»Mein Vater«, sagte Olivier, »ist unweit der Stadt Aach von geringen
Leuten geboren worden. Er mußte bei einem reichen Kaufmann, der
mit Kupfer schacherte, dienen und hielt sich so fein, daß der ihm
Schreiben, Lesen und Rechnen lernen ließ und endlich über seinen ganzen
Handel satzte. Dies schlug beiden Teilen wohl zu. Der Kaufmann ward je
länger je reicher, mein Vater aber je länger je stolzer, daß er sich
auch seiner Eltern schämete und sie verachtete. Der Kaufmann starb und
verließ seine alte Witwe samt deren einziger Tochter, die kürzlich
in eine Pfanne getreten und sich von einem Gademhengst ein Junges
hatte zweigen lassen, das aber seinem Großvater bald nachfolgte. Da
nun mein Vater sahe, daß die Tochter zwar vater- und kinderlos aber
nicht geldlos worden, achtete er nicht, daß sie keinen Kranz mehr
tragen dorfte, sondern erwug ihren Reichtum und machte sich bei ihr
zutäppisch, so ihre Mutter gern zuließ, dann mein Vater hatte um den
ganzen Kindeshandel Wissenschaft und konnte sonst mit dem Judenspieß
trefflich fechten. Also ward mein Vater unversehens ein reicher
Kaufmann, ich aber, sein Erbe, ward in Kleidung gehalten wie ein
Edelmann, in Essen wie ein Freiherr und in der übrigen Wartung wie ein
Graf.
Kein Schelmstück war mir zu viel, dann was zur Nessel werden soll,
brennt bei Zeiten. Ich terminierte mit bößen Buben durch dick und dünn
auf der Gasse. Kriegte ich Stöße, so sagten meine Eltern: soll so ein
großer Flegel sich mit einem Kinde schlagen! Überwand ich, maßen ich
kratzte, biß und warf, so sagten sie: unser Oliviergen wird ein braver
Kerl. Ich ward immer ärger, bis man mich zur Schule schickte. Was die
bösen Buben ersannen und nicht praktizieren dorften, das satzte ich ins
Werk. Meinen Schulmeister tät ich großen Dampf an, dann er dorfte mich
nicht hart halten, weil er ziemliche Verehrung von meinen Eltern bekam.
Ich stäubte Nießwurz an den Ort, da man die Knaben zu kastigieren
pflegte; wann sich dann etwa ein halsstarriger wehrte, so stob mein
Pulver herum und machte mir eine angenehme Kurzweile, dann alles nießen
mußte. Ich stahl oft dem einen etwas und steckte es dem andern in den
Sack, dem ich gern Stöße angerichtet. Mit solchen Griffen konnte ich so
behutsam umgehen, daß ich fast niemals darüber erdappt ward.
Weilen sich meines Vaters Reichtum täglich mehrete, als bekam er
auch desto mehr Schmarotzer und Fuchsschwänzer, die meinen guten
Kopf trefflich lobten und meine Untugenden zu entschuldigen wußten.
Derowegen hatten meine Eltern eine Freude an ihrem Sohn, als die
Grasmücke, die einen Guckuck aufzeucht. Sie dingten mir einen eigenen
~Praeceptor~ und schickten mich nach Lüttich, mehr daß ich dort Welsch
lernen, als studieren sollte, weil sie keinen Theologum, sondern
einen Handelsmann aus mir erziehen wollten. Dieser hatte Befehl, mich
beileib nicht streng zu halten, daß ich kein forchtsam knechtisch Gemüt
überkäme und nicht leutscheu, sondern ein Weltmann würde.
Ermeldter ~Praeceptor~ war dieser Weisung unbedürftig und von sich
selbsten auf alle Büberei geneigt, aufs Buhlen und Saufen aber am
meisten, ich aber von Natur aus aufs Balgen und Schlagen. Daher ging
ich schon bei Nacht mit ihm und seines gleichen ~gassatim~ und lernte
ihm in Kürze mehr Untugenden ab als Latein. Beim Studieren verließ
ich mich auf mein gut Gedächtnis und scharfen Verstand. Mein Gewissen
war bereits so weit, daß ein großer Heuwagen hindurch hätte fahren
mögen. Ich fragte nichts darnach, wann ich in der Kirche unter der
Predigt schlüpfrige Bücher lase, und hörte nichts Liebers vom ganzen
Gottesdienst, als wann man sagte: ~Ite, missa est.~ Darneben dünkte ich
mich keine Sau zu sein, sondern hielt mich recht stutzerisch, alle Tage
wars mir Martins-Abend oder Faßnacht. Da mir mein Vater zur Notdurft
reichlich schickte und auch meiner Mutter fette Milchpfennige tapfer
durchgehen ließe, lockte uns auch das Frauenzimmer an sich. Bei diesen
Schleppsäcken lernte ich Löffeln, Buhlen und Spielen; Hadern, Balgen
und Schlagen konnte ich zuvor.
