Ludwig Tieck's
Schriften.
Dreiundzwanzigster Band.
Novellen.
Berlin,
Druck und Verlag von Georg Reimer.
1853.
Ludwig Tieck's
gesammelte Novellen.
Vollständige auf's Neue durchgesehene Ausgabe.
Siebenter Band.
Berlin,
Druck und Verlag von Georg Reimer.
1853.
Inhalt.
Seite
Eine Sommerreise 3
Die Wundersüchtigen 157
Pietro von Abano 295
Ludwig Tieck's
gesammelte Novellen.
Siebenter Band.
Eine Sommerreise.
1834.
Einleitung.
Unter abwechselnden Vorfällen und Erfahrungen, die sich mir im Lauf
meines Lebens auf Reisen oder beim längeren Aufenthalt in fremden
Städten aufdrängten, ist mir die Erinnerung so mancher Bekanntschaften
erfreulich, so manche Beobachtung lehrreich und ich kann es nicht
unterlassen, Einiges davon mitzutheilen, welches vielleicht manche
befreundete Gemüther auf anmuthige Weise anregt.
Schon manches Jahr ist verflossen, seit mir einige interessante
Tagebücher und Briefe in die Hände geriethen, die mir um so bedeutender
wurden, als ich die Verfasser derselben späterhin im Verlauf der Zeiten
in ganz veränderten Verhältnissen und mit umgewandelten Gesinnungen
wiedersah. Jetzt sind die Theilnehmer an nachfolgender kleinen
Begebenheit gestorben oder nach fernen Gegenden gezogen, so daß es
harmlos erscheint, Dasjenige mitzutheilen, was ich früher schon für
vertraute Freunde aus jenen Tagebüchern und Briefen ausgezogen habe. Die
Erzählung ist aus Schriften der drei Hauptpersonen verarbeitet und wird,
der Deutlichkeit wegen, mehr wie einmal durch die eigenen Worte der
erscheinenden Personen unterbrochen werden.
Walther von Reineck an den Grafen Bilizki in Warschau.
Von Deiner schönen Cousine, die ich damals leider nur einmal sah, habe
ich bisher noch nichts in Erfahrung bringen mögen. Und sehr begreiflich,
da ich erst in Franken, oder gar in der Nähe des Rheins, wie ich es ja
weiß, Kundige finde, die mir von ihren Schicksalen und ihrer seltsamen
Flucht etwas mittheilen können. Sollte ich das schöne Bild selbst
irgendwo wiedersehn? Wenn ich nur wenigstens ihn finde, der sie zu
dieser Uebereilung verleitet hat, welche sie Dir entriß, um an ihm die
Rache zu nehmen, die ich Dir versprach, so wenig Du sie auch gefordert
hast. Ich weiß es, daß ich zu hitzig bin; indessen Du bist beschäftigt,
im Dienst des Staates, gehörst Deiner kranken Mutter, und ich bin müßig
und frei genug, um diesen Sommer mich umzutreiben, zu sehn oder zu
gaffen, zu lernen oder zu vergessen, und mir dabei einzubilden, ich thue
Dir und der Menschheit einen großen Dienst, indem ich einen andern
Müßiggänger aufsuche, um ihn zur Rechenschaft zu ziehn.
Bis jetzt hat das Wetter mich sehr begünstigt. Und eine interessante
Bekanntschaft habe ich auch schon gemacht. Ich war queer durch das
traurige Land gereiset, zwischen den Städten Frankfurt an der Oder und
Crossen hindurch, weil ich in Balkow, einem Dorfe, meine Freundschaft
mit der Familie Tauenzien erneuen wollte, die Du auch kennst, weil die
vortreffliche Frau aus Warschau gebürtig ist. Hier herum ist eine
seltsame Landesart und fast wilde Einsamkeit, beinah so wie in Polen. So
kommt man denn durch abgelegene Wege, immer durch Wald bis an die Oder,
wo den Reisenden, an sumpfiger Stelle, die Kretschem genannt, eine Fähre
übersetzt. Hier fand ich zu meinem Erstaunen einen eleganten Wagen und
einen jungen höflichen Mann, welcher ebenfalls die Fähre erwartete,
welche auf wiederholtes Rufen auch schon herübersteuerte. Der junge Mann
hatte jenen dunkeln, tiefsinnigen Blick, den ich an Männern wie an
Frauen liebe, und so kam ich seiner Freundlichkeit mit Wohlwollen
entgegen, und wir behandelten uns nach einigen Minuten, als wenn wir
alte Bekannte wären. Er sagte mir, diese sumpfige Stelle wäre im
Frühling und Herbst ziemlich gefährlich, weil die Fähre nicht ganz nahe
kommen könne und der Wagen alsdann tief im Wasser fahre. Ich lernte
daraus, daß er hier herum bekannt seyn müsse. Und so erfuhr ich es denn
auch, als wir auf der Fähre neben einander standen: er ist lange in
Ziebingen und Madlitz gewesen, zweien Gütern, die der Finkenstein'schen
Familie gehören. Von dieser Familie, den Töchtern wie den Eltern,
spricht er wie ein Begeisterter. Der Vater, der Präsident Graf
Finkenstein, ist der Sohn des berühmten Staatsministers und der
Präsident selbst ist in der Geschichte, durch jenen vielbesprochenen
Arnold'schen Proceß, nicht unbekannt, in welchem er sich als einen
wackern und höchst rechtlichen wie unerschrockenen Mann zeigte. »Wer in
dieser Familie, rief mein neuer Bekannter aus, eine Weile gelebt hat,
der kann sich rühmen, die echte Humanität und Urbanität, das Leben in
seiner schönsten Erscheinung kennen gelernt zu haben. Die Mutter, eine
würdige Matrone, ist die Freundlichkeit selbst, in ihrer Nähe muß jedem
wohl werden, der ein echter Mensch ist. Begeisternd, aber freilich
weniger sicher ist die Gesellschaft der drei schönen und edeln Töchter.
Die zweite ernst, die dritte muthwillig und froh und die älteste graziös
und lieblich, erscheinen sie, im Gesange vereinigt, wie das Chor der
Himmlischen. Vorzüglich die Stimme dieser älteren Schwester ist der
reinste, vollste und auch höchste Sopran, den ich jemals vernommen habe.
