Nach meiner Rückkunft in Sauerbrunn ward ich gewahr, daß es sich mit
Herzbrudern eher gebösert als gebessert hatte, wiewohl ihn die Doktores
und Apotheker strenger als eine fette Gans gerupft. Er kam mir auch
ganz kindisch vor und konnte nur kümmerlich gehen. Sein Trost war, daß
ich bei ihm sein sollte, wann er die Augen würde zutun.
Hingegen machte ich mich lustig und suchte meine Freude; doch solcher
Gestalt, daß an seiner Pflege nichts manglete. Und weil ich mich ein
Witwer zu sein wußte, reizten mich die guten Täge und meine Jugend
wiederum zur Buhlerei, dann ich den zu Einsiedeln eingenommenen
Schröcken allerdings wieder vergessen hatte. Ich machte mit den
Lustigsten Kundschaft, die dahin kamen, und fing an courtoise Reden
und Komplimenten zu lernen, deren ich meine Tage sonst niemals viel
geachtet hatte. Man hielt mich vor einen vom Adel, weil mich meine
Leute Herr Hauptmann nannten. Dannhero machten die reichen Stutzer mit
mir Brüderschaft und war alle Kurzweile, Spielen, Saufen, Fressen meine
allergrößte Arbeit und Sorge.
Unterdessen ward es mit Herzbrudern je länger je ärger, also daß er
endlich die Schuld der Natur bezahlen mußte. Ich ließ ihn ganz herrlich
begraben und seine Diener mit Trauerkleidern und einem Stück Geld ihres
Wegs laufen.
Sein Abschied tät mir schmerzlich weh, vornehmlich weil ihm mit Gift
vergeben worden. Obzwar ich solches nicht ändern konnte, so änderte
es doch mich, dann ich flohe alle Gesellschaft und suchte nur die
Einsamkeit, meinen betrübten Gedanken Audienz zu geben. Ich verbarg
mich etwan irgends in einem Busch und betrachtete nicht allein, was ich
vor einen Freund verloren, sondern ich machte auch allerhand Anschläge
von Anstellung meines künftigen Lebens. Bald wollte ich wieder in
Krieg und unversehens gedachte ich, es hättens die geringsten Bauren
in dieser Gegend besser, maßen noch alle Baurenhöfe gleich als zu
Friedenszeiten in trefflichem Bau und alle Ställe voll Vieh waren.
Als ich mich nun mit Anhörung des lieblichsten Vogelgesangs ergötzte
und mir einbildete, daß die Nachtigall durch ihre Lieblichkeit andere
Vögel banne, still zu schweigen und ihr zuzuhören, da näherte sich
jenseits dem Bache eine Schönheit an Gestalt, die mich mehr bewegte,
weil sie nur den Habit einer Bauerdirne antrug, als eine stattliche
~Demoiselle~ sonst mir nicht hätte tun mögen. Sie hub einen Korb vom
Kopf, darin sie einen Ballen frische Butter trug, solchen im Sauerbrunn
zu verkaufen. Denselben erfrischte sie im Wasser. Unterdessen satzte
sie sich nieder ins Gras, warf ihr Kopftuch und den Baurenhut von
sich und wischte den Schweiß vom Angesicht, also daß ich sie genug
betrachten und meine vorwitzigen Augen an ihr weiden konnte. Da dünkte
mich, ich hätte die Tage meines Lebens kein schöner Mensch gesehen. Die
Proportion des Leibes schien vollkommen und ohn Tadel, Arme und Hände
schneeweiß, das Angesicht frisch und lieblich, die schwarzen Augen aber
voller Feuer und liebreizender Blicke.
Als sie nun ihre Butter wieder einpackte, schrie ich hinüber:
»Ach Jungfer, Ihr habt zwar mit Euren schönen Händen Euere Butter im
Wasser abgekühlt, hingegen aber mein Herz durch Euere klaren Augen ins
Feuer gesetzt.«
Sobald sie mich sahe und hörete, lief sie davon, als ob man sie gejagt
hätte. Sie hinterließ mich mit all denjenigen Torheiten beladen, damit
die verliebten Phantasten gepeinigt zu werden pflegen.
