Ich hatte in Soest einen Knecht, der war mir über alle Maßen getreu,
weil ich ihm viel Gutes tät. Dahero sattelte er meine Pferde und ritt
dem Trommelschlager, der mich abholen sollte, ein gut Stück Weges
von Soest entgegen. Er begegnete ihm mit den Gefangenen und hatte
mein bestes Kleid aufgepackt, dann er vermeinete, ich wäre ausgezogen
worden. Da er mich aber nicht sahe, sondern vernahm, daß ich bei dem
Gegenteil Dienste anzunehmen aufgehalten werde, gab er den Pferden die
Sporen und sagte: »Adieu Tampour und Ihr, Korporal, wo mein Herr ist,
da will ich auch sein.«
Ging also durch und kam zu mir, eben als mich der Kommandant ledig
gesprochen hatte und mir große Ehre antät. Der priese mich glücklich,
wegen meines Knechtes Treue, verwunderte sich auch, daß ein so junger
Kerl wie ich, so schöne Pferde vermögen und so wohl montiert sein
sollte. Lobte auch das eine Pferd so trefflich, daß ich gleich merkte,
er hätte mirs gerne abgekauft. Weil er es mir aber aus ~Discretion~
nicht feil machte, sagte ich, wann ich die Ehre begehren dörfte, daß
ers von meinetwegen behalten wollte, so stünde es zu seinen Diensten.
Er schlugs aber rund ab, dieweil ich einen ziemlichen Rausch hatte, und
er die Nachrede scheute, daß er einem Trunkenen etwas abgeschwätzt, so
dem vielleicht nüchtern reuen möchte, also daß er des edlen Pferdes
gern gemangelt.
Des Morgens frühe anatomierte ich meinen Sattel und ließ mein bestes
Pferd vor des Obristen Quartier bringen. Ich sagte ihm, er wolle
belieben gegenwärtigen Soldatenklepper einen Platz unter den seinigen
zu gönnen, indem mir mein Pferd allhier nichts nütz, und solches von
mir als Zeichen dankbarer Erkanntnus vor empfangene Gnaden unschwer
annehmen. Der Obrister bedankte sich mit großer Höflichkeit und
sehr courtoisen Offerten, schickte mir auch denselbigen Nachmittag
seinen Hofmeister mit einem gemästeten lebendigen Ochsen, zwei fetten
Schweinen, einer Tonne Wein, vier Tonnen Bier, zwölf Fuder Brennholz,
welches er mir vor mein neu Losament, das mir mein Knecht erkundet und
ich auf ein Halbjahr bestellet hatte, bringen und sagen ließ, weil er
sich leicht einbilden könnte, es sei im Anfang vor mich mit Viktualien
schlecht bestellet, so schicke er mir zur Haussteuer eben einen Trunk,
ein Stück Fleisch mitsamt dem Kochholz. Ich bedankte mich so höflich
als ich konnte, verehrete dem Hofmeister zwo Dukaten und bat ihn, mich
seinem Herrn bestens zu rekommendieren.
Ich gedachte mir aber auch durch meinen Knecht bei dem gemeinen Mann
ein gutes Lob zu machen, damit man mich vor keinen kahlen Bernheuter
hielte. Ließ derowegen in Gegenwart meines Hauswirtes meinen Knecht vor
mich kommen, zu demselben sagte ich:
»Lieber Niklas, du hast mir mehr Treue erwiesen, als ein Herr seinem
Knecht zumuten darf, nun aber, da ich selbst keinen Herren habe, daß
ich etwas erobern könnte, dich zu belohnen, so gedenke ich keinen
Knecht mehr zu halten. Ich gebe dir hiemit vor deinen Lohn das andere
Pferd, samt Sattel-Zeug und Pistolen, mit Bitte, du wollest damit
vorlieb nehmen und dir vor diesmal einen andern Herren suchen. Kann ich
dir ins Künftige in etwas bedienet sein, so magst du jederzeit mich
darum ersuchen.«
Hierauf küßte er mir die Hände und konnte vor Weinen schier nicht
reden, wollte auch durchaus das Pferd nicht haben bis ich ihm
versprochen, ihn wieder in Dienst zu nehmen, sobald ich jemand brauche.
Über diesem Abschied ward mein Hausvater so mitleidig, daß ihm auch die
Augen übergingen. Und gleichwie mich mein Knecht bei der Soldateska, so
erhub mich der Hausvater bei der Bürgerschaft mit großem Lob über alle
schwangere Bauren. Der Kommandant aber hielt mich vor einen resoluten
Kerl, daß er auch getraute Schlösser auf meine Parole zu bauen.
