Das vierte Kapitel

Womit einer sündiget, damit pflegt er auch gestraft zu werden. Die

Kindsblattern richteten mich dergestalt zu, daß ich hinfüro vor den

Weibsbildern gute Ruhe hatte. Ich kriegte Gruben im Gesicht, daß ich

aussahe wie eine Scheurtenne, darauf man Erbsen gedroschen. Ja, ich

ward so häßlich, daß sich mein schönes, krauses Haar, in welchem sich

so manch Weibsbild verstrickt, meiner schämte und seine Heimat verließ,

daß ich also notwendig eine Perücke tragen mußte. Meine liebliche

Stimme ging als auch dahin, dann ich den Hals voller Blattern gehabt.

Meine Augen, die man hiebevor niemalen ohne Liebesfeuer finden konnte,

eine jede zu entzünden, sahen jetzt rot und triefend aus wie die eines

achtzigjährigen Weibes. Über das alles war ich in fremden Landen,

kannte weder Hund noch Menschen, verstund die Sprache kaum und hatte

allbereits kein Geld.

Da fing ich erst an hinter sich zu denken und die herrliche Gelegenheit

zu bejammern, die mir hiebevor zur Beförderung meiner Wohlfahrt

angestanden, ich aber so liederlich hatte verstreichen lassen. Ich

merkte, daß mein außergewöhnlich Kriegsglück und mein gefundener Schatz

nur Ursache und Vorbereitung zu meinem Unglück gewesen. Da war kein

Einsiedel mehr, der es treulich mit mir meinete, kein Pfarrer, der

mir das Beste riete. Da mein Geld hin war, hieß es, ich sollte auch

fort und meine Gelegenheit anderswo suchen. O schnelle, unglückselige

Veränderung! Vor vier Wochen war ich ein Kerl, der die Fürsten zur

Verwunderung bewegte, das Frauenzimmer entzuckte, dem Volk als ein

Meisterstück der Natur, ja, ein Engel vorkam, jetzt aber so unwert, daß

mich die Hunde anpißten.

Der Wirt stieß mich aus dem Haus, da ich nicht bezahlen konnte, kein

Werber wollte mich vor einen Soldaten annehmen, weil ich wie ein

grintiger Kuckuck aussahe, arbeiten konnte ich nit, dann ich war noch

zu matt und keiner Arbeit gewohnt. Mich tröstete allein, daß es gegen

den Sommer ging und ich mich zur Not hinter einer Hecken behelfen

konnte, weil mich niemand mehr im Hause litt. Mein stattlich Kleid und

Leinenzeug wollte mir niemand abkaufen, weil jeder sorgte, ich möchte

ihm auch eine Krankheit damit an den Hals hängen.

Ich nahms also auf den Buckel, den Degen in die Hand und den Weg unter

die Füße, der mich in ein klein Städtlein trug, so gleich wohl über

eine eigene Apotheke vermochte. In dieselbe ging ich und ließ mir eine

Salbe zurichten, die mir die Blatternnarben im Gesicht vertreiben

sollte. Ich gab ein schön, zart Hemd davor.

Es war ein Markt daselbst, und auf demselben befand sich ein

Zahnbrecher, der trefflich Geld lösete, da er doch liederlich Ding den

Leuten dafür anhing.

»Narr,« sagte ich zu mir selber, »was machst du, daß du nicht auch so

einen Kram aufrichtest! Bist du so lang bei ~Mons. Canard~ gewesen und

hast nicht so viel gelernt, einen einfältigen Baur zu betrügen und dein

Maulfutter davon zu gewinnen? Da mußt du wohl ein elender Tropf sein.«

Ich mochte damals fressen wie ein Drescher, dann mein Magen war nicht

zu ersättigen. Ich hatte aber nur noch einen einzigen göldenen Ring mit

einem Diamant, der etwa zwenzig Kronen wert war. Den versilberte ich um

zwölfe und resolvierte mich, ein Arzt zu werden. Kaufte die Materialia

zu einem Theriak und richtete ihn zu für kleine Städt und Flecken. Vor

die Bauren aber nahm ich ein Teil Wacholderlatwerge, vermischte solches

mit Eichenlaub, Weidenblättern und dergleichen herben Ingredienzien,

alsdann machte ich auch aus Kräutern, Wurzeln, Blättern und etlichen

Olitäten eine grüne Salbe zu allerhand Wunden, damit man wohl ein

gedruckt Pferd hätte heilen können, ~item~ aus Galmei, Kieselsteinen,

Krebsaugen, Schmirgel und Trippel ein Pulver, weiße Zähne damit

zu machen, ferner ein blau Wasser aus Lauge, Kupfer, Ammoniak und

Kampfer vor Mundfäule, Zähn- und Augenweh. Ich bekam auch einen Haufen

blecherner und hölzerner Büchslein, Papier und Gläslein, meine Ware

darein zu schmieren. Damit es auch ein Ansehen haben möchte, ließ ich

mir einen französischen Zettel koncipieren und drucken, darin man sehen

konnte, wozu ein und das ander gut war. Ich hatte kaum drei Kronen in

die Apotheke und vor Geschirr angewendet und war in drei Tagen fertig.

