Als Olivier seinen Diskurs dergestalt vollführte, konnte ich mich
nicht genugsam über die göttliche Vorsehung verwundern. Dann sollte
diese Bestia gewußt haben, daß ich der Jäger von Soest gewesen wäre,
so hätte er mir gewißlich wieder eingetränkt, was ich ihm hiebevor
auf der Schäferei getan. Ich sahe erst, was ich dem Olivier vor einen
Possen erwiesen und wie weislich und obscur der alte Herzbruder seine
Weissagungen gegeben, und wie es dannoch schwer fallen würde und
seltsam hergehen müßte, da ich eines solchen Tod, der Galgen und Rad
verdienet hätte, rächen sollte. Indem ich nun solche Gedanken machte,
ward ich in Oliviers Gesicht etlicher Ritze gewahr, die ich vor
Wahrzeichen des Spring-ins-Feld und seiner Teufelskrallen hielte. Ich
fragte, woher ihm solche Zeichen kämen.
»Ach Bruder,« antwortete er, »wann ich dir alle meine Bubenstücke und
Schelmerei erzählen sollte, so würde beides: mir und dir die Zeit zu
lang werden. Ich will dir hievon auch die Wahrheit sagen, obschon es
scheinet, als gereiche sie mir zum Spott.
Ich glaube gänzlich, daß ich vom Mutterleib an zu einem gezeichneten
Angesicht vorbestimmt gewesen sei. In meiner Jugend ward ich von
meinesgleichen Schuljungen zerkratzt, so hielt mich auch einer von
denen Teufeln, die dem Jäger von Soest aufwarteten, überaus hart, maßen
man seine Klauen wohl sechs Wochen in seinem Gesicht spürete. Diese
Striemen aber, die du jetzt siehest, haben einen anderen Ursprung:
Als ich unter den Schweden im Pommer lag und eine schöne Matresse
hatte, mußte mein Wirt aus seinem Bette weichen und uns hineinlegen
lassen. Seine Katze, die in demselben Bette zu schlafen gewohnt war,
kam alle Nacht und machte uns große Ungelegenheit, dann meine Matresse
konnte keine Katze leiden und verschwur sich hoch, sie wollte mir in
keinem Fall mehr Liebes erweisen, bis ich ihr zuvor die Katze hätte
abgeschafft. So gedachte ich mich an der Katze zu rächen, daß ich auch
eine Lust daran haben möchte. Steckte sie derhalben in einen Sack, nahm
meines Wirts beide starke Baurenhunde mit mir auf eine breite, lustige
Wiese und gedachte da meinen Spaß zu haben, dann ich vermeinte, weil
kein Baum in der Nähe war, auf den sich die Katze retirieren konnte,
würden sie die Hunde eine Weile hin und her jagen, wie einen Hasen
raumen und mir eine treffliche Kurzweile anrichten. Aber Potz Stern! es
ging mir nicht allein hundeübel, wie man zu sagen pfleget, sondern auch
katzenübel, maßen die Katze, sobald ich den Sack auftat, nur ein weites
Feld, ihre zwei starken Feinde und nichts Hohes vor sich sahe, dahin
sie ihre Zuflucht hätte nehmen mögen. Derowegen sprang sie auf meinen
Kopf. -- Je mehr ich sie nun herunter zu zerren trachtete, je fester
schlug sie ihre Krallen ein. Solch unserem Gefecht konnten die beiden
Hunde nicht lang zusehen, sondern mengten sich mit ins Spiel, sie
sprangen mit offenem Rachen hinten, vorne, zur Seite nach der Katze,
die sich mit ihren Klauen einkrallete, so gut sie konnte. Tät sie aber
mit ihrem Dornhandschuh einen Fehlstreich nach den Hunden, so traf
mich derselbe gewiß. Weil sie aber auch die Hunde auf die Nase schlug,
beflissen sich dieselbigen, sie mit ihren Talpen herunter zu bringen
und gaben mir damit manchen Griff ins Gesicht. Wann ich aber selbst mit
beiden Händen nach der Katze tastete, sie herunter zu reißen, biß und
kratzte sie nach ihrem besten Vermögen. Also ward ich beides: von den
Hunden und von der Katze dergestalt schröcklich zugerichtet, daß ich
schwerlich einem Menschen gleichsahe. Mein Kragen und Koller war blutig
wie eines Schmiedes Notstall am St. Stefanstag, wann man die Pferde
zur Ader läßt, und ich wußte ganz kein Mittel, mich aus diesen Ängsten
zu erretten. Zuletzt so mußte ich von freien Stücken auf die Erde
niederfallen, damit beide Hunde die Katze erwischen konnten, wollte
ich anderst nicht, daß mein Kapitolium noch länger ihr Fechtplatz sein
sollte. Die Hunde erwürgten zwar die Katze, ich hatte aber bei weitem
keinen so herrlichen Spaß davon. Dessentwegen ward ich so ergrimmt,
daß ich nachgehends beide Hunde totschoß und meine Matreß dergestalt
abprügelte, daß sie hätte Öl geben mögen und darüber von mir weglief,
weil sie ohn Zweifel keine solche abscheuliche Larve länger lieben
konnte.«
Ich hätte gerne gelacht und mußte mich doch mitleidentlich erzeigen.
