Ich merkte schon an diesen Worten, daß ich mich nicht nur an diesem
Ort beschauen lassen, sondern noch gar was anderes tun sollte. Sagte
derowegen zu der Alten:
»Es ist einem Durstigen wenig damit geholfen, wann er bei einem
verbotenen Brunnen sitzt.«
Sie antwortete, man sei in Frankreich und also nicht so mißgünstig, daß
man einem das Wasser verbiete, sonderlich, wo dessen ein Überfluß sei.
»Ja,« sagte ich, »Sie saget mir wohl davon, wann ich nicht schon
verheiratet wäre.«
»Das sind Possen,« meinte das gottlose Weib, »man wird Euch solches
nicht glauben, dann die verehelichten Kavaliers ziehen selten nach
Frankreich. Und wenngleich dem so wäre, kann ich nicht glauben, daß
der Herr so albern sei, eher Durst zu sterben, als aus einem fremden
Brunnen zu trinken.«
Dies war unser Diskurs, dieweil mir eine adelige Jungfer, so das Feuer
pflegte, Schuhe und Strümpfe auszog, die ich überall im Finstern
besudelt hatte, wie dann Paris ohn das eine sehr kotige Stadt ist.
Gleich darauf kam Befehl, daß man mich noch vor dem Essen baden sollte,
dann bemeldtes Jungfräulein ging ab und zu und brachte Badezeug, so
alles nach Bisem und wohlriechender Seife duftete. Das leinen Gerät war
von reinstem Kammertuch und mit teueren holländischen Spitzen besetzt.
Ich wollte mich schämen und vor der Alten nicht nackend sehen lassen,
aber es half nichts, ich mußte dran und mich von ihr ausreiben lassen,
das Jungfergen mußte eine Weile abtreten.
Nach dem Bad ward mir ein zartes Hemd gegeben und ein köstlicher
Schlafpelz von veielblauem Taffet angelegt, samt ein Paar Strümpfen von
gleicher Farbe. So war meine Schlafhaube samt den Pantoffeln mit Gold
und Perlen gestickt, also daß ich nach dem Bad dort saß zu protzen wie
der Herzkönig.
Indessen mir nun meine Alte das Haar trücknete und kämpelte trug
mehrgemeldtes Jungfergen die Speisen auf, und nachdem der Tisch
überstellet war, traten drei heroische Damen in den Saal, welche
ihre Alabasterbrüstlein zwar ziemlich weit entblößt trugen, vor den
Angesichtern aber ganz vermaskiert waren.
Sie dünkten mich alle drei vortrefflich schön zu sein, aber doch war
eine viel schöner als die andern. Ich machte ihnen ganz stillschweigend
einen Bückling und sie bedankten sich mit der gleichen Zeremonie,
welches natürlich aussahe, als ob etliche Stumme beieinander seien. Sie
satzten sich alle drei zugleich, daß ich nicht erraten konnte, welche
die Vornehmste gewesen.
Der ersten Rede war, ob ich nicht französisch könnte. Meine Landsmännin
sagte nein. Hierauf befahl ihr die andre, sie solle mir sagen, ich
wollte belieben niederzusitzen. Dann bedeutete die Dritte der Alten,
sie solle sich auch setzen. Woraus ich abermal nicht abnehmen konnte,
welche die Vornehmste unter ihnen war.
Ich saß neben dem alten Gerippe und sie blickten mich alle drei sehr
anmütig, lieb- und huldreich an, und ich dörfte schwören, daß sie viel
hundert Seufzer gehen ließen.
Meine Alte fragte mich, welche ich unter den dreien vor die Schönste
hielte. Ich antwortete, daß einem die Wahl wehe tue. Hierüber fing sie
an zu lachen, daß man alle vier Zähne sahe, die sie noch im Maul hatte,
und sagte: »Warum das?«
»Soviel ich sehe, sein alle drei nit häßlich.«
Dieses ward die Alte gefragt und sie log darzu, ich hätte gesagt, einer
jeden Mund wäre hunderttausend Mal Küssens wert, dann ich konnte ihre
Mäuler unter den Masken wohl sehen. Ich stellete mich unter all diesem
Diskurs über Tisch, als ob ich kein Wort französisch verstünde.