Wäre sie nicht als Gräfin geboren, so würde sie den Namen auch der
berühmtesten Sängerinnen verdunkeln. Hört man diese Henriette die großen
leidenschaftlichen Arien unsers musikalischen Sophokles, des einzigen
Gluck, vortragen, so hat man das Höchste erlebt und genossen. Oft
verherrlicht noch ein großer Musikkenner, der Minister Voß, die
Gesellschaft, und durch seine Vermittlung und aus der Sammlung dieses
vortrefflichen Mannes haben die Töchter große Sachen von Jomelli, ältere
von Durante, Leo, Lotti und Allegri, einige höchst seltene vom alten
Palestrina und dessen Zeitgenossen erhalten, und diese erhabenen
Kirchengesänge werden in dieser Familie so vorgetragen, wie man es
vielleicht kaum in Rom so rein und großartig vernimmt. Der Vater,
nachdem er seine Geschäfte und juristische Laufbahn aufgegeben hat,
bewirthschaftet seine Güter und hat mit malerischem Sinn für Natur in
Madlitz einen der schönsten Gärten angelegt und ausgeführt, der uns
einfach und ohne Prätension die Herrlichkeit der Bäume und Pflanzen
zeigt und an hundert anmuthigen Plätzen zum poetischen Sinnen und
phantasiereichen Träumen einladet. Dieser Mann studirt und übersetzt den
Theokrit und Virgil's Eklogen, so wie einige Gedichte Pindar's. Er
kennt, was noch so vielen Poesiefreunden eine geheimnißvolle Gegend ist,
viele alt-deutsche Gesänge und weiß das erhabene Epos der Nibelungen
fast auswendig. So oft ich in diesem Kreise war, bin ich besser und
unterrichteter aus ihm geschieden.«
Aus dieser begeisternden Rede schloß ich, daß mein neuer Bekannter der
Liebe sehr zugeneigt, in diesem selben Augenblick wohl schon ein
Verliebter sei, daß er wohl auch Anlage zum Dichter besitze. Er heißt
Ferdinand von Erlenbach und reiset mit noch weniger Absicht als ich in
die weite Welt hinein. Wir werden wenigstens bis Dresden
beisammenbleiben, er sendet auch von hier, von Guben, seinen Wagen
zurück, und wir haben in diesem Städtchen eine Chaise bis Dresden
gemiethet.
Nach vielfachen Gesprächen, in welchen sich der enthusiastische
Charakter meines neuen Freundes noch mehr entwickelte, kamen wir,
nachdem unsre Kutscher sich ohne Noth im Fichtenwalde verirrt hatten,
gegen Abend in dem Städtchen Guben an, welches für die hiesige Landesart
eine ganz leidliche Lage hat. Er, der Aufgeregte, ist bei dem schönen
Wetter noch nach dem Vogelschießen, auf der Wiese draußen, zu dieser
Bürgerlustbarkeit hinausgegangen. Ich habe keinen Sinn für dergleichen
poetische Prosa. Das Knallen der Büchsen, diese Gespräche beim Bier, der
Pfahlwitz dieser Schützen, Alles dies kann weder meine Neugierde noch
mein Behagen erregen. Er reizt sich aber auf, um dergleichen aus Willkür
interessant zu finden; will wohl auch die Menschen studiren. Auch denkt
er einen Jugendfreund aufzusuchen, den er seit vielen Jahren nicht
gesehn, der sich hier angekauft und verheirathet hat. Ich zog vor zu
essen, zu trinken und Dir diesen flüchtigen Brief zu schreiben. Gedenke
Deines treuen Walthers.
Guben, den 15. Junius 1803.
* * * * *
Ferdinand war in der That bis zum Abend beim Scheibenschießen. Er liebte
dergleichen Volksfeste fast übermäßig und seine Phantasie, wenn er
gleich nicht mehr in der ersten Jugend war, überzog die Gegenwart, die
Andern dürr und finster erschien, mit einem glänzenden Firniß. Trotz
seinem Nachforschen wollte es ihm aber nicht gelingen, seinen
Schulfreund Wachtel anzutreffen. Die Schützen bedeuteten ihm auch, daß
dieser nicht zu ihrer Gilde gehöre. In der Vorstadt, wo das ziemlich
große Haus seines Freundes gelegen war, traf er ihn ebenfalls nicht. Er
spazierte also halb verdrossen in der Gegend umher und vernahm aus der
Ferne die Schüsse, die nach der Scheibe zielten, dann begab er sich
wieder in das zerstreuende Geräusch, hörte hier und dort den Gesprächen
zu und wünschte so wie die Andern über ungesalzene Geschichten oder
Familienspäße lachen zu können. So ward es Abend und finster und er war
immer noch zu verdrossen, um nach dem Gasthofe in der Stadt
zurückzugehen, und sein Lager aufzusuchen.
Schon entfernten sich nach und nach die Schützen mit ihren Frauen und
Kindern, ein anmuthig erfrischender Wind strich beruhigend über das
Gefilde und die Sterne traten heller und bestimmter aus der dunkelblauen
Wölbung; Ferdinand, der gern in der Nacht umherwandelte, war fast
entschlossen, im Freien zu bleiben. Da hörte er im nahen Gebüsch wie ein
Klagen, Seufzen und Schelten durch die Stille des Abends, und als er
näher trat, bot sich ihm eine Scene wie von Teniers und Ostade dar, die
zu seinen süßen Träumen gar nicht passen wollte. Ein trunkener Mann lag
auf dem grünen Rasen und eine Frau, die bald ermahnte, bald wehklagte,
bestrebte sich, ihn, indem sie ihn am Arme hielt, emporzurichten. Sie
freute sich, als ein anderer Mann ihr nahte, weil sie in ihrer Angst
dessen Hülfe sogleich in Anspruch nahm, um den Besinnungslosen nach
Hause schaffen zu können. Indem Ferdinand den Betäubten aufzurichten
suchte, erzählte die Frau, wie der Gatte auf einem Kindtaufschmause beim
Amtmann des nahen Dorfes immerdar gelacht und getrunken, so christlich
sie ihn auch ermahnt habe; mehr vom Gelächter noch als Wein berauscht,
sei er auf dem Rückwege zur Stadt, indem auf dieser Stelle erst seine
Krankheit sich vollständig gezeigt habe, hier schlafend und wie todt
niedergesunken. Lachend und weinend stemmte sich die Frau, durch
Ferdinand's kraftvolle Unterstützung sichrer gemacht, bis Beide durch
richtig angewendete Hebelkraft den Ehemann aufrecht gestellt hatten.
Beschämt und gerührt fühlte sich Ferdinand, der schon seit einiger Zeit
im Lallenden und Ohnmächtigen seinen humoristischen Freund Wachtel
wieder erkannt hatte. Er war nur darüber froh, daß jener Walther, der
neue Bekannte, bei dieser Nichterkennungsscene nicht zugegen war, da er
ihm von diesem Herrlichen so viel Gutes und Schönes erzählt hatte, das
ihm selber jetzt als Unwahrheit erschien. Die beiden Hülfreichen führten
nicht ohne Mühe und Anstrengung den Unbeholfenen in sein Haus, und
Ferdinand entfernte sich in der höchsten Verstimmung. Er durchstreifte
wieder die Landschaft und erfreute sich der lieblichen Sommernacht, die
warm und doch erfrischend, labend und milde nach dem heißen Tage auf den
Feldern und Wäldern webte. Die Lichter des Städtchens erloschen nach und
nach, und seinen Lebenslauf übersinnend, kam der Träumende nach einer
Stunde zurück, um seinen Gasthof aufzusuchen. Er mußte vor dem Hause des
trunkenen Freundes vorüber, und als er in die Nähe desselben kam,
vernahm er deutlich Wachtel's Stimme. Er war unten in einer großen Stube
zur ebenen Erde und alle Fenster standen, der Sommerwärme wegen, offen.
