Ich ging oft zum ältesten Pfarrer und brachte ich ihm ein Buch zurück,
so diskutierete er von allerhand Sachen mit mir. Wir accomodierten
uns so miteinander, daß einer den andern gern leiden mochte. Als nun
nicht nur die Martinsgans hin und wider und alle Metzelsuppen sondern
auch die heiligen Weihnachtsfeiertäge vorbei waren, verehrete ich ihm
eine Flaschen voll Straßburger Branntewein zum Neuen Jahr, welchen er
dem westfälischen Gebrauch nach mit Kandelzucker gern einläpperte.
Darauf besuchete ich ihn und er machte mich zu ihm sitzen, lobte
den Branntewein und kam nach einigem Hin und Wider auf obgemeldten
Umstand, nämlich daß ich in geistlichen Dingen merklich nachlasse. Ich
entschuldiget mich mit der edlen Musik und der Büchsenmeistereikunst.
Er aber antwortete: »Ja, ja, das glaube ich gern. Aber Er versichere
sich, daß ich mehr von Ihm weiß, als Er sich einbildet.«
Ich erschrak, da ich diese Worte hörete, und dachte, hat dir's St.
Velten gesagt. Und weil er sahe, daß ich meine Farbe änderte, fuhr er
ferner fort: »Der Herr ist frisch und jung, Er ist müßig und schön, Er
lebet ohn Sorge und wie ich vernehme, in allem Überfluß, darum bitte
und vermahne ich Ihn im Herrn, daß Er bedenken wolle, in was vor einem
gefährlichen Stand Er sich befindet. Er hüte sich vor dem Tier, das
Zöpfe hat, will Er anders Sein Glück und Heil beobachten. Der Herr
möchte zwar bedenken, was geht's dem Pfaffen an -- (ich gedachte,
du hast es erraten) -- oder was hat er mir zu befehlen! Herr, seid
versichert, daß mir Euere, als meines Guttäters, zeitliche Wohlfahrt
aus christlicher Liebe hoch angelegen ist. Ihr habet Talente, leget
doch Euere Jugend und Euere Mittel, die Ihr hier unnütz verschwendet,
zu ernsten Studien an, damit Ihr heut oder morgen beides: Gott und den
Menschen und Euch selbst bedient sein könnet. Lasset das Kriegswesen,
eh Ihr eine Schlappe davontraget, dann: Junge Soldaten, alte Bettler.«
Ich hörete die Sentenz mit großer Ungeduld, jedoch stellete ich mich
viel anders, als mir ums Herz war, damit ich mein Lob, daß ich ein
feiner Mensch wäre, nicht verliere, bedankte mich zumal auch sehr vor
seine erwiesene Treuherzigkeit und versprach, mich auf sein Einraten
zu bedenken. Allein ich war des Zaumes und der Sporen der Tugenden
entwohnet und wollte nunmehr gekostete Liebe-Wollüste nicht mehr
entbehren.
Jedoch so gar ersoffen in den Leidenschaften und so dumm war ich
nicht, daß ich nicht gedacht hätte, jedermanns Freundschaft zu
behalten, solange ich in der Festung zu bleiben willens war. Ich
erkannte auch wohl, was es einem vor Unrat bringen konnte, wann er der
Geistlichen Haß hätte, als welche Leute einen großen Kredit haben.
Derowegen nahm ich meinen Kopf zwischen die Ohren und trat gleich den
andern Tag wieder auf frischem Fuß zu obgedachten Pfarrer und log
ihm mit gelehrten Worten einen solchen Haufen daher, was gestalten
ich mich resolvieret hätte, ihm zu folgen, daß er sich sichtbarlich
darüber freuete. Mir hätte seithero auch schon in Soest ein solcher
englischer Ratgeber gemangelt, wann nur der Winter bald vorüber, daß
ich fortreisen könnte. Bat ihn darneben, er wollte mir doch ferner mit
gutem Rat beförderlich sein, auf welche Universität ich mich begeben
sollte. Er antwortete, was ihn anbelange, so hätte er in Leyden
studieret, mir aber wollte er nach Genf geraten haben, weil ich ein
Hochdeutscher wäre.
