Das neunte Kapitel

Ich ging oft zum ältesten Pfarrer und brachte ich ihm ein Buch zurück,

so diskutierete er von allerhand Sachen mit mir. Wir accomodierten

uns so miteinander, daß einer den andern gern leiden mochte. Als nun

nicht nur die Martinsgans hin und wider und alle Metzelsuppen sondern

auch die heiligen Weihnachtsfeiertäge vorbei waren, verehrete ich ihm

eine Flaschen voll Straßburger Branntewein zum Neuen Jahr, welchen er

dem westfälischen Gebrauch nach mit Kandelzucker gern einläpperte.

Darauf besuchete ich ihn und er machte mich zu ihm sitzen, lobte

den Branntewein und kam nach einigem Hin und Wider auf obgemeldten

Umstand, nämlich daß ich in geistlichen Dingen merklich nachlasse. Ich

entschuldiget mich mit der edlen Musik und der Büchsenmeistereikunst.

Er aber antwortete: »Ja, ja, das glaube ich gern. Aber Er versichere

sich, daß ich mehr von Ihm weiß, als Er sich einbildet.«

Ich erschrak, da ich diese Worte hörete, und dachte, hat dir's St.

Velten gesagt. Und weil er sahe, daß ich meine Farbe änderte, fuhr er

ferner fort: »Der Herr ist frisch und jung, Er ist müßig und schön, Er

lebet ohn Sorge und wie ich vernehme, in allem Überfluß, darum bitte

und vermahne ich Ihn im Herrn, daß Er bedenken wolle, in was vor einem

gefährlichen Stand Er sich befindet. Er hüte sich vor dem Tier, das

Zöpfe hat, will Er anders Sein Glück und Heil beobachten. Der Herr

möchte zwar bedenken, was geht's dem Pfaffen an -- (ich gedachte,

du hast es erraten) -- oder was hat er mir zu befehlen! Herr, seid

versichert, daß mir Euere, als meines Guttäters, zeitliche Wohlfahrt

aus christlicher Liebe hoch angelegen ist. Ihr habet Talente, leget

doch Euere Jugend und Euere Mittel, die Ihr hier unnütz verschwendet,

zu ernsten Studien an, damit Ihr heut oder morgen beides: Gott und den

Menschen und Euch selbst bedient sein könnet. Lasset das Kriegswesen,

eh Ihr eine Schlappe davontraget, dann: Junge Soldaten, alte Bettler.«

Ich hörete die Sentenz mit großer Ungeduld, jedoch stellete ich mich

viel anders, als mir ums Herz war, damit ich mein Lob, daß ich ein

feiner Mensch wäre, nicht verliere, bedankte mich zumal auch sehr vor

seine erwiesene Treuherzigkeit und versprach, mich auf sein Einraten

zu bedenken. Allein ich war des Zaumes und der Sporen der Tugenden

entwohnet und wollte nunmehr gekostete Liebe-Wollüste nicht mehr

entbehren.

Jedoch so gar ersoffen in den Leidenschaften und so dumm war ich

nicht, daß ich nicht gedacht hätte, jedermanns Freundschaft zu

behalten, solange ich in der Festung zu bleiben willens war. Ich

erkannte auch wohl, was es einem vor Unrat bringen konnte, wann er der

Geistlichen Haß hätte, als welche Leute einen großen Kredit haben.

Derowegen nahm ich meinen Kopf zwischen die Ohren und trat gleich den

andern Tag wieder auf frischem Fuß zu obgedachten Pfarrer und log

ihm mit gelehrten Worten einen solchen Haufen daher, was gestalten

ich mich resolvieret hätte, ihm zu folgen, daß er sich sichtbarlich

darüber freuete. Mir hätte seithero auch schon in Soest ein solcher

englischer Ratgeber gemangelt, wann nur der Winter bald vorüber, daß

ich fortreisen könnte. Bat ihn darneben, er wollte mir doch ferner mit

gutem Rat beförderlich sein, auf welche Universität ich mich begeben

sollte. Er antwortete, was ihn anbelange, so hätte er in Leyden

studieret, mir aber wollte er nach Genf geraten haben, weil ich ein

Hochdeutscher wäre.

