Also ward ich in Eil wieder ein Kerl, der einem braven Soldaten gleich
sahe. Mein Herzbruder verschaffte mir noch ein Pferd samt einem Knecht
und tat mich als Freireuter zum Neun-Eckischen Regiment. Ich tät aber
denselben Sommer wenig Taten, als daß ich am Schwarzwald hin und wider
etliche Kühe stehlen half und mir das Brißgäu und Elsaß ziemlich
bekannt machte. Im übrigen hatte ich abermal wenig Stern. Mein Knecht
samt dem Pferd ward von den Weimarischen gefangen, also mußte ich das
ander desto härter strapazieren und endlich gar niederreuten.
So kam ich in den Orden der Merode-Brüder, dann mein Herzbruder
gedachte mich zappeln zu lassen, bis ich mich besser vorzusehen
lernete. So begehrte ich solches auch nicht, dann ich fand an meinen
Consorten eine so angenehme Gesellschaft, daß ich mir bis in das
Winterquartier keinen besseren Handel wünschte.
Ich muß nun ein wenig erzählen, was die Merode-Brüder vor Leute sind,
dann ich habe bisher noch keinen Scribenten getroffen, der etwas von
ihren Gebräuchen, Gewohnheiten, Rechten und Privilegien in seine
Schriften einverleibt hätte, unangesehen es wohl wert ist, daß nicht
allein die jetzigen Feldherren, sondern auch der Bauersmann wisse, was
es vor eine Zunft sei.
Als der berühmte General Johann Graf von Merode einsmals ein
neugeworben Regiment zur Armee brachte, waren die Kerl so schwacher
baufälliger Natur, daß sie also das Marschieren und ander Ungemach, das
ein Soldat im Felde ausstehen muß, nicht erleiden konnten, derowegen
dann ihre Brigade zeitlich so schwach ward, daß sie kaum die Fähnlein
mehr bedecken konnte. Wo man einen oder mehr Kranke und Lahme auf dem
Markt, in Häusern und hinter Zäunen und Hecken antraf und fragte:
Wes Regiments? -- so war gemeiniglich die Antwort: von Merode. Davon
entsprang, daß man endlich alle diejenigen, sie wären gleich krank
oder gesund, verwundt oder nit, wann sie nur außerhalb der Zugordnung
daherzottelten oder sonst nicht bei ihren Regimentern das Quartier im
Feld nahmen, Merode-Brüder nannte, welche Bursche man zuvor Säusenger
und Immenschneider genannt hatte, dann sie sind die Brummser in den
Immenstöcken, die, wann sie ihren Stachel verloren haben, nicht mehr
arbeiten noch Honig machen, sondern nur fressen können. Wann ein Reuter
sein Pferd und ein Musketier seine Gesundheit verleurt oder ihm Weib
und Kind erkrankt und er zurück bleiben will, so ists schon anderthalb
Paar Merode-Brüder, ein Gesindlein, so sich mit nichts besser als mit
den Zigeunern vergleichet, weil es denselben beides: an Sitten und
Gewohnheiten ähnlich ist. Da siehet man sie haufenweis beieinander,
wie Feldhühner im Winter, hinter den Hecken, im Schatten oder an der
Sonne um irgend ein Feuer herumliegen, Tabak saufen und faulenzen,
wann unterdessen anderwärts ein rechtschaffener Soldat beim Fähnlein
Hitze, Durst, Hunger, Frost und allerhand Elend überstehet. Da gehet
eine Merodeschar auf die Mauserei, wann indessen manch armer Soldat
unter seinen Waffen versinken möchte. Sie spolieren vor, neben und
hinter der Armee, alles was sie antreffen und nicht genießen können,
verderben sie, also daß die Regimenter, wann sie in die Quartier oder
Läger kommen, oft nicht einen guten Trunk Wasser finden. Wann sie allen
Ernstes angehalten werden, bei der Bagage zu bleiben, so wird man oft
sie stärker finden, als die Armee selbst. Wann sie aber gesellenweis
marschieren, quartieren, kampieren und hausieren, so haben sie keinen
Wachtmeister, der sie kommandiert, keinen Feldweibel oder Schergianten,
der ihren Wams ausklopfet, keinen Korporal, der sie wachen heißt,
keinen Tampour, der sie des Zapfenstreichs, der Schar- und Tagwacht
erinnert und ~in summa~ niemand, der sie anstatt des Adjutanten
in Schlachtordnung stellet oder anstatt des Fouriers einlogiert,
sondern leben vielmehr wie die Freiherren. Wann aber etwas an Kommiß
der Soldateska zukommt, so sind sie die ersten, die ihr Teil holen,
obgleich sie es nicht verdient. Hingegen sind die Rumormeister und
Generalgewaltiger ihre allergrößte Pest, als welche ihnen zu Zeiten,
wann sie es zu bunt machen, eisernes Silbergeschirr an Händ und Füß
legen oder sie mit den Kragen zieren und sie an ihre allerbesten Hälse
anhängen lassen.