»Jesus Maria,« rief ich, »Genf ist weiter von meiner Heimat als Leyden!«
»Was vernehme ich,« sagte er hierauf mit großer Bestürzung, »ich
höre wohl, der Herr ist ein Papist! O mein Gott, wie finde ich mich
betrogen!«
»Wieso, wieso, Herr Pfarrer? Weil ich nicht nach Genf will?«
»O nein, weil Er Mariam anrufet!«
»Sollte es einem Christen nicht gebühren, die Mutter seines Erlösers zu
nennen?«
»Das wohl, aber ich vermahne und bitte Ihn so hoch als ich kann,
Er wolle Gott die Ehre geben und mir gestehen, welcher Religion Er
beigetan sei, dann ich zweifle sehr, daß Er dem Evangelio glaube.«
»Der Herr Pfarrer höret ja wohl, daß ich ein Christ bin. Im übrigen
gestehe ich, daß ich weder petrisch noch paulisch, sondern allein
~simpliciter~ glaube, was die zwölf Artikul des allgemeinen, heiligen,
christlichen Glaubens in sich halten. Ich werde mich auch zu keinem
Teil vollkommen verpflichten, bis mich einer durch genugsame Erweisung
persuadieret zu glauben, daß er vor den andern die rechte, wahre und
allein seligmachende Religion habe.«
»Jetzt glaube ich erst recht, daß Er ein kühnes Soldatenherz habe, sein
Leben dran zu wagen, weil Er gleichsam ohn Religion und Gottesdienst
auf den alten Kaiser hinein dahinleben und frevelhaftig seine Seligkeit
in die Schanze schlagen darf. Mein Gott, wie kann ein sterblicher
Mensch immermehr so keck sein!«
»Herr Pfarrer, es sagen alle von ihrer Religion, daß sie die rechte
sei und deren Fundamente sowohl in Natur als in der heiligen Schrift
sonnenklar am Tage liegen. Welchem soll ich aber glauben? Vermeinet
der Herr, es sei so ein Gerings, wann ich einem Teil, den die andern
alle lästern und einer falschen Lehre bezüchtigen, meiner Seelen
Seligkeit anvertraue? Er sehe doch mit unparteiischen Augen, was
Konrad Vetter und Johannes Nas wider Lutherum, und hingegen Luther
und die Seinigen wider den Papst, sonderlich aber Spangenberg wider
~Franciscum~, der etliche hundert Jahr vor einen heiligen und
gottseligen Mann gegolten, in offenem Druck ausgehen lassen. Zu welchem
Teil soll ich mich dann tun, wann je eins das ander ausschreiet, als
sei kein gut Haar an ihm? Sollte mir wohl jemand raten, hineinzuplumpen
wie eine Fliege in den heißen Brei? O nein, das wird der Herr Pfarrer
verhoffentlicht mit gutem Gewissen nicht tun können! Ich will lieber
gar von der Straßen bleiben, als nur irr laufen. Zudem sein noch mehr
Religionen, dann die in Europa, als die Armenier, Abessinier, Griechen,
Gregorianer und dergleichen. Was ich vor eine davon annehme, so muß ich
mit meinen Religionsgenossen den andern allen widersprechen.«
Darauf sagte er: »Der Herr steckt in großem Irrtum, aber ich hoffe zu
Gott, er werde Ihm aus dem Schlamm helfen, zu welchem Ende ich Ihm dann
unsere Confession ins Künftige dergestalt aus der heiligen Schrift
bewähren will, daß sie auch wider die Pforten der Hölle bestehen
sollte.«
Ich antwortete, dessen würde ich mit großem Verlangen gewärtig sein,
gedachte aber bei mir selber, wann du mir nur nichts mehr von meinen
Liebgen vorhältst, so bin ich mit deinem Glauben wohl zufrieden, und
bis du mit deinen Beweistümern fertig bist, so bin ich vielleicht, wo
der Pfeffer wächst.