Sonderbares! Wenn der heutige Schwank theatralisch gelten sollte, so
müßte er eben als Schwank, als Posse vorgetragen werden. In diesem Sinne
sah ich die Geschichte vor einigen Jahren in Rom spielen. Ein
eigensinniger Misogyn jagt seinen Bedienten, Truffaldin, aus dem Dienst,
weil er gehört hat, er sei verheirathet. In komischer Verzweiflung kommt
der Spaßmacher nach Hause und findet die Zwillinge. Possierlicher Jammer
der Aeltern, was anzufangen sei. Der Entschluß wird gefaßt, das Kind dem
Findelhaus zu übergeben. Aber welches? Beide Kinder machen auf gleiche
Liebe Anspruch. Man streitet, zankt, weint und lacht: der Zufall soll es
entscheiden, und die Kinder werden wie Loose übereinandergerollt und
Truffaldin greift blindlings hinein. Beim Findelhaus wird ihm aber der
dritte Säugling nach einigen Schlägen, die er mitnehmen muß,
aufgezwungen, und in dieser burlesken Art entwickelt sich, ohne Prozeß,
so viel ich mich erinnern kann, das tolle Lustspiel. Die Italiener, die
gerne lachen, hatten große Freude an dieser lustigen Parodie der
Väterlichkeit und des menschlichen Elends, viele gesetzte Deutsche aber,
die sich alle zu den guten und besten Köpfen rechneten, meistens
Vornehme, die sich sonst nicht von der Moral geniren ließen, fanden den
Spaß äußerst unsittlich und folgerten aus dem Lachen des unbefangenen
Volks, das durch halbe Cultur noch nicht verdreht war, die tiefe
Versunkenheit der Italiener, weil sie beim mindesten edeln Gefühl
dergleichen Abscheulichkeit nicht würden dulden können.
Das Albern-Sentimentale, fuhr Wachtel im Gespräch fort, diese Krankheit,
die dem wahren Gefühle ganz entgegengesetzt ist, hat von je bei den
Deutschen gütige Aufnahme gefunden. Doch sind die Franzosen in vielen
ihrer Dramen und Romane auch nicht frei von dieser nervösen
Hautkrankheit. Den schlimmsten Ausschlag hat wohl unser Kotzebue gehabt
und gegeben. Hiob rieb sich in seinem Elend mit Scherben: wir gehn in
die Komödie, um uns zu erleichtern. »Der kratze sich, den es juckt,«
sagt Hamlet: das thun wir denn redlich.
Der Fürst lachte und nach einigen Wechselreden trennte man sich, weil es
schon spät geworden war. Von Karlsbad schrieb Walther folgenden Brief an
seinen Freund nach Warschau.
Karlsbad, den 28. Junius 1803.
Die Familie Essen habe ich aufgesucht, so wie ich nur hieher kam. Aber
ich weiß nichts Bestimmteres, da diese Leute, die etwas träge scheinen,
selber keine nähern Nachrichten haben. Nur so viel scheint aus Allem
hervorzugehen, daß der Entführer oder Verführer sich unter verschiedenen
Namen herumgetrieben hat, und daß es deswegen um so schwieriger ist, ihm
auf die Spur zu kommen. Nach Franken deuten die etwanigen unbestimmten
Anzeigen. Ich muß es also fast dem Zufalle überlassen, ob ich ihn oder
sie auf meiner seltsamen Pilgerfahrt antreffen werde. Man wird selber
saumselig, wenn man sieht, wie wenig die Menschen sich ereifern, die die
Sache doch auch, der Verwandtschaft wegen, interessirt.
