Ich lase einsmals, was das Orakel den römischen Abgesandten, als sie es
fragten, was sie tun müßten, damit ihre Untertanen friedlich regiert
würden, zur Antwort gabe: »~Nosce te ipsum~«, das ist: Es soll sich
jeder selbst erkennen. Solches machte, daß ich mich hintersann und
Rechnung über mein geführtes Leben begehrete. Da sagte ich alsdann zu
mir selbst:
Dein Leben ist kein Leben gewesen sondern ein Tod, deine Tage ein
schwerer Schatten, deine Jahre ein schwerer Traum, deine Wollüste
schwere Sünden, deine Jugend eine Phantasei, deine Wohlfahrt ein
Alchimistenschatz, der zum Schornstein hinausfähret und dich verläßt,
eh du dich dessen versiehst. Du hast im Krieg viel Glück und Unglück
eingenommen, bist bald hoch, bald nieder, bald groß, bald klein, bald
reich, bald arm, bald fröhlich, bald betrübt, beliebt und verhaßt,
geehrt und veracht gewesen -- aber nun du, meine arme Seele, was hast
du von dieser ganzen Reise zuwege gebracht?
Arm bin ich an Gut, mein Herz ist beschwert mit Sorgen, zu allem
Guten bin ich faul, träg und verderbt. Mein Gewissen ist ängstlich
und beladen, ich bin mit Sünden überhäuft und abscheulich besudelt.
Der Leib ist müde, der Verstand verwirrt, die Unschuld ist hin, meine
beste Jugend verschlissen, die edle Zeit verloren. Nichts ist, das mich
erfreuet, ich bin mir selber feind.
Mit solchen Gedanken quälte ich mich täglich und eben damals kamen mir
etliche Schriften des Antonio de Guevara unter die Hände, davon ich
etwas zum Beschluß hierher setze, weil sie kräftig waren, mir die Welt
vollends zu verleiten.
Diese lauten also:
~Adieu~ Welt, dann auf dich ist nicht zu trauen. In deinem Haus ist
das Vergangene schon verschwunden, das Gegenwärtige verschwindet uns
unter den Händen, das Zukünftige hat nie angefangen, also daß du ein
Toter bist unter den Toten und in hundert Jahren läßt du uns nicht eine
Stunde leben.
~Adieu~ Welt, dann du nimmst uns gefangen und läßt uns nicht wieder
ledig, du bindest uns und lösest uns nicht wieder auf, du tötest ohne
Urteil, begräbst ohne Sterben. Bei dir ist keine Freude ohne Kummer,
kein Fried ohn Uneinigkeit, keine Ruhe ohne Forcht, keine Fülle ohne
Mängel, keine Ehre ohne Makel, kein Gut ohne bös Gewissen, keine
Freundschaft ohne Falschheit.
~Adieu~ Welt, dann in deinem Palast dienet man ohn Entgelt, man
liebkoset, um zu töten, man erhöhet, um zu stürzen, man hilft, um zu
fällen, man ehrt, um zu schänden, man straft ohn Verzeihen.
Behüt dich Gott, Welt, dann in deinem Haus werden die großen Herren
und Favoriten gestürzet, die Unwürdigen herfürgezogen, Verräter mit
Gnaden angesehen, Getreue in Winkel gestellet, Unschuldige verurteilet,
den Weisen und Qualifizierten gibt man Urlaub, den Ungeschickten große
Besoldung, den Hinterlistigen wird geglaubet, und Aufrichtige und
Redliche haben keinen Kredit. Ein jeder tut, was er will, und keiner,
was er soll.
~Adieu~ Welt, dann in dir wird niemand mit seinem rechten Namen
genennet, den Vermessenen nennt man kühn, den Verzagten fürsichtig,
den Ungestümen emsig, den Nachlässigen friedsam, ein Verschwender wird
herrlich genannt, ein Karger eingezogen. Einen hinterlistigen Schwätzer
und Plauderer nennet man beredt, den Stillen einen Narren oder
Phantasten, einen Ehebrecher und Jungfrauenschänder nennt man einen
Buhler, einen Unflat nennt man Hofmann, einen Rachgierigen eifrig,
einen Sanftmütigen einen Phantasten.
~Adieu~ Welt, dann du verführest jedermann: den Ehrgeizigen verheißest
du Ehre, dem Unruhigen Veränderung, dem Hochtragenden Fürstengnade, dem
Nachlässigen Ämter, Fressern und Unkeuschen Freude und Wollust, Feinden
Rache, Dieben Heimlichkeit.