Ich glaube es ist kein Mensch in der Welt, der nicht einen Hasen im
Busen habe, dann wir sind ja alle einerlei Gemächts und ich kann bei
meinen Birnen wohl merken, wann andere zeitig sein. »Hui, Geck,« möcht
mir da einer antworten, »wann du ein Narr bist, meinest du darum
andre seien es auch?« -- »Nein, das sage ich nicht, dann es wäre
zuviel geredt, aber dies halte ich davor, daß einer den Narren besser
verbirgt als der ander.« Es ist einer darum kein Narr, wann schon er
närrische Einfälle hat, dann wir haben in der Jugend gemeiniglich alle
dergleichen. Welcher aber seinen Narren hinausläßt, wird vor einen
gehalten, weil teils etliche ihn gar nicht andere aber nur halb sehen
lassen. Welche den ihren gar unterdrücken sein rechte Saurtöpfe. Ich
halte vor die besten und verständigsten Leute, die den Ihren nach Zeit
und Gelegenheit bisweilen ein wenig mit den Ohren fürragen und Atem
schöpfen lassen, damit er nicht gar bei ihnen ersticke. Den Meinen ließ
ich mir zu weit heraus, da ich mich in einem so freien Stand sahe,
maßen ich einen Jungen annahm, den ich als Edelpagen kleidete, und zwar
in die Farben Veigelbraun und Gelb. Derselbe mußte mir aufwarten, als
wann ich ein Freiherr wäre.
Dies war die erste Torheit, die ich in der Stadt beging, sie ward aber
von niemand getadelt. Die Welt ist der Narreteien so voll, daß sie
keiner mehr achtet, noch selbige verlacht oder sich darüber verwundert;
sie ist deren gewohnt.
Ich dingte mich und meinen Jungen bei meinem Hausvater in die Kost und
gab ihm an Bezahlung auf Abschlag, was mir der Kommandant verehret
hatte. Zum Getränk aber mußte mein Jung den Schlüssel haben, weil ich
denen, die mich besuchten, gern davon mitteilete. Sintemalen ich weder
Bürger noch Soldat war, hielt ich mich zu beiden Teilen und bekam
dahero Kameraden genug, die ich ungetränkt nicht bei mir ließ.
Der Stadtorganist, zu dem ich Kundschaft erhielt, lehrete mich, wie
ich komponieren sollte, ~item~ auf dem Instrument besser schlagen, als
auch auf der Harfe; ohn das war ich auf der Lauten ein Meister. Wann
ich dann satt hatte am Musicieren, ließ ich meinen Kürschner kommen,
der mich im Paradeis in allen Gewehren unterwiesen, mit dem exerzierte
ich mich, um noch perfecter zu werden. So erlangete ich auch beim
Kommandanten, daß er mich von einem Constablen die Büchsenmeisterkunst
und etwas mit dem Feuerwerk umzugehen lernte. Im übrigen hielt ich
mich sehr still, also daß sich die Leute verwunderten, weil ich auch
viel über den Büchern saß wie ein Student, da ich doch Raubens und
Blutvergießens gewohnt gewesen.
Mein Hausvater war des Kommandanten Spürhund und mein Hüter, maßen
ich merkte, daß er all mein Tun und Lassen demselben hinterbrachte.
Doch ich gedachte des Kriegswesens kein einziges Mal, und wann man
davon redete, tät ich, als ob ich niemals kein Soldat gewesen. Zwar
wünschte ich, daß meine sechs Monate bald herum wären, es konnte aber
niemand abnehmen, welchem Teil ich alsdann dienen wollte. Sooft ich dem
Obristen aufwartete, behielt er mich bei seiner Tafel, da setzte es
zuweilen solche Diskurse, dadurch mein Vorsatz ausgeholt werden sollte,
ich antwortete aber jederzeit vorsichtig.
»Wie stehet es, Jäger, wollet Ihr noch nicht schwedisch werden? Gestern
ist ein Fähnrich gestorben.«
»Herr Obrister, stehet doch einem Weib wohl an, wann sie nach ihres
Mannes Tod nicht gleich wieder heuratet, warum sollte ich mich dann
nicht sechs Monate gedulden?«
Kriegte gleichwohl des Obristen Gunst je länger, je mehr, so daß er
mich in und außerhalb der Festung herumspatzieren, ja, endlich den
Hasen, Feldhühnern und Vögeln nachstellen ließ. Darum leget ich mir
ein schlicht Jägerkleid bei, in demselben strich ich des Nachts in das
Soestische und holet meine verborgenen Schätze hin und wieder zusammen,
schleppte solche in die Festung und ließ mich an, als ob ich ewig bei
den Schweden wohnen wollte.
Da stieß einmal die Wahrsagerin von Soest zu mir, die mich erkannte.
»Ich versichre dich, es war dein Glück,« sagte sie, »daß du gefangen
worden. Einige Kerle, welche dir den Tod geschworen, weil du ihnen bist
beim Frauenzimmer vorgezogen worden, hätten dich auf der Jagd erwürgt.«
Ich antwortete: »Wie kann jemand mit mir eifern, da ich doch dem
Frauenzimmer nichts nachfrage?«
»Du wirst des Sinnes nicht bleiben, sonst wird dich das Frauenzimmer
mit Spott und Schande zum Lande hinausjagen. Ich schwöre dir, daß sie
dich nur gar zu lieb haben und daß dir solche übermachte Liebe zum
Schaden gereichen wird, wann du dich nicht accommodierst.«
Ich fragte sie, wann sie ja so viel wüßte, so sollte sie mir davon
sagen, wie es mit meinen Eltern stünde und ob ich sie mein Lebtag
wieder zu sehen bekommen würde, sie sollte aber fein deutsch mit der
Sprache heraus.