Mein wunderbarer Reisegefährte Ferdinand wird mir um so lieber, je öfter
ich mit ihm zanke, je weniger ich in eine von seinen seltsamen Meinungen
eingehen kann. So wie man von Sachsen aus die böhmische Grenze betritt,
ist Natur und Menschenstamm anders. Am auffallendsten aber ist das
katholische Wesen, die Heiligenbilder und Crucifixe auf Wegen und
Stegen, in Dörfern und Städten, abseits auf dem Felde, wo man nur
hinsieht, begegnen dem Auge diese hölzernen und aus Stein gemeißelten
Figuren, die meisten, wie sich von selbst versteht, widerwärtig,
schroff, und die Gemälde und angestrichenen Passionsfiguren blutig und
unannehmlich. Engel, die in Kelchen das Blut des Heilandes auffangen,
das Antlitz des Erlösers beregnet von rothen Tropfen, Maria meist mit
nußgroßen Thränen, und Alles, wie in der Kirche zu Graupen, darauf
hingearbeitet, um Schauder und Grauen zu erregen.
Als ich nun einmal darüber klagte, wie so Vieles in unserm Vaterlande,
welches öffentlich aufgestellt wird, mehr dazu dient, die Barbarei zu
befördern und das Auge zu verderben, anstatt den Sinn für Schönheit zu
nähren und zu erhöhen, gerieth er in einen erhabenen Zorn und rief nach
manchen Aeußerungen: Wüßten wir doch nur erst, was Schönheit ist und was
wir so nennen sollen! Ist sie denn nicht so oft nur eine Verlarvung des
Lebens und der Wahrheit? Auch die alten Griechen, uns Musterbilder im
Schönfühlen, hegten vor jenen Klötzen und Unformen, die ihnen aus
uralter, fast vorgeschichtlicher Zeit überkommen waren, eine heilige
Ehrfurcht und Scheu, und die Frommen fühlten vor diesen Fratzenbildern
in Ahndung und Erinnerung mehr, als vor jenen neuen, schöngeschnitzten
Götterbildern. Die Süßlichkeit mancher neuen Maler oder Bildner, wenn
sie den Heiland als einen Siegwart, oder empfindsamen verliebten
Landprediger, oder im Akt des Brodbrechens als einen idealisirten
Bäckergesellen darstellen, ist mir das Verhaßteste in allen Verirrungen
unserer gefühlvollen Zeit. Das Leiden des Gottmenschen, die Geheimnisse
unserer Religion, die Wehmuth, der Schreck unseres Innern, die uns von
dieser dunkeln, zu nahen Erde in die himmlischen Regionen des Glaubens
und Anschauens hinaufrücken sollen, können und dürfen anderer Natur
seyn, als jene Bewegungen, die uns das Schöne erregt. Wo der Landmann
seine Aecker überschaut, der wilde Jäger aus seinem Forst tritt, der
fremde Wandersmann in den Bezirk kommt, sehen sie die Hinweisung auf
Erlösung, Erbarmen, Mitleid und das Wunder des Ueberirdischen. Wird
durch Fleiß und Thätigkeit, durch Tugend und Kraftanstrengung nicht
immerdar etwas Geistig-Göttliches von der Qual und vom Tode erlöst?
Geschieht nicht auch dieses in Arbeit und Mühe durch Schmerz und
Aufopferung? Der Bettler empfängt in jedem Brodschnitt nicht nur die
Milde des Gebers, sondern auch dessen Kampf und Schweiß. So weit diese
Bilder hier in den frommen Gauen stehen, werfen sie ihre leuchtenden
Strahlen segnend über die Aehren und die Früchte, über den jungen Wald,
Bäche und Wege dahin, und Alles, so weit das Auge reicht, ist wie
gesegnet und über den Tod und Fluch des Irdischen erhaben.
Wir fuhren über Dux, Brixen und Saatz, wo wir Mittag machten. Der Abend
und der schönste Sonnenuntergang traf uns auf der Höhe vor Engelhaus.
Ich erinnere mich kaum, in meinem Leben etwas so Wundervolles in der
Natur gesehen zu haben. Ferdinand, bei dem alle Gefühle leicht in
Rührung übergehen, hatte Thränen in den Augen. Sie standen seinem
hübschen blühenden Gesichte sehr gut, was mit daher rührt, weil der
liebe Mensch von aller Affectation völlig frei ist. Was er nun sprach,
war wirklich wie in Entzückung, und als wenn er eben einer Vision
theilhaftig wäre.
