Das ander Kapitel

~Mons. Canard~ hatte täglich viel Schmarotzer und hielt gleichsam eine

freie Tafel. Einsmals besuchte ihn des Königs Zeremonienmeister und

andere vornehme Personen vom Hof, denen er eine fürstliche Collation

darreichte. Damit er nun denselben seinen allergeneigtesten Willen

erzeugte und ihnen alle Lust machte, begehrete er, ich wolle ihm

zu Ehren und der ansehnlichen Gesellschaft zu Gefallen ein deutsch

Liedlein in meine Laute hören lassen. Ich folgte gern, weil ich eben in

Laune war und befliß mich derhalben, das beste Geschirr zu machen.

Daran fanden die Anwesenden ein solch Ergötzen, daß der

Zeremonienmeister sagte, es wäre immer schade, daß ich nicht die

franzsche Sprache könnte, er wollte mich trefflich wohl beim König und

der Königin anbringen.

Mein Herr besorgte, ich möchte ihm aus seinen Diensten entzuckt werden

und antwortete, ich sei einer von Adel, der nicht lange in Frankreich

zu verbleiben gedächte, würde mich demnach schwerlich vor einen

Musikanten gebrauchen lassen.

Darauf sagte der Zeremonienmeister, daß er seine Tage nicht eine so

seltene Schönheit, eine so klare Stimme und einen so künstlichen

Lautenisten in einer Person gefunden. Es sollte ehist vorm König

in ~Louvre~ eine ~Comoedia~ gespielet werden, wann er mich darzu

gebrauchen könnte, so verhoffe er große Ehre mit mir einzulegen. Das

hielt mir ~Mons. Canard~ vor, und ich antwortete, wann man mir sagete,

was vor eine Person ich darstellen und was vor ein Lied ich in meine

Laute singen sollte, so könnte ich ja beides: Melodeien und Lieder

auswendig lernen, wannschon sie in franzscher Sprache wären. Als mich

der Zeremonienmeister so willig sahe, mußte ich ihm versprechen den

andern Tag in ~Louvre~ zu kommen, um zu probieren. Also stellete ich

mich ein. Die Melodeien schlug ich gleich perfekt auf dem Instrument,

weil ich das Tabulaturbuch vor mir hatte. Die franzschen Lieder, welche

mir zugleich verdeutscht wurden, kamen mich gar nicht schwer an, also

daß ichs eher konnte, als sichs jemand versahe.

Ich habe die Zeit meines Lebens keinen so angenehmen Tag gehabt, als

mir derjenige war, an welchem die ~Comoedia~ gespielet ward. ~Mons.

Canard~ gab mir etwas ein, meine Stimme desto klärer zu machen; da er

aber meine Schönheit mit ~oleo talci~ erhöhen und meine halbkrausen

Haare, die vor Schwärze glitzerten, verpudern wollte, fand er, daß er

mich dadurch nur entstellet hätte.

Ich ward mit einem Lorbeerkranz gekrönt und in ein antiquisch meergrün

Kleid angetan, in welchem man mir den ganzen Hals, den Oberteil der

Brust, die Arme bis hinter die Ellenbogen und die Knie von den halben

Schenkeln an bis auf die halben Waden nackend und bloß sehen konnte. Um

solches schlug ich einen leibfarbenen taffeten Mantel, der sich mehr

einem Feldzeichen vergliche. In solchem Kleid löffelte ich um meine

~Eurydice~, rufte die ~Venus~ mit einem schönen Liedlein um Beistand

an und brachte endlich meine Liebste davon. In welchem Akt ich mich

trefflich zu stellen und meine Liebste mit Seufzen und spielenden Augen

anzublicken wußte.

Nachdem ich aber meine ~Eurydice~ verloren, zog ich ein ganz schwarz

Habit an, auf die vorige Mode gemacht, aus welchem meine weiße Haut

hervorschien wie Schnee. In solchem beklagte ich meine verlorene

Liebste und bildete mir die Sache so erbärmlich ein, daß mir mitten

in meinen traurigen Liedern und Melodeien die Tränen herausruckten.

