Das achte Kapitel

»Mein Vater«, sagte Olivier, »ist unweit der Stadt Aach von geringen

Leuten geboren worden. Er mußte bei einem reichen Kaufmann, der

mit Kupfer schacherte, dienen und hielt sich so fein, daß der ihm

Schreiben, Lesen und Rechnen lernen ließ und endlich über seinen ganzen

Handel satzte. Dies schlug beiden Teilen wohl zu. Der Kaufmann ward je

länger je reicher, mein Vater aber je länger je stolzer, daß er sich

auch seiner Eltern schämete und sie verachtete. Der Kaufmann starb und

verließ seine alte Witwe samt deren einziger Tochter, die kürzlich

in eine Pfanne getreten und sich von einem Gademhengst ein Junges

hatte zweigen lassen, das aber seinem Großvater bald nachfolgte. Da

nun mein Vater sahe, daß die Tochter zwar vater- und kinderlos aber

nicht geldlos worden, achtete er nicht, daß sie keinen Kranz mehr

tragen dorfte, sondern erwug ihren Reichtum und machte sich bei ihr

zutäppisch, so ihre Mutter gern zuließ, dann mein Vater hatte um den

ganzen Kindeshandel Wissenschaft und konnte sonst mit dem Judenspieß

trefflich fechten. Also ward mein Vater unversehens ein reicher

Kaufmann, ich aber, sein Erbe, ward in Kleidung gehalten wie ein

Edelmann, in Essen wie ein Freiherr und in der übrigen Wartung wie ein

Graf.

Kein Schelmstück war mir zu viel, dann was zur Nessel werden soll,

brennt bei Zeiten. Ich terminierte mit bößen Buben durch dick und dünn

auf der Gasse. Kriegte ich Stöße, so sagten meine Eltern: soll so ein

großer Flegel sich mit einem Kinde schlagen! Überwand ich, maßen ich

kratzte, biß und warf, so sagten sie: unser Oliviergen wird ein braver

Kerl. Ich ward immer ärger, bis man mich zur Schule schickte. Was die

bösen Buben ersannen und nicht praktizieren dorften, das satzte ich ins

Werk. Meinen Schulmeister tät ich großen Dampf an, dann er dorfte mich

nicht hart halten, weil er ziemliche Verehrung von meinen Eltern bekam.

Ich stäubte Nießwurz an den Ort, da man die Knaben zu kastigieren

pflegte; wann sich dann etwa ein halsstarriger wehrte, so stob mein

Pulver herum und machte mir eine angenehme Kurzweile, dann alles nießen

mußte. Ich stahl oft dem einen etwas und steckte es dem andern in den

Sack, dem ich gern Stöße angerichtet. Mit solchen Griffen konnte ich so

behutsam umgehen, daß ich fast niemals darüber erdappt ward.

Weilen sich meines Vaters Reichtum täglich mehrete, als bekam er

auch desto mehr Schmarotzer und Fuchsschwänzer, die meinen guten

Kopf trefflich lobten und meine Untugenden zu entschuldigen wußten.

Derowegen hatten meine Eltern eine Freude an ihrem Sohn, als die

Grasmücke, die einen Guckuck aufzeucht. Sie dingten mir einen eigenen

~Praeceptor~ und schickten mich nach Lüttich, mehr daß ich dort Welsch

lernen, als studieren sollte, weil sie keinen Theologum, sondern

einen Handelsmann aus mir erziehen wollten. Dieser hatte Befehl, mich

beileib nicht streng zu halten, daß ich kein forchtsam knechtisch Gemüt

überkäme und nicht leutscheu, sondern ein Weltmann würde.

Ermeldter ~Praeceptor~ war dieser Weisung unbedürftig und von sich

selbsten auf alle Büberei geneigt, aufs Buhlen und Saufen aber am

meisten, ich aber von Natur aus aufs Balgen und Schlagen. Daher ging

ich schon bei Nacht mit ihm und seines gleichen ~gassatim~ und lernte

ihm in Kürze mehr Untugenden ab als Latein. Beim Studieren verließ

ich mich auf mein gut Gedächtnis und scharfen Verstand. Mein Gewissen

war bereits so weit, daß ein großer Heuwagen hindurch hätte fahren

mögen. Ich fragte nichts darnach, wann ich in der Kirche unter der

Predigt schlüpfrige Bücher lase, und hörte nichts Liebers vom ganzen

Gottesdienst, als wann man sagte: ~Ite, missa est.~ Darneben dünkte ich

mich keine Sau zu sein, sondern hielt mich recht stutzerisch, alle Tage

wars mir Martins-Abend oder Faßnacht. Da mir mein Vater zur Notdurft

reichlich schickte und auch meiner Mutter fette Milchpfennige tapfer

durchgehen ließe, lockte uns auch das Frauenzimmer an sich. Bei diesen

Schleppsäcken lernte ich Löffeln, Buhlen und Spielen; Hadern, Balgen

und Schlagen konnte ich zuvor.

