~ken~: _Tiedken_, _Wilken_, welches hierher gehört, sofern
es aus dem alten _kin_ (_ikin_) abgeschwächt ist. Doch ist es
in vielen Fällen genetivische Bildung (s. das folg. Kap.). Die
hochdeutsche Form
~chen~, die bei den Appellativen zur Herrschaft gelangt ist,
findet sich gerade bei Eigennamen auffallend selten: _Nöldechen_
(_Didtgen_).
Friesisch lautet die Verkleinerungsform je: _Meisje_ (Mädchen),
_Pottje_ (Töpfchen); so auch in Familiennamen
~je~: _Detje_, _Bätje_.
Diese Verkleinerungen bewirken in der Regel, wie aus den obigen
Beispielen ersichtlich, den Umlaut, wegen des ursprünglich in der
Endung steckenden _i_ (_iko_, _ilo_).
Außer diesen beiden Hauptsuffixen, _l_ und _k_, wird in Mittel- und
Süddeutschland noch jenes dritte, nur in Eigennamen vorkommende
gebraucht:
_z_ (altdeutsch _izo_, s. S. 23).
So wird aus Dietrich: _Dietze_, nachher einsilbig _Dietz_, aus
Gottfried: _Götze_, _Götz_ (vgl. Götz von Berlichingen), aus Ludwig:
_Lutze_, _Lutz_, aus Heinrich: _Heinze_, _Heinz_ -- aber auch _Heinitz_
(aus urspr. _Heinizo_, der Grundlage für alle drei Formen).
Diese Kürzungen der Rufnamen, welche als solche in Niederdeutschland,
mit alleiniger Ausnahme von _Fritz_,[29] durchaus nicht üblich sind,
haben von Oberdeutschland her als Familiennamen weite Verbreitung
gewonnen.
Das _z_ erweichte sich übrigens, der Entwickelung der Sprache folgend,
häufig in _ss_: _Diess_, _Russ_, ja in _s:_ _Heinse_, während es sich
anderseits in _sch_, _tsch_ vergröberte: _Gersch_ statt Gerz, _Dietsch_.
Da nun aber die Sprache mit einmaliger Verkleinerung noch keineswegs
zufrieden ist, so werden diese verschiedenen Endungen verbunden und auf
solche Weise doppelt verkleinerte Formen gebildet, z. B. von _Dietrich_:
~licke~ (altd. _iliko_): _Thielicke_, _Tielke_;
~kel~ (altd. _ikilo_): _Tickel_;
~zel~ (altd. _izilo_): _Dietzel_;
~zke~ (altd. _iziko_): _Tietzke_.
Ja es finden sich Formen, in denen alle drei Suffixe (_z_, _l_, _k_)
vereinigt sind: _Dietzelke_.
b) ~Genetivische Namen.~
Wenn (nach S. 31) auch die Form, in welcher ein Personenname sich als
Familienname festsetzte, in der Regel die des Nominativs war, so war
es doch unausbleiblich, daß bisweilen der ~Genetiv~ an seine Stelle
trat. Entsprach es doch der strengen grammatischen Regel, wenn der
Name des Vaters zu näherer Bezeichnung eben im Genetiv hinzugefügt
wurde: _Heinrich_, Sohn _Arnolds_, lateinisch _Henricus_, _filius
Arnoldi_, wobei die Bindeglieder „Sohn“ und _filius_ auch wegfallen
können.[30] Daher nun eine ziemliche Menge Namen, die sich im Genetiv
festgesetzt haben und in dieser Form als Familiennamen erstarrt sind.
Die beiden Biegungsarten, welche durch die Deklination der Hauptwörter
im Deutschen hindurchgehen, treten nun auch hier hervor:
~die starke~, die sich durch ein _s_, ~die schwache~, die
sich durch ein _n_
im Genetiv kennzeichnet. Erstere tritt an die vollen Namen, wie
_Diederichs_, _Hermanns_, letztere an die Verkürzungen: _Thielen_,
_Otten_ (welche aber auch häufig das _s_ der starken Biegung annehmen,
z. B. _Köhns_ neben _Könen_).
Dazu tritt als eine dritte Form im Friesischen _ena_ (wie in _Hagena_,
_Tydena_), die mit Ruprecht[31] als Genetiv Pluralis der schwachen
Deklination zu erklären ist (vgl. den alten Wahlspruch „_Eala freya
Fresena_“). Es bedeutet demnach z. B. _Focke Uckena_ („hovetlink _Focke
U._ van Leer“ in einer Urkunde von 1435) den Sohn oder Nachkommen der
_Uko_, weist also nicht bloß auf den Vater, sondern auch auf die Ahnen
hin. Da diese Bezeichnung besonders für angesehene Geschlechter Wert
hatte, bei welchen der Name auch einen Anteil an dem alten Besitze
und dem alten Ruhme der Familie zusicherte, so ist es nicht zufällig,
wenn wir unter den klangvollen Namen dieser Bildung vielen alten
Häuptlingsnamen begegnen.
Der genetivischen Bildungen sind aber mehr, als es auf den ersten
Blick scheint, da sich dieselben nicht selten hinter entstellender
Rechtschreibung verstecken; namentlich schmilzt ein _t_-Laut mit _s_
zu _tz_ zusammen: _Seifritz_ (statt Seifrids, Siegfrids), _Gompertz_
(statt Gomperts von Gundbrecht), _Reinartz_ (Reinhards). Während in dem
letzten ein zum Stamm gehöriges _h_ ausgelassen ist, wird ein solches
in den Zusammensetzungen mit _old_ (walt) fälschlich eingeschoben,
so daß der Schein einer Zusammensetzung mit ~Holz~ (niederd. Holt)
entsteht. _Reinold_, schon entstellt und umgedeutet in Reinhold,
nimmt so im Genetiv oder durch falsche Verhochdeutschung gar die Form
_Reinholz_ an.
