Das neunte Kapitel

Als Olivier seinen Diskurs dergestalt vollführte, konnte ich mich

nicht genugsam über die göttliche Vorsehung verwundern. Dann sollte

diese Bestia gewußt haben, daß ich der Jäger von Soest gewesen wäre,

so hätte er mir gewißlich wieder eingetränkt, was ich ihm hiebevor

auf der Schäferei getan. Ich sahe erst, was ich dem Olivier vor einen

Possen erwiesen und wie weislich und obscur der alte Herzbruder seine

Weissagungen gegeben, und wie es dannoch schwer fallen würde und

seltsam hergehen müßte, da ich eines solchen Tod, der Galgen und Rad

verdienet hätte, rächen sollte. Indem ich nun solche Gedanken machte,

ward ich in Oliviers Gesicht etlicher Ritze gewahr, die ich vor

Wahrzeichen des Spring-ins-Feld und seiner Teufelskrallen hielte. Ich

fragte, woher ihm solche Zeichen kämen.

»Ach Bruder,« antwortete er, »wann ich dir alle meine Bubenstücke und

Schelmerei erzählen sollte, so würde beides: mir und dir die Zeit zu

lang werden. Ich will dir hievon auch die Wahrheit sagen, obschon es

scheinet, als gereiche sie mir zum Spott.

Ich glaube gänzlich, daß ich vom Mutterleib an zu einem gezeichneten

Angesicht vorbestimmt gewesen sei. In meiner Jugend ward ich von

meinesgleichen Schuljungen zerkratzt, so hielt mich auch einer von

denen Teufeln, die dem Jäger von Soest aufwarteten, überaus hart, maßen

man seine Klauen wohl sechs Wochen in seinem Gesicht spürete. Diese

Striemen aber, die du jetzt siehest, haben einen anderen Ursprung:

Als ich unter den Schweden im Pommer lag und eine schöne Matresse

hatte, mußte mein Wirt aus seinem Bette weichen und uns hineinlegen

lassen. Seine Katze, die in demselben Bette zu schlafen gewohnt war,

kam alle Nacht und machte uns große Ungelegenheit, dann meine Matresse

konnte keine Katze leiden und verschwur sich hoch, sie wollte mir in

keinem Fall mehr Liebes erweisen, bis ich ihr zuvor die Katze hätte

abgeschafft. So gedachte ich mich an der Katze zu rächen, daß ich auch

eine Lust daran haben möchte. Steckte sie derhalben in einen Sack, nahm

meines Wirts beide starke Baurenhunde mit mir auf eine breite, lustige

Wiese und gedachte da meinen Spaß zu haben, dann ich vermeinte, weil

kein Baum in der Nähe war, auf den sich die Katze retirieren konnte,

würden sie die Hunde eine Weile hin und her jagen, wie einen Hasen

raumen und mir eine treffliche Kurzweile anrichten. Aber Potz Stern! es

ging mir nicht allein hundeübel, wie man zu sagen pfleget, sondern auch

katzenübel, maßen die Katze, sobald ich den Sack auftat, nur ein weites

Feld, ihre zwei starken Feinde und nichts Hohes vor sich sahe, dahin

sie ihre Zuflucht hätte nehmen mögen. Derowegen sprang sie auf meinen

Kopf. -- Je mehr ich sie nun herunter zu zerren trachtete, je fester

schlug sie ihre Krallen ein. Solch unserem Gefecht konnten die beiden

Hunde nicht lang zusehen, sondern mengten sich mit ins Spiel, sie

sprangen mit offenem Rachen hinten, vorne, zur Seite nach der Katze,

die sich mit ihren Klauen einkrallete, so gut sie konnte. Tät sie aber

mit ihrem Dornhandschuh einen Fehlstreich nach den Hunden, so traf

mich derselbe gewiß. Weil sie aber auch die Hunde auf die Nase schlug,

beflissen sich dieselbigen, sie mit ihren Talpen herunter zu bringen

und gaben mir damit manchen Griff ins Gesicht. Wann ich aber selbst mit

beiden Händen nach der Katze tastete, sie herunter zu reißen, biß und

kratzte sie nach ihrem besten Vermögen. Also ward ich beides: von den

Hunden und von der Katze dergestalt schröcklich zugerichtet, daß ich

schwerlich einem Menschen gleichsahe. Mein Kragen und Koller war blutig

wie eines Schmiedes Notstall am St. Stefanstag, wann man die Pferde

zur Ader läßt, und ich wußte ganz kein Mittel, mich aus diesen Ängsten

zu erretten. Zuletzt so mußte ich von freien Stücken auf die Erde

niederfallen, damit beide Hunde die Katze erwischen konnten, wollte

ich anderst nicht, daß mein Kapitolium noch länger ihr Fechtplatz sein

sollte. Die Hunde erwürgten zwar die Katze, ich hatte aber bei weitem

keinen so herrlichen Spaß davon. Dessentwegen ward ich so ergrimmt,

daß ich nachgehends beide Hunde totschoß und meine Matreß dergestalt

abprügelte, daß sie hätte Öl geben mögen und darüber von mir weglief,

weil sie ohn Zweifel keine solche abscheuliche Larve länger lieben

konnte.«

Ich hätte gerne gelacht und mußte mich doch mitleidentlich erzeigen.

