Das siebente Kapitel

Auf dem Zurückweg machte ich mir allerhand Gedanken, wie ich mich

ins Künftige halten wollte, damit ich doch jedermanns Gunst erlangen

möchte, dann Spring-ins-Feld hatte mir einen Floh ins Ohr gesetzt

und mich zu glauben persuadieret, als ob mich jedermann neide. Ich

verwunderte mich, daß alle Welt so falsch sei, mir lauter gute

Wort gebe und mich doch nicht liebe. Derowegen gedachte ich mich

anzustellen wie die andern und zu reden, was jedem gefiele, auch jedem

mit Ehrerbietung zu begegnen, obschon es mir nicht ums Herz wäre.

Vornehmlich aber merkte ich klar, daß meine eigene Hoffart mich mit

den meisten Feinden beladen hatte, deswegen wollte ich mich fürder

demütig stellen, obschon ichs nicht sei, mit den gemeinen Kerlen wieder

unten und oben liegen, vor den Höheren aber den Hut in Händen tragen,

mich der Kleiderpracht enthalten, bis ich etwan meinen Stand änderte.

Ich hatte mir von meinem Kaufmann in Köln hundert Taler geben lassen,

dieselben gedachte ich unterwegs dem ~Convoi~ halb zu verspendieren.

Solcher Gestalt war ich entschlossen, mich zu ändern und auf diesem Weg

schon den Anfang zu machen. Ich machte aber die Zeche ohn dem Wirt.

Da wir durch das bergische Land passieren wollten, lauerten uns an

einem sehr vortelhaften Ort 80 Feuerröhrer und 50 Reuter auf, eben als

ich selbfünft mit einem Korporal geschickt ward voran zu reuten. Der

Feind hielt sich still, als wir in seinen Halt kamen, ließ uns auch

passieren, damit der ~Convoi~ nicht gewarnet würde, bis er auch in

die Enge käme. Da wir den Hinterhalt merkten und umkehrten, gingen

sie beiderseits los und fragten, ob wir Quartier wollten. Ich hatte

mein bestes Roß unter mir, schwang mich herum auf eine kleine Ebene,

zu sehen, ob da Ehre einzulegen sei, indessen hörete ich stracks an

der Salve, welche die Unsrigen empfingen, was die Glocke geschlagen,

trachtete derowegen nach der Flucht, aber ein Kornet hatte uns den Paß

abgeschnitten. Indem ich mich durchhauen wollte, bot er mir, weil er

mich vor einen Offizier ansahe, nochmals Quartier an, und ich besann

mich, das Leben davon zu bringen.

Also präsentierte ich ihm den Degen. Er fragte mich, was ich vor einer

sei, er sehe mich vor einen Edelmann und Offizier an. Da ich ihm

antwortete, ich werde der Jäger von Soest genannt, sagte er: »Da hat Er

gut Glück, daß Er uns nicht vor vier Wochen in die Hände geraten, dann

zur selben Zeit hätte ich Ihm kein Quartier halten können, dieweil man

Ihn bei uns vor einen offentlichen Zauberer gehalten hat.«

Dieser Kornet war ein tapferer, junger Kavalier, es freuete ihn

trefflich, daß er die Ehre hatte, den berühmten Jäger gefangen zu

haben, deswegen hielt er mir das versprochene Quartier sehr ehrlich

und auf holländisch, deren Brauch ist, den gefangenen Feinden von dem,

was der Gürtel beschleußt, nichts zu nehmen. Da es an ein Parten ging,

sagete ich ihm heimlich, er sollte sehen, daß ihm mein Pferd, Sattel

und Zeug zuteil würde, dann im Sattel dreißig Dukaten seien und das

Pferd ohndas seinesgleichen schwerlich hätte. Davon ward mir der Kornet

so hold, als ob ich sein leiblicher Bruder wäre, er saß auch gleich auf

mein Pferd und ließ mich auf dem seinigen reuten.

Schweden und Hessen gingen noch am selbigen Abend in ihre

unterschiedlichen Guarnisonen mit ihrer Beute und den Gefangenen.

Mich und den Korporal samt noch dreien Dragonern behielt der Kornet

und führet uns in eine Festung, die nicht gar zwei Meilen von unserer

Guarnison lag. Und weil ich hiebevor demselben Ort viel Dampfs angetan,

war mein Name daselbst wohl bekannt, ich selber aber mehr geförcht als

geliebt. Der Kornet schickte einen Reuter voran, dem Kommandanten zu

verkünden, wie es abgeloffen und wen er gefangen brächte. Davon gab

es ein Geläuf in der Stadt, das nit auszusagen, weil jeder den Jäger

gern sehen wollte, und war nicht anders anzusehen, als ob ein großer

Potentat seinen Einzug gehalten hätte.

