Das zehent Kapitel

Gegen meinem Quartier über wohnete ein reformierter Obrist-Leutenant,

der hatte eine überaus schöne Tochter, die sich ganz adelig trug. Ich

hätte längst gern Kundschaft mit ihr gemachet, unangesehen, daß ich

sie anfänglich allein zu lieben und auf ewig zu haben begehrete. Ich

schenkte ihr manchen Gang und noch viel mehr liebreicher Blicke. Sie

ward mir aber so fleißig verhütet, daß ich kein einzig Mal mit ihr

reden konnte. So unverschämt dorfte ich auch nicht hineinplatzen, weil

ich mit ihren Eltern keine Kundschaft hatte und mir der Ort vor einen

Kerl von so geringem Herkommen, als mir das meinige bewußt war, viel

zu hoch vorkam. Am allernächsten gelangte ich zu ihr, wann wir etwan

in oder aus der Kirche gingen. Da nahm ich dann die Zeit so fleißig in

Acht, mich ihr zu nähern, daß ich oft ein paar Seufzer anbrachte, was

ich meisterlich konnte, obzwar sie alle aus falschem Herzen gingen.

Hingegen nahm sie solche so kaltsinnig an, daß ich mir einbilden mußte,

sie werde sich nicht so leicht wie eine Bürgerstochter verführen

lassen. Indem wurden meine Begierden nach ihr nur desto heftiger.

Der Stern, den die Schüler zu Hl. Dreikönig umtragen, ist es gewesen,

der mir in ihre Wohnung geleuchtet, da ihr Vater selbst nach mir

schickte.

»Monsieur,« sagte er zu mir, »seine Neutralität zwischen Bürgern und

Soldaten ist eine Ursache, daß ich Ihn habe zu mir bitten lassen. Ich

will zwischen beiden Teilen eine Sache ins Werk richten, die eines

unparteiischen Zeugen bedarf.«

Ich vermeinete, er hätte was Wundergroßes im Sinn, weil Schreibzeug und

Papier auf dem Tisch lag, bot ihm derowegen mit sondern Komplimenten

meine bereitwilligsten Dienste an, daß ich mirs nämlich vor eine große

Ehre halten würde, wann ich so glücklich sei, ihm beliebige Dienste zu

leisten. Es war aber nichts andres als ein Dreikönigsfest zu machen.

Dabei sollte ich zusehen, daß es recht zuginge, wie die Ämter ohn

Ansehung der Personen durch das Los ausgeteilet würden. Zu diesem

Geschäft, bei welchem des Obristen ~Secretarius~ auch war, ließ der

Obrist-Leutenant Wein und Konfekt bringen, weil er ein trefflicher

Zechbruder und es ohn das nach dem Nachtessen war. Der ~Secretarius~

schrieb, ich las die Namen und die Jungfer zog die Zettel, ihre Eltern

aber sahen zu. Sie beklagten sich über die langen Winternächte und

gaben mir zu verstehen, daß ich, solche desto leichter zu passieren,

wohl zu ihnen zu Licht kommen dörfte.

So fing ich wieder auf ein Neues an mit der Leimstangen zu laufen und

am Narrenseil zu ziehen, also, daß sich beide: die Jungfrau und ihre

Eltern einbilden mußten, ich hätte den Angel geschluckt, wiewohl mirs

nicht halber Ernst war. Ich stellete Buhlenbrieflein an meine Liebste,

eben als ob ich hundert Meilwegs von ihr gewohnet hätte oder in viel

Jahren erst zu ihr könne. Zuletzt machte ich mich gar zutätig, weil

mir meine Löffelei nicht sonderlich von den Eltern gewehret, sondern

zugemutet ward, ich sollte ihre Tochter auf der Laute lernen schlagen.

Da hatte ich nun meinen freien Zutritt bei Tag sowohl als wie hiebevor

des Abends, also daß ich meinen gewöhnlichen Reimen:

Ich und meine Fledermaus

Fliegen nur bei Nachtzeit aus

änderte und ein frommes Liedlein machte, darin ich mein Glück lobte,

weil es mir auf so manchen guten Abend auch so freudereiche Tage

verliehe, in denen ich in meiner Liebsten Gegenwart meine Augen weiden

und mein Herz um etwas erquicken könnte, hingegen beklagte ich meine

Nächte. Ich sang es meiner Liebsten mit andächtigem Seufzen und einer

lustreizenden Melodei, dabei die Laute das Ihre trefflich tät und

gleichsam die Jungfer mit mir bat, sie wollte doch cooperieren, daß

mir die Nächte so glücklich als die Täge bekommen möchten. Aber ich

bekam ziemlich abschlägige Antwort, dann sie war trefflich klug und

konnte mich auf meine Erfindungen gar höflich beschlagen. Ich nahm

mich gleichwohl in Acht, von der Verehelichung zu schweigen, und wenn

schon discursweis davon geredet ward, stellete ich alle meine Worte auf

Schrauben. Welches meiner Jungfrau verheiratete Schwester bald merkte

und dahero mir und meinem Mägdlein alle Pässe verlegte, dann sie sahe

wohl, daß mich ihre Schwester von Herzen liebete und daß die Sache in

die Länge kein Guttun würde.

