Ich pausierte ein wenig und bedachte mich, aber der König sagte, er
hätte bereits so viel gehöret, daß er nicht mehr zu wissen begehrete,
wann ich wollte, so sollten sie mich gleich wieder an den Ort bringen,
von wo sie mich genommen. Wollte ich aber eins oder das andere
beschauen, so sollte ich in seinem Reiche sicher begleitet sein und
alsdann werde ich mit einer Verehrung abgefertigt werden, daß ich
zufrieden sein könnte. Da ich mich aber zu nichts entschließen konnte,
wandte er sich zu etlichen, die eben in den Abgrund des ~Mare del Zur~
sich begaben. »Nehmt ihn mit und bringet ihn bald wieder, damit er noch
heut auf den Erdboden gestellet werde!« Zu mir sagte er, ich möchte
mich auf einen Wunsch besinnen.
Durch ein Loch, das etliche hundert Meilen lang war, kamen wir auf den
Grund des friedsamen Meeres ~del Zur~, darauf standen Korallenzinken
so groß wie Eichbäume, von denen sie zur Speise mit sich nahmen, was
noch nicht erhärtet und gefärbet war, dann sie pflegten sie zu essen,
wie wir die jungen Hirschgeweihe. Da sahe ich Schneckenhäuser so groß
als ein Rondell und breit als ein Scheuertor. ~Item~ Perlen so dick
als Fäuste, welche sie anstatt der Eier aßen. Der Boden lag überall
mit Smaragden, Türkis, Rubinen, Diamanten und andern Edelsteinen
überstreut, gemeiniglich so groß wie Bachkiesel. Da sahe man hier und
dort gewaltige Schröffen viel Meilwegs in die Höhe ragen, die vor das
Wasser hinausgingen und lustige Insuln trugen. Sie waren rund herum mit
allerhand wunderbarlichen Meergewächsen gezieret und von mancherlei
seltsamen Kreaturen bewohnet. Die Fische aber, groß und klein, von
unzählbarer Art vagierten über uns im Wasser herum und gemahneten mich
allerdings an so vielerlei Vögel, die sich in Frühlingszeit und im
Herbst bei uns in der Luft erlustieren.
Als der, in dessen Obhut ich befohlen war, sahe, wie mir alles so
wunderbarlich vorkam und ich darüber erstaunete, daß sie als Peruaner,
Brasilianer, Mexikaner und Insulaner ~de los latrones~ dannoch so gut
deutsch redeten, da sagte er, daß sie nicht mehr als eine Sprache
könnten, die aber alle Völker auf den ganzen Umkreis der Erden in ihrer
Sprache verstünden und sie hingegen wiederum, welches daher komme,
daß ihr Geschlecht mit der Torheit des babylonischen Turmes nichts zu
schaffen hätte.
Weil sich nun meine Begleitung genugsam verproviantiert hatte, kehrten
wir in das ~Centrum~ der Erde zurück. Auf dem Wege sagte ich, die
Wunder, die ich bisher gesehen, hätten mich so gar aus mir selbst
gebracht, daß ich mich auf nichts bedenken könnte, sie wollten mir
raten, was ich von dem König begehren sollte. Meine Meinung wäre, von
ihm einen Gesundbrunnen auf meinen Hof zu erbitten, wie derjenige wäre,
der neulich von sich selbst in Deutschland entsprungen sei. Mein Führer
antwortete mir, solches würde in seines Königs Macht nicht stehen.
Darauf fragte ich nach Ursach dessen und er antwortete: »Es befinden
sich hin und wieder in der Erde leere Stätten, die sich nach und nach
mit allerhand Metallen ausfüllen, schläget sich zu Zeiten durch die
Spälte aus dem ~Centro~, davon alle Quellen getrieben werden, Wasser
darzu, welches dann um und zwischen den Metallen viel hundert Jahr
sich enthält und der Metallen edle Art und heilsame Eigenschaften an
sich nimmt, und suchet es endlich durch seinen starken Trieb einen
Auslauf, so wird das Heilwasser nach so und soviel hundert Jahren zum
allerersten ausgestoßen und tät alsdann in denen menschlichen Körpern
die wunderbarliche Wirkung, die man an solchen neuen Heilbrunnen
siehet. So es aber in schnellem Lauf durch die Metalle passieret,
vermöchte es keine Tugenden oder Kräfte von den Metallen an sich
nehmen.« Wann ich die Gesundheit, sagte er, so sehr affectiere, so
sollte ich den König ersuchen, daß er mich dem König der Salamander,
mit welchem er in Korrespondenz stünde, in eine Kur empfehle. Derselbe
könne die menschlichen Körper durch einen Edelstein begaben, daß sie
in keinem Feuer verbrennen mögen. Wenn man solche Menschen wie eine
schleimige, alte, stinkende Tabakspfeife mitten in das Feuer setze, da
verzehrten sich dann alle bösen Humores und schädlichen Feuchtigkeiten,
und komme ein Patient wieder so jung, frisch, gesund und neugeschaffen
hervor, als wann er ~Elixir Theophrasti~ eingenommen hätte.
