Das dritte Kapitel

Ich merkte schon an diesen Worten, daß ich mich nicht nur an diesem

Ort beschauen lassen, sondern noch gar was anderes tun sollte. Sagte

derowegen zu der Alten:

»Es ist einem Durstigen wenig damit geholfen, wann er bei einem

verbotenen Brunnen sitzt.«

Sie antwortete, man sei in Frankreich und also nicht so mißgünstig, daß

man einem das Wasser verbiete, sonderlich, wo dessen ein Überfluß sei.

»Ja,« sagte ich, »Sie saget mir wohl davon, wann ich nicht schon

verheiratet wäre.«

»Das sind Possen,« meinte das gottlose Weib, »man wird Euch solches

nicht glauben, dann die verehelichten Kavaliers ziehen selten nach

Frankreich. Und wenngleich dem so wäre, kann ich nicht glauben, daß

der Herr so albern sei, eher Durst zu sterben, als aus einem fremden

Brunnen zu trinken.«

Dies war unser Diskurs, dieweil mir eine adelige Jungfer, so das Feuer

pflegte, Schuhe und Strümpfe auszog, die ich überall im Finstern

besudelt hatte, wie dann Paris ohn das eine sehr kotige Stadt ist.

Gleich darauf kam Befehl, daß man mich noch vor dem Essen baden sollte,

dann bemeldtes Jungfräulein ging ab und zu und brachte Badezeug, so

alles nach Bisem und wohlriechender Seife duftete. Das leinen Gerät war

von reinstem Kammertuch und mit teueren holländischen Spitzen besetzt.

Ich wollte mich schämen und vor der Alten nicht nackend sehen lassen,

aber es half nichts, ich mußte dran und mich von ihr ausreiben lassen,

das Jungfergen mußte eine Weile abtreten.

Nach dem Bad ward mir ein zartes Hemd gegeben und ein köstlicher

Schlafpelz von veielblauem Taffet angelegt, samt ein Paar Strümpfen von

gleicher Farbe. So war meine Schlafhaube samt den Pantoffeln mit Gold

und Perlen gestickt, also daß ich nach dem Bad dort saß zu protzen wie

der Herzkönig.

Indessen mir nun meine Alte das Haar trücknete und kämpelte trug

mehrgemeldtes Jungfergen die Speisen auf, und nachdem der Tisch

überstellet war, traten drei heroische Damen in den Saal, welche

ihre Alabasterbrüstlein zwar ziemlich weit entblößt trugen, vor den

Angesichtern aber ganz vermaskiert waren.

Sie dünkten mich alle drei vortrefflich schön zu sein, aber doch war

eine viel schöner als die andern. Ich machte ihnen ganz stillschweigend

einen Bückling und sie bedankten sich mit der gleichen Zeremonie,

welches natürlich aussahe, als ob etliche Stumme beieinander seien. Sie

satzten sich alle drei zugleich, daß ich nicht erraten konnte, welche

die Vornehmste gewesen.

Der ersten Rede war, ob ich nicht französisch könnte. Meine Landsmännin

sagte nein. Hierauf befahl ihr die andre, sie solle mir sagen, ich

wollte belieben niederzusitzen. Dann bedeutete die Dritte der Alten,

sie solle sich auch setzen. Woraus ich abermal nicht abnehmen konnte,

welche die Vornehmste unter ihnen war.

Ich saß neben dem alten Gerippe und sie blickten mich alle drei sehr

anmütig, lieb- und huldreich an, und ich dörfte schwören, daß sie viel

hundert Seufzer gehen ließen.

Meine Alte fragte mich, welche ich unter den dreien vor die Schönste

hielte. Ich antwortete, daß einem die Wahl wehe tue. Hierüber fing sie

an zu lachen, daß man alle vier Zähne sahe, die sie noch im Maul hatte,

und sagte: »Warum das?«

»Soviel ich sehe, sein alle drei nit häßlich.«

Dieses ward die Alte gefragt und sie log darzu, ich hätte gesagt, einer

jeden Mund wäre hunderttausend Mal Küssens wert, dann ich konnte ihre

Mäuler unter den Masken wohl sehen. Ich stellete mich unter all diesem

Diskurs über Tisch, als ob ich kein Wort französisch verstünde.