Ferdinand kam leise näher und unterschied in der Dämmerung seinen
Freund, der ruhig neben seiner Frau saß und so in seiner gemessenen Rede
fortfuhr: -- denn alle Weisheit ist nur Stückwerk, und alle Tugend
nichts als Flickwerk. Ich betheure Dir, ich war nicht betrunken, wie Du
Dir einzubilden scheinst, sondern nur etwas anders, als gewöhnlich,
gestimmt; auch war ich nicht abwesend oder gar besinnungslos, wie Du
behaupten möchtest, sondern mein Geist schwärmte nur in andern Regionen
und war eben mit der Lösung der tiefsinnigsten Probleme beschäftigt. So
geht es mir ja oft, daß auf meinem Zimmer sich beim Buch oder im
Nachdenken mein Geist in hohen Genüssen ergeht, und ich Dich ebenfalls
alsdann nicht oder meinen Gevatter Wendling bemerke. Was nun die
Behauptung betrifft, Du selbst habest mich nebst einem ganz fremden
Manne, unwissend meiner selbst, hieher in mein Häuslein geschleppt, --
so ist das nichts weiter, als was mir und Dir alle Tage geschieht, wenn
wir im Wagen sitzen, über dieses und jenes anmuthig genug discurriren
und weder wissen noch bedenken mögen, ob weiße oder schwarze Pferde uns
von der Stelle bewegen. Contrair zeigt es nur von einem geringen Sinne,
sich um diese Nebendinge allzuängstlich zu kümmern; und wie würdest Du
selbst mich verachten, wenn ich in einer schönen Landschaft, an welcher
sich Dein Auge ergötzte, Dich immer wieder auf die Schimmel und den
rothnasigen Fuhrmann aufmerksam machen wollte. Also, nicht einseitig
abgeurtheilt, liebe Gattin. Wären wir nicht so schnell stillgestanden,
was Du selbst verlangtest, um zu verschnaufen, wie Du Dich ausdrücktest,
so wäre ich dort am Abhang nicht in die Knie und alsbald mit dem ganzen
Leichnam hinab gesunken oder geschurrt; denn Beine und Schenkel und alle
jene Muskeln, welche zum Wandeln in Bewegung gesetzt werden müssen,
thaten ihre Schuldigkeit ganz leidlich, Wille und Vollstreckung immerdar
im Takt, Eins zwei, Eins zwei; -- nun aber die plötzliche Hemmung -- das
war den Sehnen, Muskeln, Gebeinen, und wie sie Namen haben mögen, ganz
unerwartet wie ein Blitzschlag; -- die Geister, die schon Reißaus
genommen hatten und in Indien und Calekut schwärmten, vergaßen von ihrer
interessanten Pilgerschaft zurückzukommen, der Wille lauerte vergeblich
auf Befehl, und die Sehnen und Muskeln, die schon lange des langweiligen
Takttretens müde waren, fielen ohne von Willen und Geistbefehl und jenem
hartherzigen Bewußtsein tyrannisirt zu werden, zusammen und blieben
liegen. Sieh, Schatz, dies ist die pragmatische Geschichte jenes von Dir
mißverstandenen Vorfalls.
Ganz gut, sagte die Frau, aber ich weiß, was ich weiß, Du kannst mir
meine Sinne nicht abdisputiren. Vor acht Tagen sagtest Du wieder, wenn
ich Dich unterwegs nur eine einzige Minute hätte ausruhen lassen, so
wärst Du hier in der Stube nicht so hingeschlagen, daß es Dir zwei Tage
im Kopfe brummte.
Richtig, mein Kind, erwiederte der Gatte, mein Genius brummte und
knurrte damals lange aus Verdruß, daß man auf seine Weisung nicht
gemerkt hatte. Denn ich war mit Bewußtsein dazumal überfüllt, es waren
zu viele Lebensgeister gegenwärtig und ein Ueberschwang von Gedanken,
philosophischen Begriffen und tiefsinniger Nüchternheit quälte mich; so
war denn nicht Ein Wille bloß meinem Gehn und den Beinen zu Gebot,
sondern wohl zehn Willenskräfte hantirten in mir und zankten gleichsam
mit den Lebensgeistern und der obersten Hauptseele oder dem wahren Ich.
Du sahst auch, wie die Beine zu schnell liefen, wie ich mit den Händen
haspelte und gestikulirte, die in Wandelsbegeisterung auch Beine zu seyn
strebten. Hätte ich nun etwas im Freien geruht, so konnte die Hauptseele
so ein Dutzend Lebensgeister nach allen Richtungen fortsenden, mein zu
starkes Bewußtsein wurde vernünftig und gemäßigt, und ich fiel nachher
aus pur übertriebener Nüchternheit nicht hier auf den Fußboden hin. --
Aber noch schlimmer, daß Du mich bei der fremden Dame, die seit gestern
bei uns logirt und morgen, oder vielmehr heut, oder vielmehrest
übermorgen, das heißt, da jetzt Mitternacht vorüber ist, eigentlich
morgen früh abreisen will, in so schlechten Ruf gebracht hast, als wenn
ich ein Trunkenbold wäre. Sieh, mein Engel, das fremde gutherzige
Frauenzimmer reiset nun in alle Welt und hängt mir in den
allerentferntesten Ländern einen Schandfleck an, und macht mir so in
Gegenden einen bösen Namen, wo ich noch nicht einmal einen guten oder
gleichgültigen Ruf errungen habe; es ist sogar möglich, ich werde da
schon im voraus lächerlich, wo man mich noch gar nicht kennt; denn
Verleumdung findet weit leichter als Verehrung eine Herberge und Wohnung
in der Brust der mannichfach redenden Menschen.
Er ist also auch in der Ehe unverbesserlich geblieben, dachte der
erzürnte Ferdinand und ging in die Stadt. Es war ihm in seiner
Verstimmung unmöglich, sich jetzt seinem ehemaligen Freunde zu erkennen
zu geben.
In einem nicht gar bequemen Fuhrwerke verließen die Reisenden Guben und
zogen langsam durch die Steppen und Fichtenwälder jener Gegend der
wendischen Lausitz. Sie übernachteten in Wermsdorf und waren erfreut,
bei Königsbrück eine grünere und freundlichere Natur zu finden. Ein
schöner, voller und dichter Tannenhain, mit vielen alten Bäumen, von
schönen Buchen und Birken erhellt, empfing sie nachher, und gegen Abend
sahen sie von einer Waldhöhe herab in seiner ganzen Schönheit am
anmuthig gewundenen Strom das liebliche Dresden vor sich liegen.
Ich war schon oft in dieser Stadt, sagte Ferdinand, und doch bleibt mir
der Anblick dieser Gegend immer neu. Die Hügel, die sanften Thäler
umher, der schöne Strom, das Grün und die Waldpartien, Alles ist
zierlich und ergötzlich zu nennen. Erhaben, ernst, feierlich ist diese
Natur nicht und wir hören hier keine jener Stimmen, die das Ohr unsers
Geistes wohl in Gebirgen vernimmt. Darum hat diese Gegend so recht
eigentlich etwas Wohnliches, Behagliches, daß Jedem hier wohl wird, der
eines Umganges mit der Natur fähig ist.