Bis ich vor ~Plutonem~ und ~Proserpinam~ in die Hölle kam, stellete

ich denselben in einem sehr beweglichen Liede die Liebe vor, so wir

beide zusammen trügen, bat mit den allerandächtigsten Gebärden, und

zwar alles in die Harfe singend, sie sollten mir die ~Eurydice~ wieder

zukommen lassen, und bedankte, nachdem ich das Jawort erhalten, mit

einem Liede, wußte dabei das Angesicht, samt Gebärden und Stimme so

fröhlich zu verkehren, daß sich alle Anwesenden darüber verwunderten.

Da ich aber meine ~Eurydice~ wieder unversehens verlor, fing ich an,

auf einem Felsen sitzend, den Verlust mit erbärmlichsten Worten und

einer traurigen Melodei zu beklagen und alle Kreaturen um Mitleiden

anzurufen. Darauf stellten sich allerhand zahme und wilde Tiere,

Berge, Bäume und dergleichen bei mir ein, also daß es in Wahrheit ein

Ansehen hatte, als ob alles mit Zauberei übernatürlicher Weise wäre

zugerichtet worden. Da ich aber zuletzt allen Weibern abgesagt und von

den Bacchantinnen erwürget und ins Wasser geworfen ward, daß man nur

meinen Kopf sahe, sollte mich ein erschröcklicher Drache benagen. Der

Kerl aber so im Drachen stak, denselben zu regieren, konnte meinen Kopf

nicht sehen und ließ das Drachenmaul neben dem meinigen grasen. Solches

kam mir lächerlich vor, daß ich mir nicht abbrechen konnte, darüber zu

schmollen, welches die Damen, so mich gar wohl betrachteten, in Acht

nahmen.

Von dieser ~Comoedia~ bekam ich neben dem Lob nicht allein eine

treffliche Verehrung, sondern auch einen andern Namen, indem mich

forthin die Franzosen nicht anders als ~Beau Alman~ nannten. Es wurden

noch mehr dergleichen Spiele und Ballett gehalten, in welchen ich

mich gebrauchen ließ. Ich befand aber zuletzt, daß ich von den andern

geneidet ward, weil ich die Augen der Zuseher, sonderlich der Weiber,

gewaltig auf mich zog. Tät mich derowegen ab, maßen ich einsmals

ziemlich Stöße kriegte, da ich als ein ~Herkules~, gleichsam nackend in

einer Löwenhaut, mit dem Flußgott ~Achelous~ um die ~Deianira~ kämpfte,

da er mir's gröber machte, als in einem Spiel Gebrauch ist. --

Einsmals kam ein Lakai, der sprach meinen ~Mons. Canard~ an und

brachte ihm ein Brieflein, eben als ich in seinem Laboratorio über

alchimistischer Arbeit saß, dann ich hatte aus Lust bei meinem Doktor

manchen chimischen Prozeß gefördert mit Resolvieren, Sublimieren,

Kalcinieren, Digerieren und unzählig vielen andern Praktiken.

»~Monsieur Beau Alman~,« rief der Doktor, »das Schreiben betrifft Euch.

Es schicket ein vornehmer Herr, Ihr wollet gleich zu ihm kommen, daß

er Euch ansprechen könnte, ob Euch nicht beliebe, seinen Sohn auf der

Laute zu informieren. Er bittet mit sehr courtoisen Versprechen, daß

ich Euch zurede, Ihr wollet ihm diesen Gang nicht abschlagen.«

Ich antwortete: »Wann ich Euretwegen jemand dienen könnte, so will ich

am Fleiße nicht sparen.«

Darauf sagte er, ich solle mich anders anziehen, indessen wolle er mir

etwas zu essen machen, dann ich hätte einen ziemlich weiten Weg zu

gehen.