Es ist unnötig alle Torheiten meiner Löffelei umständlich zu erzählen.

Genug, zuletzt kam es dahin, daß ich erstlich mein liebes Dingelgen zu

küssen und endlich auch andre Narrenpossen zu tun mich erkühnen dorfte.

Und solchen erwünschten Fortgang verfolgte ich mit allerhand Reizungen,

bis ich bei Nacht von meiner Liebsten eingelassen ward und mich so

hübsch zu ihr ins Bette fügte, als wann ich zu ihr gehöret hätte.

Weil jedermann weiß, wie es bei derlei Kirchweih pfleget gemeiniglich

herzugehen, so dörfte sich wohl der Leser einbilden, ich hätte etwas

Ungebührliches begangen. Jawohl nein! Dann alle meine Gedanken waren

umsonst. Ich fand einen solchen Widerstand, dergleichen ich nimmermehr

bei keinem Weibsbild anzutreffen gewähnet hätte, weil ihr Absehen

einzig und allein auf Ehre und Ehestand gerichtet war. Wenngleich ich

ihr solchen mit den allergrausamsten Flüchen versprach, so wollte sie

doch vor der Copulation kurzum nichts geschehen lassen. Doch gönnete

sie mir auf ihrem Bette neben ihr liegen zu bleiben, auf welchem ich

auch ganz ermüdet vor Unmut sanft einschlummerte.

Ich ward aber gar ungestüm aufgeweckt. Dann morgens um vier Uhr stund

der Obrist-Leutenant vorm Bette mit einer Pistole in der einen und

einer Fackel in der andern Hand.

»Krabat,« schrie er überlaut seinem Diener zu, der auch mit einem

bloßen Säbel bei ihm stund, »geschwind, Krabat, hole den Pfaffen!«

Wovon ich dann erwachte.

O weh, gedachte ich, du sollst gewiß zuvor beichten, eh er dir den

Rest gibet! Es ward mir ganz grün und gelb vor den Augen und ich wußte

nicht, ob ich sie recht auftun sollte oder nicht.

»Du leichtfertiger Geselle,« schrie er mich an, »soll ich dich finden,

daß du mein Haus schändest! Tät ich dir unrecht, wenn ich dir und

dieser Vettel den Hals bräche? Ach, du Bestia, wie kann ich mich doch

nur enthalten, daß ich dir nicht das Herz aus dem Leib herausreiße und

den Hunden vorwerfe!«

Dabei biß er die Zähne zusammen und verkehrte die Augen als wie ein

unsinnig Tier.

Ich wußte nicht, was ich sollte, und meine liebe Beischläferin konnte

nichts als weinen. Endlich, da ich mich ein wenig erholete, wollte ich

etwas von unserer Unschuld vorbringen, er aber hieß mich das Maul

halten. Indessen war seine Frau auch darzu gekommen, die fing eine

nagelneue Predigt an, also daß ich wünschte, ich läge irgends in einer

Dornhecke. Sie hätte auch in zweien Stunden nicht aufgehört, wann der

Krabat mit dem Pfarrer nicht gekommen wäre.

Wohl hatte ich, eh dieser ankam, etlichmal aufzustehen unterstanden,

aber der Obrist-Leutenant machte mich unter bedrohlichen Mienen liegen

bleiben, also daß ich erfahren mußte, wie gar keine Courage ein

Kerl hat, der auf einer bösen Tat ertappt wird, und wie einem Dieb

ums Herz wird, den man erwischt, wann er eingebrochen, obgleich er

noch nichts gestohlen hat. Ich gedenke der lieben Zeit, wann mir der

Obrist-Leutenant samt zwei solchen Kroaten aufgestoßen wäre, daß ich

sie alle drei zu jagen unterstanden. Aber jetzt lag ich da wie ein

Bernheuter und hatte nicht das Herz nur das Maul, geschweige die Fäuste

recht auf zu tun.

