Ein erfahrener Medicus, den ich von Straßburg eingeholet, befand, daß
dem Herzbruder mit Gift vergeben worden, das Gift sei aber nicht stark
genug gewesen, ihn gleich hinzurichten. Es müsse durch Gegenmittel
und Schweißbäder ausgetrieben werden, und würde sich solche Kur auf
ungefähr eine Woche oder acht belaufen. Mein Herzbruder resolvierte
sich, in Sauerbrunn die Kur zu vollenden, weil er nicht allein eine
gesunde Luft, sondern auch allerhand anmutige Gesellschaft unter den
Badegästen hatte.
Solche Zeit mochte ich nicht vergeblich hinbringen, weil ich Begierde
hatte, dermalen eins mein Weib auch wiederum zu sehen. Herzbruder
hatte meiner nicht vonnöten und lobte solches Fürnehmen. Gab mir auch
etliche kostbare Kleinodien, die ich ihr seinetwegen verehren und sie
um Verzeihung bitten sollte, daß er eine Ursache gewesen sei, daß ich
sie nicht ehender besuchet.
Also ritt ich auf Straßburg, allwo mein Geld auf Wechsel lag, machte
mich nicht allein mit Geld gefaßt, sondern erkundigte auch, wie ich
meine Reise anstellen möchte, um zwischen so vielen Guarnisonen der
beiderseits kriegenden Teile am sichersten fort zu kommen. Erhielt
derowegen einen Paß vor einen Straßburger Botenläufer und machte
etliche Schreiben an mein Weib, ihre Schwester und deren Eltern, als
ob ich einen Boten nach L. schicken wollte. Ich verkleidete mich aber
selbsten in ein weiß und rote Livrei und fuhr also botenweis bis nach
Köln, welche Stadt damals zwischen den kriegenden Parteien neutral war.
Ich ging zuforderst hin, meinen ~Jovem~ zu besuchen, den ich hiebevor
bei Soest gefangen hatte, um zu erkundigen, welche Bewandnus es mit
meinen hinterlegten Sachen hätte. Mein ~Jupiter~ war aber damals wieder
ganz hirnschellig und unwillig über das menschliche Geschlecht.
»O ~Mercuri~,« sagte er zu mir, »was bringst du neues von Münster?
Vermeinen die Menschen wohl ohn meinem Willen Frieden zu machen?
Nimmermehr! Sie hatten ihn. Warum haben sie ihn nicht behalten? Gingen
nicht alle Laster im Schwang, als sie mich bewegten den Krieg zu
senden? Womit haben sie seithero verdient, daß ich ihnen den Frieden
wiedergeben sollte? Haben sie sich dann selbiger Zeit her bekehrt?
Seind sie nicht ärger worden und selbst mit in Krieg geloffen wie
zu einer Kirmeß? Oder haben sie sich vielleicht wegen der Teuerung
bekehret, die ich ihnen zugesandt, darin so viel tausend Seelen Hungers
gestorben? Oder hat sie vielleicht das grausame Sterben erschröcket
(das so viel Millionen hingerafft) daß sie sich gebessert? Nein, nein,
~Mercuri~, die übrig Verbliebenen, die den elenden Jammer mit ihren
Augen angesehen, haben sich nicht allein nicht gebessert, sondern seind
viel ärger worden als sie zuvor jemals gewesen. Haben sie sich nun
wegen so vieler scharfen Heimsuchungen nicht bekehret, sondern unter
dem schweren Kreuz und Trübsal gottlos zu leben nicht aufgehöret,
was werden sie dann erst tun, wann ich ihnen den wohl-lustbarlichen,
göldenen Frieden wieder zusendete? Aber ich will ihrem Mutwillen wohl
bei Zeiten steuern und sie im Elend hocken lassen.«
Weil ich nun wußte, wie man diesen Gott lausen mußte, wann man ihn
recht stimmen wollte, sagte ich: »Ach, großer Gott, es seufzet aber
alle Welt nach dem Frieden und verspricht eine große Besserung.«
»Ja,« antwortete ~Jupiter~, »sie seufzen wohl, aber nicht meinet-
sondern um ihrentwillen. Nicht daß jeder unter seinem Weinstock und
Feigenbaum Gott loben, sondern daß sie deren edle Früchte mit guter
Ruhe und in aller Wollust genießen möchten. -- Ich fragte neulich
einen Schneider, ob ich den Frieden geben sollte. Er antwortete es
sei ihm gleich, er müsse sowohl zu Kriegs- als Friedenszeiten mit der
stählernen Stange fechten. Eine solche Antwort kriegte ich auch von
einem Rotgießer, der sagte, wann er im Frieden keine Glocken zu gießen
hätte, so wäre im Kriege genug an Stücken und Feuermörsern zu tun. Also
antwortete mir auch ein Schmied: er habe keine Pflüge und Baurenwägen
zu beschlagen, so kämen ihm im Krieg genug Reuterpferde und Heerwägen
unter die Hände, also daß er des Friedens wohl entbehren könne.
