I.

Abhandlung.

Einleitung.

Unsere Geschlechts- oder Familien-Namen erscheinen uns, wenn wir

genauer nach ihrem eigentlichen Sinne fragen, in der weitaus größten

Zahl rätselhaft und unverständlich. Denn was bedeuten Namen wie z. B.:

_Hildebrand_, _Gundlach_, _Odebrecht_, _Rüdiger_, _Amelung_? Ist

das nicht, wie wenn eine Reihe von Rittern vor uns aufmarschierte,

aber alle mit geschlossenem Visier? Oder kürzere Namen wie: _Renz_,

_Wenz_, _Benz_, _Bopp_, _Dapp_, _Rapp_, _Rupp_, _Dromtra_, _Krumtum_,

_Zumtrum_! Wird uns da nicht zu Mut, als ob wir einen Chor wunderlicher

Kobolde sähen, die uns neckend umhüpfen?

Nun, wir wollen es einmal versuchen, ob wir den Rittern ihr Visier

nicht öffnen, ob wir die neckischen Kobolde nicht zwingen können, daß

sie uns standhalten und Namen und Abkunft sagen.

Denn ein merkwürdig und wunderlich Ding ist es im Grunde doch, daß der

Mensch in seinem Namen so einen Begleiter durch das Leben erhält, der

ihm stets mit geschlossenem Visier zur Seite geht, einen Gefährten,

der ihn von der Wiege bis zur Bahre geleitet, siebenzig, achtzig

Jahre lang, und dennoch in seinem Wesen nicht erkannt wird, stets nur

sein Äußeres, nie sein Inneres aufweist -- dessen wahre Gestalt also

verborgen bleibt. Und doch bewahren wir den unerkannten Begleiter

so sorgsam, wir dulden es nicht, daß er in irgend etwas verkürzt

werde, daß ihm ein Buchstab, sollte er auch für die Aussprache nichts

verschlagen, genommen oder zugesetzt werde, wir bewahren den Namen mit

allen unorthographischen _ck_ und _tz_ und _dt_.

So wachen wir sorglich über die äußere Gestalt und Hülle, und um den

inneren Gehalt und Kern sollten wir uns nicht bekümmern, nie danach

fragen?

Etwas Bedeutungs~loses~ ist ein solcher Name jedenfalls nicht,

so sinnlos und bedeutungsleer er auch vielfach scheinen mag. Es ist

kein leerer Schall, welcher rein der Willkür und der Laune des Zufalls

sein Dasein zu verdanken hätte. Etwas -- das kann hier im voraus

versichert werden -- etwas bedeutet von Hause aus ein jeder Name, und

dieser Satz behält seine Wahrheit auch gegenüber den tausenden unserer

Familiennamen, die uns so dunkel und unverständlich klingen.

~Aber wie hat denn Sinn und Bedeutung der Namen so sehr entschwinden

können?~ -- Das hat mehr als einen Grund. Vor allen Dingen liegt

es am ~Alter~ der Familiennamen. Dieselben sind fest geworden

in der zweiten Hälfte des Mittelalters, also vor mindestens 500-600

Jahren. Damals sind sie ~fest geworden~, d. h. während bisher

der Name vom Vater auf den Sohn wechselte, wie noch jetzt bei uns

die Vornamen, so befestigte sich nunmehr allmählich in der Familie

ein Name, der vom Vater auf den Sohn überging und an dem ganzen

Geschlechte haften blieb. Diese Entwickelung trat allerdings erst

vor etwa einem halben Jahrtausend ein; die Namen aber, welche sich

damals als Familiennamen festsetzten, sind nicht erst damals auch

entstanden, sondern gehen, als Personennamen, meist weit höher hinauf,

bis in die Zeiten der Völkerwanderung -- es braucht hier nur an die

hervorragendsten Gestalten des Nibelungenliedes erinnert zu werden, an

_Siegfried_, _Hagen_, _Gunther_, _Dietrich_, _Rüdiger_, Namen, die wir

sämtlich, wenn auch vielleicht ein wenig verändert, in der Gegenwart

als Familiennamen, zum Teil auch als Vornamen häufig finden. Einzelne

reichen noch höher hinauf, bis zu den Anfängen der germanischen

Geschichte, wie sie uns in freilich lückenhafter Kunde Griechen und

Römer überliefert haben, ja über Armin und Marbod hinauf in Zeiten,

da wohl noch kein Germane Fuß und Speer auf den Boden des nachmaligen

Deutschland gesetzt hatte.

Nun haben aber die Eigennamen mit der stetigen Weiterentwicklung der

Sprache nicht gleichen Schritt gehalten, sie sind je länger je weniger

mitgegangen, zumal seit sie als Familiennamen festgeworden. Die

Veränderungen, welche die Sprache zu erleiden gehabt, haben sie als

das geheiligte Eigentum des einzelnen nicht gleichmäßig mitgemacht,

sie sind stehen geblieben; die Stürme der Zeiten, welche die alten

Sitten und Weisen hinweggefegt, haben sie nur wenig berührt. So stehen

die Namen da gleich den Ruinen der Ritterburgen, als Zeugen einer

vergangenen Zeit. Die alten Wortformen sind untergegangen in dem

sonstigen Gebrauch der Sprache, manche Stämme und Wurzelwörter ganz

abhanden gekommen, wie Zweige eines Baumes, ganze Stämme verdorren;

doch in den Namen sind sie noch da, wenn auch dem Verständnis entrückt.

So verstehen wir von dem Namen _Hildebrand_ die letzte Silbe wohl noch,

was heißt aber hilde? Hier gibt uns unser Neuhochdeutsch nicht mehr

Aufschluß, wir müssen weiter hinaufsteigen, zum ~Altdeutschen~,

um den Schlüssel für diesen noch jetzt gar nicht seltenen Namen zu

holen. _Hild_ heißt Kampf, Schlacht, also Hildebrand: Kampfesbrand,

Schlachtenbrand -- gewiß ein trefflicher Name für einen Helden, der

wie verzehrendes Feuer um sich her wütet in der Schlacht! Ähnlich ist

es mit der Silbe _mar_, berühmt, in _Waldemar_ (berühmt im Walten),

_Germar_ (speerberühmt), sowie mit _rud_, welches gleichfalls berühmt

bedeutet, in _Rudolf_, _Rüdiger_. So könnten der verschollenen Stämme

noch gar manche aufgeführt werden; andere haben wenigstens ihre

Bedeutung geändert, wie _schalk_ (ursprünglich „Knecht“), und wir als

geborene Deutsche müssen bei den Gelehrten Rat suchen, um uns diese

urdeutschen Namen wie fremde erklären zu lassen. Es ist Moos darum

gewachsen, Rost hat sich auf das Metall gelegt und will mit behutsamer

Hand entfernt sein, ehe uns wieder der edle, reine Metallglanz

entgegenstrahlt.

So nehmen denn die Eigennamen eine besondere, eine Ausnahmestellung in

der Sprache vor allen anderen Wörterklassen ein; sie gehen nicht mit

der Zeit mit, sie kümmern sich nicht darum, ob man sie versteht, sie

haben ihre eigenen Formen, die nicht angetastet werden dürfen, ja ihre

eigene Rechtschreibung.

Aber es ist nicht allein das hohe Alter der Namen und ihre von daher

großenteils bewahrte Form, wodurch sie so dunkel und rätselhaft,

fast hieroglyphengleich geworden sind -- auch die mannigfachen

~Mundarten~, in welche sich das Deutsche spaltet, tragen dazu bei,

die Bedeutung der Familiennamen zu verhüllen. Als diese sich bildeten,

waren die verschiedenen Mundarten Deutschlands noch in vollerer Blüte,

eine allgemein herrschende Schriftsprache war noch nicht vorhanden.

So setzten sich denn auch die Familiennamen für jede Landschaft

zunächst in der dort verbreiteten Mundart fest. Sieht man sich z. B.

die lange Reihe pommerischer Namen aus der Zeit Herzog Bogislaws X.

an, wie sie Klempin in seinen „Diplomatischen Beiträgen zur Geschichte

Pommerns“ aufstellt, so wird man alles, was darin an Namen deutsch

ist, eben als niederdeutsch erfinden: Apenborch, Benekendorp, van

deme Berghe, Bilrebeke, Blome, Boddeker, Bokholt usw. Als nun nach

Luther das Hochdeutsche auch im Norden allmählich als Schriftsprache

durchdrang, wurden diese „plattdeutschen“ Namen allerdings zum größten

Teile dem neuen Lautsystem angepaßt, aber doch nicht ausnahmslos: viel

Niederdeutsches blieb und bleibt stehen. So schimmert die ursprüngliche

mundartliche Grundlage für ganz Niederdeutschland in den Familiennamen

noch überall durch in Formen wie: _Schulte_, _Möller_, _Flashaar_,

_Niebuhr_ (neben Neubauer), _Voß_, _Utermöhlen_ („aus der Mühle“),

_Cassebaum_ (halbniederd. = Kirschbaum) usw. Dahin gehört besonders

auch die große Zahl von Verkleinerungsformen auf _ke_, die meist

von einheimischen oder auch ausländischen Vornamen herrühren, z. B.