Weil es nun so still herging, machten wir desto früher Feierabend. Die
Damen wünschten eine gute Nacht und gingen ihres Wegs, ich durfte aber
das Geleite nicht weiter als bis an die Tür geben, so die Alte gleich
nach ihnen zuriegelte.
Ich fragte, wo ich dann schlafen müßte. Sie sagte, ich müßte bei ihr in
gegenwärtigem Bette vorlieb nehmen. Ich meinte das Bette wäre immerhin
gut genug.
Indem wir so plauderten, zog eine schöne Dame den Bettvorhang etwas
zurück und sagte der Alten, sie solle aufhören zu schwätzen und
schlafen gehen. Stracks nahm ich ihr das Licht und wollte sehen, wer im
Bette läge. Sie aber löschte solches aus.
»Herr, wann Ihm sein Kopf lieb ist, so unterstehe er sich dessen
nicht, was Er im Sinne hat. Er sei versichert, da Er im Ernst sich
bemühen wird, diese Dame wider ihren Willen zu sehen, daß Er nimmermehr
lebendig von hinnen kommt.«
Damit ging sie durch und beschloß die Tür. Die Jungfer aber, so dem
Feur gewartet, löschte es vollends aus und ging hinter einer Tapezerei
durch eine verborgene Tür hinweg.
»~Allez, monsieur Beau Aleman~, geh slaff mein 'erz, gomm, rick su mir!«
Soviel hatte ihr die Alte Deutsch gelernet. Ich begab mich zum Bette,
zu sehen, wie dann dem Ding zu helfen sein möchte, sobald ich aber
hinzu kam, fiel sie mir um den Hals und bisse mir vor Hitze schier die
unter Lefzen herab, ja, sie fing an das Hemd gleichsam zu zerreißen,
zog mich also zu sich und stellete sich vor unsinniger Liebe also an,
daß nicht auszusagen.
Sie konnte nichts anders Deutsch als: Rick su mir, mein 'erz! -- das
übrige gab sie sonst zu verstehen.
Ich dachte zwar heim an meine Liebste, aber was half es. Ich war leider
ein Mensch und fand eine so wohlproportionierte Kreatur, daß ich ein
Holzblock hätte sein müssen. --
Dergestalt brachte ich acht Täge an diesem Orte zu. Nach geendigter
Zeit satzte man mich im Hof mit verbundenen Augen in eine zugemachte
Kutsche zu meiner Alten, die mir unterwegs die Augen wieder aufband.
Man führete mich in meines Herren Hof, und die Kutsche fuhr wieder
schnell hinweg. Meine Verehrung waren zweihundert Dukaten, und da ich
die Alte fragte, ob ich niemand kein Trinkgeld davon geben könnte,
sagte sie, bei Leibe nicht!
Nachgehends bekam ich noch mehr dergleichen Kunden, welche es mir
endlich so grob machten, daß ich der Narrenposse ganz überdrüssig ward.
Auch fing ich an und ging in mich selber, nicht zwar aus Gottseligkeit
oder Trieb meines Gewissens, sondern aus Sorge, daß ich einmal auf
solch einer Kirchweih erdappt und nach Verdienst bezahlt würde. An
Geld und andern Sachen hatte ich so viel Verehrungen zusammen, daß mir
Angst dabei ward und ich mich nicht mehr verwunderte, daß sich die
Weibsbilder aus dieser viehischen Unfläterei ein Handwerk machen.
Derhalben trachtete ich wieder nach Deutschland zu kommen und das
umso viel mehr, weil der Kommandant zu L. mir geschrieben hatte, daß
er etliche kölnische Kaufleute bei den Köpfen gekriegt, die er nit
aus den Händen lassen wollte, es seien ihm dann meine Sachen zuvor
eingehändiget, ~item~ daß er mir das versprochene Fähnlein aufhalte und
meiner noch im Frühling gewärtig sei, dann sonst müßte er die Stelle
mit einem andern besetzen.
So schickte mir mein Weib auch ein Brieflein darbei, das voll
liebreicher Bezeugung ihres großen Verlangens war. Hätte sie aber
gewußt, wie ich so ehrbar gelebet, so sollte sie mir wohl einen andern
Gruß hineingesetzt haben.