Mein Vater erfuhr dieses herrliche Leben durch seinen Faktor in

Lüttich. Der bekam Befehl, den ~Praeceptor~ abzuschaffen und den Zügel

fürderhin nicht so lang zu lassen, mich ferner genauer im Gelde zu

halten. Solches verdroß uns beide. Demnach wir aber nicht mehr wie

hiebevor spendieren konnten, gesellten wir uns zu einer Bursch, die den

Leuten des Nachts auf der Gasse die Mäntel abzwackte oder sie gar in

der Maas ersäufte. Was wir solchergestalt eroberten, verschlemmten wir

mit unseren Huren und ließen das Studieren beinahe ganz unterwegen.

Als wir nun einsmals bei Nacht herum schlingelten, den Studenten ihre

Mäntel hinweg zu vulpinieren, wurden wir überwunden, mein ~Praeceptor~

erstochen und ich neben andern fünfen, die rechte Spitzbuben

waren, erdappt und eingezogen. Auf Bürgschaft des Faktors, der ein

ansehnlicher Mann war, ward ich losgelassen, doch daß ich bis auf

weiteren Bescheid in seinem Hause im Arrest bleiben sollte. Jene fünf

wurden als Spitzbuben, Räuber und Mörder gestraft. Mein Vater kam

eiligst selbst auf Lüttich, richtete meine Sache mit Geld aus, hielt

mir eine scharfe Predigt und verwiese mir, was ich ihm vor Kreuz und

Unglück und meiner Mutter vor Verzweiflung machte -- auch, daß er mich

enterben und vorn Teufel hinwegjagen wollte. Ich versprach Besserung

und ritte mit ihm nach Haus; also hat mein Studieren ein Ende genommen.

Ich war kein ehrbarer ~Domine~ geworden, sondern ein Disputierer und

Schnarcher, der sich einbildete, er verstehe trefflich viel. Und mein

Vater befand, daß ich im Grund verderbt wäre.

»Höre, Olivier,« sagte er, »ich sehe deine Eselsohren je länger je

mehr hervorragen, du bist eine unnütze Last auf Erden. Ein Handwerk zu

lernen bist du zu groß, einem Herren zu dienen bist du zu flegelhaftig,

meine Hantierung zu begreifen und zu treiben bist du nichts nutz. Ich

habe gehofft dich zum Manne zu machen, so habe ich dich hingegen jetzt

aus des Henkers Händen erkaufen müssen: Pfui, der Schande!«

Dergleichen Lectionen mußte ich täglich hören, bis ich zuletzt auch

ungeduldig ward und sagte, ich wäre an allem nicht schuldig, sondern er

und mein ~Praeceptor~, der mich verführt hätte. Daß er keine Freude an

mir erlebe, wäre billig, sintemal seine Eltern sich auch seiner nicht

erfreuen, als er sie gleichsam im Bettel verhungern lasse. Da erdappte

er einen Prügel und wollte mir meine Wahrsagung lohnen, hoch und teuer

sich verschwörend, er wolle mich nach Amsterdam ins Zuchthaus tun. Ich

ging durch und ritte seinen besten Hengst auf Köln zu.

Den versilberte ich, kam abermals in eine Gesellschaft der Spitzbuben

und Diebe und half bei Nacht einfahren. Maßen aber einer kurz hernach

ergriffen ward, als er einer vornehmen Frau auf dem Alten Markt ihren

schweren Beutel doll machen wollte und ich ihn einen halben Tag mit

dem eisernen Halskragen am Pranger stehen sah, dergleichen wie sie ihm

ein Ohr abschnitten und ihn mit Ruten aushieben, ward mir das Handwerk

verleidet. Unser Obrister, bei dem wir vor Magdeburg gewesen, nahm

eben damals Knechte an; ich ließ mich derowegen vor einen Soldaten

unterhalten.