Ich wußte nicht, ob mich der Kerl foppte oder ob es ihm ernst war, doch
bedankte ich mich der vertraulichen ~Communication~ und sagte, ich
besorge diese Kur sei mir als einem ~Cholerico~ zu hitzig. Mir würde
nichts Lieberes sein, als wann ich meinen Mitmenschen eine heilsame,
rare Quelle mit mir auf den Erdboden bringen könnte, welches ihnen zu
Nutz, dem Könige im ~Centro~ der Erden zur Ehre, mir aber zu einem
unsterblichen Namen und ewigem Gedächtnus gereichen würde. Darauf mußte
ich hören, daß der König im ~Centro~ der Erden der Ehre oder Schande,
so ihm unter den Menschen zugelegt werde, gleichviel achte.
Mithin kamen wir wiederum vor das Angesicht des Königs, da bemerkte
ich, wie die Sonne einen See nach dem andern beschiene und ihre
Strahlen bis in diese schröckliche Tiefe herunter warf, also daß den
Sylphis niemalen kein Licht mangelte. Man brauchte zum Imbiß weder Wein
noch stark Getränke, aber anstatt dessen tranken sie Perlen, als welche
noch nicht erhärtet waren, aus; die gaben ihnen treffliche Stärke.
Indessen hatte sich die Zeit genähert, daß ich wieder heim sollte,
derhalben befahl der König, ich sollte meinen Wunsch tun. Da antwortete
ich, es könnte mir keine größere Gnade widerfahren, als wann er mir
einen rechtschaffenen medicinalischen Sauerbrunn auf meinen Hof würde
zukommen lassen.
»Ist es nur das? Ich hätte vermeint, du würdest etliche große Smaragde
mit dir nehmen. Jetzt sehe ich, daß kein Geiz bei euch Christen ist.«
Mithin reichte er mir einen Stein von seltsam wechselnden Farben und
sagte: »Diesen stecke zu dir. Wo du ihn auf den Erdboden legen wirst,
daselbst wird er anfahen, das ~Centrum~ wieder zu suchen und die
bequemsten Mineralia durchgehen, bis er wieder zu uns kommt und dir
unsretwegen eine herrliche Sauerbrunnquelle zuschicket, die dir so wohl
bekommen und zuschlagen soll, als du mit Eröffnung der Wahrheit um uns
verdienet hast.«
Darauf nahm mich der Fürst vom Mummelsee wieder in sein Geleit. Diese
Heimfahrt dünkte mich viel weiter als die Hinfahrt, also daß ich
auf dritthalbtausend wohlgemessener deutscher Meilen rechnete. Auch
redete ich mit meinen Begleitern nichts. Im übrigen war ich in meiner
Phantasie mit meinem Sauerbrunn so reich, daß alle meine Gedanken und
Witz genug zu tun hatten zu beratschlagen, wo ich ihn hinsetzen und
wie ich mir ihn zu Nutz machen wollte. Da hatte ich allbereits meine
Anschläge wegen der ansehnlichen Gebäude, die ich dazusetzen mußte,
damit die Badegäste auch rechtschaffen accomodiert seien und ich ein
großes Losamentgeld aufheben möchte. Ich ersann schon, durch was vor
Schmiralia ich die ~Medicos~ dahinbringen wollte, daß sie meinen neuen
Wundersauerbrunn allen andern, ja gar den Schwalbacher vorziehen und
mir einen Haufen neuer Badegäste zuschaffen sollten. Ich machte schon
ganze Berge eben, damit sich die Ab- und Zufahrenden über keinen
mühsamen Weg beschwereten. Ich dingete schon verschmitzte Hausknechte,
geizige Köchinnen, vorsichtige Bettmägde, wachsame Stallknechte,
saubere Bad- und Brunnenverwalter und sann auch allbereits einen
Platz aus, auf welchem ich mitten im wilden Gebürge, bei meinem Hof
einen schönen, ebenen Lustgarten pflanzen und allerlei rare Gewächse
darin ziehen wollte, damit die fremden Herren Badegäste mit ihren
Frauen darin spazieren, sich die Kranken erfrischen, die Gesunden mit
allerhand kurzweiligen Spielen ergötzen und errammlen können. Da mußten
mir die ~Medici~, doch um die Gebühr, einen herrliche Tractat von
meinem Brunn und dessen köstliche Qualität zu Papier bringen, welchen
ich alsdann neben einem schönen Kupferstich, darin mein Baurenhof im
Grundriß entworfen, wohl drucken lassen konnte, aus welchem ein jeder
abwesende Kranke sich gleichsam halb gesund lesen und hoffen möchte.