_Gerike_ von Gerhard, _Jahnke_ von Johannes. Im Oberdeutschen finden

wir statt dessen die Endung _el_, auch _z_, z. B. _Dietel_, _Dietz_

für Dietrich. Diese und viele andere Verkleinerungswörter, oder wenn

man will „Schmeichelformen“, die sich vorzugsweis als Familiennamen

festgesetzt haben, erfordern zu ihrer Entzifferung, wenn dieselbe mehr

als ein bloßes Raten sein soll, Kenntnis der Dialekte und ihrer oft

höchst eigentümlichen Formen. Wer möchte z. B. durch bloßes Vermuten

darauf kommen, daß _Hiesel_ aus Matthias, _Gilles_ aus Ägidius,

_Grolms_ aus Hieronymus entstanden ist! Nicht minder macht sich dies

geltend bei der zahlreichen Klasse der von Beschäftigungen, von Amt

und Gewerbe entlehnten Familiennamen, da die Bezeichnungen gerade auf

diesem Gebiete landschaftlich oft sehr verschieden sind.

Nicht genug, daß die Mundarten ihre Einflüsse geltend gemacht haben

-- alles das ist immer doch noch deutsch -- aber auch von außerhalb

der Grenzen unserer Sprache sind bedeutende Einströmungen erfolgt. So

wenig das jetzige deutsche Volk ein ganz ungemischtes ist, so wenig

sind die Familiennamen durchweg deutsch. Vor allem ist die Beimischung

der ~Slawen~ hervorzuheben. Diese erfüllten bekanntlich, von den

Zeiten der Völkerwanderung her, den ganzen Osten Deutschlands bis zur

Elbe und Saale. Als sie endlich wieder zurückgedrängt wurden, blieben

doch viele in ihrer seit so langer Zeit eingenommenen westlichen Heimat

sitzen und wurden erst allmählich und nicht überall germanisiert. Diese

Grundlage des Slawischen auch in längst wieder deutsch gewordenen

Strichen tritt wie in den Ortsnamen, so auch in den Familiennamen

hervor, ein bedeutender Bruchteil ist slawisch: wendisch, polnisch

-- selbst Tschechen dringen aus Böhmen herauf. Vor allen kenntlich

sind die polnischen Namen auf _ski_, wie _Lichnowski_, _Kosinsky_;

nicht minder aber sind slawisch, meist eben von den entsprechenden

Ortsnamen entlehnt, die Namen auf _ow_ (mit stummem _w_): _Passow_;

die auf _itz_: _Miltitz_, vergröbert _itsch_: _Delitzsch_; die auf

_in_: _Schwerin_ -- nicht zu vergessen die mit _slawa_ (Ruhm) selbst

zusammengesetzten Personennamen: _Bogislaw_, Bugslaff, zuletzt

_Butzlaff_ (mit lang zu sprechendem _u_, „Gottesruhm“).

Dann ist ein, wenn auch lange nicht so starker, doch immerhin in

Anschlag zu bringender Bruchteil ~romanischen~ Blutes aufgenommen

worden, hauptsächlich aus Frankreich, in den Auswanderern, welche unter

Ludwig XIV. ihres protestantischen Glaubens wegen ihr Vaterland als

„Réfugiés“ verlassen mußten und in Deutschland liebevolle Aufnahme und

eine neue Heimat fanden. Daher nun französische Familiennamen, wie

_Palmier_, _du Mesnil_, _de Convenant_.

Zum Schluß verdient noch Erwähnung, daß selbst das ~Littauische~,

so entlegen es dem Völkerverkehr ist, sein Fähnlein gestellt hat, z. B.

_Kaprolatis_, _Adomeit_. In Berlin sind littauische Namen nicht selten,

und in Königsberg gar wimmelt es von ihnen.

So sind denn slawische Elemente von Ost und Südost, littauische von

Nordost, romanische von West und Südwest eingedrungen und zwar in

bedeutendem Maße. Man mache die Probe an irgend einer Namenreihe

-- eines Regierungskollegiums, eines Stadtverordneten- oder

Lehrerkollegiums -- in dem östlichen Deutschland, und man wird selten

die Namen rein deutsch finden.

Wir haben es also in der Welt der Familiennamen, wie sie gegenwärtig

in Deutschland ist, mit einem Gemisch nicht bloß aus verschiedenen

Zeitaltern und Mundarten, sondern sogar aus ganz verschiedenen

Sprachen zu tun. Dadurch wird begreiflicherweise die Erforschung der

Namen außerordentlich erschwert. Denn wer vollkommen gerüstet ans Werk

gehen wollte, um die in Deutschland jetzt vorkommenden Familiennamen

zu erklären, müßte eine sehr umfassende Sprachkenntnis besitzen, nicht

allein des Deutschen nach seinen Verzweigungen und des Romanischen,

sondern vor allen Dingen auch des Slawischen, und zwar in seinen

verschiedenen Mundarten.

Aber selbst wer diese umfassende Sprachkenntnis besäße, würde doch noch

genug Hindernisse zu überwinden haben und oft mutlos das kritische

Messer sinken lassen. Ja, wenn die Namen in reiner, unverfälschter

und unentstellter Form vorlägen! Aber wieviel Entstellungen,

Verstümmelungen und besonders Umdeutungen haben sie sich müssen

gefallen lassen trotz aller beanspruchten Unantastbarkeit, die fremden

zumal, die man nicht verstand! _Butzlaff_ statt _Bogislaw_ (Bugslaff)

ist noch nicht arg; wenn aber _Warneking_ (Verkleinerungsform von

Werner) sich in _Warnkönig_, wenn _Christian_ sich einerseits in

_Kirschstein_, anderseits in _Kasten_, _Bley_ gar sich in _Pflaumbaum_

wandeln konnte, so sieht man, daß hier Dinge möglich und häufig sind,

die bei den Gemeinnamen (Appellativen) glücklicherweise zu den größten

Seltenheiten gehören.

Das alles sind unabsichtliche Entstellungen; es kommt aber auch vor,

daß der Träger eines Namens in bewußter Weise diesen Namen, weil er

ihm nicht zusagt, umändert und entstellt, z. B. ein _Faßbinder_ nennt

sich _Vasbender_, ein _Knieriem_ schreibt sich wenigstens _Cnyrim_. Das

ist ein harmloses Vergnügen; ganz anders ist es, wenn jemand seinen

ehrlichen deutschen Namen verachtet, weil er eben nur deutsch ist,

und ihn in ein fremdartiges Gewand hüllt, damit er vornehmer klinge.

In der Art versündigten sich besonders die Gelehrten im 16. und 17.

Jahrhundert, indem sie ihre untadeligen deutschen Namen latinisierten,

ihnen eine zuweilen recht schlotterige Toga umwarfen. Weil man dabei

ziemlich willkürlich und gewaltsam verfuhr, so ist die Rückübersetzung

häufig schwierig. _Olearius_ z. B. kann die Übersetzung von drei Namen

sein: _Öhlmann_, _Öhler_, _Öhlenschläger_. Andere sind gar nicht mehr

nach ihrer Bedeutung zu entziffern.

So haben denn gar mannigfache Einflüsse verschleiernd und

verdunkelnd auf die Familiennamen eingewirkt. Dieselben sind, um es

nochmals zusammenzufassen: 1. ~das Alter der Namen~, das nach

Jahrhunderten, zum Teil nach Jahrtausenden zu berechnen ist, und

in Verbindung damit die verschiedenen ~Entwickelungsstufen der

Sprache~; 2. der trübende Einfluß der ~Mundarten~; 3. die

Mischung mit ~fremden Sprachelementen~; 4. ~Mißverständnisse und

willkürliche Entstellungen~. Daher ist es denn auch kein Wunder,

wenn die große Mehrheit der Familienbezeichnungen uns so unverständlich

ist, wenn die tausende und aber tausende von Namen, die unter diesen

Einflüssen zusammengekommen sind, das Bild eines dichtverschlungenen

Urwaldes darbieten, in welchem man fast bei jedem Schritt auf

Schwierigkeiten und Hindernisse stößt.

