Das zehent Kapitel

Von dieser Zeit an ward ich zwar nicht offentlich, sondern heimlich

durch etliche Strelitzen verwachet und mein Obrister oder die Seinigen

kamen mir nicht ein Mal mehr zu Gesicht. Damals satzte es seltsame

Grillen und viele graue Haare auf meinem Kopf. Ich machte Kundschaft

mit den Deutschen, die sich von Kauf- und Handwerksleuten in Moskau

~ordinari~ aufhalten, und klagte ihnen mein Anliegen. Sie gaben

mir Trost und Anleitung, wie ich wieder mit guter Gelegenheit nach

Deutschland kommen könne. Sobald sie aber Wind bekamen, daß der Zar

mich im Land zu behalten entschlossen sei und mich dazu drängen wollte,

wurden sie alle zu Stummen an mir, ja sie entäußerten sich meiner und

es ward mir schwer, auch nur vor meinen Leib Herberge zu bekommen;

Pferd und Sattelzeug war bereits verzehret. Als ich dann alle Dukaten

aus meinen Kleidern getrennt, fing ich an, meine Ringe und Kleinodien

zu versilbern. Indessen lief ein Vierteljahr herum, nach welchem

oftgemeldter Obrister samt seinem Hausgesind umgetauft und mit einem

ansehnlichen Gut und vielen Untertanen versehen ward.

Damals ging ein Mandat aus, daß man wie unter den Einheimischen so

auch unter den Fremden keine Müßiggänger bei hoher unausbleiblicher

Strafe leiden sollte, als die den Arbeitenden nur das Brot vor dem

Maul wegfressen. Was von Fremdem nicht arbeiten wollte, das sollte in

einem Monat das Land verlassen. Also schlugen sich unserer bei fünfzig

zusammen, der Meinung den Weg nach Deutschland miteinander zu machen.

Wir wurden aber nicht zwei Stunden weit von der Stadt von reußischen

Reutern eingeholet mit Vorwand, daß ihre zarische Majestät ein groß

Mißfallen hätte, daß wir uns frevelhafter Weise unterstanden, in so

starker Anzahl zusammen zu rotten und ohn Paß dero Land durchzögen. Auf

unserm Rückwege erfuhr ich, wie mein Handel beschaffen war, dann der

Führer sagte mir ausdrücklich, daß die zarische Majestät mich nicht aus

dem Land lassen würden, sein treuherziger Rat wäre, ich sollte mich in

dero allergnädigsten Willen fügen, zu ihrer Religion übertreten, sonst

ich wider Willen als ein Knecht dienen müßte. Einen so wohlerfahrenen

Mann wolle ihre zarische Majestät nicht aus dem Lande lassen.

Ich verringerte mich bescheidentlich ob meiner Tugend und

Wissenschaften mit Versicherung, daß ich an meinem äußersten Vermögen

nichts verwinden lassen würde, sofern ich in einzigerlei Wege ihrer

zarischen Majestät ohn Beschwerung meines Gewissens und ohne meine

Religion zu ändern, dienen könnte.

Ich ward von den andern abgesondert und zu einem Kaufherrn logiert,

allwo ich nunmehr offentlich verwachet, hingegen aber täglich mit

herrlichen Speisen und köstlichem Getränk vom Hof aus versehen wurde.

Hatte auch täglich Leute, die mir zusprachen und mich hin und wieder

zu Gast luden, sonderlich einer. Dieser diskurierte mehrenteils mit

mir von allerhand mechanischen Künsten, ~item~ Kriegs- und anderen

Maschinen, vom Fortifikationswesen und der Artollerei mit freundlichen

Gesprächen, dann ich konnte schon ziemlich reußisch reden. Als er

unterschiedliche Mal auf den Busch geklopft und keine Hoffnung fassen

konnte, daß ich mich im geringsten ändern würde, so bat er mich, ich

sollte doch dem großen Zar zu Ehren ihrer Nation etwas von meinen

Wissenschaften mitteilen, ihr Zar würde meine Willfährigkeit mit hohen

kaiserlichen Gnaden erkennen. Darauf antwortete ich, meine ~Affection~

wäre jederzeit dahin gestanden.

