Das ander Kapitel

Ich dingete daselbst eine lustige Stube und Kammer vor uns, deren

sonst zur Sommerszeit die Badegäste zu gebrauchen pflegen, welches

gemeiniglich reiche Schweizer sein, die mehr hinziehen sich zu

erlustieren und zu prangen, als einiger Gebrechen halber zu baden.

Als Herzbruder sahe, daß ich so herrlich angriff, ermahnete er mich

zur Gesparsamkeit. Viel Geld sei bald vertan, es stäube hinaus wie

der Rauch und verspreche, nimmermehr wieder zu kommen. Auf solche

treuherzige Erinnerung konnte ich Herzbrudern nicht länger verbergen,

wie reich mein Säckel wäre. Es sei zudem billig, daß Herzbruder aus

Oliviers Säckel vergnügt würde, um die Schmach, die er hiebevor von ihm

vor Magdeburg empfangen, sintemal die Erwerbung dieses Goldes ohn das

alles Segens unwürdig wäre, so daß ich keinen Meierhof daraus zu kaufen

gedächte. Ich zog meine beiden Scapulier ab, trennte die Dukaten und

Pistoletten heraus und sagte zu Herzbruder, er möge nun mit dem Gelde

nach Belieben verfahren, maßen ich mich in aller Sicherheit zu sein

wüßte.

Er sagte: »Bruder, du tust nichts, so lange ich dich kenne, als deine

gegen mich habende Liebe bezeugen. Womit meinst du, daß ichs wieder

um dich werde beschulden können? Es ist nicht nur um das Geld zu tun,

sondern um deine Liebe und Treue, vornehmlich aber um dein zu mir

habendes hohes Vertrauen, so nicht zu schätzen ist. Bruder, mit einem

Wort, dein tugendhaft Gemüt machet mich zu deinem Sklaven, und was du

gegen mich tust, ist mehr zu verwundern als zu wiedergelten möglich.

Versichert, Bruder, dieses Beweistum deiner wahren Freundschaft

verbindet mich mehr gegen dich als ein reicher Herr, der mir viel

tausend verehrte. Allein bitte ich, mein Bruder, bleibe selber

Verwahrer und Austeiler über dein Geld. Mir ist genug, daß du mein

Freund bist.«

Ich antwortete: »Was wunderliche Reden sein das, hochgeehrter

Herzbruder? Er gibt mündlich zu vernehmen, daß Er mir verbunden sei

und will doch nicht davor sein, daß ich dieses Geld nicht unnütz

verschwende?«

Also redeten wir beiderseits gegeneinander läppisch genug, weil ja

einer des andern Liebe trunken war. Und ward Herzbruder zu gleich mein

Hofmeister, Säckelmeister, Diener und Herr. Und in solcher müßiger Zeit

erzählete er mir seines Lebens Lauf und ich ihm den meinen. Da er nun

hörete, daß ich ein junges Weib zu L. hatte, verwiese er mir, daß ich

mich nicht ehender zu derselbigen, als mit ihm in das Schweizerland

begeben, dann solches wäre anständiger und auch meine Schuldigkeit

gewesen. Demnach ich mich entschuldiget, daß ich ihn als meinen

allerliebsten Freund in seinem Elend zu verlassen nicht übers Herz

bringen können, beredete er mich, daß ich meinem Weibe schrieb und ihr

meine Gelegenheit zu wissen machte mit Versprechen, mich mit ehistem

wieder zu ihr zu begeben. Tät meines langen Ausbleibens widriger

Begegnüssen halber Entschuldigung.

Dieweil dann Herzbruder aus den gemeinen Zeitungen erfuhr, daß es

um den Grafen von Götz wohl stünde und er gar wiederum das Kommando

über eine Armee kriegen würde, berichtete er demselben seinen Zustand

nach Wien und schrieb auch nach der kur-bayrischen Armee wegen seiner

Bagage.

Herzbruder erhielt von hochgemeldten Grafen eine Wiederantwort und

treffliche Promessen von Wien, ich aber bekam von L. keinen einzigen

Buchstaben, unangesehen ich unterschiedliche Posttäge ~in duplo~

hinschriebe. Das machte mich unwillig und verursachete, daß ich

denselbigen Frühling meinen Weg nicht nach Westfalen antrat, sondern

von Herzbrudern erhielt, daß er mich mit ihm nach Wien nahm, mich

seines verhofften Glückes genießen zu lassen. Also montierten wir uns

aus meinem Geld wie zwei Kavaliers beides: mit Kleidungen, Pferden,

Dienern und Gewehren. Gingen durch Konstanz auf Ulm, allda wir uns auf

die Donau satzten und von dort aus in acht Tagen zu Wien glücklich

anlangten. Auf demselben Weg beobachtete ich sonst nichts, als daß die

Weibsbilder, so an dem Strand wohnen, den Vorüberfahrenden, so ihnen

zuschreien, nicht mündlich sondern schlicht mit dem Beweistum selbst

antworten, davon ein Kerl manch feines Einsehen haben kann.