Sie wachen nicht, sie schanzen nicht, sie stürmen nicht und kommen auch
in keine Schlachtordnung und sie ernähren sich doch. Der heilloseste
Reuterjung, der nichts tut als fouragieren, ist dem Feldherren nützer,
als tausend Merode-Brüder, die ein Handwerk daraus machen und ohn
Not auf der Bernhaut liegen. Sie werden vom Gegenteil hinweggefangen
und von den Bauren auf die Finger geklopft. Dadurch wird die Armee
gemindert und der Feind gestärkt. Man sollte sie zusammenkuppeln wie
die Windhunde und sie in den Guarnisonen kriegen lernen oder gar auf
Galeeren schmieden, wann sie nicht auch zu Fuß im Feld das Ihrige tun
wollten, bis sie gleichwohl wieder ein Pferd kriegen.
Ein solcher ehrbarer Bruder war ich damals auch und verbliebs
bis zu dem Tag vor der Wittenweyrer Schlacht, zu welcher Zeit das
Hauptquartier in Schuttern lag. Als ich damals mit meinen Kameraden in
das Geroldseckische ging, Kühe und Ochsen zu stehlen, ward ich von den
Weimarischen gefangen, die uns viel besser zu traktieren wußten, dann
sie luden uns Musketen auf und stießen uns hin und wieder unter die
Regimenter.
Weil ich nunmehr Weimarisch war, mußte ich Breisach belägern helfen,
da wachte ich dann wie andere Musketierer Tag und Nacht und lernte
trefflich schanzen. Im übrigen aber war es lausig bei mir bestellt,
weil der Beutel leer, Wein, Bier und Fleisch eine Rarität, Äpfel und
hart, schimmelig Brot (jedoch kümmerlich genug) mein bestes Wildpret.
Solches war mir sauer zu ertragen, Ursache: wann ich zurück an die
egyptischen Fleischtöpfe, das ist an westfälische Schinken und
Knackwürste zu L. gedachte. Ich sehnete mich niemalen mehr nach meinem
Weib, als wann ich im Zelte lag und vor Frost halb erstarrt war. Da
sagte ich dann oft zu mir selber: Hui, ~Simplici~, meinest du auch
wohl, es geschehe dir unrecht, wann dir einer wieder wett spielte, was
du zu Paris begangen? -- Und mit solchen Gedanken quälte ich mich wie
ein anderer eifersüchtiger Hanrei, da ich doch meinem Weib nichts als
Ehre und Tugend zutrauen konnte.
Zuletzt ward ich so ungeduldig, daß ich mich meinem Kapitain eröffnete.
Schrieb auch auf der Post nach L. und erhielt durch den Obristen ~de
S. A.~ und meinem Schwehrvater, daß sie durch ihre Schreiben bei dem
Fürsten von Weimar einen Paß von meinem Kapitain zuwege brachten.
Ungefähr eine Woche oder vier vor Weihnachten marschierte ich mit einem
guten Feuerrohr vom Läger ab und das Brißgäu hinunter der Meinung, auf
selbiger Weihnachtsmesse zu Straßburg von meinem Schwehr ein Geldstück
zu empfangen und mit Kaufleuten den Rhein hinunter zu fahren.
Als ich aber bei Endingen vorbeipassiert und zu einem Haus kam, geschah
ein Schuß nach mir, so daß mir die Kugel den Rand am Hut verletzte.
Gleich darauf sprang ein starker, vierschrötiger Kerl aus dem Haus
auf mich los und schrie, ich sollte das Gewehr ablegen. »Bei Gott,
Landsmann, dir zu Gefallen nicht!« Und zog den Hahn über.
Er aber wischte mit einem Ding vom Leder, das mehr einem Henkersschwert
als einem Degen glich.
Wie ich nun seinen Ernst spürte, schlug ich an und traf ihn dergestalt
an die Stirn, daß er herumtaumelte und endlich zu Boden fiel. Das
machte ich mir zu Nutz, rang ihm geschwind sein Schwert aus der Faust
und wollts ihm in den Leib stoßen, da es aber nicht durchgehen wollte,
sprang er unversehens auf, erwischte mich beim Haar und ich ihm auch,
sein Schwert hatte ich schon weggeworfen.
Darauf fingen wir ein solch ernstlich Spiel miteinander an, so eines
jeden verbitterte Stärk genugsam zu erkennen gab, und konnte doch
keiner des andern Meister werden. Bald lag ich, bald er oben und im
Hui kamen wir wieder auf die Füße, so aber nicht lang dauerte, weil ja
einer des andern Tod suchte.
Das Blut, so mir häufig zu Hals und Mund herauslief, spie ich meinem
Feind ins Gesicht, weil ers so hitzig begehrte. Das war mir gut, dann
es hinderte ihn am sehen. Also zogen wir einander bei anderthalb Stund
im Schnee herum, davon wurden wir so matt, daß allem Ansehen nach die
Unkraft des einen der Müdigkeit des andern nicht Herr werden konnte.
Meine Ringkunst kam mir damals wohl zustatten, dann mein Feind war viel
stärker als ich und überdas eisenfest.