Gegen meinem Quartier über wohnete ein reformierter Obrist-Leutenant,
der hatte eine überaus schöne Tochter, die sich ganz adelig trug. Ich
hätte längst gern Kundschaft mit ihr gemachet, unangesehen, daß ich
sie anfänglich allein zu lieben und auf ewig zu haben begehrete. Ich
schenkte ihr manchen Gang und noch viel mehr liebreicher Blicke. Sie
ward mir aber so fleißig verhütet, daß ich kein einzig Mal mit ihr
reden konnte. So unverschämt dorfte ich auch nicht hineinplatzen, weil
ich mit ihren Eltern keine Kundschaft hatte und mir der Ort vor einen
Kerl von so geringem Herkommen, als mir das meinige bewußt war, viel
zu hoch vorkam. Am allernächsten gelangte ich zu ihr, wann wir etwan
in oder aus der Kirche gingen. Da nahm ich dann die Zeit so fleißig in
Acht, mich ihr zu nähern, daß ich oft ein paar Seufzer anbrachte, was
ich meisterlich konnte, obzwar sie alle aus falschem Herzen gingen.
Hingegen nahm sie solche so kaltsinnig an, daß ich mir einbilden mußte,
sie werde sich nicht so leicht wie eine Bürgerstochter verführen
lassen. Indem wurden meine Begierden nach ihr nur desto heftiger.
Der Stern, den die Schüler zu Hl. Dreikönig umtragen, ist es gewesen,
der mir in ihre Wohnung geleuchtet, da ihr Vater selbst nach mir
schickte.
»Monsieur,« sagte er zu mir, »seine Neutralität zwischen Bürgern und
Soldaten ist eine Ursache, daß ich Ihn habe zu mir bitten lassen. Ich
will zwischen beiden Teilen eine Sache ins Werk richten, die eines
unparteiischen Zeugen bedarf.«
Ich vermeinete, er hätte was Wundergroßes im Sinn, weil Schreibzeug und
Papier auf dem Tisch lag, bot ihm derowegen mit sondern Komplimenten
meine bereitwilligsten Dienste an, daß ich mirs nämlich vor eine große
Ehre halten würde, wann ich so glücklich sei, ihm beliebige Dienste zu
leisten. Es war aber nichts andres als ein Dreikönigsfest zu machen.
Dabei sollte ich zusehen, daß es recht zuginge, wie die Ämter ohn
Ansehung der Personen durch das Los ausgeteilet würden. Zu diesem
Geschäft, bei welchem des Obristen ~Secretarius~ auch war, ließ der
Obrist-Leutenant Wein und Konfekt bringen, weil er ein trefflicher
Zechbruder und es ohn das nach dem Nachtessen war. Der ~Secretarius~
schrieb, ich las die Namen und die Jungfer zog die Zettel, ihre Eltern
aber sahen zu. Sie beklagten sich über die langen Winternächte und
gaben mir zu verstehen, daß ich, solche desto leichter zu passieren,
wohl zu ihnen zu Licht kommen dörfte.
So fing ich wieder auf ein Neues an mit der Leimstangen zu laufen und
am Narrenseil zu ziehen, also, daß sich beide: die Jungfrau und ihre
Eltern einbilden mußten, ich hätte den Angel geschluckt, wiewohl mirs
nicht halber Ernst war. Ich stellete Buhlenbrieflein an meine Liebste,
eben als ob ich hundert Meilwegs von ihr gewohnet hätte oder in viel
Jahren erst zu ihr könne. Zuletzt machte ich mich gar zutätig, weil
mir meine Löffelei nicht sonderlich von den Eltern gewehret, sondern
zugemutet ward, ich sollte ihre Tochter auf der Laute lernen schlagen.
Da hatte ich nun meinen freien Zutritt bei Tag sowohl als wie hiebevor
des Abends, also daß ich meinen gewöhnlichen Reimen:
Ich und meine Fledermaus
Fliegen nur bei Nachtzeit aus
änderte und ein frommes Liedlein machte, darin ich mein Glück lobte,
weil es mir auf so manchen guten Abend auch so freudereiche Tage
verliehe, in denen ich in meiner Liebsten Gegenwart meine Augen weiden
und mein Herz um etwas erquicken könnte, hingegen beklagte ich meine
Nächte. Ich sang es meiner Liebsten mit andächtigem Seufzen und einer
lustreizenden Melodei, dabei die Laute das Ihre trefflich tät und
gleichsam die Jungfer mit mir bat, sie wollte doch cooperieren, daß
mir die Nächte so glücklich als die Täge bekommen möchten. Aber ich
bekam ziemlich abschlägige Antwort, dann sie war trefflich klug und
konnte mich auf meine Erfindungen gar höflich beschlagen. Ich nahm
mich gleichwohl in Acht, von der Verehelichung zu schweigen, und wenn
schon discursweis davon geredet ward, stellete ich alle meine Worte auf
Schrauben. Welches meiner Jungfrau verheiratete Schwester bald merkte
und dahero mir und meinem Mägdlein alle Pässe verlegte, dann sie sahe
wohl, daß mich ihre Schwester von Herzen liebete und daß die Sache in
die Länge kein Guttun würde.