Aber diese Schwierigkeiten, so groß sie zum Teil sind, dürfen von

der Betrachtung der Familiennamen und ihrer Erforschung nicht

zurückschrecken. Das verbietet -- abgesehen von dem Interesse, welches

es doch für den einzelnen haben muß, die Bedeutung seines Namens zu

wissen -- die Wichtigkeit des Gegenstandes überhaupt. Die Eigennamen

(Personen- und Ortsnamen) bilden einen Teil der Sprache, und zwar in

den altdeutschen Namen den ältesten, den unsere Sprache überhaupt

als erhalten aufzuweisen hat. Wenn man nun die übrigen Wörterklassen

betrachtet, ihre Bildungsgesetze erforscht und darstellt, so sind

die Eigennamen dabei nicht zu übergehen, ihnen gebührt dieselbe

Aufmerksamkeit. Auch in ihnen webt und wirkt der Geist der Sprache.

Wollte man sie beiseite lassen, so würde die Kenntnis der Sprache an

einer bedeutenden Lücke leiden, ein großes Gebiet wäre unerhellt.

Das ist die Bedeutung, welche die Namenkunde nach der sprachlichen

Seite hat. Aber in der Sprache spiegelt sich der Geist des Volkes,

und in ganz besonderem Maße gerade in den Namen. Ihren Stolz und

ihre Sehnsucht, ihren Glauben und ihren Aberglauben, ihre ganze

Lebensanschauung haben ursprüngliche Völker, wie das germanische,

in ihre Namen gelegt. Und weiter, auch die späteren Entwickelungen

im Leben des Volkes, in Sitten und Einrichtungen, Zuständen und

Anschauungen lassen hier ihren Niederschlag zurück, so daß wir

ein gutes Stück unserer Kulturgeschichte an den Familiennamen

herabbuchstabieren können. Dieselben gleichen den Versteinerungen der

Urzeit: aus den Umwälzungen früherer Perioden sind sie übrig geblieben

als Zeugen von dem, was einstmals war. Freilich ist es schwer und oft

gar nicht mehr möglich, die Bedeutung mancher Namen zu ergründen; aber

wo es möglich ist, da erschließen sich uns ganz neue, unverfälschte

Quellen für die Erkenntnis der Denk- und Sinnesart unseres Volkes

in längst vergangener Zeit. So ist es denn keine undankbare Mühe,

es ist eine schöne und nach mehr als einer Seite hin lohnende und

fruchtbringende Beschäftigung, in diese reiche Welt der Namen zu gehen,

das nur schlummernde Leben in den scheinbar kalten und toten Zeichen

wieder zu erwecken, der stillen Sprache zu lauschen, die sie, die

unsere Vorfahren durch sie zu uns reden.

„Vergangenheit entsteigt dem dunklen Grab

Und gibt uns manche wundersame Kunde.“

1.

Die Elemente der deutschen Familiennamen (dreifache Schicht).

Die deutschen Familien- oder Geschlechtsnamen sind als solche, wie

schon in der Einleitung hervorgehoben ist, verhältnismäßig jung; erst

im Ausgange des Mittelalters, im 12. bis 14. Jahrhundert, haben diese

vom Vater auf den Sohn vererbenden Bezeichnungen sich allmählich

festgesetzt. Die Elemente jedoch, aus welchen sich damals die

Familiennamen gebildet, gehen meist viel weiter zurück; es lassen sich

darin ~drei Schichten~ unterscheiden, die sich wie Geschiebe eines

Gebirges auf- und ineinander gelagert haben. Diese sind:

1. ~alteinheimische~, ursprünglich heidnische

~Personennamen~, d. h. nicht forterbende Benennungen einzelner

Personen (z. B. _Albrecht_ und _Arnold_);

2. später dazugekommene _fremde Personennamen_ aus christlicher Zeit

(z. B. _Peter_ und _Paul_).

Beide Klassen haben das gemein, daß sie von Hause aus Personen-

oder Einzelnamen gewesen sind und auch nach ihrem Festwerden (als

Familiennamen) großenteils noch daneben als Personen-, d. h. nunmehr

~Vor~namen, verwendet werden. Zu ihnen gesellt sich nun aber

3. eine dritte Klasse von ~Bezeichnungen~, ursprünglich nur

unterscheidende Zusätze zu den Personennamen der beiden ersten

Schichten: Namen jüngster Periode (z. B. _Weber_ und _Wittenberg_).[1]

Betrachten wir zunächst die beiden ersten Schichten genauer, um ein

möglichst anschauliches Bild von den Grundlagen zu gewinnen, auf denen

die Bildung unserer Familiennamen beruht.

2.

Die Personennamen überhaupt -- ein Spiegel des Volksgeistes.

Namen der Griechen, Römer, Israeliten.

Daß in den Eigennamen eines Volkes sich der Geist dieses Volkes, der

Charakter desselben in seiner Eigentümlichkeit abspiegele, nicht

minder als in seinen Sitten und Taten, dieser Satz gilt in besonderem

Maße von den ältesten Namen, welche sich bildeten, da das Volk noch

unberührt von fremden Einflüssen, in voller Selbständigkeit sich

entwickelte. So redet eben durch die Namen die uralte Vergangenheit

zu der Gegenwart, die Vorfahren reden durch sie zu den nachkommenden

Geschlechtern und enthüllen ihnen ihren Geist und Sinn.

Werfen wir zum Beweise einen vergleichenden Blick auf die drei Völker,

welche für uns die Hauptvölker des Altertums sind, die Griechen, die

Römer und die Israeliten, so treten uns hier die allerbezeichnendsten

Verschiedenheiten entgegen.

Das edle, hochbegabte Volk der ~Griechen~ zeigt auch in seinen

Personennamen eine reiche Phantasie, einen ~idealen~ Schwung. Die

Namen gehen überwiegend auf das Geistige, auf edle Eigenschaften und

Beschäftigungen. Das beweist die Fülle der Namen, die auf _kles_

(Ruhm) endigen: _Perikles_ (sehr berühmt), _Sophokles_ (durch Weisheit

berühmt), _Themistokles_ (durch Gerechtigkeit berühmt), _Kallikles_

(durch Schönheit berühmt) -- oder die mit der Silbe _kle_ anfangen:

_Kleophanes_ (ruhmstrahlend). Viele beziehen sich auf das ~Vorangehen~

und Erster sein, gleichsam Bezeichnungen für Männer, die jenen

homerischen Wahlspruch: „Stets der Beste zu sein und vorzustreben den

andern“ in sich zur Verkörperung gebracht haben. So die mannigfachen

Bildungen von _Aristos_ (der Beste), ferner Namen wie _Poliarchos_

(Stadtherrscher), _Agesilaos_ (Volksführer), _Eurysthenes_ (weit

gewaltig) -- auch _Thrasybulos_ (kühn im Rat), _Megistophron_ (das

Größte denkend). Auf ~Kampf~ und Sieg gehen _Nausimachos_ (zu Schiffe

kämpfend), _Nikophanes_ (siegprangend). Wie jedoch jene homerischen

Helden das Wort ebenso trefflich zu handhaben wissen wie das Schwert,

so stellt sich neben die kriegerischen Namen eine fast ebenso lange

Reibe von Namen, welche die ~Beredsamkeit~ feiern, z. B. _Aglaophon_

(herrlich redend), _Anaxagoras_, _Protagoras_ -- letztere zum Beweise,

wie hoch der Grieche seine _Agora_, die Volksversammlung, hielt.

Aber in der Reihe dieser edlen und ruhmwürdigen Eigenschaften ist

auch die ~Götterfurcht~ unvergessen; den Beweis geben die vielen mit

_Theos_ (Gott) zusammengesetzten Namen, wie _Theodotos_ (gottgegeben),

_Timotheos_ (Ehregott), dazu mannigfache Ableitungen von den Namen

einzelner Gottheiten, von _Dionysos_ (Bacchus): _Dionysios_, von

_Hera_ (Juno): _Herodotos_, von _Apollon_: _Apollonios_. Im Einklange

damit stechen unter den Tieren in der Namengebung hervor der Löwe,

das königliche Tier, in vorgeschichtlicher Zeit in Griechenland

einheimisch: _Leon_, _Timoleon_, das edle Roß, dem Poseidon heilig, in

besonders zahlreichen Namen: _Hippias_ und _Hipparchos_, _Hippokrates_,

_Philippos_, _Aristippos_.