Sollten das nicht alle Menschen seyn? fragte Walther.
Ich zweifle sehr, erwiederte jener: suchen so viele nicht und vermissen
in freundlichen Ebenen den Reiz der Gebirge? Entbehren nicht viele
schmerzlich in schöner Abgelegenheit den Wirrwarr der großen Städte?
Das gehört auch, erwiederte Walther, zu den Erfreulichkeiten Sachsens
und dieser Residenz, daß man sich frei fühlt, nicht von Mauth und deren
Dienern grob und stürmisch angefahren und genirt wird; daß keine Habgier
die Bestechung wie einen Tribut erwartet. Das bildet einen starken
Abstich gegen das große benachbarte Land, in welchem in dieser Hinsicht
so vieles zu verbessern ist.
Schon in der Nähe des freundlichen Thorschreibers fielen diese Reden vor
und die Reisenden stiegen müde vor dem Gasthause, der goldene Engel, ab,
in welchem sie Erquickung und gute Bewirthung fanden.
Walther von Reineck an den Grafen Bilizki.
Dresden, den 19. Juni 1803.
Man sagt mir hier, die Familie Ensen sei in Karlsbad, und dahin werde
ich also vorerst mit meinem Schwärmer meinen Zug richten, weil ich
hoffen kann, von diesen Leuten, welche alle Verhältnisse so genau
kannten, von der schönen Maschinka, oder ihrem Entführer etwas zu
erfahren. Ferdinand, wie ich ihn der Abkürzung wegen nennen will, führte
mich sogleich zu einem wackern Schwaben, einem Maler Hartmann hin, so
wie zu einem sehr poetischen eigenthümlichen Landschaftmaler, Friedrich,
aus Schwedisch-Pommern gebürtig. Diese wahrhaft wunderbare Natur hat
mich heftig ergriffen, wenn mir gleich Vieles in seinem Wesen dunkel
geblieben ist. Jene religiöse Stimmung und Aufreizung, die seit kurzem
unsre deutsche Welt wieder auf eigenthümliche Weise zu beleben scheint,
eine feierliche Wehmuth sucht er feinsinnig in landschaftlichen
Vorwürfen auszudrücken und anzudeuten. Dieses Bestreben findet viele
Freunde und Bewunderer, und, was noch mehr zu begreifen ist, viele
Gegner. Historie, und noch mehr viele Kirchenbilder haben sich wie oft
ganz in Symbolik oder Allegorie aufgelöset, und die Landschaft scheint
mehr dazu gemacht, ein sinnendes Träumen, ein Wohlbehagen, oder Freude
an der nachgeahmten Wirklichkeit, an die sich von selbst ein anmuthiges
Sehnen und Phantasiren knüpft, hervorzurufen. Friedrich strebt dagegen
mehr, ein bestimmtes Gefühl, eine wirkliche Anschauung, und in dieser
festgestellte Gedanken und Begriffe zu erzeugen, die mit jener Wehmuth
und Feierlichkeit aufgehn und eins werden. So versucht er also in Licht
und Schatten belebte und erstorbene Natur, Schnee und Wasser, und eben
so in der Staffage Allegorie und Symbolik einzuführen, ja gewissermaßen
die Landschaft, die uns immer als ein so unbestimmter Vorwurf, als Traum
und Willkür erschien, über Geschichte und Legende durch die bestimmte
Deutlichkeit der Begriffe und der Absichtlichkeit in der Phantasie zu
erheben. Dies Streben ist neu, und es ist zu verwundern, wie viel er
mehr wie einmal mit wenigen Mitteln erreicht hat. So meldet sich bei uns
in Poesie und Kunst, wie in der Philosophie und Geschichte, ein neues
Frühlingsleben. Ganz ähnlich, und vielleicht noch tiefsinniger, strebte
ein Freund, der erst seit kurzem von hier in sein Vaterland, Pommern
(auch das schwedische), zurückgekehrt ist, die phantastisch spielende
Arabeske zu einem philosophischen, religiösen Kunstausdruck zu erziehn.
Dieser lebenskräftige Runge hat in seinen Tageszeiten, die bald in
Kupferstichen erscheinen werden, etwas so Originelles und Neues
hervorgebracht, daß es leichter ist, über diese vier merkwürdigen
Blätter ein Buch zu schreiben, als über sie in Kürze etwas Genügendes zu
sagen. Es war eine Freude, diesen gesunden Menschen diese Zeichnungen
selbst erklären zu hören, und zu vernehmen, was er Alles dabei gedacht.
Ich suchte ihn im vorigen Jahr, als ich mich auch hier befand, darauf
aufmerksam zu machen, daß er, besonders in den Randzeichnungen, die die
Hauptgestalten umgeben, mehr wie einmal aus dem Symbol und der Allegorie
in die zu willkürliche Bezeichnung, in die Hieroglyphe gefallen sei. Der
bittre Saft, der aus der Aloe trieft, die Rittersporn, die im Deutschen
durch Zufall so heißen, können nicht im Bilde an sich Leiden, Reue oder
Tapferkeit und Muth andeuten. So ist in diesen Bildern manches, was
Runge wohl nur allein versteht, und es ist zu fürchten, daß bei seiner
verbindenden reichen Phantasie er noch tiefer in das Gebiet der Willkür
geräth und er die Erscheinung selbst als solche zu sehr vernachlässigen
möchte. In derselben Gefahr befindet sich auch wohl Friedrich. Ist es
nicht sonderbar, daß gerade die Zeit, die mehr Phantasie entwickelt, als
die vorigen Menschenalter, zugleich im Phantastischen und Wunder mehr
Bedeutung, Vernunft und äußere und innere Beziehung finden will, als
früher die Menschen von jenen Productionen der Künste verlangten, die
doch gewissermaßen ganz aus der Verständigkeit hervorgegangen waren? Man
sieht aber wieder, wie Ein Geist immerdar sich im Zeitalter in vielen
Gegenden und Gemüthern meldet. Die Novalis auch nicht kennen oder
verstehn, sind doch mit ihm verwandt. War es denn auch so zur Zeit des
Dante? So weit ich jene Jahre kenne, entdecke ich dort diese
Verwandtschaft nicht. Dieser große Prophet hat in seinem Geheimniß
dieses Streben, Sache und Deutung, Wirklichkeit und Allegorie immerdar
in Eins zu wandeln, auf das mächtigste aufgefaßt. Ihn verstehn und
fühlen setzt voraus und fordert eine große poetische Schöpferkraft; mit
dem gewöhnlichen Auffassen ist hier nichts gewonnen. Soll man sich aber
selbst so loben? Im Briefe vielleicht. Und doch gemahnt es mich, als sei
dies kein Lob. Nur Geweihte sollen Dante's Gedicht lesen. Es ist ja
keine Bürger- und Menschenpflicht.
