Ich sagte: »Was haben darum die Verdammten davon?«

Da fragte er: »Was kann die Güte Gottes davor, wann euer einer sein

Selbst vergisset und sich der Welt schändlichen Wollüsten ergibet,

seinen viehischen Begierden die Zügel schießen lässet und sich dem

unvernünftigen Vieh, ja den höllischen Geistern gleich machet?«

Ich sagte zu dem Fürstlein, weil ich auf dem Erdboden ohn das mehr

Gelegenheit hätte von dieser ~Materia~ zu hören, als ich mir zu nutz

machte, so wollte ich ihn gebeten haben, mir die Ursache zu erzählen,

warum ein so groß Ungewitter entstehe, wann man Steine in solche Seen

werfe.

»Weil alle Steine, so hineingeworfen werden, notwendig und natürlicher

Weise in unsere Wohnung fallen und liegen bleiben müßten, so schaffen

wir sie mit einer Ungestüme wieder hinaus, damit der Mutwille der

Menschen abgeschreckt und in Zaum gehalten werden möge. An dieser

einzigen Verrichtung kannst du die Notwendigkeit unseres Geschlechtes

abnehmen, sintemal wann die Steine von uns nicht wieder ausgetragen

würden, so müßten endlich die Gebäude, damit das Meer an die Erde

geheftet und befestiget ist, zerstört und die Gänge, durch die die

Quellen aus dem Abgrund des Meeres auf die Erde geleitet werden,

verstopft bleiben, das dann eine schädliche Konfusion und der ganzen

Welt Untergang mit sich bringen könnte.«

Ich bedankte mich dieser Kommunikation und fragte, ob es auch möglich

sein könnte, daß er mich wieder durch einen andern als den Mummelsee

nach einem andern Ort der Erde auf die Welt bringen könnte.

»Freilich, warum das nicht? Wann es nur Gottes Wille ist. Dann auf

solche Weise haben unsere Voreltern vor alten Zeiten etliche Kanaaneer,

die dem Schwert Josuas entronnen und sich aus Desperation in einen

solchen See gesprenget, in Amerikam geführet, maßen deren Nachkömmlinge

noch auf den heutigen Tag den See zu weisen wissen, aus welchem ihre

Ureltern anfänglich entsprungen.«

Als ich nun sahe, daß er über meine Verwunderung erstaunete, gleichsam

als ob seine Erzählung nicht Verwunderns würdig wäre, fragte ich ihn,

ob er dann nicht auch Seltsames und Wunderliches von uns Menschen

gesehen.