Während so die griechischen Personennamen ein ideales, poetisches

Gepräge haben, indem edle, meistens geistige Eigenschaften in ihnen

anklingen, bilden dazu den allerschroffsten Gegensatz die ~Römer~.

Hier ist von Poesie und Idealität wenig zu finden; die römischen

Namen haben ein durchaus ~prosaisches~ Gepräge und bewegen sich meist

in einer sehr niederen Region. Zunächst halten sie sich an die erste

und hauptsächlichste Beschäftigung der alten Römer, den ~Ackerbau~:

_Agricola_ (Landbauer), _Fabius_, _Cicero_, _Piso_ (Bohnen-, Erbsen-,

Wickenmann),[2] und in Zusammenhang damit an die Viehzucht: _Porcius_

(Schweinezüchter), _Asinius_ (Eselzüchter). Schon hierbei kann es

befremden, daß die großen Römerhelden keine edleren Namen führten als

Bohnenmann, Erbsenmann, Schweinemann. Doch mögen wir diese Namen trotz

ihrem Erdgeruche noch gelten lassen, da der Ackerbau die Grundlage des

römischen und überhaupt jedes italischen Gemeinwesens war und derselbe

allewege eine hochehrenwerte Beschäftigung ist. Es ist freilich etwas

Hausbackenes und Massives,[3] aber doch immer etwas sehr Praktisches

und Solides in den Namen dieses Schlages. Aber was soll man zu der

langen Reihe der Namen sagen, die von ~äußerlichen Zufälligkeiten~ und

~Gebrechen~ hergenommen sind, wie _Niger_, _Rufus_, _Flavius_, _Livius_

(der Schwarze, der Rote, der Gelbliche, der Bläuliche), _Longus_,

_Paullus_, _Crassus_, _Macer_ (der Lange, der Kleine, der Dicke, der

Magere), _Calvus_ (der Kahlkopf), _Capito_ (der Großkopf), _Naso_ (der

Nasenkönig), _Paetus_ (der Schieler), _Caecus_ (der Blinde), _Balbus_

(der Stammler), _Claudius_ (der Lahme), _Plautus_ (der Plattfuß),

_Scaurus_ (der Klumpfuß) -- die Reihe ist fast endlos, ich breche ab,

um nicht durch fernere Aufzählung zu ermüden. Ist es doch, als käme man

in ein Lazarett oder eine orthopädische Anstalt! Das Äußerste jedoch

in nüchterner Prosa und Armut an Erfindungsgabe leisten die Zahlnamen:

_Secundus_, _Tertius_, _Quintus_, _Sextus_ (mit mehrfachen Ableitungen

wie _Sextius_, _Octavianus_), die bloß herzählen, daß jemand der

zweite, dritte usw. Sohn seines Vaters sei. Welche geistige Armut, wenn

ein Vater seinem Kinde nichts weiter im Namen mitzugeben weiß, als daß

es Nr. 2, Nr. 3 ist!

Diese Namen, welche eben die römische Namengebung beherrschen, verraten

einen großen Mangel des römischen Geistes, eine starke Einseitigkeit

der Anschauungs- und Auffassungsweise. Fürwahr, man braucht nur diese

Namenliste anzusehen, um kühnlich zu prophezeien, daß ein solches Volk

auch auf geistigem Gebiete, besonders in der Dichtung, wenig leisten

werde. Auf ~solchem~ Boden können die goldenen Hesperidenäpfel der

Poesie schwerlich gedeihen. Dagegen bekundet eine derartige Namengebung

eine hervorstechende Anlage und Neigung zum Auffassen menschlicher

Schwächen, d. h. zur ~Satire~. In der Tat ist auch die Satire der

einzige Zweig der poetischen Literatur, worin die Römer etwas

Bedeutendes, Ureigenes geschaffen haben.

Ein Element, welches schon in der griechischen Namengebung, doch nur

in zweiter Reihe hervortrat, der ~fromme Sinn~, die alles auf die

Gottheit beziehende Lebensanschauung, kommt zur vollen Entfaltung

bei den Orientalen, namentlich dem Volke der Israeliten. Dies wird

durch das Vorwiegen der Namen bezeugt, die mit der Silbe _ja_ (jo,

je) -- Abkürzungen von Jehova (Jahve) -- oder mit _el_ anfangen oder

auch schließen. Beides bedeutet „Gott“, also[4] _Josua_ (dessen Hülfe

Jehova ist), _Johannes_ (den Jehova geschenkt hat), mit ähnlichem Sinne

_Jonathan_ (den Jehova gegeben), _Josaphat_ (dem Jehova Recht schafft);

-- _Obadja_ (Knecht Gottes, vgl. arabisch Abdallah), _Sacharja_,

_Zacharias_ (dessen Jehova gedenkt); -- _Elimelech_ (dem Gott König

ist), _Elieser_ (dem Gott Hülfe ist), in derselben Bedeutung _Eleasar_

(Lazarus); -- _Nathanael_ (den Gott gegeben), _Joel_ (die beiden

Gottesnamen verbunden: dem Jehova Gott ist). Hieran reihen sich noch

mehrere, bei welchen diese Beziehung nicht ausdrücklich ausgesprochen,

aber doch leicht zu ergänzen ist, z. B. _Nathan_, abgekürzt aus

Jonathan, _Saul_ (der Erbetene, nämlich von Gott).

3.

Die altgermanische Namenwelt.

Wenden wir uns, nachdem wir dies vorausgeschickt, zu unserm Volke

in seiner ungetrübten Ursprünglichkeit und fragen: Was ist das

Eigentümliche der altgermanischen Namengebung?

Der Geist und Sinn, die ganze Anschauungsweise eines ursprünglichen

Volkes spricht sich bezeichnend aus in den Vorstellungen, die es sich

vom Übersinnlichen, von der Gottheit macht. Wie Gott die Menschen schuf

nach seinem Ebenbilde, so denkt sich umgekehrt der Naturmensch die

Gottheit gern nach ~seinem~ menschlichen Bilde. Was ihm als das

Höchste erscheint, das überträgt er auf jene und stellt somit einen

Spiegel auf seines eigenen Selbst. Wie hat nun der Germane sich die

Gottheit gedacht? Hören wir darüber den beredten Mund eines neueren

Forschers, der sich in der Hauptsache folgendermaßen ausspricht:

„Während andere Völker die stille, starre Ordnung der Himmelskörper,

der Gestirne, über alles andere gefeiert und das Leben der Menschen

zu einem Abbilde dieser stillen, starren Ordnung zu machen gesucht

haben; während wieder andere das in den Entwickelungen der Dinge

bemerkbare Ebenmaß und die Schönheit des lebendigen, organischen Maßes,

die Harmonie gefeiert haben -- hat die germanische Glaubenslehre an

die Spitze aller Götterfiguren eine Personifikation gestellt des

ungebrochenen, rastlos jagenden, todverachtenden ~Heldengeistes~,

den Wuotan.[5] Damit ist der ungebrochene, gottbewegte, persönliche

Heldensinn über alles andere gesetzt und zum höchsten Gegenstande der

Verehrung und des sittlichen Strebens gemacht.“ (H. Leo, Vorlesungen I,

109).

Diesen stürmischen Heldengeist zeigt unser Volk von seinem ersten

Auftreten in der Geschichte an. Heftig und ungestüm war die Kampfesart

der Germanen, zumal ihre ersten Angriffe zu Beginn der Schlacht, und

nur der überlegenen Kriegskunst der Römer gelang es, die furchtbare

Kraft derselben zu brechen.[6] So in dem Kriege der Cimbern und

Teutonen, welche fünf Jahre hindurch alle gegen sie ausgesandten

Heere der Römer schlugen und vernichteten, bis es endlich dem großen

Feldherrn Marius gelang, den Sturm zu beschwören und das drohende

Verderben von Rom abzuwenden; so in dem Kampfe Cäsars mit Ariovist, so

in allen nachfolgenden Kämpfen, bis zu dem gewaltigen Gewittersturm der

Völkerwanderung.