Es ist unnötig alle Torheiten meiner Löffelei umständlich zu erzählen.
Genug, zuletzt kam es dahin, daß ich erstlich mein liebes Dingelgen zu
küssen und endlich auch andre Narrenpossen zu tun mich erkühnen dorfte.
Und solchen erwünschten Fortgang verfolgte ich mit allerhand Reizungen,
bis ich bei Nacht von meiner Liebsten eingelassen ward und mich so
hübsch zu ihr ins Bette fügte, als wann ich zu ihr gehöret hätte.
Weil jedermann weiß, wie es bei derlei Kirchweih pfleget gemeiniglich
herzugehen, so dörfte sich wohl der Leser einbilden, ich hätte etwas
Ungebührliches begangen. Jawohl nein! Dann alle meine Gedanken waren
umsonst. Ich fand einen solchen Widerstand, dergleichen ich nimmermehr
bei keinem Weibsbild anzutreffen gewähnet hätte, weil ihr Absehen
einzig und allein auf Ehre und Ehestand gerichtet war. Wenngleich ich
ihr solchen mit den allergrausamsten Flüchen versprach, so wollte sie
doch vor der Copulation kurzum nichts geschehen lassen. Doch gönnete
sie mir auf ihrem Bette neben ihr liegen zu bleiben, auf welchem ich
auch ganz ermüdet vor Unmut sanft einschlummerte.
Ich ward aber gar ungestüm aufgeweckt. Dann morgens um vier Uhr stund
der Obrist-Leutenant vorm Bette mit einer Pistole in der einen und
einer Fackel in der andern Hand.
»Krabat,« schrie er überlaut seinem Diener zu, der auch mit einem
bloßen Säbel bei ihm stund, »geschwind, Krabat, hole den Pfaffen!«
Wovon ich dann erwachte.
O weh, gedachte ich, du sollst gewiß zuvor beichten, eh er dir den
Rest gibet! Es ward mir ganz grün und gelb vor den Augen und ich wußte
nicht, ob ich sie recht auftun sollte oder nicht.
»Du leichtfertiger Geselle,« schrie er mich an, »soll ich dich finden,
daß du mein Haus schändest! Tät ich dir unrecht, wenn ich dir und
dieser Vettel den Hals bräche? Ach, du Bestia, wie kann ich mich doch
nur enthalten, daß ich dir nicht das Herz aus dem Leib herausreiße und
den Hunden vorwerfe!«
Dabei biß er die Zähne zusammen und verkehrte die Augen als wie ein
unsinnig Tier.
Ich wußte nicht, was ich sollte, und meine liebe Beischläferin konnte
nichts als weinen. Endlich, da ich mich ein wenig erholete, wollte ich
etwas von unserer Unschuld vorbringen, er aber hieß mich das Maul
halten. Indessen war seine Frau auch darzu gekommen, die fing eine
nagelneue Predigt an, also daß ich wünschte, ich läge irgends in einer
Dornhecke. Sie hätte auch in zweien Stunden nicht aufgehört, wann der
Krabat mit dem Pfarrer nicht gekommen wäre.
Wohl hatte ich, eh dieser ankam, etlichmal aufzustehen unterstanden,
aber der Obrist-Leutenant machte mich unter bedrohlichen Mienen liegen
bleiben, also daß ich erfahren mußte, wie gar keine Courage ein
Kerl hat, der auf einer bösen Tat ertappt wird, und wie einem Dieb
ums Herz wird, den man erwischt, wann er eingebrochen, obgleich er
noch nichts gestohlen hat. Ich gedenke der lieben Zeit, wann mir der
Obrist-Leutenant samt zwei solchen Kroaten aufgestoßen wäre, daß ich
sie alle drei zu jagen unterstanden. Aber jetzt lag ich da wie ein
Bernheuter und hatte nicht das Herz nur das Maul, geschweige die Fäuste
recht auf zu tun.