Meine Begierden, von dieser Sonne mehr beschienen zu werden, ließen
mich nicht in meiner Einsamkeit, sondern machten, daß ich den Gesang
der Nachtigallen nicht höher achtete als ein Geheul der Wölfe.
Derhalben tollete ich auch dem Sauerbrunn zu und schickte meinen Jungen
voran, die Butterverkäuferin anzupacken und mit ihr zu marken, bis ich
hernach käme. Er tät das Seinige und ich nach meiner Ankunft auch das
Meinige, aber ich fand ein steinern Herz und solche Kaltsinnigkeit,
dergleichen ich hinter einem Baurenmensch nimmermehr zu finden getrauet
hätte, welches mich aber viel verliebter machte.
Damals hätte ich entweder einen strengen Feind oder einen guten Freund
haben sollen. Einen Feind, damit ich meine Gedanken gegen denselben
hätte richten und der närrischen Liebe hätte vergessen müssen, oder
einen Freund, der mir ein anderes geraten und mich von meiner Torheit
hätte abmahnen mögen. Ach leider, ich hatte nichts als mein Geld, das
mich verblendete, meine blinden Begierden, die mich verführeten, weil
ich ihnen den Zaum schießen ließ, und meine grobe Unbesonnenheit, die
mich verderbete und in alles Unglück stürzete. Mit einem Wort, ich war
mit dem Narrenseil rechtschaffen verstrickt und derhalben ganz blind
und ohn Verstand. Und weil ich meine viehischen Begierden nicht anders
zu sättigen getrauete, entschloß ich mich, das Mensch zu heiraten. Was,
gedachte ich, du bist deines Herkommens doch nur ein Baurensohn und
wirst deiner Tage kein Schloß besitzen; du hast Geld genug, auch den
besten Baurenhof in dieser Gegend zu bezahlen. Du wirst dies ehrliche
Baurngretlein heiraten und dir einen geruhigen Herrenhandel inmitten
der Bauren schaffen. -- Ich erhielt, wiewohl nicht ohne Mühe, das
Jawort.
Zur Hochzeit ließ ich trefflich rüsten, dann der Himmel hing mir voller
Geigen. Das Baurengut, darauf meine Braut geboren worden, lösete ich
nicht allein ganz an mich, sondern fing noch darzu einen schönen, neuen
Bau an, gleich als ob ich daselbst mehr hof- als haushalten hätte
wollen. Eh die Hochzeit vollzogen, hatte ich daselbst über dreißig
Stück Viehe stehen, weil man soviel auf dem Gut erhalten konnte. Ich
bestellte alles aufs Beste und sogar mit köstlichem Hausrat, wie es mir
nur meine Torheit eingab.
Aber die Pfeife fiel mir bald in Dreck. Dann als ich nunmehr vermeinete
mit gutem Wind in Engelland zu schiffen, kam ich wider alle Zuversicht
nach Holland. Viel zu spat ward ich erst gewahr, was Ursache mich meine
Braut hatte so ungern nehmen wollen. Und ich konnte mein spöttlich
Anliegen keinem Menschen klagen. So zahlete ich nach Maß und Billigkeit
meine Schulden, was Erkanntnus mich darum doch nichts desto geduldiger,
viel weniger frömmer machte. Ich fand mich betrogen und gedachte meine
Betrügerin wieder zu prellen, maßen ich anfing grasen zu gehen, wo
ich zukommen konnte. Überdas stack ich mehr bei guter Gesellschaft in
Sauerbrunn als zu Haus.
Meine Frau war ebenso liederlich. Sie hatte einen Ochsen, den ich ins
Haus hatte schlagen lassen, in etliche Körbe eingesalzen; als sie eine
Spänsau zurichten sollte, unterstund sie sich solche wie einen Vogel zu
rupfen; sie wollte die Krebse am Rost und die Forellen am Spieß braten.