»Jesus Maria,« rief ich, »Genf ist weiter von meiner Heimat als Leyden!«

»Was vernehme ich,« sagte er hierauf mit großer Bestürzung, »ich

höre wohl, der Herr ist ein Papist! O mein Gott, wie finde ich mich

betrogen!«

»Wieso, wieso, Herr Pfarrer? Weil ich nicht nach Genf will?«

»O nein, weil Er Mariam anrufet!«

»Sollte es einem Christen nicht gebühren, die Mutter seines Erlösers zu

nennen?«

»Das wohl, aber ich vermahne und bitte Ihn so hoch als ich kann,

Er wolle Gott die Ehre geben und mir gestehen, welcher Religion Er

beigetan sei, dann ich zweifle sehr, daß Er dem Evangelio glaube.«

»Der Herr Pfarrer höret ja wohl, daß ich ein Christ bin. Im übrigen

gestehe ich, daß ich weder petrisch noch paulisch, sondern allein

~simpliciter~ glaube, was die zwölf Artikul des allgemeinen, heiligen,

christlichen Glaubens in sich halten. Ich werde mich auch zu keinem

Teil vollkommen verpflichten, bis mich einer durch genugsame Erweisung

persuadieret zu glauben, daß er vor den andern die rechte, wahre und

allein seligmachende Religion habe.«

»Jetzt glaube ich erst recht, daß Er ein kühnes Soldatenherz habe, sein

Leben dran zu wagen, weil Er gleichsam ohn Religion und Gottesdienst

auf den alten Kaiser hinein dahinleben und frevelhaftig seine Seligkeit

in die Schanze schlagen darf. Mein Gott, wie kann ein sterblicher

Mensch immermehr so keck sein!«

»Herr Pfarrer, es sagen alle von ihrer Religion, daß sie die rechte

sei und deren Fundamente sowohl in Natur als in der heiligen Schrift

sonnenklar am Tage liegen. Welchem soll ich aber glauben? Vermeinet

der Herr, es sei so ein Gerings, wann ich einem Teil, den die andern

alle lästern und einer falschen Lehre bezüchtigen, meiner Seelen

Seligkeit anvertraue? Er sehe doch mit unparteiischen Augen, was

Konrad Vetter und Johannes Nas wider Lutherum, und hingegen Luther

und die Seinigen wider den Papst, sonderlich aber Spangenberg wider

~Franciscum~, der etliche hundert Jahr vor einen heiligen und

gottseligen Mann gegolten, in offenem Druck ausgehen lassen. Zu welchem

Teil soll ich mich dann tun, wann je eins das ander ausschreiet, als

sei kein gut Haar an ihm? Sollte mir wohl jemand raten, hineinzuplumpen

wie eine Fliege in den heißen Brei? O nein, das wird der Herr Pfarrer

verhoffentlicht mit gutem Gewissen nicht tun können! Ich will lieber

gar von der Straßen bleiben, als nur irr laufen. Zudem sein noch mehr

Religionen, dann die in Europa, als die Armenier, Abessinier, Griechen,

Gregorianer und dergleichen. Was ich vor eine davon annehme, so muß ich

mit meinen Religionsgenossen den andern allen widersprechen.«

Darauf sagte er: »Der Herr steckt in großem Irrtum, aber ich hoffe zu

Gott, er werde Ihm aus dem Schlamm helfen, zu welchem Ende ich Ihm dann

unsere Confession ins Künftige dergestalt aus der heiligen Schrift

bewähren will, daß sie auch wider die Pforten der Hölle bestehen

sollte.«

Ich antwortete, dessen würde ich mit großem Verlangen gewärtig sein,

gedachte aber bei mir selber, wann du mir nur nichts mehr von meinen

Liebgen vorhältst, so bin ich mit deinem Glauben wohl zufrieden, und

bis du mit deinen Beweistümern fertig bist, so bin ich vielleicht, wo

der Pfeffer wächst.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 49 / 78 题