»Sehet, Herr Pfarrer das schöne Spektakul, zu welchen ich Euch zum
Zeugen meiner Schande berufen muß.«
Und kaum hatte er diese Worte vorgebracht, so fing er wieder an zu
wüten und das Tausendste ins Hundertste zu werfen, daß ich nichts
anderes als vom Halsbrechen und Hände in meinem Blut waschen verstehen
konnte. Er schaumete ums Maul wie ein Eber und stellete sich also, daß
ich alle Augenblicke gedachte, jetzt jagt er dir eine Kugel durch den
Kopf.
Der Pfarrer aber wehrete mit Händen und Füßen, daß kein Totschlag
geschehe, so ihn hernach reuen möchte.
»Was? Herr Obrist-Leutenant, brauchet Euere hohe Vernunft und bedenkt
das Sprüchwort, daß man zu geschehenen Dingen das beste reden soll.
Dies schöne junge Paar, das seinesgleichen schwerlich im Lande hat, ist
nicht das erste und nicht das letzte, so sich von den unüberwindlichen
Kräften der Liebe hat meistern lassen. Dieser Fehler, da es anders ein
Fehler zu nennen, den sie beide begangen, kann auch durch sie wieder
leichtlich gebessert werden. Zwar lobe ichs nicht, sich auf diese Art
zu verehelichen, aber gleichwohl hat dieses junge Paar hiedurch weder
Galgen noch Rad verdient. Es ist auch keine Schande zu erwarten, wann
der Herr Obrist-Leutenant seinen Consens zu beider Verehelichung geben
und diese Ehe durch den gewöhnlichen Kirchgang öffentlich bestätigen
lassen wird.«
»Was! Ich wollte sie ehe morgenden Tags beide zusammen binden und in
der Lippe ertränken lassen! In diesem Augenblick müssen sie copuliert
sein! Deswegen habe ich Euch holen lassen!«
Ich dachte, was willtu tun -- es heißt: Vogel friß oder stirb. Zudem
ist sie eine solche Jungfrau, deren du dich nicht schämen darfst. Doch
schwur ich und bezeugte hoch und teuer, daß wir nichts Unehrliches
miteinander zu schaffen gehabt hätten.
Hierauf wurden wir von gemeldtem Pfarrer im Bette sitzend
zusammengegeben und, nachdem dies geschehen, aufzustehen und
miteinander aus dem Haus zu gehen gemüßiget.
Unter der Tür sagte der Obrist-Leutenant zu mir und seiner Tochter,
wir sollten uns in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr sehen lassen.
Ich aber, da ich den Degen an meiner Seite hatte, antwortete gleichsam
im Scherz: »Ich weiß nicht, Herr Schwehrvater, warum Er alles so
Widersinns anstellet! Wann andre neue Eheleute copuliert werden, so
führen sie die nächsten Verwandten schlafen. Er aber jaget mich nach
der Copulation nicht allein aus dem Bette, sondern auch aus dem Haus.
Und anstatt des Glücks, das Er mir in Ehestand wünschen sollte, will Er
mich nicht so glückselig wissen, meines Schwehers Angesicht zu sehen
und Ihm zu dienen. Wahrlich, wann dieser Brauch aufkommen sollte,
so würden die Verehelichungen wenig Freundschaft mehr in der Welt
stiften!« --
Die Leute in meinem Losament verwunderten sich alle, da ich diese
Jungfrau mit mir heimbrachte, und noch viel mehr da sie sahen, daß ich
so ungescheut mit ihr schlafen ging. Dann obzwar mir dieser Posse, so
mir widerfahren, grandige Grillen in Kopf brachte, so war ich doch
so närrisch nicht, meine Braut zu verschmähen. So hatte ich zwar die
Liebste im Arm, hingegen aber tausenderlei Gedanken, wie ich meine
Sache heben und legen wollte. Zuweilen vermeinete ich, es wäre mir der
allergrößte Schimpf widerfahren, welchen ich ohn billige Rache mit
Ehren nicht verschmerzen könnte, wann ich aber besann, daß solche Rache
wider meinen Schwehrvater und also auch wider meine unschuldige, fromme
Liebste laufen müßte, fielen alle meine Anschläge dahin. Ich schämete
mich so sehr.
Endlich war mein Schluß, vor allen Dingen meines Schwehrvaters
Freundschaft wieder zu gewinnen und mich im übrigen gegen jedermann an
zu lassen, als ob mir nichts Übles widerfahren sei.
