Da ich durch Lothringen passierte ging mir meine Ware aus und
also auch meine Gläslein. Demnach ich aber von einer Glashütte im
fleckensteinischen Gebiet hörete, begab ich mich darauf zu, mich wieder
zu montieren. Und indem ich Abwege suchte, weilen ich die Guarnisonen
scheuete, ward ich ungefähr von einer Partei aus Philippsburg, die sich
auf dem Schloß Wagelnburg aufhielt, gefangen. Der Baur, so mir den Weg
zu weisen mitgegangen war, hatte den Kerln gesagt, ich sei ein Doctor,
ward also wider des Teufels Dank vor einen Doctor nach Philippsburg
geführet.
Ich scheuete mich gar nicht zu sagen, wer ich wäre, aber ich sollte ein
Doctor sein. Ich schwor, daß ich unter die kaiserlichen Dragoner nach
Soest gehörig, aber es hieß, der Kaiser brauche sowohl in Philippsburg
als in Soest Soldaten, man würde mir bei ihnen Aufenthalt geben, wann
mir dieser Vorschlag nicht schmecke, so möchte ich mit dem Stockhaus
vorlieb nehmen.
Also kam ich vom Pferd auf den Esel und mußte wider Willen Musketierer
sein. Das kam mir blutsauer an, weil der Schmalhans dort herrschte und
das Kommißbrot schröcklich klein war. Und die Wahrheit zu bekennen,
so ist es wohl eine elende Kreatur um einen Musketierer in einer
Guarnison. Dann da ist keiner anders als ein Gefangener, der mit
Wasser und Brot der Trübsal sein armseliges Leben verzögert. Ja, ein
Gefangener hat es noch besser, dann er darf weder wachen, Runden gehen,
noch Schildwacht stehen, sondern bleibt in seiner Ruhe liegen.
Etliche nahmen, und sollten es auch verloffene Huren gewesen sein,
in solchem Elend keiner andern Ursache halber Weiber, als daß sie
von solchen entweder durch Arbeiten als nähen, wäschen, spinnen oder
krämpeln und schachern und gar stehlen ernähret würden. Da war eine
Fähnrichin unter den Weibern, die hatte eine Gage wie ein Gefreiter.
Eine andre war Hebamme und brachte dadurch sich selbsten und ihrem
Mann manchen Schmauß zuwege. Eine andre konnte stärken und wäschen,
andre verkauften Tobak und versahen die Kerle mit Pfeifen, andere
handelten mit Branntewein und eine war eine Näherin. Es gab ihrer, die
sich blöslich vom Felde ernähreten: im Winter gruben sie Schnecken, im
Frühling ernteten sie Salat, im Sommer nahmen sie Vogelnester aus, im
Herbste wußten sie sonst tausenderlei Schnabelweide zu kriegen. Solcher
Gestalt nun meine Nahrung zu haben, war nicht vor mich, dann ich
hatte schon ein Weib. Zur Arbeit auf der Schanze war ich zu faul, ein
Handwerk hatte ich Tropf nie gelernet und einen Musikanten hatte man
in dem Hungerland nicht vonnöten. Auf Partei zu gehen ward mir nicht
vertraut. Etliche konnten besser mausen als Katzen, ich aber haßte
solche Hantierung wie die Pest. ~In summa~ wo ich mich nur hinkehrete,
da konnte ich nichts ergreifen, das meinen Magen hätte stillen mögen.
»Du sollst ein Doctor sein,« sagten sie mir, »und kannst anders keine
Kunst als Hunger leiden.«
Zuletzt war anderer Unglück mein Glück, dann nachdem ich etliche
Gelbsüchtige und ein paar Fiebernde kurierte, die einen besonderen
Glauben an mich gehabt haben müssen, ward mir erlaubt, vor die Festung
zu gehen, meinem Vorwande nach Wurzeln und Kräuter zu meinen Arzneien
zu sammeln. Da richtete ich hingegen den Hasen mit Stricken und fing
die erste Nacht zween. Dieselben brachte ich dem Obristen und erhielt
dadurch nicht allein einen Taler zur Verehrung, sondern auch Erlaubnus,
daß ich hinausdörfte, wann ich die Wacht nicht hätte. Als kam das
Wasser wieder auf meine Mühle, maßen es das Ansehen hatte, als ob ich
Hasen in meine Stricke bannen könnte, so viel fing ich in dem erödeten
Land.