Wir wurden zum Gewaltiger geführt, doch ward es dem Kornet erlaubt, uns

zu gastieren, weil ich hiebevor meinen Gefangenen, darunter sich des

Kornets Bruder befunden, auch solcher Gestalt diskret begegnet war.

Da nun der Abend kam, fanden sich unterschiedlich Offizierer, sowohl

Soldaten von Fortun, als geborenen Kavaliers ein, und ich ward, die

Wahrheit zu bekennen, von ihnen überaus höflich traktiert. Ich machte

mich so lustig, als ob ich nichts verloren gehabt, und ließ mich so

vertreulich und offenherzig vernehmen, als ob ich nicht in Feindeshand,

sondern bei meinen besten Freunden wäre. Dabei beflisse ich mich

der Bescheidenheit, dann ich konnte mir leicht einbilden, daß dem

Kommandanten mein Verhalten notifiziert würde.

Den andern Tag wurden wir Gefangenen von dem Regimentsschulzen

examiniert. Sobald ich in den Saal trat, verwunderte er sich über meine

Jugend und sagte: »Mein Kind, was hat dir der Schwede getan, daß du

wider ihn kriegest?«

Das verdroß mich, antwortete derhalben: »Die schwedischen Krieger

haben mir meine Schnellküglein und mein Steckenpferd genommen, die

wollte ich gern wieder haben.«

Da ich ihn so bezahlete, schämten sich seine beisitzenden Offizierer,

maßen einer auf Latein sagte, er solle von ernstlichen Sachen mit

mir reden, er hätte kein Kind vor sich, und ich merkte dabei, daß

er Eusebius hieße. Darauf fragte er mich nach meinem Namen, und als

ich ihn genannt, sagte er: »Es ist kein Teufel in der Hölle, der

~Simplicissimus~ heißet.«

Ich antwortete, so sei auch vermutlich keiner in der Höllen, der

Eusebius hieße, was aber von den Offizierern nicht am besten

aufgenommen ward, dann sie erinnerten mich, daß ich ihr Gefangener sei

und nicht scherzenshalber wäre hergeholet worden.

Ich ward dieses Verweises wegen darum nicht rot, bat auch nicht um

Verzeihung, sondern gab zurück, weil sie mich vor einen Soldaten

gefangen hielten und nicht vor ein Kind wieder laufen lassen würden, so

hätte ich mich nicht versehen, als ein Kind gefoppt zu werden. Wie man

mich gefraget, so hätte ich geantwortet.

Darauf ward ich um mein Vaterland, Herkommen, Geburt examiniert,

vornehmlich aber ob ich auf schwedischer Seite gedienet hätte, ~item~

wie es in Soest beschaffen. Ich antwortete auf alles behend, wegen

Soest und selbiger Guarnison aber soviel, als ich zu verantworten

getrauet.

Indessen erfuhr man zu Soest, wie es mit dem ~Convoi~ abgeloffen,

derhalben kam gleich am andern Tag ein Trommelschläger, uns abzuholen.

Dem wurden der Korporal und die andern drei ausgefolgt und ein

Schreiben mitgegeben, das mir der Kommandant zu lesen überschickte.

»Monsieur etc. Auf Ihr Schreiben schicke ich gegen empfangene Ranzion

den Korporal samt den übrigen drei Gefangenen. Was aber ~Simplicium~,

den Jäger, anbelanget, kann selbiger, weil er hiebevor auf dieser

Seite gedienet, nicht hinübergelassen werden. -- Kann ich aber dem

Herren im übrigen außerhalb Herrenpflichten in etwas bedienet sein, so

hat derselbe in mir einen willigen Diener, als der ich soweit bin und

verbleibe dem Herren dienstwilliger

~N. de S. A.~«

Dieses Schreiben gefiel mir nicht halb und ich mußte mich doch für die

Mitteilung bedanken. Ich begehrete mit dem Kommandanten zu reden, bekam

aber zur Antwort, daß er schon selbst nach mir schicken würde.