Und als ich eben auch anfing, meines Lebens Lauf zu erzählen, sahen

wir eine Kutsche samt zwei Reutern das Land herauf kommen. Wir satzten

uns in ein Haus, das an der Straße lag und sehr bequem war, Reisende

anzugreifen. Olivier legte mit einem Schuß gleich den einen Reuter und

das Pferd, eh sie unserer inne wurden, deswegen dann der andere gleich

durchging. Indem ich mit übergezogenem Hahn den Kutscher halten und

absteigen gemachet, sprang Olivier auf ihn dar und spaltete ihm mit

seinem breiten Schwert den Kopf bis auf die Zähne, wollte auch gleich

die Frauenzimmer und Kinder metzgen, so vor Schröcken mehr den toten

Leichen als den Lebenden gleich sahen. Ich aber wollte es rund nicht

gestatten und sagte, er müßte mich zuvor erwürgen.

»Ach, du närrischer ~Simplici~, daß du so ein heilloser Kerl bist und

dich dergestalt anläßt!«

»Bruder, wes willst du die unschuldigen Kinder zeihen? Wann es Kerl

wären, die sich stellen könnten!«

»Was! Eier in die Pfannen, so werden keine Junge draus! Ich kenne

diese jungen Blutsauger wohl! Ihr Vater, der Major, ist ein rechter

Schindhund und der erste Wamsklopfer von der Welt.«

Mit solchen Worten wollte er immer fortwürgen, doch enthielt ich ihn so

lang, bis er sich endlich erweichen ließe. Es waren aber einer Majors

Weib, ihre Magd und drei Kinder, die mich von Herzen daureten. Wir

sperrten sie in einen Keller, auf daß sie uns nicht so bald verraten

sollten, darin sie sonst nichts als Obst und weiße Rüben zu beißen

hatten, bis sie gleichwohl von jemand erlöst würden. Demnach plünderten

wir die Kutschen und zogen mit schönen Pferden in Wald, wo er zum

dicksten war.

Da sahe ich unweit von uns einen Kerl stockstill an einem Baum stehen,

solchen wiese ich dem Olivier aus Vorsicht.

»Ha, Narr,« antwortete er, »es ist ein Jud, den hab ich hingebunden.

Der Schelm ist aber vorlängst erfroren und verreckt.« Indem ging er zu

ihm, klopfte ihm mit der Hand unten ans Kinn und sagte: »Du Hund, hast

mir viel schöne Dukaten gebracht!«

Da rollten dem Juden etliche Dublonen zum Maul heraus, welche der arme

Schelm noch bis in seinen Tod davon bracht hatte. Olivier griff ihn

darauf ins Maul und brachte zwölf Dublonen und einen köstlichen Rubin

zusammen.

»Diese Beute habe ich dir zu danken, ~Simplici~.«

Schenkte mir darauf den Rubin, stieß das Geld zu sich und ging

seinen Baurn zu holen mir Befehl, ich sollte indessen bei den Pferden

verbleiben, aber wohl zusehen, daß mich der tote Jud nicht beiße.

Derweilen schlug mir das Gewissen merklich, darum daß ich die Kutsche

aufgehalten, daß der Kutscher so erbärmlich ums Leben kommen und beide

Weibsbilder mit denen unschuldigen Kindern in den Keller versperrt

worden, worin sie vielleicht wie dieser Jude verderben mußten. Allein

ich fand nicht Mittel noch Ausweg, dann ich gedachte, würdest du von

den Weimarischen mit diesen Pferden erwischt, so wirst du als ein

überzeugter Mörder aufs Rad gelegt, und ob deine Füße auch schnell

genug wären, du wolltest desto weniger den Bauren auf dem Schwarzwald,

so damals den Soldaten auf die Hauben klopften, entrinnen. Indem ich

mich nun selbst so marterte und quälete und doch nichts entschließen

konnte, kam Olivier mit dem Baur daher. Der führte uns mit den Pferden

auf einen Hof, da wir fütterten. Wir ritten nach Mitternacht weiters

und kamen gegen Mittag an die äußerste Grenzen der Schweizer, allwo

Olivier wohl bekannt war und uns stattlich auftragen ließ. Der Wirt

schickte nach zweien Juden, die uns die Pferde abhandelten. Es war

alles so nett und just bestellt, daß es wenig Wortwechselns brauchte.

Der Juden große Frage war, ob die Pferde kaiserisch oder schwedisch

gewesen. Da sie vernahmen, daß sie von den Weimarischen herkämen,

sagten sie, so müsse man solche nicht nach Basel sondern in das

Schwabenland zu den Bayrischen reuten. Über welche große Kundschaft und

Verträulichkeit ich mich verwundern mußte.

Wir bankettierten edelmännisch und ich ließ mir die guten Waldforellen

und köstlichen Krebs wohl schmäcken. Wie es Abend ward, so machten wir

uns wieder auf den Weg, hatten unsern Baur mit Gebratens und andern

Viktualien wie einen Esel beladen. Damit kamen wir den andern Tag auf

einen einzelnen Baurenhof, allwo wir freundlich aufgenommen wurden und

uns wegen ungestümen Wetters ein paar Tage aufhielten. Folgends kamen

wir auf Wald und Abwegen wieder in das Häuslein, dahin mich Olivier

anfänglich geführet.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 63 / 78 题