, ohne von ihm die
mindeste Notiz zu nehmen. Viele Geistliche wandeln im stillen Grimm
umher, den Küster im Dom sah ich in verbissener Wuth bei jenem Getöse
Thränen vergießen. Viele gemeine Leute (das Volk ist hier religiös,
selbst bigott) werden irre an sich und ihren Vorgesetzten.
Alles, was so unziemlich geschieht, ist denn wohl ein Rückschlag von
vielen, welche jetzt regieren, da sie lange die Geißel und Verfolgung
der Priester und Pfaffen erdulden mußten. Die Hauptumwälzung, die sich
hier zugetragen hat, ist von der Zeit selbst herbeigeführt worden, sie
ist vielleicht zu entschuldigen, kann seyn, daß sie nothwendig war; aber
mit Anstand und Schonung konnte alles Unvermeidliche und
Festbeschlossene geschehen, die politische Begebenheit brauchte nicht
den Charakter einer verhöhnenden Rache anzunehmen.
Ueber diese Gegenstände ist Ferdinand empört und ergrimmt, und er zügelt
seine Worte nicht, wenn er mit den Freunden dieser Neuerung spricht. Er
behauptet, daß wir es Alle noch erleben würden, wie man neue Klöster
stiftet, und er verachtet das spottende Lächeln seiner Gegner.
Vieles Schöne ist in dieser Reform schon zu Grunde gegangen, noch mehr
wird verschwinden, aber meine trüben Blicke werden nicht bloß durch Das,
was wir jetzt sehen, was dicht vor uns liegt, so tief bekümmert; -- was
soll aus allem Besitzstand werden, da dies so schnell ohne Widerspruch
hat eintreten können? Wo ist eine Sicherheit für irgend eine Regierung?
Welche Folgerungen wird die Zeit, ein fremder Sieger, die Politik aus
diesen Vorgängen ziehn?
Wie hat sich seit zehn Jahren die Welt verändert! und es scheint, als
würden alle Verwandlungen immer rascher und rascher auf einander folgen.
Du siehst, ich fange an, Deine Cousine, die Strafe des Liebhabers, Deine
und meine Angelegenheit über dergleichen Gedanken und Befürchtungen zu
vergessen.
Walther an seinen Freund.
Würzburg, den 11. Julius 1803.
Ich schreibe Dir sogleich noch einmal nach meinem kaum abgegangenen
Briefe, denn das ist das Mittel, mich zu zerstreuen und zugleich zu
sammeln. Ich kann mit meiner Umgebung nicht Das sprechen, was mich am
meisten interessirt, und so unterhalte ich mich mit Dir.
Hier in der Stadt ist unser Ferdinand in seinem Element. Es ist wahr,
ich habe noch niemals eine so feierliche Messe erlebt, als die war, die
gestern im Dom uns Alle bewegte; an neun Altären war zugleich
Gottesdienst, eine Prozession der Domherren, die in schöner malerischer
Tracht waren, ergötzte das Auge.
Die Stadt wimmelt von Fremden, Alles drängt sich, denn es ist zugleich
der größte Jahrmarkt. Das Schloß in der Stadt ist prächtig und wohl eins
der größten in Europa. Ein wunderliches, knitterndes Echo ist unten vor
der Treppe, an dem wir uns Alle wie die Kinder erlustigten. Heut
Nachmittag trieben wir uns wieder im Jahrmarktsgedränge um, welches
vorzüglich in einer fremden Stadt etwas Bezauberndes hat. Vor dem Thore
ging ein uralter Capuziner von sehr ehrwürdiger Gestalt, dem kleine
Mädchen im Vorübergehen mit Ehrerbietung die Hand küßten. Diese seltene
Ruine einer ehemaligen Zeit verfolgte unser Ferdinand lange mit seinen
sehnsüchtigen Blicken, und es schien der Wunsch in seinen gerührten
Augen zu liegen, daß er gern an die Stelle der unmündigen Mädchen
getreten wäre.
In einer frohen Jahrmarktstimmung traten wir in eine hohe hölzerne Bude,
in welcher eine Art von Caroussel mit einer russischen Schaukel
vereinigt war. Indem die schwebenden Sitze auf und nieder gingen, stach
ein Jeder der Sitzenden mit einer Lanze nach einem Ringe. Der Besitzer
und Erfinder dieser schwebenden Kunstanstalt erklärte uns mit vieler
Genügsamkeit die Herrlichkeit seiner neuen Erfindung. Steigen Sie ein,
rief er, und wenn Sie gleich nur Dreie sind, so werden Sie doch das
Kunstwerk genießen können, denn darauf bilde ich mir am meisten ein, daß
ich es so eingerichtet habe, daß der angefüllte schwere Sitz niemals den
leichten, ihm gegenüberstehenden durch seine Last niederzieht, wie dies
an den ordinairen einfältigen russischen Schaukeln der Fall ist, wo die
unwissenden Menschen sich alsdann mit eingelegten Steinen zu helfen
suchen, wenn ein Sitz ledig bleibt. Wie die Kinder ließen wir uns
bereden hineinzusteigen. Die Maschine ging sehr hoch und ein
Nervenschwacher hätte wohl Schwindel empfinden können. So stiegen wir
auf und ab und stachen mit mehr oder minder Glück die Ringe ab.
