Das dritte Kapitel

Ein erfahrener Medicus, den ich von Straßburg eingeholet, befand, daß

dem Herzbruder mit Gift vergeben worden, das Gift sei aber nicht stark

genug gewesen, ihn gleich hinzurichten. Es müsse durch Gegenmittel

und Schweißbäder ausgetrieben werden, und würde sich solche Kur auf

ungefähr eine Woche oder acht belaufen. Mein Herzbruder resolvierte

sich, in Sauerbrunn die Kur zu vollenden, weil er nicht allein eine

gesunde Luft, sondern auch allerhand anmutige Gesellschaft unter den

Badegästen hatte.

Solche Zeit mochte ich nicht vergeblich hinbringen, weil ich Begierde

hatte, dermalen eins mein Weib auch wiederum zu sehen. Herzbruder

hatte meiner nicht vonnöten und lobte solches Fürnehmen. Gab mir auch

etliche kostbare Kleinodien, die ich ihr seinetwegen verehren und sie

um Verzeihung bitten sollte, daß er eine Ursache gewesen sei, daß ich

sie nicht ehender besuchet.

Also ritt ich auf Straßburg, allwo mein Geld auf Wechsel lag, machte

mich nicht allein mit Geld gefaßt, sondern erkundigte auch, wie ich

meine Reise anstellen möchte, um zwischen so vielen Guarnisonen der

beiderseits kriegenden Teile am sichersten fort zu kommen. Erhielt

derowegen einen Paß vor einen Straßburger Botenläufer und machte

etliche Schreiben an mein Weib, ihre Schwester und deren Eltern, als

ob ich einen Boten nach L. schicken wollte. Ich verkleidete mich aber

selbsten in ein weiß und rote Livrei und fuhr also botenweis bis nach

Köln, welche Stadt damals zwischen den kriegenden Parteien neutral war.

Ich ging zuforderst hin, meinen ~Jovem~ zu besuchen, den ich hiebevor

bei Soest gefangen hatte, um zu erkundigen, welche Bewandnus es mit

meinen hinterlegten Sachen hätte. Mein ~Jupiter~ war aber damals wieder

ganz hirnschellig und unwillig über das menschliche Geschlecht.

»O ~Mercuri~,« sagte er zu mir, »was bringst du neues von Münster?

Vermeinen die Menschen wohl ohn meinem Willen Frieden zu machen?

Nimmermehr! Sie hatten ihn. Warum haben sie ihn nicht behalten? Gingen

nicht alle Laster im Schwang, als sie mich bewegten den Krieg zu

senden? Womit haben sie seithero verdient, daß ich ihnen den Frieden

wiedergeben sollte? Haben sie sich dann selbiger Zeit her bekehrt?

Seind sie nicht ärger worden und selbst mit in Krieg geloffen wie

zu einer Kirmeß? Oder haben sie sich vielleicht wegen der Teuerung

bekehret, die ich ihnen zugesandt, darin so viel tausend Seelen Hungers

gestorben? Oder hat sie vielleicht das grausame Sterben erschröcket

(das so viel Millionen hingerafft) daß sie sich gebessert? Nein, nein,

~Mercuri~, die übrig Verbliebenen, die den elenden Jammer mit ihren

Augen angesehen, haben sich nicht allein nicht gebessert, sondern seind

viel ärger worden als sie zuvor jemals gewesen. Haben sie sich nun

wegen so vieler scharfen Heimsuchungen nicht bekehret, sondern unter

dem schweren Kreuz und Trübsal gottlos zu leben nicht aufgehöret,

was werden sie dann erst tun, wann ich ihnen den wohl-lustbarlichen,

göldenen Frieden wieder zusendete? Aber ich will ihrem Mutwillen wohl

bei Zeiten steuern und sie im Elend hocken lassen.«

Weil ich nun wußte, wie man diesen Gott lausen mußte, wann man ihn

recht stimmen wollte, sagte ich: »Ach, großer Gott, es seufzet aber

alle Welt nach dem Frieden und verspricht eine große Besserung.«

»Ja,« antwortete ~Jupiter~, »sie seufzen wohl, aber nicht meinet-

sondern um ihrentwillen. Nicht daß jeder unter seinem Weinstock und

Feigenbaum Gott loben, sondern daß sie deren edle Früchte mit guter

Ruhe und in aller Wollust genießen möchten. -- Ich fragte neulich

einen Schneider, ob ich den Frieden geben sollte. Er antwortete es

sei ihm gleich, er müsse sowohl zu Kriegs- als Friedenszeiten mit der

stählernen Stange fechten. Eine solche Antwort kriegte ich auch von

einem Rotgießer, der sagte, wann er im Frieden keine Glocken zu gießen

hätte, so wäre im Kriege genug an Stücken und Feuermörsern zu tun. Also

antwortete mir auch ein Schmied: er habe keine Pflüge und Baurenwägen

zu beschlagen, so kämen ihm im Krieg genug Reuterpferde und Heerwägen

unter die Hände, also daß er des Friedens wohl entbehren könne.