Darauf sagte sie, ich sollte alsdann nach den Eltern fragen, wann
mir mein Pflegvater unversehens begegnen würde und führete meiner
Säugeammen Tochter am Strick daher. -- Lachte darauf überlaut und
machte sich geschwind von mir.
Ich hatte damals ein schön Stück Geld und viel köstliche Ringe und
Kleinodien beieinander. Solches schriee mich immerzu an, es wollte gar
gern wieder unter die Leute. Ich folgte auch, dann weil ich ziemlich
hoffärtig war, prangte ich mit meinem Gut und ließ solches meinen Wirt
sehen, der bei den Leuten mehr daraus machte, als es war.
Mein Vorsatz, die Büchsenmeisterei und Fechtkunst in diesen sechs
Monaten zu lernen, war gut und ich begriffs auch. Aber es war nicht
genug, mich vor Müßiggang allerdings zu behüten, vornehmlich weil
niemand war, der mir zu gebieten hatte. Ich saß zwar auch emsig über
allerhand Büchern, aus denen ich viel Gutes lernete, es kamen mir aber
auch teils unter die Hände, die mir wie dem Hund das Gras gesegnet
wurden. Die unvergleichliche ~Arcadia~, daraus ich die Wohlredenheit
lernen wollte, war das erste Stück, das mich von den rechten Historien
zu den Liebe-Büchern und von den wahrhaften Geschichten zu den
Heldengedichten zog. Solcherlei Gattung brachte ich zuwege, wo ich
konnte, und wann mir eins zuteil ward, hörete ich nicht auf, bis ichs
durchgelesen und sollte Tag und Nacht darüber gesessen sein. Diese
lerneten mich statt wohlreden mit der Leimstange laufen, doch war
dieser Mangel damals vor mich keine Ursach zu klagen, dann wo meine
Liebe hinfiel, erhielt ich ohn sonderbare Mühe, was ich begehrete,
und ich brauchet nicht wie andere Buhler und Leimstängler voller
phantastischer Gedanken, Begierden, heimlich Leiden, Zorn, Eifer,
Rachgier, Weinen, Protzen und dergleichen tausendfältigen Torheiten
stecken und mir vor Ungeduld den Tod zu wünschen.
Ich hatte Geld und ließ mich dasselbe nicht dauren, überdas eine
gute Stimme, übete mich stetig auf allerhand Instrumenten, wiese die
Geradheit meines Leibes, wann ich mit meinem Kürschner focht. So hatte
ich auch einen trefflich glatten Spiegel und gewöhnte mich zu einer
freundlichen Lieblichkeit, also daß mir das Frauenzimmer von selbst
nachlief.
Um dieselbige Zeit fiel Martini ein, da fängt bei uns Deutschen das
Fressen und Saufen an und währet teils bis in die Fastnacht. Da ward
ich an unterschiedliche Örter, sowohl bei Offizierern als Bürgern, die
Martinsgans verzehren zu helfen, eingeladen. Bei solchen Gelegenheiten
kam ich mit den Frauenzimmern in Kundschaft. Meine Laute und Gesang,
die zwangen eine jede mich anzuschauen, und wann sie mich also
betrachteten, wußte ich zu meinen neuen Buhlenliedern, die ich selber
machte, so anmutige Blicke und Gebärden hervorzubringen, daß sich
manches hübsche Mägdlein darüber vernarrete und mir unversehens hold
ward.
Und damit ich nicht vor einen Hungerleider gehalten wurde, stellete ich
auch zwo Gastereien, die eine zwar vor die Offizierer und die andere
vor die vornehmsten Bürger, an, dadurch ich mir bei beiden Teilen
Gunst und einen Zutritt vermittelte, weil ich kostbar auftragen ließ.
Es war mir aber alles nur um die lieben Jungfern zu tun. Und obgleich
ich bei einer oder der andern nicht fand, was ich suchte, so ging ich
gleichwohl allerweg zu ihnen als zu andern, daß alle glauben sollten,
daß ich mich bei den andern auch nur Diskurs halber aufhielte. Ich
hatte gerade sechs und sie hinwiederum mich, doch hatte keine mein Herz
gar und mich allein.
Mein Jung, der ein Erzschelm war, hatte genug zu tun mit Kupplen und
Buhlenbrieflein hin und wider tragen und wußte reinen Mund zu halten.
Davon bekam er von den Schleppsäcken einen Haufen ~Favor~, so mich aber
am meisten kostete. Was mit Trommeln gewonnen wird, gehet mit Pfeifen
dahin.
Ich hielt meine Sachen so geheim, daß mich kaum einer vor einen Buhler
halten konnte, ausgenommen der Pfarrer, bei dem ich nicht mehr so viel
geistliche Bücher entlehnte.