Das sechste Kapitel

Der Fürst über den Mummelsee, so mich begleitete, sagte mir, daß wir

durch die halbe Erde just neunhundert deutscher Meilen hätten, und wer

zum ~Centro~ der Erde wolle, der müßte durch einen dergleichen Seen

seinen Weg nehmen, deren hin und wieder so viel, als Tag im Jahr seien,

in der Welt wären und alle bei ihres Königs Wohnung zusammen stießen.

In solchem sanften Abfahren konnte ich mit dem Mummelseeprinzen

allerhand diskurieren, dann ich bemerkte seine Freundlichkeit. So

fragte ich, zu was Ende sie mich einen so weiten, gefährlichen Weg mit

sich nähmen. Er antwortete mir gar bescheiden, der Weg sei nicht weit

und in einer Stunde spaziert, er sei nicht gefährlich, dieweil ich

in seiner Gesellschaft mit dem überreichten Stein hinabführe, daß er

mir aber ungewöhnlich vorkomme, sei nicht zu verwundern. Darauf bat

ich ihn ferner, mir zu berichten, weshalb der gütige Schöpfer so viel

wunderbarliche Seen erschaffen.

»Du fragst billig um dasjenige, was du nicht verstehst, diese Seen

sind um dreierlei Ursachen willen geschaffen. Erstlich werden durch

sie alle Meere gleichsam wie mit Nägeln an die Erde geheftet, zweitens

werden von uns durch diese Seen die Wasser aus den Tiefen des Ozeans

in alle Quellen der Erde getrieben, wovon Flüsse und Ströme entstehen,

der Erdboden befeuchtiget, die Gewächse erquicket und beides: Mensch

und Vieh getränket werden, drittens, daß wir als vernünftige Kreaturen

Gottes darin leben und Gott loben. Wann wir aber aus einer andern

Ursache unsere Geschäfte unterlassen müssen, so wird die Welt durchs

Feuer untergehen, dann zu dieser Zeit, so alle Wasser verschwinden,

wird die Erde von sich selbst durch die Sonnenhitze entzündet.«

Da ich ihn also gleichsam die heilige Schrift anziehen hörete, fragte

ich, ob sie sterbliche Kreaturen wären, oder ob sie Geister seien.

Darauf antwortete er, sie seien keine Geister sondern sterbliche

Leutlein und gab mir folgends eine ~Genealogia~ oder Stammtafel aller

Kreatur, indem er mir fürderst von der Erschaffung der Engel erzählete

und den Sturz derer, so aus Hoffart gefallen, folgends wie Gott die

Welt mit allen Kreaturen aus seinem göttlichen Willen hervorgehen

ließe und also auch den irdischen Menschen zu solchem End geschaffen,

daß er Gott loben und sich vermehren sollte, bis sein Geschlecht so

groß sei, die Zahl der gefallenen Engel zu ersetzen. Dann die heilige,

entleibte Seele eines zwar irdischen, doch himmlisch gesinnten Menschen

hat alle guten Eigenschaften des Engels an sich, der entseelte

Leib eines irdischen Menschen aber ist gleich dem andern Aas eines

unvernünftigen Tieres. Kam demnach zum Beschluß auf das Geschlecht der

Sylphen und sagte: »Uns selbsten setzten wir vor das Mittel zwischen

euch und allen lebendigen Kreaturen der Welt. Sintemal obgleich wir

wie ihr vernünftige Seelen haben, so sterben jedoch dieselbige mit

unseren Leibern hinweg, gleichsam als wie die lebhaften Geister der

unvernünftigen Tiere in ihrem Tod verschwinden. Zwar ist uns kundbar,

daß ihr durch den ewigen Sohn Gottes aufs höchste geadelt seid und euch

die ewige Seligkeit wiederum erworben ist, aber ich rede und verstehe

nichts von der Seligkeit, weil wir deren zu genießen nicht fähig

sein. Uns hat der allgütige Schöpfer genugsam in dieser Zeitlichkeit

beseeligt, als mit einer guten, gesunden Vernunft, mit Erkanntnus

seines heiligen Willens, mit gesunden Leibern, langem Leben und einer

edlen Freiheit, mit genugsam Wissenschaft und Kunst und, was das

allermeiste ist, wir sind keiner Sünde, dannenhero auch keiner Strafe,

ja nicht einmal der geringsten Krankheit unterworfen.«

Ich antwortete, da sie keiner Missetat und auch keiner Strafe

unterworfen, wozu sie dann eines Königs bedörftig, ~item~ wie sie

sich der Freiheit rühmen könnten, wann sie einem König untertan.

Darauf sagte er, sie hätten ihren König nicht, daß er Justiz übe, noch

daß sie ihm dienen sollten, sondern er dirigiere wie der Weisel im

Immenstock ihre Geschäfte. Sie würden ohne Wollust gezeugt und ohne

Schmerzen geboren und also stürben sie auch nicht mit Schmerzen sondern

gleichsam, wie ein Licht verlösche, wann es seine Zeit geleuchtet habe,

also verschwinden auch ihre Leiber samt den Seelen. Gegen ihre Freiheit

aber sei die Freiheit des allergrößten Monarchen unter uns irdischen

Menschen gar nichts, dann sie könnten weder getötet noch zu etwas

Unbeliebigem genötigt werden. Kein Gefängnus könne sie halten, weil sie

Feuer, Wasser, Luft und Erde ohne einzige Mühe und Müdigkeit durchgehen

könnten.

Darauf sagte ich: »So ist euer Geschlecht von dem Schöpfer weit höher

geadelt und beseeligt als das unsrige.«

»Ach nein,« antwortete der Fürst, »Ihr sündigt, wann Ihr dies glaubt,

dann Ihr vergesset der ewigen Seligkeit.«

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 72 / 78 题