Fremdsprachige (kirchliche) Namen.[19]

Trotz der eben geschilderten Lebenskraft und Zähigkeit der altdeutschen

Personennamen war es unausbleiblich, daß bei der andauernden Einwirkung

der fremden Gelehrsamkeit, die ja schon im Zeitalter der Ottonen (10.

Jahrh.) zu einer deutschen Literatur in lateinischer Sprache führte,

und bei der zunehmenden Macht der Kirche endlich auch fremde Namen

Eingang gewannen. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts ist die Anzahl

dieser in Deutschland auftauchenden kirchlichen, also hebräischen

und griechisch-lateinischen Taufnamen verschwindend klein; seit der

Hohenstaufenzeit aber und dem gesteigerten Verkehr mit Italien nimmt

ihre Zahl sehr zu. Die ersten sind die Namen der hervorragendsten

Apostel _Johannes_, _Petrus_, _Paulus_, _Jacobus_, auch _Philippus_ (so

unter den Hohenstaufen selbst ein Philipp von Schwaben); daran schließt

sich eine Reihe Heiliger, als: _Martin_, _Michael_ (der Erzengel),

_Christoph_, _Georg_. Letztere jedoch, so unverdächtig kirchlich ihre

Namen klingen, wurzeln im tiefsten Grunde noch in altheidnischem Boden.

Wie sonst vielfältig, haben sich auch hier volkstümlich-heidnische

Vorstellungen unter einem nur leicht darüber geworfenen christlichen

Gewande erhalten. Bekannt ist die Legende vom _h. Christophorus_, der

das Christuskind durch das tiefe Wasser trägt und daher eben seinen

Namen (Christusträger) empfängt. Ebenso trägt nach der nordischen Mythe

der Gott Thor (Donar) durch gewaltige Ströme gehend den Oervandil auf

seinen Schultern, und wie Thor hat auch der _h. Christoph_ rotes Haar

und wurde vom Volke zum Schutzpatron gegen Blitz und Wetterschaden

gemacht.

In _St. Georg_ dem Drachentöter haben wir unverkennbar den alten

deutschen Nationalhelden Siegfried vor uns, der selbst wieder nur die

verjüngte und vermenschlichte Wuotansgestalt ist.

Am merkwürdigsten aber ist es, wie der _h. Michael_ in die Stelle

Wuotans getreten ist. Warum haben neben ihm die beiden andern Erzengel

_Raphael_ und _Gabriel_ keinen Platz gefunden? Zunächst war ihm schon

sein Name günstig, der an das altdeutsche michel (groß) anklang; dann

aber erinnerte der Erzengel die jungen Christen dadurch an ihren Gott,

daß er der Führer der himmlischen Heerscharen (caelestis militiae

signifer) und der Vorsteher des Paradieses ist. Wie Wuotan die Seelen

der gefallenen Helden empfängt und nach Walhalla führt, so wird von

Michael gelehrt, daß er der Fürst der Engel und von Gott mit dem Amte

betraut sei, die Seelen der abgeschiedenen Christen in Empfang zu

nehmen und ins Paradies einzuführen.

So lehnen auch diese Heiligen sich noch an das altgermanische

Heidentum, dessen Anschauungen und Gestalten unter der durchsichtigen

Hülle christlicher Benennungen fortleben.

Ferner setzte sich eine Reihe von ~Ortsheiligen~ fest, die besonders

in einzelnen Landschaften, Städten usw. als Heilige und Schutzpatrone

verehrt wurden. So _Gallus_ und _Columban_ im Bereiche von St.

Gallen, _Stephanus_ in Österreich, _Kilian_ der Franken-Apostel in

Würzburg, _Martin_ in Mainz, _Florentius_ in Holland. Ihre Namen wurden

Täuflingen beigelegt und wurden sehr natürlich Lieblingsnamen des

Volkes in dem jedesmaligen Bereich.