Als er nun solche Offerten verstund, sagte er, daß ihre zarische

Majestät allergnädigst bedacht wären, in dero Landen selber Salpeter

zu graben und Pulver zurichten zu lassen, weil aber niemand unter

ihnen wäre, der damit umgehen könnte, würde ich der zarischen Majestät

einen angenehmen Dienst erweisen, wann ich mich des Werks unterfinge,

sie würden mir hierzu Leute und Mittel genug an die Hand schaffen.

Er vor seine Person wolle mich aufs aufrichtigste gebeten haben, ich

sollte solches allergnädigstes Ansinnen nicht abschlagen, dieweilen

sie bereits genugsam Nachricht hätten, daß ich mich auf diese Sachen

trefflich wohl verstünde. Darauf sagte ich mit courtoisen Worten zu,

soferne ihre zarische Majestät gnädigst geruhten, mich in meiner

Religion passieren zu lassen. So ward dieser Reuße trefflich lustig,

also daß er mir mit dem Trunk mehr zusprach als ein Deutscher.

Am andern Tag kamen vom Zar zween Knesen und ein Dolmetsch, die

ein endlichs mit mir beschlossen und von wegen des Zaren mir ein

köstlich reußisch Kleid verehreten. Also fing ich gleich etliche

Tage hernach an, Salpetererde zu suchen und meinen Leuten zu lernen,

wie sie dieselbe von der Erde separieren und läutern sollten. Mithin

verfertigte ich die Abrisse zu einer Pulvermühle und lehrete andere

die Kohlen brennen, daß wir also in ganz kurzer Zeit sowohl des

besten Pirsch- als des groben Stückpulvers eine ziemliche Quantität

verfertigten, dann ich hatte Leute genug und darneben auch meine

sonderbaren Diener, die mir aufwarteten, oder besser zu sagen, die

mich hüten und verwahren sollten.

Ich war einsmals geschäftig auf den Pulvermühlen, die ich hatte

außerhalb Moskaus an den Fluß bauen lassen, da ward unversehens Alarm,

weilen sich die Tataren bereits vier Meilen weit auf hunderttausend

Pferde stark befanden, das Land plünderten und also immerhin

fortavancierten. Wir mußten uns an Hof begeben, allwo wir aus des

Zars Rüstkammer und Marstall montiert wurden. Ich zwar ward anstatt

des Kürasses mit einem gesteppten seidenen Panzer angetan, welcher

jeden Pfeil aufhielt, aber vor keiner Kugel schußfrei sein konnte;

Stiefeln, Sporen, und eine fürstliche Hauptzier mit einem Reiherbusch,

samt einem Säbel, der Haar schur, mit lauter Gold beschlagen und

Edelsteinen versetzt, wurden mir dargegeben. Von des Zaren Pferden ward

mir ein solches unterzogen, dergleichen ich zuvor mein Lebtag keines

gesehen, geschweige geritten. Ich und das Pferdzeug glänzten von Gold,

Silber, Edelsteinen und Perlen. Ich hatte eine stählerne Streitkolbe

angehangen. Mir folgte eine weiße Fahne mit einem doppelten Adler,

welcher von allen Orten und Winkeln gleichsam Volk zuschneiete, also

daß wir eh zwei Stunden verzogen bei vierzig und nach vier Stunden bei

sechzigtausend Pferde stark waren.

