Das achte Kapitel

Ich hatte in Soest einen Knecht, der war mir über alle Maßen getreu,

weil ich ihm viel Gutes tät. Dahero sattelte er meine Pferde und ritt

dem Trommelschlager, der mich abholen sollte, ein gut Stück Weges

von Soest entgegen. Er begegnete ihm mit den Gefangenen und hatte

mein bestes Kleid aufgepackt, dann er vermeinete, ich wäre ausgezogen

worden. Da er mich aber nicht sahe, sondern vernahm, daß ich bei dem

Gegenteil Dienste anzunehmen aufgehalten werde, gab er den Pferden die

Sporen und sagte: »Adieu Tampour und Ihr, Korporal, wo mein Herr ist,

da will ich auch sein.«

Ging also durch und kam zu mir, eben als mich der Kommandant ledig

gesprochen hatte und mir große Ehre antät. Der priese mich glücklich,

wegen meines Knechtes Treue, verwunderte sich auch, daß ein so junger

Kerl wie ich, so schöne Pferde vermögen und so wohl montiert sein

sollte. Lobte auch das eine Pferd so trefflich, daß ich gleich merkte,

er hätte mirs gerne abgekauft. Weil er es mir aber aus ~Discretion~

nicht feil machte, sagte ich, wann ich die Ehre begehren dörfte, daß

ers von meinetwegen behalten wollte, so stünde es zu seinen Diensten.

Er schlugs aber rund ab, dieweil ich einen ziemlichen Rausch hatte, und

er die Nachrede scheute, daß er einem Trunkenen etwas abgeschwätzt, so

dem vielleicht nüchtern reuen möchte, also daß er des edlen Pferdes

gern gemangelt.

Des Morgens frühe anatomierte ich meinen Sattel und ließ mein bestes

Pferd vor des Obristen Quartier bringen. Ich sagte ihm, er wolle

belieben gegenwärtigen Soldatenklepper einen Platz unter den seinigen

zu gönnen, indem mir mein Pferd allhier nichts nütz, und solches von

mir als Zeichen dankbarer Erkanntnus vor empfangene Gnaden unschwer

annehmen. Der Obrister bedankte sich mit großer Höflichkeit und

sehr courtoisen Offerten, schickte mir auch denselbigen Nachmittag

seinen Hofmeister mit einem gemästeten lebendigen Ochsen, zwei fetten

Schweinen, einer Tonne Wein, vier Tonnen Bier, zwölf Fuder Brennholz,

welches er mir vor mein neu Losament, das mir mein Knecht erkundet und

ich auf ein Halbjahr bestellet hatte, bringen und sagen ließ, weil er

sich leicht einbilden könnte, es sei im Anfang vor mich mit Viktualien

schlecht bestellet, so schicke er mir zur Haussteuer eben einen Trunk,

ein Stück Fleisch mitsamt dem Kochholz. Ich bedankte mich so höflich

als ich konnte, verehrete dem Hofmeister zwo Dukaten und bat ihn, mich

seinem Herrn bestens zu rekommendieren.

Ich gedachte mir aber auch durch meinen Knecht bei dem gemeinen Mann

ein gutes Lob zu machen, damit man mich vor keinen kahlen Bernheuter

hielte. Ließ derowegen in Gegenwart meines Hauswirtes meinen Knecht vor

mich kommen, zu demselben sagte ich:

»Lieber Niklas, du hast mir mehr Treue erwiesen, als ein Herr seinem

Knecht zumuten darf, nun aber, da ich selbst keinen Herren habe, daß

ich etwas erobern könnte, dich zu belohnen, so gedenke ich keinen

Knecht mehr zu halten. Ich gebe dir hiemit vor deinen Lohn das andere

Pferd, samt Sattel-Zeug und Pistolen, mit Bitte, du wollest damit

vorlieb nehmen und dir vor diesmal einen andern Herren suchen. Kann ich

dir ins Künftige in etwas bedienet sein, so magst du jederzeit mich

darum ersuchen.«

Hierauf küßte er mir die Hände und konnte vor Weinen schier nicht

reden, wollte auch durchaus das Pferd nicht haben bis ich ihm

versprochen, ihn wieder in Dienst zu nehmen, sobald ich jemand brauche.

Über diesem Abschied ward mein Hausvater so mitleidig, daß ihm auch die

Augen übergingen. Und gleichwie mich mein Knecht bei der Soldateska, so

erhub mich der Hausvater bei der Bürgerschaft mit großem Lob über alle

schwangere Bauren. Der Kommandant aber hielt mich vor einen resoluten

Kerl, daß er auch getraute Schlösser auf meine Parole zu bauen.

