Das vierte Kapitel

Nach meiner Rückkunft in Sauerbrunn ward ich gewahr, daß es sich mit

Herzbrudern eher gebösert als gebessert hatte, wiewohl ihn die Doktores

und Apotheker strenger als eine fette Gans gerupft. Er kam mir auch

ganz kindisch vor und konnte nur kümmerlich gehen. Sein Trost war, daß

ich bei ihm sein sollte, wann er die Augen würde zutun.

Hingegen machte ich mich lustig und suchte meine Freude; doch solcher

Gestalt, daß an seiner Pflege nichts manglete. Und weil ich mich ein

Witwer zu sein wußte, reizten mich die guten Täge und meine Jugend

wiederum zur Buhlerei, dann ich den zu Einsiedeln eingenommenen

Schröcken allerdings wieder vergessen hatte. Ich machte mit den

Lustigsten Kundschaft, die dahin kamen, und fing an courtoise Reden

und Komplimenten zu lernen, deren ich meine Tage sonst niemals viel

geachtet hatte. Man hielt mich vor einen vom Adel, weil mich meine

Leute Herr Hauptmann nannten. Dannhero machten die reichen Stutzer mit

mir Brüderschaft und war alle Kurzweile, Spielen, Saufen, Fressen meine

allergrößte Arbeit und Sorge.

Unterdessen ward es mit Herzbrudern je länger je ärger, also daß er

endlich die Schuld der Natur bezahlen mußte. Ich ließ ihn ganz herrlich

begraben und seine Diener mit Trauerkleidern und einem Stück Geld ihres

Wegs laufen.

Sein Abschied tät mir schmerzlich weh, vornehmlich weil ihm mit Gift

vergeben worden. Obzwar ich solches nicht ändern konnte, so änderte

es doch mich, dann ich flohe alle Gesellschaft und suchte nur die

Einsamkeit, meinen betrübten Gedanken Audienz zu geben. Ich verbarg

mich etwan irgends in einem Busch und betrachtete nicht allein, was ich

vor einen Freund verloren, sondern ich machte auch allerhand Anschläge

von Anstellung meines künftigen Lebens. Bald wollte ich wieder in

Krieg und unversehens gedachte ich, es hättens die geringsten Bauren

in dieser Gegend besser, maßen noch alle Baurenhöfe gleich als zu

Friedenszeiten in trefflichem Bau und alle Ställe voll Vieh waren.

Als ich mich nun mit Anhörung des lieblichsten Vogelgesangs ergötzte

und mir einbildete, daß die Nachtigall durch ihre Lieblichkeit andere

Vögel banne, still zu schweigen und ihr zuzuhören, da näherte sich

jenseits dem Bache eine Schönheit an Gestalt, die mich mehr bewegte,

weil sie nur den Habit einer Bauerdirne antrug, als eine stattliche

~Demoiselle~ sonst mir nicht hätte tun mögen. Sie hub einen Korb vom

Kopf, darin sie einen Ballen frische Butter trug, solchen im Sauerbrunn

zu verkaufen. Denselben erfrischte sie im Wasser. Unterdessen satzte

sie sich nieder ins Gras, warf ihr Kopftuch und den Baurenhut von

sich und wischte den Schweiß vom Angesicht, also daß ich sie genug

betrachten und meine vorwitzigen Augen an ihr weiden konnte. Da dünkte

mich, ich hätte die Tage meines Lebens kein schöner Mensch gesehen. Die

Proportion des Leibes schien vollkommen und ohn Tadel, Arme und Hände

schneeweiß, das Angesicht frisch und lieblich, die schwarzen Augen aber

voller Feuer und liebreizender Blicke.

Als sie nun ihre Butter wieder einpackte, schrie ich hinüber:

»Ach Jungfer, Ihr habt zwar mit Euren schönen Händen Euere Butter im

Wasser abgekühlt, hingegen aber mein Herz durch Euere klaren Augen ins

Feuer gesetzt.«

Sobald sie mich sahe und hörete, lief sie davon, als ob man sie gejagt

hätte. Sie hinterließ mich mit all denjenigen Torheiten beladen, damit

die verliebten Phantasten gepeinigt zu werden pflegen.