Ich ward unter meiner Muskete ein recht wilder Mensch. Keine Boßheit
war mir zuviel, alle Gnaden und Wohltaten, die ich von Gott jemals
empfangen, waren allerdings vergessen. Ich lebte auf den alten Kaiser
hinein wie ein Viehe. Selten kam ich in die Kirche und gar nicht zur
Beichte. Wo ich nur jemand berücken konnte, unterließ ichs nicht, so
daß schier keiner ungeschimpft von mir kam. Davon kriegte ich oft
dichte Stöße und noch öfter den Esel zu reuten, ja man bedrohete mich
mit Galgen und Wippe, aber es half alles nichts. Ich trieb meine
gottlose Weise fort, daß es das Ansehen hatte, als ob ich desperat
spiele und mit Fleiß der Höllen zurenne. Und obgleich ich keine Übeltat
beging, dadurch ich das Leben verwürkt hätte so war ich jedoch so
ruchlos, daß man hat kaum einen wüsteren Menschen antreffen mögen.
Dies nahm unser Regimentskaplan in Acht, und weil er ein rechter
frommer Seeleneiferer war, schickte er auf die österliche Zeit nach
mir, zu vernehmen, warum ich mich nicht bei der Beichte und Communion
eingestellet hätte. Ich traktierte ihn wie hiebevor den Pfarrer zu L.,
also daß der gute Herr nichts mit mir ausrichten konnte. Er verdonnerte
mich zum Beschluß:
»Ach, du elender Mensch, ich habe vermeinet du irrest aus Unwissenheit,
aber nun merke ich, daß du aus lauter Boßheit und gleichsam
vorsätzlicher Weis zu sündigen fortfährest! Welcher Heiliger vermeinst
du wohl, der ein Mitleiden mit deiner armen Seel und ihrer Verdammnus
haben werde? Ich protestiere vor Gott und Welt, daß ich an deiner
Verdammnus keine Schuld habe, weil ich getan habe und noch ferner
unverdrossen tun wollte, was zur Beförderung deiner Seligkeit vonnöten
wäre. Es wird aber besorglich künftig mehrers zu tun nicht obliegen,
dann daß ich deinen Leib, wann ihn deine arme Seel in solchem
verdammten Stand verläßt, an keinen geweihten Ort zu andern frommen
abgestorbenen Christen begraben, sondern auf den Schindwasen zu den
Kadavern des verreckten Viehes hinschleppen lasse, oder an denjenigen
Ort, da man andere Gottvergessene und Verzweifelte hintut.«
Diese ernstliche Bedrohung fruchtete nichts. Ich schämete mich vorm
Beichten.
O ich großer Narr! Oft erzählte ich meine Bubenstücke bei ganzen
Gesellschaften und log noch darzu, aber jetzt, da ich einem einzigen
Menschen anstatt Gottes meine Sünden demütig bekennen sollte, Vergebung
zu empfangen, war ich ein verstockter Stummer.
Ich antwortete: »Ich dien vor einen Soldaten. Wann ich nun sterbe
als ein Soldat, so wirds kein Wunder sein, wann ich als irgendein
Gefallener auf freiem Feld, mich auch außerhalb des Kirchhofs behelfen
werde.«
Also schied ich von dem seeleneifrigen Geistlichen, den ich wohl
einsmals einen Hasen abgeschlagen hatte mit Vorwand, weil der Has an
einem Strick gehangen und sich selbst ums Leben gebracht, daß sich
dannenhero nicht gebühre, den Verzweifelten in ein geweiht Erdreich zu
begraben.
Ich mußte wider meines Herzens Willen bleiben und Hunger leiden bis
in den Sommer hinein. Da ward ich unverhofft von der Muskete befreit.
Je mehr sich der Graf von Götz mit seiner Armee näherte, je mehrers
näherte ich auch meine Erlösung.
Dann als selbiger zu Brucksal das Haupt-Quartier hatte, ward mein
Herzbruder, dem ich im Läger zu Magdeburg getreulich geholfen, von der
Generalität mit etlichen Verrichtungen in die Festung geschickt, allwo
man ihm die größte Ehre antät. Ich stund eben vor des Obristen Quartier
Schildwacht und erkannte ihn gleich im ersten Augenblick, obwohl er
einen schwarzen sammtenen Rock antrug. Ich hatte aber nicht das Herz,
ihn sogleich anzusprechen, dann ich mußte sorgen, er würde dem Weltlauf
nach sich meiner schämen oder mich sonst nicht kennen wollen; ich war
ein lausiger Musketierer.