Mein Vater erfuhr dieses herrliche Leben durch seinen Faktor in
Lüttich. Der bekam Befehl, den ~Praeceptor~ abzuschaffen und den Zügel
fürderhin nicht so lang zu lassen, mich ferner genauer im Gelde zu
halten. Solches verdroß uns beide. Demnach wir aber nicht mehr wie
hiebevor spendieren konnten, gesellten wir uns zu einer Bursch, die den
Leuten des Nachts auf der Gasse die Mäntel abzwackte oder sie gar in
der Maas ersäufte. Was wir solchergestalt eroberten, verschlemmten wir
mit unseren Huren und ließen das Studieren beinahe ganz unterwegen.
Als wir nun einsmals bei Nacht herum schlingelten, den Studenten ihre
Mäntel hinweg zu vulpinieren, wurden wir überwunden, mein ~Praeceptor~
erstochen und ich neben andern fünfen, die rechte Spitzbuben
waren, erdappt und eingezogen. Auf Bürgschaft des Faktors, der ein
ansehnlicher Mann war, ward ich losgelassen, doch daß ich bis auf
weiteren Bescheid in seinem Hause im Arrest bleiben sollte. Jene fünf
wurden als Spitzbuben, Räuber und Mörder gestraft. Mein Vater kam
eiligst selbst auf Lüttich, richtete meine Sache mit Geld aus, hielt
mir eine scharfe Predigt und verwiese mir, was ich ihm vor Kreuz und
Unglück und meiner Mutter vor Verzweiflung machte -- auch, daß er mich
enterben und vorn Teufel hinwegjagen wollte. Ich versprach Besserung
und ritte mit ihm nach Haus; also hat mein Studieren ein Ende genommen.
Ich war kein ehrbarer ~Domine~ geworden, sondern ein Disputierer und
Schnarcher, der sich einbildete, er verstehe trefflich viel. Und mein
Vater befand, daß ich im Grund verderbt wäre.
»Höre, Olivier,« sagte er, »ich sehe deine Eselsohren je länger je
mehr hervorragen, du bist eine unnütze Last auf Erden. Ein Handwerk zu
lernen bist du zu groß, einem Herren zu dienen bist du zu flegelhaftig,
meine Hantierung zu begreifen und zu treiben bist du nichts nutz. Ich
habe gehofft dich zum Manne zu machen, so habe ich dich hingegen jetzt
aus des Henkers Händen erkaufen müssen: Pfui, der Schande!«
Dergleichen Lectionen mußte ich täglich hören, bis ich zuletzt auch
ungeduldig ward und sagte, ich wäre an allem nicht schuldig, sondern er
und mein ~Praeceptor~, der mich verführt hätte. Daß er keine Freude an
mir erlebe, wäre billig, sintemal seine Eltern sich auch seiner nicht
erfreuen, als er sie gleichsam im Bettel verhungern lasse. Da erdappte
er einen Prügel und wollte mir meine Wahrsagung lohnen, hoch und teuer
sich verschwörend, er wolle mich nach Amsterdam ins Zuchthaus tun. Ich
ging durch und ritte seinen besten Hengst auf Köln zu.
Den versilberte ich, kam abermals in eine Gesellschaft der Spitzbuben
und Diebe und half bei Nacht einfahren. Maßen aber einer kurz hernach
ergriffen ward, als er einer vornehmen Frau auf dem Alten Markt ihren
schweren Beutel doll machen wollte und ich ihn einen halben Tag mit
dem eisernen Halskragen am Pranger stehen sah, dergleichen wie sie ihm
ein Ohr abschnitten und ihn mit Ruten aushieben, ward mir das Handwerk
verleidet. Unser Obrister, bei dem wir vor Magdeburg gewesen, nahm
eben damals Knechte an; ich ließ mich derowegen vor einen Soldaten
unterhalten.