~Adieu~ Welt, dann in deinem Palast findet weder Wahrheit noch Treue
Herberge! Wer mit dir redet, wird verschamt, wer dir trauet, betrogen,
wer dir folget, verführt. Du betreugst, stürzest, schändest, besudelst,
drohest, vergissest jedermann; dannenhero weinet, seufzet, jammert,
klaget und verderbt jedermann und jedermann nimmt ein Ende. Bei dir
siehet und lernet man nichts, als einander hassen bis zum Würgen, reden
bis zum Lügen, lieben bis zum Verzweifeln, handeln bis zum Stehlen,
bitten bis zum Betrügen, sündigen bis zum Sterben.
Behüt dich Gott, Welt, dann dieweil man dir nachgehet verzehret man
die Zeit in Vergessenheit, die Jugend mit Rennen, Laufen, Spielen,
die Mannheit mit Pflanzen und Bauen, Sorgen und Klagen, Kaufen und
Verkaufen, Zanken, Hadern, Kriegen, Lügen und Betrügen, das Alter in
Jammer und Elend, ~in summa~ nichts als Mühe und Arbeit bis in den Tod.
~Adieu~ Welt, dann niemand ist mit dir content oder zufrieden. Ist er
arm, so will er haben, ist er reich, so will er gelten, ist er veracht,
so will er hoch steigen, ist er beleidigt, so will er sich rächen, ist
er in Gnaden, so will er viel gebieten, ist er lasterhaftig, so will er
nur bei gutem Mut sein.
~Adieu~ Welt, dann bei dir ist nichts beständig. Die hohen Türme werden
vom Blitz erschlagen, die Mühlen vom Wasser hinweggeführet, das Holz
wird von Würmern, das Korn von Mäusen, die Frucht von Raupen, die
Kleider von Schaben gefressen. Das Viehe verdirbt vor Alter, der Mensch
vor Krankheit.
O Welt, behüt dich Gott, dann in deinem Haus führet man weder ein
heilig Leben noch einen gleichmäßigen Tod, der eine stirbt in der
Wiege, der ander in der Jugend auf dem Bette, der dritt am Strick, der
viert am Schwert, der fünft am Rad, der sechst auf dem Scheiterhaufen,
der siebend im Weinglas, der acht in Freßhafen, der neunt verworgt am
Gift, der zehnt durch Zauberei, der elft stirbt in der Schlacht, der
zwölft ertränkt seine arme Seel im Tintenfaß.
Behüt dich Gott, Welt, dann mich verdreußt deine ~Conversation~!
Das Leben, das du uns gibst, ist eine elende Pilgerfahrt, ein
unbeständiges, ungewisses, hartes, rauhes, hinflüchtiges und unreines
Leben voll Armseligkeit und Irrtum. Du lässest dich der Bitterkeit
des Todes, mit deren du umgeben und durchsalzen bist, nicht genügen,
sondern betreugst noch darzu die meisten mit deinem Schmeicheln. Du
gibst aus dem goldenen Kelch Lüge und Falschheit zu trinken und machest
blind, taub, toll, voll und sinnlos. Du machst aus uns einen finsteren
Abgrund, ein elendes Erdreich, ein Kind des Zorns, ein stinkend Aas,
ein unreines Geschirr in der Mistgrube voller Gestank und Greuel.
Darum, o Welt, behüt dich Gott!
~Adieu~, o Welt, o schnöde, arge Welt! Anstatt deiner Freuden und
Wollüste werden die bösen Geister an die unbußfertigen, verdammten
Seelen Hand anlegen und sie in einem Augenblick in den Abgrund der
Hölle reißen. Alsdann ist alle Hoffnung der Gnade und Milderung aus!
Und je mehr einer sich bei dir, o arge, schnöde Welt, hat herrlich
gemachet, je mehr schenket man ihm Qual und Leiden ein, dann so
erforderts die göttliche Gerechtigkeit! Alsdann wird die arme Seele
ächzen: Verflucht seist du, Welt, weil ich durch dein Anstiften Gottes
und meiner selbst vergessen! Verflucht sei die Stunde, in deren Schoß
mich Gott erschuf! Verflucht der Tag, darin ich geboren bin! O ihr
Berge, Hügel und Felsen, fallet auf mich und verberget mich vor dem
grimmigen Zorn des Lamms, vor dem Angesicht dessen, der auf dem Stuhl
sitzet! Ach Wehe und aber Wehe in Ewigkeit!