Durch Vermittelung des ~Lateinischen~, welches in den Bürgerrollen und
öffentlichen Urkunden überwog, entstanden die Zwitterformen _Arnoldi_,
_Ruperti_, _Friederici_, auch mit _y_: _Bernhardy_ und ähnliche,
Formen, die sich schon durch das Verschieben der naturgemäßen Betonung
als Entstellungen der deutschen Namen kundgeben.
Ganz mit demselben patronymischen Sinne wie die Genetive werden auch
Zusammensetzungen mit „Sohn“ gebildet, welches dabei aber fast immer in
der abgeschliffenen Form _sen_ erscheint: _Wilmsen_, _Volquardsen_.
Es ist dies eine alte Bezeichnungsweise; schon in der Edda findet
sich „_Sigmundr Völsungsson_“ (Siegmund, Völsungs Sohn). Dieselbe ist
besonders im Norden heimisch,[32] während in einigen süddeutschen
Landschaften, z. B. Kärnten, eine patronymische Bildung auf _er_ (ler)
hervortritt: _Sebolter_, _Hartler_ (aus Leonhard).[33]
Auch ~Metronymika~ (Ableitungen von dem Namen der Mutter) finden
sich, wenngleich nur sehr vereinzelt. Dahin gehören _Vernáleken_ =
(Sohn) der „Frau Aleke“ (Adelheid),[34] _Nesensohn_ (der Agnes Sohn),
_Odiliae_, _Eisentraut_, _Liebetrut_.
10.
Kirchliche Personennamen als Familiennamen.
Die Personennamen der zweiten Schicht, die kirchlichen, mußten eben als
fremde Namen noch stärkere Umwandlungen erfahren wie die einheimischen.
Aufgenommen sind sie zunächst in der griechisch-lateinischen Form, wie
die Kirchensprache (nach dem Vorgang der lateinischen Bibelübersetzung,
der Vulgata) sie bot. In dieser vollen Form jedoch erscheinen sie als
Familiennamen, einige kürzere wie _Thomas_, _Lucas_ ausgenommen, fast
nie; -- es verbietet das schon ihre Länge, da sie meist 4-5silbig sind.
Es mußte also eine Kürzung erfolgen. Dabei kam alles auf die
Betonung an. Im Althochdeutschen wurde bei den Fremdwörtern der Ton
zurückgezogen, er strebte noch über die drittletzte Silbe nach vorn
hin, auf die erste Silbe, die im Deutschen in der Regel als Stamm den
höchsten Ton trägt, z. B. _Antichristus_ -- _Ántichristo_, _Constántia_
-- _Chóstanza_, _Mathaéus_ -- _Mátheus_.
Die Sprache hatte sich so gewöhnt, den Hochton auf den Anfang des
Wortes zu werfen, daß in den Fällen, wo dies aus irgend einem Anlasse
nicht geschehen war, der nun tonlose Anfang wie mit Mißachtung
behandelt und durch eilendes Drüberhingehen des einen oder anderen
Lautes beraubt, ja gänzlich abgeworfen wurde, z. B. _apostolus_ --
althochd. _postul_, _Hispanus_ -- _Spân_.
Später freilich wurde durch romanische Einflüsse die echtdeutsche
Betonung der Fremdwörter mehr und mehr verdrängt zu Gunsten einer
anderen, welche den Ton auf den Ausgang der Wörter wirft. Es ist dies
die französisch-neuhochdeutsche Betonung, die, schon im Mittelalter
beginnend (s. die zahlreichen Hauptwörter auf _îe_, jetzt _íe_ oder
_ei_), nunmehr leider zur Herrschaft in unserer Sprache gelangt ist.
Länger als in der Schriftsprache behauptete sich jene ursprüngliche,
umdeutschende Betonung im Volksmunde, besonders den fremden Eigennamen
gegenüber. Bei denselben wird noch heute der Ton auf die erste Silbe
zurückgezogen, was dann Kürzungen am Ende (Apokopen) zur Folge
hat: _Andres_, _Béndix_, d. i. Benedictus, _Chrístian_ (Chrísten),
_Níclas_[35] usw. Oder falls diese Zurückwerfung des Tones unterblieben
ist, treten vorn Verkürzungen (Aphäresen) ein: Joachim -- _Achim_,
Erasmus -- _Rasmus_, _Asmus_. Häufig ist beides, Aphärese und Apokope,
vereint, wie Bonifacius -- _Fazi_, Dionysius -- _Nis_, wo von 5 Silben
nur eine, die Tonsilbe selbst, übrig geblieben ist.[36]
Hinsichtlich dieser weitgreifenden Aphäresen treten die fremden Namen
den deutschen gegenüber, bei welchen Kürzungen zu Anfang des Wortes
durch die Betonung gehindert werden.
Aus diesen mannigfach gekürzten und umgewandelten Taufnamen ist nun
eine verhältnismäßig bedeutende Zahl Familiennamen erwachsen, teils mit
einer Kürzung am Ende: _Máthies_ und _Mathes_, teils mit einer solchen
am Anfang: _Alexander_ -- _Xander_. Vielfach treten an demselben
Namen wechselnd beide Erscheinungen hervor, wie von demselben Stamm
eines Baumes Äste nach entgegengesetzten Richtungen ausgehen, und es
entstehen Formen, die keine Ähnlichkeit mehr miteinander haben. So wird
aus Ambrosius einerseits _Ambrosch_, anderseits _Brose_,[37]
„ Andreas „ _Enders_, „ _Drewes_,
„ Nicolaus „ _Nickel_, „ _Claus_, _Klaas_.