Hierauf sagte er: »Wir wundern uns an euch nichts mehrers, als daß ich

euch, da ihr doch zum ewigen, seligen Leben erschaffen, durch zeitliche

und irdische Wollüste, die doch so wenig ohn Unlust und Schmerzen als

Rosen ohne Dörner sind, dergestalt betören lasset. Ach, möcht unser

Geschlecht an euerer Stelle sein, wir möchten euerer nichtigen und

flüchtigen Zeitlichkeit Probe besser halten als ihr. Dann das Leben, so

ihr habet, ist nicht euer Leben, sondern euer Leben oder Tod wird euch

erst gegeben, wann ihr die Zeitlichkeit verlasset. Dannenhero halten

wir die Welt vor einen Probierstein Gottes, auf welchem der Allmächtige

das Gold des Menschen probieret.«

Das war das Ende unseres Gesprächs, weil wir uns dem Sitz des Königs

näherten, vor welchen ich ohn Zeremonien oder Verlust einiger Zeit

hingebracht ward. Da hatte ich nun wohl Ursache mich über seine

Majestät zu verwundern, da ich doch weder eine wohlbestellte Hofhaltung

noch einziges Gepränge, ja aufs Wenigste keinen Kanzler oder geheime

Räte, noch einzigen Dolmetschen oder Trabanten und Leibguarde, sogar

keinen Schalksnarren, noch Koch, Keller, Page oder einzigen Favoriten

oder Tellerlecker sahe, sondern rings um ihn her schwebten die Fürsten

über alle Seen, die sich in der ganzen Welt befinden, jedweder in

derjenigen Landestracht aufziehend, in welches sich sein See vom

~Centro~ der Erde aus erstreckte. Dannenhero sahe ich zugleich die

Ebenbilder der Chineser und Afrikaner, Troglodyten und Novazembler,

Tataren und Mexikaner, Samojeden und Moluccenser, ja auch von denen

so unter den ~Polis arctico~ und ~antarctico~ wohnen, das wohl ein

seltsames Spektakul war; derjenige, so ober den Pilatussee die

Obersicht trug, zog mit einem breiten, ehrbaren Bart und ein paar

Ploderhosen auf, wie ein reputierlicher Schweizer, und derjenige, so

ober den See Camarina die Aufsicht hatte, sahe beides: mit Kleidern und

Geberden einem Sizilianer so ähnlich, daß einer tausend Eide geschworen

hätte, er wäre niemalen aus Sicilia weggekommen.

Ich bedorfte nicht viel Komplimenten zu machen, dann der König fing

selbst an, gut deutsch mit mir zu reden.

»Aus was Ursache hast du dich unterfangen, uns gleichsam ganz

mutwilliger Weise so einen Haufen Steine zuzuschicken?«

»Weil bei uns einem jeden erlaubt ist an einer verschlossenen Tür

anzuklopfen.«

»Wie wann du aber den Lohn deiner fürwitzigen ~Importunität~

empfingest?«

»Ich kann mit keiner größeren Strafe beleget werden, als daß ich

sterbe. Sintemal ich aber seithero so viel Wunder erfahren und gesehen,

wie unter Millionen Menschen keiner das Glück nicht hat, würde mir mein

Tod vor gar keine Strafe zu rechnen sein.«

»Ach, elende Blindheit! Ihr Menschen könnet nur einmal sterben und ihr

Christen sollet den Tod nicht eher getrost zu überstehen wissen, ihr

wäret dann gegen Gott durch eine unzweifelhafte Hoffnung versichert.

Aber ich habe vor, diesmal weit anderes mit dir zu reden. Es ist mit

bekannt worden, daß ihr Christen euch des jüngsten Tages ehistens

versehet, weilen alles, was auf der Erden lebet, den Lastern so

schröcklich ergeben seie, also daß der allmächtige Gott nicht lange

verziehen werde. Darob entsetzten wir uns nicht wenig, wegen der

Nähe solcher erschröcklichen Zeit. Haben dich derowegen zu uns holen

lassen, um zu vernehmen, was etwan nach etlichen Wahrzeichen, die euer

Heiland für seine Ankunft hiebevor selbsten hinterlassen, vor Sorge

oder Hoffnung sein möchte. Ersuchen dich derowegen ganz holdselig, du

wollest uns bekennen, ob derjenige Glaube noch auf Erden sei, welchen

der Richter bei seiner Ankunft schwerlich mehr finden wird.«

Ich sagte, das zu beantworten seie mir viel zu hoch. Die Ankunft des

Herrn sei Gott allein bekannt.

»Nun wohlan, so sage mir, wie sich die Stände der Welt in ihrem Beruf

halten, damit ich daraus der Welt Untergang absehe. Hingegen will ich

dich, wann du mir die Wahrheit bekennst, mit einer solchen Verehrung

abfertigen, deren du dich dem Lebtag wirst zu erfreuen haben.«

Als ich nun hierauf schwieg und mich bedachte, fuhr der König fort:

»Dran! Dran! Fang am höchsten an und beschließ am niedersten. Es muß

doch sein, wann du anders wieder auf den Erdboden willst.«

Ich antwortete: »Wann ich am höchsten anfahen soll, so mach ichs billig

bei den Geistlichen, diese seind gemeiniglich alle, sie seien auch

gleich, was vor Religion sie immer wollen, rechtschaffene Verächter

der Ruhe, Vermeider der Wollüste, in ihrem Beruf begierig zur Arbeit,

geduldig gegen Verachtung, demütig bei ihren Verdiensten, hochmütig

gegen die Laster. Und gleichwie sie sich allein befleißen, Gott zu

dienen und andere Menschen mehr durch ihre Exempel als durch Worte

zum Reiche Gottes zu bringen, also haben die weltlichen hohen Häupter

allein ihr Absehen auf die liebe ~Justitia~, welche sie dann ohn

Ansehen der Person einem jedweden, Armen oder Reichen, durch die Bank

hinaus schnurgerad erteilen und widerfahren lassen. Die Kaufleute

handeln nie aus Geiz oder um Gewinns willen, sondern damit sie ihren

Nebenmenschen mit ihrer Ware, die sie zu solchem Ende aus fernen Landen

herbringen, bedient sein können. Die Wirte treiben nicht deswegen

ihre Wirtschaften, reich zu werden, sondern damit sich der Hungrige,

Durstende und Reisende bei ihnen erquicken, und sie die Bewirtung

als ein Werk der Barmherzigkeit an den müden und kraftlosen Menschen

üben können. Also suchet der ~Medicus~ nicht seinen Nutz, sondern die

Gesundheit seines Patienten, wohin dann auch die Apotheker zielen.

Die Handwerker wissen von keinen Vorteln, Lügen und Betrug, sondern

befleißen sich, ihre Kunden mit dauerhafter und rechtschaffener Arbeit

am besten zu versehen. Den Schneidern tut nichts Gestohlenes im Auge

wehe, und die Weber bleiben aus Redlichkeit arm, daß sich auch keine

Mäus bei ihnen ernähren können, denen sie ein Knäul Garn nachwerfen

müßten. Man weiß von keinem Wucher, sondern der Wohlhäbige hilft dem

Dürftigen aus christlicher Liebe ganz ungebeten. Und wann ein Armer

nicht zu bezahlen hat, ohn merklichen Schaden und Abgang seiner

Nahrung, so schenkt ihm der Reiche die Schuld aus freien Stücken. Man

spüret keine Hoffart, dann jeder weiß und bedenkt, daß er sterblich

ist. Man merket keinen Neid, dann es weiß und erkennet je einer den

andern vor ein Ebenbild Gottes, das von seinem Schöpfer geliebt wird.

Keiner erzörnt sich über den andern, weil sie wissen, daß Christus

vor alle gelitten und gestorben. Man höret von keiner Unkeuschheit

oder unordentlichen fleischlichen Begierden, sondern was so vorgehet,

das geschieht aus Begierde und Liebe zur Kinderzucht. Da findet man

keine Trunkenbolde oder Vollsäufer, sondern wann einer den andern mit

einem Trunk ehrt, so lassen sich beide nur mit einem christlichen

Räuschlein begnügen. Da ist keine Trägheit im Gottesdienst, dann

ein jeder erzeiget einen emsigen Fleiß und Eifer, wie er vor allem

andern Gott rechtschaffen dienen möge; und eben deswegen sind jetzund

so schwere Kriege auf Erden, weil je ein Teil vermeinet, der andere

diene Gott nicht recht. Es gibt keine Geizigen mehr, sondern Sparsame,

keine Verschwender, sondern Freigebige, keine Kriegsgurgeln, die Leute

berauben und verderben, sondern Soldaten die das Vaterland beschirmen,

keine mutwilligen, faulen Bettler, sondern Verächter der Reichtümer und

Liebhaber der freiwilligen Armut, keine Korn- und Weinjuden, sondern

vorsichtige Leute, die den überflüssigen Vorrat auf den besorglichen

künftigen Notfall vor das Volk aufheben und zusammenhalten.«

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 73 / 78 题