Verwandt mit diesen Lokalheiligen sind die ~Schutzheiligen einzelner

Stände~. _St. Georg_, der Drachensieger im ritterlichen Harnisch,

war der Patron der Ritterschaft. Ähnlich wurde der _h. Nicolaus_,

ursprünglich Bischof von Myra in Syrien (Kleinasien), als Patron der

Kaufleute und Seefahrer angesehen, seitdem im 11. Jahrh. italienische

Kaufleute seine Gebeine glücklich nach Bari in Unteritalien entführt

hatten. Daher nun unter anderem die vielen Nikolaikirchen, besonders

auch im Norden Deutschlands, z. B. in Berlin, Stettin, Hamburg, daher

die Beliebtheit des Namens als Taufname in früherer Zeit.[20]

So drang allerdings ein immer breiter werdender Strom neuer,

fremdsprachiger Namen ein; aber eine eigentliche Hochflut brachte erst

das 16. Jahrhundert, das Zeitalter der Reformation. Mit Eifer wandte

sich das Volk dem neu erschlossenen Buch der Bücher zu und holte sich

dort nicht nur seine Glaubenslehren, sondern auch seine Namen. Aus

dem alten und neuen Testamente, von Adam und Eva bis zur Offenbarung

Johannis herab, entlehnte man sie. Im Gegensatze zu dem Protestantismus

betonte der Katholizismus die Heiligenverehrung noch stärker und

fügte den schon früher eingeführten Heiligennamen eine große Zahl

neuer hinzu; man kann sie eben daran erkennen, daß sie ziemlich

ausschließliches Eigentum der Katholiken sind, z. B. _Ignatius_,

_Vincenz_, _Aloys_, _Xaver_, _Seraphin_.

Als nun vollends durch den dreißigjährigen Krieg das nationale Leben in

seinem Kern angegriffen und auf ein Jahrhundert fast erstickt wurde,

da riß wie in Sprache und Literatur, so auch in der Namengebung eine

vollständige Verwilderung ein. Doch ist das hier glücklicherweise von

geringerem Belang, weil längst der große Wendepunkt eingetreten war,

da die Personennamen fest wurden und sich die Familiennamen bildeten.

Auf diesen schon im 13. und 14. Jahrhundert in der Hauptsache zum

Abschluß gekommenen Prozeß hat die spätere Überschwemmung mit fremden

Namen wenig mehr einwirken können, daher wir uns hier mit diesen kurzen

Hindeutungen begnügen.

7.

Das Festwerden der Namen: Bildung der Familiennamen.

Bei den einfachen Verhältnissen der früheren Jahrhunderte, solange

eben das Leben auf engere Kreise beschränkt war, hatte ~ein~ Name

zur Bezeichnung einer Person genügt. So noch während der Herrschaft

der sächsischen, der fränkischen Kaiser. Die Bevölkerung war

verhältnismäßig dünn und dazu der Hauptmasse nach bodenständig;

jeder, vom Grafen bis zum letzten Hörigen, war ein mehr oder weniger

abhängiges Zubehör der Scholle, die ihn nährte, des Gaues, der

Grafschaft. Jeder kannte seine Nachbarn, Aus- und Einwanderung fand,

die slawischen Marken abgerechnet, nur in geringem Maße statt. Handel

und Verkehr war nicht bedeutend, da die abendländischen Völker wenig

Bedürfnisse hatten und was sie brauchten, meist selbst erzeugten.

Da bedurfte es der Geschlechtsnamen so wenig, als noch heutzutage

im Innern der Familie. Aber allmählich änderte sich die Sache. Die

Bevölkerung wurde dichter. Es kamen die Kreuzzüge und bewirkten

mannigfachen Wechsel im Besitztum; das Land wanderte in die Stadt,

Fremde siedelten sich hier neben Fremden an; Handel und Wandel nahm

zu und mit ihm die Zahl der gerichtlichen Verträge und Urkunden. So

genügte die alte Bezeichnungsweise nicht mehr. Da überdies viele

der alten Namen erloschen waren, andere, ursprünglich verschiedene,

in der im gewöhnlichen Leben gebrauchten Form zusammenfielen (z. B.