Sonderbar, daß viele Menschen, die mit Recht sich etwas darauf
einbilden, daß sie Runge's und Friedrich's Bemühungen nicht abweisen,
weil ihr Poesiesinn den Schöpfungen entgegenkommt, doch die tiefsinnige
und ebenso liebliche Symbolik und Allegorie in Correggio's einzigen
Werken nicht fühlen und anerkennen. Wer nichts als den Maler in ihm
sieht, der mit Lichteffekten spielt, mag nicht gescholten werden, wenn
er mehr als einen Niederländer höher stellt. Runge selbst war immer von
diesem großen Dichter auf das tiefste ergriffen, und es ließ sich mit
diesem hochbegabten deutschen Jünglinge über diese Gegenstände sehr
anmuthig sprechen und schwärmen. Freilich merke ich wohl, daß ich, gegen
meinen Begleiter Ferdinand gehalten, mich noch sehr prosaisch ausnehme.
Wir standen vor Rafael's sogenannter Sixtinischen Madonna. Es ist
schwer, von einem so ewigen, ganz vollendeten Werke etwas Bedeutendes zu
sagen, und um so schwerer, je öfter und weitläuftiger schon begeisterte
Bewunderer oder forschende Kenner sich darüber haben vernehmen lassen.
Kein Werk, darin kommen alle überein, ist von Rafael so leicht, mit so
weniger Farbe, so weniger Ausführung gemalt. Es hat darüber, weil es
wohl rasch gefördert ist, fast den Charakter eines Freskobildes; in
Hinsicht der Einfachheit, Erhabenheit, steht es vielleicht, wenn man
einmal unterordnen will, allen Arbeiten dieses größten Malers voran. Es
kommt mir vor, als wenn diese sublime Erscheinung jene Ausführlichkeit
so vieler anderer Meisterwerke nicht zuließe. Denn wie eine Erscheinung
wirkt dieses Kunstwerk. Es ist sehr zu tadeln, daß man es so nachlässig
eingerahmt hat; denn oben ist vielleicht eine Handbreit oder mehr
umwickelt, wodurch die grünen Vorhänge und der obere lichte Raum
verkürzt sind. Denkt man sich dieses jetzt Mangelnde hinzu, so schwebt
die Gestalt der Maria, sowie des Sixtus und der Barbara noch deutlicher,
noch mehr und lebendiger herab. Die Vision der drei Heiligen steigt in
die Kirche selbst hernieder, sie erscheint über dem Altar, und Maria
bewegt sich im Niederschweben mit dem ernsten Kinde in den Armen
zugleich vor. Diese doppelte Bewegung erklärt den Flug des Schleiers,
sowie das Zurückstreben des blauen Gewandes; der verklärte Papst, im
brünstigen Gebet, ist gleich in dieser knieenden Anbetung und Stellung
gewesen. Die heilige Barbara stand der Mutter Gottes nahe, doch
geblendet von der Majestät und fast erschreckt von den tiefsinnigen
Augen des Kindes ist sie so eben in die Knie gesunken und wendet das
Antlitz. Diese Verbindung der früheren und späteren Bewegung liebte
Rafael, fast alle seine Bilder zeigen sie, und keiner hat ihn in dieser
Kunst, auf diese Weise wahres Leben, Seele in die Stellungen und Gruppen
zu bringen, jemals erreicht. Die Engel, als Herolde, sind schon früher
angelangt, und stützen sich unten ruhend auf dem Altar selbst. Getrost,
kindlich unbefangen erwarten sie die Heiligen, und der Tiefsinn der
Kindheit contrastirt mit dem Angesicht Christi und dem strengen Ernst
seiner Augen gar schön. Mir unbegreiflich, wie manche seyn wollende
Kenner dieser Barbara etwas Weltliches oder gar Coquettes haben
andichten wollen. Andre meinen, das Bild sei noch edler, wenn die Figur
der Maria ohne alle Begleitung erschiene. Für wie Viele, und die doch
gern mitsprechen, ist das Vollendete doch immerdar ein fest versiegeltes
Buch, und eben darum, weil es vollendet ist. Die Mehrzahl der Menschen
kann sich nur am Einzelnen entzücken. Ihr Streben, sowie sich ihnen in
Kunst oder Poesie etwas Mächtiges und Schönes anbietet, ist, sogleich
das Werk zu vereinzeln, um sich dieses und jenes, entweder mit Kälte
oder Hitze anzueignen. Die Kalten sind die sogenannten Kenner, die oft
mit solcher Wegwerfung diese oder jene Zufälligkeit oder eine Nebensache
bewundern, daß man, ihren Reden nach, auf den Argwohn kommen müßte, es
sei besser, wenn gar keine Kunst oder Poesie die Welt verwirre. Die
Hitzigen versetzen sich zuweilen bis zu Thränen in eine ängstliche
Leidenschaftlichkeit, um ja nur recht bestimmt etwas zu isoliren, irgend
ein Schönes, das freilich sich wohl auch im Kunstwerke findet. Nur
verdient dieses Einzelne erst das Lob, und kann nur verständig seyn,
wenn es aus dem Innern des Werkes und seiner Totalität verstanden wird.
Aber von dieser innern, nothwendigen Vollendung, wodurch erst ein
Kunstwerk diesen Namen verdient, von dieser Ueberzeugung wollen die
Eifernden wie die Besonnenen in der Regel nichts wissen; diesen Glauben
erklären sie geradezu für Aberglauben. Sie können ein Werk nur
bewundern, wenn sie es für eine Annäherung, aber freilich mangelhafte,
zu jenem unsichtbaren, unfühlbaren und unbezeichneten Ideal halten,
welches ihnen im chaotischen Nebel vorschwebt.
Es ist merkwürdig, wie sich so oft die Extreme berühren. Diese
Rafael'sche Maria hätte vielleicht niemals copirt werden sollen und kein
anderes Bild ist von Stümpern und geschickten Zeichnern so oft
wiederholt worden. Den besten aber fehlt das geistige Auge, die wahre
Gestalt der Maria wieder zu finden. Vielleicht wäre dem schaffenden
Meister selbst keine Copie ganz gelungen. Am schlimmsten sind einige
Oelbilder, bloß die ganze Figur der Maria, ausgefallen. Ich kenne
welche, die aus dieser erhabenen Gestalt etwas Freches und Gemeines
gemacht haben.
Unser Entzücken vor dem Gemälde wurde auf eine sonderbare Art gestört
und unterbrochen. Ein Mann in mittleren Jahren, mit einem scharfen
Gesicht und einer etwas rothen Nase, kam mit stolperndem Gang und einem
schreienden Ton auf uns zu, und schloß meinen verzückten Ferdinand, ob
sich dieser gleich etwas sträubte, fast zu heftig in seine Arme. Er
nannte sich Wachtel, kam von Guben herüber und hatte unsre Namen im
Thorzettel gelesen. »Ihr steht hier«, rief er unmittelbar nach der
Begrüßung, »vor dem allercuriosesten Tableau, das der Mensch nur
ersinnen kann. Es ist ohne Inhalt und stellt eigentlich gar nichts dar.
