Also kamen wir ins Gespräch und ich genoß so vieler Höflichkeit von
ihnen, daß sie mich hießen zu Feuer niedersitzen und mir ein Stück
schwarz Brot und magern Kühkäs anboten, welches ich gern annahm.
Endlich wurden sie so verträulich, daß sie mir zumuteten, ich sollte
ihnen als fahrender Schüler gute Wahrheit sagen. Da fing ich an einem
nach dem andern auf seine Hand hin aufzuschneiden, was ich meinete,
daß es ihnen wohl gelegen sei. Sie begehreten weiterhin allerhand
fürwitzige Künste von mir zu lernen, ich aber vertröstete sie auf den
künftigen Tag, und begehrete, daß sie mich ein wenig ruhen wollten
lassen. Legte mich also beiseits, mehr zu horchen als zu schlafen. Je
mehr ich nun schnarchte, je wachsamer sie sich erzeigeten. Sie stießen
die Köpfe zusammen und fingen an zu beraten, wer ich sein möchte. Vor
keinen Soldaten wollten sie mich halten, weil ich ein schwarz Kleid
antrug, und vor keinen Bürgerskerl konnten sie mich schätzen, weil ich
zu einer solchen ungewöhnlichen Zeit so fern von den Leuten in das
Mückenloch (so heißet der Wald) angestochen käme. Zuletzt beschlossen
sie, ich müßte dannoch ein lateinischer Handwerksgeselle sein, der
verirrt wäre, oder ein fahrender Schüler, weil ich so trefflich
wahrsagen konnte.
»Ja,« fing einer an, »er hat darum doch nicht alles gewußt. Etwan ist
er ein loser Krieger und hat sich so verkleidet, unser Viehe und die
Schliche im Wald auszukunden. Ach, daß wir es wüßten, wir wollten ihn
schlafen legen, daß er das Aufstehen vergessen sollte!«
Indessen lag ich dort und spitzte die Ohren. Ich gedachte: werden mich
diese Knollfinken angreifen, so muß mir zuvor einer oder drei ins Gras
beißen.
Demnach nun diese ratschlagten und ich mich mit Sorgen ängstigte,
ward mir gähling, als ob ein Bettnässer bei mir läge, dann ich lag
unversehens ganz naß. ~O mirum!~ Da war Troja verloren! Alle meine
trefflichen Anschläge waren dahin, dann ich merkte am Geruch, daß es
mein Sauerbrunn war. Da geriet ich vor Zorn und Unwillen in eine solche
Raserei, daß ich mich beinahe mit den sechs Bauren eingelassen und
herumgeschlagen hätte.
»Ihr gottlosen Flegel! An diesem Sauerbrunn, der auf meiner Lagerstätte
hervorquillet, könnet ihr merken, wer ich sei! Es wäre kein Wunder, ich
strafe Euch alle, daß euch der Teufel holen möchte, weil ihr so böse
Gedanken traget.«
Machte darauf so bedrohliche und erschröckliche Mienen, daß sie sich
alle vor mir entsatzten. Doch kam ich wieder zu mir selber und dachte,
besser den Sauerbrunn als das Leben verloren, gab ihnen derhalben gute
Worte und sagte: »Stehet auf und versuchet den herrlichen Sauerbrunn,
den ihr und alle Harz- und Holzmacher hinfort in dieser Wildnus
meinetwegen zu genießen haben werdet.«
Sie sahen einander an wie lebendige Stockfische, bis sie merkten, daß
ich fein nüchtern aus meinem Hut den ersten Trunk tät. Da stunden sie
nacheinander vom Feuer auf, besahen das Wunder, versuchten das Wasser
und begannen zu lästern: Sie wollten, daß ich mit meinem Sauerbrunn an
einen andern Ort geraten wäre, dann sollte ihre Herrschaft dessen inne
werden, so müßte das ganze Amt Dornstädt fröhnen und Wege darzu machen.
»Dahingegen«, sagte ich, »habet ihr dessen alle zu genießen. Eure
Hühner, Eier, Butter, Viehe und alles könnet ihr besser ans Geld
bringen.«
»Nein, nein,« riefen sie, »nein! Die Herrschaft setzt einen Wirt hin,
der wird allein reich und wir müssen seine Narren sein, ihm Wege und
Stege erhalten und werden keinen Dank darzu haben!«
Zuletzt entzweiten sie sich, zween wollten den Sauerbrunn behalten,
vier muteten mir zu, ich sollte ihn wieder abschaffen. Weil aber
nunmehr Tag vorhanden war und ich nichts mehr da zu tun hatte, sagte
ich, wann sie nicht wollten, daß alle Kühe im ganzen bayersbrunner Tal
rote Milch geben sollten, solang der Brunn liefe, so sollten sie mir
alsobald den Weg in Seebach weisen. Sie gaben mir zwei mit, maßen sich
einer allein bei mir forchtete.
Also schied ich von dannen und obzwar dieselbe ganze Gegend unfruchtbar
war und nichts als Tannzapfen trug, so hätte ich sie doch noch elender
verfluchen mögen, weil ich alle meine Hoffnung daselbst verloren. --
Nach vieler Mühe und Arbeit kam ich gegen Abend wieder heim auf meinen
Baurenhof und sahe, daß mein Knän mir wahrgesagt hatte: nichts als müde
Beine und den Hergang vor den Hingang würde ich von dieser Wallfahrt
haben.
