Trotz der eben geschilderten Lebenskraft und Zähigkeit der altdeutschen
Personennamen war es unausbleiblich, daß bei der andauernden Einwirkung
der fremden Gelehrsamkeit, die ja schon im Zeitalter der Ottonen (10.
Jahrh.) zu einer deutschen Literatur in lateinischer Sprache führte,
und bei der zunehmenden Macht der Kirche endlich auch fremde Namen
Eingang gewannen. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts ist die Anzahl
dieser in Deutschland auftauchenden kirchlichen, also hebräischen
und griechisch-lateinischen Taufnamen verschwindend klein; seit der
Hohenstaufenzeit aber und dem gesteigerten Verkehr mit Italien nimmt
ihre Zahl sehr zu. Die ersten sind die Namen der hervorragendsten
Apostel _Johannes_, _Petrus_, _Paulus_, _Jacobus_, auch _Philippus_ (so
unter den Hohenstaufen selbst ein Philipp von Schwaben); daran schließt
sich eine Reihe Heiliger, als: _Martin_, _Michael_ (der Erzengel),
_Christoph_, _Georg_. Letztere jedoch, so unverdächtig kirchlich ihre
Namen klingen, wurzeln im tiefsten Grunde noch in altheidnischem Boden.
Wie sonst vielfältig, haben sich auch hier volkstümlich-heidnische
Vorstellungen unter einem nur leicht darüber geworfenen christlichen
Gewande erhalten. Bekannt ist die Legende vom _h. Christophorus_, der
das Christuskind durch das tiefe Wasser trägt und daher eben seinen
Namen (Christusträger) empfängt. Ebenso trägt nach der nordischen Mythe
der Gott Thor (Donar) durch gewaltige Ströme gehend den Oervandil auf
seinen Schultern, und wie Thor hat auch der _h. Christoph_ rotes Haar
und wurde vom Volke zum Schutzpatron gegen Blitz und Wetterschaden
gemacht.
In _St. Georg_ dem Drachentöter haben wir unverkennbar den alten
deutschen Nationalhelden Siegfried vor uns, der selbst wieder nur die
verjüngte und vermenschlichte Wuotansgestalt ist.
Am merkwürdigsten aber ist es, wie der _h. Michael_ in die Stelle
Wuotans getreten ist. Warum haben neben ihm die beiden andern Erzengel
_Raphael_ und _Gabriel_ keinen Platz gefunden? Zunächst war ihm schon
sein Name günstig, der an das altdeutsche michel (groß) anklang; dann
aber erinnerte der Erzengel die jungen Christen dadurch an ihren Gott,
daß er der Führer der himmlischen Heerscharen (caelestis militiae
signifer) und der Vorsteher des Paradieses ist. Wie Wuotan die Seelen
der gefallenen Helden empfängt und nach Walhalla führt, so wird von
Michael gelehrt, daß er der Fürst der Engel und von Gott mit dem Amte
betraut sei, die Seelen der abgeschiedenen Christen in Empfang zu
nehmen und ins Paradies einzuführen.
So lehnen auch diese Heiligen sich noch an das altgermanische
Heidentum, dessen Anschauungen und Gestalten unter der durchsichtigen
Hülle christlicher Benennungen fortleben.
Ferner setzte sich eine Reihe von ~Ortsheiligen~ fest, die besonders
in einzelnen Landschaften, Städten usw. als Heilige und Schutzpatrone
verehrt wurden. So _Gallus_ und _Columban_ im Bereiche von St.
Gallen, _Stephanus_ in Österreich, _Kilian_ der Franken-Apostel in
Würzburg, _Martin_ in Mainz, _Florentius_ in Holland. Ihre Namen wurden
Täuflingen beigelegt und wurden sehr natürlich Lieblingsnamen des
Volkes in dem jedesmaligen Bereich.