Siehe nun, lieber ~Mercuri~, warum soll ich ihnen dann den Frieden

verleihen? Alle so ihn wünschen, begehren seiner um ihres Bauchs und

der Wollust willen, hingegen sind andere die den Krieg wollen, weil

er ihnen einträget. Und gleichwie die Mäuerer und Zimmerleute den

Frieden wünschen, damit sie in Auferbauung der eingeäscherten Häuser

Geld verdienen, also verlangen andere die Fortsetzung des Krieges, im

selbigen zu stehlen.«

Weil nun mein ~Jupiter~ mit solchen Sachen umging, konnte ich mir

leicht einbilden, daß er mir in seinem verwirrten Stand von dem

Meinigen wenig Nachricht würde geben können. Nahm also den Kopf

zwischen die Ohren und ging durch Abwege nach L.

Daselbst erfuhr ich, vor einen fremden Boten gehalten, daß mein

Schweher samt der Schwieger bereits vor einem halben Jahr diese Welt

gesegnet, und dann, daß meine Liebste, nachdem sie mit einem Sohn

niedergekommen, den ihre Schwester bei sich hätte, gleichfalls stracks

nach ihrem Kindbette, diese Zeitlichkeit verlassen.

Darauf lieferte ich meinem Schwager die Schreiben, die ich selbst

an meine Liebste und ihre Schwester gerichtet hatte, aus. Derselbe

wollte mich nun beherbergen, damit er erfahren könnte, wes Standes

~Simplicius~ sei und wie er sich verhielte. Zu dem Ende diskutierte

meine Schwägerin lang mit mir von mir selbsten, und ich redete auch

von mir, was ich nur Löbliches wußte, dann die Pocken hatten mich

dergestalt verderbt und verändert, daß mich kein Mensch erkannte.

Als ich ihr nun nach der Länge erzählte, daß Herr ~Simplicius~ viel

schöner Pferde und Diener hätte und in einer schwarzen sammeten Mütze

aufzöge, die überall mit Gold verbrämt wäre, sagte sie:

»Ich habe mir jederzeit eingebildet, daß er keines so schlichten

Herkommens sei, als er sich davor ausgeben. Der hießige Kommandant

hat meine Eltern selig mit großen Verheißungen persuadiert, daß sie

ihm meine Schwester selig, die wohl eine fromme Jungfrau gewesen,

ganz vorteilhaftiger Weise aufgesattelt. Er hat einen Vorrat in Köln

gehabt und ihn hierher holen wollen, ist aber darüber ganz schelmischer

Weise nach Frankreich prakticiert worden. -- Meine Schwester hat ihn

kaum vier Wochen gehabt. Weil dann nunmehr mein Vater und Mutter tot,

ich und mein Mann aber keine Kinder miteinander erhoffen, haben wir

meiner Schwester Kind zum Erben angenommen und mit Hülfe des hießigen

Kommandanten seines Vaters Habe zu Köln erhoben, welche sich auf

dreitausend Gulden belaufen möchte. Wann also dieser junge Knab einmal

zu seinen Jahren kommt, wird er nicht Ursach haben sich unter die

Armen zu rechnen. Ich und mein Mann lieben das Kind auch so sehr, daß

wirs nicht mehr seinem Vater ließen, wannschon er selbst käme. Ich

weiß, wann mein Schwager wüßte, was er vor einen schönen Sohn hier

hätte, daß ihn nichts halten könnte hierher zu kommen.«

Indem lief mein Kind in seinen ersten Hosen um uns und ich erfreuete

mich vom Herzen. Ich suchte die Kleinodien herfür, so ich hätte meiner

Liebsten bringen sollen, und gab sie meinem Schwager vor das Kind, was

er mit Freuden empfing.

Mithin drang ich auf meine Abfertigung, und als ich dieselbe bekam,

begehrete ich im Namen des ~Simplicii~ den kleinen ~Simplicium~ zu

küssen, damit ich solches seinem Vater als Wahrzeichen erzählen könnte.

Als dies nun auf Vergünstigung meiner Schwägerin geschah, fing beiden,

mir und dem Kinde, die Nase an zu bluten, darüber mir das Herz hätte

brechen mögen, doch ich verbarg meine ~Affecten~. Damit man nicht Zeit

haben möchte, der Ursache dieser Sympathie nachzudenken, machte ich

mich stracks aus dem Staube.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 69 / 78 题