Ich dingete daselbst eine lustige Stube und Kammer vor uns, deren
sonst zur Sommerszeit die Badegäste zu gebrauchen pflegen, welches
gemeiniglich reiche Schweizer sein, die mehr hinziehen sich zu
erlustieren und zu prangen, als einiger Gebrechen halber zu baden.
Als Herzbruder sahe, daß ich so herrlich angriff, ermahnete er mich
zur Gesparsamkeit. Viel Geld sei bald vertan, es stäube hinaus wie
der Rauch und verspreche, nimmermehr wieder zu kommen. Auf solche
treuherzige Erinnerung konnte ich Herzbrudern nicht länger verbergen,
wie reich mein Säckel wäre. Es sei zudem billig, daß Herzbruder aus
Oliviers Säckel vergnügt würde, um die Schmach, die er hiebevor von ihm
vor Magdeburg empfangen, sintemal die Erwerbung dieses Goldes ohn das
alles Segens unwürdig wäre, so daß ich keinen Meierhof daraus zu kaufen
gedächte. Ich zog meine beiden Scapulier ab, trennte die Dukaten und
Pistoletten heraus und sagte zu Herzbruder, er möge nun mit dem Gelde
nach Belieben verfahren, maßen ich mich in aller Sicherheit zu sein
wüßte.
Er sagte: »Bruder, du tust nichts, so lange ich dich kenne, als deine
gegen mich habende Liebe bezeugen. Womit meinst du, daß ichs wieder
um dich werde beschulden können? Es ist nicht nur um das Geld zu tun,
sondern um deine Liebe und Treue, vornehmlich aber um dein zu mir
habendes hohes Vertrauen, so nicht zu schätzen ist. Bruder, mit einem
Wort, dein tugendhaft Gemüt machet mich zu deinem Sklaven, und was du
gegen mich tust, ist mehr zu verwundern als zu wiedergelten möglich.
Versichert, Bruder, dieses Beweistum deiner wahren Freundschaft
verbindet mich mehr gegen dich als ein reicher Herr, der mir viel
tausend verehrte. Allein bitte ich, mein Bruder, bleibe selber
Verwahrer und Austeiler über dein Geld. Mir ist genug, daß du mein
Freund bist.«
Ich antwortete: »Was wunderliche Reden sein das, hochgeehrter
Herzbruder? Er gibt mündlich zu vernehmen, daß Er mir verbunden sei
und will doch nicht davor sein, daß ich dieses Geld nicht unnütz
verschwende?«
Also redeten wir beiderseits gegeneinander läppisch genug, weil ja
einer des andern Liebe trunken war. Und ward Herzbruder zu gleich mein
Hofmeister, Säckelmeister, Diener und Herr. Und in solcher müßiger Zeit
erzählete er mir seines Lebens Lauf und ich ihm den meinen. Da er nun
hörete, daß ich ein junges Weib zu L. hatte, verwiese er mir, daß ich
mich nicht ehender zu derselbigen, als mit ihm in das Schweizerland
begeben, dann solches wäre anständiger und auch meine Schuldigkeit
gewesen. Demnach ich mich entschuldiget, daß ich ihn als meinen
allerliebsten Freund in seinem Elend zu verlassen nicht übers Herz
bringen können, beredete er mich, daß ich meinem Weibe schrieb und ihr
meine Gelegenheit zu wissen machte mit Versprechen, mich mit ehistem
wieder zu ihr zu begeben. Tät meines langen Ausbleibens widriger
Begegnüssen halber Entschuldigung.
Dieweil dann Herzbruder aus den gemeinen Zeitungen erfuhr, daß es
um den Grafen von Götz wohl stünde und er gar wiederum das Kommando
über eine Armee kriegen würde, berichtete er demselben seinen Zustand
nach Wien und schrieb auch nach der kur-bayrischen Armee wegen seiner
Bagage.
Herzbruder erhielt von hochgemeldten Grafen eine Wiederantwort und
treffliche Promessen von Wien, ich aber bekam von L. keinen einzigen
Buchstaben, unangesehen ich unterschiedliche Posttäge ~in duplo~
hinschriebe. Das machte mich unwillig und verursachete, daß ich
denselbigen Frühling meinen Weg nicht nach Westfalen antrat, sondern
von Herzbrudern erhielt, daß er mich mit ihm nach Wien nahm, mich
seines verhofften Glückes genießen zu lassen. Also montierten wir uns
aus meinem Geld wie zwei Kavaliers beides: mit Kleidungen, Pferden,
Dienern und Gewehren. Gingen durch Konstanz auf Ulm, allda wir uns auf
die Donau satzten und von dort aus in acht Tagen zu Wien glücklich
anlangten. Auf demselben Weg beobachtete ich sonst nichts, als daß die
Weibsbilder, so an dem Strand wohnen, den Vorüberfahrenden, so ihnen
zuschreien, nicht mündlich sondern schlicht mit dem Beweistum selbst
antworten, davon ein Kerl manch feines Einsehen haben kann.