Weil es nun so still herging, machten wir desto früher Feierabend. Die

Damen wünschten eine gute Nacht und gingen ihres Wegs, ich durfte aber

das Geleite nicht weiter als bis an die Tür geben, so die Alte gleich

nach ihnen zuriegelte.

Ich fragte, wo ich dann schlafen müßte. Sie sagte, ich müßte bei ihr in

gegenwärtigem Bette vorlieb nehmen. Ich meinte das Bette wäre immerhin

gut genug.

Indem wir so plauderten, zog eine schöne Dame den Bettvorhang etwas

zurück und sagte der Alten, sie solle aufhören zu schwätzen und

schlafen gehen. Stracks nahm ich ihr das Licht und wollte sehen, wer im

Bette läge. Sie aber löschte solches aus.

»Herr, wann Ihm sein Kopf lieb ist, so unterstehe er sich dessen

nicht, was Er im Sinne hat. Er sei versichert, da Er im Ernst sich

bemühen wird, diese Dame wider ihren Willen zu sehen, daß Er nimmermehr

lebendig von hinnen kommt.«

Damit ging sie durch und beschloß die Tür. Die Jungfer aber, so dem

Feur gewartet, löschte es vollends aus und ging hinter einer Tapezerei

durch eine verborgene Tür hinweg.

»~Allez, monsieur Beau Aleman~, geh slaff mein 'erz, gomm, rick su mir!«

Soviel hatte ihr die Alte Deutsch gelernet. Ich begab mich zum Bette,

zu sehen, wie dann dem Ding zu helfen sein möchte, sobald ich aber

hinzu kam, fiel sie mir um den Hals und bisse mir vor Hitze schier die

unter Lefzen herab, ja, sie fing an das Hemd gleichsam zu zerreißen,

zog mich also zu sich und stellete sich vor unsinniger Liebe also an,

daß nicht auszusagen.

Sie konnte nichts anders Deutsch als: Rick su mir, mein 'erz! -- das

übrige gab sie sonst zu verstehen.

Ich dachte zwar heim an meine Liebste, aber was half es. Ich war leider

ein Mensch und fand eine so wohlproportionierte Kreatur, daß ich ein

Holzblock hätte sein müssen. --

Dergestalt brachte ich acht Täge an diesem Orte zu. Nach geendigter

Zeit satzte man mich im Hof mit verbundenen Augen in eine zugemachte

Kutsche zu meiner Alten, die mir unterwegs die Augen wieder aufband.

Man führete mich in meines Herren Hof, und die Kutsche fuhr wieder

schnell hinweg. Meine Verehrung waren zweihundert Dukaten, und da ich

die Alte fragte, ob ich niemand kein Trinkgeld davon geben könnte,

sagte sie, bei Leibe nicht!

Nachgehends bekam ich noch mehr dergleichen Kunden, welche es mir

endlich so grob machten, daß ich der Narrenposse ganz überdrüssig ward.

Auch fing ich an und ging in mich selber, nicht zwar aus Gottseligkeit

oder Trieb meines Gewissens, sondern aus Sorge, daß ich einmal auf

solch einer Kirchweih erdappt und nach Verdienst bezahlt würde. An

Geld und andern Sachen hatte ich so viel Verehrungen zusammen, daß mir

Angst dabei ward und ich mich nicht mehr verwunderte, daß sich die

Weibsbilder aus dieser viehischen Unfläterei ein Handwerk machen.

Derhalben trachtete ich wieder nach Deutschland zu kommen und das

umso viel mehr, weil der Kommandant zu L. mir geschrieben hatte, daß

er etliche kölnische Kaufleute bei den Köpfen gekriegt, die er nit

aus den Händen lassen wollte, es seien ihm dann meine Sachen zuvor

eingehändiget, ~item~ daß er mir das versprochene Fähnlein aufhalte und

meiner noch im Frühling gewärtig sei, dann sonst müßte er die Stelle

mit einem andern besetzen.

So schickte mir mein Weib auch ein Brieflein darbei, das voll

liebreicher Bezeugung ihres großen Verlangens war. Hätte sie aber

gewußt, wie ich so ehrbar gelebet, so sollte sie mir wohl einen andern

Gruß hineingesetzt haben.