Kann man nicht diese Glut, diesen Purpurbrand und alle diese Röthen in
ihren Abstufungen bis zum lichten Rosenschmelz, als Blut des Heilandes,
vom Haupte strömend, aus der Seite, den Füßen und Händen fließend,
anschauen? Sein Haupt, die Sonne, sinkt tiefer und tiefer hinab, der
Nacht und dem Tode entgegen; nun ist die göttliche Scheibe verschwunden,
und die Röthe gleitet ihr dunkler und farbloser nach. Er ist scheinbar
todt, der göttliche Tag, und sein Alles erleuchtendes Licht erloschen.
Ueber uns thürmen sich Wolken und kreisen umher, vom letzten Licht
getroffen und schwach gefärbt. Sie bäumen sich auf und ergreifen
flockend, anwachsend, sich lösend, diese und jene Gestalt. Es sind die
alten Fabelgötter, die ein Traum- und Scheinleben erringen. Da sitzt der
alte Jupiter, ungeheuer und in sich schwankend, auf seinem bebenden
Dunstthrone, Bacchus erhebt trotzig und jubelnd den Pokal, und so wie er
trinken will, zerfließt und schwindet der große Arm und die Figur des
Trunkenen wandelt sich unvermerkt in den springenden Pardel, der jetzt
den leeren Wagen zieht. Von dort schreitet der Juno erhabene große
Gestalt durch das dunkle Blau, sie sucht ihren Gemahl und schrickt
zusammen, weil dort schon ein goldner Stern durch den Aether blinkt.
Haupt und Locken lösen sich, die gewölbte Brust schmilzt wie Silber im
Ofen, die zerbrochenen Formen leuchten noch einmal auf und tauchen dort
in den finstern Streif, in welchen sich alle rollenden Bildnisse
versenken. Der Traum ist ausgeträumt und die dunkle Nacht tritt herauf.
Ein Sternbild nach dem andern bricht aus dem finstern Dome glänzend
hervor; oben die unvergänglichen festen Lichter, unten auf Erden
Dunkelheit, Nacht, Tod; kein Fels, kein Wald mehr zu unterscheiden,
Alles unkenntlich in eine schwarze Masse zerronnen, die ohne Anfang, die
ohne Ende ist. Beides ein Bild der stummen Ewigkeit. So steht die Nacht
fest, unerschütterlich, wie es scheint. Abend- und Morgenroth sind Wahn;
die erhabne Unendlichkeit der Gestirne, die unzählbaren Lichter und
Welten in unermeßlichen Fernen wandeln dem rückgekehrten Blick die Erde
in nichtig Spielwerk und den Glauben an Gnade und Erlösung in
Fieberphantasie. Der Zweifel und das Dahingeben in das Unbegrenzte,
Schrankenlose, giebt sich für Wahrheit und Religion. Da erzittert die
ewige Nacht in sich selbst, die finstern Wälder schütteln sich im
Morgenhauch, die ergrauende Dämmerung wächst wie weissagend am Horizont
empor. Plötzlich tritt die liebliche Morgenröthe hervor, mit ihren
Wundern über die Berge klimmend; Farbe, Licht, Wonne, Gestalt vertreiben
siegreich den Unglauben der formlosen Nacht, und der Glaube tritt wieder
in die jauchzende Natur. Sie trägt, die trostreiche, freundliche Mutter,
den glänzenden, auferstandenen Sohn als leuchtendes Kind in ihren Armen,
und Wälder und Gebirge sind im blauen und grünen Schimmer der letzte
Saum des fließenden Gewandes, wie sie aufgerichtet steht, hoch in die
Himmel ragend. Und die Ströme jauchzen und schluchzen in Freude, und die
Blumen lachen und duften, und die Felsen erklingen, und die Waldung
rauscht Lobgesang.
Wir konnten seine begeisterten Augen nicht mehr sehen, denn es war ganz
finstere Nacht geworden. Wundersam leuchteten von unten die zerstreuten
Lichter aus Karlsbad, und nach vielem Rütteln und Stoßen unseres Wagens,
indem einmal der große hölzerne Hemmschuh brach, der hier dem Rade
untergelegt wird, gelangten wir spät und nicht ohne Gefahr in dem
Städtchen an.