In solchen Gedanken ließ ich mir früh tagen und schickte am allerersten
nach meinem Schwager, hielt ihm kurz vor, wie nahe ich ihm verwandt
worden, und ersuchte ihn, er wolle seine Liebste kommen lassen, um
etwas ausrichten zu helfen, damit ich den Leuten auch bei meiner
Hochzeit zu essen geben könnte, er aber wolle belieben unsere Schwehr
und Schwieger meinetwegen zu begütigen.
Ich verfügte mich zum Kommandanten, dem erzählte ich mit einer
kurzweiligen und artlichen Manier, was ich und mein Schwehrvater vor
eine neue Mode angefangen hätten, Hochzeit zu machen, welche Gattung
so geschwind zugehe, daß ich in einer Stunde die Heiratsabrede,
den Kirchgang und die Hochzeit auf einmal vollzogen. Weil nun mein
Schwehrvater die Morgensuppe gesparet hätte, wäre ich bedacht, anstatt
deren, ehrlichen Leuten von der Specksuppen mit zu teilen, zu der ich
untertänig einlade. Der Kommandant wollte sich meines lustigen Vortrags
schier zu Stücken lachen. Er fragte mich, wie es mit der Heurats-Notul
beschaffen wäre, und wie viel mir mein Schwehrvater Füchse, deren der
alte Schabhals viel hätte, zum Heiratgut gebe. Ich antwortete, daß
unsere Heiratsabrede nur in einem Punkt bestünde, der laute, daß ich
und seine Tochter sich in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr sollten
sehen lassen, dieweil aber weder Zeugen noch Notarien dabeigewesen,
hoffte ich, es solle wieder revociert werden.
Mit solchen Schwänken, deren man an mir diesorts nicht gewohnt war,
erhielt ich, daß der Kommandant samt meinem Schwehrvater, welchen er
hiezu wohl persuadieren wollte, bei meiner Specksuppe zu erscheinen
versprach. Er schickte auch gleich ein Faß Wein und einen Hirsch in
meine Küchen. Ich aber ließ dergestalt zurichten, als ob ich Fürsten
hätte tractieren wollen, brachte auch eine ansehnliche Gesellschaft
zuwege, die sich nicht allein miteinander recht lustig machten,
sondern auch vor allen Dingen meinen Schwehrvater und die Schwieger
mit mir und meinem Weibe versöhneten, daß sie uns mehr Glückes
wünschten, als sie uns die vorige Nacht fluchten. In der ganzen Stadt
aber ward ausgesprengt, daß unsere Copulation mit Fleiß auf so fremde
Art wäre angestellt worden, damit uns beiden kein Posse von bößen
Leuten widerfahre. Mir war diese Hochzeit trefflich gesund, dann wann
ich gemeinem Brauch nach über der Kanzel hätte abgeworfen werden
sollen, so hätten sich besorglich Schleppsäcke gefunden, die mir ein
verhinderliches Gewirr drein zu machen unterstanden.
Den andern Tag traktierte mein Schwehrvater meine Hochzeitsgäste, aber
bei weitem nicht so wohl als ich. Da ward erst mit mir geredet, was
ich vor eine Hantierung treiben und wie ich die Haushaltung anstellen
wollte, und ich merkte, daß ich meine edle Freiheit verloren hatte.
Ich ließ mich dabei gar gehorsamlich an und begehrte zuvor meines
lieben Schwehrvaters, als eines verständigen Kavaliers, Rat. Das lobte
der Kommandant und sagte: »Dieweil Er ein junger, frischer Soldat ist,
so wäre es eine große Torheit mitten in jetzigen Kriegsläuften ein
anderes, als das Soldatenhandwerk zu treiben. Was mich anbelanget, so
will ich Ihm ein Fähnlein geben, wann Er will.«
Mein Schweher und ich bedankten uns und ich schlugs nicht mehr aus.
Wiese aber doch dem Kommandanten des Kaufmanns Handschrift, der meinen
Schatz zu Köln in Verwahrung hatte. »Dieses«, sagte ich, »muß ich
zuvor holen, ehe ich schwedische Dienste nehme, dann sollte man gewahr
werden, daß ich dem Gegenteil diene, so werden sie mir zu Köln die
Feige weisen und das Meinige behalten.«
Sie gaben mir beide recht, ward also zwischen uns dreien abgeredet,
zugesaget und beschlossen, daß ich in wenig Tagen mich nach Köln
begeben und nachgehends ein Fähnlein annehmen sollte.
Der Kommandant versahe sich auf den künftigen Frühling einer Belägerung
und bewarb sich dahero um gute Soldaten, sintemal der Graf von Götz
damalen mit vielen kaiserlichen Soldaten in Westfalen lag.