Nichts desto weniger trank sie auch das liebe Weingen gern und teilete
andern guten Leuten auch mit. --
Einsmals spazierete ich mit etlichen Stutzern das Tal hinunter, eine
Gesellschaft im untern Bad zu besuchen. Da begegnete uns ein alter
Baur mit einer Geiß am Strick, die er verkaufen wollte. Und weil mich
dünkte, ich hätte ihn mehr gesehen, fragte ich ihn, wo er mit der Geiß
herkomme.
Er zog sein Hütlein und sagte: »Gnädiger Hearr, eich darffs ouch werli
neit sän.«
»Du wirst sie ja nicht gestohlen haben.«
»Nein, ich bring sie aus dem Städtgen im Tal, welches ich eben gegen
den Hearrn nit darf nennen, dieweil wir vor einer Geiß reden.«
Solches bewegte die Gesellschaft zum Lachen, und weil ich mich
entfärbte, gedachten sie, ich hätte Verdruß, maßen mir der Baur so
artig eingeschenkt. Aber ich hatte andere Gedanken, dann an der großen
Warze, die der Baur mitten auf der Stirn stehen hatte, ward ich
eigentlich versichert, daß es mein Knän aus dem Spessart war. -- Wollte
derhalben zuvor einen Wahrsager agieren, eh ich mich ihm offenbarte.
»Mein lieber alter Vater, seid Ihr nicht im Spessart zu Haus?«
»Ja, Hearr.«
»Haben Euch nicht vor ungefähr achtzehen Jahren die Reuter Euer Haus
und Hof geplündert und verbrannt?«
»Ja, Gott erbarms, es ist aber noch nit so lang.«
»Habet Ihr nicht zwei Kinder, nämlich eine erwachsene Tochter und einen
jungen Knaben gehabt?«
»Hearr, die Tochter war mein Kind, der Bub nit. Ich hab ihn aber an
Kindesstatt aufziehen wollen.«
Hieraus verstund ich wohl, daß ich dieses Knollfinken Sohn nicht sei,
welches mich eines Teils erfreuete, hingegen aber auch betrübete, weil
mir einfiel, ich müßte sonst ein Bankert oder ein Findling sein. Fragte
derowegen den Knän, wo er den Buben aufgetrieben.
»Ach, der Krieg hat mir ihn gegeben und der Krieg hat nur ihn wieder
genommen.«
Weil ich dann besorgte, es dörfte wohl ein ~Facit~ herauskommen, das
mir wegen meiner Geburt nachteilig sein möchte, fragte ich, ob er die
Geiß der Wirtin in die Küche verkauft hätte.
»Ach nein, Hearr, ich bring sie der Gräfin, die im Sauerbrunn badet.
Der Doktor Hans in allen Gassen hat etliche Kräuter geordnet, so die
Geiß essen muß. Was sie dann vor Milch gibt, die nimmt der Doktor und
machet der Gräfin noch so ein Arznei drüber, dann muß sie die Milch
trinken. Man seit, es mangle der Gräfin am Gehäng.«
Unter währender solcher Relation besann ich, auf was Weise ich noch mit
dem Baurn reden möchte, bot ihm derhalben einen Taler mehr um die Geiß
als die Gräfin. Solches ging er gleich ein, doch mit dem Beding, er
sollte der Gräfin zuvor angeben, daß ihm ein Taler mehr darauf geboten,
er wollte mir den Handel auf den Abend anzeigen.
Also ging mein Knän seines Wegs und auch ich drehete mich bald von der
Kompanie ab und ging hin, wo ich meinen Knän wiederfand; der hatte
seine Geiß noch. Ich führete ihn auf meinen neuen Hof, bezahlte die
Geiß und hängte ihm einen halben Rausch an. Sodann fragte ich ihn nach
seinem Knaben.