Plötzlich entsteht draußen ein lautes Geschrei. Die Thür der Bude wird
aufgerissen, und ein wunderschöner Lockenkopf, das Antlitz eines
himmlischen Mädchens blickt wie ein Blitz auf einen Augenblick in die
Narrenbude. Sie schreit auf, so wie sie uns da schweben sieht, und
_Maschinka_ kreischt einer; ob Ferdinand, ob Wachtel, ob der Herr des
Kunststückes, das konnte ich nicht unterscheiden, der Maschinendreher
war es nicht, denn dieser orgelte noch einen Augenblick an seinen
Kunsträdern. Das Mädchen ist verschwunden und Ferdinand, der unten
schwebt, springt aus seinem Käfig, der Eigenthümer des Kunstwerkes ihm
schreiend nach, dies erschreckt den subalternen Drehkünstler, er rennt
auch hinaus, und Wachtel kann eben noch vom Einfluß der Bewegung so viel
genießen, daß er im Herabschweben seinen Sitz verläßt, ebenfalls
hinausläuft und die Thür der Bude hinter sich zuschlägt.
Aber ich -- ich nun oben, auf dem höchsten Punkte, in meiner
Schwebekutsche sitzend, hatte nun Zeit und Gelegenheit, das Schicksal
und die zu künstliche Einrichtung der verfluchten Maschine zu
verwünschen! O wie sehr hätte ich sie gelobt und verehrt, wenn ich durch
eigne Schwere jetzt herabgesunken wäre, um auch das Freie zu suchen und
jenem Mädchen nachzulaufen. Ich sah mich in meiner obern Sternregion um,
ob ich nicht aussteigen und die vierzig oder funfzig Fuß
hinunterklettern könne. Aber es war ganz unmöglich. Durch die eine Ritze
konnte ich etwas von Stadt und Feld erblicken, aber in der
entgegengesetzten Richtung, in welcher sich jene Erscheinung gezeigt
hatte.
Endlich, es mochte wenigstens eine halbe Stunde verflossen seyn, zeigte
sich der Besitzer des Kunstwerkes wieder; er schien mich vergessen zu
haben und war sehr erfreut, mich dort oben noch, wie den Sokrates in
seinem Studienkorbe, wiederzufinden. Er schrob und orgelte mich durch
seinen Kunstorganismus herab und ging auf meine Fragen über die
Erscheinung jenes Mädchens gar nicht ein. Er hatte sie nicht gesehn und
war in der Meinung, es sei ein großer Volksaufruhr, hinausgelaufen.
Wichtiger war ihm die Verhandlung um die Bezahlung. In der Einsamkeit,
und da er meine Eil sah, machte er eine ungeheure Rechnung. Ich begriff
sie zwar nicht, wollte mich aber zur Zahlung bequemen. Da wir die
gemeinsame Casse an diesem Tage unsern Wachtel führen ließen, fehlte es
mir an baarem Gelde. Ich mußte meine goldne Uhr zum Pfande lassen, die
ich erst am späten Abend wieder einlöste.
So wie die kleinen Schulknaben hatte ich ein Abentheuer bestanden und
wollte bei meinen Reisegefährten Rath und Trost suchen. Ferdinand
behauptete, das Schaukeln habe ihm Schwindel erregt und so sei er
entsprungen, um zugleich den Volksauflauf zu sehn. Dieser sei schnell
geendigt gewesen und er habe die Uebelkeit seitdem im Bett verschlafen.
Wachtel meinte, ein großes Spektakel sei hinter einem Kapuziner
heraufgekommen; dieses Schauspiel habe er genießen wollen. -- Ich erfuhr
nichts und so stehn unsre Angelegenheiten.
* * * * *
Walther hatte jetzt seine Pläne aufgegeben und überließ sich nun ganz
dem Zufalle, ob er durch diesen auf die Spur seines Feindes oder jenes
schönen Mädchens gerathen würde. Ferdinand und Wachtel waren ihm in der
kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft schon unentbehrlich geworden, und so lud
sie die schöne Jahreszeit, die Muße, die Lust umherzuschwärmen, ein,
noch einige schöne Gegenden Deutschlands zu besuchen. Ferdinand war seit
einiger Zeit viel sinnender und finsterer geworden; Walther hatte
bemerkt, daß er Briefe erhielt, die er sorgfältig verbarg und die ihn
verstimmten. Zuweilen fiel es Walther ein, er könne mit Ferdinand über
seine Trauer sprechen, er dürfe es wohl mit Empfindlichkeit rügen, daß
er daraus, was ihn so betrübe, dem Freunde ein Geheimniß mache; doch
bedachte er dann, daß er selbst ja eben so gegen Ferdinand verfahre und
von der Absicht seines Ritterzuges gegen diesen nichts verlauten lasse.
Die Freunde nahmen von Würzburg aus den Weg nach dem Spessart und
erfreuten sich dieses Waldgebirges und der herrlichen Aussichten, die
sich ihnen links und rechts in die Unermeßlichkeit der frischen Wälder
darboten. In Aschaffenburg hielten sie sich nicht auf, sondern begaben
sich nach Darmstadt, um über die schöne und altberühmte Bergstraße nach
Heidelberg zu gehn. Die Nacht, welche sie überraschte, verweilten sie in
Heppenheim, und Walther und Ferdinand stiegen zur Ruine, der
Starkenburg, hinauf, und erfreuten sich in der anbrechenden Dämmerung
der Aussicht auf den Rhein, an welchem sie Worms, Speyer und das ferne
Manheim sahen. Die Aussicht in den Odenwald auf der andern Seite war
noch schöner, die wundervolle Einsamkeit, die schönen Formen der Berge,
welche alle dicht mit Wäldern bewachsen sind, erhoben das Gemüth der
Freunde zu edeln Gefühlen.