Ohnlängst hernach nahm ich meinen Pflegvater zu mir und tät mit ihm
einen Ritt hinunter in Spessart, glaubwürdigen Schein und Urkund
meines Herkommens und ehelicher Geburt zu Wege zu bringen, welches ich
unschwer erhielt. Ich kehrete auch bei dem Pfarrer ein, der sich zu
Hanau aufgehalten, und ließ über meine ganze Histori aus der Zeugen
Mund durch einen ~Notarium~ ein ~Instrument~ aufrichten, dann ich
dachte, wer weiß, wo du es noch einmal brauchst. Solche Reise kostete
mich über vierhundert Taler, dann auf dem Rückweg ward ich von einer
Partei erhascht, abgesetzt und geplündert, also daß ich und mein Knän
nackend und kaum mit dem Leben davonkam.
Indessen ging es daheim noch schlimmer zu. Dann nachdem mein Weib
vernommen, daß ihr Mann ein Junker sei, spielte sie nicht allein die
große Frau, sondern verliederlichte auch alles in der Haushaltung,
was ich, weil sie großen Leibes war, stillschweigend ertrug. Überdas
ward mir das meiste und beste Viehe von einer Seuche dahingerafft.
Dieses alles wäre noch zu verschmerzen gewesen. Aber, ~o mirum~, kein
Unglück allein! In der Stunde, darin mein Weib genase, ward die Magd
auch Kindbetterin. Das Kind zwar, so sie brachte, sahe mir allerdings
ähnlich, das Kind meines Weibes hingegen sahe dem Knecht so gleich,
als wanns ihm aus dem Gesicht wäre geschnitten worden. Jedoch es gehet
nicht anders her, wann man in einem so gottlosen und verruchten Leben
seinen viehischen Begierden folget.
Nun was halfs, ich mußte taufen. Andernteils nahm es mein Weibgen nur
auf die leichte Achsel. Doch die Magd mußte aus dem Haus, dann mein
Weib argwöhnete, was ich ihretwegen vom Knecht gedachte. Indessen ich
ward von dieser Anfechtung heftig gepeinigt, daß ich meinem Knecht ein
Kind aufziehen, das Meinige aber von der Magd nicht mein Erbe sein
sollte, und daß ich dabei froh sein mußte, weil sonst niemand nichts
wußte.
Mit solchen Gedanken marterte ich mich täglich, mein Weib aber
delektierte sich stündlich mit Wein, dann sie hatte sich das Kumpen
sint unserer Hochzeit dergestalt angewöhnt, das es ihr selten vom Maul
kam und sie selbsten gleichsam keine Nacht ohne einen ziemlichen Rausch
schlafen ging. Davon soff sie ihrem Kind zeitlich das Leben ab und
entzündete sich das Gehäng dergestalt, daß es ihr bald hernach entfiel
und mich wieder zum Witwer machte. Das ging mir so zu Herzen, daß ich
mich fast krank darüber gelachet hätte.
Ich befand mich solchergestalt wieder in meiner ersten Freiheit. Mein
Beutel war ziemlich geleeret, ich hingegen mit großer Haushaltung
vielem Viehe und Gesind beladen. Also nahm ich meinen Paten Melchior
vor einen Vater und dessen Frau vor eine Mutter, den Magdsohn aber vor
meinen Erben an und übergab den beiden Alten Haus und Hof samt meinem
ganzen Vermögen, bis auf gar wenig gelbe Batzen und Kleinodien. Ich
hatte einen Ekel ob aller Weiber Beiwohnung und Gemeinschaft, ich nahm
mir vor, mich nicht mehr zu verheiraten.