Man kann sich aus den Abendwolken bessere Geschichten zusammensetzen. Wo
kommen diese Creaturen her? Wo wollen sie hin? Warum blieben sie nicht,
wo sie waren? Das kommt mir vor wie manche Menschen, die immer eine
wichtige Miene machen und hinter diesem nachdenklichen Gesichte doch gar
nichts denken. Der Zuschauer muß sich nun zwingen, noch weniger zu
denken, und das nennt er dann eine erhabene Stimmung. Wie man beim
Feuer, wenn es mächtig um sich greift, oft klug thut, zwei oder drei
Häuser einzureißen, damit nicht hundert zu Grunde gehn, so sollte ein
durchgreifender Menschenfreund, wie der Kalif Omar, einmal so ein
tausend gepriesene Meisterwerke in den Ofen stecken, damit eine Kluft,
ein leerer Raum entstünde, und diese Krankheit von unnützer Bewundrung,
die immer weiter um sich greift, in sich erstickte, daß die armen
Menschen einmal wieder frische Luft holten und zur Besinnung kämen. Was
seht ihr z. B. auch dort an dem Tizianschen Christus mit der Münze? Ich
habe einen Schacherjuden gekannt, der ganz wie dieser angebliche Heiland
aussah. Diese Maler sind lustige, boshafte Kerle gewesen, und es ist zu
verwundern, daß ihnen die Geistlichkeit nicht mehr auf die Finger
klopfte. Die Satire, wie der Jude hier die Münze und den Versucher
ansieht, wie die langen Finger so gern mit dem Geldstück eins werden
möchten, ist doch allzusehr in die Augen fallend.«
Ferdinand, der mir vor einigen Tagen soviel Wunder und Schönes von
diesem Jugendfreunde erzählt hatte, hätte aus der Haut fahren mögen und
durfte doch den täppischen Gesellen nicht verleugnen. Er war aber
dunkelroth vor Scham, denn noch kurz zuvor hatte er mir und den
Umstehenden bewiesen, wie in diesem Bilde, »Christus mit der Münze,«
sich Tizian, der nur selten erhaben sei, selber übertroffen habe. So
sehr er sich wehrte, mußte er sich doch von seinem Freunde zu den
Teniers und einigen andern niederländischen Bauernscenen schleppen
lassen, wo dieser Wachtel sich unter lautem Lachen ganz glücklich und
behaglich fühlte. --
* * * * *
Nachdem Walther diesen Brief abgesendet hatte, kehrte er zu seinem
Freunde Ferdinand zurück, den er im heftigen Wortwechsel mit Wachtel
antraf. Was giebt es, fragte er, worüber man so laut streiten könnte?
Wachtel nahm sogleich das Wort und erzählte mit großer Lebhaftigkeit:
die Sache, werthgeschätzter Unbekannter, betrifft, kürzlich zu sagen,
das Herz und die Liebe. Ich bin des Undankbaren ältester Freund, und er
will es mir verwehren, hier mit ihm zu seyn und ihn nach Teplitz und
Karlsbad zu begleiten. Ist das nicht reelle Undankbarkeit? Ich komme
her, sehe ihn nach Jahren wieder, und will mein verdumpftes Herz in
lichtender, frischer Liebe auslüften und durch heilsame Erschütterungen
von Motten und allem unnützen Gespinste reinigen, und er will es mir
verwehren, ihn zu begleiten, weil ich ihn, wie er vorgiebt, in seiner
verstimmten Erhebung nur störe. Auch hat er, wie immer, allerhand von
Geheimnissen, die ich ihm allzuroh und derb betasten, oder vielleicht
gar erdrücken möchte, denn er liebt es, sich selbst zu verhätscheln, und
doch hat der arme Schelm seine ganze Schwärmerei nur einzig und allein
von mir gelernt, was er freilich jetzt, nach so manchen Jahren, nicht
mehr Wort haben will.
Ferdinand mußte lachen und sagte: nun, so begleite mich denn, Freund
Wunderlich, wenn jener Herr, mit welchem ich mich schon für einige Zeit
versprochen habe, nichts gegen die Vermehrung der Gesellschaft hat.
Walther schien über die neue Bekanntschaft erfreut, die ihm manche
Aufheiterung versprach, und man nahm sogleich die Abrede, vorerst nach
Teplitz zu reisen, um zu erfahren, wie man sich untereinander vertrüge.
An einem trüben Tage reisete die Gesellschaft von Dresden ab, ziemlich
spät, so sehr auch Ferdinand getrieben hatte, damit man noch zeitig in
Teplitz anlangen könne. Der bequeme Walther aber, der es nicht in der
Art hatte, Zeit und Stunde sehr zu beachten, hatte die Stunde versäumt.
Die schöne Gegend bei Pirna, die anmuthige bei Gießhübel, die
Waldpartien, die wechselnden Aussichten ergötzten alle. Auf der Grenze
wurden die Reisenden, die nicht viel Gepäck mit sich führten, nur wenig
aufgehalten. Der Weg bis zum Nollendorfer Berg hinauf war ermüdend und
langweilig, denn schon in Peterswalde hatte sich ein dichter Nebel
herabgesenkt, der jede Aussicht verdeckte. Oben auf dem höchsten Punkte
des Berges von Nollendorf steht eine kleine Kirche. Hier stiegen die
Reisenden aus, um, wo möglich, etwas von der Schönheit der Natur zu
genießen.
Der Wagen fuhr indessen das Thal hinunter, als die Naturbeobachter noch
oben im dichten Nebel standen und kaum die nächsten Sträucher am Wege
unterscheiden konnten. Wachtel sagte: Eigentlich, meine Freunde, ist
dies, was wir hier nicht sehn, und indem wir nichts sehn, der erhabenste
Anblick der Natur. Dies ist ein Bild vom alten uranfänglichen Chaos,
welches der wundersame Großvater aller Formen und Gestaltungen war. Wir
übereilen uns, wenn wir uns das Nichts als nichts denken wollen: was
sich weder denken noch vorstellen läßt. Nein, so wie wir es hier vor uns
sehen, ist das Nichts beschaffen. Alles, so weit man sieht und denkt,
ein unreifer Brei, eine angehende Milch, ein blöder Lehrling für ein
Sein. Wie Silhouetten-Gespenster dort die Bäume und Sträucher, eben nur
zu errathen, Finsterniß in diesem bleichen Dunkel, dort ebenso die Wand
der Kirche. Alles nur Räthsel: steht da, wie Aberglauben im Meere der
Unvernunft. Wenden wir nun einmal dieses eingebräute Gleichniß vor uns
auf unsre eignen Köpfe an, so -- --
Hier versagte dem Schwatzenden das Wort im Munde, denn einem Wunder
gleich riß sich eine große breite Spalte in dem dichtgewundenen Nebel,
und grünes Land, sonnenbeglänzter Wald lag unten, gegenüber funkelnde
Berge im wachsenden Lichte. Kaum entdeckt, brachen links und rechts neue
Klüfte im weißen Nebelmeer auf, und wie selige Inseln zeigten sich von
allen Seiten Gebirg und Flur im spielenden Glanz des fluthenden
Sonnenscheines, indessen noch dazwischen wie Wände oder Säulen die
ineinandergeflochtenen Wolken alle Aussicht deckten. Nun entstand ein
Kampf zwischen Licht und Dunkel: Alles wallte und zog hin und wieder.