Bekannt sind die Zeugnisse des Tacitus für die Tapferkeit der

Germanen (_nullus mortalium armis aut fide ante Germanos_). Krieg

und gefahrvolle Unternehmungen waren ihre Lust -- daher jene nie

gesättigte Begier nach Abenteuern, die Gier, Gefahrvolles aufzusuchen

und mit dem Furchtbaren zu kämpfen; daher auch im Frieden die Lust,

auf ungemessenen, ungebahnten Pfaden das Wild zu jagen. „Wer hat

mehr Mut“, ruft der Römer Seneca, „als die Germanen? Wer stürmt mit

größerer Gewalt? Wer liebt leidenschaftlicher die Waffen, mit denen

sie gleichsam geboren, in denen sie aufgezogen werden? Die allein sind

ihre Sorge, alles andere kümmert sie wenig.“ (Sen. de ira I, 11.) Im

Einklang damit läßt der jüdische Schriftsteller Josephus den König

Agrippa zu den Juden sagen: „Ihr habt ohne Zweifel von den Germanen

gehört. Ihr habt ihre Stärke gesehen und die Größe ihrer Gestalt. Sie

haben aber einen Geist, der größer ist als ihre Leiber, eine Seele,

die den Tod verachtet, und einen grimmigern Zorn als die wilden Tiere.“

Dieser wilde Kriegsmut ist der „_furor Teutonicus_“, der im Altertume

wie zum Sprichwort geworden noch von viel späteren Schriftstellern

oftmals erwähnt wird.

So war der Geist unserer Ahnen, und diese todesverachtende Kühnheit,

dieser wuotanische Heldensinn spiegelt sich ab auch in der Namengebung

jener Zeit, des Heroenalters unseres Volkes. Und wenn uns keine

Geschichte und keine Sage Kunde gäbe, so würden diese zahlreichen

männlichen und auch weiblichen Namen vernehmlich genug sprechen, die da

wiederklingen von ~Waffen~ und ~Krieg~ und ~Kampf~ und ~Sieg~.

_Hild_, _Gund_, _Had_, _Bad_ und _Wig_ sind lauter Ausdrücke für

Kampf, Schlacht, Krieg, Wortstämme, die, sonst in unserer Sprache

längst erstorben, nur noch in den Namen und zwar hier um so häufiger

fortleben. Es ist hier nicht der Raum, alle die Ableitungen und

Zusammensetzungen aufzuzählen, von denen die Sprache damals eine

staunenswerte Menge und Mannigfaltigkeit besaß. Nur zur Probe wollen

wir, um an einem Worte diesen Reichtum zu zeigen, die von dem Stamme

_hild_ gebildeten Namen vollständiger hersetzen:[7]

_Hildibald_, _Hildibern_, _Hildiberht_, _Hildibodo_, _Hildibrand_

-- _Hildidag_ -- _Hildifrid_, _Hildifuns_ -- _Hildigang_,

_Hildigar_, _Hiltigast_, _Hildegaud_, _Hildegern_, _Hildigis_,

_Hildigrim_ -- _Hildehoc_ -- _Hildelaic_, _Hiltilant_, _Hiltileip_,

_Hiltilouc_ -- _Hildiman_, _Hildimar_, _Hildimod_, _Hiltimund_ --

_Hildinand_ -- _Hildirad_, _Hiltiram_, _Hildiric_, _Hiltiroch_ --

_Hiltiscalh_, _Hiltistain_ -- _Hildulf_ -- _Hildowald_, _Hildiwar_,

_Hildiward_, _Hildiwerc_, _Hiltiwic_, _Hildiwin._

Dabei sind die weiblichen Namen, wie _Hildigunda_, _Hildiburg_ (von

denen späterhin!) noch gar nicht berücksichtigt.

Von dem Stamme _Gund_ kommen, um nur wenige Namen herauszugreifen,

_Gundachar_ (Kriegskämpfer), _Gundobert_ (kampfprangend), _Gundemar_

(kampfberühmt);

von _Wig_: _Wigand_ (Kämpfer), _Wiglef_ (Kampfessohn), _Chlodowech_

(Ruhmeskampf), der Frankenkönig des 5. Jahrhunderts.

Zu Kampf und Schlacht gehören ~Waffen~. Auch diese sind zahlreich

vertreten. Haben sich doch ganze Völkerschaften danach genannt, wie z.

B. die Sachsen nach ihren langen Kriegsmessern, althochdeutsch _sahs_,

angelsächsisch _seax_, nach welchen selbst ein Gott, der Kriegsgott der

Germanen, _Saxnot_ (Schwertgenoß) benannt ist.[8]

Die deutsche Nationalwaffe, die ~Frame~ (bei Tacitus), ein Spieß

mit schmalem, kurzem Eisen, geschickt für den Nahkampf wie für den

Fernkampf, für Stoß und Wurf, begegnet in _Framhard_ (speerkräftig)

-- das althochdeutsche _ger_, Wurfspeer, in _Gairebald_ (gerkühn),

_Garibert_ (gerprangend), _Ansigar_, altsächsisch _Osgar_ (Asenspeer d.

i. Götterspeer); -- das ~Schwert~, _ecka_ (Schwertecke = Schneide,

Stamm _ag_) in _Agabert_ (schwertglänzend), _Agihard_, _Ekkihart_

(schwertstark).

Die Schutzwaffen treten zurück; waren doch die alten Germanen

damit kärglich ausgerüstet: fast mit nacktem Leibe, nur mit einem

langen, schmalen Schilde aus Holz und Leder traten sie furchtlos den

wohlausgerüsteten römischen Legionären entgegen.

Der Schild heißt ~Rand~, daher _Rantowic_ (Schildkämpfer),

_Bertrand_ (leuchtender Schild).

Panzer besaßen die Germanen auch zu Armins Zeiten noch nicht, selbst

nicht einmal eigentliche ~Helme~. Statt dessen setzten sie die

Kopfhaut von erlegten Tieren auf, deren Fell zugleich als Mantel die

Schultern bedeckte. Daher die Namen _Bernhelm_, _Ebarhelm_, _Wolfhalm_.

Doch später, als sie in der Kunst des Schmiedens sich vervollkommnet,

traten eherne Helme an die Stelle, und somit gewannen Namen wie

_Helmperht_ (helmglänzend) eine Berechtigung.[9]

Die kriegerische Eigenschaft der ~Kraft~ und ~Stärke~ klingt

an in _magan_, _megin_: _Maganhard_ (machtstark), _Magnobod_ (mächtig

gebietend); in _ellan_, got. _aljan_: _Ellanperht_ (kraftglänzend),

_Aljanmot_ (kraftmutig) -- die ~Kühnheit~ in besonders vielen

Namen; dahin gehören vor allem die zahlreichen Bildungen mit _bald_:

_Baldawin_ (kühner Freund), _Liutbald_ und _Theudobald_ (sehr kühn),

_Hunibald_ (riesenkühn); ferner die Zusammensetzungen mit _nand_:

_Nandulf_ (kühner Wolf), _Siginand_ (siegeskühn).

Die Gesamtheit der freien, waffenfähigen Männer bildete bei den

Germanen das ~Heer~, althochd. _hari_, _heri_, altfränkisch

_chari_. Hierher gehört, um den ältesten überlieferten Namen

voranzustellen, wahrscheinlich das im römischen Munde wohl etwas

entstellte _Ariovist_, sicher aber _Hariman_ (Heeresmann),[10]

_Hariberaht_ (heerglänzend), _Cariovalda_ (der heerwaltende),

Bataverfürst des 1. Jahrh. (Tac. Ann. II, 11); dann besonders die

vielen Namen, deren zweiter Teil aus diesem Worte besteht, wie

_Raganhar_, _Werinheri_.

Aber die Tapferkeit der Germanen, so stürmisch sie war, war doch kein

bloßes Dreinschlagen, das des ~klugen Rates~ entbehrt hätte.

Wuotan ist nicht allein der Gott des Sturmwindes, sondern auch der der

Weisheit, und neben den stürmenden, alles vor sich niederwerfenden Wate

des Gudrunliedes stellt sich der kluge Frute. Welchen Wert die Germanen

auf einsichtsvollen Rat gelegt haben, lehren nun auch lange Reihen von

Namen. Da sind die mit _rat_: _Adalrad_, _Chuonrat_; da ist _ragan_

(Rat): _Raganfrid_, _Raginmund_; _mathal_ (Versammlungs-, Beratungs-

und Gerichtsort des Volkes): _Mathalwin_; _hugu_ (denkender Geist):

_Hugubert_.

Solchem mit Kraft und klugem Rate zugleich geführten Kampfe kann der

~Sieg~ nicht fehlen: _Sigifrith_, _Sigiberht_, _Sigimund_ und mit

erweitertem Stamme _Sigismund_ (Siegschutz, durch Sieg schützend).