Ich konnte mir wohl einbilden, daß ich mit ~Monsignore Canards~

Einwilligung schwer hinweg käme, gedachte derhalben heimlich durch zu

gehen. Und als ich einsmals etliche Offizierer von der weimarischen

Armee antraf, gab ich mich ihnen als Fähnrich von des Obristen ~de

S. A.~ Regiment zu erkennen mit Bitte, sie wollten mich in ihrer

Gesellschaft als Reisegefährten mitnehmen, da ich meiner Geschäfte

in Paris ledig sei. Also eröffneten sie mir den Tag ihres Aufbruches

und nahmen mich willig mit. An ~Mons. Canard~ schrieb ich aber zurück

und datierte zu Mastrich, damit er meinen sollte, ich wäre auf Köln

gegangen, und nahm meinen Abschied mit Vermelden, daß mir unmöglich

gewesen länger zu bleiben, weil ich seine aromatischen Würstlein nicht

mehr hätte verdauen können.

Im zweiten Nachtläger von Paris aus ward mir wie einem, der den Rotlauf

bekommt. Mein Kopf tät mir so grausam weh, daß mir unmöglich war

aufzustehen. Ich lag in einem gar schlechten Dorf, darin ich keinen

~Medicum~ haben konnte, und was das ärgste war, so hatte ich auch

niemand, der meiner wartete, dann die Offizierer reisten des Morgens

früh ihres Weges fort gegen den Elsaß zu. Sie ließen mich als einen,

der sie nichts anginge, gleichsam todkrank daliegen. Doch hinterließen

sie bei dem Schulzen, daß er mich als einen Kriegsoffizier, der dem

König diene, beobachten sollte.

Also lag ich ein paar Tage dort, daß ich nichts von mir selber

wußte, sondern wie ein Hirnschelliger fabelte. Man brachte den

Pfaffen, derselbe konnte aber nichts Verständiges von mir vernehmen.

Doch gedachte er auf Mittel, mir nach Vermögen zu Hilfe zu kommen,

allermaßen er mir eine Ader öffnen, einen Schweißtrank eingeben und

mich in ein warmes Bette legen ließ, zu schwitzen. Das bekam mir so

wohl, daß ich mich in derselben Nacht wieder besann, wo ich war.

Am folgenden Tag fand mich der Pfaffe ganz desperat, dieweil mir nicht

allein all mein Geld, es waren fünf hundert Dublonen, entführt war,

sondern auch ich nicht anders vermeinte, als hätte ich ~salva venia~

die lieben Franzosenblatteren, weil sie mir billiger als die Dublonen

gebühreten. Ich war auch über den ganzen Leib so voller Flecken als wie

ein Tieger, konnte weder gehen, stehen, sitzen, liegen und war auch

keine Geduld bei mir. Ja, ich stellete mich nicht anders, als ob ich

ganz hätte verzweifeln wollen, daß also der gute Pfarrer genug an mir

zu trösten hatte, weil mich der Schuh an zweien Orten so heftig druckte.

»Nach dem Geld fragte ich nichts, wann ich nur diese abscheuliche,

verfluchte Krankheit nicht am Hals hätte oder wäre an Ort und Enden,

da ich wieder kuriert werden könnte!«

»Ihr müßt Euch gedulden. Wie müßten erst die armen, kleinen Kinder tun,

deren im hießigen Dorf über fünfzig daran krank liegen.«

Wie ich hörete, daß auch Kinder damit behaftet, war ich alsbald

herzhafter, dann ich konnte ja leicht gedenken, daß selbige jene

garstige Seuch nit kriegen würden, nahm derowegen mein Felleisen zur

Hand und suchte, was es etwan noch vermöchte. Da war ohn das weiße Zeug

nicht Schätzbares drin, als eine Kapsel mit einer Damen Conterfait,

rund herum mit Rubinen besetzt, so mir eine zu Paris verehret hatte.

Ich nahm das Conterfait heraus und stellete das übrige dem Pfarrer

zu mit Bitte, solches in der nächsten Stadt zu versilbern. Auch mein

Klepper mußte dran glauben. Damit reichte ich kärglich aus, bis die

Blattern anfingen zu dörren und mir besser ward.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 55 / 78 题