Also packte ich auf und nahm mir vor, von einem Dorf zum andern bis in

das Elsaß hinein zu streichen und endlich zu meinem Weib zu finden.

Da ich das erste Mal mit meiner Quacksalberei vor eine Kirche kam

und feil hatte, war die Losung gar schlecht, weil ich noch viel zu

blöd war. Sahe demnach gleich, daß ichs anders angreifen müßte. Im

Wirtshaus vernahm ich über Tisch vom Wirt, daß den Nachmittag allerhand

Leute unter der Linden vor seinem Haus zusammenkommen würden, da

dörfte ich wohl so etwas verkaufen, wann man nur an einer Probe vor

Augen sähe, daß mein Theriak ausbündig gut wäre. Als ich dergestalt

vernommen, woran es mangele, bekam ich ein halbes Trinkgläslein voll

gutem Straßburger Branntewein und fing eine Art Kroten, so in den

unsauberen Pfützen sitzen und singen, sind fast rotgelb unten am Bauch

schwarz gescheckigt, gar unlustig anzusehen. Ein solche satzte ich

in ein Schoppenglas mit Wasser und stellets neben meine Ware auf den

Tisch unter der Linde. Wie sich nun die Leute versammleten und um mich

herumstunden, vermeineten etliche, ich würde mit der Zange, so ich von

dem Wirte aus der Kuchen entlehnet, die Zähn ausbrechen, ich aber fing

an:

»Ihr Herren und gueti Freund, bin ich kein Brech-dir-die-Zahn-aus,

allein hab ich gut Wasser vor die Aug, es mag all die Flüß aus die rote

Aug ...«

»Ja,« antwortete einer, »man siehets an Euren Augen wohl, die sehen ja

aus wie zween Irrwische!«

»Das ist wahr, wann ich aber der Wasser vor mich nicht hab, so wär

ich wohl gar blind werd. Ich verkauf sonst das Wasser nit. Der

Theriak und das Pulver vor die weiße Zähn und das Wundsalb will ich

verkauf und der Wasser noch darzu schenk! Ich bin kein Schreier und

Bescheiß-dir-die-Leut. Hab ich mein Theriak feil, wann ich sie hab

probiert, und sie dir nit gefallt, so darfst du sie nit kauf ab.«

Indem ließ ich einen von meinem Umstand aus den Theriakbüchslein

wählen, daraus tät ich etwan eine Erbse groß in meinen Branntewein, den

die Leute vor Wasser ansahen, zerrieb den Theriak darin und kriegte mit

der Zange die Krot zu fassen.

»Secht ihr, gueti Freund, wann dies giftig Wurm kann mein Theriak trink

und sterbe nit, do ist der Ding nit nutz, dann kauf ihr nur nit ab.«

Hiemit steckte ich die arme Krote, welche im Wasser geboren und

erzogen, in meinen Branntewein und hielt ihn mit einem Papier zu, daß

die Krot nicht herausspringen konnte. Da fing sie dergestalt an darin

zu wüten und zu zablen, ja viel ärger zu tun, als ob ichs auf glühend

Kohlen geworfen hätte, und streckte endlich alle vier von sich.

Die Bauren sperrten Maul und Beutel auf, da war in ihrem Sinn kein

besserer Theriak als der meinige, und ich hatte genug zu tun, den

Plunder in die Zettel zu wickeln und Geld davor einzunehmen. Es kauften

etliche drei-, vier-, fünf- und sechsfach, damit sie auf den Notfall

mit so köstlicher Giftlatwerge versehen wären, ja, sie kauften auch vor

ihre Freunde und Verwandten.

Ich machte mich noch dieselbe Nacht in ein anderes Dorf, weil ich

besorgte, es möchte etwan auch ein Baur so kurios sein und eine Kroten

in ein Wasser setzen, meinen Theriak zu probieren, und mir der Buckel

geraumet werden.

Damit ich aber gleichwohl die Vortrefflichkeit meiner Giftlatwerge auf

eine andere Manier erweisen könnte, machte ich mir aus Mehl, Safran

und Gallus einen gelben ~Arsenicum~ und aus Mehl und Vitriol einen

~Mercurium Sublimatum~. Wann ich die Probe tun wollte, hatte ich zwei

gleiche Gläser mit frischem Wasser auf dem Tisch, davon das eine

ziemlich stark mit ~Aqua Fort~ oder ~Spiritus Victril~ vermischt war.

In dasselbe zerrührte ich ein wenig von meinem Theriak und schabte

alsdann von meinen beiden Giften so viel, als genug war, hinein. Davon

ward das eine Wasser, so keinen Theriak und also auch kein ~Aqua Fort~

hatte, so schwarz als Tinte, das andre blieb wegen des Scheidewassers

wie es war.

»Ha,« sagten dann die Leute, »das ist fürwahr ein köstlicher Theriak um

so ein gering Geld!«

Wann ich aber beide untereinander goß, so ward wieder alles klar.

Davon zogen die guten Bauren ihre Beutel und ich kam glücklich an die

deutsche Grenze.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 56 / 78 题