Am andern Morgen -- wen traf ich? Unsern theuern Carl von Hardenberg,
den jüngern Bruder unsers vielgeliebten nur kürzlich und leider für die
ganze Welt zu früh gestorbenen Novalis. Er ist mit seiner jungen,
angenehmen Frau hier, um die Bäder zu gebrauchen. Er sieht wohl aus und
ist stärker geworden. An männlicher Schönheit ist er mit Novalis nicht
zu vergleichen. Der schwärmende Ferdinand hat sogleich sein ganzes Herz
erobert und mich, den ältern Freund, in den Hintergrund gestellt. Aber
sehr begreiflich, weil sie sich in Stimmung und Ansicht begegnen. Carl
Hardenberg hat uns seine Schrift: »Die Pilgerschaft nach Eleusis,«
vorgelesen, die mein Freund sehr billigte, wenn er gleich nicht Alles
loben mochte. Dieser jüngere Bruder nennt sich in seinen
schriftstellerischen Arbeiten _Rostorf_, nach einem Gute in Sachsen,
nach welchem die eine Linie Hardenberg diesen unterscheidenden Namen
führt. -- Eben so ist _Novalis_ ein Gut, nach welchem die ältere Linie
sich unterscheidet, und welchen Namen unser Freund annahm, bloß deshalb,
um sich nicht Hardenberg zu unterschreiben. Wie viel Unnützes haben
schlechte Köpfe, die sich immerdar dem Bessern widersetzen, über diesen
Namen Novalis gefabelt und gewitzelt.
Solltest Du nun nach Allem, was ich erzählt habe, nicht glauben, mein
Reisegefährte Ferdinand sei katholisch geboren und erzogen? Allein
nichts weniger, er ist Protestant und aus einem protestantischen Lande.
Der wunderliche Wachtel, der sich die Miene giebt, ihn ganz genau zu
kennen, ihn aber doch vielleicht nicht immer begreift, behauptet mit
seiner gewöhnlichen Kälte und Sicherheit: wenn Ferdinand in einem
katholischen Lande erzogen wäre, oder wenn es nur schon Ton und Mode
wäre, wie es vielleicht dahin käme, sich katholisch zu dünken, so würde
unser Schwärmer eben so extravagant ein Protestant seyn. Ich lasse das
dahingestellt seyn. Denn wer mag dergleichen behaupten oder widerlegen?
Wir sind mit Hardenberg und seiner liebenswürdigen Frau nach dem
sogenannten Heilingsfelsen gefahren. Eine von jenen Sagen, mit denen die
Phantasie nicht viel anzufangen weiß, knüpft sich an diese Gegend. Die
Spitzen der Felsen sind grotesk und gleichen in der Ferne gewissermaßen
menschlichen Gestalten. Nun fabelt man, es sei eine Hochzeit, die
plötzlich, mit allem Gefolge, in früher Vorzeit sei versteinert worden.
-- Mich dünkt, der Vielschreiber Spieß hat einen Geisterroman daraus
gemacht. Diese gelesenen, beliebten Autoren lösen in Deutschland
einander nach gewissen Zeiträumen ab, und selten, daß der neue Liebling
besser als der abgesetzte Vorfahr ist. Dieselben Leser aber, die den
neuen Demagogen bewundern, können alsdann nicht fassen, wie der frühere
ihnen nur irgend etwas habe seyn können.
Man erlebt immer noch unerwartete, möchte man doch sagen wunderbare
Dinge. In einer geistreichen, vornehmen Gesellschaft, in welche wir
ebenfalls eintraten, als wir oben vom Hirschsprung zurückgekehrt waren,
erhob sich zwischen zwei Baronen, schon bejahrten Leuten, ein
unerwarteter und lebhafter Streit. Der ältere meinte und behauptete, das
Thal von Karlsbad übertreffe nicht nur das Teplitzer bei weitem, sondern
sei auch außerdem eine der schönsten Gegenden in Deutschland. Ich habe
wohl erlebt, daß man Bücher, Autoren, Musiker und Schauspieler
protegirt, und daß der Protektor seine Meinung, wenn er ein Vornehmer
ist, so zur Ehrensache macht, daß ihm keiner, höchstens etwa ein
Gleichgestellter, doch immer nur milde, widerspricht. Daß man aber in
demselben Sinne auch die Natur protegiren könne, war mir eine ganz neue
Erscheinung. Der Baron B. focht nun aber mit allen Waffen gegen Herrn A.
