Man hat an diesem herrlichen Buche, fiel Walther ein, ohne Noth so viel

getadelt, was der weise Autor doch gerade mit vielem Bedacht seiner

sinnreichen Geschichte eingewebt hat. Zum Beispiel kommen nicht die

meisten Kritiker darin überein, die musterhafte Novelle des Neugierigen

sei überflüssig und störend? Unser lieber Manchaner selbst, so treu,

edel und herzhaft er ist, nimmt sich etwas vor, das, obgleich es schön

und herrlich ist, es auszuführen er keine Mittel besitzt. Dieses Kämpfen

für Recht und Unschuld, dieses Ritterthum und Kriegführen, wie er es

sich vormalt, war aber auch zweitens niemals so in der Welt und konnte

niemals so da seyn. Auch ein Herkules oder ein Amadis, mit allen Kräften

und Tugenden ausgestattet, müßte einer solchen wahnsinnigen Aufgabe des

Lebens erliegen. Nur hie und da, in verschiedenen Zeiten und Ländern,

that sich etwas, mehr oder minder, von dieser poetischen Ritterwelt in

der wirklichen Geschichte hervor. Die Phantasie des ebenso braven als

poetischen Manchaners ist durch jene Bücher verschoben, die schon längst

der Poesie ebenso sehr wie der Wahrheit abgesagt hatten. Das, was noch

in ihnen poetisch war, oder jenes Phantastische, was das Unmögliche

erstrebte, sowie die schönen Sitten der Ritterzeit, alles Dies durfte

der ehrsame Herr Quixada wohl in einem feinen Sinne bewahren, ja sich zu

jener adligen Tugend seines eingebildeten Ritters hinan erziehn; -- wenn

er nicht darauf ausgegangen wäre, diese Fabelwelt in der wirklichen

aufzusuchen und in diesem von Sonne und Mond zugleich beschienenen

Gemälde den Mittelpunkt und die Hauptfigur selbst zu formiren. Er war

aber im Recht, wenn er, manchen seiner Zeitgenossen entgegen, die

Lichtseite und die Poesie jener entschwundenen Zeit und Sitte würdigte,

wenn er sich selbst als Dichterfreund an dem ganz Thörichten und

Phantastischen seiner Bücher ergötzte. Nun aber zog er aus, alles Das,

was ihm begeisternd vorschwebte, selbst zu erleben; jenes unsichtbare

Wunder, welches ihn reizte, wollte er mit seinen körperlichen Händen

erfassen und als einen Besitz sich aneignen.

Sehr richtig, erwiederte Ferdinand, und deshalb ist die getadelte

Novelle des Neugierigen nur ein tiefsinniges Gegenbild, welches von

einer andern Seite die Thorheit des Manchaners erläutert. Auch Anselm

will das Unsichtbare, welches wir nur im edlen Glauben besitzen,

sichtbar, körperlich in der Hand haben; das Richtige, Irdische soll ein

Himmlisches vertreten und ihm die Gewähr der Treue und Liebe seyn. So

zerstört er durch Aberweisheit, durch ^impertinente curiosidad^, was wir

nicht übersetzen können, die Keuschheit und den Adel seines Weibes, die

ohne diese Anfechtung wohl nie jene List und schreckliche

Kunstfertigkeit, die widerwärtigen Feinde der reinen Unschuld, in sich

entwickelt hätte. Zweifel also auf der einen Seite, und ein thörichtes

Bestreben, das Unsichtbare sichtbar zu machen, zerstören so einen

geistigen Schatz, jene Treue, die der Zweifler eben so mit Recht

Aberwitz schilt, wie der edle Glaube sie für felsenfest ansieht und

durch eigene Kraft ihr die Unerschütterlichkeit mittheilt.

Wir sind hierüber einverstanden, antwortete Walther, geht es Ihnen aber,

theurer Ferdinand, nicht vielleicht eben so? Ihre aufgeregte Phantasie

würdigt die schöne und bildreiche Seite des katholischen Cultus, Sie

sind in unsern späten Tagen von jener Rührung durchdrungen, die einst

kräftige Jahrhunderte begeisterten. Seit kurzem ist ein religiöser Sinn

bei jungen Gemüthern in Deutschland wiedererwacht, Novalis und dessen

Freunde sprechen, reimen und dichten, um das verkannte Heilige in seine

Rechte wieder einzusetzen; aber diese Anerkennung, diese süße Poesie des

stillen Gemüthes in der Wirklichkeit suchen oder erschaffen wollen,

scheint mir ganz derselbe Mißverstand zu seyn, den wir eben

charakterisirt haben.