Diese beiden Alten gossen meine Haushaltung gleich in einen andern
Model. Sie schafften vom Gesind und Viehe ab, was nichts nütze und
bekamen hingegen auf den Hof, was etwas eintrug. Sie vertrösteten
mich alles Guten und versprachen, wann ich sie nur hausen ließe,
so wollten sie mir allweg ein gut Pferd auf der Streu halten und so
viel verschaffen, daß ich je zu Zeiten mit einem ehrlichen Biedermann
eine Maß Wein trinken könnte. Ich spürete es auch gleich. Mein Pate
bestellte mit dem Gesind den Feldbau, schacherte mit Viehe und mit dem
Holz- und Harzhandel ärger als ein Jud und meine Götfrau legte sich auf
die Viehzucht und wußte Milchpfennige besser zu gewinnen und zusammen
zu halten, als zehen solcher Weiber, wie ich eins gehabt hatte. Auf
solche Weise ward mein Baurenhof in kurzer Zeit vor den besten in der
ganzen Gegend geschätzet. --
Einsmals spazierte ich in Sauerbrunn, jedoch nicht um mich mit Stutzern
bekannt zu machen, dann ich fing an meiner Alten Kargheit nachzuahmen,
gleichwohl geriet ich zu einer Gesellschaft mittelmäßigen Standes, weil
sie von einer seltenen Sache, nämlich vom Mummelsee diskutierten. Der
war in der Nachbarschaft auf einem von den höchsten Bergen gelegen,
unergründlich, und wunderbarliche Fabeln verlauteten von ihm.
Einer sagte, wann man ungrad, es seien gleich Erbsen, Steinlein oder
etwas andres in ein Nastüchlein binde und hinein hänge, so veränderte
es sich in grad, also auch grad in ungrad. Die meisten aber gaben vor
und befestigten es auch mit Exempel, wann man ein oder mehrere Steine
hineinwürfe, so erhebe sich gleich, Gott gebe wie schön auch der Himmel
zuvor gewesen, ein grausam Ungewitter mir schröcklichem Regen, Schloßen
und Sturmwinde. Einer erzählte, daß auf ein Zeit, da etliche Hirten ihr
Viehe bei dem See gehütet, ein brauner Stier herausgestiegen, welcher
sich zu dem andern Rindviehe gesellet, dem aber gleich ein kleines
Männlein nachgefolget, ihn wieder zurück zu treiben. Auch seie einsmals
ein Baur mit seinem Ochsen und etlichen Holzplöchern über den gefrornen
See gefahren, ohn einzigen Schaden, als ihm aber sein Hund nachkommen,
sei das Eis mit ihm gebrochen und der arme Hund allein hinunter
gefallen und nicht mehr gesehen worden. Noch einer behauptete bei
großer Wahrheit, es sei ein Schütze auf der Spur des Wildes bei dem See
vorübergegangen, der hätte auf dem Wasser ein Männlein sitzen sehen,
das einen ganzen Schoß voll gemünzter Goldsorten gehabt und gleichsam
damit gespielet hätte. Und als er nach demselben Feuer geben wollen,
hätte sich das Männlein geduckt und gerufen: »Wann du mich gebeten
deiner Armut zu Hilf zu kommen, so wollte ich dich reich genug gemacht
haben.«
Solche und andere Historien verlachte ich. Aber es fanden sich
Baursleute, und zwar alte, glaubwürdige Männer, die erzählten, wie
dann ein regierender Herzog von Württemberg ein Floß machen ließ, die
Tiefe zu ergründen. Nachdem die Messenden aber bereits neun Zwirnnetz
mit einem Senkel hinunter gelassen und gleichwohl noch keinen Boden
gefunden, hätte das Floß wider die Natur des Holzes angefangen zu
sinken, also daß sie von ihrem Vornehmen abstehen und sich hätten
ans Land salvieren müssen, maßen man noch heutzutag die Stücke des
Flosses am Ufer und zum Gedächtnus dieser Geschicht das fürstlich
württembergsche Wappen in Stein gehauen vor Augen sehe.
Die Begierde, den Mummelsee zu beschauen, vermehrte sich bei mir, als
ich von dem Knän verstund, daß er auch dort gewesen und den Weg wisse.
Da er aber hörete, daß ich überein auch darzu wollte, sagte er: »Der
Herr Sohn wird nichts andres sehen, als das Ebenbild eines Weihers,
der mitten in einem großen Walde liegt, und wann er seine jetzige Lust
mit beschwerlicher Unlust gebüßet, so wird er nichts andres als Reue,
müde Füße und den Hergang vor den Hingang davon haben.«
Da er aber meinen Ernst sahe, meinete er, dieweil die und auf dem Hof
weder zu hauen noch zu ernten, wolle er selbst mit mir gehen; dann
er hatte mich so lieb und prangte mit mir, weil die Leute im Land
glaubten, daß ich sein leiblicher Sohn sei.