für sein geliebtes Teplitz, und behauptete, dieses sei ohne Bedenken
durch seine Heiterkeit, schöne Fernen, milde Luft und Bergfiguren dem
elenden, bedrängten und drückenden Karlsbad vorzuziehen, wo die nahen
Berge wie die Mauern eines Gefängnisses jedes Gemüth, das noch irgend
Sinn für Natur habe, beängstigten. Als die beiden Gegner immer
empfindlicher wurden und sich mit jeder Gegenrede schärferer Ausdrücke
bedienten, wollte unser Wachtel den Streit durch gutgemeinte
Uebertreibung schlichten oder lächerlich machen, indem er rief: »Meine
Herren! Karlsbad, so wie Teplitz in Ehren! Aber, abgesehn von aller
partiellen Vorliebe, wo immer eine gewisse Einseitigkeit sich meldet,
auf die ein universeller Naturfreund, der ich zu seyn glaube, keine
Rücksicht zu nehmen hat, so glaube und behaupte ich gegen sie Beide: daß
der Hirschsprung dort oben schöner sei, wie irgend etwas in dieser
Gegend oder bei Teplitz, ja in ganz Deutschland wenigstens, um nicht
Europa zu sagen. Aber zugegeben selbst, Karlsbad sei ausbündig schön,
wie schön dann der Hirschsprung, der hier unbedingt und ohne Frage das
Schönste ist. Von tausend und aber tausend Malern ist nur Ein Rafael,
der das Höchste und Vollkommenste erreicht hat; unter seinen vielen
Bildern muß Eins das vorzüglichste seyn; auf diesem vorzüglichsten
Tableau wird ohne Zweifel Eine Figur die beste seyn und -- um ganz
vollständig das Argument zu endigen -- auf und an dieser Figur wird die
Nase, der rechte Arm oder das linke Bein, oder wohl ein verkürzter
Finger das allerkunstreichste darstellen -- und, Vortrefflichste, diesen
Finger, oder die Nase, oder was es nun sei, weise man mir nach, und ich
bin in meiner Ueberzeugung glücklich, und fühle mich im Mittelpunkt der
Kunst und scheere mich um den ganzen Rafael nichts mehr, die übrigen
Sudler, Stümper oder vollendete große Meister gar nicht zu erwähnen. Und
so ist mir mein Hirschsprung mein Delphi, mein Nabel der Erde.
Dieser Scherz aber, statt die Stimmung der Kriegführenden zu mildern,
erbitterte sie nur noch mehr, und er endigte, wie ich gleich fürchtete,
mit einer Ausforderung. Zum Glück ist die Sache gut abgelaufen, die
Kugeln sind ganz nahe dem Ziele vorbei gegangen, ohne zu verletzen, und
der Teplitzer Fanatiker ist nach seinem Lieblingsorte unmittelbar nach
dem Kampfe abgereist, indem er in das Fremdenbuch seine Verachtung der
hiesigen Gegend mit starken Ausdrücken eingezeichnet hat. --
Kann ein Gebildeter, so hat Baron A. diese Schmähung im Gastbuche zu
widerlegen gesucht, so unbillig seyn, die Natur entgelten zu lassen, was
bloß seine eigne Verstimmung, oder sein Mangel an Sinn verschuldet hat?
Die Engherzigkeit kann kein Urtheil fällen, am wenigsten über ein
Geheimniß, und ein solches ist und bleibt die Schönheit der Natur. Der
Krittler wird immer mit ihr über den Fuß gespannt seyn.
