Das siebente Kapitel

Ein resoluter Soldat, der sich darein ergeben, sein Leben zu wagen,

ist wohl ein dummes Vieh! Man hätte nicht einen von tausend Kerlen

gefunden, der mit seinem Mörder an einen unbestimmten Ort zu Gast

gegangen wäre. -- Ich fragte ihn auf dem Weg, wes Volks er sei. Er

sagte, daß er für sich selbst kriege. So wollte er auch meinen Namen

wissen. Ich sagte: »~Simplicius.~« Da kehrte er sich um, dann ich ließ

ihn vor mir gehen, und sahe mir steif ins Gesicht.

»Heißt du auch ~Simplicissimus~?«

»Ja, es ist ein Schelm, der seinen Namen verleugnet. Wie heißest aber

du?«

»Ach, Bruder, ich bin Olivier, den du vor Magdeburg hast gekannt.«

Warf damit sein Rohr von sich und fiel auf die Knie nieder, mich um

Verzeihung zu bitten, sagend, daß er keinen besseren Freund in der

Welt hätte als mich, weil ich seinen Tod nach des alten Herzbruder

Profezeihung tapfer rächen sollte.

Da konnte ich mich wohl verwundern.

»Ich bin aus einem ~Secretario~ ein Waldfischer, du aber aus einem

Narren ein tapferer Soldat geworden, und das ist wohl seltsam. Sei

versichert, Bruder, unserer zehntausend hätten morgenden Tags Breisach

entsetzt und zu Herren der ganzen Welt gemacht.«

Obzwar mir solche Prahlerei nicht gefiel, gab ich ihm doch recht,

vornehmlich weil mir sein schelmisch Gemüt bekannt war.

Wir kamen in ein klein, abgelegen Taglöhnerhäuslein, in welchem ein

Baur eben die Stube einhitzte. Zu dem sagte er: »Hast du etwas

gekocht?« »Nein, ich hab den gebratenen Kalbsschlegel noch.« »Nun dann,

so geh und lang her, was du hast und bring das Fäßlein Wein.«

»Bruder, du hast einen willigen Wirt,« meinte ich.

»Das dank dem Schelmen der Teufel! Ich ernähre ihn mit Weib und

Kindern. Ich lasse ihm darzu alle Kleider, die ich erobere.«

Sodann berichtete Olivier, daß er diese Freibeuterei schon lang

getrieben und sie ihm besser als Herrendienst zuschlage, er gedächte

auch nicht früher aufzuhören, bis er seinen Beutel rechtschaffen

gespickt hätte.

»Bruder, du lebest in einen gefährlichen Stand, wann du ergriffen

wirst, wie meinest du wohl, daß man mit dir umginge?«

»Ha, ich höre, daß du noch der alte ~Simplicius~ bist! Ich weiß wohl,

daß derjenige, so kegeln will, aufsetzen muß, aber die Herren von

Nürnberg lassen keinen hängen, sie haben ihn dann.«

»Dannoch ist ein solch Leben, wie du es führest, das allerschändlichste

der Welt, daß ich also nicht glaube, du begehrest darin zu sterben.«

»Was? Das schändlichste? Mein tapferer ~Simplici~, ich versichere

dich, daß die Räuberei das alleradeligste ~Exercitium~ ist, das man

dieser Zeit auf der Welt haben kann! Sage mir, wieviel Königreiche

und Fürstentümer sind nicht mit Gewalt geraubt und zuwege gebracht

worden? Oder wo wird einem König oder Fürsten auf dem ganzen Erdboden

vor übel genommen, wann er seiner Länder Gefälle geneußt, die doch

gemeiniglich durch seiner Vorfahren verübte Gewalt erworben worden?