O Welt, du unreine Welt, derhalben beschwöre ich dich, ich bitte, ich
versuche, ich ermahne dich und protestiere wider dich, du wollest
keinen Teil mehr an mir haben!
Ich habe das Ende gesetzt der Sorge. Lebet wohl, Hoffnung und Glück!
* * * * *
Diese Worte erwog ich mit Fleiß und stetigem Nachdenken. Endlich
verließ ich die Welt und wurde wieder Einsiedel. Ich hätte gern bei
meinem Sauerbrunn im Muckenloch gewohnet, aber die Bauren in der
Nachbarschaft wollten es nicht leiden. Sie besorgten, ich würde den
Brunn verraten.
Ich begab mich deshalb in eine andere Wildnus und fing mein spessarter
Leben wieder an.
Gott verleihe uns allen seine Gnade, das wir allesamt das von ihm
erlangen, woran uns am meisten gelegen: nämlich ein seliges
_Ende_!
Dieses Buch wurde als zweiter Band der Jahresreihe 1919/1920 für
den Volksverband der Bücherfreunde hergestellt. Herausgegeben
von E. G. Kolbenheyer. Gedruckt wurde der Band von der Druckerei
Poeschel & Trepte, Leipzig, in der altschwabacher Drucktype. Der
Entwurf zum Einband, der vom Kunstmaler Willy Belling stammt,
wurde in der Spamer'schen Buchdruckerei, Leipzig, in Offsetdruck
hergestellt.
Ausschließlich für die Mitglieder des Volksverbands der
Bücherfreunde.
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| Anmerkungen zur Transkription |
| |
| Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
| gebräuchlich waren, wie: |
| |
| abgefäumt -- abgefeumt |
| accomodiert -- accommodiert |
| accordieren -- akkordieren |
| Affection -- Affektion |
| Bauersmann -- Baursmann |
| Belägerung -- Belagerung |
| blies -- bließ |
| Böck -- Böcke |
| bößen -- bösen |
| Cavalcada -- Cavalcade |
| dabei -- darbei |
| dagegen -- dargegen |
| darauf -- drauf |
| discurierte -- diskurierte -- diskutierte |
| Doctor -- Doktor |
| dorfte -- dörfte |
| Ehestand -- Ehstand |
| eigene -- eigne |
| Erlaubnis -- Erlaubnus |
| Eskadron -- Esquadronen |
| Faßnacht -- Fastnacht |
| Feldwaibel -- Feldweibel |
| Fußstapfen -- Fußtapfen |
| Gansstall -- Gänsstall |
| Gebärden -- Geberden |
| Gedächtnis -- Gedächtnus |
| Gefängnis -- Gefängnus |
| gräulich -- greulich |
| Hellebarden -- Hellebarten |
| hie- -- hier- |
| hiesigen -- hießigen |
| irgendswo -- irgendwo |
| ist's -- ists |
| Kapitain -- Kapitän |
| Lucifer -- Luzifer |
| Mauer -- Maur |
| Obrist-Leutenant -- Obrist-Leutnant |
| öffentliche -- offentliche |
| Paradeis -- Paradies |
| perfecter -- perfekter |
| Phantasei -- Phantasie |
| Präceptor -- Praeceptor |
| prakticiert -- praktiziert |
| Rauberei -- Räuberei |
| Ruben -- Rüben |
| Sattel-Zeug -- Sattelzeug |
| schrieen -- schrien |
| Schultz -- Schulz |
| Schwäher -- Schweher -- Schwehr |
| seind -- sind |
| stack -- stak |
| Stiegelhüpfer -- Stieglhupfer |
| Taback -- Tabak -- Tobak |
| ungeheuere -- ungeheure |
| unmöglich -- unmüglich |
| unseren -- unsern |
| unverholen -- unverhohlen |
| verträulich -- vertraulich -- vertreulich |
| Vorteil -- Vortel |
| Wammesklopfer -- Wamsklopfer |
| zehen -- zehn |
| zuforderst -- zuvorderst |
| zwanzig -- zwenzig |
| |
| Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
| Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
| |
| S. 4 »Erdboten« in »Erdboden« geändert. |