O wie wahr! sagte Wachtel zum Schreibenden, denn nun verstehe ich erst,
warum ich diesen meinen lieben Hirschsprung allen Dingen in der Welt
vorziehe. Meine Vorliebe ist eigentlich das Herz und der Kern der
Ihrigen, Herr Baron, wie dieser Felsen nur ein Theil des Ganzen; darum
kann meine Liebe aber auch um so inniger seyn, weil sie sich durch
nichts zerstreuen läßt. --
Doch genug von diesen Thorheiten; der gute Wachtel, so habe ich
entdeckt, liebt den Wein noch mehr, wie irgend eine Schönheit in Kunst
oder Natur. Er absentirt sich oft und huldigt im Geheim seiner
Leidenschaft. Besonders ist es die sogenannte Mennische Essenz, ein
vortrefflicher rother und süßer Ungarwein, der sein Herz ganz gewonnen
hat. Ferdinand sieht ihn nachher oft mit seinen großen braunen Augen an,
und kann aus den Faseleien und wilden Reden nicht klug werden, die
Wachtel dann ohne Kritik und Aengstlichkeit von sich giebt. In diesem
halben oder ganzen Rausch scheint sich dieser wunderliche Mensch am
meisten zu gefallen. --
Nächstens mehr, und hoffentlich eine bestimmte Nachweisung.
* * * * *
Die drei Reisenden, welche man jetzt schon die drei Freunde nennen
konnte, nahmen von dem trefflichen Hardenberg Abschied und reiseten den
folgenden Tag bis nach Eger. Hier fällt der große stämmige
Menschenschlag auf, sowie die dürre, kalte und unfreundliche Gegend. Man
besuchte, aus Verehrung gegen den großen Dichter noch am Abend das Haus,
in welchem Wallenstein war ermordet worden. Am folgenden Tage fuhr man
über Thiersheim nach Wunsiedel und Sichersreuth, dem Bade, welches
Alexanderbrunnen genannt wird. Hier ruhten die Freunde bei stechender
Mittagshitze aus und erfreuten sich an der sonderbaren Gegend und
Aussicht. Die Natur zeigt sich hier wild, man möchte den Ausdruck einen
trotzigen nennen; dazwischen erfreuen Wald und grüne Wiesenstellen, und
wunderbar zeigt sich die nahe Luxburg und der Burgstein. In diesem
wundersamen Geklipp und durcheinander und übereinander geworfenen und
kühn geschleuderten Felsenmassen erhebt sich das Gemüth in der
Einsamkeit der unabsehbaren Tannenwälder zu den kühnsten Träumen. Ein
poetisches Grauen weht in diesen Klüften und auf den steilen Höhen.
Diese Seltsamkeiten des Fichtelgebirges, die Nähe von Wunsiedel, die
barocke Gestalt der Natur, die doch nicht ohne Lieblichkeit ist, führte
das Angedenken der Freunde von selbst auf ihren geliebten Jean Paul
Richter. Man sprach viel über diese echt deutsche Natur und über seine
wundersamen Werke, deren Ruhm sich mit jedem Jahre mehr in Deutschland
verbreitet hatte. Mehr noch traten und glänzender die Gestalten der
hohen Reisenden hervor, die kürzlich hier gewandelt hatten. Der Name des
Königs von Preußen und seiner schönen Gemahlin war in Aller Munde. Alt
und Jung rühmten die Milde und Herablassung, die Holdseligkeit der edeln
Frau, und wo man nur einen merkwürdigen Fleck des Gebirges betrat, waren
Spuren, Namen, Denksprüche der Einwohner, um den Regierern die Verehrung
und Liebe der gerührten Herzen zu wiederholen. Wie hatte sich seit zehn
Jahren die Stimmung hier und allenthalben im Baireuthschen geändert.
Denn damals ging das Volk nur ungern zur preußischen Herrschaft über.
Jetzt fand man sich beglückt und Alle sahn mit Vertrauen und fester
Liebe zu ihren Herrschern hin; und die Reise des Königs und der Königin
hierher hatte die Gemüther aller Einwohner noch mehr erhoben.
Als man sich am andern Morgen auf dem Wege nach Baireuth befand, sagte
Ferdinand: sonderbar ist es, Freunde, daß man immer, wenn man die Stätte
selbst betritt, wo eine merkwürdige Geschichte vorgefallen ist, wo ein
großer Mann wandelte, sich in der Regel abgekühlt und ernüchtert fühlt.