Verwandt mit diesen Lokalheiligen sind die ~Schutzheiligen einzelner
Stände~. _St. Georg_, der Drachensieger im ritterlichen Harnisch,
war der Patron der Ritterschaft. Ähnlich wurde der _h. Nicolaus_,
ursprünglich Bischof von Myra in Syrien (Kleinasien), als Patron der
Kaufleute und Seefahrer angesehen, seitdem im 11. Jahrh. italienische
Kaufleute seine Gebeine glücklich nach Bari in Unteritalien entführt
hatten. Daher nun unter anderem die vielen Nikolaikirchen, besonders
auch im Norden Deutschlands, z. B. in Berlin, Stettin, Hamburg, daher
die Beliebtheit des Namens als Taufname in früherer Zeit.[20]
So drang allerdings ein immer breiter werdender Strom neuer,
fremdsprachiger Namen ein; aber eine eigentliche Hochflut brachte erst
das 16. Jahrhundert, das Zeitalter der Reformation. Mit Eifer wandte
sich das Volk dem neu erschlossenen Buch der Bücher zu und holte sich
dort nicht nur seine Glaubenslehren, sondern auch seine Namen. Aus
dem alten und neuen Testamente, von Adam und Eva bis zur Offenbarung
Johannis herab, entlehnte man sie. Im Gegensatze zu dem Protestantismus
betonte der Katholizismus die Heiligenverehrung noch stärker und
fügte den schon früher eingeführten Heiligennamen eine große Zahl
neuer hinzu; man kann sie eben daran erkennen, daß sie ziemlich
ausschließliches Eigentum der Katholiken sind, z. B. _Ignatius_,
_Vincenz_, _Aloys_, _Xaver_, _Seraphin_.
Als nun vollends durch den dreißigjährigen Krieg das nationale Leben in
seinem Kern angegriffen und auf ein Jahrhundert fast erstickt wurde,
da riß wie in Sprache und Literatur, so auch in der Namengebung eine
vollständige Verwilderung ein. Doch ist das hier glücklicherweise von
geringerem Belang, weil längst der große Wendepunkt eingetreten war,
da die Personennamen fest wurden und sich die Familiennamen bildeten.
Auf diesen schon im 13. und 14. Jahrhundert in der Hauptsache zum
Abschluß gekommenen Prozeß hat die spätere Überschwemmung mit fremden
Namen wenig mehr einwirken können, daher wir uns hier mit diesen kurzen
Hindeutungen begnügen.
7.
Das Festwerden der Namen: Bildung der Familiennamen.
Bei den einfachen Verhältnissen der früheren Jahrhunderte, solange
eben das Leben auf engere Kreise beschränkt war, hatte ~ein~ Name
zur Bezeichnung einer Person genügt. So noch während der Herrschaft
der sächsischen, der fränkischen Kaiser. Die Bevölkerung war
verhältnismäßig dünn und dazu der Hauptmasse nach bodenständig;
jeder, vom Grafen bis zum letzten Hörigen, war ein mehr oder weniger
abhängiges Zubehör der Scholle, die ihn nährte, des Gaues, der
Grafschaft. Jeder kannte seine Nachbarn, Aus- und Einwanderung fand,
die slawischen Marken abgerechnet, nur in geringem Maße statt. Handel
und Verkehr war nicht bedeutend, da die abendländischen Völker wenig
Bedürfnisse hatten und was sie brauchten, meist selbst erzeugten.
Da bedurfte es der Geschlechtsnamen so wenig, als noch heutzutage
im Innern der Familie. Aber allmählich änderte sich die Sache. Die
Bevölkerung wurde dichter. Es kamen die Kreuzzüge und bewirkten
mannigfachen Wechsel im Besitztum; das Land wanderte in die Stadt,
Fremde siedelten sich hier neben Fremden an; Handel und Wandel nahm
zu und mit ihm die Zahl der gerichtlichen Verträge und Urkunden. So
genügte die alte Bezeichnungsweise nicht mehr. Da überdies viele
der alten Namen erloschen waren, andere, ursprünglich verschiedene,
in der im gewöhnlichen Leben gebrauchten Form zusammenfielen (z. B.