Also putzte ich mich und verschluckte in Eil etwas von den Gerichten,

sonderlich aber ein paar kleiner delikater Würstlein, welche mir zwar,

als mich deuchte, ziemlich stark apothekerten. Ging demnach mit

gedachtem Lakai durch seltsame Umwege eine Stunde lang, bis wir gegen

Abend an eine Gartentür kamen, die nur zugelehnt war. Der Lakai stieß

sie vollends auf und schlug sie hinter uns zu, führete mich nachgehends

in ein Lusthaus, so in einer Ecke des Gartens stund. Nachdem wir

einen ziemlich langen Gang passierten, klopfte er vor einer Tür, so

von einer alten adeligen Dame stracks aufgemachet ward. Diese hieß

mich in deutscher Sprache sehr höflich willkommen und zu ihr vollends

hineintreten. Der Lakai aber, so kein Deutsch konnte, nahm mit tiefer

Reverenz Abschied.

Die Alte führte mich bei der Hand vollends in das Zimmer, das rundumher

mit köstlichen Tapeten behängt und sonsten auch schön gezieret war. Sie

hieß mich niedersitzen, damit ich verschnaufen und zugleich vernehmen

könnte, aus was Ursachen ich an diesen Ort geholet worden.

Ich folgte gern und satzte mich auf einen Sessel, den sie mir zum Feuer

stellete, sie aber ließ sich neben mir auf einen andern nieder und

sagte:

»~Monsieur~, wann Er etwas von den Kräften der Liebe weiß, daß nämlich

solche die allertapfersten, stärksten und klügsten Männer überwältige

und zu beherrschen pflege, so wird Er sich umso viel mehr desto weniger

verwundern, wann dieselbe auch ein schwaches Weibsbild meistert. Er

ist nicht der Laute halber, wie man Ihn und ~Mon. Canard~ überredet

hat, von einem Herrn, aber wohl seiner übertrefflichen Schönheit halber

von der allervortrefflichsten Dame in Paris hierher berufen worden.

Sie versiehet sich allbereits des Todes, so sie nicht bald des Herren

überirdische Gestalt zu beschauen und sich daran zu erquicken das Glück

haben sollte. Derowegen hat sie mir befohlen, dem Herrn, als meinem

Landsmann, solches anzuzeigen und ihn höher zu bitten als ~Venus~

ihren ~Adonis~, daß er diesen Abend sich bei ihr einfinden und seine

Schönheit genugsam von ihr betrachten lasse, welches er ihr hoffentlich

als einer vornehmen Dame nicht abschlagen wird.«

Ich antwortete: »~Madame~, ich weiß nicht, was ich denken, viel weniger

hierauf sagen soll. Ich erkenne mich nicht darnach beschaffen zu sein,

daß eine Dame von so hoher Qualität nach meiner Wenigkeit verlangen

sollte. Wann die Dame, so mich zu sehen begehret, so vortrefflich und

vornehm sei, als mir meine hochgeehrte Frau Landsmännin vorbringt, so

hätte sie wohl bei früher Tageszeit nach mir schicken dörfen und mich

nicht erst hierher an diesen einsamen Ort bei so spätem Abend berufen.