Sehr wahr, warf sich Wachtel eifernd dazwischen, -- wie schön ist es,

wie uns Herder einmal auf den tiefen und rührenden Sinn mancher

Heiligenlegenden hingewiesen hat; nachher hat der romanhafte Kosegarten

einige mit mehr oder minder Glück vorgetragen. Im vorigen Jahre sah ich

den Verfasser der Genovefa und des Oktavian wieder und er erzählte mir

von einem Buch und zeigte mir einige Blätter davon, welches denselben

Gegenstand behandeln sollte. Die Einleitung und Form war nicht

unglücklich. In einem schönen Gebirgslande verirrt sich ein edler

Jüngling, der ganz in der zweifelnden Aufgeklärtheit seiner Zeit

erzogen, aber dabei schwärmerisch verliebt ist, in der Einsamkeit des

Waldgebirges. Unvermuthet trifft er auf einen einsiedelnden Greis, der

den Ermüdeten in seine Zelle aufnimmt und ihn erquickt. Des Alten

Freundlichkeit gewinnt das Herz des jungen Mannes und sie werden ganz

vertraut mit einander. Ueber den Beruf der Einsiedler, über die Wunder

der Kirche, über die Legende und Alles, was sich in diesem Kreise

bewegt, verwundert sich der Jüngling und kann es nicht unterlassen, auf

seine Weise zu spotten und mit Witz des Zweiflers zu verhöhnen. »Wie?

ruft der Greis dann aus, Du bist in Liebe entzündet, Du schwärmst für

Deine Sophie und kannst doch kein Wunder fassen? Ist die Blume, das

Band, welches Dein Mädchen berührt, die Locke, die sie Dir geschenkt

hat, nicht Reliquie, empfindest, siehst Du an ihnen nicht Licht und

Weihe, die kein andrer Gegenstand Dir bietet? Wo Du mit ihr wandelst,

ist heiliger Boden, wenn sie Dir die Hand oder die Lippen zur Berührung

reicht, bist Du verzückt, -- und doch verkennst Du in der Geschichte der

Vorzeit den Ausdruck dieser Liebe, in den seltsamen Entwicklungen

begeisterter Gemüther, bloß weil sie diese Sehnsucht und

Herzenstrunkenheit nicht auf ein Weib hingelenkt haben?« -- Der Jüngling

wird nachdenkend und besucht den Alten nun, so oft er die Stunde

erübrigen kann. In diesen Zeiträumen erzählt ihm der Greis jene

wundersamen Legenden von Einsiedlern, Jungfrauen, Männern und

Kirchenältesten, die ihr ganzes Gemüth der Beschauung des Himmlischen,

der Entfaltung jener geheimnißvollen Liebe widmeten. Diese Kämpfe des

Zweifels, diese Erscheinungen aus fremder Welt, diese uns

unbegreiflichen Aufopferungen werden nach und nach vorgeführt, wo sich

aus dem Erzählten selbst die Erklärung und das Verständniß ergiebt. Nach

einigen Monaten kommt der junge Liebende wieder zum Greise und dankt

ihm, wie einem Vater, der ihm den Geist geweckt und ihm ein neues Leben

erschaffen habe; er sei darum auch entschlossen, in den Schooß der alten

Kirche zurückzukehren. »Nein, ruft der Greis bei dieser Erklärung,

verwechsele nicht diese unsichtbare Liebe, mein Sohn, mit den Zufällen

der Wirklichkeit. Du würdest, anstatt des Göttlichen, nur die

Schwachheit unserer Priester kennen lernen. Wozu, daß Du Deine innern

Entzückungen, die im Geheimniß Deiner Brust Wahrheit und Bedeutung

haben, in die kalte Wirklichkeit verpflanzen willst, an welcher sie

erstarren und verwelken müssen?« So rieth ihm derselbe Greis ab, der ihn

erst in die Liebe und Bedeutung jener Visionen eingeweiht hatte. -- Und

ich wende das Resultat jenes noch nicht erschienenen Buches wieder auf

Dich an, mein Ferdinand. Das erste Wahrnehmen, der Blick der

Begeisterung, die Aufregung der Liebe findet immer und trinkt den reinen

Brunnquell des Lebens; -- aber nun will der Mensch im Schauen das Wahre

noch wahrer machen, der Eigensinn der Consequenz bemächtigt sich des

Gefühls und spinnt aus dem Wahren eine Fabel heraus, die dann oft mit

den Wahngeburten der Irrenhäusler in ziemlich naher Verbindung steht.