_Baldhard_, _Baldram_, _Baldewin_ in der Form Baldo, vgl. S. 23), so
war es unausbleiblich, daß besonders an den Brennpunkten des Verkehrs,
in den Städten, derselbe Name sich bei vielen Personen wiederholte. Wie
häufig der Name Wilhelm bei den Normannen gewesen, ist vorhin schon
erwähnt (S. 22). So finden wir ferner in Köln unter den Ministerialen
in den Jahren 1141 bis 1159 nicht weniger als zwölf verschiedene
_Hermann_. Ähnlich war in Basel der Name _Burkhard_, in Zürich
_Heinrich_ verbreitet. Endlose Verwechselungen und Verwirrungen mußten
daraus im täglichen Leben entstehen. Und wie unvollkommen war eine
Unterschrift in dieser Art, wie eine Urkunde des Bistums Basel aus dem
Jahre 1095 von 19 Personen bezeugt wird, die außer dem _dux Bertholdus_
(nämlich von Zähringen) und _comes Erimannus_ nur mit ihrem einfachen
Personennamen unterschrieben sind: _Arnolt_, _Sigebolt_, _Ruodolfus_
usw., zweimal _Burchardus_ und zweimal _Cuono_, wo es dann höchst
einfach heißt: _Cuono, item Cuono_!
Die Notwendigkeit einer genaueren Bezeichnung und Unterscheidung machte
sich gebieterisch geltend, im täglichen Leben wie bei Ausstellung von
Urkunden. Um zu wissen, welcher Hermann oder Heinrich oder Johannes
unter den vielen dieses Namens denn gemeint sei, mußten allerhand
Zusätze gemacht werden, wodurch die einzelnen genauer gekennzeichnet
wurden. Dieselben bestanden in dem Personennamen des ~Vaters~ oder in
der Angabe des ~Amtes~ und der ~Beschäftigung~, oder sie waren von
besonderen, an einer Persönlichkeit hervortretenden ~Eigenschaften~
oder endlich von dem ~Wohnsitz~ entlehnt. So finden wir unter jenen
zwölf _Hermann_ in Köln einen _Razo’s_, einen Sohn _Ditwigs_, einen
~Vogt~, einen ~Schultheiß~ (Amt), einen ~roten~, einen ~weißen~, einen
~mit dem Bart~ (Eigenschaften), einen ~vom Neumarkt~ (Wohnung).
Diese Zusätze nun gingen auf die Nachkommen über, sie befestigten sich
in der Familie und wurden so allmählich zu Familiennamen, wie dies bei
den einzelnen Klassen derselben näher nachgewiesen werden soll. Erst
dies, daß solche Zusätze nicht bloß eine bestimmte einzelne Person
näher kennzeichnen, sondern auch auf die Nachkommen forterben, macht
ja das Wesen der Familien- oder Geschlechtsnamen aus.
Doch vorher ist der Zeitpunkt, ~wann~ diese große Wendung eingetreten
(daß sich aus den alten Personennamen, unter Hinzutritt ganz neuer
Elemente, die Familiennamen bildeten), genauer ins Auge zu fassen
und festzustellen. Dieser Zeitpunkt ist durchaus nicht überall
derselbe, sondern ein sehr verschiedener, zum Teil um Jahrhunderte
auseinanderliegender, eben in genauem Anschluß an die soziale
Entwickelung der einzelnen Länder und Landschaften. Wo ~bürgerlicher
Verkehr~ aufkommt, da wird auch das Vorhandensein fester, erblicher
Namen notwendig, und es bilden sich Familiennamen, als natürliches
Erzeugnis der Verhältnisse. Umgekehrt ist demnach das frühere oder
spätere Emporkommen der Familiennamen ein Gradmesser für die frühere
oder spätere Entwickelung des Bürgerstandes in den Städten. Von den
Städten wird der neue Brauch dann auf das Land und andere Stände
übertragen.
Am frühsten treten die Geschlechtsnamen in ~Süddeutschland~ und am
~Rheine~ auf; so (nach Becker)
in Köln 1106, in Zürich 1145,
in Basel 1168 --
etwas später in ~Mitteldeutschland~, so
in Nordhausen im 13. Jahrhundert[21] --
noch später in ~Norddeutschland~; wenigstens weisen für Pommern die
Verzeichnisse der Kamminer Prälaten[22] auf die erste Hälfte des 14.
Jahrhunderts hin.