Mitunter haben diese verschiedenen Sproßformen keinen Buchstaben des
Stammes gemein, z. B. _Barthel_ und _Mewes_ aus Bartholomäus.
Wie das letzte Beispiel beweist, findet neben der Kürzung bisweilen
Zerdehnung statt, indem zwischen zwei Vokale sich ein _w_ oder _g_
einschiebt. Dies ist auch der Fall bei _Paul_, woraus sich _Pawel_ und
_Pagel_ entwickelt hat.
Nicht selten gehen diese Kürzungen, Zusammenziehungen und Umbildungen
so weit, daß die ursprüngliche Namensform vollkommen unkenntlich
geworden ist. _Lex_ aus Alexius, _Xander_ aus Alexander ist schon
ziemlich gewaltsam; doch wird auch dies noch überboten. Wer würde z. B.
denken, daß der Familienname _Gille_ aus Aegidius entstanden ist, daß
_Grolms_ (der Bauer in der bekannten Fabel), _Rohner_ und _Muss_ ein
und derselbe Name und daß alle drei aus Hieronymus entstellt sind?[38]
Und doch beweisen dies die Formen, welche in den alten Schriften und
Urkunden sich finden, nebst den lebenden der Volksmundarten. Bei
fremdsprachigen Namen dürfen solche Erscheinungen nicht überraschen.
In betreff der ~genetivischen~ Ableitungen ist Vorsicht vonnöten;
namentlich ist das _s_ kein sicheres Kennzeichen, da es vielfach
nur von dem Nominativ her stehen geblieben, z. B. _Staats_ (aus
Eustathius), _Mews_; auch _Marx_, aus Marcus. Das gilt besonders von
der Endung _ies_ (zweisilbig zu sprechen), die aus dem lat. Nominativ
_ius_ entstanden ist:[39] _Borries_ aus Liborius, _Plönnies_, _Lönnies_
aus Apollonius. Ganz unzweideutig genetivisch sind fast nur die mit
fremden (lateinischen) Genetivendungen auftretenden Namen auf _i_,
_ae_, _is_: _Pauli_, _Matthiae_, _Michaelis_.
Zusammensetzungen mit „Sohn“ sind häufig, und dabei ist mehrfach der
volle Vokal bewahrt: _Andersohn_, _Matthisson_, _Petersson_, während
allerdings in der Mehrzahl auch hier die Abschwächung in _sen_
eingetreten ist.
Verkleinerungsformen dagegen sind im ganzen seltener: _Köbke_ (aus
Jakob) und _Jahnke_ (aus Johannes), denen _Jäckel_ und _Hensel_
gegenüberstehen, weisen die Hauptform des niederdeutschen Deminutivs
(mit dem Charakterlaute _k_) und des oberdeutschen (mit _l_) auf,
während _z_ bei den Fremdnamen überhaupt nicht vertreten ist.
Außer dem Genetiv und der Zusammensetzung mit Sohn wird das
patronymische Verhältnis auch durch Vorsetzung von Jung oder Klein
bezeichnet. Hieß der Vater z. B. Andreas, so wurde der Sohn, welcher
denselben Namen in der Taufe erhalten hatte, _Jungandres_ genannt,
oder Michel: _Kleinmichel_, und zu den Zeiten der Söhne trat eben
das Festwerden der Familiennamen ein, so daß nun _Jungandres_
und _Junghans_, _Kleinmichel_ und _Kleinpaul_ auch der ganzen
Nachkommenschaft des eigentlichen Jungandres usw. zuteil wurden.
Übrigens scheinen es hauptsächlich nur die Fremdnamen _Andreas_,
_Johannes_, _Michael_, _Nikolaus_ und _Paul_, sowie die einheimischen
_Konrad_ (Kurt, Kunz) und _Heinrich_ (Heinz) zu sein, welche
Patronymika mit Jung und Alt, Klein und Groß bilden.
Aus einigen dieser Namen hat sich solchergestalt durch Kürzung,
Ableitung, Zusammensetzung eine Menge Familiennamen gebildet; man sehe
das Lexikon unter _Andreas_, _Nikolaus_, _Matthaeus_.
Alle überbietet jedoch der Name _Johannes_. Wie dieser als Taufname
jederzeit einer der beliebtesten gewesen, so hat er auch als
Familienname die weiteste Verbreitung und mannigfachste Gestaltung
erfahren, so daß sich mehr als 100 Familiennamen aufzählen lassen, die
sämtlich aus _Johannes_ gebildet sind (s. das Lexikon). Wir haben hier
wieder das Bild eines Waldes, der allmählich aus einem einzigen Baum
entstanden ist.
Indessen sind es nur einzelne unter den fremdsprachigen Namen, welche
eine solche Fruchtbarkeit entwickeln. Im allgemeinen können dieselben,
schon als Fremdlinge, nicht eine so vielseitige Bildsamkeit besitzen
wie die einheimischen, von vornherein in deutschem Sprachgrunde
wurzelnden. Es bleibt daher die Zahl der von kirchlichen Taufnamen
stammenden Familiennamen im ganzen eine beschränkte im Vergleich mit
den Gebilden altdeutschen Ursprunges.
11.