Was habe ich in diesem Garten zu tun? Meine Landsmännin vergebe, wann

ich als verlassener Fremder in die Forcht gerate, man wolle mich auch

sonst hintergehen. Sollte ich aber merken, daß man mir so verräterisch

mit bösen Tücken an den Leib wollte, würde ich vor meinem Tode den

Degen zu gebrauchen wissen.«

»Sachte, sachte, mein hochgeehrter Herr Landsmann, Er lasse diese

unmutigen Gedanken aus dem Sinn. Die Weibsbilder sind seltsam und

vorsichtig in ihren Anschlägen, daß man sich nicht gleich anfangs so

leicht darein schicken kann. Wann diejenige, die Ihn über alles liebet,

gern hätte, daß Er Wissenschaft von ihrer Person haben sollte, so hätte

sie Ihn freilich nicht erst hierher, sondern den geraden Weg zu sich

kommen lassen. Dort liegt eine Kappe, die muß der Herr ohndas erst

aufsetzen, wann Er zu ihr geführt wird, weil sie auch sogar nicht will,

daß Er den Ort, geschweige, bei wem er gesteckt, wissen sollte. Bitte

und ermahne demnach den Herrn so hoch als ich immer kann, Er zeige

sich gegen diese Dame so, wie es ihre Hoheit als auch ihre gegen Ihn

tragende unaussprechliche Liebe meritiert. Anders wolle Er gewärtig

sein, daß sie mächtig genug sei, seinen Hochmut und Verachtung auch in

diesem Augenblick zu strafen.«

Es ward allgemach finster und ich hatte allerhand Sorgen und forchtsame

Gedanken, also daß ich wie ein geschnitzt Bild dasaß. Konnte mir wohl

auch einbilden, daß ich diesem Ort so leicht nicht wieder entrinnen

könnte. So willigte ich denn in alles, so man mir zumutete, und sagte

der Alten: »Wenn ihm dann so ist, wie Sie vorgebracht, so vertraue ich

meine Person Ihrer angeborenen deutschen Redlichkeit, der Hoffnung, sie

werde nicht zulassen, daß einem unschuldigen Deutschen eine Untreue

widerführe. Sie vollbringe also, was Ihr befohlen.«

»Ei, behüte Gott, Er wird mehr Ergötzen finden, als Er sich hat sein

Tag niemals einbilden dörfen!«

Sie rief: ~Jean~, ~Pierre~! -- alsobald traten diese in vollem,

blanken Küraß, vom Scheitel bis auf die Fußsohle gewaffnet, mit einer

Hellebarden und Pistolen in Händen, hinter einer Tapezerei herfür.

Davon ich dergestalt erschrak, daß ich mich entfärbte. Die Alte ward

solches lächelnd gewahr.

»Man muß sich nicht förchten, wenn man zum Frauenzimmer gehet.«

Sie befahl den beiden ihren Harnisch abzulegen, die Laterne zu nehmen

und nur mit ihren Pistolen zu folgen. Demnach streifte sie mir die

schwarze Sammetkappe über den Kopf und führete mich an der Hand durch

seltsame Wege.

Ich spürte wohl, daß ich durch viel Türen und auch über einen

gepflasterten Weg passierte. Endlich mußte ich etwan eine halbe

Viertelstunde eine kleine steinerne Stiege steigen, da tät sich ein

Türlein auf, von dannen kam ich über einen belegten Gang und mußte eine

Wendelstiege hinauf, folgends etliche Staffeln wieder hinab, allda sich

etwa sechs Schritte weiters eine Tür öffnete.

Als ich endlich durch solche kam, zog mir die Alte die Kappe wieder

herunter. Da befand ich mich in einem Saal, der überaus zierlich

aufgeputzt war. Die Wände waren mit schönen Gemälden, der Tresor mit

Silbergeschirr und das Bette, so darin stund, mit Umhängen von göldenen

Stücken gezieret. In der Mitten stund der Tisch, prächtig gedeckt, und

bei dem Feuer befand sich eine Badewanne, die wohl hübsch war, aber

meinem Bedünken nach schändete sie den ganzen Saal.

Die Alte sagte zu mir: »Nun willkommen, Herr Landsmann, kann Er noch

sagen, daß man Ihn mit Verräterei hintergehe? Er lege nur allen Unmut

ab und erzeige sich wie neulich auf dem Theatro, da er seine ~Eurydice~

wieder erhielt. Er wird hier, ich versichere, eine schönere antreffen,

als Er dort eine verloren.«

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 54 / 78 题