Denselbigen Herbst näherten sich französische, schwedische und
hessische Völker, sich bei uns zu erfrischen, deswegen dann jedermann
sich selbst samt seinem Viehe und besten Sachen in die hohen Wälder
flüchtete. Ich machte es wie meine Nachbarn und ließ das Haus ziemlich
leer stehen, in welches ein reformierter schwedischer Obrister logieret
ward. Derselbige fand in meinem Kabinett noch etliche Bücher, dann
ich in der Eil nicht alles hinwegbringen konnte, und unter andern
einzige mathematische und geometrische Abrisse, auch etwas vom
Fortifikationswesen. Er schloß deshalben, daß sein Quartier keinem
gemeinen Bauren zuständig sein müßte, fing derowegen an, sich um meine
Person zu erkundigen und ihr nach zu trachten, maßen er selbsten durch
courtoise Zuentbietungen und untermischte Drohworte mich dahin brachte,
daß ich mich zu ihm auf meinem Hof begab. Mit großer Freundlichkeit
brachte er zu Wege, daß ich ihm mein Geschlecht und Herkommen und alle
meine Beschaffenheit vertraute. Er verwunderte sich, daß ich mitten im
Kriege meine Gaben, die mir Gott verliehen, hinter dem Ofen und beim
Pflug verschimmeln lasse. Wenn ich schwedische Dienste annehmen würde,
so wüßte er, daß mich meine Qualitäten und Kriegswissenschaften bald
hoch bringen würden. Ich ließ mich hiezu kaltsinnig an. Aber er drang
weiter in mich, maßen ihm von Torstensohn ein Regiment versprochen
sei, wann er ein solches erhalten würde, woran er dann gar nicht
zweifle, so wolle er mich alsbald zu seinem Obrist-Leutnant machen. Mit
dergleichen Worten machte er mir das Maul ganz wässerig und weilen
noch schlechte Hoffnung auf den Frieden war und ich deswegen sowohl
fernerer Einquartierung als gänzlichen Ruins unterworfen, resolvierete
ich mich wieder um mitzumachen, sofern er mir seine Parola halten und
die Obrist-Leutnantstelle geben wollte.
Also ward die Glocke gegossen, ich ließ meinen Knän holen, derselbe
war noch mit meinem Viehe zu Bayrischbrunn, verschrieb ihm meinen Hof
vor Eigentum, doch daß ihn nach seinem Tod der Magdsohn erben sollte,
weil kein ehelicher Erbe vorhanden. Folgends holete ich mein Pferd und
was ich noch an Geld und Kleinodien hatte. Da ward die Einquartierung
plötzlich aufgehoben und wir mußten, ehe wir uns dessen versahen zur
Hauptarmee marschieren.
Die torstensohnischen Promessen, mit denen sich der Obrist auf meinem
Hof breit gemachet, waren bei weitem nicht so groß, als er vorgeben, er
ward vielmehr nur über die Achsel angesehen. Und demnach er argwöhnete,
daß ich mich bei ihm in die Länge nicht gedulden würde, dichtete er
Briefe, als wenn er in Livland, allwo er zu Haus war, ein frisch
Regiment zu werben hätte, und überredete mich, daß ich gleich ihm zu
Wismar aufsaß und mit nach Livland fuhr. Allein er hatte kein Regiment
zu werben und war auch sonsten ein blutarmer Edelmann.
Obzwar nun ich mich hatte zweimal betrügen und so weit hinweg
führen lassen, so ging ich doch auch das dritte Mal an, dann er
wiese mir Schreiben vor, die er aus Moskau bekommen, in welchen ihm
hohe Kriegschargen angetragen wurden. Und weil er gleich mit Weib
und Kindern aufbrach, dachte ich, er wird ja um der Gänse willen
nicht hinziehen. -- An der reußischen Grenze begegneten uns aber
unterschiedliche abgedankte deutsche Soldaten, vornehmlich Offizierer,
also daß mir anfing zu graueln.
»Was Teufels machen wir! Wo Krieg ist ziehen wir hinweg, und wo es
Friede und die Soldaten abgedankt werden, da kommen wir hin?«
Er gab mir immer gute Worte, ich sollte ihn nur sorgen lassen, er wüßte
besser, was zu tun sei.
Nachdem wir nun sicher in der Stadt Moskau angekommen, konferierte mein
Obrist täglich mit den Magnaten und vielmehr noch mit dem Metropoliten.
Endlich gab er mir bekannt, daß es nichts mehr mit dem Krieg wäre, und
daß ihn sein Gewissen treibe, die griechische Religion anzunehmen. Sein
treuherziger Rat wäre, weil er mir ohndas nunmehr nicht helfen könnte,
wie er versprochen, ich sollte ihm nachfolgen. Des Zaren Majestät hätte
bereits gute Nachricht von meiner Person und vortrefflichen Qualitäten,
die würden gnädigst belieben, sofern ich mich fügen wollte, mich als
einen Kavalier mit einem stattlichen Gut und vielen Untertanen zu
begnadigen.
Ich ward hierüber ganz bestürzt, deswegen ich dann, eh ich mich auf
eine Antwort resolvieren konnte, lange stillschwieg. Endlich brachte
ich vor, ich wäre gekommen ihrer zarischen Majestät als ein Soldat zu
dienen, seien nun dieselbe meiner Kriegsdienste nicht bedörftig, so
könnte ich nichts ändern, daß aber dieselbe mir eine so hohe zarische
Gnade allergnädigst widerfahren zu lassen geruhten, wäre mir mehr
Pflicht zu rühmen, als solche alleruntertänigst zu acceptieren, weil
ich mich meine Religion zu ändern noch zurzeit nicht entschließen
könnte, wünschete vielmehr, daß ich wiederum im Schwarzwald auf meinem
Baurenhof säße.
Hierauf antwortete er: »Der Herr tue nach seinem Belieben, allein
ich hätte vermeinet, wann Ihn Gott und das Glück grüßeten, so sollte
Er beiden billig danken. Wann Er sich ja nicht helfen lassen und Er
gleichsam wie ein Prinz leben will, so verhoffe ich gleichwohl, Er
werde davor halten, ich habe an Ihm das Meinige nach äußersten Vermögen
zu tun keinen Fleiß gesparet.«
Daraufhin machte er einen tiefen Bückling, ging seines Wegs und ließ
mich dort sitzen, ohn daß er zulassen wollte, ihm nur bis zur Tür das
Geleite zu geben.
Als ich nun ganz perplex dasaß und meinen damaligen Zustand
betrachtete, hörete ich zween reußische Wägen vor unserm Losament.
Sahe darauf zum Fenster hinaus und wie mein guter Herr Obrister mit
seinen Söhnen in dem einen und die Frau Obristin mit ihren Töchtern in
den andern einstieg. Es waren großfürstliche Fuhren und Livrei zumalen
etliche Geistliche dabei, so diesem Ehevolk gleichsam aufwarteten und
allen guten, geneigten Willen erzeugeten.