_Baldhard_, _Baldram_, _Baldewin_ in der Form Baldo, vgl. S. 23), so

war es unausbleiblich, daß besonders an den Brennpunkten des Verkehrs,

in den Städten, derselbe Name sich bei vielen Personen wiederholte. Wie

häufig der Name Wilhelm bei den Normannen gewesen, ist vorhin schon

erwähnt (S. 22). So finden wir ferner in Köln unter den Ministerialen

in den Jahren 1141 bis 1159 nicht weniger als zwölf verschiedene

_Hermann_. Ähnlich war in Basel der Name _Burkhard_, in Zürich

_Heinrich_ verbreitet. Endlose Verwechselungen und Verwirrungen mußten

daraus im täglichen Leben entstehen. Und wie unvollkommen war eine

Unterschrift in dieser Art, wie eine Urkunde des Bistums Basel aus dem

Jahre 1095 von 19 Personen bezeugt wird, die außer dem _dux Bertholdus_

(nämlich von Zähringen) und _comes Erimannus_ nur mit ihrem einfachen

Personennamen unterschrieben sind: _Arnolt_, _Sigebolt_, _Ruodolfus_

usw., zweimal _Burchardus_ und zweimal _Cuono_, wo es dann höchst

einfach heißt: _Cuono, item Cuono_!

Die Notwendigkeit einer genaueren Bezeichnung und Unterscheidung machte

sich gebieterisch geltend, im täglichen Leben wie bei Ausstellung von

Urkunden. Um zu wissen, welcher Hermann oder Heinrich oder Johannes

unter den vielen dieses Namens denn gemeint sei, mußten allerhand

Zusätze gemacht werden, wodurch die einzelnen genauer gekennzeichnet

wurden. Dieselben bestanden in dem Personennamen des ~Vaters~ oder in

der Angabe des ~Amtes~ und der ~Beschäftigung~, oder sie waren von

besonderen, an einer Persönlichkeit hervortretenden ~Eigenschaften~

oder endlich von dem ~Wohnsitz~ entlehnt. So finden wir unter jenen

zwölf _Hermann_ in Köln einen _Razo’s_, einen Sohn _Ditwigs_, einen

~Vogt~, einen ~Schultheiß~ (Amt), einen ~roten~, einen ~weißen~, einen

~mit dem Bart~ (Eigenschaften), einen ~vom Neumarkt~ (Wohnung).

Diese Zusätze nun gingen auf die Nachkommen über, sie befestigten sich

in der Familie und wurden so allmählich zu Familiennamen, wie dies bei

den einzelnen Klassen derselben näher nachgewiesen werden soll. Erst

dies, daß solche Zusätze nicht bloß eine bestimmte einzelne Person

näher kennzeichnen, sondern auch auf die Nachkommen forterben, macht

ja das Wesen der Familien- oder Geschlechtsnamen aus.

Doch vorher ist der Zeitpunkt, ~wann~ diese große Wendung eingetreten

(daß sich aus den alten Personennamen, unter Hinzutritt ganz neuer

Elemente, die Familiennamen bildeten), genauer ins Auge zu fassen

und festzustellen. Dieser Zeitpunkt ist durchaus nicht überall

derselbe, sondern ein sehr verschiedener, zum Teil um Jahrhunderte

auseinanderliegender, eben in genauem Anschluß an die soziale

Entwickelung der einzelnen Länder und Landschaften. Wo ~bürgerlicher

Verkehr~ aufkommt, da wird auch das Vorhandensein fester, erblicher

Namen notwendig, und es bilden sich Familiennamen, als natürliches

Erzeugnis der Verhältnisse. Umgekehrt ist demnach das frühere oder

spätere Emporkommen der Familiennamen ein Gradmesser für die frühere

oder spätere Entwickelung des Bürgerstandes in den Städten. Von den

Städten wird der neue Brauch dann auf das Land und andere Stände

übertragen.

Am frühsten treten die Geschlechtsnamen in ~Süddeutschland~ und am

~Rheine~ auf; so (nach Becker)

in Köln 1106, in Zürich 1145,

in Basel 1168 --

etwas später in ~Mitteldeutschland~, so

in Nordhausen im 13. Jahrhundert[21] --

noch später in ~Norddeutschland~; wenigstens weisen für Pommern die

Verzeichnisse der Kamminer Prälaten[22] auf die erste Hälfte des 14.

Jahrhunderts hin.