Es ist meiner Histori an diesem Treffen nicht viel gelegen, ich will

allein dies sagen, daß wir die Tataren, so mit müden Pferden und vielen

Beuten beladen anzogen, urplötzlich in einem ziemlich tiefen Gelände

antrafen, als sie sich dessen am allerwenigsten versahen. Im ersten

Angriff sagte ich zu meinen Nachfolgern in reußischer Sprache: »Nun

wohlan, es tue jeder wie ich!«

Solches schrieen sie einander zu. Dem ersten, welcher ein ~Mirsa~ war,

schlug ich den Kopf entzwei. Die Reußen folgten meinem heroischen

Exempel, so daß die Tataren sich in allgemeine Flucht wandten. Ich tät

wie ein Rasender oder wie einer, der aus Desperation den Tod sucht und

nicht finden kann. Was mir vorkam, schlug ich nieder, es wäre gleich

Tatar oder Reuße gewesen. Und die, so vom Zar auf mich bestellet waren,

drangen mir so fleißig nach, daß ich allezeit einen sichern Rücken

behielt. Die Luft flog voller Pfeile, als wann Immen geschwärmt hätten,

wovon mir dann einer in Arm zu teil wird. Eh ich den Pfeil auffing,

lachte mein Herz in meinem Leib an solcher Blutvergießung, da ich aber

meine eigen Blut fließen sahe, verkehrete sich das Lachen in unsinnige

Wut. Demnach sich aber diese grimmigen Feinde in eine hauptsächliche

Flucht wandten, ward mir von etlichen Knesen im Namen des Zaren

befohlen, ihrem Kaiser die Botschaft zu bringen, ich hatte hundert

Pferde zur Nachfolge. Da ritt ich durch die Stadt der zarischen Wohnung

zu und ward von allen Menschen mit Frohlocken und Glückwünschung

empfangen. Sobald ich aber von dem Treffen Bericht erstattet, mußte ich

meine festlichen Kleider wieder ablegen, welche wiederum in des Zaren

Kleiderbehaltnus aufgehoben wurden, wiewohl sie samt dem Pferdgezeug

über und über mit Blut besprengt und besudelt waren und also fast gar

zunicht gemachet waren. Sie sollten mir zum wenigsten samt dem Pferd

als Ehrengabe überlassen worden sein.

Solang meine Wunde zu heilen hatte, ward ich allerdings fürstlich

traktieret. Ich ging in einem Schlafpelz von göldenem Stück mit Zobel

gefüttert, wiewohl der Schade weder tötlich noch gefährlich war, und

ich habe die Tage meines Lebens niemals keiner solchen fetten Küchen

genossen als eben damals. Solches aber war alle meine Beute, die ich

von meiner Arbeit hatte, ohn das Lob, so mir der Zar verliehe.

Als ich gänzlich heil war, ward ich mit einem Schiff die Wolga hinunter

nach Astrachan geschickt, daselbsten wie in Moskau eine Pulvermacherei

anzuordnen, weil dem Zar unmöglich war, diese Grenzfestungen allezeit

von Moskau aus mit frischem und gerechtem Pulver zu versehen. Ich ließ

mich gern gebrauchen, weil ich Promessen hatte, der Zar würde mich nach

Verrichtung solchen Geschäftes wiederum in Holland fertigen und mir,

meinen Verdiensten gemäß, ein namhaftes Stück Geld mitgeben.

Als ich aber im besten Tun war und mich außerhalb der Festung über

Nacht in einer Pulvermühle befand, ward ich von einer Schar Tataren

diebischenweise gestohlen und aufgehoben, weit ins Land hinein

verschleppt und endlich um etliche chinesisch Kaufmannswaren den

niuchischen Tataren vertauscht, welche mich nachher dem König von

Korea als ein sonderbares Präsent verehreten. Daselbst ward ich wert

gehalten, und weil ich dem König lehrete, wie er mit dem Rohr, auf

der Achsel liegend und mit dem Rücken gegen die Scheibe gekehrt,

dannoch ins Schwarze treffen könnte, schenkte er mir die Freiheit und

fertigte mich durch ~Japonia~ nach ~Makao~ zu den Portugesen. Etlich

Kaufleute nahmen mich mit ihren Waren nach Alexandria in Egypten, und

von dort kam ich nach Konstantinopel. Weil aber der türkische Kaiser

eben damalen etliche Galeeren wider die Venediger ausrüstete, mußten

viel türkische Kaufleute ihre christlichen Sklaven um bare Bezahlung

hergeben, worunter ich mich dann als ein junger, starker Kerl auch

befand. Also mußte ich lernen rudern. Aber solche schwere Dienstbarkeit

währete nicht über zween Monat, dann unsere Galeere ward in ~Levante~

von denen Venetianern ritterlich übermannet und ich aus der türkischen

Gewalt erlediget.

Ich bekam leichtlich einen Paß, weil ich nach Rom und Loretto

pilgerweis wollte, um Gott vor meine Erledigung zu danken.

Von dannen kam ich über den Gotthart durchs Schweizerland wieder auf

den Schwarzwald zu meinem Knän, welcher meinen Hof treu bewahret. Ich

brachte nichts besonders heim als einen Bart, der mir in der Fremde

gewachsen war.

Indessen war der deutsche Friede geschlossen worden, also daß ich bei

meinem Knän in sicherer Ruh leben konnte. Ich ließ ihn sorgen und

hausen und satzte mich hinter die Bücher, welches dann beides: meine

Arbeit und Ergetzung war.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 77 / 78 题