So hören wir alles von Schwertergeklirr und Waffenklang wiederhallen,

wir hören die Tapferkeit der Germanen heraus, ihren Schlachtenmut, ihre

Siegesfreude; wir begreifen, daß Leute, die Krieg und Jagd für die

einzigen eines freien Mannes recht würdigen Beschäftigungen hielten,

die sich am liebsten nach ihren Waffen, nach Schwert und Lanze nannten,

daß diese wohl ihren Nachbarn furchtbar sein mußten, ja den bis dahin

unbezwinglichen Römern ein „bis hierher und nicht weiter!“ zurufen

konnten.

Das mächtige ~Walten~ nach Kampf und Sieg liegt in _Waldomar_

(im Walten berühmt), _Sigiwalt_, _Chraftolt_; -- ferner in _rich_

(mächtig): _Ricohard_, _Frithuric_, _Ermanarich_ (der Gotenkönig aus

dem 4. Jahrhundert, welcher sich in dem Schmerz über die Zurückdrängung

seines Volkes durch die Hunnen im 110. Lebensjahre selbst den Tod gab).

Der mit solchem Siegen und Walten verbundene ~Ruhm~ wird,

abgesehen von dem überaus häufigen _beraht_, _bert_, besonders durch

die Stämme _hlod_, _hrod_ und _hrom_ dargestellt: _Chlodowald_

(ruhmwaltend); _Hrodegang_ (Ruhmesgänger), _Romuald_ (ruhmwaltend);

ferner durch _mar_, schon seit dem 1. Jahrhundert in Namen wie

_Catumer_, _Inguiomer_ (Armins Oheim, Tacit. Ann. I, 60).

Im vollen Einklang hiermit werden auch in den aus der ~Tierwelt~

entlehnten Benennungen starke, kampflustige, herrschende Tiere

entschieden bevorzugt, solche, deren Schönheit, Kraft, Schnelligkeit

der Germane bewunderte, wenn er auch mit ihnen als Jäger oder Hirt in

Fehde lag.

Der Herrscher von Wald und Heide, der grimmige ~Bär~, nahm einst in

der Anschauung des Nordens die Stelle ein, aus welcher ihn später der

fremdländische Löwe verdrängt hat: er war König der Tiere. Daher die

Namen: _Berinhard_, _Beringar_, _Isanpero_.

Nicht minder passend, als Sinnbild der Größe und Stärke, ist der ~Ur~,

das gewaltigste einheimische Tier, oft im Kampfe mit dem Bären:

_Urold_, _Uremar_. Beiden schließt sich der ~Eber~ an, ebenfalls durch

wilde Stärke ausgezeichnet. Einfach _Ibor_ (Eber) hieß der älteste,

uns überlieferte Anführer der Langobarden aus dem 4. Jahrhundert; am

bekanntesten ist _Ebarhard_.

Herrscher im Reiche der Lüfte ist der ~Aar~: _Arnoald_ (waltend wie ein

Aar).

Doch die beiden königlichen Tiere Bär und Adler treten zurück gegen

zwei andere von scheinbar geringerer Bedeutung: ~Wolf~ und ~Rabe~. Dies

rührt daher, weil letztere heilige Tiere sind. Freilich war auch der

Eber schon ein geheiligtes Tier, doch nur des Gottes Fro, während Wolf

und Rabe Diener des höchsten Gottes Wuotan sind. Zwei Wölfe, _Geri_ und

_Freki_ (gierig und frech d. i. kühn), und zwei Raben, _Huginn_ und

_Muninn_ (Gedanke und Erinnerung), sind Wuotans ständige Begleiter.

Jene begleiten ihn als seine Hunde, wenn er in seinen Wolkenmantel

gehüllt auf windschnellem Rosse auszieht. Der Wolf ist daher ein heil-

und siegverkündendes Tier. Nach ihm hat der älteste Schriftsteller

unserer Literatur den Namen: _Vulfila_ (Ulfila, Wölflein), der

westgotische Bischof und Bibelübersetzer aus dem 4. Jahrhundert.

Ganz besonders häufig ist der Name des Wolfes als zweiter Teil der

Zusammensetzung in der abgeschliffenen Form _ulf_ (olf): _Athaulf_,

_Maginulf_, _Ebarolf_.

Die Raben sind die beutegierigen Tiere des Schlachtfeldes, die Kriegs-

und Siegesvögel und so dem Wuotan als dem obersten Schlachtenlenker

heilig, der auch von ihnen den Beinamen „Rabengott“ führt. Einen Raben

hatte der schreckliche Normannenhäuptling _Ragnar Lodbrokr_ auf seiner

Schlachtenfahne; je nachdem er auf derselben munter in den Lüften

flatterte oder seine Flügel hängen ließ, schloß man auf Sieg oder

Niederlage. So haben wir nun unter anderen die Namen: _Hiltiram_ und

_Gundhram_ (Kriegsrabe), _Sigihram_, _Walahram_ (Rabe des Wal d. i. der

Gefallenen), _Wolfhraban_, die beiden heiligen Tiere verbunden.

Bei den von Wolf und Rabe hergeleiteten Namen stehen wir mit einem Fuße

schon auf einem anderen Gebiete, welches dicht daran grenzt, auf dem

Gebiete ~religiöser~ (mythologischer), von den ~Göttern~ entlehnter

Benennungen. Die ungeheuchelte Ehrfurcht vor dem Heiligen, den sieg-

und segenspendenden Göttern, liegt in zahlreichen Namen zu Tage.

Unser uraltes und ureigenes Wort ~Gott~ ist in _Godolef_ (gotisch

_Gudilaibs_, althochd. _Cotleip_), gottgeboren, enthalten; ferner in

_Godefrid_, _Godascalc_ (Gottesknecht), _Godowin_ (Gottesfreund),

_Gotahard_ u. a.

Die Namen der obersten Götter: _Wuotan_, _Donar_, _Ziu_, _Fro_

werden, wohl aus religiöser Scheu, nicht zu Personennamen verwendet

(nur ausnahmsweise findet sich ein _Thunerulf_ oder _Donarperht_) --

desto häufiger die allgemeinen Götternamen und die Benennungen der

untergeordneten Götterwesen. So die _Ansen_ (Asen, Götter) in _Anshalm_

(der mit dem Asenhelm, Götterhelm), _Ansoin_, _Ansowald_, die uns

geläufiger sind in der altsächsischen und angelsächsischen Form, wo

_ans_ in _ôs_ zusammengezogen wird, also: _Osvine_, _Osvald_.

In das geheimnisvolle Reich der Naturgeister, der Albe oder Elfen, von

denen Sage und Märchen so viel zu erzählen wissen, führen uns Namen wie

_Albirich_ (Elfengebieter), _Albarad_, angels. _Älfred_ (Elfenrat),

_Alfwin_, _Alboin_ (Elfenfreund).

Den Gegensatz zu dem kleinen, bald gutmütig helfenden, bald boshaft

schadenden Elfenvolke mit ihrem Anhange der Zwerge und Wichtelmänner

bildet das ungeschlachte, sinnlich rohe, naturkräftige Geschlecht der

~Riesen~ (Hünen und Thursen): _Hunibald_, _Thurismund_.

Es wird dies genügen, um mindestens in den Grundzügen ein Bild von der

Namengebung jenes Zeitalters zu gewinnen. ~Kampf~ und ~Sieg~ tönen uns

allerorten aus ihr entgegen mit hellem Waffenklang; daran schließt sich

der kluge ~Rat~ und das ~ruhmvolle Walten~ -- nicht ohne den Aufblick

zu den sieg- und segenspendenden ~Göttern~. Weiter ins einzelne zu

gehen ist für unseren Zweck nicht erforderlich und alles gar zu

erschöpfen hier ganz unmöglich, wegen der außerordentlichen Menge der

Namen. Wie zur Frühlingszeit in Wald und Flur tausend und abertausend

grüne Sprossen aufschießen, so ist auch in diesem Frühling deutscher

Namengebung eine fast zahllose Menge von Namen erwachsen. Die oben

angeführten sind nur beispielsweise genannt, sind nur geringe Proben

aus der Fülle, derart, daß die einzelnen ganze Reihen vertreten. So

sind der Namen, die auf _bald_ auslauten, in Förstemanns großem Werke

199, der auf _ric_ über 200, der auf _beraht_ (bert) weit über 300,

der auf _wolf_ (olf) gar nahezu 500. Mehr als 12000 (männliche und

weibliche) Namen hat Förstemann aus gedruckten Schriften und Urkunden

gesammelt, eine Zahl, die durch spätere Forscher noch sehr vermehrt

worden ist; wie viele mögen sich nicht noch in ungedruckten Quellen

finden, wie viele nie zur Aufzeichnung gelangt sein!