| S. 11 »Geis« in »Geiß« geändert. |
| S. 14 »vohin« in »wohin« geändert. |
| S. 18 »bedunkte« in »bedünkte« geändert. |
| S. 24 »Parrherrn« in »Pfarrherrn« geändert. |
| S. 29 »Officierer« in »Offizierer« geändert. |
| S. 31 »müßen« in »müssen« geändert. |
| S. 39 »Corps de Guarde« in »Corps de Garde« geändert. |
| S. 45 »abgegeangen« in »abgegangen« geändert. |
| S. 46 »Mannsfelder« in »Mansfelder« geändert. |
| S. 47 »wollinen« in »wollenen« geändert. |
| S. 59 »Einsiedl« in »Einsiedel« geändert. |
| S. 59 »solichs« in »solches« geändert. |
| S. 63 »sattgessen« in »sattgegessen« geändert. |
| S. 67 »Bulerei« in »Buhlerei« geändert. |
| S. 76 »mollte« in »wollte« geändert. |
| S. 77 »Unsachen« in »Ursachen« geändert. |
| S. 79 »erschüge« in »erschlüge« geändert. |
| S. 97 »Immagination« in »Imagination« geändert. |
| S. 98 »Nabochodonosor« in »Nabuchodonosor« geändert. |
| S. 103 »Orfeigen« in »Ohrfeigen« geändert. |
| S. 108 »forchterlich« in »förchterlich« geändert. |
| S. 111 »hamburger und zerbster Bier« in |
| »Hamburger und Zerbster Bier« geändert. |
| S. 114 »aus Befehl« in »auf Befehl« geändert. |
| S. 123 »war beliebt« in »was beliebt« geändert. |
| S. 131 »Kurasche« in »Courage« geändert. |
| S. 137 »allerfeulste« in »allerfäulste« geändert. |
| S. 137 »salvaguadiert« in »salvaguardiert« geändert. |
| S. 140 »Goesfeld« in »Coesfeld« geändert. |
| S. 142 »Reckinghusen« in »Recklinghausen« geändert. |
| S. 146 »Geisbock« in »Geißbock« geändert. |
| S. 147 »Wohlerwürden« in »Wohlehrwürden« geändert. |
| S. 155 »was du wilt« in »was du willst« geändert. |
| S. 171 »Reckinghausen« in »Recklinghausen« geändert. |
| S. 173 »dahingenen« in »dahingegen« geändert. |
| S. 175 »wider« in »wieder« geändert. |
| S. 181 »gnug« in »genug« geändert. |
| S. 197 »Narre« in »Narren« geändert. |
| S. 204 »selbt« in »selbst« geändert. |
| S. 204 »gemanglet« in »gemangelt« geändert. |
| S. 211 »Krobaten« in »Kroaten« geändert. |
| S. 215 »Schaz« in »Schatz« geändert. |
| S. 218 »Copei« in »Copie« geändert. |
| S. 218 »Halb« in »halb« geändert. |
| S. 228 »instruieret« in »instruierte« geändert. |
| S. 237 »Latern« in »Laterne« geändert. |
| S. 243 »verstrochene« in »versprochene« geändert. |
| S. 247 »machtst« in »machst« geändert. |
| S. 253 »krigte« in »kriegte« geändert. |
| S. 254 »Welicher« in »Welcher« geändert. |
| S. 258 »muße« in »mußte« geändert. |
| S. 285 »gesannte« in »gespannte« geändert. |
| S. 286 »wachet« in »machet« geändert. |
| S. 292 »Tot« in »Tod« geändert. |
| S. 298 »Spectakul« in »Spektakul« geändert. |
| S. 299 »wiederteuferisch« in »wiedertäuferisch« geändert. |
| S. 302 »Begegnussen« in »Begegnüssen« geändert. |
| S. 305 »verdrebt« in »verderbt« geändert. |
| S. 313 »stürtzete« in »stürzete« geändert. |
| S. 316 »bezahte« in »bezahlte« geändert. |
| S. 328 »Weißel« in »Weisel« geändert. |
| S. 331 »Samogeten« in »Samojeden« geändert. |
| S. 336 »kommen« in »komme« geändert. |
| S. 341 »jetz« in »jetzt« geändert. |
| S. 345 »uns« in »und« geändert. |
| S. 351 »ihn« in »ihm« geändert. |
| S. 352 »Stelitzen« in »Strelitzen« geändert. |
| S. 354 »Wisseuschaften« in »Wissenschaften« geändert. |
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