Familiennamen der dritten Schicht.
a) ~Stand und Gewerbe.~
Den aus den Personennamen gebildeten Familiennamen gesellt sich
eine gleich große Zahl solcher Bezeichnungen zu, die niemals
Personen- (Tauf-)namen gewesen. Diese wurden zunächst entlehnt
von der ~Beschäftigung~. Um unter den vielen Konrad oder Johannes
einen bestimmten zu bezeichnen, setzte man das Handwerk, welches er
trieb, oder das Amt hinzu. Solchen Zusätzen begegnen wir bereits
bei den Goten, indem sich unter zwei sonst lateinisch abgefaßten
Verkaufsurkunden, die sich aus der ostgotischen Zeit erhalten
haben, als Zeugen neben Römern auch finden: _Merila bokareis_ (M.
der Bucherer, d. i. Schreiber), _Ufitahari papa_ (U. der Pfaffe),
_Sunjaifrithas diakun_ (S. der Diakon), _Viljarith bokareis_, _Gudilub
diakun_. Dies sind die ältesten germanischen Zusätze von Stand und
Gewerbe zur näheren Bezeichnung einer Persönlichkeit. So finden wir
denn auch in spätern Urkunden häufig solcherlei Zusätze, wie „Herman
der Perchmayster“ (in einer Marburger Urkunde aus dem Jahre 1290),
„Herman der Amman“, „Schechel der Mawter“ (Mautner), „Nicla der
Schreiber“ (alle ebenda aus dem 14. Jahrhundert) „Huch de smet“ und
„Schrift de kremere“ (im Göttinger Urkundenbuch um 1383) usw.
Eine solche Beifügung konnte nun sehr leicht auf den Sohn übergehen,
so sich allmählich in einem Geschlechte befestigen und zum Namen
der gesamten Familie werden, besonders wenn der Sohn, wie es doch
ohne Frage häufig und häufiger als jetzt geschah, die Beschäftigung
seines Vaters fortsetzte. Doch war das kaum einmal nötig: der Name
des Familienhauptes wurde ohne weiteres auf die übrigen Glieder der
Familie, insbesondere auf die Kinder übertragen.
Erscheinungen dieser Art zeigen sich noch heutzutage, da doch längst
die feststehenden Familiennamen durchgedrungen sind, im Volksmunde
gar nicht selten. So wird in Fr. Reuters „Reis’ nah Belligen“ der
Pastorsohn nie mit dem Geschlechtsnamen, sondern immer „Heindrich
Paster“ genannt.[40]
Hier muss doch ein schon vorhandener Familienname verdrängt werden,
damit die Amtsbezeichnung an die Stelle trete; wie viel leichter war
die Sache, wenn solche Verdrängung noch nicht nötig war!
Bei dem Übergange zum Familiennamen fiel zunächst der Artikel, wenn
er nicht etwa schon von vornherein gefehlt hatte, regelmäßig fort. So
bietet das Göttinger Urkundenbuch neben den vorhin erwähnten Huch de
smet und Schrift de kremere in demselben Schriftstück aus dem J. 1383
Eckel Smet und Herman Kremere. Nur in ganz vereinzelten Fällen ist der
Artikel stehen geblieben, z. B. in _de Pottere_ (= Töpfer), _de Boer_
(spr. Bûr).[41]
Eine lange, fast endlose Reihe ehrsamer Meister vom Handwerk zieht an
uns in diesen Namen vorüber, die uns einen Blick in die friedliche
Tätigkeit unserer Vorfahren während des 12.-16. Jahrhunderts tun
lassen. Greifen wir einige Gruppen heraus -- solcher Handwerke, die für
jene Zeit besonders bezeichnend sind.
Auf das alte ~Kriegswesen~, wie es vor der Erfindung und allgemeinen
Anwendung des Schießpulvers war, gehen Namen wie _Harnischmacher_,
_Harnischfeger_ (der den Harnisch fegt, d. i. glänzend macht, poliert);
_Armbruster_, _Pfeilschmidt_, _Bolzer_, _Pfeilsticker_, niederl.
_Pielsticker_ (Verfertiger der Stecken für die Pfeile); _Lersner_
(Verfertiger der Lersen d. i. Lederhosen).
Während diese durch ihr meist geräuschvolles Handwerk dem Schwerte
dienten, bewegte in stiller Klause der ~Bücherabschreiber~ unermüdlich
die Feder im Dienste friedlicher Kunst: _Bucher_, _Pucher_ (der
Bücherabschreiber). Ihn unterstützten der _Buchfeller_ (der die
Felle zu Büchern bereitet) und der _Rothmaler_ (der die bunten
Anfangsbuchstaben malte). Alle drei Namen stammen vorzugsweis aus
Oberdeutschland, wo die Kunst des Bücherabschreibens und des Ausmalens
der Titel und Anfangsbuchstaben mehr als in Niederdeutschland zu Hause
war.
Begeben wir uns aus der Enge der Städte hinaus aufs Land, in die
freie Natur, so sprechen uns hier besonders die Namen an, welche
der ~Jagd~ und ~Waldwirtschaft~ entlehnt sind. Ist doch das Jagen
im schönen, grünen Walde von jeher eine Lieblingsbeschäftigung der
Deutschen gewesen! Und wieviel ausgedehnter war noch im Mittelalter
das Jagdgebiet, da die Wälder einen so unvergleichlich größeren Raum
einnahmen, derart, daß die bewohnten Stätten in manchen Landschaften
fast nur wie Inseln im Waldmeer erschienen!
Der älteste Name des Jägers ist _Waider_, _Weidmann_; er bedeutet
denjenigen, welcher auf Weide, d. i. Nahrung ausgeht, und weist somit
auf jene uralten Zustände in dem Leben unserer Vorväter hin, in welchen
die Jagdbeute den vornehmsten Teil der Speise ausmachte. Jünger
ist das so häufige _Jäger_ mit den Zusammensetzungen _Gambsjäger_,
_Hasenjäger_, während ein Name wie _Bärenfänger_ beweist, daß
auch die wilden, starken Tiere des Waldes, die einst der Germane
bekämpft hatte, noch nicht ausgestorben waren. Auf die Jagd mit
Falken („Federspiel“), einen der beliebtesten Zeitvertreibe in der
ritterlichen Zeit, gehen _Falkner_ (_Felkner_), _Hachmeister_ (s. v.