Meine Begierden, von dieser Sonne mehr beschienen zu werden, ließen

mich nicht in meiner Einsamkeit, sondern machten, daß ich den Gesang

der Nachtigallen nicht höher achtete als ein Geheul der Wölfe.

Derhalben tollete ich auch dem Sauerbrunn zu und schickte meinen Jungen

voran, die Butterverkäuferin anzupacken und mit ihr zu marken, bis ich

hernach käme. Er tät das Seinige und ich nach meiner Ankunft auch das

Meinige, aber ich fand ein steinern Herz und solche Kaltsinnigkeit,

dergleichen ich hinter einem Baurenmensch nimmermehr zu finden getrauet

hätte, welches mich aber viel verliebter machte.

Damals hätte ich entweder einen strengen Feind oder einen guten Freund

haben sollen. Einen Feind, damit ich meine Gedanken gegen denselben

hätte richten und der närrischen Liebe hätte vergessen müssen, oder

einen Freund, der mir ein anderes geraten und mich von meiner Torheit

hätte abmahnen mögen. Ach leider, ich hatte nichts als mein Geld, das

mich verblendete, meine blinden Begierden, die mich verführeten, weil

ich ihnen den Zaum schießen ließ, und meine grobe Unbesonnenheit, die

mich verderbete und in alles Unglück stürzete. Mit einem Wort, ich war

mit dem Narrenseil rechtschaffen verstrickt und derhalben ganz blind

und ohn Verstand. Und weil ich meine viehischen Begierden nicht anders

zu sättigen getrauete, entschloß ich mich, das Mensch zu heiraten. Was,

gedachte ich, du bist deines Herkommens doch nur ein Baurensohn und

wirst deiner Tage kein Schloß besitzen; du hast Geld genug, auch den

besten Baurenhof in dieser Gegend zu bezahlen. Du wirst dies ehrliche

Baurngretlein heiraten und dir einen geruhigen Herrenhandel inmitten

der Bauren schaffen. -- Ich erhielt, wiewohl nicht ohne Mühe, das

Jawort.

Zur Hochzeit ließ ich trefflich rüsten, dann der Himmel hing mir voller

Geigen. Das Baurengut, darauf meine Braut geboren worden, lösete ich

nicht allein ganz an mich, sondern fing noch darzu einen schönen, neuen

Bau an, gleich als ob ich daselbst mehr hof- als haushalten hätte

wollen. Eh die Hochzeit vollzogen, hatte ich daselbst über dreißig

Stück Viehe stehen, weil man soviel auf dem Gut erhalten konnte. Ich

bestellte alles aufs Beste und sogar mit köstlichem Hausrat, wie es mir

nur meine Torheit eingab.

Aber die Pfeife fiel mir bald in Dreck. Dann als ich nunmehr vermeinete

mit gutem Wind in Engelland zu schiffen, kam ich wider alle Zuversicht

nach Holland. Viel zu spat ward ich erst gewahr, was Ursache mich meine

Braut hatte so ungern nehmen wollen. Und ich konnte mein spöttlich

Anliegen keinem Menschen klagen. So zahlete ich nach Maß und Billigkeit

meine Schulden, was Erkanntnus mich darum doch nichts desto geduldiger,

viel weniger frömmer machte. Ich fand mich betrogen und gedachte meine

Betrügerin wieder zu prellen, maßen ich anfing grasen zu gehen, wo

ich zukommen konnte. Überdas stack ich mehr bei guter Gesellschaft in

Sauerbrunn als zu Haus.

Meine Frau war ebenso liederlich. Sie hatte einen Ochsen, den ich ins

Haus hatte schlagen lassen, in etliche Körbe eingesalzen; als sie eine

Spänsau zurichten sollte, unterstund sie sich solche wie einen Vogel zu

rupfen; sie wollte die Krebse am Rost und die Forellen am Spieß braten.