Die Wolken löseten sich in Streifen, die leichter und wolliger
zerflossen und sich endlich in den Glanz verloren und untertauchten. So
wurden von unsichtbarer Hand allgemach die Vorhänge weggehoben und das
ganze Gebirge mit seinen schönen Formen lag weit ausgebreitet in allen
Abstufungen des vollen und gemilderten Lichtes vor den Augen der
entzückten Beschauer.
Diese Landschaft, rief endlich Ferdinand aus, muß eine der schönsten in
Deutschland seyn.
Wie oft ich auch die Reise machte, sagte Walther, so habe ich doch
niemals dieses überraschende Entzücken genossen, welches mich heut
ergriffen hat. Wie herrlich wäre es, wenn der Elbstrom durch dieses Thal
flösse, denn nur Wasser fehlt dieser lieblichen Natur.
Sprechen wir nur nicht so, rief Wachtel aus, wie ich dergleichen schon
so oft habe hören müssen. Ihr waret ja eben noch entzückt, Freunde, und
schon fangt ihr an, Mangel zu empfinden, zu kritteln und zu kritisiren.
Wie schön der Anblick eines gewundenen Stromes auch sei, wenn er wie ein
belebender Geist hin durch die Landschaft glänzt, so paßt er doch nicht
in jede Naturscene hinein. Hier, wo Alles lieblich, so einklingend ist,
würde er mich nur stören: er höbe das Gefühl dieser behaglichen
Einsamkeit gewissermaßen auf. Rhein, Neckar, Mosel und der schöne Theil
der Elbe beherrschen die Gegend, durch welche sie strömen, prägen ihr
den Flußcharakter auf; hier aber führen die schönen Gebirge unmittelbar
selbst das Wort. Stören kann oft eine kahle, unbedeutend schroffe Wand,
wenn sie zwischen den schönen Linien der Gebirge sich eindrängt, ein
nackter Hügel, dem man die Waldung geraubt hat, eine wüste Sandfläche,
die sich todtenbleich und krank zwischen lustiges, lebensvolles Grün der
Fluren wirft, aber hier, Freunde, ist Alles so ganz und voll, daß euch
nichts mangeln sollte.
Sie stiegen jetzt beim schönsten Wetter den Berg hinab. Ein Fußpfad
führte sie durch den Wald, aus welchem sie bald hier, bald dort wieder
den freien Ausblick zu den Gebirgen hatten. Die Frühlingsvögel sangen
nicht mehr, aber durch die feierliche Einsamkeit schrillten und zirpten
die kleinen Vögelchen ihre einfachen kindischen Melodien.
Sie trafen im Thale ihren Wagen wieder, aber die Abendsonne beschien die
Kapelle oberhalb Culm und den Weingarten, auf welchem sie schimmerte, so
einladend, daß die Uebrigen Walther's Vorschlage gerne folgten, noch zum
Hügel hinaufzuklimmen, um den Untergang der Sonne von dort zu genießen.
Die Freude an der Natur erzeugt oft, indem man in der Aufregung keine
Ermüdung fühlt, eine Art von Rausch, welcher dann Mattigkeit und
Ernüchterung herbeiführt, wenn man, wie beim Wein, die Sättigung zu
lange hinausschiebt. So erging es den Reisenden. Die Sonne war
untergesunken, sie stiegen in der Dämmerung hinab und hatten noch bis
zum Nachtquartier einen ziemlich weiten Weg vor sich. Der Fuhrmann
schmollte über die unnütze Verzögerung, um so mehr, da die Finsterniß,
schnell wachsend, hereinbrach. Jetzt fühlten die Abentheurer obenein,
daß sie, aus Freude an der Reise und weil sie spät von Dresden
ausgefahren, das Mittagmahl versäumt hatten, und mit der zunehmenden
Ermüdung und Dunkelheit wuchs in ihnen Hunger und verdrüßliche Stimmung.
Es wurde völlig finster, so daß man die nächsten Gegenstände, selbst den
Weg nicht mehr unterscheiden konnte, und der Fuhrmann, der der Gegend
unkundig war, erklärte auf das Bestimmteste, daß er in dieser
pechrabenschwarzen Nacht unmöglich schneller fahren könne, wenn er nicht
sich und seine verehrten Herren der wahrscheinlichsten Lebensgefahr
aussetzen wolle.
Mühselig, verdrossen, langsam ging die Reise fort. Immer noch erschien
Teplitz nicht, und Mitternacht war schon längst vorüber. Endlich ersahen
die Verstimmten eine dunkle Masse, in welcher nur wenige Lichtpunkte
flimmerten, vor sich. Der Kutscher fuhr seitwärts, wie es schien, um das
Thor zu finden. Keine Antwort auf wiederholtes Rufen und Klopfen.
Endlich hörte man von innen, daß dies die Wohnung des Küsters und der
Eingang zum Kirchhof sei. Der Kutscher tastete herum und fand ein großes
Gatterthor. Noch weniger ward hier auf das laute Klopfen und Schreien
Rücksicht genommen. Es war vom Felde her der Eingang zum sogenannten
Fürstenhause. Mühselig fand man sich in der trüben Finsterniß zum Thore
und zur Töpferschenke hin. Hier schlief aber längst Alles. Ein Kellner
und eine Küchenmagd erschienen endlich, nur halb erwacht. Der Wagen ward
untergeschoben, die Zimmer schloß man auf. Die Aufwartenden verwunderten
sich übermäßig, daß die Ankommenden noch zu speisen begehrten. Butter,
Schinken und ein kaltes Huhn wurden, nach vielem Widerspruch, nebst
einer Flasche Wein noch herbeigeschafft. Die Betten waren in Ordnung.
Aus Mitleid ließ man die Aufwärter wieder schlafen gehen. Doch Walther
bildete sich ein, er fröre und habe sich erkältet. Ein großes Kamin war
im Zimmer, und Wachtel, der allenthalben die Augen hatte, entdeckte auf
dem Gange einige Scheite Holz. Man versuchte ein Feuer zu machen, das
anfangs hell brannte, bald aber das Zimmer mit Rauch anfüllte. Es ward
entdeckt, daß das Kamin oben zugemauert, also nicht zu gebrauchen war.
Die Uebermüden hatten viele Noth, bis sie den Rauch wieder durch die
Fenster hinausgetrieben hatten. So, ungesättigt, matt, verdrossen und
überreizt begaben sie sich auf ihr Lager, indem Wachtel noch behauptete,
es sei nichts so mit Pein versalzen, als die Vergnügungen des Lebens.