Nachgehends ging sein Schreiber mit Tod ab, so nahm mich der Obrist an

dessen Statt zu sich, dann er hatte vernommen, daß ich eines reichen

Kaufmanns Sohn wäre. Ich lernte von unserm ~Secretario~, wie ich mich

halten sollte, und mein Vorsatz, groß zu werden, verursachte, daß ich

mich ehrbar und reputierlich einstellte und nit mehr mit Lumpenpossen

schleppte.«

Sonach erzählte mir Olivier das Schelmenstück, das er meinem jungen

Herzbruder mit dem übergöldten Becher angetan, damit er den alten

Herzbruder auf den Tod gekränket, und mir ward grün und gelb vor Augen,

als ich es aus seinem eigenen Maul hören mußte. Gleichwohl dorfte ich

keine Rache nehmen.

»Im Treffen vor Wittstock«, sagte Olivier, »hielt ich mich nicht wie

ein Federspitzer, der nur auf das Tintenfaß bestellt ist. Ich war wohl

beritten und so fest als Eisen, ließ derhalben meinen ~Valor~ sahen,

als einer der durch den Degen hoch zu kommen oder zu sterben gedenket.

Wie eine Windsbraut vagierte ich um unsere Brigade herum, mich zu

exerzieren und zu erweisen, daß ich besser zu den Waffen als zur Feder

tauge. Aber das Glück der Schweden überwand, ich wurde gefangen.

In einem Regiment, welches nach Pommern gelegt ward, sich wieder zu

erholen, ließ ich treffliche Courage verspüren und ward zum Korporal

gemacht. Aber ich gedachte wieder unter die Kaiserlichen zu kommen.

-- Einsmals hatte ich mit sieben Musketierern achthundert Gulden

ausständige Kontribution in unseren abgelegenen Quartieren erpreßt.

Da ich nun das Geld beisammen trug, zeigte ich es meinen Burschen und

machte ihre Augen nach demselben lüsternd, also daß wir des Handels

einig wurden zu teilen und durchzugehen. Sonach persuadierte ich drei,

daß sie mir halfen die andern vier tot zu schießen, und wir teileten

das Geld. Unterwegs überredete ich noch einen, daß er auch die zween

übrigen nieder schießen half. Den letzten erwürgte ich auch. So kam ich

nach Werle, allwo ich mich anwerben ließ und mit dem Gelde ziemlich

lustig machte.

Ich hörte daselbst viel Rühmens von einem jungen Soldaten in Soest, der

sich treffliche Beuten und einen großen Namen machte. Man nannte ihn

wegen seiner grünen Kleidung den Jäger. Mein Geld ging auf die Neige,

derhalben ich mir einen grünen Wams und Hosen machen ließ und auf

seinem Namen mit Verübung allerhand Exorbitantien in allen Quartieren

stahl, soviel ich konnte. Der Jäger ließ mich herausfordern, aber der

Teufel hätte mit ihm fechten mögen, den er auch in den Haaren sitzen

hatte. Der würde mir meine Festigkeit schön aufgetan haben. Doch

konnte ich seiner List nicht entgehen. Er praktizierte mich mich Hülfe

zweier leibhaftiger Teufel in eine Schäferei und zwang mich zu der

spöttlichsten Sache von der Welt, davon ich mich dergestalt schämte,

daß ich hinweg nach Lippstadt lief.

Ich nahm fürders holländische Dienste, allwo ich zwar richtigere

Bezahlung aber vor meinen Humor einen langweiligen Krieg fand, dann da

wurden wir eingehalten wie die Mönche und sollten züchtiger leben als

die Nonnen.

Also gedachte ich mich zu den Spanischen zu schlagen und entwich,

maßen mir der holländer Boden heiß geworden war. Allein mir ward der

Kompaß verruckt, daß ich unversehens an die Bayrischen geriet. Mit

denselben marschierte ich unter den Merode-Brüdern aus Westfalen bis

ins Brißgäu und nährte mich mit Spielen und Stehlen, bis das Treffen

vor Wittenweyer vorüberging, in welchem ich gefangen, abermals unter

ein Regiment zu Fuß gestoßen und also zu einem Weimarischen Soldaten

gemacht ward. Es wollte mir aber im Läger vor Breisach nicht gefallen,

darum quittierte ichs bei Zeiten und ging davon, vor mich selbst zu

kriegen, wie du siehest.«

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 62 / 78 题