a. Habichtmeister, Abrichter der Stoßvögel). Die älteste Bezeichnung
des Waldverwalters dauert noch in dem Familiennamen _Widemarker_
fort; derselbe bedeutet den, welcher für die Holzmark (witu Holz) zu
sorgen hat. Der Name setzt das Vorhandensein einer gemeinsamen Mark
voraus; in der Privatwaldung eines Fürsten oder Adligen dagegen war ein
_Holzknecht_ angestellt -- nach Vilmars treffender Bemerkung ungefähr
das, was jetzt Oberforstkollegium, Oberforstrat, Forstinspektor,
Oberförster, Unterförster und Forstläufer zusammengenommen sind. Viel
häufiger ist indes der Name _Förster_ (Vorster). Daneben sind Zeugen
für die ehemalige verschwenderische Waldwirtschaft die Familiennamen
_Aschenbrenner_ und _Aschenbrand_; dieselben bezeichnen ein eigenes
Gewerbe, welches darin bestand, ganze Waldstrecken niederzubrennen,
bloß um Asche zu gewinnen, teils für die Glashütten, teils für die
Seifensiederei.
Die zuletzt angeführten Namen sind zum Teil nicht mehr reine
Handwerksnamen, sondern bezeichnen, wie Hachmeister und Förster, ein
~Amt~. So reihen wir denn hier die Amtsnamen an.
Weltliches Amt und weltliche Würde war im Mittelalter meist
erblich geworden. Somit werden wir uns nicht wundern, in unseren
Namenverzeichnissen den vollständigen Hofstaat weltlicher und
geistlicher Fürsten, vom Kanzler bis zum Schergen, wiederzufinden. Man
vergleiche nur folgendes Verzeichnis der Hof-Verwaltungsämter eines
Fürsten jener Zeit mit deutschen Familiennamen: Dapifer _Truchsess_,
_Droste_; Pincerna _Schenk_; Marescalcus _Marschall_; Camerarius
_Kämmerer_; Causidicus oder Scultetus _Schuldheiß_, _Schulz_; Advocatus
_Vogt_; Minister _Ammann_; Villicus _Meier_; Cellarius _Keller_;
Telonarius _Zoller_, _Zöllner_; Magister coquinae _Küchenmeister_;
Monetarius _Münzer_ usw. Daran reiht sich eine Menge Namen von
städtischen und Klosterämtern, richterlichen, polizeilichen und
militärischen Stellen wie _Fürbringer_ (Advokat); _Küster_, _Glöckner_,
_Sigrist_ (auch Sacristan); _Stocker_ und _Sulzer_ (Gefängniswärter);
_Venner_ (Fähnrich).
Während so diese alten Ämter viele Familiennamen geliefert
haben, sind die neueren Amtsbenennungen -- glücklicherweise --
nicht so fruchtbar gewesen. Weder Kammerherr noch Kammerdiener,
weder Präsident noch Superintendent, weder Steuerperäquator noch
Hauptzollamts-Kassenkontrolleur werden aus naheliegenden Gründen je zu
Familiennamen werden.
Einige Schwierigkeit machen Namen wie _Kaiser_, _König_, _Herzog_ und
ähnliche, bei denen allerdings „gerechte Zweifel sich erheben können,
ob solche Familien häufig in den Fall gekommen sind, die durch derlei
Namen bezeichnete Würde als wirkliche Lebensbürde zu tragen“ (Pott). Es
sind jedenfalls Übernamen, welche die betreffenden Persönlichkeiten in
dem sie umgebenden Kreise führten.[42] Ähnlich ist es mit _Bischof_,
_Probst_, _Mönch_ und anderen geistlichen Würden, die sich freilich
auch sehr wohl auf patronymischem Wege als Familiennamen festsetzen
konnten -- trotz dem Cölibat.
Spottnamen sind: _Bratengeiger_, _Giegengack_ (Bierfiedler),
_Pinkepank_ (Schmied), _Gaugengigl_ (Narr, Geck).[43]
Manche alte Bezeichnungen von Amt und Gewerben sind nur in diesen
Familiennamen erhalten, da sie sonst, zugleich mit der bezeichneten
Sache, erloschen sind -- so _Platner_, _Armbruster_. Andere Gewerbe
bestehen noch, aber die alten Namen sind erloschen, z. B. _Menger_ =
Händler, in Zusammensetzung _Eisenmenger_, _Winkler_ = Kleinverkäufer,
_Preiswerk_ = Posamentier.
Interessant sind auch die mundartlichen und ~landschaftlichen
Verschiedenheiten~, die sich hier geltend machen. So ist _Müller_,
_Miller_ die oberdeutsche, _Möller_ die niederdeutsche Form; _Beck_
(Mehrh. Becken) oberdeutsche Form statt des norddeutschen _Becker_
(in Basel _Pfister_ vom lat. pistor). _Leiendecker_ ist (nach Vilmar)
am Rhein und nach Oberhessen hinein wohl verständlich, aber schon in
Niederhessen ein Fremdling: ein _Schieferdecker_; denn der Dachschiefer
heißt am Mittel- und Niederrhein die Leie. Manches Handwerk hat
infolgedessen die verschiedensten Bezeichnungen; so heißen die
~Schlächter~: _Fleischhauer_, _Fleischhacker_, _Fleischer_, _Metzger_,
_Knochenhauer_, _Beinhauer_; die ~Töpfer~: _Hafner_, _Potter_,
_Eulner_. Ebenso bedeuten _Binder_, _Küfer_, _Böttcher_, _Büttner_,
_Scheffler_ im wesentlichen dasselbe.