Und als ich eben auch anfing, meines Lebens Lauf zu erzählen, sahen
wir eine Kutsche samt zwei Reutern das Land herauf kommen. Wir satzten
uns in ein Haus, das an der Straße lag und sehr bequem war, Reisende
anzugreifen. Olivier legte mit einem Schuß gleich den einen Reuter und
das Pferd, eh sie unserer inne wurden, deswegen dann der andere gleich
durchging. Indem ich mit übergezogenem Hahn den Kutscher halten und
absteigen gemachet, sprang Olivier auf ihn dar und spaltete ihm mit
seinem breiten Schwert den Kopf bis auf die Zähne, wollte auch gleich
die Frauenzimmer und Kinder metzgen, so vor Schröcken mehr den toten
Leichen als den Lebenden gleich sahen. Ich aber wollte es rund nicht
gestatten und sagte, er müßte mich zuvor erwürgen.
»Ach, du närrischer ~Simplici~, daß du so ein heilloser Kerl bist und
dich dergestalt anläßt!«
»Bruder, wes willst du die unschuldigen Kinder zeihen? Wann es Kerl
wären, die sich stellen könnten!«
»Was! Eier in die Pfannen, so werden keine Junge draus! Ich kenne
diese jungen Blutsauger wohl! Ihr Vater, der Major, ist ein rechter
Schindhund und der erste Wamsklopfer von der Welt.«
Mit solchen Worten wollte er immer fortwürgen, doch enthielt ich ihn so
lang, bis er sich endlich erweichen ließe. Es waren aber einer Majors
Weib, ihre Magd und drei Kinder, die mich von Herzen daureten. Wir
sperrten sie in einen Keller, auf daß sie uns nicht so bald verraten
sollten, darin sie sonst nichts als Obst und weiße Rüben zu beißen
hatten, bis sie gleichwohl von jemand erlöst würden. Demnach plünderten
wir die Kutschen und zogen mit schönen Pferden in Wald, wo er zum
dicksten war.
Da sahe ich unweit von uns einen Kerl stockstill an einem Baum stehen,
solchen wiese ich dem Olivier aus Vorsicht.
»Ha, Narr,« antwortete er, »es ist ein Jud, den hab ich hingebunden.
Der Schelm ist aber vorlängst erfroren und verreckt.« Indem ging er zu
ihm, klopfte ihm mit der Hand unten ans Kinn und sagte: »Du Hund, hast
mir viel schöne Dukaten gebracht!«
Da rollten dem Juden etliche Dublonen zum Maul heraus, welche der arme
Schelm noch bis in seinen Tod davon bracht hatte. Olivier griff ihn
darauf ins Maul und brachte zwölf Dublonen und einen köstlichen Rubin
zusammen.
»Diese Beute habe ich dir zu danken, ~Simplici~.«
Schenkte mir darauf den Rubin, stieß das Geld zu sich und ging
seinen Baurn zu holen mir Befehl, ich sollte indessen bei den Pferden
verbleiben, aber wohl zusehen, daß mich der tote Jud nicht beiße.
Derweilen schlug mir das Gewissen merklich, darum daß ich die Kutsche
aufgehalten, daß der Kutscher so erbärmlich ums Leben kommen und beide
Weibsbilder mit denen unschuldigen Kindern in den Keller versperrt
worden, worin sie vielleicht wie dieser Jude verderben mußten. Allein
ich fand nicht Mittel noch Ausweg, dann ich gedachte, würdest du von
den Weimarischen mit diesen Pferden erwischt, so wirst du als ein
überzeugter Mörder aufs Rad gelegt, und ob deine Füße auch schnell
genug wären, du wolltest desto weniger den Bauren auf dem Schwarzwald,
so damals den Soldaten auf die Hauben klopften, entrinnen. Indem ich
mich nun selbst so marterte und quälete und doch nichts entschließen
konnte, kam Olivier mit dem Baur daher. Der führte uns mit den Pferden
auf einen Hof, da wir fütterten. Wir ritten nach Mitternacht weiters
und kamen gegen Mittag an die äußerste Grenzen der Schweizer, allwo
Olivier wohl bekannt war und uns stattlich auftragen ließ. Der Wirt
schickte nach zweien Juden, die uns die Pferde abhandelten. Es war
alles so nett und just bestellt, daß es wenig Wortwechselns brauchte.
Der Juden große Frage war, ob die Pferde kaiserisch oder schwedisch
gewesen. Da sie vernahmen, daß sie von den Weimarischen herkämen,
sagten sie, so müsse man solche nicht nach Basel sondern in das
Schwabenland zu den Bayrischen reuten. Über welche große Kundschaft und
Verträulichkeit ich mich verwundern mußte.
Wir bankettierten edelmännisch und ich ließ mir die guten Waldforellen
und köstlichen Krebs wohl schmäcken. Wie es Abend ward, so machten wir
uns wieder auf den Weg, hatten unsern Baur mit Gebratens und andern
Viktualien wie einen Esel beladen. Damit kamen wir den andern Tag auf
einen einzelnen Baurenhof, allwo wir freundlich aufgenommen wurden und
uns wegen ungestümen Wetters ein paar Tage aufhielten. Folgends kamen
wir auf Wald und Abwegen wieder in das Häuslein, dahin mich Olivier
anfänglich geführet.