Es geht wohl seltsam in der veränderlichen Welt her! Wer alles wüßte,
der würde bald reich. Ich sage: Wer sich allweg in die Zeit schicken
könnte der würde auch bald groß und mächtig. Wer aber weiß, sich
groß und mächtig zu machen, dem folget der Reichtum auf dem Fuß. Das
Glück, so Macht und Reichtum zu haben pfleget, blickte mich trefflich
holdselig an.
Der Graf von der Wahl, unter dessen Kommando ich mich hiebevor in
Westfalen bekannt gemacht, war eben auch zu Wien. Herzbruder ward zu
einem Bankett geladen, da sich verschiedene kaiserliche Kriegsräte
neben dem Grafen von Götz und andern mehr befanden. Als man von
allerhand seltsamen Köpfen und berühmten Parteigängern redete, erzählte
der Graf von der Wahl auch etliche Stücklein des Jägers von Soest,
daß man sich teils über einen so jungen Kerl verwunderte, teils
bedauerte, daß der listige hessische Obrist ~de S. A.~ ihm einen
Weh-Bengel angehängt, damit er entweder den Degen beiseite legen oder
schwedische Waffen tragen sollte. Herzbruder, der eben dort stund, bate
um Verzeihung und Erlaubnis zu reden und sagte, daß er den Jäger von
Soest besser kenne als sonst einen Menschen, er sei nicht allein ein
guter Soldat, sondern auch ein ziemlicher Reuter, perfekter Fechter,
trefflicher Büchsenmeister und Feuerwerker, über dies alles einer, der
einem Ingenieur im Fortifikationswesen nichts nachgeben würde. Er hätte
nicht nur sein Weib, weil er mit ihr schimpflich hintergangen worden,
sondern auch alles was er gehabt zu L. hinterlassen und wiederum
kaiserliche Dienste gesucht, maßen er mit ihm selbsten nach Wien
gekommen des Willens, sich abermals wider der römischen kaiserlichen
Majestät Feinde gebrauchen zu lassen, doch soferne er solche Kondition
haben könnte, die ihm anständig seien.
Damals war diese ansehnliche Kompanei mit dem lieben Trunk schon
dergestalt begeistert, daß sie ihre Kuriosität, den Jäger zu sehen
befriedigt wissen wollte, maßen Herzbruder geschickt ward, mich in
einer Kutsche zu holen. Er instruierte mich unterwegs, derhalben
antwortete ich, als ich hinkam, auf alles sehr kurz und redete nichts,
es müßte dann einen klugen Nachdruck haben. Ich erschien dergestalt,
daß ich jedem angenehm war. Mithin kriegte ich auch einen Rausch und
glaube wohl, daß ich dann habe scheinen lassen, wie wenig ich bei Hof
gewesen. Endlich versprach mir ein Obrister zu Fuß eine Kompagnie unter
seinem Regiment.
Also ward ich derselbigen vor einen Hauptmann vorgestellt. Obzwar
meine Kompagnie samt mir ganz komplett war, hatte sie nicht mehr als
sieben Schillerhälse, zudem waren meine Unter-Offizierer mehrenteils
alte Krachwadel, darüber ich mich hinter Ohren kratzte. Dahero ward ich
mit ihnen bei der nächsten scharfen Occasion desto leichter gemarscht.
Dabei verlor der Graf von Götz das Leben, Herzbruder und ich bekamen
einen Schuß. Wir begaben uns auf Wien, um uns kurieren zu lassen, wo
sich bei Herzbruder ein anderer gefährlicher Zustand zeigte, dann
er ward lahm an allen vieren, wie ein ~Cholericus~, den die Galle
verderbt, und war doch am wenigsten selbiger Komplexion noch dem
Zorn beigetan. Nichts desto weniger ward ihm eine Sauerbrunnkur, der
Gießbacher an dem Schwarzwald, vorgeschlagen.
Also veränderte sich das Glück unversehens. Herzbruder machte sein
Testament und satzte mich zum einzigen Erben, und ich schlug mein Glück
in den Wind und quittierte meine Kompagnie, damit ich ihn begleiten und
ihm in Sauerbrunn aufwarten könnte.