Anfänglich tauchen einzelne Familiennamen auf, die sich aber
schnell vermehren, und sehr bald, nach einer verhältnismäßig kurzen
Übergangsperiode, hat der neue Brauch gesiegt und die Umwandlung ist
allgemein. Zunächst finden sich die Geschlechtsnamen, nach Beckers
Beobachtungen, bei den vornehmeren Bürgern der größeren Städte, nämlich
bei den reicheren Ministerialen oder ritterbürtigen Dienstmannen
der Bischöfe und bei den an Rang und Geltung ihnen nahestehenden
Freibürgern oder Patriziern. Was an Rang über oder unter diesem Stande
ist, der hohe Adel und die Geistlichkeit einerseits, der Handwerker und
der hörige Bauer anderseits, das hält noch lange an dem alten Brauche
der einfachen Namengebung fest. -- Der hohe Adel nennt sich bekanntlich
nach dem Stammsitz. Bei der Geistlichkeit setzen zuerst die Stiftsherrn
aus städtischen Geschlechtern ihren Geschlechtsnamen der sonstigen
Bezeichnung bei, z. B. 1230 in Zürich _R. Manezo_ subdiaconus; bei
ihnen mochte das bürgerliche Selbstgefühl dem geistlichen die Wage
halten. Dagegen nannten Bischöfe und Äbte sich, wie meist noch jetzt,
mit dem Taufnamen oder dem angenommenen Kirchennamen, unter Beifügung
der Würde, der Diözese, des Klosters.
Die Handwerker in den Städten ahmten zwar bald den Brauch des
städtischen Adels und der Patrizier nach; da sie sich aber stets aus
der Landbevölkerung ergänzten und deren älteren Brauch in die Stadt
hineinbrachten, so konnte es vorkommen, daß z. B. in Basel noch 1438
bei der Zunft „zu Brotbecken“ ein sonst namenloser „Hans des jebsmolers
(Gipsmüllers) tochtermann“ aufgenommen wurde.
Bei dem Landvolke endlich hängt die Benennung mit dem Grade der
errungenen Freiheit zusammen. Während die freien Landleute von Uri
schon 1291 eine große Anzahl wirklicher Geschlechtsnamen bieten,
entbehren die Leibeigenen in manchen Gegenden derselben bis ins 14., ja
16. Jahrhundert.
Doch ist hervorzuheben, daß an den Küsten der Nordsee, in Friesland,
Holstein, Schleswig, wie auch in Dänemark eigentliche Familiennamen
sich am spätesten festgesetzt haben, indem die alte Sitte, sich nach
dem Vater zu nennen (z. B. Großvater _Clas Petersen_, Vater _Peter
Classen_, Sohn _Clas Petersen_, Enkel _Peter Classen_) erst im vorigen
Jahrhundert polizeilichen Verordnungen gewichen ist.[23] Es ergibt sich
aus allem, daß der Gebrauch der Geschlechts- oder Familiennamen in den
Städten und mit der Blüte der Städte entstanden ist; daß dieser Brauch
in den einzelnen Städten um so eher aufkommt, je früher sich dieselben
entwickeln, und daß er sich von der Stadt und ihren Bürgern auf das
Land und auf andere Stände verbreitet hat.
Wie wenig befestigt anfangs die einzelnen Familiennamen waren, ergibt
der leichte und häufige Wechsel. So wurde _Lucas ~Cranach~_, also
benannt von seinem Geburtsort im Hochstifte Bamberg, auch genannt
„_Lucas ~Maler~_“. Sein eigentlicher Familienname war wahrscheinlich
_Sunders_ (~Pott~, Personennamen, S. 43). Im Quedlinburger
Urkundenbuche wird aus dem Jahre 1407 ein _Ludeke Hugholdes_, „andere
geheten _Ludeke Smet_,“ erwähnt, aus dem Jahre 1429 ein _Clauwes
Hartwiges_, „anders geheten _Clauwes Groper_.“
8.
Altdeutsche Vollnamen als Familiennamen.