Das geschahe und mir widerfuhr das erste Mal die Ehre, an seiner

Tafel zu sitzen. Solang man aß, ließ er mir mit dem Trunk zusprechen,

gedachte aber weder klein noch groß von demjenigen, was er mit mir

vorhatte. Demnach man abgegessen und nur ein ziemlicher Dummel

aufgehängt war, sagte er: »Lieber Jäger, Ihr habet aus meinem Schreiben

verstanden, unter was vor ein ~Prätext~ ich Euch hier behalte. Ich

habe nichts vor, das wider ~Raison~ oder Kriegsbrauch wäre. Ihr

habet selbst gestanden, daß Ihr hiebevor auf unserer Seite bei der

Hauptarmee gedienet, werdet Euch derhalben resolvieren müssen, unter

meinem Regiment Dienst zu nehmen. So will ich Euch mit der Zeit

dergestalt accommodieren, dergleichen Ihr bei der kaiserlichen Armee

nimmer hättet hoffen dörfen. Widrigen Falls ich Euch wieder demjenigen

Obrist-Leutenant überschicke, welchen Euch die kaiserlichen Dragoner

abgefangen haben.«

Ich antwortete: »Hochgeehrter Herr Obrister (dann damals war noch

nicht Brauch, daß man Soldaten von Fortun »Ihr Gnaden« titulierte) ich

hoffe, weil ich weder der Krone Schweden noch deren Konföderierten,

viel weniger dem Obrist-Leutenant niemalen mit Eid verpflichtet,

sondern nur ein Pferdejung gewesen, daß dannenhero ich nicht verbunden

sei, schwedische Dienste anzunehmen und dadurch den Eid zu brechen, den

ich dem römischen Kaiser geschworen, derowegen ich hochgeboren Herrn

Obristen allergehorsamst bitte, er beliebe mich dieser Zumutung zu

überheben.«

»Was, verachtet Ihr dann schwedische Dienste? Eh' ich Euch wieder nach

Soest lasse, dem Gegenteil zu dienen, eh' will ich Euch einen andern

Proceß weisen oder im Gefängnus verderben lassen.«

Ich erschrak zwar über diese Worte, gab mich aber doch nicht, sondern

antwortete: Gott wolle mich vor solcher Verachtung sowohl als vor dem

Meineid behüten. Im übrigen stünde ich in untertäniger Hoffnung, der

Herr Obrist würde mich seiner weitgerühmten ~Discretion~ nach, wie

einen Soldaten traktieren.

»Ja,« sagte er, »ich wüßte wohl, wie ich Euch traktieren könnte. Aber

bedenkt Euch besser.«

Darauf ward ich wieder ins Stockhaus geführet und jedermann kann

unschwer erachten, daß ich dieselbige Nacht nicht viel geschlafen.

Den Morgen aber kamen etliche Offizierer mit dem Kornet unter Schein,

mir die Zeit zu kürzen, in Wahrheit aber mir weis zu machen, als ob

der Obrist gesinnet wäre, mir als einem Zauberer den Proceß machen

zu lassen, sofern ich mich nicht anders bequemen würde. Wollten mich

also erschröcken und sehen, was hinter mir stecke, weil ich mich aber

meines guten Gewissens getröstete, nahm ich alles gar kaltsinnig an

und redete nicht viel. Ich merkte wohl, daß es dem Obristen um nichts

andres zu tun war, als daß er mich ungern in Soest sahe. Er konnte sich

leicht einbilden, daß ich den Ort wohl nicht verlassen würde, weil ich

meine Beförderung dort erhoffte, zwei schöne Pferde und sonst köstliche

Sachen allda hatte.

Den folgenden Tag ließ er mich wieder zu sich kommen, und fragte, ob

ich mich auf ein und anders resolviert hätte.

Ich antwortete: »Dies Herr Obrister, ist mein Entschluß, daß ich eh'

sterben, als meineidig werden will. Wann aber mein hochgeboren Herr

Obrister mich auf freien Fuß zu stellen und mit keinen Kriegsdiensten

zu belegen belieben wird, so will ich dem Herrn Obristen mit Herz, Mund

und Hand versprechen, in sechs Monaten keine Waffen wider Schwed- und

Hessische zu tragen.«

Solches ließ er sich stracks gefallen, bot mir die Hand und schenkte

mir zugleich die Ranzion, befahl auch dem ~Secretär~, daß er einen

Revers ~in duplo~ aufsetze, den wir beide unterschrieben. Ich

reversierte neben obigem Punkte, nichts Nachteiliges wider die

Guarnison und ihren Kommandanten praktizieren noch etwas zu Nachteil

und Schaden zu unternehmen, sondern deren Nutzen und Frommen zu fördern

und dieselbe defendieren zu helfen.

Hierauf behielt er mich wieder bei dem Mittagsimbiß und tät mir mehr

Ehre an, als ich von den Kaiserlichen mein Lebtag hätte hoffen dörfen.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 47 / 78 题