»Ach Herr, der Mansfelder Krieg hat mir ihn beschert, und die
Nördlinger Schlacht hat mir ihn wieder genommen.« Nach verlorener
Schlacht bei Höchst habe des Mansfelder flüchtig Volk sich weit und
breit zerstreuet. Viel seien in den Spessart gekommen, weil sie die
Büsche suchten, sich zu verbergen, aber indem sie dem Tod in der Ebene
entgingen, hätten sie einen in den Bergen gefunden, dann damalen
ginge selten ein Baur in die Büsche ohn sein Feuerrohr, da man zu
Haus bei Hauen und Pflügen nicht bleiben konnte. In demselben Tumult
habe er nicht weit von seinem Hof in dem wilden ungeheuren Wald eine
schöne, junge Edelfrau samt einem stattlichen Pferd getroffen, so er
anfänglich vor einen Kerl gehalten, weil sie so mannlich daherritte.
Indem sie beides: Händ und Augen zum Himmel aufgehoben und auf wälsch
mit einer erbärmlichen Stimme zu Gott gerufen, habe er sein Rohr sinken
lassen und den Hahn wieder zurückgezogen, dann er gesehen, daß sie ein
betrübtes Weibsbild wäre. Indem er näher getreten riefe sie ihn an:
»Ach, wann Ihr ein ehrlicher Christenmensch seid, so bitte ich Euch um
Gottes und seiner Barmherzigkeit, ja um des jüngsten Gerichtes willen,
Ihr wollet mich zu ehrlichen Weibern führen, die mich durch göttliche
Hilfe von meines Leibes Bürde entledigen helfen!« Diese Worte hätten
ihn samt der holdseligen Aussprache zu solcher Erbärmde gezwungen, daß
er ihr Pferd beim Zügel nahm und sie durch Hecken und Stauden an den
allerdicksten Ort des Gesträuchs führete, da er selbst Weib, Kind,
Gesind und Viehe hingeflüchtet gehabt. Daselbst seie sie ehender als in
einer halben Stund des jungen Knaben genesen.
Ich sprach ihm gütlich zu. Da er aber sein Glas ausgeleert hatte,
fragte ich wie es darnach weiter mit der Frau gegangen.
Er antwortete, sie habe ihn zum Gevatter gebeten und ihm auch ihres
Mannes und ihren Namen genennt, damit sie möchten ins Taufbuch
geschrieben werden. Indem habe sie ihr Felleisen aufgetan, darin sie
wohl köstliche Sachen hatte, und ihm, seinem Weib und Kind, der Magd
und sonst allen geschenkt. Aber indem sie so damit umging und von
ihrem Mann erzählete, sei sie unter den Händen der Weiber gestorben.
Pfarrer und Schultz hätten ihm darnach befohlen, das Kind aufzuziehen
und vor Mühe und Kosten der Fraue ganze Hinterlassenschaft zu behalten,
ausgenommen etliche Paternoster, Edelsteine und sonst Geschmeiß. Also
sei das Kind von der Bäurin mit Geißmilch auferzogen worden.
»Ihr habet mir,« sagte ich, »eine artliche Geschichte erzählt und doch
das Beste vergessen, dann Ihr habet nicht gesagt, weder wie die Frau
noch ihr Mann oder das Kind geheißen.«
Er antwortete: die Edelfrau habe Susanna Ramst, ihr Mann Kapitain
Sternfels von Fuchsheim geheißen, und weil er Melchior hieße, so habe
er den Buben bei der Taufe auch Melchior Sternfels von Fuchsheim nennen
und ins Taufbuch schreiben lassen.
Hieraus vernahm ich umständlich, daß ich meines Einsiedels und der
Schwester des Gubernators Ramsey leiblicher Sohn gewesen. Aber ach,
leider viel zu spat! Dann meine Eltern waren schon beide tot.
Ich deckte meinen Paten vollends mit Wein zu und ließ den andern
Tag auch sein Weib holen. Da ich mich ihnen nun offenbarte, wollten
sie's nicht glauben, bis ich ihnen einen schwarzen haarigen Fleck
aufgewiesen, den ich auf der Brust habe.