»Sehet, Herr Pfarrer das schöne Spektakul, zu welchen ich Euch zum

Zeugen meiner Schande berufen muß.«

Und kaum hatte er diese Worte vorgebracht, so fing er wieder an zu

wüten und das Tausendste ins Hundertste zu werfen, daß ich nichts

anderes als vom Halsbrechen und Hände in meinem Blut waschen verstehen

konnte. Er schaumete ums Maul wie ein Eber und stellete sich also, daß

ich alle Augenblicke gedachte, jetzt jagt er dir eine Kugel durch den

Kopf.

Der Pfarrer aber wehrete mit Händen und Füßen, daß kein Totschlag

geschehe, so ihn hernach reuen möchte.

»Was? Herr Obrist-Leutenant, brauchet Euere hohe Vernunft und bedenkt

das Sprüchwort, daß man zu geschehenen Dingen das beste reden soll.

Dies schöne junge Paar, das seinesgleichen schwerlich im Lande hat, ist

nicht das erste und nicht das letzte, so sich von den unüberwindlichen

Kräften der Liebe hat meistern lassen. Dieser Fehler, da es anders ein

Fehler zu nennen, den sie beide begangen, kann auch durch sie wieder

leichtlich gebessert werden. Zwar lobe ichs nicht, sich auf diese Art

zu verehelichen, aber gleichwohl hat dieses junge Paar hiedurch weder

Galgen noch Rad verdient. Es ist auch keine Schande zu erwarten, wann

der Herr Obrist-Leutenant seinen Consens zu beider Verehelichung geben

und diese Ehe durch den gewöhnlichen Kirchgang öffentlich bestätigen

lassen wird.«

»Was! Ich wollte sie ehe morgenden Tags beide zusammen binden und in

der Lippe ertränken lassen! In diesem Augenblick müssen sie copuliert

sein! Deswegen habe ich Euch holen lassen!«

Ich dachte, was willtu tun -- es heißt: Vogel friß oder stirb. Zudem

ist sie eine solche Jungfrau, deren du dich nicht schämen darfst. Doch

schwur ich und bezeugte hoch und teuer, daß wir nichts Unehrliches

miteinander zu schaffen gehabt hätten.

Hierauf wurden wir von gemeldtem Pfarrer im Bette sitzend

zusammengegeben und, nachdem dies geschehen, aufzustehen und

miteinander aus dem Haus zu gehen gemüßiget.

Unter der Tür sagte der Obrist-Leutenant zu mir und seiner Tochter,

wir sollten uns in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr sehen lassen.

Ich aber, da ich den Degen an meiner Seite hatte, antwortete gleichsam

im Scherz: »Ich weiß nicht, Herr Schwehrvater, warum Er alles so

Widersinns anstellet! Wann andre neue Eheleute copuliert werden, so

führen sie die nächsten Verwandten schlafen. Er aber jaget mich nach

der Copulation nicht allein aus dem Bette, sondern auch aus dem Haus.

Und anstatt des Glücks, das Er mir in Ehestand wünschen sollte, will Er

mich nicht so glückselig wissen, meines Schwehers Angesicht zu sehen

und Ihm zu dienen. Wahrlich, wann dieser Brauch aufkommen sollte,

so würden die Verehelichungen wenig Freundschaft mehr in der Welt

stiften!« --

Die Leute in meinem Losament verwunderten sich alle, da ich diese

Jungfrau mit mir heimbrachte, und noch viel mehr da sie sahen, daß ich

so ungescheut mit ihr schlafen ging. Dann obzwar mir dieser Posse, so

mir widerfahren, grandige Grillen in Kopf brachte, so war ich doch

so närrisch nicht, meine Braut zu verschmähen. So hatte ich zwar die

Liebste im Arm, hingegen aber tausenderlei Gedanken, wie ich meine

Sache heben und legen wollte. Zuweilen vermeinete ich, es wäre mir der

allergrößte Schimpf widerfahren, welchen ich ohn billige Rache mit

Ehren nicht verschmerzen könnte, wann ich aber besann, daß solche Rache

wider meinen Schwehrvater und also auch wider meine unschuldige, fromme

Liebste laufen müßte, fielen alle meine Anschläge dahin. Ich schämete

mich so sehr.

Endlich war mein Schluß, vor allen Dingen meines Schwehrvaters

Freundschaft wieder zu gewinnen und mich im übrigen gegen jedermann an

zu lassen, als ob mir nichts Übles widerfahren sei.