Manche dieser Gewerbenamen sind außerordentlich häufig, vor allen die
fünf:
_Müller_, _Schulze_, _Meier_, _Schmidt_, _Schneider_,
die man deshalb auch die fünf Großmächte in der Namenwelt genannt
hat. Den vier ersten wird man diese Stelle nicht bestreiten; doch
gegen Schneider als fünften möchten mehrere andere nicht ohne gute
Aussichten in die Schranken treten, als da sind: _Bauer_, _Becker_,
_Richter_, _Weber_, _Lehmann_. Zu Berlin gab es im Jahre 1867 nach
Ausweis des Adreßbuches 929 Familien und alleinstehende Personen des
Namens _Müller_ und sogar 1267 des Namens _Schulze_ (Schulz); nächstdem
waren die _Schmidt_ mit 884, die _Meyer_ mit 509 Nummern vertreten.
Die _Lehmann_ und die _Krüger_ brachten es gleichmäßig auf 474, die
_Richter_ und die _Hoffmann_ ebenso gleichmäßig auf 354. Alle gehören
ausnahmslos in diese Klasse, ihre Häufigkeit erklärt sich aus dem
häufigen Vorkommen des betreffenden Gewerbes oder Amtes, besonders auch
auf dem Lande. Das trifft bei sämtlichen oben angeführten Namen zu,
vor allen bei Müller und Schulze. Da jedes Dorf (in Norddeutschland)
seinen Schulzen hatte, fast jedes, wenigstens größere, seinen Müller,
so war eine Überfülle daher entspringender, meist gleichlautender
Familiennamen unvermeidlich.[44] Obenan steht in dieser Hinsicht
unleugbar der Name Schulze (Schulz), den man deshalb versucht wäre kaum
noch als Namen gelten zu lassen.
Die hier hervortretende Einförmigkeit wird dadurch noch vermehrt,
daß die Namen dieser Klasse an Sproßformen so arm sind. Deminutive
Bildungen sowie patronymische fehlen fast ganz, auch genetivische, z.
B. _Schiffers_, _Snyders_, _Zimmermanns_ sind selten und finden sich
nur in einzelnen Landschaften, besonders am Niederrhein.
Eine Ausnahme macht der Name _Schmid_, der mehrfache Ableitungen,
namentlich auch Deminutiva wie _Schmiedecke_, _Schmidel_, _Schmidtlein_
bietet. Dies erklärt sich daher, daß der Name schon sehr früh vorkommt,
schon im 9. Jahrhundert in den Formen Smithart, Smido, Smidilo; er
gehört demnach zu den altdeutschen Personennamen, welche ja eine so
große Umbildungsfähigkeit im Bereich der Schmeichelformen entwickeln
(s. SMID). Nebst _Kaufmann_ (althochd. Caufman) ist Schmid wohl der
einzige vom Gewerbe entlehnte Personenname der altdeutschen Zeit.
Das Schmiedehandwerk ist eben das älteste Handwerk der Deutschen;
zugleich war es das vornehmste, da seine Aufgabe war, Waffen für den
Kampf zu liefern. Mit den Namen berühmter Schwerter wurde auch der
des kunstreichen Verfertigers fortgepflanzt, so die Namen Wielands
(in der nordischen Wilkinasage), Mimes (in der Wölsungensage). In
manchen Gegenden hat der Schmied noch einen mythischen oder heidnischen
Schimmer behalten; vielleicht versteht er die Schwarzkunst; man
zieht ihn zu Rate, wenn man bestohlen ist. Daher die zahlreichen
Schmiedesagen (wie von dem Schmied zu Jüterbogk, der selbst den Teufel
zu überlisten weiß und ihn auf dem Amboß übel zurichtet). Es liegt
einmal etwas Geheimnisvolles in der Beschäftigung mit dem glühenden
Stahl und Eisen.
Wenn, von Schmied abgesehen, sich Sproßformen bei dieser Namenklasse
selten finden, so sind dagegen ~Zusammensetzungen~ häufiger und
ersetzen zum Teil den Mangel an eigentlichen Sproßformen. Um manche
dieser Handwerksnamen gruppiert sich eine überraschende Zahl solcher
Kompositen; dieselben rühren größtenteils daher, daß das betreffende
Handwerk früher in weit mehr Spielarten zerfiel als heutzutage.
So finden sich in Nürnberg von 1300-1500 neben Beck: _Brodbeck_,
_Fladenpeck_, _Schwarzpeck_ (Schwarzbrotbäcker), _Tachspeck_ (später
_Täglichsbeck_, der alle Tage backt), _Judenpegk_ (der den Juden Matzen
backt), _Pfennigspeck_ (der Pfenniglaibe backt), _Wasserbeck_ (der
Wasserwecken backt).
Obenan steht in betreff der Zusammensetzungen ohne Frage der Name
_Meier_ (Meyer, Maier), vom lat. major der Ältere, sodann Aufseher
(eines Landgutes), Verwalter. Dieser Name, welchen einer der großen
Sippe, Franz Meyer in Osnabrück, in einer besonderen Einzelschrift
(„Der Name Meyer und seine Zusammensetzungen“) behandelt hat, zählt
weit über 1000 Zusammensetzungen, so daß schwerlich ein anderer Name
dieser Klasse sich darin auch nur entfernt mit ihm messen dürfte.
~Werkzeuge und Kleidungsstücke.~
Eine nicht unwesentliche Ergänzung erhält diese Klasse durch die von
~Werkzeugen und Geräten~ entlehnten Namen. Womit jemand hantierte,
danach wurde er benannt. So konnte einen tapfern Krieger der Name
_Degenkolb_, einen Schmid der Name _Boßhammer_ zieren (von boßen =
schwer aufschlagen), wie für einen Koch _Schaumlöffel_ sehr bezeichnend
war. _Pfeffersack_ ist ein alter Spottname für Kaufleute, während
_Knieriem_ und _Leimpfann_ noch heutzutage für jedermann verständlich
die betreffenden Handwerke bezeichnen.