Nichts desto weniger trank sie auch das liebe Weingen gern und teilete

andern guten Leuten auch mit. --

Einsmals spazierete ich mit etlichen Stutzern das Tal hinunter, eine

Gesellschaft im untern Bad zu besuchen. Da begegnete uns ein alter

Baur mit einer Geiß am Strick, die er verkaufen wollte. Und weil mich

dünkte, ich hätte ihn mehr gesehen, fragte ich ihn, wo er mit der Geiß

herkomme.

Er zog sein Hütlein und sagte: »Gnädiger Hearr, eich darffs ouch werli

neit sän.«

»Du wirst sie ja nicht gestohlen haben.«

»Nein, ich bring sie aus dem Städtgen im Tal, welches ich eben gegen

den Hearrn nit darf nennen, dieweil wir vor einer Geiß reden.«

Solches bewegte die Gesellschaft zum Lachen, und weil ich mich

entfärbte, gedachten sie, ich hätte Verdruß, maßen mir der Baur so

artig eingeschenkt. Aber ich hatte andere Gedanken, dann an der großen

Warze, die der Baur mitten auf der Stirn stehen hatte, ward ich

eigentlich versichert, daß es mein Knän aus dem Spessart war. -- Wollte

derhalben zuvor einen Wahrsager agieren, eh ich mich ihm offenbarte.

»Mein lieber alter Vater, seid Ihr nicht im Spessart zu Haus?«

»Ja, Hearr.«

»Haben Euch nicht vor ungefähr achtzehen Jahren die Reuter Euer Haus

und Hof geplündert und verbrannt?«

»Ja, Gott erbarms, es ist aber noch nit so lang.«

»Habet Ihr nicht zwei Kinder, nämlich eine erwachsene Tochter und einen

jungen Knaben gehabt?«

»Hearr, die Tochter war mein Kind, der Bub nit. Ich hab ihn aber an

Kindesstatt aufziehen wollen.«

Hieraus verstund ich wohl, daß ich dieses Knollfinken Sohn nicht sei,

welches mich eines Teils erfreuete, hingegen aber auch betrübete, weil

mir einfiel, ich müßte sonst ein Bankert oder ein Findling sein. Fragte

derowegen den Knän, wo er den Buben aufgetrieben.

»Ach, der Krieg hat mir ihn gegeben und der Krieg hat nur ihn wieder

genommen.«

Weil ich dann besorgte, es dörfte wohl ein ~Facit~ herauskommen, das

mir wegen meiner Geburt nachteilig sein möchte, fragte ich, ob er die

Geiß der Wirtin in die Küche verkauft hätte.

»Ach nein, Hearr, ich bring sie der Gräfin, die im Sauerbrunn badet.

Der Doktor Hans in allen Gassen hat etliche Kräuter geordnet, so die

Geiß essen muß. Was sie dann vor Milch gibt, die nimmt der Doktor und

machet der Gräfin noch so ein Arznei drüber, dann muß sie die Milch

trinken. Man seit, es mangle der Gräfin am Gehäng.«

Unter währender solcher Relation besann ich, auf was Weise ich noch mit

dem Baurn reden möchte, bot ihm derhalben einen Taler mehr um die Geiß

als die Gräfin. Solches ging er gleich ein, doch mit dem Beding, er

sollte der Gräfin zuvor angeben, daß ihm ein Taler mehr darauf geboten,

er wollte mir den Handel auf den Abend anzeigen.

Also ging mein Knän seines Wegs und auch ich drehete mich bald von der

Kompanie ab und ging hin, wo ich meinen Knän wiederfand; der hatte

seine Geiß noch. Ich führete ihn auf meinen neuen Hof, bezahlte die

Geiß und hängte ihm einen halben Rausch an. Sodann fragte ich ihn nach

seinem Knaben.