Es ist eine ~hochgemute~, eine ~ideale~, eine ~poetische~ Namengebung,

in der uns nichts Unedles stört. Sie ist ~einheitlich~, wie aus ~einem~

Geist und Guß, gleich dem Germanenvolke selber, das ein einheitliches

an Abstammung und Aussehen war, „ein eigenes, reines, nur sich selbst

ähnliches Geschlecht“. Das Heldenhafte, Kühne, Gewaltige, Hohe finden

wir in dieser Namenwelt ausgeprägt, das Liebliche, Sanfte, Milde tritt

zurück -- selbst in den ~weiblichen~ Namen. Auch diese sind wesentlich

von demselben Gepräge, Kampf und Schlacht tönen aus ihnen fast ebenso

wieder wie aus den männlichen. Die Walküre, die Schlachtenjungfrau

Wuotans, erscheint als das Ideal des urgermanischen Weibes. War doch in

jenen Tagen auch das schwächere Geschlecht dem Kriege, seinen Ehren und

Gefahren nicht fern. Was uns griechische und römische Schriftsteller

erzählen, spricht laut genug. Es wird uns da geschildert, wie die

Frauen mit in den Krieg zogen, um in der Nähe ihrer Anverwandten hinter

der Schlachtreihe sich aufzustellen, wie sie die Kämpfenden durch ihren

Zuruf anfeuerten, die Verwundeten verbanden, die Weichenden wohl wieder

zum Stehen brachten, die Sieger begrüßten und belohnten, aber auch mit

den Unterliegenden zu sterben wußten und lieber sich selbst und ihre

Kinder töteten, als daß sie sich in Gefangenschaft begaben.

Bei solcher Sinnesart der germanischen Frauen darf es uns nicht wunder

nehmen, wenn auch ihre Namen dieses Gepräge haben und sich eng an die

männliche Benennungsweise anschließen.[11]

4.

Übereinstimmung der deutschen Namengebung mit der griechischen.

Werfen wir, ehe wir weitergehen, einen vergleichenden Rückblick auf die

Namengebung der alten Völker, so läßt sich wohl kaum ein schrofferer

Gegensatz denken, als zwischen der ~römischen~ und der ~germanischen~

Namengebung. Dort körperliche Schwächen und Mängel, hier edle

Eigenschaften und Vorzüge, leiblicher und ganz besonders geistiger Art!

Dort niedrige Prosa -- hier erhabene Poesie!

Dagegen tritt eine auffallende Übereinstimmung mit der ~griechischen~

Namengebung hervor, zunächst darin, daß die Namen auf beiden Seiten

der großen Mehrzahl nach zusammengesetzte sind.[12] Namen dieser Art

sind an sich schon poetischer, schwungvoller als einfache, und so

tritt bereits hier in erfreulicher Weise übereinstimmend eine edle

Anlage beider Völker hervor. Dann aber entsprechen sich auch die

Zusammensetzungselemente in beiden Sprachen großenteils: so das

griechische _phanes_ (glänzend, prangend) und das deutsche _beraht_

(bert), das griechische _kles_ (berühmt) und das deutsche _mar_, das

griechische _krates_ (kräftig, gewaltig) und das deutsche _rich_; so

ferner _medon_ (waltend) und _walt_ (old), _stratos_ (Heer) und _heri_,

_demos_ (Volk) und _theod_ (diet), _theos_ (Gott) und _got_ u. s. f.

Demnach kann man eine Menge griechischer Namen geradezu mit deutschen

übersetzen, da sie sich wörtlich decken, z. B.:

_Nikophanes_ (siegprangend) -- _Sigibert_,

_Kleophanes_ (ruhmstrahlend) -- _Hrodebert_ (Ruprecht, Robert),

_Kleoptolemos_ (ruhmkämpfend) -- _Chlodowich_ (Ludwig),

_Perikles_ (vielberühmt) -- _Vilmar_,

_Demosthenes_ (volksgewaltig) -- _Dieterich_,

_Thrasybulos_ (kühn im Rat) -- _Chuonrat_ (Konrad),

_Laomedon_ (volkswaltend) -- _Leutold_,

_Demophilos_ (Volksfreund) -- _Volkwin_,

_Theodulos_ (Gottesknecht) -- _Gotschalk_ u. a. m.

Genug, die Anlage unseres Volkes ist, gleich der des griechischen, eine

treffliche und edle; ein nach dem Hohen gerichteter Sinn tritt uns

überall in dieser Namengebung entgegen, aus welcher der Geist unserer

Ahnen mit beredten Lauten zu uns spricht. Unser Volk war berufen von

der Vorsehung, die Ketten zu zersprengen, in welche römische Tyrannei

die Welt geschlagen hatte, und als ein edles Reis in die Fäulnis

des Römertums eingesenkt zu werden, um von jetzt an Hauptträger der

Entwickelung des Menschengeschlechtes zu sein.

5.

Weiterentwickelung der altdeutschen Personennamen. Ihre Lebenskraft.

Wie sehr diese Namengebung aus dem innersten Leben und Wesen des

deutschen Volkes hervorgewachsen, das erweist sich durch die Zähigkeit,

mit welcher lange Jahrhunderte hindurch an ihr festgehalten wird. Die

Stürme der Völkerwanderung brausen dahin, die verschiedenen Stämme der

Germanen lassen sich in den Provinzen des ehemaligen römischen Reiches

nieder und bauen die Erde sich neu. Die staatlichen Verhältnisse

ändern sich, das Christentum stürzt den alten Götterhimmel -- doch die

Namen bleiben und blühen ohne wesentliche Veränderung weiter auf einem

vielfach umgestalteten Felde.

Die Beweise liegen zu Tage. Man werfe nur einen Blick auf die Namen

der deutschen Könige und Kaiser! Ihre Reihe ist von Karl dem Großen an

sechs Jahrhunderte lang rein deutsch: Karl, Ludwig, Konrad, Heinrich,

Otto, Friedrich sind die herrschenden Namen. Unterbrochen wird

diese Reihe erst durch ~Wenzel~ aus dem lützelburgisch-~böhmischen~

Hause 1378 und später durch ~Maximilian~ den „letzten Ritter“ 1493.

Ebenso ist es im Kreise der Reichsfürsten. _Albrecht_ der Bär hatte

sieben Söhne: _Otto_, _Hermann_, _Sigfrid_, _Heinrich_, _Adelbert_,

_Dietrich_, _Bernhard_ -- kein undeutscher Name findet sich darunter,

ein Fall, der sich jetzt schwerlich wiederholen würde.

Selbst im Stande der ~Geistlichen~, wo das Eindringen fremder Namen

am ersten zu erwarten wäre, behauptet sich die deutsche Namengebung

überraschend lange. Bischöfe und Erzbischöfe, Klosteräbte und Mönche

erscheinen fort und fort als Träger der altgermanischen Krieges-,

Sieges- und Ruhmesnamen. Man denke an _Adalbert_ von Prag, den Apostel

der Preußen, an _Otto_ von Bamberg, den Pommern-Apostel, an _Willegis_

von Mainz, _Adalbert_ von Bremen.

Ähnliches gilt von den romanischen Ländern. Trotz der fortwährenden

Berührung mit der römischen Welt und dem teilweisen Aufgehen in

dieselbe behaupten sich die alten Namen nicht bloß im eigentlichen

Deutschland, sondern auch in Frankreich, Spanien, ja selbst in Italien.