Unter den hierher gehörigen Familiennamen nehmen auf dem Gebiete
der ~Hausgerätschaften~ die der ~Küche~ den größten Raum ein:
_Schaumlöffel_, _Kessel_, _Wiegelmesser_, _Fetthake_ (ein Hauptgerät
der Küche des 15. Jahrhunderts), _Feuerhake_, _Pfannstiel_, _Ölhafen_
u. a. -- unter den ~Handwerksgeräten~ die, welche sich auf grobe
Holz- und Eisenarbeit beziehen: _Axt_, _Breitbeil_, sowie die
Zusammensetzungen mit Hammer.[45]
Geräte der Feldarbeit erscheinen beispielsweis in: _Schellpflegel_,
_Pflug_ (_Keil-_), _Rollwagen_, _Spannagel_.
Doch dieser friedlichen Vereinigung tritt auch hier sofort ein starkes
Fähnlein ~kriegerischer~ Namen gegenüber: _Eisenhut_, _Stahlhuth_,
_Harnisch_, _Kempeisen_ (die Eisenkolbe der Gottesgerichtskämpfe),
_Bauerneisen_, die berüchtigten Kirmeßspieße des 15.-16. Jahrhunderts,
„mit denen die Bauern sich leichtlich zur Ader ließen“; einen
Reitersmann bezeichnen: _Klingspor_, _Holzsadel_, den altertümlichen
Pfeilschützen _Armborst_ und _Pfeil_, während die Feuerwaffen in dem
Namen _Feuerrohr_ vertreten sind. Manche dieser Namen gehen zugleich
auf die ~Jagd~.
Entsprechend dem Goetheschen „Saure Wochen, frohe Feste“ schließt sich
ein heiterer Reigen solcher Namen an, die von ~Lustbarkeiten~ und dabei
gebrauchten Geräten entlehnt sind.
_Danzglock_, _Schombart_ (Maske), _Glückrad_, _Kranz_, _Maikranz_ und
_Grünemay_, _Rosenkranz_, _Kuttruf_ (eines der im 15.-16. Jahrhundert
äußerst zahlreichen Trinkgefäße). Diese Namen stammen besonders aus
Süddeutschland, wo überhaupt mehr leichtlebiger Frohsinn als im Norden
herrscht und wo frühzeitig schon im Mittelalter auch ein freier
Bauernstand sich bildete. Einen Beleg für die Blüte des letzteren haben
wir in der höfischen Dorfpoesie des bayrischen Ritters Neidhart von
Reuenthal.
Hierher rechnet Vilmar auch die ~Münznamen~, deren er volle 20
aufzählt. Darunter sind freilich manche zu streichen, wie _Dreier_,
welches die niederdeutsche Form für Dreher, Drechsler ist; auch
_Schilling_ und _Heller_ sind zweifelhaft zu nennen. Doch bleiben
immer noch einige übrig, wie _Weißpfennig_, _Redepenning_ (barer
Pf.), _Wucherpfennig_ und dessen Gegenteil _Schimmelpfennig_,
_Fünfschilling_, bei denen eine Beziehung auf die betreffenden Münzen
nicht abzuweisen ist.
Den Geräten mögen sich die ~Kleidungsstücke~ anreihen, wie denn schon
bei Namen wie _Eisenhut_, _Harnisch_ sich beides nicht scharf trennen
ließ.
Eine Benennung nach einem auffälligen Kleidungsstücke, welches jemand
trägt, ist auch für uns noch etwas Naheliegendes und Gewöhnliches. So
sprechen wir von _Grünröcken_ (Jägern),[46] _Rotröcken_ (roten Husaren
-- englischen „Rotröcken“), _Schwarzröcken_, von _Weißmänteln_ und
_Rotmänteln_.[47]
Fangen wir mit der Kopfbedeckung an, so haben wir hier vor allem die
Zusammensetzungen mit Hut: _Webelhut_ (d. i. Wackelhut), _Weißhut_,
_Grünhut_, _Spitzhut_; vereinzelter _Wittkugel_ (weiße Gogel oder
cucullus, eine Kaputze, an einem Kragen desselben Stoffes befestigt,
der Schultern und Hals umschloß, so daß vom Kopfe nichts zu sehen blieb
als das rings umrahmte Gesicht), _Rothkepl_ u. a.
Das Leibkleid, der Rock, findet sich ebenfalls in mannigfachen
Zusammensetzungen: _Blaurock_, _Wittrock_ (auch _Weißkittel_),
_Langrock_, _Kurzrock_; dazu Ärmel in _Rothärmel_, _Weißermel_
(wohl Spottname für Müller); ferner der Mantel in _Wintermantel_,
_Rothmantel_.
Die Beinbekleidung haben wir in: _Leinhose_, _Mehlhose_ (Spottname
für Müller), _Kurthose_.[48] Die scherzhaftesten unter allen sind:
_Lodderhose_, _Schlaphose_ und _Lumphose_, ein Kleeblatt, in welchem
sich die unsinnige, zuerst von renommistischen Landsknechten
aufgebrachte Pludertracht des 16. Jahrhunderts verewigt hat, gegen die
der Brandenburger Hofprediger Andreas Musculus 1556 in gerechtem Zorn
seine „Vermahnung und Warnung vom zuluderten, zucht- und ehrverwegenen
Hosenteufel“ schrieb.[49]
Die Fußbekleidung endlich ist vertreten durch _Schuh_, _Knabenschuch_,
_Holtzschue_, _Rothschuh_ (Tanzliebhaber), _Bundschuh_ (der von den
Bauern getragene Schnürschuh, der nicht nur eine sprichwörtliche
Bezeichnung des Bauern überhaupt, sondern auch ein bekanntes
Parteizeichen hat abgeben müssen).