Es geht wohl seltsam in der veränderlichen Welt her! Wer alles wüßte,

der würde bald reich. Ich sage: Wer sich allweg in die Zeit schicken

könnte der würde auch bald groß und mächtig. Wer aber weiß, sich

groß und mächtig zu machen, dem folget der Reichtum auf dem Fuß. Das

Glück, so Macht und Reichtum zu haben pfleget, blickte mich trefflich

holdselig an.

Der Graf von der Wahl, unter dessen Kommando ich mich hiebevor in

Westfalen bekannt gemacht, war eben auch zu Wien. Herzbruder ward zu

einem Bankett geladen, da sich verschiedene kaiserliche Kriegsräte

neben dem Grafen von Götz und andern mehr befanden. Als man von

allerhand seltsamen Köpfen und berühmten Parteigängern redete, erzählte

der Graf von der Wahl auch etliche Stücklein des Jägers von Soest,

daß man sich teils über einen so jungen Kerl verwunderte, teils

bedauerte, daß der listige hessische Obrist ~de S. A.~ ihm einen

Weh-Bengel angehängt, damit er entweder den Degen beiseite legen oder

schwedische Waffen tragen sollte. Herzbruder, der eben dort stund, bate

um Verzeihung und Erlaubnis zu reden und sagte, daß er den Jäger von

Soest besser kenne als sonst einen Menschen, er sei nicht allein ein

guter Soldat, sondern auch ein ziemlicher Reuter, perfekter Fechter,

trefflicher Büchsenmeister und Feuerwerker, über dies alles einer, der

einem Ingenieur im Fortifikationswesen nichts nachgeben würde. Er hätte

nicht nur sein Weib, weil er mit ihr schimpflich hintergangen worden,

sondern auch alles was er gehabt zu L. hinterlassen und wiederum

kaiserliche Dienste gesucht, maßen er mit ihm selbsten nach Wien

gekommen des Willens, sich abermals wider der römischen kaiserlichen

Majestät Feinde gebrauchen zu lassen, doch soferne er solche Kondition

haben könnte, die ihm anständig seien.

Damals war diese ansehnliche Kompanei mit dem lieben Trunk schon

dergestalt begeistert, daß sie ihre Kuriosität, den Jäger zu sehen

befriedigt wissen wollte, maßen Herzbruder geschickt ward, mich in

einer Kutsche zu holen. Er instruierte mich unterwegs, derhalben

antwortete ich, als ich hinkam, auf alles sehr kurz und redete nichts,

es müßte dann einen klugen Nachdruck haben. Ich erschien dergestalt,

daß ich jedem angenehm war. Mithin kriegte ich auch einen Rausch und

glaube wohl, daß ich dann habe scheinen lassen, wie wenig ich bei Hof

gewesen. Endlich versprach mir ein Obrister zu Fuß eine Kompagnie unter

seinem Regiment.

Also ward ich derselbigen vor einen Hauptmann vorgestellt. Obzwar

meine Kompagnie samt mir ganz komplett war, hatte sie nicht mehr als

sieben Schillerhälse, zudem waren meine Unter-Offizierer mehrenteils

alte Krachwadel, darüber ich mich hinter Ohren kratzte. Dahero ward ich

mit ihnen bei der nächsten scharfen Occasion desto leichter gemarscht.

Dabei verlor der Graf von Götz das Leben, Herzbruder und ich bekamen

einen Schuß. Wir begaben uns auf Wien, um uns kurieren zu lassen, wo

sich bei Herzbruder ein anderer gefährlicher Zustand zeigte, dann

er ward lahm an allen vieren, wie ein ~Cholericus~, den die Galle

verderbt, und war doch am wenigsten selbiger Komplexion noch dem

Zorn beigetan. Nichts desto weniger ward ihm eine Sauerbrunnkur, der

Gießbacher an dem Schwarzwald, vorgeschlagen.

Also veränderte sich das Glück unversehens. Herzbruder machte sein

Testament und satzte mich zum einzigen Erben, und ich schlug mein Glück

in den Wind und quittierte meine Kompagnie, damit ich ihn begleiten und

ihm in Sauerbrunn aufwarten könnte.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 68 / 78 题