Um eine Person genauer zu bezeichnen und von „den Genamen“, den
Namensvettern, zu unterscheiden, war es das Nächstliegende, die
Abkunft anzugeben, also den ~Namen des Vaters~ hinzuzufügen, besonders
wenn dies eine hervorragende Persönlichkeit war. Nennen sich doch
schon in der deutschen Heldensage die Helden nach ihren Vätern:
_Hiltibrant Heribrantes sunu_, _Sigfrid Sigmundes sun_ -- Zusätze,
die jedoch damals noch nicht erblich geworden. Wurde nun der Name
des Vaters beigefügt, so geschah dies in der Form „Sohn _Arnolds_“
oder auch bloß _Arnolds_, in den Bürgerrollen und Urkunden, die meist
lateinisch abgefaßt wurden: _filius Arnoldi_ oder mit Auslassung von
_filius_ bloß _Arnoldi_. Man würde demnach hier lauter genetivische
Familiennamen als Patronymika erwarten, wie _Arnolds_, _Friedrichs_,
_Otten_. Auffällig ist nun, daß die weit überwiegende Mehrzahl der
Namen dieser Art nicht im Genetiv, sondern im Nominativ auftritt:
_Arnold_, _Friedrich_, _Otto_ (Otte) usw. Woher diese auf den ersten
Blick überraschende Erscheinung? Sie ist wohl so zu erklären, daß
man statt des genaueren Genetivs oder einer sonstigen patronymischen
Bildung den Namen des Vaters einfach und unverändert im Nominativ
hinzusetzte -- infolge einer schon damals eintretenden Erstarrung der
Sprache, vielleicht auch, weil man den Namen des Vaters deutlicher
wollte hervortreten lassen. So finden wir bereits im 8. Jahrhundert
in Urkunden unter andern einen _Sigifridus filius Sigimun~dus~_, und
im 11. Jahrhundert erscheint der Vatername schon oft dem des Sohnes
im Nominativ als Beiname hinzugefügt, z. B. _Uguo Folcaldus_ (im J.
1030.)[24] Ein besonders belehrendes Beispiel führt Becker aus Köln
an. Dort finden wir unter den Dienstmannen der Abtei zu St. Pantaleon
im Jahre 1128 einen _Razo_; dann unterzeichnet 1185 unter den Bürgern
ein _Henricus ~Razonis~_, derselbe 1195 _Henricus ~Razo~_, und 1272 ist
_Theodoricus dictus Razo_ Bürgermeister. Ebenso erscheint im Göttinger
Urkundenbuch im Jahre 1245 der Ritter _Johannes Cusen_ (Genetiv), 1270
der Ritter _Johannes Cuso_.[25] Gewiß war dies, die einfache Beifügung
des Vaternamens im Nominativ, im gewöhnlichen Leben noch häufiger.
So erscheint denn nun eine Menge jener altdeutschen Personennamen
nunmehr als Familiennamen, teils wenig verändert, z. B. _Hildebrand_,
_Siegfried_, _Amelung_, teils mannigfach abgeschliffen, wie Kiesel
und Geröll des Meeres im Wogenschlag der Jahrhunderte, teils sogar
verstümmelt und entstellt bis zur Unkenntlichkeit.
Am deutlichsten treten hervor die zusammengesetzten Namen, von denen
hier eine Übersicht der gewöhnlicheren Bildungen folgen möge, nach dem
zweiten Teile der Zusammensetzung geordnet:
~bald~ (bold, belt; polt, pelt, „kühn“[26]): _Liebald_,
_Liebold_, _Liebelt_, _Lippold_, _Lippelt_;
~brecht~ (bert, barth; precht, pert, „glänzend“): _Siebrecht_,
_Siebert_, _Siebarth_; _Wieprecht_, _Wiepert_;
~fried~ (fert, fart, „Friede, Schutz“): _Siegfried_,
_Siefert_, _Seifart_;
~ger~ („Speer“): _Rödiger_;
~hart~ (art, ert, „stark, fest“): _Eckhardt_, _Eckart_,
_Eckert_;
~her~ (er, „Krieger; Heer“): _Walther_, _Walter_;
~mann~: _Hermann_;
~mar~ (mer, „berühmt“): _Volkmar_, _Volkmer_;
~rich~ (reich, „mächtig“): _Friedrich_, _Friedreich_;
~walt~ (olt, elt, „waltend“): _Reinwald_, _Reinold_, _Reinelt_;
~wart~ (werth, „Hüter, Wart“): _Ahlwardt_, _Adelwerth_;
~wig~ („Kampf“): _Hartwig_;
~win~ (wein, „Freund“): _Gerwin_, _Eberwein_;
~wolf~ (olf, umgestellt loff, „Wolf“): _Schönewolf_; _Rudolph_,
_Rudloff_.
Durch Abfall der Schlußkonsonanten entwickelte sich aus _bald_, _belt_:
_ball_, _bel_; aus _fert_: _fer_; aus _old_: _ohl_ usw.