Somit wäre also, rief Ferdinand aus, der Indifferentismus, der nur Alles

gesehn und erfahren hat, nichts aber seinem Gemüthe sich einbürgern

läßt, die höchste Weisheit und Menschenwürde! Es kann aber die Zeit

kommen, in welcher edle Geister sich wieder öffentlich zu dieser Kirche,

dem alten, echten Christenthum bekennen.

Möglich, sagte Walther, wüßte man nur bestimmt und klar, welches das

älteste Christenthum sei. Jeder deutet sich die Sache in seiner Weise

aus. Auch möglich, daß die jetzt vergessenen Pietisten durch diese

religiöse Anregung und Begeisterung wieder erwachen; vielleicht giebt es

in einigen Jahren deutsche Puritaner und Methodisten. Die geistige feine

Linie, auf welcher hier das Wahre und Schöne schwebt, kann so leicht

hüben und drüben überschritten werden; -- und bemächtigt sich erst die

Menge, die Leidenschaft, die Turba dieser Vision -- welche

Religions-Manieristen mögen da noch zum Vorschein kommen, wenn nicht

sogar Verfinsterung und Verfolgung, Inquisition und Haß von katholischen

Priestern und vermeintlich orthodoxen Protestanten wieder gepredigt

wird. -- Das scheint aber wohl, daß Verliebte in ihrer erhöhten Stimmung

mehr der katholischen, als einer andern Kirche zugeneigt seien, und daß

Sie, lieber Ferdinand, ein Verliebter sind, habe ich Ihnen angefühlt,

seit wir uns dort hinten auf der Oder zuerst kennen lernten.

Ferdinand ward blutroth, und verleugnete schwach und stotternd die

Anklage. Er ist eigentlich kein Jüngling mehr, sagte Wachtel, aber seit

ich ihn kenne, ist er immerdar verliebt gewesen. Doch so tief, wie er

jetzt seyn mag, ist es ihm wohl noch niemals ins Herz gegangen, denn er

ist bedenklich und viel tiefsinniger und launenhafter als in ältern

Zeiten.

In einer schönen Mondnacht fuhren die Freunde von Baireuth ab und kamen

früh, schon vor Sonnenaufgang, in Streitberg an. Sie bestiegen die Berge

und besuchten die merkwürdigen Höhlen. Ferdinand, der, wie die Uebrigen,

die Gegend schon kannte, war wie trunken von der schönen Natur. Ueber

Ebermannstadt näherte man sich dann der Ebene; hinter diesem Orte sind

die Wege so schlecht, daß man einen Vorspann von Ochsen herbeiholen

mußte, um aus der versumpften Stelle den nicht schweren Wagen

fortbringen zu können.

Hinter Bayersdorf streckt sich die sandige Ebene aus und man sieht ein

großes, wüstes Schloß, welches in neuem Styl errichtet, aber nicht

ausgebaut ist und als wunderliche Ruine dasteht.