Ich konnte mir wohl einbilden, daß ich mit ~Monsignore Canards~
Einwilligung schwer hinweg käme, gedachte derhalben heimlich durch zu
gehen. Und als ich einsmals etliche Offizierer von der weimarischen
Armee antraf, gab ich mich ihnen als Fähnrich von des Obristen ~de
S. A.~ Regiment zu erkennen mit Bitte, sie wollten mich in ihrer
Gesellschaft als Reisegefährten mitnehmen, da ich meiner Geschäfte
in Paris ledig sei. Also eröffneten sie mir den Tag ihres Aufbruches
und nahmen mich willig mit. An ~Mons. Canard~ schrieb ich aber zurück
und datierte zu Mastrich, damit er meinen sollte, ich wäre auf Köln
gegangen, und nahm meinen Abschied mit Vermelden, daß mir unmöglich
gewesen länger zu bleiben, weil ich seine aromatischen Würstlein nicht
mehr hätte verdauen können.
Im zweiten Nachtläger von Paris aus ward mir wie einem, der den Rotlauf
bekommt. Mein Kopf tät mir so grausam weh, daß mir unmöglich war
aufzustehen. Ich lag in einem gar schlechten Dorf, darin ich keinen
~Medicum~ haben konnte, und was das ärgste war, so hatte ich auch
niemand, der meiner wartete, dann die Offizierer reisten des Morgens
früh ihres Weges fort gegen den Elsaß zu. Sie ließen mich als einen,
der sie nichts anginge, gleichsam todkrank daliegen. Doch hinterließen
sie bei dem Schulzen, daß er mich als einen Kriegsoffizier, der dem
König diene, beobachten sollte.
Also lag ich ein paar Tage dort, daß ich nichts von mir selber
wußte, sondern wie ein Hirnschelliger fabelte. Man brachte den
Pfaffen, derselbe konnte aber nichts Verständiges von mir vernehmen.
Doch gedachte er auf Mittel, mir nach Vermögen zu Hilfe zu kommen,
allermaßen er mir eine Ader öffnen, einen Schweißtrank eingeben und
mich in ein warmes Bette legen ließ, zu schwitzen. Das bekam mir so
wohl, daß ich mich in derselben Nacht wieder besann, wo ich war.
Am folgenden Tag fand mich der Pfaffe ganz desperat, dieweil mir nicht
allein all mein Geld, es waren fünf hundert Dublonen, entführt war,
sondern auch ich nicht anders vermeinte, als hätte ich ~salva venia~
die lieben Franzosenblatteren, weil sie mir billiger als die Dublonen
gebühreten. Ich war auch über den ganzen Leib so voller Flecken als wie
ein Tieger, konnte weder gehen, stehen, sitzen, liegen und war auch
keine Geduld bei mir. Ja, ich stellete mich nicht anders, als ob ich
ganz hätte verzweifeln wollen, daß also der gute Pfarrer genug an mir
zu trösten hatte, weil mich der Schuh an zweien Orten so heftig druckte.
»Nach dem Geld fragte ich nichts, wann ich nur diese abscheuliche,
verfluchte Krankheit nicht am Hals hätte oder wäre an Ort und Enden,
da ich wieder kuriert werden könnte!«
»Ihr müßt Euch gedulden. Wie müßten erst die armen, kleinen Kinder tun,
deren im hießigen Dorf über fünfzig daran krank liegen.«
Wie ich hörete, daß auch Kinder damit behaftet, war ich alsbald
herzhafter, dann ich konnte ja leicht gedenken, daß selbige jene
garstige Seuch nit kriegen würden, nahm derowegen mein Felleisen zur
Hand und suchte, was es etwan noch vermöchte. Da war ohn das weiße Zeug
nicht Schätzbares drin, als eine Kapsel mit einer Damen Conterfait,
rund herum mit Rubinen besetzt, so mir eine zu Paris verehret hatte.
Ich nahm das Conterfait heraus und stellete das übrige dem Pfarrer
zu mit Bitte, solches in der nächsten Stadt zu versilbern. Auch mein
Klepper mußte dran glauben. Damit reichte ich kärglich aus, bis die
Blattern anfingen zu dörren und mir besser ward.