Ich glaube es ist kein Mensch in der Welt, der nicht einen Hasen im

Busen habe, dann wir sind ja alle einerlei Gemächts und ich kann bei

meinen Birnen wohl merken, wann andere zeitig sein. »Hui, Geck,« möcht

mir da einer antworten, »wann du ein Narr bist, meinest du darum

andre seien es auch?« -- »Nein, das sage ich nicht, dann es wäre

zuviel geredt, aber dies halte ich davor, daß einer den Narren besser

verbirgt als der ander.« Es ist einer darum kein Narr, wann schon er

närrische Einfälle hat, dann wir haben in der Jugend gemeiniglich alle

dergleichen. Welcher aber seinen Narren hinausläßt, wird vor einen

gehalten, weil teils etliche ihn gar nicht andere aber nur halb sehen

lassen. Welche den ihren gar unterdrücken sein rechte Saurtöpfe. Ich

halte vor die besten und verständigsten Leute, die den Ihren nach Zeit

und Gelegenheit bisweilen ein wenig mit den Ohren fürragen und Atem

schöpfen lassen, damit er nicht gar bei ihnen ersticke. Den Meinen ließ

ich mir zu weit heraus, da ich mich in einem so freien Stand sahe,

maßen ich einen Jungen annahm, den ich als Edelpagen kleidete, und zwar

in die Farben Veigelbraun und Gelb. Derselbe mußte mir aufwarten, als

wann ich ein Freiherr wäre.

Dies war die erste Torheit, die ich in der Stadt beging, sie ward aber

von niemand getadelt. Die Welt ist der Narreteien so voll, daß sie

keiner mehr achtet, noch selbige verlacht oder sich darüber verwundert;

sie ist deren gewohnt.

Ich dingte mich und meinen Jungen bei meinem Hausvater in die Kost und

gab ihm an Bezahlung auf Abschlag, was mir der Kommandant verehret

hatte. Zum Getränk aber mußte mein Jung den Schlüssel haben, weil ich

denen, die mich besuchten, gern davon mitteilete. Sintemalen ich weder

Bürger noch Soldat war, hielt ich mich zu beiden Teilen und bekam

dahero Kameraden genug, die ich ungetränkt nicht bei mir ließ.

Der Stadtorganist, zu dem ich Kundschaft erhielt, lehrete mich, wie

ich komponieren sollte, ~item~ auf dem Instrument besser schlagen, als

auch auf der Harfe; ohn das war ich auf der Lauten ein Meister. Wann

ich dann satt hatte am Musicieren, ließ ich meinen Kürschner kommen,

der mich im Paradeis in allen Gewehren unterwiesen, mit dem exerzierte

ich mich, um noch perfecter zu werden. So erlangete ich auch beim

Kommandanten, daß er mich von einem Constablen die Büchsenmeisterkunst

und etwas mit dem Feuerwerk umzugehen lernte. Im übrigen hielt ich

mich sehr still, also daß sich die Leute verwunderten, weil ich auch

viel über den Büchern saß wie ein Student, da ich doch Raubens und

Blutvergießens gewohnt gewesen.

Mein Hausvater war des Kommandanten Spürhund und mein Hüter, maßen

ich merkte, daß er all mein Tun und Lassen demselben hinterbrachte.

Doch ich gedachte des Kriegswesens kein einziges Mal, und wann man

davon redete, tät ich, als ob ich niemals kein Soldat gewesen. Zwar

wünschte ich, daß meine sechs Monate bald herum wären, es konnte aber

niemand abnehmen, welchem Teil ich alsdann dienen wollte. Sooft ich dem

Obristen aufwartete, behielt er mich bei seiner Tafel, da setzte es

zuweilen solche Diskurse, dadurch mein Vorsatz ausgeholt werden sollte,

ich antwortete aber jederzeit vorsichtig.

»Wie stehet es, Jäger, wollet Ihr noch nicht schwedisch werden? Gestern

ist ein Fähnrich gestorben.«

»Herr Obrister, stehet doch einem Weib wohl an, wann sie nach ihres

Mannes Tod nicht gleich wieder heuratet, warum sollte ich mich dann

nicht sechs Monate gedulden?«

Kriegte gleichwohl des Obristen Gunst je länger, je mehr, so daß er

mich in und außerhalb der Festung herumspatzieren, ja, endlich den

Hasen, Feldhühnern und Vögeln nachstellen ließ. Darum leget ich mir

ein schlicht Jägerkleid bei, in demselben strich ich des Nachts in das

Soestische und holet meine verborgenen Schätze hin und wieder zusammen,

schleppte solche in die Festung und ließ mich an, als ob ich ewig bei

den Schweden wohnen wollte.

Da stieß einmal die Wahrsagerin von Soest zu mir, die mich erkannte.

»Ich versichre dich, es war dein Glück,« sagte sie, »daß du gefangen

worden. Einige Kerle, welche dir den Tod geschworen, weil du ihnen bist

beim Frauenzimmer vorgezogen worden, hätten dich auf der Jagd erwürgt.«

Ich antwortete: »Wie kann jemand mit mir eifern, da ich doch dem

Frauenzimmer nichts nachfrage?«

»Du wirst des Sinnes nicht bleiben, sonst wird dich das Frauenzimmer

mit Spott und Schande zum Lande hinausjagen. Ich schwöre dir, daß sie

dich nur gar zu lieb haben und daß dir solche übermachte Liebe zum

Schaden gereichen wird, wann du dich nicht accommodierst.«

Ich fragte sie, wann sie ja so viel wüßte, so sollte sie mir davon

sagen, wie es mit meinen Eltern stünde und ob ich sie mein Lebtag

wieder zu sehen bekommen würde, sie sollte aber fein deutsch mit der

Sprache heraus.