Nachgehends ging sein Schreiber mit Tod ab, so nahm mich der Obrist an
dessen Statt zu sich, dann er hatte vernommen, daß ich eines reichen
Kaufmanns Sohn wäre. Ich lernte von unserm ~Secretario~, wie ich mich
halten sollte, und mein Vorsatz, groß zu werden, verursachte, daß ich
mich ehrbar und reputierlich einstellte und nit mehr mit Lumpenpossen
schleppte.«
Sonach erzählte mir Olivier das Schelmenstück, das er meinem jungen
Herzbruder mit dem übergöldten Becher angetan, damit er den alten
Herzbruder auf den Tod gekränket, und mir ward grün und gelb vor Augen,
als ich es aus seinem eigenen Maul hören mußte. Gleichwohl dorfte ich
keine Rache nehmen.
»Im Treffen vor Wittstock«, sagte Olivier, »hielt ich mich nicht wie
ein Federspitzer, der nur auf das Tintenfaß bestellt ist. Ich war wohl
beritten und so fest als Eisen, ließ derhalben meinen ~Valor~ sahen,
als einer der durch den Degen hoch zu kommen oder zu sterben gedenket.
Wie eine Windsbraut vagierte ich um unsere Brigade herum, mich zu
exerzieren und zu erweisen, daß ich besser zu den Waffen als zur Feder
tauge. Aber das Glück der Schweden überwand, ich wurde gefangen.
In einem Regiment, welches nach Pommern gelegt ward, sich wieder zu
erholen, ließ ich treffliche Courage verspüren und ward zum Korporal
gemacht. Aber ich gedachte wieder unter die Kaiserlichen zu kommen.
-- Einsmals hatte ich mit sieben Musketierern achthundert Gulden
ausständige Kontribution in unseren abgelegenen Quartieren erpreßt.
Da ich nun das Geld beisammen trug, zeigte ich es meinen Burschen und
machte ihre Augen nach demselben lüsternd, also daß wir des Handels
einig wurden zu teilen und durchzugehen. Sonach persuadierte ich drei,
daß sie mir halfen die andern vier tot zu schießen, und wir teileten
das Geld. Unterwegs überredete ich noch einen, daß er auch die zween
übrigen nieder schießen half. Den letzten erwürgte ich auch. So kam ich
nach Werle, allwo ich mich anwerben ließ und mit dem Gelde ziemlich
lustig machte.
Ich hörte daselbst viel Rühmens von einem jungen Soldaten in Soest, der
sich treffliche Beuten und einen großen Namen machte. Man nannte ihn
wegen seiner grünen Kleidung den Jäger. Mein Geld ging auf die Neige,
derhalben ich mir einen grünen Wams und Hosen machen ließ und auf
seinem Namen mit Verübung allerhand Exorbitantien in allen Quartieren
stahl, soviel ich konnte. Der Jäger ließ mich herausfordern, aber der
Teufel hätte mit ihm fechten mögen, den er auch in den Haaren sitzen
hatte. Der würde mir meine Festigkeit schön aufgetan haben. Doch
konnte ich seiner List nicht entgehen. Er praktizierte mich mich Hülfe
zweier leibhaftiger Teufel in eine Schäferei und zwang mich zu der
spöttlichsten Sache von der Welt, davon ich mich dergestalt schämte,
daß ich hinweg nach Lippstadt lief.
Ich nahm fürders holländische Dienste, allwo ich zwar richtigere
Bezahlung aber vor meinen Humor einen langweiligen Krieg fand, dann da
wurden wir eingehalten wie die Mönche und sollten züchtiger leben als
die Nonnen.
Also gedachte ich mich zu den Spanischen zu schlagen und entwich,
maßen mir der holländer Boden heiß geworden war. Allein mir ward der
Kompaß verruckt, daß ich unversehens an die Bayrischen geriet. Mit
denselben marschierte ich unter den Merode-Brüdern aus Westfalen bis
ins Brißgäu und nährte mich mit Spielen und Stehlen, bis das Treffen
vor Wittenweyer vorüberging, in welchem ich gefangen, abermals unter
ein Regiment zu Fuß gestoßen und also zu einem Weimarischen Soldaten
gemacht ward. Es wollte mir aber im Läger vor Breisach nicht gefallen,
darum quittierte ichs bei Zeiten und ging davon, vor mich selbst zu
kriegen, wie du siehest.«