Sehr begierig bin ich, so erzählte Ferdinand, hier einen ehemaligen

Bekannten wieder aufzusuchen. Ich war ihm vor geraumer Zeit begegnet,

und so kam er vor einigen Jahren wieder zu mir; er ist gelehrt und ein

Enthusiast für die Dichtkunst; er läßt aber nur einzig und allein die

Griechen aus der großen Zeit für Dichter gelten, und unter diesen stellt

er wieder seinen Liebling Sophokles allen voran. Es ist nicht

übertrieben, wenn ich sage, daß er diesen auswendig weiß. Er kennt alle

Commentatoren seines Freundes genau, er ist unermüdet, ihn zu studiren

und die schwierigen Stellen zu erklären, so daß wir von diesem Eifer

gewiß schöne Früchte erwarten dürfen. Dieser wackre Termheim, denn so

heißt er, hat aber gar keinen Sinn für die Schönheiten der Neueren; oder

vielmehr, er behauptet, sie, von seinem Standpunkte aus, zu verstehn und

von dort ihre Nüchternheit und Verwerflichkeit einzusehn. Er belächelt

mitleidig Diejenigen, welche den Shakspeare bewundern; er behauptet, die

Barbarei dieses Naturkindes sei höchstens für den Psychologen

interessant, der von seiner Stelle diese Waldnatur allenthalben zurecht

weisen könne. Die Leidenschaften fast pathologisch richtig zu schildern,

sei noch lange nicht hinreichend, um sich der Schönheit auch nur von

fern zu nähern. Die Großheit der Alten habe recht geflissentlich alles

das verschmäht, worauf die Neuern ihren Stolz gründen wollten. Unsern

Göthe nennt er nur eine Ausgeburt neuester Kränklichkeit, der, zu

schwach, das Große und Starke zu erfassen, und zu vornehm, um die

eigentliche Gestalt des Lebens zu verstehn, in einer unsichern,

schwankenden Mitte nur der Verzärtelung fröhne. Das klare Aetherlicht,

der Hinüberblick über die Natur und Welt, jene gesunde Freiheit des

Menschen, der Alles sieht und fühlt und sich nur dem Besten befreundet,

sei nur in Homer, Pindar, Aeschylus und Sophokles zu finden, in Herodot,

Thucydides, Plato und Aristoteles; mit Euripides und Xenophon melde sich

schon das Krank- und Schlaffwerden der edeln Lebenskräfte. Unter den

Neueren kann fast einzig und allein unser Winkelmann bei ihm Anerkennung

finden.

Wenn dieser gelehrte Mann, sagte Wachtel, kein Pedant ist, so ist er ein

Narr, der auch mehr vor das Forum der Pathologie, als der Kritik gehört.

Sein wir nicht so unbillig, erwiederte Walther, es kann wohl seyn, daß

ein innigstes Durchdringen, ein tiefsinniges Anerkennen der echten

Schönheit den Blick für die nah verwandte, wie vielmehr für die

entfernte, abstumpft.

Das leugne ich eben, sagte Wachtel, die neue Zeit muß uns die alte, und

umgekehrt die alte die neue erklären. Es sind zwei Hälften, die sich, um

ein echtes Erkenntniß zu gewinnen, nicht trennen lassen. Solche

absprechende, hochmüthige Einseitigkeit kann nur so sicher und stolz in

sich selber ruhn, wenn ein völliger Mangel an Kunstsinn jeden Zweifel,

wie jede tiefsinnigere Untersuchung unmöglich macht.

Spät nur kamen sie in Erlangen an. Dieser fränkische Kreis, sagte

Wachtel im Gasthofe, bildet eigentlich das ganze Deutschland recht

hübsch im Kleinen ab. Hier sind wir nun wieder in der sandigen Mark

Brandenburg; Tyrol im Kleinen ist nicht fern, der Rhein und die Donau

werden von dem artigen Mainstrom recht hübsch gespielt, und Schwaben und

Baiern liegen in den fruchtbaren und heiteren Landesarten dieses

anmuthigen Kreises, in welchem die Physiognomie der Natur immer so

schnell wechselt. Ich habe immer den Instinkt oder die Einsicht unsers

alten Maximilian bewundern müssen. Wie er sich zur Martinswand hinauf

verirrt hatte, stand er ziemlich hoch, vielleicht ist ihm in der

Todesangst die Eingebung gekommen, sein deutsches Reich so richtig in

zehn Kreise einzutheilen, wo in jedem Natur und Menschenstamm sich so

bestimmt von benachbarten absondern; oder die dortige Vogelperspektive

gab ihm den richtigen Ein- und Ueberblick.

Am folgenden Morgen machte ein jeder der Reisenden seine Besuche.

Walther erhielt einen Brief, indem er allein war, und sowie er ihn

öffnete, rief er: ha! in Bamberg also! Endlich doch eine bestimmte

Hinweisung. Ferdinand hatte seinen älteren Freund, den Professor Mehmel,

besucht, wo er die Bekanntschaft des reformirten Pfarrers Le Pique

machte, zu dessen warmer Herzlichkeit er sich sogleich hingezogen

fühlte.

Nachmittags gingen die Freunde zu dem griechischen Gelehrten Termheim.

Er freute sich sehr, Ferdinand wiederzusehen, indem er sich, ganz

erhitzt, aus einem Schwall von Büchern und Papieren erhob. Jetzt werden

wir einig seyn, rief er dem Freunde zu, wie sehr hatten Sie Recht,

Verehrtester, mich wegen meiner einseitigen Bestrebungen zu tadeln.

Jetzt begreife ich erst Ihre Natur, Freundlichster der Menschen, denn

gewiß müssen wir uns unter dem Nächsten umsehn, um uns mit dem Fernen zu

verständigen.