Darauf sagte sie, ich sollte alsdann nach den Eltern fragen, wann

mir mein Pflegvater unversehens begegnen würde und führete meiner

Säugeammen Tochter am Strick daher. -- Lachte darauf überlaut und

machte sich geschwind von mir.

Ich hatte damals ein schön Stück Geld und viel köstliche Ringe und

Kleinodien beieinander. Solches schriee mich immerzu an, es wollte gar

gern wieder unter die Leute. Ich folgte auch, dann weil ich ziemlich

hoffärtig war, prangte ich mit meinem Gut und ließ solches meinen Wirt

sehen, der bei den Leuten mehr daraus machte, als es war.

Mein Vorsatz, die Büchsenmeisterei und Fechtkunst in diesen sechs

Monaten zu lernen, war gut und ich begriffs auch. Aber es war nicht

genug, mich vor Müßiggang allerdings zu behüten, vornehmlich weil

niemand war, der mir zu gebieten hatte. Ich saß zwar auch emsig über

allerhand Büchern, aus denen ich viel Gutes lernete, es kamen mir aber

auch teils unter die Hände, die mir wie dem Hund das Gras gesegnet

wurden. Die unvergleichliche ~Arcadia~, daraus ich die Wohlredenheit

lernen wollte, war das erste Stück, das mich von den rechten Historien

zu den Liebe-Büchern und von den wahrhaften Geschichten zu den

Heldengedichten zog. Solcherlei Gattung brachte ich zuwege, wo ich

konnte, und wann mir eins zuteil ward, hörete ich nicht auf, bis ichs

durchgelesen und sollte Tag und Nacht darüber gesessen sein. Diese

lerneten mich statt wohlreden mit der Leimstange laufen, doch war

dieser Mangel damals vor mich keine Ursach zu klagen, dann wo meine

Liebe hinfiel, erhielt ich ohn sonderbare Mühe, was ich begehrete,

und ich brauchet nicht wie andere Buhler und Leimstängler voller

phantastischer Gedanken, Begierden, heimlich Leiden, Zorn, Eifer,

Rachgier, Weinen, Protzen und dergleichen tausendfältigen Torheiten

stecken und mir vor Ungeduld den Tod zu wünschen.

Ich hatte Geld und ließ mich dasselbe nicht dauren, überdas eine

gute Stimme, übete mich stetig auf allerhand Instrumenten, wiese die

Geradheit meines Leibes, wann ich mit meinem Kürschner focht. So hatte

ich auch einen trefflich glatten Spiegel und gewöhnte mich zu einer

freundlichen Lieblichkeit, also daß mir das Frauenzimmer von selbst

nachlief.

Um dieselbige Zeit fiel Martini ein, da fängt bei uns Deutschen das

Fressen und Saufen an und währet teils bis in die Fastnacht. Da ward

ich an unterschiedliche Örter, sowohl bei Offizierern als Bürgern, die

Martinsgans verzehren zu helfen, eingeladen. Bei solchen Gelegenheiten

kam ich mit den Frauenzimmern in Kundschaft. Meine Laute und Gesang,

die zwangen eine jede mich anzuschauen, und wann sie mich also

betrachteten, wußte ich zu meinen neuen Buhlenliedern, die ich selber

machte, so anmutige Blicke und Gebärden hervorzubringen, daß sich

manches hübsche Mägdlein darüber vernarrete und mir unversehens hold

ward.

Und damit ich nicht vor einen Hungerleider gehalten wurde, stellete ich

auch zwo Gastereien, die eine zwar vor die Offizierer und die andere

vor die vornehmsten Bürger, an, dadurch ich mir bei beiden Teilen

Gunst und einen Zutritt vermittelte, weil ich kostbar auftragen ließ.

Es war mir aber alles nur um die lieben Jungfern zu tun. Und obgleich

ich bei einer oder der andern nicht fand, was ich suchte, so ging ich

gleichwohl allerweg zu ihnen als zu andern, daß alle glauben sollten,

daß ich mich bei den andern auch nur Diskurs halber aufhielte. Ich

hatte gerade sechs und sie hinwiederum mich, doch hatte keine mein Herz

gar und mich allein.

Mein Jung, der ein Erzschelm war, hatte genug zu tun mit Kupplen und

Buhlenbrieflein hin und wider tragen und wußte reinen Mund zu halten.

Davon bekam er von den Schleppsäcken einen Haufen ~Favor~, so mich aber

am meisten kostete. Was mit Trommeln gewonnen wird, gehet mit Pfeifen

dahin.

Ich hielt meine Sachen so geheim, daß mich kaum einer vor einen Buhler

halten konnte, ausgenommen der Pfarrer, bei dem ich nicht mehr so viel

geistliche Bücher entlehnte.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 48 / 78 题