Also wanderten wir miteinander über Berg und Tal und kamen zum
Mummelsee, eh wir sechs Stunden gegangen waren, dann mein Pate war noch
so käfermäßig und sowohl zu Fuß als ein Junger. Nachdem wir uns an
Speis und Trank erquickt, beschauete ich den See und fand die etlichen
gezimmerten Hölzer des Württembergischen Flosses darin liegen. Die Luft
war ganz windstill und wohl temperiert, so wollte ich auch probieren,
was Wahrheit an der Sagenmär wäre, sintemal ich allbereit die Sage, daß
der See keine Forellen leide, am mineralischen Geschmack des Wassers
als natürlich zu sein befunden.
Ich ging gegen der linken Hand an dem See hin, da das Wasser wegen der
abscheulichen Tiefe des Sees gleichsam kohlschwarz zu sein scheinet und
deswegen so förchterlich aussiehet. Daselbst fing ich an große Steine
hinein zu werfen, als ich sie nur immer erheben und ertragen konnte.
Mein Knän warnete mich und bat, ich aber continuierete meine Arbeit
emsig fort, bis ich über dreißig Steine in den See brachte.
Da fing die Luft an, den Himmel mit schwarzen Wolken zu bedecken, in
welchen ein grausamer Donner gehöret ward, also daß mein Knän, der
jenseits des Sees bei dem Auslauf stund, über meine Arbeit lamentierte
und mir zuschrie, ich sollte mich doch salvieren, damit uns Regen und
das schröckliche Wetter nicht ergreife. Ich aber antwortete: »Vater,
ich will bleiben und des Endes erwarten, sollte es auch Hellebarten
regnen.«
Er schmälete noch weiterhin zu mir herüber, ich verwandte aber die
Augen nicht von der Tiefe und sahe weit untern gegen den Abgrund
etliche Kreaturen im Wasser herumfladern, die mich der Gestalt nach
an Frösche ermahneten und gleichsam wie Schwärmerlein aus einer
aufsteigenden Rakete in der Luft herumvagierten. Je näher sie kamen,
desto größer und an Gestalt den Menschen ähnlicher schienen sie meinen
Augen, weswegen mich dann erstlich eine große Verwunderung und endlich
ein Grausen und Entsetzen ankam.
»Ach,« rief ich vor Schröcken so laut, daß es mein Knän wohl hören
konnte, »wie seind die Wunderwerke des Schöpfers auch sogar im Bauch
der Erden und in der Tiefe des Wassers so groß!«
Da war schon eins von den Sylphen oben auf dem Wasser und antwortete:
»Das bekennst du, ehe du etwas davon gesehen hast, was würdest du wohl
sagen, wann du erst selbsten im ~Centro~ der Erden wärest und unsere
Wohnung, die dein Fürwitz beunruhiget, beschautest!«
Unterdessen kamen noch mehr dergleichen Wassermännlein, gleichsam wie
Tauchentlein hervor. Sie brachten die Steine wieder herauf, worüber ich
ganz erstaunete. Der Erste und Vornehmste unter ihnen, dessen Kleidung
wie lauter Gold und Silber glänzete, warf mir einen leuchtenden Stein
zu, so groß wie ein Taubenei und so grün und durchsichtig, wie ein
Smaragd.
»Nimm das Kleinod, damit du etwas von uns und diesem See zu sagen
wissest.«
Ich hatte ihn aber kaum aufgehoben und zu mir gesteckt, da ward mir
nicht anderst, als ob mich die Luft hätte ersticken und ersäufen
wollen, derhalben ich mich dann nicht länger aufrecht behalten konnte,
sondern herumtaumelte wie eine Garnwinde und endlich gar in den See
hinunter fiel. Sobald ich aber ins Wasser kam, erholete ich mich wieder
und atmete aus Kraft des Steins das Wasser anstatt der Luft. Ich konnte
auch gleich sowohl als die Wassermännlein in dem See herumwebern, maßen
ich mich mit ihnen in den Abgrund hinunter tät, als wann sich eine
Schar Vögel mit Umschweifen gegen die Erde nieder lässet.
Da mein Knän dies Wunder, samt meiner gählingen Verzückung gesehen,
trollete er sich von dem See hinweg und heim zu, als ob ihm der Kopf
brennte. Daselbst erzählete er den Verlauf. Etliche glaubten ihm, die
meisten aber hielten es vor eine Fabel.