Erlauben Sie, unbekannter Herr, fiel Wachtel ein, ich will gewiß keine

Blasphemie sagen, aber Sie verstehn mich wohl, wenn ich den Spruch

hierauf anwende: wer seinen Nächsten nicht liebt, den er sieht, wie kann

er Gott lieben, den er nicht sieht? -- Die Neueren, von Dante an,

Ariost, dann Shakspeare und besonders unser Göthe, alle Diese sind unsre

Brüder und Gespielen, mit uns aufgewachsen, und wenn ich von Denen

nichts begreife, die doch in demselben Elemente mit mir hantiren, -- wie

soll ich jene fassen, die mir durch Jahrtausende entrückt sind?

Sehr wahr, rief der Begeisterte aus, und so freuen Sie sich denn mit

mir, Sie fremder oder längstgekannter Freund, daß unser Werth mir

endlich aufgegangen ist; ich habe ihn, den Deutschen, nun endlich

ausgefunden, der die Griechen überwiegt und übersieht.

So haben Sie, rief Ferdinand, Göthe's schöne Natur endlich verstanden?

Wenn Sie auch sein Lob übertreiben (und kann man wohl einen so großen

Mann _über_schätzen?), so freue ich mich doch, daß wir jetzt, nach

Jahren, endlich derselben Ueberzeugung geworden sind.

Göthe! rief der Gelehrte mit einem sonderbaren Ausdruck des Unwillens

aus, -- dieser verstimmte, kranke Geist! Nein, so sehr werde ich mich

nie vergessen, diesen über meine angebeteten Griechen zu erheben.

Nun, fragte Ferdinand sehr gespannt, wer ist es denn also von unsern

Deutschen, der Ihnen das Verständniß eröffnet hat?

Und Sie zweifeln noch? rief jener; kann man so verblendet seyn? Sehen

Sie denn nicht hier die vielen Bände seiner unvergleichlichen Werke? Wer

als der einzige, unvergleichliche Kotzebue kann mit den Heroen der Welt

um die Krone ringen? Unablässig, tief in die Nächte hinein, studire ich

jetzt die begeisternden Productionen dieses Genius. Seine

Schalkheit, sein Witz, seine Darstellung der Leidenschaften, seine

Charakterzeichnung der Menschen aus allen Ständen und Ländern, die

Malerei seiner naiven Mädchen, das tiefe Gefühl der Liebe, die Scenen

der Armuth und des Erbarmens, diese lächerlichen Personagen, die doch

nicht übertrieben sind, die Mutter-, die Kindesliebe, die Kenntniß der

Vorzeit, Alles, Alles, was man nur als rühmlich erwähnen kann, vereinigt

dieser Geist in seinen Werken und überflügelt durch seine Vielseitigkeit

Sophokles und alle Griechen.

Gewiß! rief Wachtel, der sich zuerst von seinem Erstaunen erholt hatte,

diese Griecherei ist nur eine Kriecherei und Kotzebue kann künftig als

Fluch oder Betheuerung dienen, wie man wohl mißbräuchlich

Kotzsapperment! oder Kotzelement statt Gottes Element auf ungezogene

Weise sagt.

Mehr als verwundert über diese neue Lehre gingen die Reisenden in ihren

Gasthof zurück.

* * * * *

In Erlangen war am Johannistage ein Student beim Baden ertrunken. Die

besten Schwimmer hatten ihn nicht retten, die künstlichen Mittel den

Jüngling nicht ins Leben zurückrufen können. Man war einem alten,

angesehenen Manne böse, welcher Alles für unnütz erklärt hatte, weil

jeder Fluß an diesem bedenklichen Tage sein Opfer fordere. Die jüngern

Leute vorzüglich schalten mit Heftigkeit auf solchen Aberglauben, der in

manchen Gegenden den gemeinen Mann wohl selbst hindere, rettend

beizuspringen. Wachtel bemerkte, daß es in Deutschland noch immer

Provinzen und Städte gebe, wo der Bürgersmann des festen Glaubens sei,

daß am Johannistage einer aus dem Orden der Freimaurer vom Teufel geholt

werde. Als man bei Le Pique, dem verständigen Pfarrer versammelt war, wo

sich der scharfsinnige Naturforscher Serbeck, sowie der Professor Mehmel

eingefunden hatten, hielt, nachdem viel über die Fortschritte in jener

Kunst gesprochen war, durch welche Scheintodte wieder zum Leben

gefördert werden können, Wachtel folgende Rede:

Verehrte Gesellschaft und präsumtive Zuhörer!