Was könnte doch adeliger genannt werden, als eben das Handwerk, dessen

ich mich jetzt bediene? Willst du mir vorhalten, daß ihrer viel wegen

Mordens, Raubens und Stehlens sein gerädert, gehängt und geköpft

worden? Du wirst keine andern als arme und geringe Diebe haben hängen

sehen, was auch billig ist, weil sie sich dieser vortrefflichen Übung

haben unterfangen, die doch allein herzhaften Gemütern gebührt und

vorbehalten ist. Wo hast du jemals eine vornehmere Standesperson durch

die ~Justitia~ strafen sehen? Ja, was noch mehr ist, wird doch kein

Wucherer gestraft, der diese Kunst heimlich treibet, und zwar unter dem

Deckmantel der christlichen Liebe! Warum sollte ich strafbar sein, der

ich solche offentlich auf gut alt-deutsch ohn einzige Bemäntelung und

Gleißnerei übe? Mein lieber ~Simplici~, du hast den ~Machiavellum~ noch

nicht gelesen! Ich bin eines recht aufrichtigen Gemüts. Ich fecht und

wage mein Leben darüber, wie die alten Helden. Weil ich mein Leben in

Gefahr setze, so folgt unwidersprechlich, daß mirs billig und erlaubt

sei, diese Kunst zu üben.«

Ich antwortete: »Gesetzt, Rauben und Stehlen sei dir erlaubt oder

nicht, es ist dannoch wider die Natur, die nicht will, daß einer einem

andern tun solle, was er nicht will, daß es ihm geschehe. Gott lässet

kein Sünde ungestraft.«

Da sagte Olivier: »Es ist so, du bist noch ~Simplicius~, der den

~Machiavellum~ nicht studiert hat. Könnte ich aber auf solche Art eine

~Monarchiam~ aufrichten, so wollte ich sehen, wer mir alsdann viel

dawider predigte.«

Wir hätten noch mehr miteinander disputiert, weil aber der Baur mit dem

Essen und Trinken kam, saßen wir zusammen und stilleten unsere Mägen,

dessen ich dann trefflich hoch vonnöten hatte.

Unser Essen war weiß Brot und ein gebratener kalter Kalbsschlegel,

dabei hatten wir einen guten Trunk Wein und eine warme Stube.

»Gelt, ~Simplici~, hier ist es besser als vor Breisach in den

Laufgräben!«

»Das wohl, wann man solch ein Leben mit gewisser Sicherheit und

besserer Ehre zu genießen hätte.«

Darüber lachte er überlaut.

»Mein lieber ~Simplici~, ich sehe zwar, daß du deine Narrenkappe

abgeleget, hingegen aber deinen närrischen Kopf noch behalten hast, der

nit begreifen kann, was gut und bös ist.«

Ich gedachte, du mußt andere Worte hervorsuchen als bisher.

»Wo ist sein Tag je erhört,« sagte ich, »daß der Lehrjung das Handwerk

besser versteht als der Lehrmeister. Bruder, hast du ein so edel,

glückselig Leben, wie du vorgibst, so mache mich seiner teilhaftig,

sintemal ich eines guten Glückes hoch vonnöten.«

»Sei versichert, Bruder,« antwortete Olivier, »daß ich dich so sehr

liebe als mich selbsten, und daß mir die Beleidigung, die ich dir heut

zugefügt, viel weher tut, als die Kugel, damit du mich an meine Stirn

getroffen. Warum sollte ich dir dann etwas versagen können? Wann dirs

beliebet, so bleib bei mir, ich will vor dich sorgen als wie vor mich.

Damit du aber glaubest, so will ich dir die Ursache meiner Liebe sagen.

-- Der alte Herzbruder hat mir vor Magdeburg diese Worte geweissaget:

‚Olivier, siehe unsern Narren an wie du wilt, so wird er dannoch durch

seine Tapferkeit dich erschröcken und dir den größten Possen erweisen,

der dir dein Lebtag je geschehen wird, weil du ihm darzu verursachet.

Doch wird er dir dein Leben schenken, so in seinen Händen gestanden,

und wird an den Ort kommen, da du erschlagen wirst, daselbst wird er

glückselig deinen Tod rächen.’ -- Dieser Weissagung halber, lieber

~Simplici~, bin ich bereit, dir mein Herz im Leib zu teilen, dann

etlichs von den Worten des alten Herzbruder ist mit heutigem Tag

erfüllet. Also zweifle ich nicht, daß das übrige von meinem Tod auch

im wenigsten fehlschlagen werde. Aus solcher Rache nun, mein lieber

Bruder, muß ich schließen, daß du mein getreuer Freund seiest. Da hast

du nun die ~Concepta~ meines Herzens.«

Ich gedachte: traue dir der Teufel, ich nicht. Nehme ich Geld von dir

auf den Weg, so möchtest du mich erst niedermachen, bleibe ich bei dir,

so muß ich sorgen, mit dir gevierteilt zu werden. Satzte mir demnach

vor, ich wollte ihm eine Nase drehen und bei ihm bleiben, bis ich mit

Gelegenheit von ihm kommen könnte. Ich sagte ihm derhalben, so er mich

leiden möchte, so wollte ich mich ein Tag oder acht bei ihm aufhalten,

ob ich auf solche Art zu leben gewöhnen könnte. So sollte er beides:

einen guten Soldaten und einen getreuen Freund an mir haben.

Hierauf satzte er mir mit dem Trunk zu, ich getraute aber auch nicht

und stellete mich voll eh ichs war.

Am Morgen gegen Tag sagte Olivier: »Auf, ~Simplici~, wir wollen in

Gottes Namen hinaus und sehen, was etwan zu bekommen sein möchte.«

Ach Gott, dachte ich, soll ich dann nun in deinem hochheiligen Namen

auf die Rauberei gehen und bin hiebevor nit so kühn gewesen, ohn

Erstaunen zuzuhören, wann einer sagte: Komm Bruder, wir wollen in

Gottes Namen ein Maß Wein miteinander saufen. O himmlischer Vater, wie

habe ich mich verändert, ach, hemme meinen Lauf!