~Speisen.~
Namen von Speisen entlehnt gehören hierher, soweit sie Personen
bezeichnen, welche die betreffende Speise bereiteten, sie an Gäste
verabreichten, damit handelten; doch ist gewiß auch häufig jemand nach
einer Speise benannt worden, die er besonders liebte.
Auf dieser Tafel stehen im Vordergrunde ~Brot~ und ~Fleisch~, ~Bier~
und ~Wein~, die sich in mannigfachen Zusammensetzungen finden:
_Hirsebrod_ und _Roggenbrod_, _Weichbrodt_ und _Truckenbrod_;
_Kalbfleisch_ und _Rindfleisch_, _Gensfleisch_ und _Sötefleisch_;
_Schweinebraten_, _Bratfisch_, _Bradenahl_;
_Gutbier_ und _Bösbier_, _Dünnebier_ und _Zuckerbier_;
_Altwein_ und _Gutwein_, _Kühlwein_ und _Sauerwein_.[50]
~Milch-~ und ~Mehl~speisen sind vertreten durch: _Süßmilch_,
_Schlegelmilch_ (Buttermilch), _Hafermehl_, _Pfannkuch_, _Butterweck_.
Mehr Vereinzeltes übergehen wir hier; doch zu erwähnen ist noch ein
deutsches Nationalessen, die ~Wurst~, wonach der deutsche Lustigmacher
den Namen „Hanswurst“ (Hans Wurst) erhalten hat, während der
französische als „Jean Potage“ (Suppe) und der englische als „John
Plumpudding“ auftritt. Die Wurst kommt in deutschen Familiennamen
sowohl einfach vor, als auch in genaueren Zusammensetzungen wie:
_Blutwurst_, _Krautwurst_, _Leberwurst_.
Es ist im ganzen eine einfache Küche; man braucht sich besonders nur
die häufigen Zusammensetzungen mit sauer vorzuhalten:
_Sauerbier_ und _Sauerwein_, _Sauermilch_ und _Sauermost_,
_Sauersenft_, _Saueressig_, _Sauerbirn_ --
um sich mit einem Schlage an die genügsamen Tische des 15. Jahrhunderts
zurückversetzt zu sehen. (Vilmar, Namenbüchlein S. 48 ff).
Außerdem zeigen sich in den Familiennamen noch Speisen und Getränke,
die bereits im 16. Jahrhundert verschwinden, z. B. _Gossenbrod_, warmes
Brot mit Fett begossen, eine Lieblingsspeise alter Zeit, selbst von
Dichtern öfter erwähnt,[51] und _Moras_, über Maulbeeren abgezogener
Wein.
12.
Familiennamen der dritten Schicht.
b) ~Eigenschaften.~
Wie aus der Geschichte bekannt ist, wurden hervorragenden Personen,
namentlich fürstlichen Standes, in früheren Zeiten häufig Beinamen
gegeben, mit welchen der Deutsche in diesem Falle sehr freigebig war.
So finden wir schon im 9. Jahrhundert unter den Karolingern einen ~Karl
den Dicken~ und einen ~Karl den Kahlen~, später unter den sächsischen
Kaisern einen ~Otto den Roten~ und einen ~Heinrich den Heiligen~.
Was letzteren Namen betrifft, so kennt die Geschichte außerdem noch
Heinrich den ~Stolzen~, den ~Schwarzen~, den ~Zänker~. Und wie
hieraus ersichtlich, gab man nicht immer ehrende Beinamen, sondern
auch tadelnde und spottende, und das Mittelalter war darin durchaus
nicht blöde. So hieß Kaiser Wenzel der „~Faule~“, Landgraf Ludwig von
Thüringen der „~Unartige~“, Eberhard von Württemberg der „~Greiner~“,
d. i. Händelsucher.[52]
Zu diesem Zwecke werden zunächst und am einfachsten verwendet
~Eigenschaftswörter~ selbst, die mit dem Artikel dem eigentlichen Namen
nachgesetzt werden: Otto der Rote, Friedrich der Lange usw. Aus diesen
Zusätzen entwickelten sich dann dauernde Bezeichnungen der Familie,
wobei der Umstand zu Hülfe kam, daß eben die Eigenschaften des Vaters
vielfach auf die Kinder vererben. Dabei fiel der Artikel vor dem
Zusatze fort;[53] doch blieb trotzdem sehr oft die gebogene Form des
Eigenschaftswortes stehen: _Kluge_ neben _Klug_, _Weiße_ neben _Weiß_,
_Grote_ (Große) neben _Groth_ (Groß), und in manchen Fällen ist es
sogar die herrschende Form geblieben, wenigstens in Norddeutschland,
wie in _Krause_, _Lange_.
Die Zahl der einfachen Namen dieser Art vermindert sich übrigens
bei näherer Untersuchung sehr. Einmal finden sich viele davon schon
im Altdeutschen, gehören demnach -- wenn auch vielleicht nicht in
allen Fällen -- zur ersten Schicht; so die Namen _Guth_, _Fromm_,
_Jung_ (schon im 6. Jahrhundert ein _Goda_, im 10. ein _Jungo_). Dann
sind manche auch nur scheinbar Eigenschaftswörter, z. B. ist _Voll_
schwerlich einer, der immer „voll“ ist, sondern es ist das altdeutsche
_Fulko_ (vgl. Volkbrecht und Vollbrecht). Auch _Rohde_ kann zwar die
niederdeutsche Form des Eigenschaftswortes rot sein -- auf das Haar
bezüglich, wie schon Krause; gewiß aber mindestens eben so häufig ist
es das altdeutsche _Hrodo_ (zu dem Stamme _hrod_ „Schall, Ruhm“).