»Ach Herr, der Mansfelder Krieg hat mir ihn beschert, und die

Nördlinger Schlacht hat mir ihn wieder genommen.« Nach verlorener

Schlacht bei Höchst habe des Mansfelder flüchtig Volk sich weit und

breit zerstreuet. Viel seien in den Spessart gekommen, weil sie die

Büsche suchten, sich zu verbergen, aber indem sie dem Tod in der Ebene

entgingen, hätten sie einen in den Bergen gefunden, dann damalen

ginge selten ein Baur in die Büsche ohn sein Feuerrohr, da man zu

Haus bei Hauen und Pflügen nicht bleiben konnte. In demselben Tumult

habe er nicht weit von seinem Hof in dem wilden ungeheuren Wald eine

schöne, junge Edelfrau samt einem stattlichen Pferd getroffen, so er

anfänglich vor einen Kerl gehalten, weil sie so mannlich daherritte.

Indem sie beides: Händ und Augen zum Himmel aufgehoben und auf wälsch

mit einer erbärmlichen Stimme zu Gott gerufen, habe er sein Rohr sinken

lassen und den Hahn wieder zurückgezogen, dann er gesehen, daß sie ein

betrübtes Weibsbild wäre. Indem er näher getreten riefe sie ihn an:

»Ach, wann Ihr ein ehrlicher Christenmensch seid, so bitte ich Euch um

Gottes und seiner Barmherzigkeit, ja um des jüngsten Gerichtes willen,

Ihr wollet mich zu ehrlichen Weibern führen, die mich durch göttliche

Hilfe von meines Leibes Bürde entledigen helfen!« Diese Worte hätten

ihn samt der holdseligen Aussprache zu solcher Erbärmde gezwungen, daß

er ihr Pferd beim Zügel nahm und sie durch Hecken und Stauden an den

allerdicksten Ort des Gesträuchs führete, da er selbst Weib, Kind,

Gesind und Viehe hingeflüchtet gehabt. Daselbst seie sie ehender als in

einer halben Stund des jungen Knaben genesen.

Ich sprach ihm gütlich zu. Da er aber sein Glas ausgeleert hatte,

fragte ich wie es darnach weiter mit der Frau gegangen.

Er antwortete, sie habe ihn zum Gevatter gebeten und ihm auch ihres

Mannes und ihren Namen genennt, damit sie möchten ins Taufbuch

geschrieben werden. Indem habe sie ihr Felleisen aufgetan, darin sie

wohl köstliche Sachen hatte, und ihm, seinem Weib und Kind, der Magd

und sonst allen geschenkt. Aber indem sie so damit umging und von

ihrem Mann erzählete, sei sie unter den Händen der Weiber gestorben.

Pfarrer und Schultz hätten ihm darnach befohlen, das Kind aufzuziehen

und vor Mühe und Kosten der Fraue ganze Hinterlassenschaft zu behalten,

ausgenommen etliche Paternoster, Edelsteine und sonst Geschmeiß. Also

sei das Kind von der Bäurin mit Geißmilch auferzogen worden.

»Ihr habet mir,« sagte ich, »eine artliche Geschichte erzählt und doch

das Beste vergessen, dann Ihr habet nicht gesagt, weder wie die Frau

noch ihr Mann oder das Kind geheißen.«

Er antwortete: die Edelfrau habe Susanna Ramst, ihr Mann Kapitain

Sternfels von Fuchsheim geheißen, und weil er Melchior hieße, so habe

er den Buben bei der Taufe auch Melchior Sternfels von Fuchsheim nennen

und ins Taufbuch schreiben lassen.

Hieraus vernahm ich umständlich, daß ich meines Einsiedels und der

Schwester des Gubernators Ramsey leiblicher Sohn gewesen. Aber ach,

leider viel zu spat! Dann meine Eltern waren schon beide tot.

Ich deckte meinen Paten vollends mit Wein zu und ließ den andern

Tag auch sein Weib holen. Da ich mich ihnen nun offenbarte, wollten

sie's nicht glauben, bis ich ihnen einen schwarzen haarigen Fleck

aufgewiesen, den ich auf der Brust habe.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 70 / 78 题