Nachdem die Sprachen längst romanisch geworden, erhalten sich noch

die fränkischen, gotischen, langobardischen Namen in überraschender

Weise. Man braucht sich nur die Führer des ersten Kreuzzuges zu

vergegenwärtigen: _Gottfried_ von Bouillon, _Robert_ von der Normandie,

_Raimund_ von Toulouse, _Boemund_ von Tarent usw., um dies bestätigt

zu finden. Fügen wir noch ein Beispiel aus Frankreich, eins unter

vielen, hinzu! Im Jahre 991 versammelten sich zu Reims die Bischöfe

der Diözese: _Guido_ von Soissons, _Adalbero_ von Laon, _Heriveus_ von

Beauvais, _Godesmann_ von Amiens, _Ratbod_ von Noyon, _Odo_ von Senlis;

außerdem Erzbischof _Daibert_ (Dagobert) von Bourges, aus der Lyoner

Synode die Bischöfe _Walter_ von Autun, _Bruno_ von Langres, _Milo_

von Maçon; endlich der Erzbischof _Siguin_ von Sens mit den Bischöfen

seines Sprengels _Arnulf_ von Orleans und _Herbert_ von Auxerre. Unter

diesen dreizehn geistlichen Würdenträgern findet sich keiner mit

nichtdeutschem Namen; nur sind einzelne dieser Namen oberflächlich

romanisiert, wie _Guido_ aus altdeutsch _Wido_, oder latinisiert, wie

_Heriveus_ aus _Heriwic_.[13]

Geschichtliche Erinnerungen und mehr noch Familienüberlieferungen

kamen der Erhaltung der Namen zu Hülfe. Im karlingischen Geschlechte

waren Karl, Ludwig, Lothar zu Hause, bei den Württembergern Ulrich

und Eberhard, bei den Schwarzburgern Günther usw. Aber auch

Stammesüberlieferungen machten ihren Einfluß geltend; noch jetzt läßt

sich erkennen, wie einzelne Namen bei gewissen Stämmen besonders

gebräuchlich waren. So kommen Friedrich, Rudolf, Albert vorwiegend in

Schwaben, Luitpold, Dietpold bei den Bayern, Heinrich, Ludwig, Konrad

bei den Rheinfranken vor. Wie beliebt der Name Wilhelm noch im 12.

Jahrhundert bei den Normannen war, davon zeugt die Erzählung eines

Zeitgenossen. Als nämlich Weihnachten 1171 der junge König Heinrich

(Sohn Heinrichs II. von England) bei Bayeux ein großes Fest gab, kamen

zwei Wilhelme, der Seneschall von der Bretagne und der Verwalter von

der Normandie, auf den Einfall, es sollten in ihrem Saale nur Wilhelme

sein dürfen. Wer einen anderen Namen führte, mußte hinaus, und als man

zählte, waren noch 117 Ritter da, die alle Wilhelm hießen, ungerechnet

die vielen andern, welche in des Königs Halle speisten.[14]

So behaupteten sich die Namen, nur daß sie mit der Entwickelung

der Sprache im wesentlichen Schritt hielten und daher mancherlei

Abschleifungen und Zusammenziehungen erfuhren. Aus _Raganhar_, wie

es im 6. Jahrhundert gelautet hatte, entwickelte sich _Reginher_,

_Reginer_ und schließlich (im 10. Jahrh.) _Reiner_; ferner aus

_Cariovalda_ (1. Jahrh.): _Heroald_ -- _Herold_ (10. Jahrh.),

_Hruodperaht_: _Ruodpreht_, _Hruodbert_ -- _Ruprecht_ und _Rupert_

(11. Jahrh.), _Berinhard_: _Bernhard_, _Bernd_.

Nun liegt es aber in der Natur der Sache, daß Eltern ihre Kinder

mit ~abgekürzten~ Namen rufen. Solche Kürzungen, zunächst für den

Hausgebrauch und vertraulichen Verkehr, kannte die alte Zeit auch

schon, und sie waren regelmäßiger gebildet als die jetzt üblichen. Da

nach deutscher Grundregel der erste Teil der Zusammensetzung betont

ist, so behielt man diesen bei und ließ den zweiten fort, an dessen

Stelle ein _o_ trat, erwachsen aus dem im Gotischen und Altsächsischen

noch haftenden _a_, z. B. _God-beraht_: _Godo_; _Kuon-rat_: _Kuono_;

_Sig-bert_: _Sigo_.[15] Dies sind die ~ein~stämmigen gekürzten Formen.

Häufig wurde jedoch der zweite Teil nicht ganz abgeworfen, sondern sein

Anfangskonsonant blieb erhalten, und so entstand eine ~zwei~stämmige

gekürzte Form, z. B. _Rat-poto_: _Ratpo_; _Sig-bert_ (_Sibert_):

_Sibo_; _Thiet-mar_: _Thiemo_.

Natürlich ist _Godo_ Abkürzung nicht bloß für _Godberaht_, sondern

für alle Vollnamen, d. i. unverkürzte Namen, deren erster Teil _God_

ist, wie _Godebald_, _Godofrid_, _Godomar_ usw., ebenso _Sigo_ auch

für _Sigibrand_, _Sigifrid_, _Sigimar_ usw., _Sibo_ wenigstens für

_Sigibert_ und _Sigibrand_.

Diese verkürzten Formen erlitten nun noch weitere Veränderungen, indem

man ~Verkleinerungs~silben an sie hängte. Die einfachste Art der

Verkleinerung wird durch _i_ bewirkt: _Sigi_, _Kuni_. Wichtiger jedoch

sind die konsonantischen Suffixe _k_, _l_, _z_ in den Endungen _iko_,

_ilo_, _izo_. So entstanden Bildungen wie: _Godiko_, _Godilo_, _Godizo_

(von _Godo_); _Sigiko_, _Sigilo_, _Sigizo_ (von _Sigo_) -- ebenso

zweistämmig: _Sibiko_; _Oppilo_, _Oppizo_ (von _Oppo_ = _Otbert_).

Aber damit war man noch nicht zufrieden. Kann doch die elterliche,

besonders die mütterliche Liebe sich in zärtlichen Benennungen nimmer

Genüge tun. Man verband die Verkleinerungssilben, so daß dann doppelt

verkleinerte Formen entstanden: _ikilo_ -- _iliko_ -- _iziko_, _izilo_

und mit Zuhülfenahme des dem _l_ so naheverwandten Suffixes _n_: _ikîn_

-- _ilîn_ -- _izîn_.[16]

Dies sind die Verkleinerungsformen, die liebkosenden Deminutiva

oder Schmeichelformen[17], mit welchen wir aus dem Hochwald der

altgermanischen Namengebung (s. Kap. 3) nunmehr in den Niederwald

eingetreten sind, der, was ihm an Mächtigkeit der einzelnen Stämme

abgeht, durch ihre Menge und dichtes Wachstum zu ersetzen sucht.

Staunenswert ist die Vermehrungskraft, die in diesen alten deutschen

Personennamen liegt. Einem einzigen können tausende entkeimen. Sie

~können~ es -- denn freilich sind nicht alle Keime fruchtbar geworden,

wie nicht aus jeder Eichel im Walde ein Baum entsteht; aber die

Möglichkeit ist vorhanden. Dies weist sehr anschaulich Pauli an einem

Beispiele nach, wozu er den Namen _Godeberaht_ wählt.[18]

Aus ihm entstehen zunächst die einstämmige gekürzte Form _Godo_ und die

zweistämmige _Godbo_ mit ihren Nebenformen _Gobbo_ und _Gobo_. Daraus

entstehen an einfach verkleinerten Formen mittels der Endungen _ilo_,

_izo_ und _iko_ 21 Namen; hieraus durch doppelte Verkleinerung 49

Formen (s. Beilage 1).

Das sind 75 Grundformen, deren weitere Entwickelung Pauli mit Rücksicht

auf das Neuhochdeutsche folgendermaßen berechnet. Jede dieser 75 Formen

hat zunächst mindestens eine mundartliche Nebenform, indem für _d_ auch

_t_, für _b_ auch _p_, für _z_ niederdeutsch _t_, für _k_ hochdeutsch

_ch_ eintreten kann. Das gibt also 75 neue Formen, zusammen 150. Nun

wechseln ferner _g_ und _j_ häufig in Namen, und dadurch erhalten wir

150 weitere Nebenformen, zusammen 300. Der althochdeutsche Vokal _o_

erscheint neuhochdeutsch bald als _o_, bald als _ö_, verdumpft auch als

_u_ und _ü_. Es ist demnach jede der 300 Formen in vier Variationen

möglich -- zusammen also 1200. Doch wir sind noch nicht zu Ende! Jede

der obigen 1200 Formen kann die drei Arten Patronymika bilden, auf

-_ing_, auf -_sen_ und rein genetivische. Das gibt 3600 Formen, also

zusammen bis jetzt 4800. Fast wie eine Laune der Sprache erscheint es,

wenn sie an den Namen, der ja schon die Personen als solche bezeichnet,

noch ein -_mann_ anhängt. Dadurch ergeben sich schließlich noch 1200

Namen, in Summa also alles in allem 6000 Namen, die auf die eine alte

Form _Godeberaht_ zurückgehen.

So zeigt auch die Sprache, was wir an der Natur so sehr bewundern,

eine unendlich reiche Entfaltung eines einzigen Keimes, und zwar mit

verhältnismäßig geringen Mitteln.

6.

Die Deutschen Familiennamen, geschichtlich, geographisch, sprachlich · 第 20 / 178 题