Ich will gewiß nicht zurückbleiben, die Größe unserer Zeit anzuerkennen,

blicken wir aber rückwärts, um nicht zu einseitig zu werden, so gebe ich

mich für den Geschichtschreiber, oder Bemerker, oder Würdiger einer

nicht ganz neuen, aber noch eben nicht besprochenen Kunst -- der Kunst

nehmlich, die _Scheinlebendigen zu tödten_.

Es sei mir erlaubt, von unsern Vorfahren anzuheben. Ehe die Welt,

nehmlich unsere Erde und ihre atmosphärischen Pertinenzien zur

Schöpfung, wie der Rahm, zusammengeronnen war, gab es, dem Sein

gegenüber, ein Nichtsein. Von diesem Nichtdaseienden wurde lange Zeit

keine Notiz genommen, denn es machte sich nicht merkbar. Leiber und

Geister trieben ihr Wesen hand- und fußgerecht, und man lebte so recht

frisch auf Gottes Güte und in den alten Kaiser hinein, als wenn diese

Zeitlichkeit schon die reelle künftige Ewigkeit wäre. Neben kräftiger

Tugend und vielfachen Thaten nahmen sich Uebermuth und Laster denn

freilich auch Vieles heraus, und wie rüstige Kupferschmiede hämmerten

Gute und Böse mit leidenschaftlichem Treiben auf das Leben los, daß

Propheten und fromme Menschen oft dachten und weissagten, die ganze

Schöpfung müsse zusammenbrechen. Jahre kamen, Jahre gingen. Schwermuth,

Empfindsamkeit, Sentimentalität, Ohnmacht und Unkraft zu Tugend oder

Laster gingen im Schwange: -- es war nehmlich die Zeit gekommen, wo sich

das uralte Nichts allgemach in das Dasein eingeschustert und

eingeschlichen hatte. Ich konnte aus der Welt und meinen sonst löblichen

Nebenmenschen nicht klug werden, bis mir denn ein Seherblick einmal in

einem merkwürdigen Traume aufging. Im Orbis Pictus hatte ich in meiner

Kindheit mir wohl die Umrisse in feinen Punkten eingeprägt, welche in

jenem Buche die Formen der Seelen ausdrücken sollten. Wie ich also im

Traume meinen Guide, einen weisen Geist, nach dem Zustande der Dinge

fragte, that mir dieser mein inneres Auge auf, und -- o Jupiter! o

Gemini! wie sah ich Alles anders! Viele Menschen waren robust, voll,

kurz angebunden, von sich und ihrer Meinung überzeugt. Andere thätig im

Gewerk und Landbau, -- aber Unzählige liefen, von allen Ständen und

Altern, so als fein gepunktete Schaaren herum, nichts wissend, wollend,

denkend, aber sich vieler Dinge anmaßend. Wundre dich nicht, sagte mein

Engel oder was mein Führer seyn mochte, über diese Entdeckung, welche du

jetzt machst. Es ist nicht ohne, daß die Welt allgemach wieder ihrem

Untergange entgegenwandelt. Die Nichtigkeit hat sich in alle Räder und

Schwungtriebe der großen Maschine eingeschlichen. Der Mensch war als der

Mittelpunkt mit seiner Kraft hingestellt, um den Körper der Welt, damit

er niemals ein Leichnam werde, frisch zu erhalten. Jetzt werden es, ich

weiß nicht wie viele Jahre seyn, daß die Menschheit auch mit Nullitäten

angefüllt ist. Alles das Punktirte, was du wahrnimmst, sind Leiber ohne

alle Seelen. Diese Körper stellen sich nur lebendig an und führen ein

Scheinleben.

Abscheulich! rief ich aus: ich sehe fast mehr Tättowirte, als wirkliche

Menschen. Kann die Vorsehung denn dergleichen zugeben oder gestatten?

Die Vorsehung, erwiederte mein geistlicher Präceptor, bedient sich in

allen Dingen mittelbarer Mittel, und greift niemals persönlich in ihr

geschaffenes, vielseitiges Getriebe. So hat sie denn, damit diese

Scheinlebendigen nicht am Ende alles wirkliche Leben verdrängen und

allein von der Erde Besitz nehmen, Gesetzgeber, Fürsten und echte

Volkslehrer inspirirt, die sich, so viel es möglich ist, diesem Unwesen

widersetzen und das Reich der Nichtigkeit auf verschiedene Weise zu

zerstören suchen.

Schriften 23: Novellen 7 · 第 3 / 26 段