Anfänglich tauchen einzelne Familiennamen auf, die sich aber

schnell vermehren, und sehr bald, nach einer verhältnismäßig kurzen

Übergangsperiode, hat der neue Brauch gesiegt und die Umwandlung ist

allgemein. Zunächst finden sich die Geschlechtsnamen, nach Beckers

Beobachtungen, bei den vornehmeren Bürgern der größeren Städte, nämlich

bei den reicheren Ministerialen oder ritterbürtigen Dienstmannen

der Bischöfe und bei den an Rang und Geltung ihnen nahestehenden

Freibürgern oder Patriziern. Was an Rang über oder unter diesem Stande

ist, der hohe Adel und die Geistlichkeit einerseits, der Handwerker und

der hörige Bauer anderseits, das hält noch lange an dem alten Brauche

der einfachen Namengebung fest. -- Der hohe Adel nennt sich bekanntlich

nach dem Stammsitz. Bei der Geistlichkeit setzen zuerst die Stiftsherrn

aus städtischen Geschlechtern ihren Geschlechtsnamen der sonstigen

Bezeichnung bei, z. B. 1230 in Zürich _R. Manezo_ subdiaconus; bei

ihnen mochte das bürgerliche Selbstgefühl dem geistlichen die Wage

halten. Dagegen nannten Bischöfe und Äbte sich, wie meist noch jetzt,

mit dem Taufnamen oder dem angenommenen Kirchennamen, unter Beifügung

der Würde, der Diözese, des Klosters.

Die Handwerker in den Städten ahmten zwar bald den Brauch des

städtischen Adels und der Patrizier nach; da sie sich aber stets aus

der Landbevölkerung ergänzten und deren älteren Brauch in die Stadt

hineinbrachten, so konnte es vorkommen, daß z. B. in Basel noch 1438

bei der Zunft „zu Brotbecken“ ein sonst namenloser „Hans des jebsmolers

(Gipsmüllers) tochtermann“ aufgenommen wurde.

Bei dem Landvolke endlich hängt die Benennung mit dem Grade der

errungenen Freiheit zusammen. Während die freien Landleute von Uri

schon 1291 eine große Anzahl wirklicher Geschlechtsnamen bieten,

entbehren die Leibeigenen in manchen Gegenden derselben bis ins 14., ja

16. Jahrhundert.

Doch ist hervorzuheben, daß an den Küsten der Nordsee, in Friesland,

Holstein, Schleswig, wie auch in Dänemark eigentliche Familiennamen

sich am spätesten festgesetzt haben, indem die alte Sitte, sich nach

dem Vater zu nennen (z. B. Großvater _Clas Petersen_, Vater _Peter

Classen_, Sohn _Clas Petersen_, Enkel _Peter Classen_) erst im vorigen

Jahrhundert polizeilichen Verordnungen gewichen ist.[23] Es ergibt sich

aus allem, daß der Gebrauch der Geschlechts- oder Familiennamen in den

Städten und mit der Blüte der Städte entstanden ist; daß dieser Brauch

in den einzelnen Städten um so eher aufkommt, je früher sich dieselben

entwickeln, und daß er sich von der Stadt und ihren Bürgern auf das

Land und auf andere Stände verbreitet hat.

Wie wenig befestigt anfangs die einzelnen Familiennamen waren, ergibt

der leichte und häufige Wechsel. So wurde _Lucas ~Cranach~_, also

benannt von seinem Geburtsort im Hochstifte Bamberg, auch genannt

„_Lucas ~Maler~_“. Sein eigentlicher Familienname war wahrscheinlich

_Sunders_ (~Pott~, Personennamen, S. 43). Im Quedlinburger

Urkundenbuche wird aus dem Jahre 1407 ein _Ludeke Hugholdes_, „andere

geheten _Ludeke Smet_,“ erwähnt, aus dem Jahre 1429 ein _Clauwes

Hartwiges_, „anders geheten _Clauwes Groper_.“

8.

Altdeutsche Vollnamen als Familiennamen.

Um eine Person genauer zu bezeichnen und von „den Genamen“, den

Namensvettern, zu unterscheiden, war es das Nächstliegende, die

Abkunft anzugeben, also den ~Namen des Vaters~ hinzuzufügen, besonders

wenn dies eine hervorragende Persönlichkeit war. Nennen sich doch

schon in der deutschen Heldensage die Helden nach ihren Vätern:

_Hiltibrant Heribrantes sunu_, _Sigfrid Sigmundes sun_ -- Zusätze,

die jedoch damals noch nicht erblich geworden. Wurde nun der Name

des Vaters beigefügt, so geschah dies in der Form „Sohn _Arnolds_“

oder auch bloß _Arnolds_, in den Bürgerrollen und Urkunden, die meist

lateinisch abgefaßt wurden: _filius Arnoldi_ oder mit Auslassung von

_filius_ bloß _Arnoldi_. Man würde demnach hier lauter genetivische

Familiennamen als Patronymika erwarten, wie _Arnolds_, _Friedrichs_,

_Otten_. Auffällig ist nun, daß die weit überwiegende Mehrzahl der

Namen dieser Art nicht im Genetiv, sondern im Nominativ auftritt:

_Arnold_, _Friedrich_, _Otto_ (Otte) usw. Woher diese auf den ersten

Blick überraschende Erscheinung? Sie ist wohl so zu erklären, daß

man statt des genaueren Genetivs oder einer sonstigen patronymischen

Bildung den Namen des Vaters einfach und unverändert im Nominativ

hinzusetzte -- infolge einer schon damals eintretenden Erstarrung der

Sprache, vielleicht auch, weil man den Namen des Vaters deutlicher

wollte hervortreten lassen. So finden wir bereits im 8. Jahrhundert

in Urkunden unter andern einen _Sigifridus filius Sigimun~dus~_, und

im 11. Jahrhundert erscheint der Vatername schon oft dem des Sohnes

im Nominativ als Beiname hinzugefügt, z. B. _Uguo Folcaldus_ (im J.

1030.)[24] Ein besonders belehrendes Beispiel führt Becker aus Köln

an. Dort finden wir unter den Dienstmannen der Abtei zu St. Pantaleon

im Jahre 1128 einen _Razo_; dann unterzeichnet 1185 unter den Bürgern

ein _Henricus ~Razonis~_, derselbe 1195 _Henricus ~Razo~_, und 1272 ist

_Theodoricus dictus Razo_ Bürgermeister. Ebenso erscheint im Göttinger

Urkundenbuch im Jahre 1245 der Ritter _Johannes Cusen_ (Genetiv), 1270

der Ritter _Johannes Cuso_.[25] Gewiß war dies, die einfache Beifügung

des Vaternamens im Nominativ, im gewöhnlichen Leben noch häufiger.

So erscheint denn nun eine Menge jener altdeutschen Personennamen

nunmehr als Familiennamen, teils wenig verändert, z. B. _Hildebrand_,

_Siegfried_, _Amelung_, teils mannigfach abgeschliffen, wie Kiesel

und Geröll des Meeres im Wogenschlag der Jahrhunderte, teils sogar

verstümmelt und entstellt bis zur Unkenntlichkeit.

Am deutlichsten treten hervor die zusammengesetzten Namen, von denen

hier eine Übersicht der gewöhnlicheren Bildungen folgen möge, nach dem

zweiten Teile der Zusammensetzung geordnet:

~bald~ (bold, belt; polt, pelt, „kühn“[26]): _Liebald_,

_Liebold_, _Liebelt_, _Lippold_, _Lippelt_;

~brecht~ (bert, barth; precht, pert, „glänzend“): _Siebrecht_,

_Siebert_, _Siebarth_; _Wieprecht_, _Wiepert_;

~fried~ (fert, fart, „Friede, Schutz“): _Siegfried_,

_Siefert_, _Seifart_;

~ger~ („Speer“): _Rödiger_;

~hart~ (art, ert, „stark, fest“): _Eckhardt_, _Eckart_,

_Eckert_;

~her~ (er, „Krieger; Heer“): _Walther_, _Walter_;

~mann~: _Hermann_;

~mar~ (mer, „berühmt“): _Volkmar_, _Volkmer_;

~rich~ (reich, „mächtig“): _Friedrich_, _Friedreich_;

~walt~ (olt, elt, „waltend“): _Reinwald_, _Reinold_, _Reinelt_;

~wart~ (werth, „Hüter, Wart“): _Ahlwardt_, _Adelwerth_;

~wig~ („Kampf“): _Hartwig_;

~win~ (wein, „Freund“): _Gerwin_, _Eberwein_;

~wolf~ (olf, umgestellt loff, „Wolf“): _Schönewolf_; _Rudolph_,

_Rudloff_.

Durch Abfall der Schlußkonsonanten entwickelte sich aus _bald_, _belt_:

_ball_, _bel_; aus _fert_: _fer_; aus _old_: _ohl_ usw.