Es ist, als wenn die Phantasie ohne Nachhülfe der Wirklichkeit die
Sachen viel besser und passender verarbeitet. So hat mir in Eger das
Haus des Bürgermeisters, in welchem der Feldherr ermordet wurde, nur
einen trüben Eindruck gemacht. Schiller's tönende Reden und ergreifenden
Scenen wollen sich nicht recht in diese Localität fügen; man wird durch
diese Umgebung herabgestimmt und das tragische Gefühl sinkt dort zur
peinlichen Empfindung eines widerwärtigen Meuchelmordes herab.
Ja freilich, antwortete Wachtel, ist es fast immer so und kann auch
nicht anders seyn. Die meisten Menschen prickeln und kneifen dann an
ihrem lamentirenden Herzen, um sich hinaufzuschrauben. Ein Anderes ist
es freilich, in dem schönen Sanssouci zu wandeln und an Friedrich den
zweiten zu denken; die Wiesen zu betreten, die sich am Avon bei
Stratford hinziehn und sich dort Shakspeare als Knabe und Mann
vorzustellen. Hier läßt uns die Natur frei dichten. Kirchen, wie der
Strasburger Münster, Schlösser wie das zu Warwick, erheben, indem sie
große Kunstwerke sind, das Gemüth auch, wenn es sich dort Geschichte und
Sage vergegenwärtigt; aber so ordinaire Fleckchen, Häuser, dunkle
Zimmer, Kirchhöfe, stimmen herab. Unser lieber wunderlicher Jean Paul
hat mir oft erklärt, er schildere die Gegenden am liebsten, die er
niemals gesehn, würde auch den Anblick derselben vermeiden, weil ihn die
Wirklichkeit nur stören möchte.
Ferdinand hatte eine große Vorliebe für Berneck und die Uebrigen
erstiegen mit ihm die Ruine. Hinter Berneck tritt man in die Ebene und
hatte nur zuweilen den Rückblick auf das Fichtelgebirge. Als man in
Baireuth zu Mittag gegessen hatte, begab man sich nach dem Garten, der
Eremitage. Hier war Ferdinand sehr unzufrieden, weil man Vieles geändert
hatte, um in dieser sonderbaren Composition, die aber nicht ohne
poetischen Sinn entstanden war, einige sogenannte englische Partien
hineinzubringen, die den gut geführten französischen Anlagen ganz
unharmonisch widersprachen. Es war aber noch so viel des Schönen übrig
geblieben, daß die Freunde in dem warmen Sommerwetter sich sehr
behaglich in diesen grünen Laubengewölben ergingen.
Bald wandelte man, bald setzte man sich nieder, und da der Garten von
Menschen nicht besucht war, so konnten sie ungestört von den Werken
ihres Freundes, Jean Paul, sich unterhalten. So sehr sie ihn bewunderten
und lobten, so kamen doch Alle darin überein, daß man der Kunst und
Poesie Unrecht thue, wenn man seine wundersamen Bücher Romane nennen
wolle. Ein Roman sei ohne besonnene Kunstanlage unmöglich, und die Plane
Richter's seien so willkürlich, unzusammenhängend und von Laune und
Eigensinn gesponnen, daß gerade die scheinbare Einheit, der precaire
Zusammenhang um so mehr verletze, um so mehr er oft mit falscher
Künstlichkeit berechnet sei. So, fuhr Walther fort, haben wir wohl nur
einen wahren Roman in deutscher Sprache, unsern Wilhelm Meister, den man
nie genug studiren kann.
Wachtel sagte: dieser Wilhelm verdient gewiß alle Achtung, wenn man ihn
nur nicht gegen den einzigen Don Quixote messen will. Dieses große
Kunstwerk steht nun jetzt seit zwei Jahrhunderten als ein unerreichtes
und als ein Musterbild da. Nicht als Muster insofern, daß andre Romane
diesem ähnlich seyn sollten, sondern als Vorbild, wie jeder in seiner
Welt, die er darstellt, in seinem Zweck, den er verfolgt, so durchaus
ein Ganzes und Befriedigendes seyn könne und müsse.