In solchen Gedanken ließ ich mir früh tagen und schickte am allerersten

nach meinem Schwager, hielt ihm kurz vor, wie nahe ich ihm verwandt

worden, und ersuchte ihn, er wolle seine Liebste kommen lassen, um

etwas ausrichten zu helfen, damit ich den Leuten auch bei meiner

Hochzeit zu essen geben könnte, er aber wolle belieben unsere Schwehr

und Schwieger meinetwegen zu begütigen.

Ich verfügte mich zum Kommandanten, dem erzählte ich mit einer

kurzweiligen und artlichen Manier, was ich und mein Schwehrvater vor

eine neue Mode angefangen hätten, Hochzeit zu machen, welche Gattung

so geschwind zugehe, daß ich in einer Stunde die Heiratsabrede,

den Kirchgang und die Hochzeit auf einmal vollzogen. Weil nun mein

Schwehrvater die Morgensuppe gesparet hätte, wäre ich bedacht, anstatt

deren, ehrlichen Leuten von der Specksuppen mit zu teilen, zu der ich

untertänig einlade. Der Kommandant wollte sich meines lustigen Vortrags

schier zu Stücken lachen. Er fragte mich, wie es mit der Heurats-Notul

beschaffen wäre, und wie viel mir mein Schwehrvater Füchse, deren der

alte Schabhals viel hätte, zum Heiratgut gebe. Ich antwortete, daß

unsere Heiratsabrede nur in einem Punkt bestünde, der laute, daß ich

und seine Tochter sich in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr sollten

sehen lassen, dieweil aber weder Zeugen noch Notarien dabeigewesen,

hoffte ich, es solle wieder revociert werden.

Mit solchen Schwänken, deren man an mir diesorts nicht gewohnt war,

erhielt ich, daß der Kommandant samt meinem Schwehrvater, welchen er

hiezu wohl persuadieren wollte, bei meiner Specksuppe zu erscheinen

versprach. Er schickte auch gleich ein Faß Wein und einen Hirsch in

meine Küchen. Ich aber ließ dergestalt zurichten, als ob ich Fürsten

hätte tractieren wollen, brachte auch eine ansehnliche Gesellschaft

zuwege, die sich nicht allein miteinander recht lustig machten,

sondern auch vor allen Dingen meinen Schwehrvater und die Schwieger

mit mir und meinem Weibe versöhneten, daß sie uns mehr Glückes

wünschten, als sie uns die vorige Nacht fluchten. In der ganzen Stadt

aber ward ausgesprengt, daß unsere Copulation mit Fleiß auf so fremde

Art wäre angestellt worden, damit uns beiden kein Posse von bößen

Leuten widerfahre. Mir war diese Hochzeit trefflich gesund, dann wann

ich gemeinem Brauch nach über der Kanzel hätte abgeworfen werden

sollen, so hätten sich besorglich Schleppsäcke gefunden, die mir ein

verhinderliches Gewirr drein zu machen unterstanden.

Den andern Tag traktierte mein Schwehrvater meine Hochzeitsgäste, aber

bei weitem nicht so wohl als ich. Da ward erst mit mir geredet, was

ich vor eine Hantierung treiben und wie ich die Haushaltung anstellen

wollte, und ich merkte, daß ich meine edle Freiheit verloren hatte.

Ich ließ mich dabei gar gehorsamlich an und begehrte zuvor meines

lieben Schwehrvaters, als eines verständigen Kavaliers, Rat. Das lobte

der Kommandant und sagte: »Dieweil Er ein junger, frischer Soldat ist,

so wäre es eine große Torheit mitten in jetzigen Kriegsläuften ein

anderes, als das Soldatenhandwerk zu treiben. Was mich anbelanget, so

will ich Ihm ein Fähnlein geben, wann Er will.«

Mein Schweher und ich bedankten uns und ich schlugs nicht mehr aus.

Wiese aber doch dem Kommandanten des Kaufmanns Handschrift, der meinen

Schatz zu Köln in Verwahrung hatte. »Dieses«, sagte ich, »muß ich

zuvor holen, ehe ich schwedische Dienste nehme, dann sollte man gewahr

werden, daß ich dem Gegenteil diene, so werden sie mir zu Köln die

Feige weisen und das Meinige behalten.«

Sie gaben mir beide recht, ward also zwischen uns dreien abgeredet,

zugesaget und beschlossen, daß ich in wenig Tagen mich nach Köln

begeben und nachgehends ein Fähnlein annehmen sollte.

Der Kommandant versahe sich auf den künftigen Frühling einer Belägerung

und bewarb sich dahero um gute Soldaten, sintemal der Graf von Götz

damalen mit vielen kaiserlichen Soldaten in Westfalen lag.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 50 / 78 题