Ich ließ bereits meinen Sohn von L. holen, doch dorfte er mir kein
Bader werden, dann ich hatte mir vorgenommen, meinen Gästen obzwar
nicht den Rücken, so doch aber ihren Beutel tapfer zu schröpfen.
Mit solchen reichen Gedanken und überseligem Phantasiehandel erreichte
ich wiederum die Luft, maßen mich mein Prinz allerdings mit trockenen
Kleidern aus seinem Mummelsee ans Land satzte. Doch mußte ich das
Kleinod, so er mir anfänglich gegeben, stacks von mir tun, dann ich
hätte sonst in der Luft ersaufen oder Atem zu holen den Kopf wieder in
das Wasser stecken müssen. Da er den Stein wieder zu sich genommen,
beschirmten wir einander als Leute, die einander nimmer wieder zu sehen
würden bekommen. Er duckte sich und fuhr wieder mit den seinigen in den
Abgrund. Ich aber ging mit meinem Quellenstein voll Freuden davon.
Aber ach, meine Freude währete nicht lang! Indem ich noch immerfort
Kalender machte, wie ich den köstlichen Wunderbrunn auf meinen Hof
setzen und mir darbei einen geruhigen Herrenhandel schaffen möchte,
stund ich, eh ich meiner Verirrung gewahr ward, mitten in einer Wildnus
wie Matz von Dresden beides: ohne Speis und Gewehr, dessen ich gegen
die bevorstehende Nacht wohl bedörftig gewesen wäre. Geduld, Geduld,
dein Stein wird dich aller überstandenen Not wiederum ergetzen! Gut
Ding will Weile haben! Vortreffliche Sachen werden ohne große Mühe
und Arbeit nicht erworben, sonst würde jeder Narr ohn Schnaufens und
Bartwischens einen solchen edlen Sauerbrunn zuwege bringen.
Ich trat tapferer auf die Sohlen. Der Vollmond leuchtete mir zwar fein,
aber die hohen Tannen ließen mir sein Licht nicht so wohl gedeihen,
doch kam ich soweit fort, bis ich um Mitternacht von weitem ein Feuer
gewahr ward. Etliche Waldbauren saßen darbei, die mit Harz zu tun
hatten.
Wiewohl nun solchen Gesellen nicht allezeit zu trauen, so zwang mich
doch die Not zu ihnen. Ich hinterschlich sie unversehens und sagte:
»Guten Abend, ihr Herrn!«
Da stunden und saßen sie alle sechse vor Schröcken zitternd. Dann weil
ich einer von den Längsten bin, noch schwarze Trauerkleider anhatte,
zumalen einen schröcklichen Prügel in den Händen trug, auf welchem ich
mich wie ein wilder Mann steurete, kam ihnen meine Gestalt entsetzlich
vor. Endlich erholete sich einer.
»Wer ischt dann der Hair?«
Da hörete ich, daß er schwäbischer Nation sein müßte, die man zwar
(aber vergeblich) vor einfältig schätzet, sagte derowegen, ich sei ein
fahrender Schüler, der jetzo erst aus dem Venusberg komme.
»Oho,« antwortete einer, »jetzt glaube ich, Gottlob, daß ich den
Frieden wieder erleben werde, weil die fahrenden Schüler wieder
anfangen zu reisen.«