Siehe nun, lieber ~Mercuri~, warum soll ich ihnen dann den Frieden
verleihen? Alle so ihn wünschen, begehren seiner um ihres Bauchs und
der Wollust willen, hingegen sind andere die den Krieg wollen, weil
er ihnen einträget. Und gleichwie die Mäuerer und Zimmerleute den
Frieden wünschen, damit sie in Auferbauung der eingeäscherten Häuser
Geld verdienen, also verlangen andere die Fortsetzung des Krieges, im
selbigen zu stehlen.«
Weil nun mein ~Jupiter~ mit solchen Sachen umging, konnte ich mir
leicht einbilden, daß er mir in seinem verwirrten Stand von dem
Meinigen wenig Nachricht würde geben können. Nahm also den Kopf
zwischen die Ohren und ging durch Abwege nach L.
Daselbst erfuhr ich, vor einen fremden Boten gehalten, daß mein
Schweher samt der Schwieger bereits vor einem halben Jahr diese Welt
gesegnet, und dann, daß meine Liebste, nachdem sie mit einem Sohn
niedergekommen, den ihre Schwester bei sich hätte, gleichfalls stracks
nach ihrem Kindbette, diese Zeitlichkeit verlassen.
Darauf lieferte ich meinem Schwager die Schreiben, die ich selbst
an meine Liebste und ihre Schwester gerichtet hatte, aus. Derselbe
wollte mich nun beherbergen, damit er erfahren könnte, wes Standes
~Simplicius~ sei und wie er sich verhielte. Zu dem Ende diskutierte
meine Schwägerin lang mit mir von mir selbsten, und ich redete auch
von mir, was ich nur Löbliches wußte, dann die Pocken hatten mich
dergestalt verderbt und verändert, daß mich kein Mensch erkannte.
Als ich ihr nun nach der Länge erzählte, daß Herr ~Simplicius~ viel
schöner Pferde und Diener hätte und in einer schwarzen sammeten Mütze
aufzöge, die überall mit Gold verbrämt wäre, sagte sie:
»Ich habe mir jederzeit eingebildet, daß er keines so schlichten
Herkommens sei, als er sich davor ausgeben. Der hießige Kommandant
hat meine Eltern selig mit großen Verheißungen persuadiert, daß sie
ihm meine Schwester selig, die wohl eine fromme Jungfrau gewesen,
ganz vorteilhaftiger Weise aufgesattelt. Er hat einen Vorrat in Köln
gehabt und ihn hierher holen wollen, ist aber darüber ganz schelmischer
Weise nach Frankreich prakticiert worden. -- Meine Schwester hat ihn
kaum vier Wochen gehabt. Weil dann nunmehr mein Vater und Mutter tot,
ich und mein Mann aber keine Kinder miteinander erhoffen, haben wir
meiner Schwester Kind zum Erben angenommen und mit Hülfe des hießigen
Kommandanten seines Vaters Habe zu Köln erhoben, welche sich auf
dreitausend Gulden belaufen möchte. Wann also dieser junge Knab einmal
zu seinen Jahren kommt, wird er nicht Ursach haben sich unter die
Armen zu rechnen. Ich und mein Mann lieben das Kind auch so sehr, daß
wirs nicht mehr seinem Vater ließen, wannschon er selbst käme. Ich
weiß, wann mein Schwager wüßte, was er vor einen schönen Sohn hier
hätte, daß ihn nichts halten könnte hierher zu kommen.«
Indem lief mein Kind in seinen ersten Hosen um uns und ich erfreuete
mich vom Herzen. Ich suchte die Kleinodien herfür, so ich hätte meiner
Liebsten bringen sollen, und gab sie meinem Schwager vor das Kind, was
er mit Freuden empfing.
Mithin drang ich auf meine Abfertigung, und als ich dieselbe bekam,
begehrete ich im Namen des ~Simplicii~ den kleinen ~Simplicium~ zu
küssen, damit ich solches seinem Vater als Wahrzeichen erzählen könnte.
Als dies nun auf Vergünstigung meiner Schwägerin geschah, fing beiden,
mir und dem Kinde, die Nase an zu bluten, darüber mir das Herz hätte
brechen mögen, doch ich verbarg meine ~Affecten~. Damit man nicht Zeit
haben möchte, der Ursache dieser Sympathie nachzudenken, machte ich
mich stracks aus dem Staube.