Manche dieser urspr. altdeutschen Namen treten infolge mundartlicher

und anderer Einflüsse in außerordentlich vielen verschiedenen Formen

auf, z. B. altdeutsch _Ricohard_ findet sich als:

_Richard_, _Richert_, _Riechert_ -- _Riegert_ -- _Reichhardt_,

_Reichard_, _Reichert_ -- _Rickert_, _Ritschard_ -- _Ritsert_;

ungerechnet die bloß orthographischen Abweichungen. _Liutbald_

tritt gar (freilich gemengt mit _Liutwald_) in mehr als zwanzig

Formen auf:

_Liebaldt_, _Liebold_, _Liebhold_, _Libelt_, _Liebel_, _Liepelt_ --

_Lippelt_, _Lippel_ -- _Leopold_ -- _Lepold_, _Lepel_ -- _Leppelt_

-- _Luppold_ -- _Lubold_ -- _Laubhold_ -- _Leupold_ -- _Leybold_,

_Leibel_, _Leibhold_, _Leipold_, _Leipel_ usw.

9.

Sproßformen der altdeutschen Vollnamen als Familiennamen.

a) ~Kürzungen und Verkleinerungen~.

Sehr zahlreich, mitunter zahlreicher noch als die vollen Formen, sind

die verkürzten, sich anschließend an die altdeutschen Kürzungen und

Verkleinerungen, die Seite 23 behandelt sind. Das _o_, welches dort an

den Torso gesetzt wurde, hat sich nur in wenigen Familiennamen, wie

_Otto_, _Thilo_, erhalten; meist ist es in _e_ abgeschwächt: _Otte_,

_Thiele_, _Heine_ (altd. Heino aus Heinrich), _Thieme_ (Thiemo aus

Thiedmar) -- oder es ist ganz abgefallen, so daß der Name einsilbig

wird: _Ott_, _Thiel_, _Heyn_, _Thiem_.

Diese Verkürzungen bilden den Übergang zu den eigentlichen

Verkleinerungsformen oder ~Schmeichelformen~. Die verschiedensten

Bildungen treten hier hervor, und eine wundersam reiche Flora beut

sich den erstaunten Blicken. Jede Landschaft hat ihre besonderen

Deminutivendungen, nach Maßgabe der Mundart.[27]

Der Kern der ~oberdeutschen~ Verkleinerungsendung ist ein _l_ (altd.

_ilo_, s. S. 23), welches auch in Appellativen in den mannigfachsten

Formen auftritt: _ele_, _el_, _le_, _li_, _la_ usw., z. B. _Mädele_,

_Mädel_, _Maidle_, _Maidli_, _Madla_; _Vogel_, _Vogerl_.

Der Kern der ~niederdeutschen~ Verkleinerungs-Endung ist ein _k_ (altd.

_iko_, S. 23): _ke_, _ken_, z. B. _Mäke_, _Mäken_.

Im Schriftdeutschen sind beide vertreten, und zwar in der Verbindung

mit _n_ (S. 23): oberd. _lein_, niederd. _chen_.

Demnach finden wir im Oberdeutschen folgende Bildungen in den

Familiennamen:

~el~ (die verbreitetste Form): _Dietel_, _Merkel_;

~l~ (bayrisch, österreichisch): _Dietl_, _Merkl_;

~le~ (schwäbisch): _Dietle_, _Merkle_ -- mit Bindevokal: _Eisele_;

~li~ (schweizerisch): _Märkli_;

~lin~ (schwäbisch, schweizerisch):[28] _Märklin_, _Bürklin_ --

abgestumpft in:

~len~ _Eiselen_ --

gewöhnlich, mit der Weiterentwickelung des Neuhochdeutschen Schritt

haltend:

~lein~: _Dietlein_.

Weniger mannigfaltig sind die entsprechenden Bildungen in

~Niederdeutschland~, wo man im allgemeinen die Verkleinerungsformen

auch in den gewöhnlichen Hauptwörtern weniger liebt. Es ist hier

besonders nur die Endung

~ke~ mit Bindelaut: _Tedike_, _Reinicke_, _Reinecke_; ohne

Bindelaut: _Reinke_, _Wilke_;

~k~: _Tieck_ -- verhochdeutscht

~ch~ (ich, ig): Dedich, Rüdig.

Die Deutschen Familiennamen, geschichtlich, geographisch, sprachlich · 第 21 / 178 题