Nachdem ich aber abgelöst ward, erkundigte ich mich bei dessen Dienern
nach seinem Stand und Namen, damit ich versichert sei, hatte gleichwohl
das Herz nicht, ihn anzureden, sondern schrieb ein Brieflein:
‚~Monsieur etc.~ Wann meinem hochgeborenen Herrn beliebte, denjenigen,
den er hiebevor durch seine Tapferkeit aus Eisen und Banden errettet,
auch anjetzo durch sein vortrefflich Ansehen aus dem allerarmseligsten
Stand von der Welt zu erlösen, wohin er als ein Ball des unbeständigen
Glückes geraten -- so würde Ihm solches nicht allein nicht schwer
fallen, sondern Er würde auch vor einen ewigen Diener obligieren seinen
ohn das getreu verbundenen, anjetzo aber allerelendesten und verlassenen
~S. Simplicissimum.~’
Sobald er solches gelesen ließ er mich hineinkommen.
»Landsmann, wo ist der Kerl, der Euch das Schreiben gegeben hat?«
»Herr, er lieget in dieser Festung gefangen.«
»So gehet zu ihm und saget, ich wolle ihm davon helfen, und sollte er
schon den Strick an den Hals kriegen.«
»Herr, es wird solcher Mühe nicht bedörfen, ich bin der ~Simplicius~
selber ...«
Er ließ mich nicht ausreden, sondern umfing mich brüderlich. Und eh er
mich fragte, wie ich in die Festung und solche Dienstbarkeit geraten,
schickte er seinen Diener zum Juden, Pferd und Kleider vor mich zu
kaufen. Indessen erzählete ich ihm, wie mirs ergangen, sint sein Vater
vor Magdeburg gestorben. Und als er vernahm, daß ich der Jäger von
Soest gewesen, beklagte er, daß er solches nicht eher gewußt hätte,
dann er mir damals gar wohl zu einer Kompagnie hätte verhelfen können.
Als nun der Jud mit einer ganzen Taglöhnerlast von Kleidern daherkam,
las er mir das Beste heraus und ließ michs anziehen und nahm mich mit
sich zum Obristen.
»Herr, ich habe in Seiner Guarnison gegenwärtigen Kerl angetroffen,
dem ich so hoch verobligiert bin, daß ich ihn in so niedrigem Stand,
wannschon seine Qualitäten keinen besseren meritieren, nicht lassen
kann. Bitte dahero den Herrn Obristen, Er wolle mir den Gefallen
erweisen und zulassen, daß ich ihn mit mir nehme, um ihm bei der Armee
fort zu helfen.«
Der Obrist verkreuzigte sich vor Verwunderung, daß er mich einmal
loben hörte, und sagte: »Mein hochgeehrter Herr vergebe mir, wann ich
glaube, ihm beliebe nur zu probieren, ob ich ihm auch so dienstwillig
sei, als Er dessen wohl wert ist. Was diesen Kerl anlanget, ist solcher
eigentlich nicht mir, sondern seinem Vorgeben nach unter ein Regiment
Dragoner gehörig, darneben ein so schlimmer Gast, der meinem Profosen,
sint er hier ist, mehr Arbeit geben als sonst eine ganze Kompanei.«
Endete damit die Rede und wünschte mir Glück ins Feld.
Dies war meinem Herzbruder noch nicht genug, sondern er bat den
Obristen, mich an seine Tafel zu nehmen. Er täts aber zu dem End, daß
er den Obristen in meiner Gegenwart erzählte, was er in Westfalen nur
gesprächsweis von dem Grafen von der Wahl und dem Kommandanten von
Soest über mich gehöret hatte. Das strich er nun dergestalt heraus, daß
alle Zuhörer mich vor einen guten Soldaten halten mußten. Dabei hielt
ich mich so bescheiden, daß der Obrist und seine Leute nicht anders
glauben konnten, als ich wäre mit andern Kleidern auch ein ganz anderer
Mensch geworden.
Darauf erzählte er Obrist viel Bubenstücklein, die ich begangen: Wie
ich Erbsen gesotten und obenauf mit Schmalz übergossen, sie vor eitel
Schmalz zu verkaufen, ~item~ ganze Säck voll Sand vor Salz, indem
ich die Säcke unten mit Sand und oben mit Salz gefüllet, wie ich dem
einen hier, dem andern dort einen Bären aufgebunden und die Leute mit
Pasquillen vexieret.
Ich gestund auch unverholen, daß ich willens gewesen, den Obristen mir
allerhand Boßheiten dergestalt zu perturbieren und abzumatten, daß er
mich endlich aus der Guarnison hätte schaffen müssen.
Nach beendetem Imbiß hatte der Jud kein Pferd, so meinem Herzbruder vor
mich gefallen hätte. Endlich verehrete ihm der Obrist eins mit Sattel
und Zeug aus seinem Stall, auf welches sich Herr ~Simplicius~ satzte
und mit seinem Herzbruder zur Festung hinausritte.