Der Fürst über den Mummelsee, so mich begleitete, sagte mir, daß wir
durch die halbe Erde just neunhundert deutscher Meilen hätten, und wer
zum ~Centro~ der Erde wolle, der müßte durch einen dergleichen Seen
seinen Weg nehmen, deren hin und wieder so viel, als Tag im Jahr seien,
in der Welt wären und alle bei ihres Königs Wohnung zusammen stießen.
In solchem sanften Abfahren konnte ich mit dem Mummelseeprinzen
allerhand diskurieren, dann ich bemerkte seine Freundlichkeit. So
fragte ich, zu was Ende sie mich einen so weiten, gefährlichen Weg mit
sich nähmen. Er antwortete mir gar bescheiden, der Weg sei nicht weit
und in einer Stunde spaziert, er sei nicht gefährlich, dieweil ich
in seiner Gesellschaft mit dem überreichten Stein hinabführe, daß er
mir aber ungewöhnlich vorkomme, sei nicht zu verwundern. Darauf bat
ich ihn ferner, mir zu berichten, weshalb der gütige Schöpfer so viel
wunderbarliche Seen erschaffen.
»Du fragst billig um dasjenige, was du nicht verstehst, diese Seen
sind um dreierlei Ursachen willen geschaffen. Erstlich werden durch
sie alle Meere gleichsam wie mit Nägeln an die Erde geheftet, zweitens
werden von uns durch diese Seen die Wasser aus den Tiefen des Ozeans
in alle Quellen der Erde getrieben, wovon Flüsse und Ströme entstehen,
der Erdboden befeuchtiget, die Gewächse erquicket und beides: Mensch
und Vieh getränket werden, drittens, daß wir als vernünftige Kreaturen
Gottes darin leben und Gott loben. Wann wir aber aus einer andern
Ursache unsere Geschäfte unterlassen müssen, so wird die Welt durchs
Feuer untergehen, dann zu dieser Zeit, so alle Wasser verschwinden,
wird die Erde von sich selbst durch die Sonnenhitze entzündet.«
Da ich ihn also gleichsam die heilige Schrift anziehen hörete, fragte
ich, ob sie sterbliche Kreaturen wären, oder ob sie Geister seien.
Darauf antwortete er, sie seien keine Geister sondern sterbliche
Leutlein und gab mir folgends eine ~Genealogia~ oder Stammtafel aller
Kreatur, indem er mir fürderst von der Erschaffung der Engel erzählete
und den Sturz derer, so aus Hoffart gefallen, folgends wie Gott die
Welt mit allen Kreaturen aus seinem göttlichen Willen hervorgehen
ließe und also auch den irdischen Menschen zu solchem End geschaffen,
daß er Gott loben und sich vermehren sollte, bis sein Geschlecht so
groß sei, die Zahl der gefallenen Engel zu ersetzen. Dann die heilige,
entleibte Seele eines zwar irdischen, doch himmlisch gesinnten Menschen
hat alle guten Eigenschaften des Engels an sich, der entseelte
Leib eines irdischen Menschen aber ist gleich dem andern Aas eines
unvernünftigen Tieres. Kam demnach zum Beschluß auf das Geschlecht der
Sylphen und sagte: »Uns selbsten setzten wir vor das Mittel zwischen
euch und allen lebendigen Kreaturen der Welt. Sintemal obgleich wir
wie ihr vernünftige Seelen haben, so sterben jedoch dieselbige mit
unseren Leibern hinweg, gleichsam als wie die lebhaften Geister der
unvernünftigen Tiere in ihrem Tod verschwinden. Zwar ist uns kundbar,
daß ihr durch den ewigen Sohn Gottes aufs höchste geadelt seid und euch
die ewige Seligkeit wiederum erworben ist, aber ich rede und verstehe
nichts von der Seligkeit, weil wir deren zu genießen nicht fähig
sein. Uns hat der allgütige Schöpfer genugsam in dieser Zeitlichkeit
beseeligt, als mit einer guten, gesunden Vernunft, mit Erkanntnus
seines heiligen Willens, mit gesunden Leibern, langem Leben und einer
edlen Freiheit, mit genugsam Wissenschaft und Kunst und, was das
allermeiste ist, wir sind keiner Sünde, dannenhero auch keiner Strafe,
ja nicht einmal der geringsten Krankheit unterworfen.«
Ich antwortete, da sie keiner Missetat und auch keiner Strafe
unterworfen, wozu sie dann eines Königs bedörftig, ~item~ wie sie
sich der Freiheit rühmen könnten, wann sie einem König untertan.
Darauf sagte er, sie hätten ihren König nicht, daß er Justiz übe, noch
daß sie ihm dienen sollten, sondern er dirigiere wie der Weisel im
Immenstock ihre Geschäfte. Sie würden ohne Wollust gezeugt und ohne
Schmerzen geboren und also stürben sie auch nicht mit Schmerzen sondern
gleichsam, wie ein Licht verlösche, wann es seine Zeit geleuchtet habe,
also verschwinden auch ihre Leiber samt den Seelen. Gegen ihre Freiheit
aber sei die Freiheit des allergrößten Monarchen unter uns irdischen
Menschen gar nichts, dann sie könnten weder getötet noch zu etwas
Unbeliebigem genötigt werden. Kein Gefängnus könne sie halten, weil sie
Feuer, Wasser, Luft und Erde ohne einzige Mühe und Müdigkeit durchgehen
könnten.
Darauf sagte ich: »So ist euer Geschlecht von dem Schöpfer weit höher
geadelt und beseeligt als das unsrige.«
»Ach nein,« antwortete der Fürst, »Ihr sündigt, wann Ihr dies glaubt,
dann Ihr vergesset der ewigen Seligkeit.«