Nach meiner Heimkunft hielt ich mich gar eingezogen, meine größte
Freude und Ergötzung war, hinter den Büchern zu sitzen, deren ich mir
dann viel beischaffte, so von allerhand Sachen handelten, sonderlich
die eines großen Nachsinnens bedörfen. Aber ~Grammaticam~ und
~Arithmeticam~, ~Mathematicam~ und ~Geometriam~ auch ~Astronomiam~
warf ich bald von mir, teils sie mir gar bald erleidet und ich ihrer
überdrüssig ward, teils sie mich zwar trefflich erlustigten aber mir
endlich auch falsch und ungewiß vorkamen, also, daß ich mich auch nicht
länger mit ihnen schleppen mochte. Bei der Lullischen Kunst befand ich
viel Geschrei und wenig Wolle. Ich machte mich hinter die ~Kabbala~ der
Hebräer und ~Hieroglyphicas~ der Egypter, fand aber als Allerletztes
von allen meinen Künsten und Wissenschaften, daß keine bessere sei als
~Theologia~.
Nach derselben Richtschnure erfand ich vor die Menschen eine Art
zu leben, die mehr englisch als menschlich sein könnte. Es sollte
sich meines Davorhaltens eine Gesellschaft zusammen tun beides:
von verehelichten als ledigen so Manns- als Weibspersonen, die
auf Manier der Wiedertäufer allein sich beflissen, unter einem
verständigen Vorsteher durch ihrer Hände Arbeit ihren Unterhalt zu
gewinnen und sich die übrige Zeit mit dem Lob und Dienst Gottes und
um ihrer Seelen Seligkeit zu bemühen. Ich hatte hiebevor in Ungarn
auf den wiedertäuferischen Höfen ein solches Leben gesehen und vor
das seligste in der ganzen Welt geschätzet, dann sie kamen mir in
ihrem Tun und Leben allerdings für wie die jüdischen Essäer. Sie
hatten erstlich große Schätze und überflüssige Nahrung, die sie aber
keineswegs verschwendeten. Kein Fluch, Murmelung, noch Ungeduld ward
bei ihnen gespüret, ja, man hörete kein unnützes Wort. Da sahe ich
Handwerker in ihren Werkstätten arbeiten, als wann sie es verdingt
hätten. Ihr Schulmeister unterrichtete die Jugend, als wann sie alle
seine leiblichen Kinder gewesen wären. Nirgends sahe ich Manns- und
Weibsbilder untereinander vermischt, sondern an jedem bestimmten Ort
auch jedes Geschlecht absonderlich seine obliegend Arbeit verrichten.
Ich fand Zimmer, in welchen nur Kindbetterinnen waren, die ohne
Obsorge ihrer Männer durch ihre Mitschwestern mit aller notwendigen
Pflege samt ihren Kindern reichlich versehen wurden. Andere sonderbare
Säle standen voll Wiegen mit Säuglingen, die von andern Weibern, das
waren Witwen, beobachtet wurden, daß sich deren Mütter ferners nicht
um sie bekümmern durften, als wann sie täglich zu dreien gewissen
Zeiten kamen, ihnen ihre mildreichen Brüste zu bieten. Anderswo sahe
ich das weibliche Geschlecht sonst nichts tun als spinnen, also daß man
über die hundert Kunkeln oder Spinnrocken in einem Zimmer beieinander
antraf. Da war eine die Wäscherin, die andere die Bettmacherin, die
dritte Viehmagd, die vierte Schüsselwäscherin, die fünfte Kellerin, die
sechste hatte das weiße Zeug zu verwalten und also auch die übrigen
alle wußten eine jede, was sie tun sollten. Und gleichwie die Ämter
unter dem weiblichen Geschlecht ordentlich ausgeteilet waren, also
wußte auch unter den Männern und Jünglingen ein jeder sein Geschäft.
Die Kranken hatten Wärter und Wärterin und stund ihnen ein allgemeiner
~Medicus~ und Apotheker bei, wiewohl sie wegen löblicher Diät und
guter Ordnung selten erkrankten. Sie hatten ihre gewissen Stunden
zum Essen und Schlafen, aber keine einzige Minute zum Spielen noch
Spazieren, außerhalb die Jugend, welche mit ihrem Präceptor jedesmal
nach dem Essen der Gesundheit halber eine Stunde spazierte. Da war kein
Zorn, kein Eifer, keine Rachgier, kein Neid, keine Feindschaft, keine
Sorge um Zeitliches, keine Hoffart, keine Reue. Kein Mann sahe sein
Weib, als wann er auf die bestimmte Zeit sich mit derselben in seiner
Schlafkammer befand, in welcher er sein zugerichtetes Bette und sonst
nichts darbei als einen Wasserkrug und weißen Handzwilch fand, damit
sie mit gewaschenen Händen schlafen gehen und des Morgens an die Arbeit
aufstehen möchten. Und alle hießen einander Schwester und Bruder, und
war doch solche ehrbare Verträulichkeit keine Ursache unkeusch zu sein.
Ein solches seliges Leben, wie diese Wiedertäuferischen Ketzer führten,
hätte ich gern auch aufgebracht. Und hätte als ein anderer ~Dominicus~
oder ~Franciscus~ einer solchen vereinigten Christengesellschaft
meinen Hof und ganzes Vermögen zum besten gegeben, unter denselben ein
Mitglied zu sein. Aber mein Knän profezeite mir stracks, daß ich wohl
nimmermehr solche Bursche zusammenbringen würde.