Manche dieser urspr. altdeutschen Namen treten infolge mundartlicher
und anderer Einflüsse in außerordentlich vielen verschiedenen Formen
auf, z. B. altdeutsch _Ricohard_ findet sich als:
_Richard_, _Richert_, _Riechert_ -- _Riegert_ -- _Reichhardt_,
_Reichard_, _Reichert_ -- _Rickert_, _Ritschard_ -- _Ritsert_;
ungerechnet die bloß orthographischen Abweichungen. _Liutbald_
tritt gar (freilich gemengt mit _Liutwald_) in mehr als zwanzig
Formen auf:
_Liebaldt_, _Liebold_, _Liebhold_, _Libelt_, _Liebel_, _Liepelt_ --
_Lippelt_, _Lippel_ -- _Leopold_ -- _Lepold_, _Lepel_ -- _Leppelt_
-- _Luppold_ -- _Lubold_ -- _Laubhold_ -- _Leupold_ -- _Leybold_,
_Leibel_, _Leibhold_, _Leipold_, _Leipel_ usw.
9.
Sproßformen der altdeutschen Vollnamen als Familiennamen.
a) ~Kürzungen und Verkleinerungen~.
Sehr zahlreich, mitunter zahlreicher noch als die vollen Formen, sind
die verkürzten, sich anschließend an die altdeutschen Kürzungen und
Verkleinerungen, die Seite 23 behandelt sind. Das _o_, welches dort an
den Torso gesetzt wurde, hat sich nur in wenigen Familiennamen, wie
_Otto_, _Thilo_, erhalten; meist ist es in _e_ abgeschwächt: _Otte_,
_Thiele_, _Heine_ (altd. Heino aus Heinrich), _Thieme_ (Thiemo aus
Thiedmar) -- oder es ist ganz abgefallen, so daß der Name einsilbig
wird: _Ott_, _Thiel_, _Heyn_, _Thiem_.
Diese Verkürzungen bilden den Übergang zu den eigentlichen
Verkleinerungsformen oder ~Schmeichelformen~. Die verschiedensten
Bildungen treten hier hervor, und eine wundersam reiche Flora beut
sich den erstaunten Blicken. Jede Landschaft hat ihre besonderen
Deminutivendungen, nach Maßgabe der Mundart.[27]
Der Kern der ~oberdeutschen~ Verkleinerungsendung ist ein _l_ (altd.
_ilo_, s. S. 23), welches auch in Appellativen in den mannigfachsten
Formen auftritt: _ele_, _el_, _le_, _li_, _la_ usw., z. B. _Mädele_,
_Mädel_, _Maidle_, _Maidli_, _Madla_; _Vogel_, _Vogerl_.
Der Kern der ~niederdeutschen~ Verkleinerungs-Endung ist ein _k_ (altd.
_iko_, S. 23): _ke_, _ken_, z. B. _Mäke_, _Mäken_.
Im Schriftdeutschen sind beide vertreten, und zwar in der Verbindung
mit _n_ (S. 23): oberd. _lein_, niederd. _chen_.
Demnach finden wir im Oberdeutschen folgende Bildungen in den
Familiennamen:
~el~ (die verbreitetste Form): _Dietel_, _Merkel_;
~l~ (bayrisch, österreichisch): _Dietl_, _Merkl_;
~le~ (schwäbisch): _Dietle_, _Merkle_ -- mit Bindevokal: _Eisele_;
~li~ (schweizerisch): _Märkli_;
~lin~ (schwäbisch, schweizerisch):[28] _Märklin_, _Bürklin_ --
abgestumpft in:
~len~ _Eiselen_ --
gewöhnlich, mit der Weiterentwickelung des Neuhochdeutschen Schritt
haltend:
~lein~: _Dietlein_.
Weniger mannigfaltig sind die entsprechenden Bildungen in
~Niederdeutschland~, wo man im allgemeinen die Verkleinerungsformen
auch in den gewöhnlichen Hauptwörtern weniger liebt. Es ist hier
besonders nur die Endung
~ke~ mit Bindelaut: _Tedike_, _Reinicke_, _Reinecke_; ohne
Bindelaut: _Reinke_, _Wilke_;
~k~: _Tieck_ -- verhochdeutscht
~ch~ (ich, ig): Dedich, Rüdig.