* * * * *
-- Viel lieber durch Leiden
Möcht' ich mich schlagen,
Als so viel Freuden
Des Lebens ertragen. --
So sang am Morgen Wachtel mit lauter Stimme und erweckte die beiden
schlafenden Freunde. Als Alle munter und angekleidet waren, erschien das
Frühstück und mit ihm die Wirthin, die es entschuldigte, daß die
Reisenden in der Nacht eine so schlechte Aufnahme gefunden hätten. In
der Entschuldigung wegen des Rauches war ein gelinder Vorwurf
eingehüllt, daß man sich ohne Anfrage zu willkührlich des Feuers
bemächtigt habe. Bei der neuen Einrichtung, schloß die Frau, sollten
diese Zimmer nur für den Sommer benutzt werden, und ich will diesen
ungeschickten Kamin auch noch fortschaffen lassen, damit er nicht öfter
Irrungen veranlaßt.
Der Spaziergang nach Dorna ergötzte die Freunde, sie wandelten dann nach
der Liebemay, einem anmuthigen Walde. Allenthalben erfreute der Anblick
der Gebirge.
Am folgenden Tage sollte ihr Kutscher sie nach Dux bringen, sie
geriethen aber, da er des Weges unkundig war, nach Kloster Ossek. Auf
dem Rückwege besahen sie Dux und die Andenken an den berühmten und
berüchtigten Wallenstein, der seit einigen Jahren durch des edlen
Schillers Gedicht für die deutsche Nation ein neues Interesse bekommen
hatte.
Die Bergstadt Graupen und ihre alte Kirche, die Ruine oben und die
schöne Gegend nahmen den folgenden Tag in Anspruch. In der Kirche traf
Walther zwei Damen aus Berlin, Mutter und Tochter, und sie beschlossen,
die Spaziergänge in Gemeinschaft zu besuchen. Wir werden noch den jungen
Herrn von Bärwalde hier sehen, den wir gestern in Bilin fanden, sagte
die Mutter, einen jungen Mann, den wir im vorigen Winter kennen lernten.
Ein bescheidenes, stilles Wesen, setzte die Tochter die Beschreibung
fort, ich habe in meiner Vaterstadt, in Berlin, mit ihm getanzt: er war
fast zu ernst und verschlossen und tanzte auch mit einer gewissen
feierlichen Miene. Alles dies wurde still und fast ängstlich während des
Gottesdienstes in der Kirche verhandelt, und so leise sie sprachen,
sahen die andächtigen Böhmen doch mehr wie einmal drohend nach den
Ketzern sich um. Plötzlich sprangen zwei junge, wohlgekleidete Leute
durch die Thür der Kirche, stellten sich laut sprechend in die Mitte,
den Rücken gegen den Altar und Priester gekehrt, und kritisirten die
Gruppen der hölzernen Figuren, die gegenüber auf dem Chore einen Theil
der Leidensgeschichte, kräftig und wild ausgearbeitet, darstellten, so
wie man unten an der Seite durch gelbgefärbtes Glas in das Fegefeuer und
die Qual der Sünder hineinsah; Alles auch ganze Figuren. Waren diese
Gegenstände auch nicht der Kunst, vielleicht selbst der Kirche nicht
ganz geziemend, so war das überlaute Gespräch und Lachen der Jünglinge
ungezogen und so anstößig, daß die Damen, von den drei Reisenden
begleitet, in großer Angst aus der Kirche flüchteten.
Um des Himmels Willen! rief das junge Mädchen, indem sie die Höhe
hinanstiegen, kennen Sie, liebe Mutter, den sanften, trocknen, zu
bescheidenen Tänzer in diesem übermüthigen, affektirten Don Juan wieder?
Ist Ihnen denn, werthes Fräulein, sagte Walther, dieser Ton der
sogenannten feinern Welt noch unbekannt geblieben? Diese neumodischen
ungezogenen Herren, die in Gesellschaften, im Schauspiel und in der
Kirche sich lärmend und schreiend betragen, sind beim Tanze so steif und
ehrbar, daß sie um Alles nicht lachen oder lächeln und ihre Tänzerin
kaum noch mit einem finstern, halb abgekehrten Blicke ansehen. Auf dem
Balle darf sich keine Spur von Fröhlichkeit zeigen, sie tanzen, als wenn
sie zur Frohn arbeiteten, oder wie die Baugefangenen mit Schellen und
Klötzen an den Beinen.
Die Frauen hatten solche Furcht vor jenen beiden Jünglingen, daß sie in
der Gesellschaft der Reisenden über Maria-Schein schnell nach Teplitz
zurückkehrten. Nach dem Mittagsessen traf man sich auf dem Schloßberge
wieder, von wo man am schönsten das ganze Thal von Teplitz übersieht,
und Abends begab man sich in das kleine Theater.
Ein ächt deutsches Stück wurde gegeben: »Der seltne Prozeß.« Ein
verarmter, rechtlicher, frommer und bibelfester Weber weiß seiner Noth
kein Ende, um so weniger, da seine Frau ihn seit Kurzem mit Zwillingen
beschenkt hat. Der Segen des Himmels, den beide dankbar anerkennen,
drückt sie aber so zu Boden, daß nach langem Kampfe und vielem Schmerz
sie sich entschließen, das eine Kind in der Nacht einem reichen Manne
heimlich zu übergeben. Dieser aber hat in derselben Nacht schon ein
Wickelkind erhalten, er läßt Acht geben, und als der Arme jetzt mit
schwerem Herzen seinen Sohn dem Zufall und der Menschenliebe übergeben
will, wird er ergriffen, gescholten und ihm, der nicht zu Worte kommt,
das dritte Kind mit Gewalt in die Arme gelegt. Mit diesem Segen und
Jammer befrachtet, muß er nach Hause gehen, und die Klagelieder der Frau
kann sich Jeder denken. Indessen ist schon die unerwartete Hülfe nah.
Eine Summe Geldes bringt der neue Ankömmling mit und ein Schreiben, daß
für die Ernährung des Kindes reichlich soll gezahlt werden. Nun wird
große Freude aus der Trauer. Aber der Reiche erfährt diese Entwickelung,
er will das Kind sammt dem Gelde und der Verköstigung zurück haben, und
so wird der seltne Prozeß vor Gericht geführt. Ein edler Advokat, der
die Sache des armen Webers führt, weist sich endlich als der Vater des
Findlings aus, und Alle werden am Schluß zufriedengestellt. Ein
komischer Richter erheitert die Verhandlung.
Es waren noch nicht viele Brunnengäste in Teplitz und darum, besonders
bei dem schönen Wetter, das Theater sehr menschenleer. Eine hohe, edle
Gestalt gab sich die Mühe, den Schauspielern und dem schlechten Stücke
oft zu klatschen und sie durch lauten Beifall zu ermuntern. Walther
erkannte, als sie nach dem Stücke noch den Garten besuchten, in ihm den
berühmten witzigen Prinzen de Ligne, der hier meist den Sommer
zubrachte. Als Walther ihm seine Begleiter vorgestellt hatte, erklärte
der geistreiche Prinz, daß es ihm nicht darum zu thun sei, die gespielte
Armseligkeit für etwas Gutes auszugeben, sondern es komme ihm nur darauf
an, die armen Schauspieler etwas zu ermuthigen.