Mit dergleichen Gedanken folgete ich Olivier in ein Dorf, darin keine

lebendige Kreatur war. Da stiegen wir des fernen Aussehens halber auf

den Kirchturm. Dort hatte er zwei Laib Brot, etliche Stücke gesotten

Dörrfleisch und ein Fäßlein voll Wein im Vorrat. Er sagte mir, daß er

noch etliche solcher Örter hätte, die mit Speis und Trank versehen

wären, damit, wann Bläsi an dem einen Ort nicht zu Haus wäre, er ihn am

andern finden könnte. Ich mußte zwar seine Klugheit loben, gab ihm aber

zu verstehen, daß es doch nicht schön stünde, einen so heiligen Ort zu

beflecken.

»Was beflecken? Die Kirchen, so sie reden könnten, würden gestehen, daß

sie meine Laster entgegen denen, so hiebevor in ihnen begangen worden,

noch vor ganz gering aufnehmen müßten. Wie mancher und wie manche seit

Erbauung dieser Kirchen sein hereingetreten unter dem Schein, Gott zu

dienen, da sie doch nur hergekommen, ihre neuen Kleider, ihre schöne

Gestalt, ihre Würden und sonst so etwas sehen zu lassen. Da kommt

einer zur Kirche wie ein Pfau und stellet sich vor den Altar, als

ob er den Heiligen die Füße abbeten wollte, dort steht einer in der

Ecke, zu seufzen wie der Zöllner im Tempel, welche Seufzer aber nur zu

seiner Liebsten gehen, in deren Angesicht er seine Augen weidet, um

derentwillen er sich auch eingestellet. Ein anderer kommt vor oder,

wanns wohlgerät, in die Kirche mit einem Gebund Briefe, wie einer,

der eine Brandsteuer sammlet, seine Zinsleute zu mahmen. Hätte er

aber nicht gewußt, daß seine Schuldner zur Kirche kommen müßten, so

wäre er fein daheim über seinen Registern sitzen geblieben. Meinest

du nicht, es werden auch von denenjenigen in die Kirche begraben, die

Schwert, Galgen, Feuer und Rad verdienet hätten? Mancher könnte seine

Buhlerei nicht zu Ende bringen, da ihm die Kirche nicht beförderlich

wäre. Ist etwas zu verkaufen oder zu verleihen, so wird es an die

Kirchtür geschlagen. Wann mancher Wucherer die ganze Woche keine Zeit

nimmt, seiner Schinderei nachzusinnen, so sitzt er unter währendem

Gottesdienst in der Kirche und dichtet, wie der Judenspieß zu führen

sei. Da sitzen sie wohl hier und dort unter der Messe und Predigt,

miteinander zu diskurieren und dann werden oft Sachen beratschlagt,

deren man an Privatörtern nicht gedenken dörfte. Teils sitzen dort

und schlafen, als ob sie es verdingt hätten. Etliche richten die Leut

aus: Ach wie hat der Pfarrer diesen und jenen so artlich in seiner

Predigt getroffen! Andere geben fleißig Achtung auf ihren Seelsorger,

damit sie ihn, wann er nur im geringsten anstößt, durchziehen und

tadeln möchten. Nicht allein in ihrem Leben beschmutzen die Menschen

mit Lastern die Kirchen, sondern auch nach ihrem Tod mit Eitelkeit

und Torheit. Du wirst an den Grabsteinen sehen, wie diejenigen noch

prangen, die doch die Würmer schon längst gefressen. Siehest du dann

in die Höhe der Kirche, so kommen dir mehr Schilde, Helme, Waffen,

Degen, Fahnen, Stiefel, Sporen und dergleichen Ding ins Gesicht als

in mancher Rüstkammer, dahero kein Wunder, daß sich die Bauren diesen

Krieg über an etlichen Orten aus den Kirchen, wie aus Festungen um das

Ihre gewehrt. -- Ist es billig, daß mancher Reiche um ein Stück Geld in

die Kirche begraben wird, hingegen der Arme außerhalb in einem Winkel

verscharrt werden muß? Warum endlich sollte mir verboten sein, meine

Nahrung vermittels eines Kirchtums zu suchen, da sich doch sonst so

viel Menschen von der Kirche ernähren?«

Ich hätte Olivier gerne geantwortet, doch getrauete ich mich nicht nach

meinem Herzen zu reden.

Er fragte mich, wie mirs ergangen, sint wir vor Magdeburg voneinder

gekommen, weil ich aber wegen der Halsschmerzen gar zu unlustig,

entschuldigte ich mich mit Bitte, er wollte mir doch zuvor seines

Lebens Lauf erzählen.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 61 / 78 题